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04.06.2013
 

Wir wollen gleicher sein als andere!
Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin

Das ist ein Novum in Deutschland: Nach 600 Jahren Männerdominanz schwenkt die Uni Leipzig radikal um und setzt nur noch auf weibliche Bezeichnungen: Titel wie "Rektorin" und "Professorin" gelten künftig auch für Männer. "Jetzt läuft das mal andersrum", freut sich eine Befürworterin.

Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Oder doch: Besagte Befürworterin, Prof. Dr. Friederike Maier von der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) in Berlin, hält dieses Vorgehen für "Notwehr" (siehe hier).


Quelle: www.spiegel.de/unispiegel
Link: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/gleichberechtigung-uni-leipzig-nutzt-weibliche-bezeichnungen-a-903530.html

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Kommentare zu »Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin«
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Kommentar von MG, verfaßt am 04.06.2013 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1053

Wie beginnt man hier einen neuen Faden?

DAS hier

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/gleichberechtigung-uni-leipzig-nutzt-weibliche-bezeichnungen-a-903530-2.html

hat doch sicher eine eigene Rubrik verdient.

(Vielen Dank für den Hinweis, den die Redaktion, wie Sie sehen, gern aufgegriffen hat. Einen neuen Faden können Sie als registrierter Benutzer im Diskussionsforum beginnen. – Red.)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2013 um 15.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1054

Die Idee ist nicht neu und wäre nur ein Gähnen wert, wenn die Änderung nicht ein weiterer Schritt wäre, der die Kluft zwischen einer verordneten Sprache und der wirklich gesprochenen vergrößert. Es ist ja klar, daß wie bisher alle Texte, die verkauft und gelesen werden wollen, nicht mitziehen werden, also vor allem Zeitungen, Literatur, der allgemeine Sprachverkehr zwischen lebendigen Menschen. So verfestigt sich der Eindruck, daß "die da oben" ein ganz krauses, steuerfinanziertes Deutsch reden und offenbar unter sich bleiben wollen.

Erstaunlich, daß die Leipziger Akademiker erst jetzt darauf gekommen sind.

Schwierig wird es, bei Nichtbewährung oder besserer Einsicht (vielleicht ein wenig Sprachwissenschaft?) von dieser Regelung wieder herunterzukommen.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.06.2013 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1055

Jetzt können wir uns nicht mehr über die französische Anrede "Madame le ministre" belustigen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2013 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1056

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist es unvorstellbar, daß markierte Formen (die movierten Substantive) regelmäßig mit unmarkierten (neutralisierten) Bedeutungen verbunden werden. Das kann nur unter ständigem Zwang geschehen.

Das wissen die Veranstalter nicht, haben sich offenbar auch keinen Rat geholt. Oder es ist ihnen klar, aber gleichgültig, weil sie ja bereit zu sein scheinen, diesen ständigen Zwang auszuüben.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.06.2013 um 20.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1057

Eigentlich sollte den Regierenden bewußt werden, daß der Name "Reformierte Rechtschreibung" das allgemeine Wort "Reform" negativ vorbelegt. Ich schlage als zutreffenderen Namen "KuMi-Deutsch" vor, abgeleitet von "Kultusminister-Deutsch".

 

Kommentar von MG, verfaßt am 05.06.2013 um 20.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1058

Wozu sollte man sich über die französische Anrede "Madame le minister" belustigen? Sagt man denn bei uns nicht auch "Frau Minister"?

Ich schmunzle nur ob Bildungen wie "Frau Professorin Doktor Müller" (also einer Mischform) und auch über "Frau Professorin Doktorin Müller" (einer Form, bei der offenbar dreimal klargestellt werden muß, daß die betreffende Person wirklich weiblich ist).

Im Gegensatz zu Herrn Ickler bin ich nicht der Meinung, daß derlei Bildungen auf die Amtssprache beschränkt bleiben werden. Die Lesernleser und Zuhörernzuhörer haben es schon weit in die Alltagssprache geschafft, und auch das außerreformatorische Binnen-I verbreitet sich prächtig, selbst in Umfeldern, in denen sonst jedes Abweichen von der verordneten Schreibnorm mit inquisitorischem Furor verfolgt wird.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2013 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1059

Die Leipziger Rektorin Schücking und ihre Pressestelle versuchen die Öffentlichkeit zu beschwichtigen.

Grundordnung: Missverständnis in der Medienlandschaft

Da bei der umfangreichen Berichterstattung zur neuen Grundordnung der Universität ein klares Missverständnis zu Tage getreten ist, sei an dieser Stelle festgehalten: Der erweiterte Senat der Universität Leipzig hat beschlossen, in der Grundordnung – und nur in diesem Dokument – statt der üblichen, meist männlichen Form, in der sich die weibliche Schreibweise mit einer Fußnote begnügen muss – umgekehrt vorzugehen. Die entsprechende Fußnote lautet: „In dieser Ordnung gelten grammatisch feminine Personenbezeichnungen gleichermaßen für Personen männlichen und weiblichen Geschlechts. Männer können die Amts- und Funktionsbezeichnungen dieser Ordnung in grammatisch maskuliner Form führen.“

„Die Entscheidung des Senats weist damit darauf hin, dass Frauen heute die Majorität darstellen an der Universität Leipzig. Es ist erstaunlich, dass dieser weder logisch noch formal zu beanstandende Akt in einem Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind, auf so viel öffentliche Beachtung stößt. Das Echo weist im Grunde darauf hin, dass es trotz aller rechtlichen Regelungen noch erhebliche Defizite auf diesem Gebiet gibt“, sagt Rektorin Prof. Dr. med. Beate A. Schücking. „Da wird von vielen ein Missverständnis gesät, als ob die neue Grundordnung so furchtbar viel verändern würde. Zur Klarstellung möchte ich sagen, dass diese Neuerung auf den Alltag an der Universität und auf den universitären Sprachgebrauch keinerlei Auswirkungen haben wird.“

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat die Rektorin sich ausführlich zur Thematik geäußert: www.sueddeutsche.de.

Das Rektorat hat in seiner Sitzung am 2. Mai 2013 sein Einvernehmen zum Text der Grundordnung in der vom Erweiterten Senat am 16. April 2013 beschlossenen Fassung erklärt. Die Grundordnung tritt in Kraft, wenn das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst nicht innerhalb von vier Monaten aus Rechtsgründen eine Änderung fordert.

(Pressestelle 6.6.13)

Das zeigt noch einmal, wie unberaten der Senat und das Rektorat diesen Beschluß gefaßt haben: "weder logisch noch formal zu beanstanden" – das stimmt eben nicht. An der FU erwägt man ähnliches, jedenfalls ist die Frauenbeauftragte schon mal ziemlich begeistert. Das ist ihres überflüssigen Amtes.

 

Kommentar von sueddeutsche.de, 4. Juni 2013, verfaßt am 06.06.2013 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1060

Aus Herr Professor wird Herr Professorin

Die Uni Leipzig will als erste Hochschule in Deutschland für Professoren beider Geschlechter eine einheitliche Bezeichnung einführen. Künftig sollen auch männliche Dozenten als "Herr Professorin" tituliert werden. Ein Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung in der Wissenschaft?

Viele Universitäten bemühen sich seit Jahren, Männer und Frauen sprachlich gleich zu behandeln. Schreibweisen, die beide Geschlechter einschließen, sollen dafür sorgen, dass sich Frauen nicht diskriminiert fühlen. Die Universität Leipzig geht nun einen Schritt weiter.

In der neuen Hochschulverfassung sind nur noch weibliche Bezeichnungen vorgesehen - mit "Professorin" ist damit künftig auch ein Mann gemeint. Darauf hinweisen soll eine Fußnote. Spiegel Online hatte am Dienstag den Bericht über die Neuerung aus dem Magazin Duz übernommen.

Ein großes Hochschulgremium habe beschlossen, statt der üblichen Form - in der sich die weibliche Schreibweise mit einer Fußnote habe begnügen müssen - umgekehrt vorzugehen, sagte die Leipziger Hochschulrektorin Beate Schücking. Die neue Regelung verdeutliche, dass Frauen heute in der Universität in der Mehrheit seien.

Keine Auswirkung auf den Uni-Alltag

Dass Studenten ihre Professoren künftig mit "Herr Professorin" ansprechen müssen, schließt Schücking aber aus. Sie betonte, "dass diese Neuerung auf den Alltag an der Universität und auf den universitären Sprachgebrauch keinerlei Auswirkungen haben wird."

In Kraft getreten ist die neue Hochschulverfassung noch nicht. Das sächsische Wissenschaftsministerium als Aufsichtsbehörde hat noch einige Wochen Zeit, Änderungen an der Grundordnung zu fordern. Ministeriumssprecher Karltheodor Huttner kündigte aber bereits an, sein Haus werde die sprachliche Neuerung nicht beanstanden, weil diese der Autonomie der Uni unterliege. Zudem handele es sich mehr um eine "Geschmacks- als Rechtsfrage".

Ob die Sammelbezeichnung "Professorin" tatsächlich ein Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung in der Wissenschaft ist, halten Experten aber für fraglich. Der Gleichstellungsbeauftragte der Uni Leipzig, Georg Teichert, hält die Idee zwar grundsätzlich für interessant. "Sie ändert aber nichts an der tatsächlichen Diskriminierung von Frauen", sagte Teichert.

(www.sueddeutsche.de)

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 07.06.2013 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1061

Wäre auf die Reaktionen gespannt, wenn so eine Meldung am 1. April in der Zeitung stünde.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 07.06.2013 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1062

Zitat aus dem Interview: „Sie sind Gutachterin des Netzwerks Gender Equality and Employment der EU-Kommission.“ Sagt denn nicht schon der Titel dieses Netzwerks aus, daß hier mit Steuergeldern (!) heiße Luft nach wissenschaftlichen Kriterien 300mal umgewälzt wird? Ich warte nur noch darauf, daß in Zukunft auch Astrologie an Universitäten gelehrt wird. Viel fehlt ja nicht mehr.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2013 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1063

Es lag nahe, Luise Pusch zu dem Leipziger Vorfall zu befragen. Sie ist davon sehr angetan und holt auch ihre jahrzehntealten Vorschläge wieder hervor:

Ich habe schon immer ein Stufenmodell vorgeschlagen. Erst mal müssen wir die Frauen in die Sprache hineinbringen, am besten mit dem generischen Femininum, aber das Ziel sollte später die Abschaffung der Endung "-in" sein. Eine solche Ableitung der Feminina aus den Maskulina gibt es zum Beispiel im Englischen kaum. Nach der Abschaffung des "-in" wollen wir zweitens das Neutrum für Personenbezeichnungen einführen. Wir hätten dann "die, der und das Professor". Das "-in" brauchen wir zum Beispiel auch nicht bei "die Angestellte", "die Abgeordnete". Deswegen ist "die Angestellten" dann im Plural geschlechtsneutral. Es gibt ganz viele Personenbezeichnungen im Deutschen, die bereits so funktionieren.
Systematisch ist die Endung „-in“ also eigentlich nicht nötig. Für Personen, deren Geschlecht nicht feststeht und die im Singular benannt werden müssen, da haben wir dann – anders als beispielsweise in romanischen Sprachen – das Neutrum. Also: "Gesucht wird ein Professor, das sich in feministischer Theorie auskennt." Warum sollen wir das Neutrum nicht aktivieren für diesen Mitteilungszweck, über Personen zu reden, deren Geschlecht nicht vorher festgelegt werden soll. Also: Wer wird das nächste Bundespräsident?


Systematisch ist die ganze deutsche Sprache eigentlich nicht nötig. Eigenartigerweise gebraucht Pusch noch immer das wir, obwohl sie sich kaum noch auf einen feministischen Konsens berufen kann.

Tatsächlich haben wir ja in den letzten 30 Jahren in vielerlei Hinsicht auch Fortschritte gemacht. Es geht jetzt nicht mehr nur um vier Prozent Professorinnen wie zu der Zeit, als ich studiert habe, sondern es sind immerhin 19 Prozent. Das ist eine Verfünffachung. Aber wir sind noch längst nicht am Ziel einer 50:50-Quote. Aus Leipzig hören wir, dass es dort auch mehr Studentinnen als Studenten gibt. Allein das statistische Prinzip legt also nahe, von Studentinnen zu sprechen.

Glaubt irgend jemand, daß der Sprachfeminismus zur Steigerung des Frauenanteils an Hochschullehrern oder sonstwo beigetragen hat?

Anders als die naiven Leipziger Medizinerinnen usw. und auch als die Journalisten weiß Frau Pusch natürlich, daß das generische Maskulinum und die Neutralisierung nichts mit den Zahlenverhältnissen in irgendwelchen Institutionen zu haben. Es ist denkbar, daß in weiteren 50 Jahren mehr Frauen als Männer an den Hochschulen forschen und lehren (vgl. den Anteil an den Grundschullehrern, bald am Lehrberuf überhaupt), vielleicht schon wegen der schlechteren Bezahlung gegenüber der freien Wirtschaft oder wegen der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und das alles ohne Veränderung der patriarchalischen Sprache. Was dann?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2013 um 10.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1064

Professor Horst Simon, Sprachhistoriker an der FU, findet die Leipziger Regelung gut, nennt sich auch selbst "Linguistin" usw. Seine Ansichten sind sehr schlicht und voll im Trend. – Auszug aus einem Interview der PNN:

"Viele Leute bringt das Thema aber auf die Palme.
Das war ja auch bei der Rechtschreibreform so. Gerade Leute, die schon länger aus der Schule raus sind, mögen es nicht, wenn gut gelerntes Wissen entwertet wird und einem so Möglichkeiten genommen werden, sich von schlechter Gebildeten abzuheben. Beim feministischen Sprachgebrauch haben nun außerdem vor allem Männer Angst, dass ihre Pfründe verloren gehen. Das amüsiert mich."

Wie gesagt, schlicht.

"In unserem judeo-christlichen Weltbild ist der Standardmensch in der Tat der Mann, die Frau die nachgebildete Sonderform. Diese tradierte Asymmetrie ist dann auch die Ursache für das generische Maskulinum. Das ist in den allermeisten Gesellschaften nicht anders, die ebenfalls männerdominiert sind."

Das generische Maskulinum der indogermanischen Sprachen hat nichts mit Judentum und Christentum zu tun, und diese Religionen haben an der Sprachstruktur nichts geändert.

Er sagt dann noch mehr, aber da es vorhersagbar ist, lasse ich es weg.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 08.06.2013 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1065

"Das generische Maskulinum der indogermanischen Sprachen hat nichts mit Judentum und Christentum zu tun, und diese Religionen haben an der Sprachstruktur nichts geändert."
Nun, das zeigt doch, daß die Religion Feminismus – gelobt sei ihre Göttin! – stärker und allumfassender als Judentum und Christentum ist. Allerdings sehen ihre "theologischen" Grundlagen doch äußerst dürftig aus.
Und daß wir die Artikel des Deutschen erst in der Schule gelernt hätten: Kann man sich mit solchen wissenschaftlichen Erkenntnissen habilitieren?

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.06.2013 um 13.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1066

In den slawischen Sprachen gibt eine eigene Gruppe von maskulinen Substantiva mit der femininen Nominativ-Endung -a, die wie die femininen Substantiva auf -a dekliniert werden.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2013 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1067

Im Lateinischen doch auch: agricola usw. und die griechischen Lehnwörter wie nauta, die ihres griechischen Maskulinisierungs-s (neanias ist dort das Musterbeispiel) wieder entkleidet worden sind. Aber die Flexionsklassen hatten vom Indogermanischen her gar nichts mit dem Sexus zu tun; die Nomina der a-Klasse sind einfach Nomina agentis usw. Deshalb kann man eigentlich nicht sagen, es seien maskuline Substantive mit femininen Endungen.

 

Kommentar von Die Welt, 8. Juni 2013, verfaßt am 11.06.2013 um 20.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1071

Herr Professorin, was haben Sie sich dabei gedacht?

Die Universität Leipzig verwendet für Lehrer beider Geschlechter nur noch eine einheitliche Bezeichnung

Von Karl-Heinz Göttert

Was hat es doch die englische Sprache gut mit ihrem herrlichen Artikel, den es nur in einer einzigen Form gibt – als the. Also nichts mit unseren anstrengenden der, die, das, wovon zuletzt unsere Familienministerin so verwirrt war, dass sie Kindern die Gestalt Gottes mit neutralem Artikel vermitteln wollte. Was vielleicht nicht so schlimm gewesen wäre, wenn der neutrale wirklich neutral wäre und nicht, wie man in der Grundschule auch sagt, sächlich – also das heißt. Das Gott klingt weder neutral noch sächlich, sondern so furchtbar, dass neben gläubigen Christen auch eingefleischte Atheisten protestierten und am Niveau ihrer Volksvertreterin zweifeln ließen.

Und nun Herr Professorin. Die Uni Leipzig will als deutsche Hochschule für Professoren beider Geschlechter eine einheitliche Bezeichnung einführen. Künftig sollen auch männliche Dozenten als "Herr Professorin" tituliert werden.

Singen wir nochmals das Lob des Englischen. Es hat ja nicht nur diesen wunderbar friedensstiftenden einfachen Artikel, sie hat auch Substantive ohne eindeutiges Geschlecht. Wer in England seiner Frau sagt, er habe sich mit seiner Nachbarin getroffen, kann dies perfekt in einem neighbour verbergen, bei dem die Gattin an den Nachbarn denken soll.

Die Vorteile der Deutschsprecher halten sich hingegen in Grenzen, wenn man an die armen Deutschlerner denkt, die sich nicht nur die Substantive, sondern auch diese Artikel merken müssen. Was machen erst die Franzosen mit einem weiblichen Mond (la lune), dessen Geschlechtsumwandlung im Deutschen sie an unseren romantischen Fähigkeiten zweifeln lässt?

Und nun Herr Professorin.

Man kann die Aufregung in Deutschland über die falsche Grammatik verstehen, aber sie ist nicht das wirkliche Problem. Wer vom letzten Tag diesen Jahres spricht, verletzt grammatische Spielregeln meist ungerügt, obwohl dieser kein Adjektiv ist, sondern ein Demonstrativpronomen, das im Genitiv korrekt dieses heißt. Was diesen Jahres recht ist, müsste also Herr Professorin billig sein.

Ist es aber nicht. Denn da ist etwas anderes in uns berührt als die Frage der Korrektheit. Die Empörung sitzt tiefer, nicht im Verstand, mehr in der Seele, jedenfalls in dem Organ, das es mit Emotionen zu tun hat. Und nun muss ich es vorsichtig ausdrücken. Es geht um den Feminismus. Ist der gut oder schlecht? Quatsch! Aber es gibt Felder, auf denen der Feminismus gut oder schlecht war. Und nun lasse ich meinen Emotionen freien Lauf und sage: Auf dem Feld der Sprache war er manchmal komisch.

Die meisten werden sich noch gut daran erinnern, wie die ersten Beamten und Beamtinnen auftauchten. Gut so. Dann kamen die Bürger und Bürgerinnen, die die Politikerreden noch länger machen als ohnehin schon. Befriedigend so. Dann hörten wir von einem Vorschlag, den Werbespruch von der Frage an den Arzt oder Apotheker umzuformulieren in die nach dem Arzt oder der Ärztin oder dem Apotheker oder der Apothekerin.

Das reicht. Die deutsche Sprache ist eine schöne Sprache, auch mit ihren Artikeln und Substantiven, die das Geschlecht verraten. Wir sind bereit, dem Feminismus zu geben, was des Feminismus ist. Aber nicht die deutsche Sprache, wie wir sie mögen. Und wir mögen sie möglichst korrekt, möglichst so, wie die meisten anderen sie auch schön finden. Mit einem Herrn Professor und einer Frau Professorin, die wir – Chapeau! – den Feministinnen verdanken.

Am Anfang soll ein bloßer Scherz gestanden haben. Woran man wieder mal sehen kann, dass sich gut über Dinge scherzen lässt, die keinem weh tun. Aber wehe, wenn etwas zwickt oder zwackt.

Karl-Heinz Göttert ist Professor für Germanistik an der Universität Köln

(www.welt.de)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2013 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1073

Da an Herr Professorin nicht gedacht ist, verfehlt Göttert das Thema, nämlich die Frage nach einem generischen Femininum.

Auch verdanken wir die Professorin – weder die Sache noch das Wort – nicht den Feministinnen. Und diesen Jahres kann er sich sparen, das ist Sicks Domäne.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 12.06.2013 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1074

Zu "obwohl dieser kein Adjektiv ist, sondern ein Demonstrativpronomen": Im Grammatik-Duden wird "dieser/diese/dieses" zwar unter Prononem abgehandelt, aber in "Wer vom letzten Tag diesen Jahres spricht" ist dieses Wort kein Pronomen, sondern ein Adjektiv, denn es ist einem Substantiv "zu-geworfen". So jedenfalls verstehen meine Studenten, die nicht mit der Satzteilbezeichnung "Attribut" aufgewachsen sind, eher die Funktion dieses Wortes im Satz. Daß was pronominale Endungen hat, heißt noch lange nicht, daß es ein Pronomen ist. Und daß im Deutschen "diesen Jahres" überhaupt aufgekommen ist, erstaunt mich neben "(der Preis) deutschen Bieres und guten Weines" gar nicht, wo ja auch "eigentlich" eine andere Endung zu erwarten wäre, aber die schwache sich einbürgern konnte, weil eben der Fall des Substantivs hinreichend klar gekennzeichnet ist.
Besser wäre es gewesen — wenn man als Vertreter der Germanistik sich nun schon ins unterhaltende Feuilleton begibt ("Was vielleicht nicht so schlimm gewesen wäre, wenn der neutrale wirklich neutral wäre und nicht, wie man in der Grundschule auch sagt, sächlich") —, auf die durch zusammenfassende Bezeichnungen allzuleicht mögliche Verführung zu falschem Weiterdenken hinzuweisen. Aber dazu muß man die natürlich erst selbst mal klar erkennen.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.06.2013 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1081

Von einem für einen Sprachwissenschaftler merkwürdigen Sprachgefühl zeugt auch "Die meisten werden sich noch gut daran erinnern, wie die ersten Beamten und Beamtinnen auftauchten. Gut so." Im herkömmlichen Deutsch heißt es der Beamte, die Beamte, ein Beamter, eine Beamte". Wann kommen die Angestelltinnen, Beschuldigtinnen und Angeklagtinnen?

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.06.2013 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1083

"Der Beamte" ist vermutlich ein verkürztes Partizip Passiv von "beamten", mit einem Amt versehen, also "der Beamtete". Folglich auch "die Beamtete"

Daß die Endung "-e" aber nicht automatisch geschlechtsneutral ist, sieht man an "Kollege", "Zeuge" uva.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 14.06.2013 um 21.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1085

Ja, genau. Ausdrücke wie Beamter, Angestellter, Beschuldigter, oder, etwas anders konstruiert, Auszubildender sind ja eben keine Nomina agentis wie Richter, Lehrer, sondern Partizipien vom Feinsten: substantivierte, aber wie Adjektive flektierte Halbverben (können Objekte tragen: {Sie/Die Nachbarin} wird des Diebstahls beschuldigt <–> die des Diebstahls {Beschuldigte/beschuldigte Nachbarin}). Ähnlich, aber auf rein adjektivischer Basis der Weise. Die "Wirtschaftsweisinnen und -weisen" werden wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.
Echte Substantive wie Kollege (= lat. collega, zu lex, legere), Hirte (ein alter ja-Stamm zu Herde) oder Zeuge (zu ziehen, wer vom Gericht herangezogen wird) sind dagegen immer genusbestimmt und können legitim Feminina auf -in bilden.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.06.2013 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1086

Substantivierte Adjektive und Partizipien (Präsens- oder Perfekt-) enden bei vorangestelltem Artikel immer und für alle Geschlechter gleich auf "-e" (sg.) bzw. "-en" (Pl.), es gilt die schwache Adjektiv-Deklination. Wenn bei aus diesen abgeleiteten Substantiven das Adjektiv oder Partizip nicht mehr erkennbar ist, werden sie wie Substantive dekliniert, also nach Geschlecht unterschiedlich.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2013 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1087

Dekliniert werden sie stark oder schwach unter denselben Bedingungen wie attributive Adjektive: die Vernehmung Beschuldigter usw.

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 07.07.2013 um 06.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1099

Potsdam zieht nach, weil es sonst "Ärger von Feministinnen" gegeben hätte. Und der eigentliche Grund? "Die bislang durch die Genderisierung 'verhunzelten' Texte sollten wieder besser lesbar sein." (www.spiegel.de/unispiegel)

Eine psychiatrische Klinik erscheint im Vergleich dazu wie ein aufgeklärter Lesezirkel.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2013 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1100

Um sich dem informellen Zwang zur feministischen Linientreue zu entziehen, müßte man ein wenig Mut haben. Folglich wird es nicht geschehen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2013 um 21.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1101

Geschlechtergerechte Uni Potsdam

und

Ist das Gendern noch aufzuhalten? (Tagesspiegel)

sind nicht gerade passende Schlagzeilen zum Fall Potsdam und Leipzig. Denn das generische Femininum ist ja gerade kein Fall von Gendern.

 

Kommentar von B.Troffen, verfaßt am 08.07.2013 um 13.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1102

Ein wenig Mut? Denkbar wenig, drohen doch keine wirklichen Sanktionen. Weniger noch im Falle der R-Reform, doch selbst dort gebrichts den meisten an Courage. Schon im 18. Jh. hat mal jemand erkannt, daß nur allzu wenige ohne Leitung eines anderen Gebrauch machen vom eigenen Verstande. Das ist so geblieben. Fraktionsdisziplin in der Politik und Sprachregelungen in anderen Bereichen sorgen für Kontinuität auch unter denen, die Gehör finden und vielleicht sogar was bewegen könnten, gebräuchten sie ihren Verstand in der Öffentlichkeit.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.07.2013 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1103

Deshalb hat Rudolph Augstein sein Bundestags-Abgeordneten-Mandat ganz schnell wieder zurückgegeben.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.07.2013 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1104

Zu diesem Thema gab es heute früh gegen 8.20 Uhr im DLF ein Interview bzw. Streitgespräch "Zwischen Sprachvergewaltigung und Geschlechtergerechtigkeit" mit Doris Fay, Professorin der Uni Potsdam, und Alexander Kissler, Redakteur des "Cicero". Man kann es auf dradio.de noch nachlesen. Frau Fay sagte u. a. (ich zitiere nur ihre Worte, nicht die Rechtschreibung auf der DLF-Web-Seite):

"Das ist ein reines Schriftstück, was nur dazu dient, Verfahrensweisen zu regeln, aber nicht, sich im Alltag anzusprechen, so daß dies dem Individuum und seinem Geschlecht beziehungsweise ihrem Geschlecht immer gerecht wird."

Wie ich schon unter "Jede und jeder" (www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#15077) vermutete, die PC-Besessenen finden auch noch eine "Verbesserung" für die Deklination des neutralen Personalpronomens es, seiner, ihm, es.

 

Kommentar von Spiegel online, 24. April 2014 (Nachtrag), verfaßt am 21.08.2015 um 02.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1592

Gerechte Sprache an der Uni: Professix im Geschlechterkampf
Ein Interview von Oliver Trenkamp

Heißt es StudentInnen, Studierende oder Student_innen? An den Unis tobt ein Streit um gerechte Sprache. Lann Hornscheidt vom Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität schlägt eine neue Form vor: Studierx.


Zur Person

Lann Hornscheidt ist je nach Schreibweise Professorin, Profe_ssorin oder Professx für Gender Studies und skandinavistische Linguistik am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU Berlin. Sie und die AG Feministisch Sprachhandeln haben einen Leitfaden entwickelt, in dem es um antidiskriminierende Sprache geht.


SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Website stehen Sie als Professx Lann Hornscheidt. Ich war mir unsicher, wie ich Sie korrekt anspreche und habe es in meiner Interviewanfrage mit "Liebex" probiert.

Hornscheidt: "Hallo Lann Hornscheidt" wäre eine Möglichkeit gewesen. Wenn Sie mich aber ansprechen als eine Person, die eine Professur an der Uni hat, empfinde ich Professx als die angemessene Form. Verwenden Sie nur nicht Herr oder Frau.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Hornscheidt: Ich möchte mich in der Anrede nicht als Frau oder Mann identifiziert finden.

SPIEGEL ONLINE: Nie?

Hornscheidt: Nicht, wenn ich es mir aussuchen kann. Natürlich gibt es Zusammenhänge, in denen es Sinn macht, nach Frauen und Männern zu unterscheiden. In Deutschland ist rechtlich zum Beispiel gar kein anderer Status möglich - anders etwa als in Neuseeland. Aber ich identifiziere mich nicht mit der Zwei-Genderung. Ich kritisiere sie für ihre Normsetzungen und die Ausschlüsse, die dadurch geschaffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zusammen mit Ihrer AG einen Leitfaden verfasst, in dem es um geschlechtergerechte Sprache geht (hier als PDF). Als ich studiert habe, kam gerade der Gender-Unterstrich in Mode wie in Student_in, dann gab es den dynamischen Unterstrich, der irgendwo im Wort auftaucht wie in Stu_dentin. Sie schlagen jetzt unter anderem die X-Form vor - Studierx. Warum?

Hornscheidt: Alle anderen Sprachformen wie das Binnen-I in StudentInnen oder der Unterstrich in Student_innen sagen Folgendes: Es gibt Frauen und Männer und dazwischen vielleicht noch ein paar andere Leute. Die X-Form sagt erst mal nur: Da ist eine Person. Das könnte sprachlich viel grundlegender das Geschlecht als wichtige Kategorie in Frage stellen. Das X durchkreuzt herkömmliche Personenvorstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch Frauen und Männer.

Hornscheidt: Natürlich, in vielen Zusammenhängen ist es wichtig, sich darauf zu beziehen, dass es Frauen und Männer gibt. Das sind wirkungsmächtige soziale Kategorien. Es brächte überhaupt nichts, alle Texte in X-Form zu schreiben. Dann würden wir Machtverhältnisse wieder unsichtbar machen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir also über die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen berichten, ist es okay, über Männer und Frauen zu schreiben?

Hornscheidt: Richtig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den biologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern?

Hornscheidt: Auch in der Biologie können Sie keinen eindeutigen Schnitt machen. Bei welcher körperlichen Ausprägung fängt eine Frau an? Wo ein Mann? Das sind immer soziale Konstrukte. Aber um es ganz klar zu sagen: Es ist vollkommen in Ordnung, wenn sich Personen als Frauen oder Männer begreifen.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe es noch nicht ganz verstanden: Wann benutze ich die X-Form?

Hornscheidt: Wenn sich Personen zum Beispiel nicht als männlich oder weiblich verstehen und durch die tradierte Sprache nicht angesprochen fühlen. In meine Sprechstunde kommen zum Beispiel Studierx, die nicht mehr in Lehrveranstaltungen gehen, weil sie immer als Herr oder Frau Sowieso angesprochen werden und sich diskriminiert fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Sind das nicht nur Einzelfälle?

Hornscheidt: Nein, allein im letzten Semester haben sich zwölf Personen bei mir gemeldet, die sich diskriminiert fühlten. Es würde schon viel helfen, wenn zu Semesterbeginn gefragt würde, wie Personen angesprochen werden wollen - und dies dann respektiert und nicht hinterfragt würde.

SPIEGEL ONLINE: Ich finde die X-Form kompliziert und in Texten schwer lesbar.

Hornscheidt: Ich würde es immer wie -ix lesen, also "Professix" sprechen. Natürlich irritieren solche Formen, darum geht es ja. Überlieferte Normen in Frage zu stellen, das eigene Sprachhandeln zu hinterfragen und Sprache kreativer zu benutzen. Es ist der Versuch, etwas auszudrücken, das vorher nicht ausdrückbar war. Für Communitys, die sich nicht in der Zweier-Genderung wiederfinden, bedeuten solche Sprachformen eine große Erleichterung.

SPIEGEL ONLINE: Ich muss mich jetzt aber nicht Journalx nennen, der über Politikx für seine Lesx schreibt?

Hornscheidt: Nein, wir wollen niemandem etwas vorschreiben, keine neuen Regeln aufstellen. Wir sagen nicht: So soll es sein. Wir sagen: So kann es sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Personen sich Frau oder Mann nennen bzw. Professorin oder Professor. Wer sich aber in der Zweigeschlechtlichkeit nicht wiederfindet, soll ein anderes Angebot bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wir schreiben nach wie vor Studenten. Sollten wir das ändern?

Hornscheidt: Es wäre schon ein Gewinn, wenn Sie ab und zu wenigstens eine Unterstrichform verwenden. Es gibt unzählige Untersuchungen, die zeigen: Wer das Wort Studenten liest, denkt nur an Männer. So verfestigen sich Vorstellungen und Machstrukturen.

SPIEGEL ONLINE: Professx Hornscheidt, danke für das Gespräch.

(www.spiegel.de)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2015 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1593

Die sprachwissenschaftlichen Voraussetzungen der Genderpolitik sind teilweise fragwürdig, aber es ist schwer, darüber zu diskutieren, weil die persönliche Betroffenheit oft gegen ein vermeintlich überholtes Ideal von Objektivität geltend gemacht wird. Und Gender-Professuren, die sich ja stark vermehrt haben, sind nun einmal oft von Personen besetzt, die aus ihrer Betroffenheit einen Beruf gemacht haben.

Hornscheidt ist Mitverfasserin des "Leitfadens" der Arbeitsgruppe Feministisch Sprachhandeln. Während die Bereitschaft, sexuelle Zwischenformen anzuerkennen, erfreulicherweise gewachsen ist (man vergleiche auch den Umgang mit der Homosexualität deutscher Außenminister einst und jetzt), sind die Experimente mit sprachlichen Sonderformen größtenteils aussichtslos. Ihre Urheber sollten sich nicht so sehr wundern, wenn sie damit auf Ablehnung stoßen. Das gilt auch für Gutwillige, die eben einfach nicht die sexuelle Frage als so zentral empfinden, daß sie weder den Mund aufmachen noch in die Tastatur greifen möchten, ohne sich dem Gendern zu unterwerfen.

Aus dem "Leitfaden":

„Dynamischer Unterstrich

We_lche Mita_rbeiterin will denn i_hre nächste Fortbildung zu antidiskriminieren­der Lehre machen? Sie_r soll sich melden. Der Kurs ist bald voll.

Diese Form wird benutzt, um insbesondere in der schriftsprachlichen Verwendung kritisch auf zweigegenderte Formen, also die Vorstellung, es gäbe nur Frauen und Männer, zu verweisen und diese Vorstellung in Bewegung zu bringen.“

Nicht jeder, der das kritisiert, ist ein Faschist usw.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.08.2015 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=188#1594

Die Freiwilligkeit des Genderns, wo sie noch besteht (in österreichischen Amtsstuben ja nicht mehr), ist kein Trost. Wo jeder Satz ein Bekenntnis und zugleich eine volkspädagogische Maßnahme enthält, ist die Freiheit verloren. Man muß sich entscheiden.
Offizielles Gender mainstreaming macht die Verweigerung zum Akt offener Insubordination. Entsprechend bei der Rechtschreibreform.

 

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