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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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01.07.2011
 

Zur Fremdwortbildung
Teils klassisch, teils „barbarisch“

Der Zusammenhang seligieren und Selektion ist für heutige Deutsche nicht nachvollziehbar, sie bevorzugen die Verbform selegieren.
Manche Grammatiker sehen ein Wortbildungsverhältnis zwischen der unklassischen Intensivbildung selektieren und Selektion und wundern sich, daß es nicht Selektation heißt, wie affirmieren – Affirmation. Alle diese Wörter existieren längst und werden nicht neu gebildet, daher sind Betrachtungen über ihre Herleitung aus synchroner Sicht müßig.

Anders liegen die Dinge bei Adaption. aptatio ist belegt, adaptatio nicht, wäre aber klassisch möglich.

Adaption ist eine Verkürzung, auch in anderen Sprachen, z. B. im Englischen.

Mein Duden-Fremdwörterbuch 2005 trennt: A-daptation, a-däquat usw. – Das konnte natürlich nur in der Pleite enden.



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Kommentare zu »Zur Fremdwortbildung«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2017 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#35319

Die FAZ druckt in nichtreformierter Rechtschreibung einen längeren Beitrag von Sibylle Lewitscharoff über ihre Lektüre von Thomas Manns "Doktor Faustus". Dafür seien beide gelobt.
Lewitscharoff nennt Leverkühn zweimal "in sich verkapselt", was ja zutrifft, aber sie nennt ihn auch einen "Narzißten". Vielleicht meint sie "Autist"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2016 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#33897

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#22773

Maaz bescheinigt Merkel eine "narzisstische Störung". Dazu hätte Anne Will ihn nicht einladen müssen, denn das tut er ja bei jedem. Auch die Zeitungen haben gemerkt, daß dieser "Psychoanalytiker" selber auf die Couch gehört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2016 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#33769

Diagliederung (des Althochdeutschen usw.) – so etwas kann nur unseren Germanisten einfallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.05.2016 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#32621

Auch in Roger Willemsens "Hohem Haus" stoße ich auf den Pleonasmus narzisstische Kränkung und bin leicht verstimmt. Folgt man dem Verfasser gern in seinen genauen Beobachtungen, wenn auch nicht immer in seinen Meinungen, so sieht man doch nicht gern, daß ihm so gedankenloses Psychobabble unterläuft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2016 um 08.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#31518

Zum Zitat im vorigen Eintrag noch eine Bemerkung: Wenn ich auf einer Tagung einen Vortrag halte und Kollege Singer auch anwesend ist oder bei derselben Gelegenheit vorgetragen hat bzw. es noch tun wird, ist es angemessen, sich mit Herr Singer auf ihn zu beziehen. Dagegen in einem Buch oder, wie hier, einem Aufsatz wirkt das Herr ironisch-abwertend. Schwer zu erklären. Vielleicht muß man so denken: In Büchern geht es nicht um persönliche Beziehungen, daher sind auch Höflichkeitsmarkierungen nicht nötig. Professor Wolf Singer ist einfach Singer. Befindet man sich hingegen im selben Raum oder gesellschaftlichen Zusammenhang, tritt die Höflichkeitspragmatik in Kraft.
Es gibt aber Kreuzungen der Situationen und Gepflogenheiten. Professoren sagen manchmal auch Ickler meint..., wenn ich am selben Tisch sitze; dann hebt man die Rolle als Vertreter bestimmter Positionen und als Autor hervor und läßt die Rücksichtnahmen des bürgerlichen Lebens beiseite.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2016 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#31513

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#26126

„Herr Singer hat (in deutscher Sprache vor allem neben Gerhard Roth) gerade die Emotionalisierung der Neurowissenschaften immer wieder vorangetrieben, indem er sich an den Freudschen Selbstvermarktungseinfall von den drei großen Kränkungen, der kopernikanischen (Erde nicht im Zentrum des Weltalls), der darwinschen (Mensch nicht Krone der Schöpfung) und der freudschen (Mensch nicht Herr im Haus seiner Triebe) angeschlossen hat, um nun die neuronale Kränkung zu diagnostizieren.“ (Peter Janich) (Man beachte den Wechsel von Groß- und Kleinschreibung!)

Die komische Geschichte von Freuds "Drei Kränkungen" ist u. a. hier nachzulesen:

http://www.kraiker.de/Kraenkungen.htm
 
 

Kommentar von Gebißträger, verfaßt am 27.08.2015 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29793

Seit Jahren träume ich von einer Zahnpastamarke namens Dekadent.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.08.2015 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29788

Aus aktuellem Anlaß werde ich darauf aufmerksam, daß die Zahnpflegeprodukte der dm-Drogeriekette ("für sensible Beisserchen") Dontodent heißen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 09.08.2015 um 09.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29661

Zum Hinweis auf Seriösität: Ja, zugegeben, das kommt mir bekannt vor.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.08.2015 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29600

Sind "T-Mobile" eigentlich die Autos der Telekom?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2015 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29578

Mir geht es wie Herrn Metz. Auch gibt es Belege im Internet sowie eine Diskussion dazu. Aber, lieber Herr Wrase, vielleicht kommt ihnen ein anderes Beispiel nicht so küriös vor: Serösität.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.07.2015 um 20.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29577

Das erscheint mir küriös. Eine Küriösität.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 29.07.2015 um 20.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29576

Da macht wohl jeder andere Erfahrungen. Ich höre die Form mit ö sehr häufig.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.07.2015 um 19.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29575

Nervösität als Versuch einer neuen Ableitung? Das würde überzeugen, wenn man es ab und zu so hören würde. Es kommt mir aber nicht so vor, als hätte ich Nervösität schon einmal gehört.

Es könnte auch ein Tippfehler sein. Anstelle der Vokalbuchstaben a und o wird erstaunlich oft ä beziehungsweise ö getippt. Die Schreiber empfinden die Buchstaben offenbar als sehr ähnlich, so daß die Verwechslung schon mal bis in die Finger gelangt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2015 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29558

Für diese Sprachen gilt mehr oder weniger dasselbe. In Einzelfall kann man bei den schon fertig vorliegenden Fremdwörtern oft nicht sagen, in welcher Sprache das Muster für andere zuerst gebildet worden ist. In diesem Fall war deshalb der offensichtliche Versuch einer neuen Ableitung der Auslöser meiner Erinnerung. Wir "wissen" eben, daß die eine Bildeweise richtig ist und die andere nicht, unabhängig von den Entlehnungsverhältnissen und auch davon, daß im konkreten Fall nicht immer der ganze Weg gegangen worden ist.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.07.2015 um 19.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29557

Es gibt doch schon franz. "nervosité" und ital. "nervositá". Man braucht nur übersetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2015 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29556

Nervösität und Selbstzweifel (Überschrift FAZ online 27.7.15)

Der Versuch, zu nervös auf eigene Faust ein Substantiv zu bilden, ist nicht ganz gelungen. Üblicherweise geht man über die unmittelbare Quellsprache, hier Französisch, auf den lateinischen Stamm zurück. Man bildet als Zwischenstufe ein imaginäres nervositas und deutscht dies dann ein. (Natürlich kann das Verfahren analogisch abgekürzt werden.) Es ist also "Wortbildung in der Fremdsprache", nicht "deutsche Fremdwortbildung". Dabei spielt es keine Rolle, daß im Lateinischen nervosus etwas anderes hieß ("nervig, muskulös").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2015 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29448

Ähnlich in Mode wie der Narzißmus (und aus derselben Quelle) ist die Traumatisierung. Nicht daß es so etwas nicht gäbe (die Mediziner bleiben allerdings meistens beim ursprünglichen organischen Sinn des Wortes), aber es fällt doch auf, daß allein in den Hörfunknachrichten, insbesondere aber im "Interkulturellen Magazin", das Wort traumatisiert gefühlt täglich vorkommt, während es vor einigen Jahren praktisch unbekannt war.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.06.2015 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29277

Apropos Grexit: Schade, daß es hier keine Diskussion zu diesem Thema gibt. Ich bin fassungslos, daß momentan eine Wette kaum möglich zu sein scheint, ob Anfang der nächsten Woche (oder sogar schon am Wochenende) der Grexit festgestellt werden muß – oder eben nicht. Dabei sind doch die wichtigsten Rahmenbedingungen bekannt und die Pappenheimer auch. Es hätte mich zu sehr interessiert, wie die Diskutanten mit ihrer Welterfahrung hier tippen würden: Wird der Grexit jetzt unausweichlich sein? Oder wird man mit dem Euro weiterwursteln? Vielleicht muß ich mich an Nostradamus wenden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2015 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29168

Dagegen dürfte dem Kexit (Kirchenaustritt) kein Erfolg beschieden sein. Ein Grund ist, daß der erste Bestandteil sehr verkürzt und daher zu wenig charakteristisch ist

Gerade sehe ich, daß das Nickerchen zum Powernapping veredelt worden ist. Natürlich schließt sich wie bei anderen Sportarten eine Industrie an, die für die entsprechende Ausrüstung sorgt. Besonders sehenswert ist das Ostrich Pillow.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2015 um 16.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#29152

Internationale Wortbildungen wie Grexit (dem ja noch einige weniger gebräuchliche Exits zur Seite stehen) sind eigentlich bewundernswert. Das klassische Material funktioniert immer noch sehr gut.

(Ich habe übrigens mit Bankleuten gesprochen, die der Ansicht sind, daß Griechenland mit einem Schuldenschnitt aus der Eurozone austreten wird und daß die Verhandlungen nur zum Schein hingezogen werden, damit die Gläubiger Zeit haben, ihre Vorkehrungen zu treffen; dies sei nun aber weitgehend abgeschlossen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.05.2015 um 08.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#28856

Wir alle lieben angeblich den Bankräuber, und Antonia Baum erklärt es uns:
„Woher kommt diese romantische Liebe zum Bankräuber? Vermutlich ist die Antwort sehr einfach: Es ist eine narzisstische, im Grunde selbstmitleidige Liebe.“ (FAS 10.5.15)
Auch von Narrativen ist zweimal die Rede. Man sieht richtig, wie der lange Text in die Tastatur flutscht, nicht einmal eine Kaffeepause ist nötig.
Ein anderer Beitrag desselben Feuilletons handelt vom „Narzissmus“ einer Frau Kardashian, die prominent ist, weil sie prominent ist und weil daher auch die FAS nicht anders kann, als ihr Scherflein beizusteuern.
Ob die nächste Generation überhaupt noch verstehen wird, wie das alles passieren konnte?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2015 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#28636

Man spricht von "ultralockerer Geldpolitik", aber "Hyperinflation". Umgekehrt praktisch nie. Aber warum?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2015 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#28592

Erstaunlich viele Mädchen wollen "modeln". Zum Topmodel bringen es naturgemäß nur wenige, erst recht aber zum Supermodel. (Dazu gibt es einen Wikipedia-Eintrag.) Das ist eine ganz eigene Steigerungsreihe. Hypermodels gibt es nicht, denn man kann gar nicht schön genug sein. Durch Bildbearbeitung könnte man immerhin auch diese Lücke noch füllen, wie denn die Verhaltensbiologie schon vor Jahrzehnten die "überoptimalen Attrappen" erfunden hat. Unsere barbarischen Vorfahren scheinen sich solche überoptimalen Attrappen (Venus von Willendorf) selbst gebastelt zu haben. In Fantasy-Videos treten sie auch auf, mit Brüsten, Taillen usw., die in Wirklichkeit nicht vorkommen könnten; aber das sind eben keine Models.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2015 um 12.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#28337

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24980:
Auch der Wikipedia-Eintrag "Andragogik" führt diese Neubildung auf ein griechisches andros zurück, vielleicht auch eine Folge des Kykladentourismus. Immerhin zitiert er Bedenken gegen die Notwendigkeit eines neuen Ausdrucks für die Erwachsenenbildung. "Sprachandragogik" gibt es, wie erwähnt, in Mainz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2015 um 07.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#28169

In der FAZ widmet sich Melanie Mühl dem "Narzissmus", aber nicht begriffskritisch, sondern affirmativ. Sie zitiert auch aus dem psychiatrischen Handbuch, und ich gebe die Kriterien hier nach dem Wiikipedia-Eintrag wieder:

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD 10 nur unter der Rubrik Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen (F 60.8) aufgeführt, jedoch nicht weiter charakterisiert, obwohl sie als Persönlichkeitsdiagnose häufig gebraucht wird. Sie wird im Weiteren in Anhang 1: Vorläufige Kriterien für ausgewählte Störungen der Diagnostischen Kriterien für die Forschung (Grünbuch) der ICD-10 erläutert.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung
A. Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen erfüllt sein.
B. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen vorhanden sein:
1. hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt etwa Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)
2. ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe
3. glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen
4. benötigt exzessive Bewunderung
5. legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen
6. ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen
7. zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen / anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
8. ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn
9. zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten



Wie man sieht, sind die Kriterien nicht operationalisierbar, schon weil sie durchgehend Werturteile enthalten. Kennen Sie jemanden, der kein Narziß ist? Künstler sind total krank, das ist sowieso klar, aber auch uns anderen kann man die narzißtische Persönlichkeitsstörung nachweisen, wenn man nur genau genug hinsieht. Ob Selbstmordattentäter oder Heilige – Narzißten sind sie alle, das bringt die Entlarvungspsychologie so mit sich. Es ist eher ein Schimpfwort als eine Diagnose.

Schon sehr früh wurden uns die Helden von 1968 bis hin zur RAF als Narzißten nähergebracht, Auch Gerd Koenen greift in seinem "Roten Jahrzehnt" immer wieder zu diesem hilflosen Begriff.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2014 um 04.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#27612

Interview mit einem Psychoanalytiker:

SZ: Welche Parallelen erkennen Sie in den Fällen Uwe Barschel und Jürgen W. Möllemann?
Wirth: Sie haben, wenn wir an der These vom Selbstmord Möllemanns festhalten, sehr unterschiedliche Todesarten gewählt. Barschel hat eine regressive Art vorgezogen, den Weg ins Wasser, das Einschlafen mit Hilfe von Medikamenten, gleichsam die Rückkehr in den Mutterleib. Möllemann hat sich, mutmaßlich, für einen harten, männlichen Tod entschieden, hat sein Leben auf sehr brutale Weise beendet. Aber beide haben einen Bilanzselbstmord begangen.
SZ: Und wo waren sich die beiden als Politikertypus ähnlich?
Wirth: Die Gemeinsamkeit liegt in der narzisstischen Grandiosität, in der Selbstüberschätzung, dem Größenwahn. Wichtig ist auch bei beiden das Selbstzerstörerische.
(SZ 11.5.10)

Sehr einleuchtendes Gefasel. Noch besser wäre es, wenn die Psychoanalytiker mit ihren Allerwelts-Ferndiagnosen auch mal etwas vorhersagen könnten. Hätte man das Selbstzerstörerische erkannt, hätte man die Selbstzerstörung voraussagen können. Hinterher ist auch der Mann auf der Straße immer sehr gescheit und kann ohne Risiko behaupten, die Selbstzerstörung komme vom Selbstzerstörerischen.
Freud hat sich zwar gegen Fern-Analysen ausgesprochen, aber sogleich selber hemmungslos dagegen verstoßen, indem er sogar literarische und mythologische Gestalten "analysierte". Inzwischen meinen viele, daß solche "Analytiker" mit ihren Konfabulationen mehr über sich selbst verraten als über den Gegenstand ihrer Bemühungen. Da sitzt einer an seinem Schreibtisch in Gießen, findet aufgrund von Zeitungsberichten heraus, daß Barschel symbolisch in den Mutterleib zurückgekehrt ist, und niemand lacht den Experten aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.08.2014 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#26608

„Ein überwiegend älteres, konservativ gestimmtes Segment des gebildeten deutschen Publikums fühlt sich durch die revisionistischen Darstellungen von einer narzisstischen Kränkung befreit.“ (Heinrich August Winkler, FAZ 25.8.14 über Clark und Münkler)

Ganz ebenso plappert jeder Provinzjournalist vor sich hin, wie man Tag für Tag durch Google News feststellen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.08.2014 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#26586

Wenn man jemanden nicht leiden kann, hängt man ihm eine der psychoanalytischen Diagnosen an, die in Wirklichkeit Schimpfwörter sind. "Arschloch" ist unmöglich, also sagt man "Analcharakter". (Adorno war groß im Schimpfen.) Hierher gehört auch "Narzißt". Wer spaßeshalber am anderen Ende der Skala googelt, wird erwartungsgemäß auch Edward Snowden finden, nach Meinung einiger Amerikaner, aber auch deutscher Leser "narzisstisch" veranlagt oder gestört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.08.2014 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#26510

„Wer herauszufinden möchte, ob jemand ein Narzisst ist, kann sich lange Psychotests offenbar sparen: Eine einzige Frage genügt, glauben zumindest US-Psychologen. Sie hatten in einer Untersuchung mit mehr als 2200 Freiwilligen herausgefunden, dass die direkte Nachfrage der einfachste Weg ist, um Narzissten zu identifizieren.
Wie die Forscher um Brad Bushman von der Ohio State University in Columbus in der Zeitschrift PLoS One berichten, konnten sie in insgesamt elf Experimenten die entsprechende Frage ausmachen. Sie lautet: "Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu: Ich bin ein Narzisst?" Ergänzt wurde die Frage mit der Anmerkung, ein Narzisst sei selbstbezogen, geltungsbedürftig und eitel.
Dieser einfache Trick funktioniert nach Angaben der Forscher ebenso gut wie ein ausführlicher Psychotest, weil Narzissten ihre Selbstverliebtheit nicht als Problem ansehen. Für sie ist es in keiner Weise anstößig, sich selber toll zu finden - also schämen sie sich auch nicht, offen darüber zu sprechen. Im Gegenteil: Sie seien geradezu stolz darauf, allen anderen Menschen überlegen zu sein.“
(spiegel.de 6.8.14)

Da diese Psychologen keinerlei theoretische Distanz zur Alltagspsychologie (folk psychology) haben, ist eine solcher „Test“ konsequent. "Selbstbezogen, geltungsbedürftig und eitel" – das sind also die diagnostischen Begriffe, bei denen die Psychologie gelandet ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2014 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#26126

Nimmt man hinzu, dass das weltpolitische Gewicht Frankreichs abgenommen hat (...), so lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes von einer narzisstischen Kränkung sprechen. (FAZ 23.6.14)

Jede beleidigte Leberwurst kann sich heute narzißtisch gekränkt nennen.

Die drei von Freud erfundenen narzisstischen Kränkungen haben jetzt einen Wikipedia-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Kr%C3%A4nkungen_der_Menschheit

Von diesen Kränkungen soll die Psychoanalyse die ärgste gewesen sein. Ernst Peter Fischer wundert sich: "Wir wollen jetzt nicht fragen, wieso ein Arzt stolz darauf ist, das Gegenteil seiner Aufgabe erreicht und keine Gesundung, sondern eine Kränkung herbeigeführt zu haben."
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.04.2014 um 03.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#25726

Gerade hat's mich bei einem Fremdwort voll erwischt: Atrapanieblas. Was ist denn Atrapanie schon wieder? Wale stoßen den Blas durch das Blasloch aus, und durch Trepanieren entstehen Löcher. Also ist Atrapanieblas wahrscheinlich, wenn der Wal die Luft nicht durch das Blasloch ausatmet, sondern durchs Maul. Logisch!
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 01.02.2014 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24999

Gehört zwar nicht unbedingt zum Thema dieses Strangs, gleichwohl füge ich mal ein:
Eines Tages sei der 19-Jährige dann mit seiner gegoogelten Selbstdiagnose des Missanthropen, des Menschenhassers, gekommen.
AZ Mainz 31. 1. 2014
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2014 um 06.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24995

Im älteren Griechischen kommen zu Anthropoi und Andres noch die Brotoi hinzu, also die Sterblichen im Gegensatz zu den Göttern. Anthropoi sind wir im Gegensatz zu den Tieren. Andres wird auch generisch gebraucht, so daß auch Frauen inbegriffen sind, während eine einzelne Frau wohl niemals Aner genannt wird (wie ja auch im Deutschen 8 Mann in einen Fahrstuhl passen, die einzige Frau unter ihnen aber, wenn sie allein wieder herunterfährt, nicht Mann genannt wird).

Natürlich haben die Übersetzer der "Bibel in gerechter Sprache" (und ebenso die Bearbeiter der englischen NIV) über jedes einzelne Vorkommen gestritten und am Ende ihre Interpretation anstelle einer Übersetzung eingefügt. Allerdings kann man weder in der klassischen griechischen noch in der jüdischen Gesellschaft nachträglich die Verhältnisse ändern. Wenn Jesus kein Mann war, war Adam auch keiner. Welche Folgen das hat, mögen die feministischen Theologen unter sich ausmachen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 31.01.2014 um 23.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24991

Bemerkenswert ist, daß im Alt- und Neugriechischen das Wort für Mensch nicht zugleich das für Mann ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2014 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24985

Die Fälle sind, wie Sie bestimmt wissen, nicht vergleichbar, und von Ähnlichkeit kann nur in dem oberflächlichen Sinne die Rede sein, daß mal ein Dental auftritt und mal nicht (aber aus ganz verschiedenen Gründen).

Aber eigentlich ging es mir gar nicht darum, sondern um die Spätwirkungen des reduzierten Griechischunterrichts...
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 31.01.2014 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24984

Das altgriechische Wort für Mann hat zwei Wortwurzeln, nur im Nominativ ohne Delta, in den gebeugten Formen und in allen Wortbildungsableitungen mit Delta (andr-). Ähnliche Fälle sind pais, paidos (Kind), leoon, leontos (Löwe), pragma, pragmatos (Sache). Was häufiger vorkommt, bleibt eher in Erinnerung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2014 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24980

Ein Germanist meint, ho andros (in griechischen Buchstaben, aber zusätzlich zur falschen Form mit falschen Spiritus) sei das griechische Wort für "der Mann". (Duden Thema Deutsch 5: Adam, Eva und die Sprache. 2004. Mannheim:152) Das ist wie bei didaktalogen: Vom Griechischunterricht ist eine blasse Erinnerung zurückgeblieben, und die reicht dann fürs ganze Leben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2014 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24881

narzißtisch ist eigentlich haplologisch statt narzissistisch, aber weil nun so unklar ist, wo eigentlich das Suffix beginnt, kommt auch narzistisch vor, als hätte der schöne Knabe Narz geheißen. Also:aus narzistischer Eitelkeit (Werner Fuld: Das Buch der verbotenen Bücher. Berlin 2012:322) (ein rechtschreibreformiertes, aber ziemlich fehlerfrei gedrucktes Buch; daß jemand Schuld ist, fällt um so mehr auf).

Ähnlich verkürzt und entstellt liest sich: akrostische Kunst (Olaus Faber: Das babylonische Handbuch der Sprache. Frankfurt 2008:11) statt akrostichisch.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.11.2013 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24388

Infolge eines Sprachwandels im Mittelalter wurde im Weißrussischen, Ukrainischen und Tschechischen (davon abgeleitet später auch im Slowakischen) der Laut [g] zu [h] wie das deutsche [h]. Seitdem wird im Weißrussischen und Ukrainischen das kyrillische Zeichen für g als [h] gesprochen. Für Wörter aus anderen kyrillischen Sprachen mit dem Laut [g] wurde das bisherige kyrillische Zeichen für g etwas modifiziert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2013 um 12.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24386

Cum grano salis. Bei urverwandten Wörtern geht es nicht um dasselbe Wort in verschiedener Schreibweise. Und wie das deutsche Phonem h in anderen Sprachen behandelt wird, ist auch nicht (nur) durch den Vorrat an Schriftzeichen begründet.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.11.2013 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24384

Dem altgriechischen Spiritus asper entspricht ein lateinisches s. Deshalb sind hyper und super dasselbe Wort, nur einmal in altgriechischer und einmal in lateinischer Schreibweise.
(Im Mittel- und Neugriechischen ist der Spiritus asper verlorengegangen, denn in den kyrillischen Schriften fehlt ein Zeichen für das lateinische h, weswegen dort unser h als ch ausgesprochen wird.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2013 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24381

Die medizinische Fachsprache dürfte eine Rolle gespielt haben (Hypertrophie, Hyperventilation usw.). Das Hyperlink kommt aus einer anderen Ecke mit anderer Tradition. Das Hyperbolische spielt darin keine Rolle.

Die entlehnten Augmentativpräfixe sind 1996 von Birgit Ruf untersucht worden, die übrigens als Redakteurin der Nürnberger Nachrichten auch mit Kritik an der Rechtschreibreform hervorgetreten ist.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 14.11.2013 um 01.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24380

Die Rangfolge hyper > super kenne ich v.a. von Supermärkten. Als Kind war ich oft mit meinen Eltern im Urlaub in Frankreich; dort gibt es fast überall einen "Super U", seltener sind die noch größeren Märkte namens "Hyper U".
Erstere gibt es unter diesem Namen wohl seit 1975, zweitere seit 1988.
Allgemeiner spricht man im Französischen von supermarché und hypermarché, im Englischen analog von supermarket und hypermarket. Auch dort scheint hyper erst in den späten 80er Jahren als Steigerung aufgekommen zu sein, aber schon in den 70ern sprach man offenbar von supersonic und hypersonic speed. (Die deutsche Entsprechung Hyperschallgeschwindigkeit ist mir noch nie untergekommen, Wikipedia hat aber einen Artikel dazu.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.11.2013 um 17.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24379

Vielleicht ist super in Wirklichkeit nicht älter ("nicht wirklich älter"), es scheint mir nur so aufgrund der Jugend-, Mode- und Werbesprache in den letzten Jahrzehnten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.11.2013 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24378

Ich denke, das hängt damit zusammen, daß super älter ist, fast schon antiquiert, hyper klingt moderner, muß also auch mehr sein.
Ich hatte es schon mal erwähnt, Jesus war ja auch nur Superstar, die neueren, wie Michael Jackson usw., sind alle Megastars. Da nun irgend so ein Megastar "Hyper hyper" singt, sieht es fast aus, als ob hyper vorläufig das Rennen macht (bis jemand das neue, ultimative Präfix findet).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2013 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24376

In der Zeitung ist wieder einmal von Hypernovae die Rede, einer Art von Super-Supernovae. Vor einigen Jahren war zu lesen:

Da die Sternexplosionen noch heftiger sind als normale Supernovae, nannte man sie Hypernovae. (Max Planck Forschung 2/2007)

Interessant ist, daß ohne weiteres eine Abstufung als sprachlich etabliert vorausgesetzt wird: hyper bezeichnet einen höheren Grad als super.

Das gilt durchgehend, aber es war den beiden Wörtern (etymologisch identisch) nicht in die Wiege gelegt, sondern hat sich erst allmählich so herausgebildet. Super ist toll, aber hyper ist zuviel!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.10.2013 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#24189

Die beliebten Substantive mit Ex- sollen ja in Ex-Jesuit ihr Vorbild haben. Zum Teil werfen sie dieselben Probleme auf wie die schon besprochene ehemalige DDR usw.

Ex-Serientäter Muhlis Ari soll nach Ex-Innenminister Beckstein nicht mehr einreisen, wie der FOCUS berichtet. Hört ein Serientäter auf, Serientäter zu sein, wenn er keine Serientaten mehr tätigt? Gibt es Ex-Mörder? Ex-Diebe sind Diebe im Ruhestand.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2013 um 07.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23890

Typischerweise vertrauen Jean Twenge und ihresgleichen auf die Ergebnisse ihrer Fragebogen-Methode zur Persönlichkeitsdiagnose. Natürlich sind Begriffe wie "Narzißmus" wissenschaftlich indiskutabel, schon weil sie Werturteile enthalten. Die Kritiker stützen sich eher auf Beobachtung des wirklichen Verhaltens, des Berufserfolgs, der Kriminalstatistik usw.

Wie windig Twenges Argumente sind, zeigt folgendes Zitat (und nur weil es um Sprachliches geht, komme ich überhaupt noch einmal darauf zurück):

„In 2012, she published a study finding that book authors’ use of first-person-singular pronouns (I, me) had increased while the plural forms (we, us) had decreased.“ (New York Times – lesenswerter Beitrag!)

Das ist ungefähr das Niveau, auf dem man bei uns gern sagte: Die Engländer schreiben das Personalpronomen der ersten Person groß, woran man schon sieht, was das für Leute sind usw.

Der Stilwandel, der auch in Fachprosa dazu geführt hat, daß der Sprecher sich selbst ohne Umschweife als Person erwähnt, wäre eigens zu untersuchen; der Kurzschluß auf wachsenden "Narzißmus", was immer das sein mag, ist unzulässig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2013 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23888

Unter dem Titel "Narziss macht jetzt den Bachelor" bringt die FAZ eine halbe Seite über die von ihren Eltern verdorbenen Kinder, die heute an die Universitäten kommen.

"Schon vor einigen Jahren sprachen die amerikanischen Wissenschaftler Jean M. Twenge und Keith Campbell von einem regelrechten Narzissmus-Virus."

Wenn amerikanische Wissenschaftler davon sprachen, wird's wohl stimmen.

Der SPIEGEL bringt gleich einen ganzen Titel über die Schädlichkeit der Eltern für ihre Kinder.

Das Problem wird wohl seine biologische Lösung finden. Keine Eltern – keine Kinder – keine narzisstischen Schäden mehr!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2013 um 07.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23413

Der Narzißmus war sachlich und sprachlich schon immer ein alberner Einfall, aber inzwischen ist er so sehr zur kleinsten Münze der Volkspsychologie verkommen, daß die Finger sich eigentlich weigern müßten, so etwas in die Tasten zu hauen. Aber Jan Fleischhauer schreibt auf Spiegel online unverdrossen:

Steinbrück gehört für mich zu den narzisstischen Persönlichkeiten. (...)
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Helmut Schmidt für Steinbrück den Teppich zur Kandidatur ausrollte. Auch Schmidt zeigte Zeit seines Lebens einen ausgeprägten Grandiositätskomplex. Dass er seiner Partei einen Mann empfahl, in dem er sich selbst wiedererkannte, muss man ebenfalls als narzisstischen Akt deuten.
(13.6.13)

(Zeit seines Lebens ist auch gut. Übrigens lebt Schmidt noch.)

Fleischhauer schreibt auch:

Für Steinbrück gibt es sowieso nur einen Star: Steinbrück. Schon leiser Widerspruch wird als Bedrohung des Ich-Gefühls empfunden.

Psychoquatsch, Tag für Tag.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2013 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23187

Wußten Sie schon, daß Hoeneß ein Narzißt ist? (Ferndiagnose des Psychiaters Borwin Bandelow in der FAZ vom 9.5.13.) Man hätte es sich denken können. Nach Reinhard Haller ("Die Narzissmusfalle") sind wir alle Narzißten oder so.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2013 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23158

Während Prosopagnosie, wie gezeigt, zwar von einem Deutschen, aber nicht im Deutschen (sondern in der Fremdsprache Griechisch) gebildet wurde, sind Wörter wie Statusrektion, Luxusappartement natürlich ganz und gar deutsch gebildet. Man kann Fremdwörter in ihrer Nennform (Nominativ) jederzeit in dieser trivialen Weise zusammensetzen. Auch Bioenergie, Autoerotik, Neuroästhetik kann man als rein deutsche Wortbildungen bezeichnen, schon wegen der fehlenden Hiattilgung, die zeigt, daß keine Griechischkenntnisse mehr herangezogen worden sind.
 
 

Kommentar von R. H., verfaßt am 06.05.2013 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23148

Für derlei Spielchen sind "geringe Fremdsprachenkenntnisse" offenkundig nicht genug. Mit der Bildung des angeblich englischen Wortes lithophoby widerlegt sich Bergmann gleich selbst. (Es ist nur -phobia möglich, wie z.B. anthropophobia, hydrophobia).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2013 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23146

Für die Erklärung von griechischen und lateinischen Fremdwörtern aus lebenden europäischen Sprachen sind nur Englisch und Französisch geeignet, denn die übrigen romanischen Sprachen haben keine Transliteration der Griechischen Buchstaben wie ph, th, y usw., wodurch es zu Mehrdeutigkeiten kommen kann wie z.B. filo = lat. Faden oder griech. Freund.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2013 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23143

Rolf Bergmann (Fs. Munske, auch download als Bamberger Universitätsrede) bespricht den europäischen Charakter der Fremdwortbildung aus lateinischen und griechischen Elementen. „Der sehr umfangreiche europäische Anteil des deutschen Wortschatzes, der überwiegend komplexe morphologische Strukturen zeigt, ist insofern Bestandteil der Wortbildung des Deutschen.“ Soweit die Hauptthese. Bergmann untersucht sowohl schon bestehende wie Gastronomie als auch von ihm zu Argumentationszwecken „erfundene“ Gebilde wie Lithophobie (bei denen man darüber hinwegsehen mag, daß es sie irgendwo doch schon gibt; im Französischen versteht man unter lithophobie die übertriebene Angst vor Nierensteinen).

Wenn er meint, „daß das Wort Lithophobie von deutschen Sprechern verstanden wird“ (108), und darin einen Beweis für das Funktionieren des Bildungsmusters sieht, muß man einschränkend fragen, für welche deutschen Sprecher das gilt. Es dürften sehr wenige sein. Auch wer Lithographien kennt, muß nicht wissen, daß und wie sie mit Stein zu tun haben. Ebenso muß die Behauptung relativiert werden, daß man „auch mit geringen Fremdsprachenkenntnissen eine europäische Wortbildung unmittelbar in mehreren Sprachen erzeugen“ kann: engl. lithophoby, frz. lithophobie, ital. litofobia. Das gilt für die Schulsprachen und jene Deutschen, die sie gelernt haben. Schon das Italienische dürfte an die Grenzen des durchschnittlich Gebildeten stoßen, wenn er kein fleißiger Italienurlauber ist.
„Europa“ ist also das Europa der Schulsprachen. Selbst wenn zu solchen Wortbildungen nur „geringe Fremdsprachenkenntnisse“ gehören (über den Umfang läßt sich diskutieren), Fremdsprachenkenntnisse braucht man eben doch. Das Entscheidende ist diese Kenntnis der Schulsprachen im Gegensatz zur Kenntnis nur einzelner Wörter, die einem hier und da begegnet sein mögen. Es fällt übrigens auf, daß Bergmann nicht die bekannte volksetymologische Anlehnung der Gastronomie an den deutschen Gast erwähnt – womit die Sprachwirklichkeit besser getroffen sein dürfte als mit den bildungssprachlichen Gräzismen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2013 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#22793

Die schier unglaubliche Geschichte um den Hochstapler Gerhartsreiter findet ihren Höhepunkt in der Diagnose des amerikanischen Gerichtsgutachters, auf die man schon die ganze Zeit gewartet hat: Der Mann sei ein Narzisst.

Gibt es ein Gutachten, das nicht auf diesen Befund hinausläuft? Und muß man eine Disziplin, die so etwas hervorbringt, nicht selbst der Hochstapelei und, nun ja, des Narzißmus zeihen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2013 um 03.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#22773

Vorgestern schrieb die Zeitung, Hugo Chavez sei gescheitert, weil er ein "Narzisst" war. Gestern wurden die Exzesse in Ettal so erklärt:
Das Kloster, so sagt Keupp, sei ein "Sonderbezirk" gewesen, mit einem "institutionellen Narzissmus". (SZ 8.3.13)
Der ostdeutsche Psychoanalytiker Maaz hat kürzlich ein Buch herausgebracht, worin er unsere ganze Gesellschaft für narzisstisch erklärt. (Maaz hat gleich nach der Wiedervereinigung mit der Produktion von ähnlichen Werken angefangen, die erstaunlich wenig kritisiert wurden.)

Keine Ausgabe einer Tageszeitung, in der nicht diesem oder jenem oder eben gleich allen "Narzißmus" unterstellt wird. Nachschub kommt immer wieder aus der Grauzone der psychologischen Gerichtsgutachten. Spätere Generationen werden sich einmal über uns wundern.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 30.07.2012 um 08.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#21165

Noch mal das Spiel anus, anulus, anellus vs. annus und annulus im Wikipedia-Artikel zu den Ringelwürmen. Gleich nach dem dritten Wort Annelida, das ist der lateinische Name der Ringelwürmer, hat ein Bearbeiter eine Fußnote eingefügt und vermerkt:

[Zitat] Der lat. Name ist eigentlich orthographisch falsch und sollte „Anellida“ lauten, von (lat.) anellus „kleiner Ring“ (vgl. anus „After“ [Ringmuskel]); da aber annus „Jahr(eskreis)“ auf demselben Wortstamm beruht, ist annelus sozusagen verzeihlich. [Zitat Ende]

Wir wir hier erfahren haben, wurde lat. anellus bzw. anulus „kleiner Ring“ im nachklassischen Latein zu annulus „Ring“, woraus sich unschwer Annelida ableiten läßt. Ich verbessere mal diese Fußnote und bin gespannt, ob die Korrektur abgesegnet wird.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.07.2012 um 01.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#21076

Afterphilosophie ist ja schon betont unfreundlich und lädt insofern zu allzu wörtlichen Fehldeutungen ein. Polemikern wie Schopenhauer und Nietzsche kam das kaum ungelegen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.07.2012 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#21075

Ausnahmen bestätigen die Regel.

Das Deutsche Wörterbuch berichtet ebenfalls, daß after im Nhd. nur noch vereinzelt als "lebendige Präposition" (= hinter, nach) auftauche und ansonsten nur als Erstglied bestimmter Zusammensetzungen wie Aftermiether (heute: Nachmieter) oder Afterphilosophie überlebt habe. Auch diese Zusammensetzungen sind ja mittlerweile nahezu ausgestorben. Ich habe in meiner Kindheit ein paarmal Afterglaube gehört, an mehr kann ich mich nicht erinnern.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.07.2012 um 12.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#21074

Das bezweifle ich, denn noch bei Nietzsche findet sich die folgende Stelle: "Jede Philisophie, welche durch ein politisches Ereigniss das Problem des Daseins verrückt oder gar gelöst glaubt, ist eine Spaass- und Afterphilosophie." (Unzeitgemässe Betrachtungen, drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher, 1874; KSA I, 365)

Und natürlich ist das nicht die einzige Stelle, ebenso wie Schopenhauer in "Die Welt als Wille und Vorstellung" (1819, 2. Aufl. 1844, 3. Aufl. 1859) gerne von der "Hegelsche[n] Afterphilosophie" schreibt.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 15.07.2012 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#21073

Zufällig sehe ich eine Paralle zu meiner Hypothese, der Wandel bei lat. (anus >) anulus (Ring) > annulus (Ring) könne etwas mit der Anstößigkeit von anus zu tun haben. Im Duden-Herkunftswörterbuch steht, daß deutsch after noch in nhd. Zeit mit der Bedeutung "hinter" verwendet wurde (vgl. englisch after, seemännisch achtern), aber dann "wegen der anstößigen Bedeutung des Substantivs" außer Gebrauch gekommen sei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.03.2012 um 06.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20235

In der FAZ wird vor Überdosierung von Vitamin E, einem Antioxidantium, gewarnt.
Das erinnert uns daran, daß es neben der Wortbildung in der Fremdsprache (statt Fremdwortbildung) auch eine Formenbildung in der Fremdsprache gibt. Das häufig belegte Antioxydantium/Antioxidantium ist ja eine Regularisierung gegenüber dem wirklich schwierigen Singular Antioxidans und beruht auf dem verbliebenen Lateinwissen, daß zu einem neutralen Plural auf -a, eingedeutscht dann -en, normalerweise ein Singular auf -um gehört.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.03.2012 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20205

Kompromat (in der tautologischen Form Kompromat-Material) läßt sich schon 1951 in einem westdeutschen Buch über die Sowjetunion nachweisen. Der Begriff dürfte Generationen von westlichen Geheimdienstlern, aber auch Spiegel-Lesern geläufig gewesen sein.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 04.03.2012 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20204

"Bei Kompromat handelt es sich um ein echtes DDR-Wort, das aber nur sehr wenige Sprecher kennen."

So heißt es im Forum Sprachkritik der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Dort folgt ein längeres Zitat aus Peter Eisenbergs Buch "Das Fremdwort im Deutschen", wo Eisenberg seinerseits aus einem "Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit" des MfS von 1985 zitiert.

Nun weiß ich allerdings, daß dieses Wort schon vor 1985 auch in westdeutschen "Fachkreisen" gängig war. Als ich es zum ersten Mal hörte, fand ich das Wort äußerst komisch. Kaum weniger befremdlich erschien mir beim ersten Hören allerdings auch das Wort Exponat.

Waren die westdeutschen Spione etwa wirklich so erfolgreich, daß sie selbst die Fachsprache des MfS stehlen konnten?

Der Duden kennt das Wort nicht, im Gegensatz zu Wikipedia, das es aus dem Russischen ableitet, und zwar als Zusammenziehung aus komprometirujischtschij material. Also handelt es sich hier nicht um die latinisierende Endung -at. Laut Duden stammt übrigens auch Exponat aus dem Russischen (wohl über die DDR), wobei hier widerum lt. Duden die lat. Endung vorliegt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2012 um 00.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20110

Inzwischen steht auf der Anzeigetafel im Flughafen ANNULLIERT, wie man in den Nachrichten im Ersten gerade sehen konnte.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.02.2012 um 14.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20101

Ja gut, war ja nur eine Arbeitshypothese. – Im Internet gibt es ein "Handbuch zur lateinischen Kirchensprache". Im Wörterverzeichnis findet man annulus = Ring (Seite 304); www.introibo.net/download/lateinbuch.pdf.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 18.02.2012 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20100

Auch meine Bordmittel reichen nicht aus. Sicher ist aber, daß die schon antike Schreibung annulus im Mittelalter ganz geläufig ist. Ebenso begegnet die Gemination bei strennuus und rennuere. Verbreitete Konsonantenverdopplungen sind littus, caussa oder auch suppremus. Daneben treten in spätantiken Inschriften sogenannte unmotivierte Doppelschreibungen auf, z. B. neppotes, valle (= vale) oder immaginifer. Manche Schreibungen werden von den Grammatikern getadelt. Hier wäre der Blick in den Thesaurus Linguae Latinae hilfreich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2012 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20099

In meinem Georges steht, daß annulus schon im CIL (Corpus Inscriptionum Latinarum) belegt ist, ich weiß aber im Augenblick nicht, wie alt der Beleg ist. Auch wie die Änderung zu erklären ist, kann ich mit meinen Bordmitteln nicht herausfinden, finde aber auch die Sache mit der verhüllenden Bezeichnung nicht besonders überzeugend.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 18.02.2012 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20097

Im Forum fragt Kratzbaum, warum plötzlich über den anulus diskutiert wird. Der "kleine Ring" stammt aus #20085.

Also noch einmal. Einerseits haben wir annullieren (ungültig machen), andererseits annulieren (beringen), und letzteres müßte eigentlich *anulieren geschrieben werden, wenn man die Herkunft aus lat. anulus < anus ernst nimmt. Dies wäre insbesondere zu erwarten, weil unterschiedliche Bedeutung meistens die Unterscheidungsschreibung begünstigt, hier ist aber genau das Umgekehrte passiert. Es leuchtet nicht ein, daß lat. anulus (Ringlein) zu annulus (Ringlein) wird, denn letzteres könnte auch als annulus (Jährchen) gelesen werden. Aus demselben Grund hätte man im Deutschen erwarten können, daß die beiden erstgenannten Fremdwörter in der Schreibung möglichst unterscheidbar geblieben wären, also annullieren vs. *anulieren.

Meine Vermutung war nun, daß das verwirrende annulieren (beringen) entstehen und sich halten konnte, weil ein anderer Wunsch nach Differenzierung stärker war. Wenn ein hoher geistlicher Würdenträger den Annulus pontificalis trägt, soll möglichst niemand zu der Assoziation gelangen, daß dieses Insigne der Würde irgend etwas mit dem Anus zu tun habe (obwohl dies der Fall ist). Es wäre dieselbe Vorsicht, die feinfühlige Zeitgenossen davor zurückschrecken läßt, eine bewunderte Person in Reformschreibung als Ass zu kennzeichnen.

Aber vielleicht genügt die Erklärung, daß die Franzosen etwas mit der Überlieferung des Fremdworts zu tun hatten. Herr Achenbach hat auf frz. anneau = Ring aufmerksam gemacht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2012 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20095

Das Beispiel zeigt wieder einmal, daß die Rechtschreibreform sich auf die wirklichen Schwierigkeiten gar nicht eingelassen hat. Gerade habe ich wieder einen Artikel über Gingko gelesen ...
Das ist aber auch kein Wunder, wenn man an die Geburt der Reform aus dem Geiste des Herrn Augst denkt, der so viele Jahre nach seiner Schulzeit noch recht bekommen wollte mit seinem Stängel usw.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 18.02.2012 um 00.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20093

Annullieren zählt wohl zu den "schwierigen Wörtern". Im Französischen heißt es annuler, im Englischen annul. Daher halte ich die Schreibung annulieren bei jemanden, der sich häufig im internationalen Bereich bewegt, für verzeihlich. So hätte ich früher (wie im Französischen) ohne zu zögern räsonnieren geschrieben, bis mir irgendwann auffiel, daß der Duden räsonieren schreibt.

Ginge man von deutschen Schreibregeln aus, müßte man eigentlich anulieren (wie spanisch anular) schreiben, denn die beiden ersten Silben sind unbetont.

Das Beispiel annuler zeigt übrigens, daß das Französische gelegentlich nicht nur Konsonanten verdoppelt, sondern auch Doppelkonsonanten vereinfacht.

Vergleicht man verschiedene etymologische Angaben miteinander, gerät man in einige Verwirrung. Der Petit Robert leitet z.B. annulaire (Ringfinger) von lat. anularis, annulaire (ringförmig) von lat. anularius, anneau (Ring) von lat. an(n)ellus ab. Der Online Etymological Dictionary leitet annular (ringförmig) dagegen von 'Fr. annulaire (16c.) or directly from L. annularis "pertaining to a ring", from annulus, dim. of anus "ring'", der Merriam-Webster dagegen von "Middle French annulaire, from Medieval Latin anularis, from Latin anulus" ab.

Es gibt auch im Deutschen und in anderen Sprachen den Fachbegriff Annulus, mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen in verschiedenen Fachbereichen (im Englischen gibt es übrigens den annulus of Zinn, nach Johann Gottfried Zinn, nach dem auch die Zinnie benannt ist).

Also stößt man auf vier verschiedene lat. Formen: an(n)ulus und an(n)ellus.

Können uns die Altphilologen eine autoritative Auskunft geben?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2012 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20092

Ja, aber warum heißt es nicht anulieren? http://en.wiktionary.org/wiki/annular führt an:

Etymology:
From Latin anularis "ring-shaped" (possibly through French annulaire), from anulus ring

Das könnte sein. Die Franzosen verdoppeln n gern auch nach unbetonten Silben, z. B. révolutionnaire.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.02.2012 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20091

"annulieren" heißt umringeln. Gewöhnlich dient es zur Hervorhebung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2012 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20089

dpa hat es auch schon gemerkt: „Annuliert“: Dieser Schriftzug – in etwas eigentümlicher Rechtschreibung – breitet sich wie ein Lauffeuer über die Anzeigetafeln am Frankfurter Flughafen aus.

Es erinnert an jenes Millenium samt Londoner Bauwerk.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.02.2012 um 15.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20088

In den Fachsprachen gibt es verschiedenste Annuli. Die Form verwundert, denn klassisches Latein wäre ja wohl anulus, abgeleitet von anus. Das vermerkt auch Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Annulus

Die Vermutung drängt sich auf, daß zartbesaitete Nachfahren der Römer sich auf den annulus verlegt haben, um die Nähe zu einem ganz bestimmten anus aus dem Blickfeld zu nehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2012 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#20085

In der FAZ vom 16.2.12 bespricht Horst H. Munske das Fremdwort-Buch von Peter Eisenberg. Auf das Buch selbst geht er schonenderweise nicht so sehr ein, sondern gibt dem Leser eine gute Übersicht über die Sache selbst (siehe hier).

Heute sehe ich im Wirtschaftsteil der FAZ die abfotografierte Anzeigetafel eines deutschen Flughafens. Darauf sind alle Flüge ANNULIERT, also beringt (wie Zugvögel, passenderweise).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2012 um 12.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19856

Ja, genau, an diese Stelle hatte ich mich noch erinnert.
Übrigens sind solche Vereinfachungen (Haplologien oder, wie man passenderweise sagen möchte, Haplogien) ja nichts Seltenes – von der Wanderin bis zur Adaption.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 10.01.2012 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19848

Zum Problem der Schreibweise „Narzißmus“, „Narcismus“ oder „Narzissismus“ sollte man sich vielleicht weniger auf die niederländischen und englischen Wörterbücher verlassen, sondern vielmehr bei Freud nachsehen, auf den ja doch die Schreibweise „Narzissismus“ zurückgehen soll.

Tatsächlich stimmt das so nämlich nicht. Zum erstenmal hat Freud den Begriff „Narzißmus“ nach Hinweisen der Herausgeber der Studienausgabe (im folgenden jeweils StA mit römischer Band- und arabischer Seitenzahl), Alexander Mitscherlich und Angela Richards und James Strachey (der beim Erscheinen des ersten Bandes freilich bereits gestorben war), in einem Zusatz zur ersten der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ genannt:

»Wir haben bei allen untersuchten Fällen festgestellt, daß die später Invertierten in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen, nach deren Überwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, das heißt vom Narzißmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat.« (StA, V, 56, Anmerkung 1)

Dieser Satz kam in einem Zusatz erst im Jahr 1910 zu der zuerst 1905 erschienenen Ausgabe hinzu: Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2., vermehrte Auflage. Leipzig und Wien: Deuticke 1910.

Ein Jahr später rechtfertigt Freud seine Wortwahl in dem Aufsatz „Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides)“, der zuerst im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathische Forschungen“, Jahrgang 1 (1911), Band 3, S. 9–68 erschien. Und genau diese Stelle, auf die auch Herr Ickler anspielt, haben die Wörterbücher womöglich im Sinn:

»Ich meine, es ist weder überflüssig noch unberechtigt, wenn ich zu zeigen versuche, daß unser heutiges, durch Psychoanalyse gewonnenes Verständnis der Seelenvorgänge uns bereits das Verständnis für die Rolle des homosexuellen Wunsches bei der Erkrankung an Paranoia vermitteln kann. Untersuchungen der letzten Zeit [Anmerkung Freuds: I. Sadger (1910), Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910)] haben uns auf ein Stadium in der Entwicklungsgeschichte der Libido aufmerksam gemacht, welches auf dem Weg vom Autoerotismus zur Objektliebe durchschritten wird [Anmerkung Freuds: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905)]. Man hat es als Narzissismus bezeichnet; ich ziehe den vielleicht minder korrekten, aber kürzeren und weniger übelklingenden Namen Narzißmus vor.« (StA, VII, 184)

Und weitere drei Jahre später schreibt Freud in der Abhandlung „Zur Einführung des Narzißmus“ (zuerst in: „Jahrbuch für Psychoanalyse“, 1914, Band 6, S. 1–24) den Begriff „Narzißmus“ Näcke zu:

»Der Terminus Narzißmus entstammt der klinischen Deskription und ist von P. Näcke 1899 zur Bezeichnung jenes Verhaltens gewählt worden, bei welchem ein Individuum den eigenen Leib in ähnlicher Weise behandelt wie sonst den eines Sexualobjekts, ihn also mit sexuellem Wohlgefallen beschaut, streichelt, liebkost, bis es durch diese Vornahmen zur vollen Befriedigung gelangt.« (StA, III, 41)

In einer Anmerkung aus dem Jahr 1920 zur dritten Abhandlung zur Sexualtheorie hat Freud seine Zuschreibung dann präzisiert: »Der Terminus „Narzißmus“ ist nicht, wie dort irrtümlich angegeben, von Näcke, sondern von H. Ellis geschaffen worden.« (StA V, 122, Anmerkung 3)

Soviel zu Freud und dem angeblich auf ihn zurückgehenden Begriff „Narzissismus“. Ein bißchen mehr philologische Gründlichkeit täte auch Wörterbüchern zuweilen gut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.01.2012 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19847

Wenn ich mich recht erinnere, hat der humanistisch gebildete Freud sich selbst schon über die Vereinfachung zu Narzißmus geäußert.

Mal was anderes: In der George-Biographie von Thomas Karlauf wird erwähnt, daß George das "Jahr der Seele" annum animae habe nennen wollen, und dieses falsche Latein steht auch anderswo; andere haben es schon als bestenfalls mittelalterlich gerügt. Soviel ich sehe, verwendet George es aber im Brief an Ida Coblenz als Akkusativ von annus, das ihm ja wohl geläufig gewesen sein dürfte, und somit hat alles seine Richtigkeit, nur eben bei Karlauf und anderen Neueren nicht.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 10.01.2012 um 00.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19846

Nach Van Dales Groot Woordenboek van de Nederlandse taal (14. Auflage, 2005) kommt narcisme von dem deutschen Wort Narzissismus, das wiederum auf Sigmund Freud zurückgehe.

Anders bzw. differenzierter der Eintrag im Woordenboek der Nederlandsche Taal (vgl. hier):

»znw. onz., g. mv. Uit du. narzissmus, door Sigmund Freud (1865-1959) in psychoanalytischen zin gebruikt; hij ontleende den term aan P. Näcke (1855), die met het woord narzissmus een perverse afwijking aanduidde in zijn commentaar op het werk van den Engelschen sexuoloog Havelock Ellis. Het woord is afgeleid van den naam van den mythischen schoonen jongeling Narcissus. Eng. narcism (1938).«
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 09.01.2012 um 22.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19845

In mir sträubt sich etwas gegen die vom alten Duden vorgeschriebene Schreibung Narzißmus und Narzißt.

Mir kommte es unpassend vor, offenkundige Fremdwörter einer rein deutschen Schreibtradition zu unterwerfen. Noch schlimmer finde ich die Schreibung Busineß. Hier mißbehagt mir selbst die Großschreibung.

Müsste es nicht eigentlich Narzissismus heißen (wie im Englischen, Französischen und Russischen)? Interessanterweise führen einige englische Wörterbücher Narcissism auf das Deutsche Wort "Narzissismus" zurück.

Nach dem Online Etymology Dictionary ist das Wort Narzissismus von dem deutschen Psychiater Paul Näcke geprägt worden (der dabei allerdings einer Anregung von Havelock-Ellis folgte). Andererseits wird behauptet, Näcke habe nie Narzissismus, sondern mal Narcismus, mal Narzißmus geschrieben. Jedenfalls ist in der deutschen Literatur gelegentlich auch von Narzissismus die Rede.

Im Englischen findet man auch recht häufig narcism, was die Wörterbücher aber nicht als korrekt anerkennen. Dagegen ist narcisme im Niederländischen, narcismus im Tschechischen und Slowenischen anscheinend (lt. Wikipedia) korrekt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.01.2012 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19839

Der Tagesspiegel berichtet (zu Wulff usw.):

Die Hybris gibt es nicht nur bei mythischen Gestalten: Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth beobachtet das pathologische Muster des Narzissmus auch bei Politikern und anderen Mächtigen.

Narzissmus per se ist ja nichts Pathologisches.

Nein. Einen gesunden Narzissmus brauchen wir alle, ein Gefühl von Selbstwert, von sinnvollem und sinnstiftendem Dasein.


Die Antwort beweist, daß der Begriff des "Narzißmus" völlig leer geworden ist – falls er überhaupt jemals einen Sinn hatte. Man kann sagen: Wenn jemand so weit gekommen ist, daß in der Presse über ihn geschrieben wird, dann ist er selbstverständlich auch ein Narzißt. Da ich mich zufällig gerade mit Stefan George beschäftige, habe ich ein wenig darauf geachtet: G. selbst und alle seine Anhänger sind oder waren Narzißten! Kennen Sie jemanden, der keiner wäre? Dann schenken Sie ihm eine Narzisse, mit besten Grüßen von mir, einem durch und durch narzißtischen Tagebuchschreiber. Man wundert sich, daß es immer noch Leute gibt, die solche schalen Wörter ohne Ekel im Munde führen. Die Psychoanalytiker sind allerdings aufs Wiederkäuen der uralten Formeln festgelegt, sonst geht ihr ganze Psychologie flöten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2011 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19558

In der Süddeutschen Zeitung vom 23.11.2011 gibt Hans Herbert Räkel eine wohlwollende Besprechung von Peter Eisenbergs neuem Buch "Das Fremdwort im Deutschen". Berlin/New York 2011, aus dem ich auch schon kurz zitiert hatte (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=744#19016).

Hier sind weitere kurze Anmerkungen von mir:

Das Standardwissen der synchronisch-gegenwartssprachlichen Linguistik über Fremdwörter ist handbuchartig dargestellt. Besonders stark ist das Werk in jenen Teilen, die Eisenbergs Spezialgebiet betreffen: Phonologie und Graphematik. Im Unterschied zu manchen anderen Werken hat das Buch ein Wortregister und dazu sogar ein rückläufiges, was insbesondere für die Wortbildung nützlich ist.
Der Verfasser ist führendes Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung und Miturheber der zur Zeit geltenden amtlichen Schulorthographie. Er kritisiert die Reformschreibung auch hier an verschiedenen Stellen, unterwirft sich ihr aber dennoch ohne Einschränkungen, wenn auch nicht ohne Fehler.
Als Beispiel der Reformkritik sei zitiert:
„Im April 2008 wurde Tollpatsch in seiner volksetymologischen Schreibung von einer Jury des Goethe-Instituts und des Deutschen Sprachrats auch noch zum 'besten eingewanderten Wort' des Deutschen gekürt, eine überflüssige Provokation der Reformkritiker.“ (41)
Eisenberg schreibt regelkonform Nomen Actionis usw., obwohl er gerade diese neue Großschreibung von Substantiven in mehrgliedrigen Ausdrücken aus Fremdsprachen kritisiert, weil die explizite Grammatikkenntnis in anderen Sprachen nicht zur Kompetenz deutscher Sprecher gehöre. Die Großschreibung fremder Adjektive wie in Ultima Ratio kommentiert er nicht.
Die Darstellung ist durchweg sachlich, nur die heutigen Fremdwortkritiker und Sprachkritiker im allgemeinen werden mit einer gewissen Gereiztheit behandelt, wann immer Eisenberg sie erwähnt. Statt journalistische Sprachverfallspropheten wie Dieter E. Zimmer oder Jens Jessen (beide in der „Zeit“) als Exponenten einer bestimmten Einstellung zu untersuchen, kanzelt der Verfasser sie ab („verantwortungslos“).
Zum Thema Purismus: Eisenberg richtet sich hier stark nach „Peter von Polenz' befreiendem Vortrag auf dem Germanistentag 1966“ (118). Mit dem nationalsozialistischen Verbot der Fremdwortjagd usw. hat er daher die üblichen Probleme. Da er offensichtlich Eduard Engels „Stilkunst“ nicht gelesen hat, kommt er zu krassen Fehlurteilen: „Selbst der vom Reinheitsgedanken getriebene, ihn in allen nur denkbaren Facetten ausformulierende Nationalist Eduard Engel kommt gelegentlich auf Verständlichkeit zu sprechen, allerdings verbunden mit starken moralischen Wertungen.“ (122f.) Wie schon sein Gewährsmann Polenz scheitert Eisenberg mit dem Versuch, Engel gewissermaßen als Nazi ante litteram darzustellen und sein Schicksal unter den wirklichen Nazis damit zu vereinbaren. Schon Polenz hatte ja 1966 die abwegige These aufgestellt: „Der ganze Sprachpurismus beruht auf dem methodologischen Irrtum der Vermischung von Diachronie und Synchronie.“ Engel dagegen: „Was fragt die Sprache nach dem Ursprung?“ - Ist das der „Reinheitsgedanke“? Engel lehnte es ab, sich als Puristen bezeichnen zu lassen, und benutzte unbefangen Fremdwörter wie Kultur, Prosa, Poesie, Person, komisch, dramatisch, mathematisch, Logarithmus, Natur, Mythologie.
Computer soll ein Fremdwort sein, weil es ein Genus hat, high school aber nicht, sondern ein Zitatwort, obwohl es auch Genus hat, sogar in Eisenbergs Satz: geht ein Kind dort zur high school (3).
Zur Wortbildung: Eisenberg wendet wie die meisten Forscher das Verfahren „Analyse durch Synthese“ an, ohne dies näher zu begründen. Entsprechungen zwischen Formen werden durchweg als Herleitungen der einen aus der anderen behandelt, unabhängig von ihrem Alter. Die Unangemessenheit dieses Verfahrens bei schon vorhandenen, historischen Wortgebilden kommt nicht zum Bewußtsein, führt aber zu vielen Problemen.
„Für die Adjektive [frontal, normal usw.] gibt es eine substantivische Basis (Front > frontal, Norm > normal), wobei nicht von etymologischen Verhältnissen, sondern von synchroner Beziehbarkeit die Rede ist.“ (278)
Aber Basis ist ein etymologischer Begriff, da er auf Ableitung bezogen ist. Die Beziehbarkeit ist wechselseitig und braucht keine Basis.
„Dasselbe gilt für [real, legal, jovial, trivial], nur muss hier ein wenig Latein herangezogen werden.“ (278) – Es geht nicht darum, ob nur ein wenig oder viel Latein herangezogen werden muß. Eisenberg weiß sonst sehr genau, daß überhaupt kein Latein herangezogen werden darf, weil der deutsche Sprecher als solcher kein Latein kann.
Zu den Ableitungen von lat. u-Stämmen: rituell, sexuell. Dort werde nur das s abgespalten usw.: „Wir wollen mit den Hinweisen auf das Lateinische nicht die synchrone Analyse für das Deutsche aus den Angeln heben, sondern nur verdeutlichen, wie eng auch bei den Adjektiven auf ell der Bezug zu substantivischen Basen ist.“ (280)
Das zeigt den Grundfehler: Bei längst vorhandenen, nur historisch erklärbaren Wörtern kann es ja nur um das Verstehen, also den Hörer gehen. Der weiß nichts von lat. u-Stämmen und leitet nichts dergleichen ab. Es wird verkannt, daß die synchrone Analyse nur die Rezeption betrifft.
Man kann ja nach diesem Muster nicht einfach senatuell, luxuell bilden. manuell kann nicht von Manus abgeleitet werden, weil es Manus im Deutschen gar nicht gibt. Aber daß es Ritus gibt, ist auch Zufall, die Ableitung ist nicht im Deutschen vorgenommen.
Nur das Suffix -isch ziehe bei fremden Stämmen den Akzent auf die unmittelbar vorhergehende Silbe: lutherisch, hysterisch usw. Das ist dann die letzte schwere Silbe. Aber Eisenberg erklärt nicht, warum Luther anders behandelt wird als Schiller usw.
„Wörter wie aheldisch, asilbisch, adiebisch, aweltlich, achristlich, agastlich sind wohlgeformt unabhängig davon, dass sie sich gegen das native un praktisch nicht durchsetzen.“ (304)
Mit Prognosen dieser Art sollte man vorsichtig sein, da die Gründe der Nichtbildung unbekannt sind. Sollen wir wirklich für möglich halten, daß eines Tages jemand sagt: „Sie grüßte ihn afreundlich“? Und wenn nicht, was bedeutet es dann, diese Bildung für „wohlgeformt“ zu erklären?
In einer Liste von „Nomina Agentis auf ist“ stehen u. a. Anarchist, Linguist, Optimist, Anglomanie, Chronometrie, Mechanokratie. Die gesamte Liste enthält kein einziges Nomen agentis, einige enden nicht einmal auf -ist.
Unter den Verben mit dem Fremdsuffix -ieren soll es „mindestens ein gutes Dutzend Verben mit nativen Stämmen“ geben, aber die Liste enthält zur Hälfte nichtnative: blondieren, kurieren, glossieren, kutschieren, maskieren, probieren, spendieren.
Schwächen gibt es, sobald Eisenberg Ausflüge in die Sprachgeschichte macht – ein ihm offensichtlich fremdes Gebiet.
siech ist mittel- und neuhochdeutsch, aber nicht germanisch (*seuka-).
Acker wird fälschlich als Lehnwort aus dem Lateinischen dargestellt, ist aber mit ager urverwandt.
„In einem Wort wie Geologie sind wegen das Stammauslauts offenbar zwei o zu einem verschmolzen oder es wurde ein o getilgt.“ - Wieso denn das?

„Die Grundfunktion des lateinischen or als Suffix für Agenssubstantive ist noch erkennbar.“ (zu Aggressor, Faktor, Quantor) Das Suffix heißt aber -tor, und aus der Verschmelzung des t mit dem Stammauslaut ergeben sich interessante Erscheinungen, die der deutsche Sprecher nicht durchschauen (und erst recht nicht selber bilden) kann.
Bei der Fremdwortbildung setzt sich der übliche Fehler fort, für längst vorhandene Wortgebilde einen fiktiven Entstehungsprozeß entwerfen zu wollen, der die Entstehung „im Deutschen“ simulieren soll. Die Suche nach den Ausgangsformen geht meist ins Leere. Devotion, Perversion usw. sollen „deadjektivisch“ sein, Aktion, Rezeption desubstantivisch (wegen Akt, Rezept). Aber es gibt keinen Grund, synchronische (wechselseitige) Entsprechungen als historische (und natürlich falsche) Ableitungsbeziehungen darzustellen.
Die Verben auf -isieren sollen alle transitiv sein, vgl. aber z. B. fraternisieren.
Die Lehre von den Konfixen, ein besonders unglückliches Kapitel der neueren Wortbildungslehre, wird durchaus kritisch gesehen: „Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wurde den Konfixen zugeschlagen.“ Aber Eisenberg macht dann doch mit und gibt sogar eine eigene Definition; er definiert das Konfix als „morphologische Einheit, die als Erstglied eines Kompositums mit Fugenelement oder als Zweitglied eines Kompositums auftritt und kein Stamm ist.“
Im letzten Kapitel handelt Eisenberg von Sprache der Nähe und Sprache der Distanz im Sinne der bekannten Unterscheidung von Koch und Oesterreicher („mediale vs. konzeptionelle Mündlichkeit/Schriftlichkeit“). Die Darstellung ist hier recht kursorisch und bringt erwartungsgemäß nicht viel. Die ältere Unterscheidung der „Ausbau“-Sprache kommt zur Geltung, Kloss wird aber nicht erwähnt.
Sonstiges: Auf die abweichende Betonung von Abteilung (und daher Abteil) mußte nicht erst Ágel hinweisen, das steht z. B. schon bei Hermann Paul (Dt. Gramm V:76). Vgl. übrigens Abort. Eisenberg fügt die interessante Vermutung hinzu, es könnte auf Vermeidung des Betonungshiats beim militärischen Kommando Abteilung halt! zurückgehen. - Atropin ist kein Narkosemittel. - Es gibt keine „Neuübersetzung von Ferdinand de Saussures 'Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft' durch Peter von Polenz im Jahre 1967“. Polenz hatte zwar das Nachwort geschrieben, die Übersetzung war aber immer noch die von Hermann Lommel.

 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.10.2011 um 04.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19441

Im Wikipedia-Artikel zu Tobel steht:

Der schweizerische Flurnamenforscher Paul Zinsli leitet in seinem Buch Ortsnamen die Herkunft des Namens von tubale aus lateinisch tubus (‚Röhre‘) ab. Die alemannischen Einwanderer sollen diesen vulgär-lateinischen Namen von der ansässigen romanischen Bevölkerung als Lehnwort übernommen haben.

Was ein Bindestrich ausmachen kann!
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.09.2011 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19247

Es gibt eine neue Bedeutung für das altgriechische Wort "oikumenä": Der Papst übersetzt es mit "Mißverständnis". Auch "tote" Sprachen entwickeln sich weiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.08.2011 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19090

Das sollte auch nicht bestritten werden. Gemeint war: Zwischen seligieren und selegieren bevorzugen sie die Form mit e.
 
 

Kommentar von MG, verfaßt am 02.08.2011 um 02.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19089

| Der Zusammenhang seligieren und Selektion ist
| für heutige Deutsche nicht nachvollziehbar, sie
| bevorzugen die Verbform selegieren.

Das verblüfft mich. "Selegieren" gehört nicht zu meinem aktiven Wortschatz, wenngleich ich mir das Wort aus dem Lateinischen herleiten kann. Als gängiges Verb zu "Selektion" kenne ich "selektierten". Nach Google ist "selektieren" etwa hundertmal so häufig wie "selegieren".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2011 um 05.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19071

Zu den sprachlichen Mißgebilden gehört natürlich auch der Narzißmus (haplologisch statt Narzissismus), von dem gerade so viel die Rede ist. Journalisten, die den norwegischen Massenmörder überhaupt nicht kannten, wußten doch von Anfang an, daß er eine narzisstische Persönlichkeit sei und an einer narzisstischen Störung leide usw. Wenig später zogen die Psychologen nach und stellten ihre gewohnten Ferndiagnosen: narzisstisch. Die Wertlosigkeit der Psychologie als Wissenschaft konnte nicht deutlicher werden.
Bei der frühverstorbenen Amy Winehouse paßt das nicht so gut, sie ist ein "Borderline"-Fall.
Nun sind wir aber alle mehr oder weniger narzißtisch und auch Borderline-Fälle. Alle schwer gefährdet oder gefährlich, was man beunruhigend finden kann oder auch nicht. Jedenfalls klappert die Begriffsmühle.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2011 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19070

Unklassisch ist z. B. auch der Verzicht auf Hiatbeseitigung: Bioenergie, autoerotisch usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2011 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19069

Ja, es ist ein buntes Gemisch, was da bereitliegt. Und sein Wandel ist gerade das sprachsoziologisch Interessante. Wie gezeigt, wechselte der Gebildete früher in die antike Sprache, die er in der Schule gelernt hatte, bildete, wie Virchow es verlangte, ein neoklassisches Wort (das grundsätzlich auch antik hätte sein können), und integrierte es dann mehr oder weniger ins Deutsche, Französische usw. Seit die Schule nicht mehr unbedingt diese alten Sprachen vermittelt, ist nur noch ein ungefähres Wissenüber Hiate, Elisionen, Themavokale usw. vorhanden, und daraus wird dann geschöpft. Aber wie Dittmer zeigt: Wenn jemand tatsächlich zu Skrupel ein Adjektiv skrupulös bildet oder regulär zu Regel, muß er im Innern des Wortes gewisse Lateinkenntnisse anwenden. Über das ganz klassisch gebildete Kaleidoskop hatte ich schon gesprochen. Extrem unklassisch ist z. B. Konstrosemantik.
Das "Lexikon der germanistischen Linguistik" griff um 1980 tief in die Kiste mit den Resten humanistischer Bildung und bildete nach Herzenslust unerhörte Wörter, die allerdings die erhoffte internationale Wirkung dann doch nicht entfalteten, vielleicht weil es den französischen und anglophonen Kollegen nicht einleuchtete, daß Namen Schall und Rauch sein sollten.
Ein ostdeutscher Textlinguist prägte damals Wörter wie gnosogen, kopersonal, ergotrop, kalogen, religiotrop, ludophil – alles verweht, und der Erfinder ist auch vergessen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.07.2011 um 14.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19068

»Allgemeinklassisch« ist aber offensichtlich keine funktionierende Sprache, sondern bloß ein Fundus von Wortbestandteilen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.07.2011 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19067

Neulateinische Wörter sind auch im Französischen und Englischen gebildet worden.
Mit diesen internationalen Fremdwörtern kann man sich auch in anderen europäischen Fremdsprachen verständlich machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2011 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19065

In Latein bzw. Griechisch als Fremdsprache oder einem sich entwickelnden "Allgemeinklassisch".

Übrigens: einer der besten Aufsätze dazu stammt von dem Dänen Ernst Dittmer und ist wiederabgedruckt in Peter O. Müller, hg.: Fremdwortbildung. Frankfurt 2005.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.07.2011 um 00.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19064

Wenn solche »klassischen« Neologismen nicht »im Deutschen« gebildet werden (obwohl zur Verwendung in deutschen Texten), so können sie aber auch nicht »im Lateinischen« gebildet sein, wie sich an den hybriden Bildungen zeigt. In welcher Sprache sollten diese denn gebildet sein, »im *Gräkolateinischen«?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2011 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19063

Eine besondere Rolle spielte für das Deutsche die lateinische Sprache. Unter Gebildeten herrschte jahrhundertelang eine gewisse Diglossie, die besonders seit dem Humanismus zu eigentümlichen Texten führte. Die Muttersprache und das Lateinische existierten nicht nur im selben Individuum nebeneinander, sondern verbanden sich zu einem „Diasystem“ (Munske). Noch bis tief ins 19. Jahrhundert deklinierte man lateinische Fremdwörter im deutschen Text lateinisch und setzte sie in Antiqua zwischen die Fraktur der deutschen Wörter: den Nominibus, den Verbis usw. Die lateinischen Kasus wurden also nicht nur mit den deutschen gleichgesetzt, sondern von deutschen Verben oder Präpositionen regiert. Später verzichtete man auf die Kasusmarkierung, aber noch nicht auf den lateinischen Numerus: den Nomina, Verba. Noch Hermann Paul schreibt: aus Nominibus, aber aus Substantiven, aus Adjektiven (Deutsche Grammatik, um 1920). Heute ist eher üblich: den Nomen, Verben, d. h. die Fremdflexion ist aufgegeben, sogar in sprachwissenschaftlichen Texten. Von den Beispielen mit assimiliertem ad, die Ehlich aufzählt (Akkommodation, Affinität, Aggression, Alluvium, Apposition, Arrosion, attentiv), ist keines „im Deutschen“ gebildet worden. Heute erfinden Germanisten Wörter wie Adkopula, niemand denkt daran, Akkopula zu bilden.
Aus demselben Umkreis stammt Basokomponem – die Grammatiker des 19. Jahrhunderts würden sich im Grab umdrehen! Beliebige Bestandteile lateinischer und griechischer Wörter werden als Versatzstücke verwendet. Ich beklage das nicht, es ist eine Art Modernisierung und hält auf seine Art den antiken Wortbestand lebendig.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.07.2011 um 18.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19024

Daß das lateinische Suffix "-tor" heißt, sieht man daran, daß es bei vokalischen Stammauslauten immer in dieser Form auftritt. Das "-(t)or" tritt aber nur bei klassisch-lateinischen Wortwurzeln auf, bei mittellateinische Wortwurzeln heißt es "-arius", bei deutschen Wortwurzeln "-er" und bei westslawischen "-ar". Slawische Handwerkerbezeichnungen können auch aus dem Mittelhochdeutschen stammen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.07.2011 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19023

In Mineralogie gibt es eine Verschmelzung zweier l.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2011 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#19021

"In einem Wort wie Geologie sind wegen das Stammauslauts offenbar zwei o zu einem verschmolzen oder es wurde ein o getilgt." (Peter Eisenberg: Das Fremdwort im Deutschen. Berlin/New York 2011:312)

Welche zwei o? Es geht doch völlig regelmäßig zu:
Ge-o-logie

Ebenso übrigens bei Biologie.

Man kann natürlich solche Dinge nicht untersuchen, ohne ein wenig Griechisch zu können und auch zu wissen, was ein Themavokal ist. Sonst bleibt man auf dem Niveau unserer Späßchen mit Zoooooologie (Wissenschaft von im Zoo gelegten Eiern).

Eisenberg schreibt auch:

"Die Grundfunktion des lateinischen or als Suffix für Agenssubstantive ist noch erkennbar." (222 zu Aggressor, Faktor usw.)

Auf dieser Grundlage kann man aber die Fremdwörter nicht analysieren. Das lateinische Suffix heißt nun mal tor, und der Dental verbindet sich mit Stammauslaut in verschiedener Weise, das ist gerade der Witz dabei. Die falsche Analyse kann deshalb auch nicht als rein synchronische gerechtfertigt werden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.07.2011 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#18972

Zu "durchstudieren": Alle Slawen amüsieren sich darüber, daß es im Deutschen kein Wort für "fertigstudiert" gibt, also für "Studium mit Examen abgeschlossen". Jedesmal muß man nachfragen, was oft peinlich wirkt. In den slawischen Sprachen gibt es selbstverständlich Verben für "studiert" und für "fertigstudiert".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2011 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#18971

Das Deutsche Fremdwörterbuch (Kirkness u.a.) gibt bei Wörtern, die zum erstenmal in einem deutschen Text belegt sind, "dt" als Herkunftsangabe an. Das ist, wie dargestellt, ziemlich irreführend. Beispielsweise ist Blamage wohl von einem Deutschen gebildet, er glaubte aber doch wohl, sich auf dem Boden des Französischen zu bewegen.

Auch bei Fidibus wird deutsche Herkunft angegeben, da aber die Etymologie unklar ist (womöglich ein Studentenulk wie so vieles), kann man nicht einmal sagen, daß es ein Fremdwort ist.

Dazu kommen die vielen Zusammensetzungen mit deutschen Bestandteilen wie Infusionstierchen, ferner zahllose Verbzusatzkonstruktionen (durchstudieren, emporstilisieren, hinaustransportieren) sowie Ableitungen (symbolhaft), die als Ganzes natürlich deutsch sind, aber das ist ja trivial. So entstehen falsche Proportionen: ein gutes Drittel der 9200 Einträge soll im Deutschen entstanden sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.07.2011 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#18955

Oder nehmen wir das Wort Prosopagnosie. Es ist zwar von einem Deutschen gebildet, aber nicht im Deutschen.

Vgl. http://www.prosopagnosia.de/Beschreibung.html

Dort kann man auch den Originaltitel sehen: "Die Prosop-Agnosie" – Bodamer hatte in Stuttgart das humanistische Gymnasium absolviert. Offensichtlich wechselte er kurz ins Altgriechische, bildete dort völlig korrekt eine Zusammensetzung und glich sie dann dem Deutschen an, was Aussprache und Wortausgang betrifft. Den Bindestrich setzte er wohl entgegenkommenderweise, damit man sieht, wo die Fuge liegt. Hundert Jahre früher wäre das nicht nötig gewesen.

Es ist für einen Deutschen nicht möglich, sozusagen mit Bordmitteln ein derartiges Wort zu bilden. Daher meine These: Ein großer Teil der sogenannten Fremdwortbildung gehört überhaupt nicht zur deutschen (englischen, französischen usw.) Wortbildungslehre. Die Literatur dazu ist unnötig aufgebläht.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.07.2011 um 00.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#18940

Ähnliches gibt es auch in anderen Sprachen: Im Serbischen heißt Kino bioskop, obwohl dieses Wort im Neugriechischen nicht existiert und Kino dort – wie zu erwarten – kinämatográphos heißt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2011 um 17.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#18939

Die vorherrrschende Ansicht zur Fremdwortbildung (auch Lehnwortbildung genannt) ist diese:
"Fremdwörter werden entweder als ganze 'fertige' Wörter aus einer fremden Sprache in das Deutsche entlehnt oder sie werden aus fremden Bestandteilen im Deutschen gebildet.“
Oder so:
„Fremdwörter können auf zwei Wegen ins Deutsche kommen. Sie werden entweder als ganze Wörter aus einer fremden Sprache übernommen, oder sie werden aus fremden Bestandteilen im Deutschen gebildet.“
Und dann so:
„Welche Bedeutung die Lehnwortbildung im Deutschen hat, konnte bei einer Analyse des Wortbestandes festgestellt werden, der im Abschlussband des deutschen Fremdwörterbuchs enthalten ist. Von den erfassten 9189 Wörtern sind 3226 im Deutschen selbst gebildet und nicht als Ganze entlehnt worden, das sind 35.11%. Das heißt, etwa ein Drittel des Wortschatzes, der als fremd oder entlehnt gilt, ist erst in der eigenen Sprache entstanden.“

Ich bin anderer Meinung. Sehr viele Fremdwörter sind zwar nicht als ganze aus der Quellsprache übernommen, sie sind aber auch nicht "im Deutschen" gebildet. Vielmehr haben Deutsche, genau wie Engländer usw., die einer Fremdsprache mehr oder weniger mächtig waren, in dieser FRemdsprache neue Wörter gebildet, und zwar nach deren Regeln und Mustern, und das Ergebnis dann gewissermaßen ins Deutsche entlehnt und bei Bedarf auch teilweise integriert (Aussprache, Wortausgang, Flexion).
Ein Beispiel, mit dem sich der Hergang veranschaulichen und beweisen läßt, habe ich schon öfter angeführt:
Das Wort didaktalogen ("durch den Lehrer verursacht") kommt zum erstenmal vor in einem Aufsatz von Fritz Hermanns über das Zustandspassiv (Das Passiv im Deutschen. Akten des Kolloquiums über das Passiv im Deutschen, Nizza 1986). Offensichtlich aus dieser Quelle übernommen findet man es bei Eugène Faucher in ders./René Métrich/Marcel Vuillaume (Hrsg.): Signans und Signatum. Tübingen:1995. Wer dies zuerst bildete – vielleicht in Analogie zu iatrogen -, hat für den Stamm keine Vorlage im deutschen Fremdwortschatz gefunden, sondern griff auf das Griechische selbst zurück, denn nur dort gibt es das l-haltige Lexem didaskalos (abgesehen von der sehr seltenen Didaskalie). Allerdings war die Erinnerung an den Griechischunterricht nicht hinreichend genau. Daß der Schreiber Deutscher war, ist unerheblich, es hätte von jeder anderen Muttersprache aus unterlaufen können, Faucher zum Beispiel ist Franzose.
Was hat der Verfasser getan? Er hat ein neoklassisches Wort gebildet, von dem er wohl annahm, daß es so auch im Griechischen hätte gebildet werden können. Nur am Wortausgang ist die übliche Anpassung ans Deutsche eingetreten, das kann hier außer Bertracht bleiben. Die entscheidenden Schritte der Zusammensetzung sollen griechisch sein; nur zufällig ist der erste Bestandteil etwas verrutscht, beweist aber gerade dadurch, daß kein eingedeutschter, sondern ein griechischer Stamm verwendet werden sollte.
Fleischer/Barz meinen: „Die Fremdwortbildung vollzieht sich mit Fremdelementen auf der Basis der Wortbildungsstrukturen des Deutschen.“ Aber ihre Beispiele mit -skop (Kaleido-skop, Peri-skop usw. nach Mikro-skop) zeigen, daß das nicht zutrifft. Kein Deutscher hätte nur aufgrund seiner deutschen Sprachkompetenz Kaleidoskop bilden können. (Auch kein Engländer: Es wurde 1816 von David Brewster geprägt, der über eine humanistische Bildung verfügte und ein Theologiestudium absolviert hatte.)
Als Philipp von Lichtenthaler im Jahre 1816 die Bezeichnung Glyptothek für das neue Münchner Museum antiker Skulpturen prägte, konnte er nicht (oder nicht nur) auf Fremdmaterial zurückgreifen, das im Deutschen bereits vorhanden war. Der erste Bestandteil ist noch heute im Deutschen so unbekannt, daß die Wikipedia ihn (übrigens auch in der englischen Fassung) irrigerweise aus einem nichtexistenten glyptein (statt glyphein) herleitet; ebenso verfahren Dutzende von Websites. Der gelehrte Bibliothekar mußte seine Griechischkenntnisse zu Hilfe nehmen. Was er tat, war zunächst unspezifisch für das Deutsche, erst die Integration ist deutsch. Das neue Wort ist ohne Schwierigkeiten in andere Sprachen übernommen worden.
Wenn zur Bildung eines neuen Wortes nicht nur Fremdwortkenntnis, sondern Fremdsprachenkenntnis erforderlich ist, dann handelt es sich nicht mehr um ein Verfahren innerhalb der Muttersprache.

Nach diesem Verfahren können wir die deutsche Wortbildungslehre stark entlasten. Vor allem die lateinische und griechische Wortbildungslehre (von den Engländern usw,. in gleicher Weise genutzt) muß nicht in die deutsche inkorporiert werden.

Die eigentliche Frage ist eine bildungssoziologische und betrifft die noch vorhandene oder eben schon entschwundene Di- und Triglossie der gelehrten Bevölkerungsschichten.

Ich komme darauf zurück.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 02.07.2011 um 12.52 Uhr  
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