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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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06.07.2008
Rhetorik
Der neue Renner – wieder einmal

Beinahe jede Woche werden wir Hochschullehrer aufgefordert, uns hochschuldidaktisch weiterzubilden.
Gegen gutes Geld, das wir privat zahlen müßten, wollen uns junge freiberufliche Rhetorik-Trainerinnen das überzeugende Reden (und manches andere) beibringen. Ob solche Veranstaltungen je zu einer Verbesserung der Lehre geführt haben, weiß ich nicht, wahrscheinlich ist es nie untersucht worden (wie ja auch die Evaluierer, die das Land heute bevölkern, nie evaluiert werden). Es wundert mich ja schon ein bißchen, daß die jungen Damen, von denen sonst weiter nichts bekannt ist, sich anheischig machen, zu unseren Vorlesungen etwas Nahrhaftes beizutragen. Nun, mich betrifft es nicht, ich werde bald pensioniert und ändere mich sowieso nicht mehr.

Das Ganze erinnert mich an einen Gedanken, den einer meiner akademischen Lehrer vor über vierzig Jahren einmal äußerte: Die abendländische Bildungsgeschichte läßt sich als ununterbrochener Konkurrenzkampf von Wissenschaft (Platon) und Rhetorik (Isokrates) auffassen. Das muß man sich mal durch den Kopf gehen lassen. In den Geisteswissenschaften und in der Hochschulpolitik haben im Augenblick die Rhetoriker den Fuß in der Tür. Daher auch die "Schlüsselqualifikationen" in den neuen Studiengängen. Wer hier nachliest, wird sofort die Richtigkeit jenes Gedankens erkennen: Die Versprechungen gleichen aufs Haar denen der alten Sophisten. Bei uns in Erlangen heißt es klipp und klar, daß alles im Dienst der "Employability" steht. Das ist etwas so Erhabenes, daß es kein deutsches Wort dafür gibt.



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Kommentare zu »Rhetorik«
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Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 06.07.2008 um 21.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12504

Dies scheint mir aber auch eine Folge der durch Picht angestoßenen Akademikervermehrung zu sein. Wozu werden die vielen Hochschulabsolventen denn wirklich gebraucht? Die "Intelligenzia" schafft sich mangels echter Betätigungsfelder eigene Wolkenkuckucksheime. So wächst unerbittlich der Wasserkopf der Gesellschaft. Dabei werde ich unwillkürlich an "Das Riesenspielzeug" von Adelbert Chamisso erinnert. Na gut, so lange wir es bezahlen können und trotzdem satt werden ...
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 07.07.2008 um 08.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12507

Ein wenig gleicht das auch der Autolegitimation des Fundraisings, einer auch in Zeiten stagnierender Spendeneinnahmen stets prosperierenden Branche.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 07.07.2008 um 18.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12522

Bei uns in Erlangen heißt es klipp und klar, daß alles im Dienst der "Employability" steht.

Ob's ein Engländer oder Amerikaner versteht? Ich habe da so meine Bedenken...
 
 

Kommentar von Philip Köster, verfaßt am 07.07.2008 um 23.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12526

Lieber Herr Ickler,

Sie schrieben "Nun, mich betrifft es nicht, ich werde bald pensioniert und ändere mich sowieso nicht mehr." Das ist einerseits sehr sympathisch, andererseits aber auch Wasser auf die Mühlen derer, die das Problem des Protests gegen die NDR vornehmlich als ein rein biologisches betrachten. Seien Sie versichert, daß es auch Nachkommen geben wird, die im Kampf gegen den Anfängerschrieb nicht lockerlassen werden. So gesehen könnten Sie ruhig in den wohlverdienten Ruhestand treten. Nicht nur ich, wir alle haben Ihnen viel zu verdanken. Hoffentlich bleiben Sie uns noch eine lange Weile erhalten.

Grüße
Ph.

PS: Himmel, das klang jetzt fast schon wie ein Nachruf. Dabei ist Herr Ickler lebendiger denn je.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.07.2008 um 18.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#12550

Ergänzend möchte ich dazu einladen, sich einmal die Personen näher anzusehen, die zum Beispiel in unserer Region von den Hochschulleitungen dazu eingeladen werden, den Professoren usw. Didaktik und Rhetorik beizubringen: siehe dazu hier.

Man kann natürlich verstehen, daß die Universitäten selbst etwas ratlos sind, was die plötzlich über sie gekommenen "Schlüsselqualifikationen" betrifft. So sieht man sich eben auf dem blühenden Markt um.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.01.2011 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#17860

Der Vorsitzende des Verbandes der Redenschreiber hat vor zwei Jahren wissenschaftlich ("semiometrisch") bewiesen, daß Westerwelle ein ausgezeichneter Redner ist. Zugleich ist Westerwelle aber, wie wir heute wissen, einer der erfolglosesten Politiker aller Zeiten.
Irgendwie auch tröstlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2011 um 06.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19244

Wenigstens als rhetorische Meisterleistung soll doch auch die Rede des Papstes vor dem Bundestag erwähnt werden. Benedikt brachte immerhin die Grünen dazu, der katholischen Sexualmoral zu applaudieren. Sie haben nämlich vor lauter Freude über das Lob der ökologischen Bewegung gar nicht verstanden, was mit dem Hinweis auf die unabänderliche Natur des Menschen gemeint war.
Außerdem beruhte die Rede, typisch rhetorisch, auf zwei Äquivokationen: Der Positivismus als wissenschaftstheoretische Position hat nichts mit Kelsens Rechtspositivismus zu tun. Die zehnmalige (!) Erwähnung des Positivismus hat diesen Unterschied ein wenig zugedeckt. Und der Naturbegriff der Naturrechtsphilosophie ist ein ganz anderer als der Naturbegriff der Naturschützer.

Insofern könnte die Rede im Schulunterricht behandelt werden, als lehrreiches Beispiel rhetorischer Sprachbehandlung.

(Der naturalistische Fehlschluß, den Benedikt mitsamt dem Naturrecht zu rehabilitieren versuchte, wird in der Oberstufe der Gymnasium bereits behandelt, bei meiner jüngsten Tochter ist die Erinnerung noch ganz frisch, und die Papstrede ist die erste Gelegenheit, den langweiligen Ethikunterricht überhaupt mit dem Leben zu verbinden.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2011 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19256

Die Pius-Bruderschaft ist nicht ganz fair gegenüber dem Papst, denn sie deckt den rhetorischen Trick auf:

»Die Bedeutung der Ökologie sei heute unbestritten, sagte der Papst, aber: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“
Als Beispiel rief der Heilige Vater die Vorgänge im Dritten Reich an, aber natürlich ging es ihm letztlich um das, was heute fast für selbstverständlich gehalten wird: Homosexualität und empfängnisverhütende Mittel und Praktiken galten von alters her als „Sünden gegen die Natur“. Ebenso sind Abtreibung, Genmanipulation und die Genderideologie mit dem Naturrecht nicht vereinbar. Hätte der Papst diese Dinge beim Namen genannt, wäre es zum Eklat gekommen. So aber wussten selbst die schärfsten Gegner des Papstes zunächst nicht viel mehr, als das zu kritisieren, was ihrer Meinung nach fehlte: der Hunger und die Kriege in der Welt, die Stellung der Frau, der Zölibat, die Missbrauchsfälle usw.
In den Anmerkungen zur Rede beruft sich Papst Benedikt übrigens mehrmals auf das Buch von Wolfgang Waldstein: Ins Herz geschrieben, das man auch im Sarto-Verlag bestellen kann.«



Nachtrag: In manchen Wiedergaben der Papstrede fehlen die fünf Anmerkungen, von denen sich drei auf Waldstein beziehen, dessen Buch im Verlag der Pius-Bruderschaft erschienen ist und auch erklärt, warum Benedikt ausgerechnet Hans Kelsen so sehr in den Mittelpunkt stellt. Man könnte Benedikts Rede geradezu in die Reihe der Plagiate stellen, aber wie gesagt: er gibt ja seine Quelle ausdrücklich an. Den Sarto-Verlag konnte er in seinem Vortrag auch nicht gut erwähnen, sonst wäre es vielleicht tatsächlich zum Eklat gekommen. Die Rede und ihr Hintergrund gehören zur extremsten konservativen Seite des katholischen Spektrums.
Es bleibt dabei: Die meisten Abgeordneten wußten wohl wirklich nicht, welchen Thesen sie da Beifall spendeten, und die Journalisten haben größtenteils überhaupt nichts verstanden, weshalb sie die Rede vorsichtshalber erst einmal als "tief" bezeichneten.
(Waldstein wurde erst kürzlich vom Papst empfangen.)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.09.2011 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19257

Ganz hilfreich zum Verständnis der Reaktion auf die Rede des Papstes im Bundestag ist die Analyse der Freiburger Papstrede von Daniel Deckers in der FAZ. Hier das vermeintliche Lob der Ökologie, dort der Hinweis des Verzichts auf Privilegien. Und alles sehr mißverständlich, wenn man die Vokabeln nur aus dem eigenen Umfeld heraus deutet.

www.faz.net/artikel/C32826/benedikt-xvi-professor-papst-30724320.html
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.09.2011 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19259

Die Grünen um den Finger zu wickeln, ist ja auch nicht schwer, die verstehen sowieso nichts mehr. Ich erinnere mich noch, wie eine Bonner Lokalpolitikerin der Grünen mir rundheraus erklärte, sie finde die Rechtschreibreform gut. Das sind die Leute, die auch schon mal (kein Witz!) zu "MitgliederInnenversammlungen" einladen, dort "DelegiertInnen" wählen oder bei einer Angelegenheit im Stadtrat "eine optimalere Lösung" fordern.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.09.2011 um 23.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19260

Als Ergänzung zum Beitrag von Herrn Ickler (1024#19244) sei hier noch der Verweis auf die Bundestagsrede des Papstes gegeben, weil ich mir nicht sicher bin, ob die überregionalen Zeitungen die von Hefty und Prantl so pauschal gelobte Rede überhaupt abgedruckt haben.

www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/benedict/rede.html

(Immerhin hat der Bundestag die Rede in der Rechtschreibung veröffentlicht, in der sie womöglich verfaßt wurde.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2011 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19263

Aber auch hier fehlen die fünf Anmerkungen, von denen drei auf die Quelle (Waldstein) verweisen. Inzwischen bin zu der Vermutung gelangt, daß die Rede hauptsächlich von Wolfgang Waldstein verfaßt wurde.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.09.2011 um 00.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19266

Die offizielle Version der Papstrede vor dem Bundestag ist (mit Anmerkungen) auf der Internetseite des Vatikans hier zu lesen.

Die Version auf der Internetseite des Bundestages weicht davon zumindest darin ab, als es dort in der Begrüßung "Herr Bundesratspräsident" heißt. In der Version des Vatikans heißt es richtig "Frau Bundesratspräsidentin". Was der Papst nun wirklich gesagt hat, geht daraus natürlich nicht hervor. Daß die Bundestagsversion aber kein stenographisches Protokoll ist, geht aus dem Vermerk "Es gilt das gesprochene Wort" hervor. Wahrscheinlich enthielt der ursprüngliche, dem Bundestag zugeleitete Entwurf diesen Fehler. Man kann nur hoffen, daß der Papst rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht wurde.

Mündlich gehaltene Reden enthalten im allgemeinen keinen Anmerkungsapparat. Auch nur andeutungsweise von "Plagiat" zu reden, erscheint mir deshalb als unangemessen.

Das zitierte Werk von Wolfgang Waldstein ist nicht im Sarto Verlag, sondern (so die Deutsche Nationalbibliothek) im Sankt-Ulrich Verlag erschienen, so wie auch Bücher von Papst Benedikt, einschließlich seiner Enzykliken. Daß man das Buch von Waldstein "auch im Sarto-Verlag bestellen kann", heißt nicht, daß es dort erschienen wäre.

Daß der "wissenschaftstheoretische" Positivismus "nichts mit Kelsens Rechtspositivismus zu tun" habe, daran kann man füglich zweifeln. Eine gewisse Ideenverwandtschaft liegt jedenfalls durchaus nahe.

Ebenso kann man darüber verschiedener Meinung sein, ob der Papst einem primitivem "naturalistischen Fehlschluß" erlegen sei. Natürlich trennen ihn in der Sexualmoral Welten von den Grünen; was allerdings "Genmanipulation", PID usw. betrifft, liegen beide durchaus nahe beieinander. Der "naturalistische Fehlschluß" ist jedenfalls hierzulande weit verbreitet. Warum sollte es bei "unserem Papst" anders sein?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 30.09.2011 um 08.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19267

Er hat »Frau Bundesratspräsidentin« gesagt. Siehe und höre hier.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.10.2011 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19273

Tatsächlich ist mir beim "Sarto-Verlag" ein kleiner Irrtum unterlaufen, allerdings macht es keinen großen Unterschied, wo Waldstein veröffentlicht. (Mit seinen Schriften sollte man sich auf jeden Fall befassen!)

Wesentlich scheint mir die richtige Einsicht der Piusbrüder, daß es, hätte der Papst "die Dinge beim Namen genannt", zum Eklat gekommen wäre, während es nun, weil er sich undeutlich ausgedrückt hat, zu allgemeinem Beifall gekommen ist. Die Bundestagsabgeordneten sind regelrecht vorgeführt worden, und das geht denn doch uns alle an.

“Ich muß gestehen: daß ein schönes Gedicht mir immer ein reines Vergnügen gemacht hat, anstatt daß die Lesung der besten Rede eines römischen Volks- oder jetzigen Parlaments- oder Kanzelredners jederzeit mit dem unangenehmen Gefühl der Mißbilligung einer hinterlistigen Kunst vermengt war, welche die Menschen als Maschinen in wichtigen Dingen zu einem Urteile zu bewegen versteht, das im ruhigen Nachdenken alles Gewicht bei ihnen verlieren muß.“ (Kant)

Inzwischen ist es ja bei vielen zu ruhigem Nachdenken gekommen, und die Gesichter werden lang und länger.

Seltsam ist nur, daß der Papst sich über einen Beifall freut, der nur auf einem Mißverständnis beruht (was er natürlich auch genau wußte). Fürchtet er denn gar nicht die Wut der Leute, sobald sie merken, daß sie ausgetrickst worden sind? Die taz fragt mit Recht: „Warum nutzt Ratzinger die Chance nicht, in verständlichen Worten ernsthaft zu den Leuten zu sprechen?“ Leider muß man annehmen, daß auch die Antwort zutrifft: „Weil ihm das Event reicht, weil es ihm gar nicht um die Vermittlung von klerikalen Überzeugungen geht, sondern um den Auftritt an prominenten Orten.“

Sonst hätte er doch in allgemeinverständlichen Worten auf die Fragen antworten können, die der Bundespräsident durchaus stellvertretend für Millionen Katholiken aufgeworfen hat. Und geantwortet hat er ja auch, aber so, daß praktisch niemand ihn verstand. Und der Bundespräsident muß sich nun von einem Prälaten Imkamp abkanzeln lassen, daß es eine Art hat!

Ahi wie kristenliche nu der babest lachet ...(Walther von der Vogelweide)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.10.2011 um 23.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19278

Man mag ja die Bundestagsabgeordneten und die grünen insbesondere für blöd halten; daß sie aber so blöd wären, nicht zu verstehen, worauf der Papst hinaus wollte, kann ich nicht glauben. Ebensowenig kann ich glauben, daß jemand so blöd gewesen wäre zu glauben, der Papst werde ausgerechnet vor dem deutschen Bundestag eine Umwälzung der nicht von ihm erfundenen katholischen Sexualmoral verkünden.

Es gibt auch gewisse Regeln der Höflichkeit und der diplomatischen Courtoisie. Wenn die Mitglieder des Bundestags applaudiert haben, so sicherlich auch aus Höflichkeit gegenüber einem hohen Gast. Diejenigen, die nicht einmal zu dieser Höflichkeit bereit waren, waren ja gar nicht anwesend - vielleicht sogar eine weise Entscheidung, denn Buhrufe wären ja wirklich ein Eklat gewesen.

Es ist auch eine Regel privater wie staatlicher Gastfreundschaft, bei Besuchen das Gemeinsame und nicht das Trennende hervorzuheben. Das bedeutet nicht, daß man Gegensätze gänzlich verschweigt, sondern nur, daß man sie nicht in provozierender Form vorträgt. Vom Papst zu verlangen, bei einem Staatsbesuch „die Dinge beim Namen zu nennen“, hieße doch, von ihm eine Unhöflichkeit und einen Verstoß gegen die diplomatische Courtoisie zu verlangen.

Man kann auch durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob es geschickt war, daß der Bundespräsident ausgerechnet in der Begrüßung des von ihm eingeladenen Staatsgastes gewisse heikle Punkte angesprochen hat, die zudem den Beigeschmack höchstpersönlichen Interesses hatten. Es mag sein, daß diese Äußerungen mehr an eine bestimmt deutsche Öffentlichkeit als an den Papst gerichtet waren. Das macht es aber keineswegs besser.

Daß die Pius-Bruderschaft ein Interesse daran hat, Äußerungen des Papstes in ihrem eigenen Interessen zu vereinnahmen und daß die taz so oder so nichts von christlichem oder jedem andern religiösen Glauben hält, versteht sich von selbst. Als Argumentationshilfen taugen beide nichts.

Über Wolfgang Waldstein und Prälat Imhof weiß ich so gut wie nichts. Jedenfalls ist es nicht zulässig, ihre Haltungen generell mit dem Papst in Verbindung zu bringen. „Guilt by association“ ist kein Argument.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2011 um 06.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19280

Imkamp, nicht Imhof. Von guilt by association kann keine Rede sein, und das Nichtverstehen der Rede durch die Abgeordneten und viele sonstige Zuhörer ist überwältigend deutlich aus Äußerungen, die ich gesammelt habe. Aber das kann hier nicht ausgebreitet werden, weil es wirklich zu weit wegführen würde. Ich hatte bloß wieder mal die Rhetorik mit einem ihrer glänzendsten Beispiele vorführen wollen; in der theologisch-politischen Sache selbst werden wir uns ja kaum einig werden.

Nur eins noch, weil es mich geradezu vor den Kopf gestoßen hat: Warum sollte der Papst nicht die Dinge beim Namen nennen, an denen ihm gelegen ist und die er ja trotzdem "an den Mann bringen" wollte, um es mal salopp auszudrücken? Ist die Forderung, Europa müsse die katholische Morallehre als ihr naturrechtliches Erbe und Fundament anerkennen, so skandalös, daß man sie aus Höflichkeitsgründen nicht aussprechen darf - oder nur verklausuliert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.10.2011 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19281

Nachtrag: Die Freiburger Rede des Papstes war für meine Begriffe viel deutlicher als die Bundestagsrede. Trotzdem diskutieren die deutschen Bischöfe darüber, was er eigentlich gesagt hat. Erzbischof Zollitsch war dabei und kennt den Papst nach eigener Aussage seit 40 Jahren. Auch er kann vorläufig nicht sagen, was der Papst gemeint hat. Dies deutet doch sehr darauf hin, daß Benedikt sich entweder nicht klar ausdrücken kann oder es nicht will. Muß das sein? Wäre es auch in Fragen der "Entweltlichung" indezent gewesen, die Dinge beim Namen zu nennen? Warum bittet niemand um Erklärungen, ist das etwa grundsätzlich unhöflich? Ich finde, es ist ein Menschenrecht. Nun quält sich alles mit Rätselraten ab, und das kann dauern.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 03.10.2011 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19282

Unklarheiten scheinen ständige Begleiter des Pontifikats von Benedikt zu sein. Im Jahr 2006 gab es Interpretationsprobleme der Regensburger Rede (siehe hier). Und nun gibt es offensichtlich Probleme bei der Auslegung (Exegese) von zwei Reden.

Lehmann scheint übrigens damals die Rede des Papstes auch nicht verstanden zu haben. Viel mehr als Gemeinplätze hat er danach nicht verbreitet (siehe hier).

Dazu noch eine Randbemerkung, die beim Lesen der Beiträge des Eintrags "Maschinelle Übersetzung" entstand. Seit geraumer Zeit ist ja nun wieder ein Deutscher Papst, dessen Reden und Vorträge in Deutschland deshalb auch in seiner Muttersprache verbreitet werden. Wir sind folglich bei der Interpretation der Texte mit diesen allein. Zuvor hat nicht bereits ein Übersetzer (maschinell oder menschlich) eine erste Interpretation oder doch zumindest Textklärung für uns geleistet.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.10.2011 um 14.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19283

Mündliche Zitate sind heimtückisch, wenn nicht jedem Satz des Zitats vorangestellt wird, daß er nicht die Meinung des Sprechers, sondern eines anderen darstellt. Vermutlich erfaßt das Gedächtnis des Hörers einer Rede immer nur den jeweiligen Satz. (Bei langen deutschen Sätzen ist allein das schon schwierig genug.)
Auch ein deutscher Regierungssprecher ist mit zu langen Nazi-Zitaten darüber gestürzt, daß die Hörer Zitat und Sprecher-Meinung nicht auseinanderhalten konnten.
Bei Zitaten aus der Zeit des Klassischen Islams muß man vorsichtig sein, weil sie nicht dem heutigen Ideologie-Islam entsprechen und deshalb auch von heutigen Muslimen nicht mehr verstanden werden könnten.
Für den Vatikan ist es wohl heute noch unvorstellbar, daß die mittelalterlichen Eroberungskriege der Araber und Türken keine Religionskriege waren und Andersgläubige damals nicht zwangsbekehrt oder getötet und andersgäubige Wissenschaftler nicht verbrannt wurden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2011 um 08.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19285

„Ganz ehrlich sprach eine junge Kollegin das Dilemma an. Also, sie brauche mindestens drei Tage, um hinter den Sinn der päpstlichen Rede im Bundestag zu kommen. Sie konnte sich das leisten, weil auch sie für eine Wochenzeitung schrieb.“ (ZEIT 29.9.11)

„Die Abgeordneten hörten und staunten – wenn sie der anspruchsvollsten Rede, die je in diesem Hohen Haus gehalten wurde, überhaupt folgen konnten. Immerhin lernten sie, dass Hans Kelsen, der große Theoretiker des Rechtspositivismus, im Angesicht des Todes den ‚Dualismus von Sein und Sollen‘ aufgegeben und damit von Leugnung einer ‚schöpferischen Vernunft‘ in Gestalt eines Schöpfergottes Abstand genommen habe. Leider ist diese Geschichte zu schön, um wahr zu sein. Der Papst, so hieß es später, war einem Autor aufgesessen, der nicht verstanden hatte, dass Kelsen nicht seine eigene Meinung wiedergab, sondern den Advocatus Diaboli spielte.“ (Daniel Deckers FAS 3.10.11)
(Gemeint ist Wolfgang Waldstein.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.12.2011 um 09.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#19756

Ein Germanistentag in München diskutiert über das Thema „Was der Fall ist“: „Dem Bochumer Germanisten Nicolas Pethes war es vorbehalten, die große Frage zu stellen, wann ein Fall ein Fall sei.“ (SZ 19.12.11)

Das ist der Grund, warum ich nicht zu Germanistentagen gehe. Ich will nicht wissen, was der Fall ist, wenn etwas der Fall ist. Natürlich wurde auch Foucault ständig erwähnt.

I demand that the profession go cold turkey on the conferences! There must be an accounting. Every college, every university, we must ask for an accounting. The funds that are being used to send people on plane trips to Monte Carlo and around the world should be going to the students and to development. You should give the money to a young faculty member for course development, not to go to a conference. Do you know the hundreds of thousands of dollars that are wasted on these plane tickets and these hotel reservations and all that? It's appalling. It's a scandal. It's mini-vacations, boondoggling. No more conferences! (Camille Paglia: Crisis In The American Universities. Vortrag 19. 9. 1991)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2012 um 12.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20268

Die SZ widmet ihr Jobmagazin Berufsziel (17.3.12) dem Thema Volition bzw. Volitionskompetenz. Das ist, wie auch offen erklärt wird, nichts anderes als Willenskraft. Durch die Nichtübersetzung der englischen Ausdrücke wird der Schein der Fachlichkeit erzeugt. Aber wenn man das Siegerlachen von Prof. Waldemar Pelz auf dessen Homepage sieht, fühlt man sich schon halb gerettet. Er bemüht übrigens auch die "Hirnforschung", als könne die etwas über Volition sagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2012 um 09.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20832

Rechtsradikale sind gewiß verabscheuungswert, aber was sich einige Zeitungen an rhetorischen Tricks erlauben, ist es auch:

Bilanz nach der Neonazi-Demo: 38 verletzte Polizisten

Randale bei Neonazi-Aufmarsch in Hamburg
Elf Polizeifahrzeuge und Barrikaden in Brand gesteckt. 4500 Polizisten im Einsatz

Neonazis erschrecken Hamburg - Ein Aufmarsch von 700 Neonazis legte den Hamburger Osten einen Tag lang weitgehend lahm
Ein Aufmarsch von Neonazis hat am Sonnabend zu schweren Ausschreitungen in Hamburg geführt.


Usw.

In Wirklichkeit waren es ja nicht die Neonazis, die so getobt haben, sondern deren Gegner. Das wird im weiteren Text nicht verschwiegen, aber dann haben die Überschriften ihre Wirkung schon getan.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2012 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20840

SPD-Vize Manuela Schwesig sagte, das Betreuungsgeld wirke wie eine schädliche „Fernhalteprämie“, weil es Eltern ermuntere, Kinder von frühkindlicher Bildung in der Kita fernzuhalten. (HA 6.6.12)

Unterstellt wird, daß die Unterbringung der Kinder in Kindertagesstätten der "frühkindlichen Bildung" dienlich ist. Kinder, die zu Hause erzogen werden, gelten ja im Sprachgebrauch dieser Politiker als "nicht betreut". Nur Fremdbetreuung ist Betreuung (weil sie bezahlt wird, wenn auch schlecht). Eltern, die ihren Kindern solche "frühkindliche Bildung" vorenthalten, sind schon fast kriminell, jedenfalls handeln sie unverantwortlich; man sollte überlegen, ob man ihnen das Erziehungsrecht nicht ganz verweigern müßte.

Ich will zur Sache selbst nicht Stellung nehmen, aber es fällt doch auf, daß die pädagogische und entwicklungspsychologische Forschung nun herausfinden mag, was sie will – es kommt nicht gegen die Vorentscheidung an, die in Schwesigs Aussage zum Ausdruck kommt. Der rhetorische Nebel ist fast undurchdringlich geworden.

(Fachleute, die auch viel Erfahrung mit skandinavischen Einrichtungen haben, betonen immer wieder, es komme sehr auf die Qualität der Kitas an.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2012 um 18.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20847

Ich denke an Forschungen, wie sie Annette Leßmöllmann in der ZEIT referiert hat (einer Zeitung, die, wenn ich recht informiert bin, durchaus zum Chor der Fremdbetreuungspropaganda gehört):

„Klann-Delius konnte zeigen, dass die Beziehung zur Mutter Auswirkungen auf den Spracherwerb hat. Eine schlechte Bindung kann bewirken, dass ein Kind weniger Vokabular ansammelt als seine Altersgenossen. Besonders deutlich wird der Effekt aber, wenn es um die Kunst des Kommunizierens und Interagierens geht, auch das will schließlich gelernt sein. Kinder mit einer unsicheren Mutterbindung tun sich da schwer. Wenn auf Mamas Schutz und Behütung kein Verlass ist, zeigt sich das in den Dialogen. »Die beiden reden systematisch aneinander vorbei, wenn es um Gefühle geht«, sagt Klann-Delius. Sie beziehen sich gar nicht richtig aufeinander, und die Mutter-Kind-Gespräche geraten zu einem Quell ständiger Beunruhigung. Sicher gebundene Kinder dagegen lernen, klar zu sagen, wenn sie traurig sind, und die Worte der Mutter können sie trösten.“ (Annette Leßmöllmann in der ZEIT vom 10.11.2009)

Solche Forschungen kann man sich sparen. Die Politik hat entschieden, daß frühe Fremdbetreuung (besser Verwahrung) das Richtige für die Kinder ist, und so wird es also kommen, wie die Rechtschreibreform, bei der auch niemand mehr nachsieht, was wirklich erreicht worden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2012 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#20852

Inzwischen wird auch deutlicher, wie die frühkindliche Bildung aussehen wird. Ministerin von der Leyen will ja die Schlecker-Frauen zu Erzieherinnen umschulen lassen.

„Bundesfamilienministerin Kristina Schröder begrüßte die Ankündigung von der Leyens. 'Es geht hier nicht darum, jemanden in eine Umschulung zu pressen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass unter diesen lebenserfahrenen Frauen viele mit Freude und Engagement diese neue berufliche Chance ergreifen wollen', sagte sie der Süddeutschen Zeitung. 'Bei der Suche nach qualifizierten Erzieherinnen und Erziehern müssen wir möglichst breit aufgestellt sein', sagte Schröder.“

„Von der Leyen wie auch Bsirske betonten, dass die Standards der Berufe gewahrt bleiben sollten. Niemand rede hier von einer 'Schmalspurausbildung', sagte Bsirske. Die Ministerin wiederum warnte indirekt davor, die arbeitslosen Frauen als untauglich abzustempeln. 'Sie sind selbstverständlich so gut wie jeder andere geeignet, als Erzieherinnen zu arbeiten.'“

Freilich, Kinder erziehen kann jeder, nur die Eltern können es nicht; die enthalten den Kindern etwas vor, wenn sie es selbst versuchen.

Sprachlich bemerkenswert ist noch das schöne Bild von der "breiten Aufstellung" Schröders.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2012 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21463

„Doch der OECD-Bericht enthält auch gute Nachrichten: Bei Vorschulen und Kindergärten sei Deutschland ausgesprochen gut. So besuchten 2010 rund 96 Prozent der Vierjährigen einen Kindergarten. Die Zahlen variieren innerhalb der Bundesländer kaum. Bemerkenswert auch: Deutschland hat sich gesteigert, denn 2005 waren es nur 93 Prozent. Die deutsche Quote ist weit höher als der internationale Durchschnitt. In Griechenland etwa besucht gerade einmal die Hälfte der Vierjährigen einen Kindergarten, in Polen nur knapp 60 Prozent. Der OECD-Schnitt beträgt 79 Prozent.“ (Verschiedenen Medien am 13.9.12)

Man setzt undiskutiert voraus, daß es besser sei, die Kinder in den Kindergarten zu schicken, als sie zu Hause zu erziehen. Nach eigenen Erfahrungen mit dem Kindergarten möchten wir das bezweifeln.
Die Bertelsmann-Stiftung findet die Entwicklung gut (SZ) - kein Wunder, denn es ist ja ihre Bildungspolitik, die da umgesetzt wird.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 14.09.2012 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21466

"Man setzt undiskutiert voraus, daß es besser sei, die Kinder in den Kindergarten zu schicken, als sie zu Hause zu erziehen." - Und sie sich selbst erziehen zu lassen. In der altersgemischten Gruppe ohne Erwachsene oder gar Pädagogen. In der verkehrsreichen Großstadt ist das heute schwierig. Man kann es jedoch noch z.B. bei türkischen Kindergruppen beobachten.

So sind auf den von diesen genutzten Spielplätzen nur Kinder, während auf den Spielplätzen der Deutschen häufig mehr Erwachsene als Kinder zu sehen sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2012 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21468

Ganz meine Meinung! Aber wir haben ja schon gesehen, daß die Politiker uns einreden, wir vergingen uns gegen die "frühkindliche Bildung", wenn wir die Kinder nicht in pädagogische Einrichtungen geben.
Ich bin nicht in den Kindergarten gegangen, der war damals noch so eine Art Ersatzunterbringung, wenn es aus irgendwelchen Gründen nicht anders ging. Ich habe mir also auch meine frühkindliche Bildung anderswo geholt. Das scheint ganz gut gegangen zu sein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 14.09.2012 um 19.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21470

Meine Kinder sind in einen katholischen Pfarrkindergarten mit Klosterschwestern gegangen und fanden den Erziehungsstil schrecklich. Mein Sohn sagte immer, daß er eigentlich gar keine Zeit dafür habe.
Meine Enkelkinder sind in einen evangelischen Kindergarten gegangen und fanden es sehr schön. Sie haben z.B. gelernt, sich mit anderen Kindern zusammenzutun, um sich gegen böse Kinder zu wehren.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 14.09.2012 um 19.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21471

Ich war im Kindergarten. Besonders in Erinnerung sind mir die durchweg stark versalzenen Suppen zu Mittag geblieben. Das Grauen dieses ekeligen Geschmacks kann ich bis heute abrufen! Und, wir mußten über Mittag immer schlafen, was mir überhaupt nicht gefiel. Aufbegehren nutzte nichts, ich mußte mich fügen und wußte nie, wie ich diese Langeweile ertragen konnte, zumal auch viele andere nicht schlafen wollten. Man mußte aber so tun, als schliefe man, sonst gab es Ärger.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 14.09.2012 um 21.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21472

Platz zum Spielen

Weißt Du wieviel Kinder spielen?
Auf dem Platz für Kinderspiel?
Sind nicht viele, die da spielen
Nicht mehr wirklich infantil?

Es sind Eltern
Die da kucken
Wie der Hahn und wie die Henne
Über Ihren Kindern glucken

Um sie zu bewahren
Vor vielen Gefahren
Doch ist das Leben nicht bar
Der Gefahr

~

Auf den Spielplätzen, die von muslimischen Einwanderern genutzt werden, können wir es noch beobachten, wie Kinder seit Jahrtausenden lernend aufwachsen:
In der altersgemischten Gruppe ohne Erwachsene.

~

aus: Karl Hainbuch: Gelobt sei Theseus
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2012 um 08.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21690

"Zum Volkstrauertag 2012 liefern wir Ihnen hier 3 fertige Muster-Reden sowie weitere Rede-Entwürfe und Tipps für Ihre Rede zum Volkstrauertag: (...)

Archiv: Reden zum Volkstrauertag

Diese Muster-Reden stammen aus den Vorjahren. Mit leichten Anpassungen (z. B. die geschichtlichen Bezüge) können Sie sie natürlich auch für Ihre Volkstrauertagsrede 2012 nutzen: (...)"

(http://www.reden-und-praesentieren.de/volkstrauertag.php)

Mal sehen, was den Bundestagsabgeordneten dieses Jahr geboten wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2012 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21847

Außer einem erstaunlich pragmatischen Herangehen an solche rhetorischen Aufgaben bietet die Seite auch noch ein grammatisches Schmankerl. Man kann sich die Musterreden herunterladen, aber:

Der Zugang zu diesem Download-Bereich ist den Abonnenten von dem Ratgeber 'Die BESTEN Reden von A bis Z' vorbehalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2012 um 16.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21890

An die Argumentation Schwesigs (siehe hier) knüpft auch Steinbrück an:

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nannte das Gesetz in der Debatte  „schwachsinnig“. Es sei bildungs-, finanz-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch falsch. Steinbrück kritisierte, dass das Betreuungsgeld für Frauen Anreize schaffe, nach der Geburt eines Kindes länger dem Beruf fernzubleiben. Das werde ihre späteren Berufschancen mindern. „Weniger Frauen werden eine eigene Berufsbiografie schreiben, weniger Kinder werden Chancen auf frühe Bildungsförderung haben“, sagte der SPD-Politiker. (FAZ 9.11.12)

Man muß die zugrunde liegenden Annahmen, die für die SPD Axiome zu sein scheinen, deutlich herausarbeiten:

1. In Kindertagesstätten werden schon Kleinstkinder gebildet, zu Hause nicht.
2. Frauen lassen sich durch 100 Euro davon abhalten, in ihren Beruf zurückzukehren.

(Steinbrück selbst hat sich freilich selbst durch 2 Millionen nicht davon abhalten lassen, weiterhin Bundestagsabgeordneter zu sein. Wie schätzt er eigentlich die deutschen Frauen ein?)

3. Die Erziehung der eigenen Kinder ist keine achtenswerte Beschäftigung. (Gerade WEIL sie nicht entlohnt wird – oder?)

(In der "Berufsbiografie" läßt man sie am besten unerwähnt.)
 
 

Kommentar von MG, verfaßt am 10.11.2012 um 00.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21892

| Man muß die zugrunde liegenden Annahmen ... deutlich herausarbeiten:

| 1. In Kindertagesstätten werden schon Kleinstkinder gebildet, zu Hause nicht.

Das ist in so mancher Migratenfamilie* mit Sicherheit so.
(*Nein, das n fehlt nicht.)

| 2. Frauen lassen sich durch 100 Euro davon abhalten, in ihren
| Beruf zurückzukehren.

Das vermutlich eher nicht, aber für so manches Paar aus obigem Bevölkerungskreis könnte der Betrag hinreichend Anreiz sein, das (oder die) Kleinstkinder aus dem Kindergarten abzumelden. Bei sechs oder acht Geschwistern sind auch zuhause genug Spielkameraden da.

Bei hinreichend viel Nachwuchs kommt allein durch Kindergeld ein flottes Sümmchen zusammen; ab dem 1. August 2013 wird nun die Herdprämie dazukommen.

Aber das ist ja eigentlich mehr ein politisches Thema und keine Sprachfrage.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 10.11.2012 um 01.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21893

In Steinbrücks Argumentation fehlt auch eine wichtige Konsequenz. Wenn jeder im Beruf bliebe, auch während die Kinder klein sind, macht das unter dem Strich Millionen (oder wie viele?) Personen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Will die SPD die Arbeitslosenzahlen in die Höhe treiben? Sobald ein einzelner dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, steigen zwar seine eigenen Chancen auf eine "Berufsbiografie" und mehr Einkommen für den Haushalt. Aber sobald er eine Stelle ergattert, wird dann eben ein anderer das Nachsehen haben und von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe leben.
Das Ganze liefe auf einen Verschiebebahnhof hinaus: kein Erziehungsgeld, dafür mehr Leistungen für Arbeitslose. Und wenn sehr viele Leute zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen, werden sie sich gegenseitig bei der Konkurrenz unterbieten. Die Arbeitgeber können ihnen größere Zumutungen auferlegen und die Löhne und Gehälter niedrig halten. Letztlich muß man also damit rechnen, daß die Arbeitnehmer insgesamt schlechter dastehen, wenn die Ideologie erfolgreich wäre, daß möglichst niemand der Kinder wegen zu Hause bleibt und alle "arbeiten" sollen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 10.11.2012 um 08.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21894

"Man muß die zugrunde liegenden Annahmen, die für die SPD Axiome zu sein scheinen, deutlich herausarbeiten:

In Kindertagesstätten werden schon Kleinstkinder gebildet, zu Hause nicht."

Dies arbeitet mitnichten eine Annahme oder gar ein Axiom heraus, sondern verhehlt den Mißstand schwindender familiärer Kindesförderung und den Vorzug deutschen Spracherwerbs in Kindertagesstätten. Daß viele Kinder bei der Einschulung nicht Deutsch sprechen, ist eine Tatsache.

"Die Erziehung der eigenen Kinder ist keine achtenswerte Beschäftigung."

Diese Haltung ist wohl die letzte, die ausgerechnet der SPD vorzuwerfen wäre. Dank jahrzehntelanger linker Frauenpolitik sind alleinerziehende Mütter doch heute geradezu Ikonen der Emanzipation. Eine krasse Geringschätzung elterlichen Förderbemühens gibt es zwar, doch sie äußert sich anders. Sie zeigt sich, wenn engagiert erzogene, aufgeweckte, bücherlesende Kinder mitsamt ihren Eltern als privilegiert verunglimpft werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2012 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21895

Ich weiß schon, daß es eigentlich um Migrantenfamilien geht. Man weiß ja, was die mit den 100 Euro machen. Aber das wagt niemand auszusprechen.

In anderen Familien wird die Sprachentwicklung natürlich besser gefördert als in jeder Kita.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2012 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21896

Die Zeitungen hatten sich ziemlich geschlossen gegen das Betreuungsgeld gewandt, aus welchen Gründen auch immer (vielleicht wirtschaftliche Hintergründe der Zeitungsunternehmen?). Sie haben auch das gemeine Wort "Herdprämie" gern aufgegriffen, oder "Zuckerl für die CSU" (obwohl die das Betreuungsgeld nicht erfunden hat). Nun stellt sich heraus, daß die Mehrheit der jungen Frauen eine Auszeit und eine Unterstützung recht gern annehmen würde, und nun wird das Ganze als "Wahlgeschenk" umetikettiert, damit die Zustimmung in der Bevölkerung samt sinkender Umfragewerte für Steinbrück eine Erklärung finden.

Wie gesagt, zum Betreuungsgeld selbst habe ich gar keine begründete Meinung, mich interessiert nur die Argumentation. Es wird daran erinnert, daß Steinbrück selbst als Finanzminister ziemlich dasselbe unterzeichnet hat, was er jetzt "Wahnsinn" nennt. (Übrigens wieder ein viel zu krasser Ausdruck, denn das Betreuungsgeld ist schlimmstenfalls ein unzureichender Teil des Flickwerks, das einen wirklichen Familienlastenausgleich ersetzen soll, an den sich niemand ranwagt.)

In den letzten Stunden habe ich mich auch noch einmal gefragt, wie Politiker ticken, die von den Stadtwerken (!) für ein Plauderstündchen 25.000 Euro annehmen – immerhin das Jahreseinkommen vieler anständiger Leute.

Manche glauben wohl wirklich an den Bildungswert der Kinderkrippen, andere tun nur so, als glaubten sie daran.
 
 

Kommentar von Aculeatus, verfaßt am 10.11.2012 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21897

»... was er jetzt "Wahnsinn" nennt. (Übrigens wieder ein viel zu krasser Ausdruck ...«
Mit Verlaub, Herr Ickler, er nannte es "Schwachsinn", was nicht weniger kraß ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2012 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21898

Danke für die Korrektur meines Versehens! Und Sie haben recht, es bleibt natürlich kraß.

Wir haben uns seinerzeit ausführlich über Guttenberg unterhalten, auch weil Plagiate uns hier besonders interessieren, dann über Wulff, bei dem unser Interesse an seinem weiteren Weg von seiner Verstrickung in die Rechtschreibreform herrührt. Steinbrück ist als Medienereignis interessant. Die Süddeutsche Zeitung behandelt ihn unter der originellen Überschrift "Graf Zahl".

Mich überrascht, wie überrascht die Zeitungen wegen mancher Ereignisse sind. Sie scheinen immer weniger zu spüren, was die Bevölkerung denkt. (Stichwort Betreuungsgeld.) Und die Politiker glauben vielleicht nach und nach, was sie in den Medien zu lesen und zu hören kriegen, statt die Leute selbst zu befragen, auf deren Stimmen sie hoffen. Die Deklassierung von Claudia Roth gehört auch dazu.

Vor Obamas Wahl wurde uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen eingeredet, nach der Wahl erklären uns dieselben Zeitungen, warum Romney nie eine Chance hatte.

Bei uns hier in Bayern streitet sich die Regierungskoalition gerade über die Abschaffung der FDP, äh, ich meine der Studiengebühren.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 11.11.2012 um 11.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21899

Grundsätzlich ist die Kritik in Abs. 3 richtig — und sollte mit Leserbriefen den Zeitungen immer wieder unter die Nase gehalten werden.

Zu "Vor Obamas Wahl wurde uns ein Kopf-an-Kopf-Rennen eingeredet, nach der Wahl erklären uns dieselben Zeitungen, warum Romney nie eine Chance hatte" jedoch: Vor der Wahl fehlte zur Analyse des Wahlausgangs eine wichtige Information, die erst die Befragung an der Ausgangstür der Wahllokale zu haben war, nämlich die Antwort auf die Frage "Wie haben Sie gewählt?"
(Dazu eine Anekdote: "Ich stand in der Schlange zur Wahl mit wem zusammen, der sich immer noch nicht ganz sicher war, wie er wählen würde." [Die "still undecided" bestimmten ja jene Staaten, auf die sich die Präsidentenkandidaten noch bis in die letzten Stunden konzentrierten.])
Mit der Information zu "Wie haben Sie gewählt?" lagen aber dann diese Voraussager des Wahlergebnisses mit ihren "declared winners" richtig, obwohl noch nicht alle Stimmzettel ausgezählt waren, ja manchmal noch nicht mal ausgefüllt und abgegeben (!) worden waren. Amazing!
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 12.11.2012 um 10.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21900

In den letzten Stunden habe ich mich auch noch einmal gefragt, wie Politiker ticken, die von den Stadtwerken (!) für ein Plauderstündchen 25.000 Euro annehmen – immerhin das Jahreseinkommen vieler anständiger Leute.

Richtig. Steinbrück hat ja nun einen ordentlichen Denkzettel bekommen. Was mir bei der Empörung über ihn zu kurz kommt: Völlig daneben ist nicht Steinbrück, wenn sein Marktwert so hoch ist und er der Reihe nach von allen möglichen Veranstaltern zu ähnlichen Honoraren engagiert wird. Mehr Empörung als er hätten die Verantwortlichen bei den Stadtwerken verdient. Erstens, weil sie ihre finanzielle Situation und den Mangel in der ganzen Region ständig vor Augen haben. Zweitens, weil sie jede Menge "hochkarätiger" Diskutanten zu diesen unanständigen Preisen verpflichtet haben; der Schaden geht weit über den Betrag hinaus, der für Steinbrück anfiel. Drittens, weil sie das Angebot machen, während Steinbrück nur auf das Angebot einging, wie sonst auch.

PS: Ich halte nichts von Steinbrück, schon gar nicht von seinem Auftreten, von diesem belehrenden, demonstrativ energischen Tonfall. In meinen Augen produziert er viel heiße Luft, und die Leute fallen darauf herein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2012 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21912

Manche stört es, daß Steinbrück seine Netzkarte auch zu privaten Fahrten benutzt hat. Unser alter Freund Wieland hat auch dazu Stellung genommen:

Der Staatsrechtler Joachim Wieland von der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer verwies gegenüber der Bild-Zeitung auf das im Grundgesetz verankerte Recht für Abgeordnete zur freien Benutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. "Steinbrück durfte seine Abgeordneten-Bahncard auch dann einsetzen, wenn es eine Fahrt zu einer bezahlten Vortragsveranstaltung war." (ZEIT online)

Wir haben immer gewußt, daß die Abgeordneten das so machen, aber es kann nie falsch sein, mal auf die geldwerten Vorteile für Politiker hinzuweisen. Das will ich auf sich beruhen lassen. Früher kannte ich Leute, die kostenlos mit der Bahn fuhren, weil ein Verwandter Bahnbeamter war. Das schien mir sehr großzügig vom Arbeitgeber. Wie genau ich später immer meine Dienstreisen beantragen und abrechnen mußte!

Nun zur Rechts- und Argumentationslage, soweit ich es als Laie durchschaue.

GG Art. 48:

(3) Die Abgeordneten haben Anspruch auf eine angemessene, ihre Unabhängigkeit sichernde Entschädigung. Sie haben das Recht der freien Benutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

(Welches Gesetz ist das?)

Reisekosten
Wenn ein Abgeordneter eine Dienstreise unternimmt, trägt der Bundestag die Kosten, genau wie ein Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter auf Geschäftsreise schickt. Fahrten in Ausübung seines Mandats – zum Beispiel im Wahlkreis – muss der Abgeordnete hingegen selbst aus der Kostenpauschale bezahlen. Eine Ausnahme gilt für Fahrten mit der Deutschen Bahn AG. Hier stellt der Bundestag eine Netzkarte zur Verfügung, die für das Mandat, nicht aber privat genutzt werden darf. Benutzt ein Abgeordneter im Inland für Mandatszwecke ein Flugzeug, den Schlafwagen oder sonstige schienengebundene Beförderungsmittel außerhalb des öffentlichen Personennahverkehrs, so werden ihm solche Kosten nur gegen Nachweis im Einzelfall erstattet.

www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete17/mdb_diaeten/1334a.html

Ähnlich auf weiteren Seiten des Bundestages, z. B.:

Fahrtkosten in Ausübung des Mandats
Mitglieder des Deutschen Bundestages dürfen alle staatlichen Verkehrsmittel frei benutzen (Artikel 48 Abs. 3 Satz 2 GG). In diesem Zusammenhang erhalten sie eine Freifahrkarte der Deutschen Bahn AG, die auch für die Berliner S-Bahn gilt. Kosten für Fahrausweise der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) werden auf Antrag für die Dauer des Mandats erstattet (§ 12 Abs. 4 Nr. 2, § 16 AbgG). Außerdem können Abgeordnete die Dienstwagen des Deutschen Bundestages (Fahrbereitschaft) im Stadtgebiet von Berlin nutzen (§ 12 Abs. 4 Nr. 3 AbgG).


Wiki sieht das auch so:

Reisekostenerstattung
Art. 48 Abs. 3 Satz 2 GG sichert den Abgeordneten die freie Nutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. Zurzeit erhält jeder Bundestagsabgeordnete im Rahmen der Amtsausstattung eine Netzkarte der Deutschen Bahn als Freifahrtschein, die aber nicht privat genutzt werden darf. Zudem werden die Kosten für Flüge und Schlafwagen gegen Nachweis bei Mandatsreisen im Inland gemäß § 12 Abs. 4 i. V. m. § 16 Abs. 1 Satz 2 AbgG erstattet.
(Wiki Abgeordnetenentschädigung)

Nun ist natürlich die Frage, ob die Bahn ein staatliches Verkehrsmittel ist. Auch wenn der Bund alleiniger Aktionär ist, scheint die Deutsche Bahn AG doch kein Staatsunternehmen zu sein.

Pragmatisch gesehen, dürfte es allerdings schwer sein, bei Abgeordneten zwischen Dienst- und Privatreisen zu unterscheiden, weil auch das Privatleben hier automatisch dienstliche Bedeutung hat (Wahlkreispflege usw.).

Die "Grauzone" ist allerdings an sich schon erstaunlich. Wie kann etwas so Alltägliches jahrzehntelang ungeregelt bleiben? Daß die Begünstigten nicht gerade auf eine Klärung brennen, kann man ja verstehen.
 
 

Kommentar von ein Firmenwagenbenutzer, verfaßt am 14.11.2012 um 19.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21914

zu geldwerten Vorteilen:

Diese betreffen nicht nur Politiker. Ich habe als Angestellter einen Firmenwagen zur dienstlichen und freien privaten Verfügung, auch Familienangehörige, die in meinem Haushalt wohnen, dürfen ihn benutzen. Alle das Fahrzeug betreffenden Kosten (Steuern, Versicherung, Inspektionen, Reparaturen, Winterreifen, Kraftstoff, Wäsche außer Innenreinigung) bezahlt die Firma.

Als verkehrte Welt empfinde ich es, daß ich ausgerechnet die täglichen Fahrten zwischen Wohnort und Arbeitsstelle als geldwerten Vorteil pauschal versteuern muß, aber alle Privatfahrten (einschließlich Urlaubsfahrten quer durch ganz Deutschland und Europa) als unversteuertes Einkommen erhalte. Allein den Kraftstoff und die vorgeschriebenen Inspektionen gerechnet, entspricht das monatlich durchschnittlich etwa 500 Euro unversteuertem Einkommen. Ist das nicht verrückt? Aber so ist es wirklich. Ich beschwere mich natürlich nicht. Wie viele Firmenwagenfahrer gibt es in Deutschland? Wieviel Steuergeld geht dem Staat dadurch verloren?
 
 

Kommentar von ein Firmenwagenbenutzer, verfaßt am 14.11.2012 um 22.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21915

Natürlich ist der Wagen nicht ganz umsonst. Das wird wohl unterschiedlich gehandhabt. Bei uns zahlt man monatlich einen gewissen Prozentsatz vom Kaufpreis, dazu einen Steuerbetrag. Aber in die Steuer geht nur die Entfernung zum Arbeitsort ein, die privat gefahrenen Kilometer bleiben ganz unberücksichtigt. Mit dieser Pauschale ist dann meines Wissens nach dem geltenden Recht alles abgegolten. Vielfahrer sparen natürlich so am meisten Steuern, wieviel, das kann sich jeder selbst ausrechnen.

Man sollte sich also weniger auf Einzelfälle wie hier Steinbrück konzentrieren, sondern lieber die allgemeine Gesetzgebung überprüfen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2012 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#21920

Mir ist die Sache selbst nicht wichtig. Was interessiert mich die Netzkarte der Politiker! Aber die jüngsten Stellungnahmen zeigen doch, wie brüchig die ganze Argumentation um Nebeneinkünfte usw. ist. Hans Herbert von Arnim verlangt (erwartungsgemäß), daß Politiker den privaten Anteil ihrer Reisekosten, den sie als geldwerten Vorteil kassieren, versteuern wie andere Leute, zum Beispiel Dienstwagennutzer. Dagegen heißt es in der Rheinischen Post vom 15.11.12:

"Welche Tätigkeiten mandatsbezogen und welche nebenberuflich sind, ist in der Praxis schwer zu trennen. Die Politiker werden für Vorträge als Abgeordnete angefragt, nie als Privatperson.".

Genau das hatte ich im Sinn, als ich schrieb, daß Steinbrück seine Honorare ja nicht dem gewichtigen Inhalt seiner Vorträge verdanke, sondern seiner Position als MdB usw. Die Honorare hat er aber privat eingesteckt. Bei den Professoren ergibt sich eine ähnliche Problematik: Sollen sie privat kassieren für Errungenschaften, die ihnen der staatlich finanzierte Apparat überhaupt erst ermöglicht hat? Patente gehören der Firma, nicht wahr?

Wenn ein Politiker unter solchen Umständen keine Vorträge mehr halten wollte – um so besser! Die Parlaments- und Regierungsarbeit sollte ihm und uns genügen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2012 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22079

Gestern brachte die Süddeutsche Zeitung einen größeren Beitrag über die Honorare von Rednern, meistens ehemalige Politiker wie Clinton, Genscher und der russische Gas-Industrielle Gerhard Schröder. Agenturen vermitteln Hunderte von solchen Leuten, wir haben ja hier schon mit dem Gedanken gespielt, Gertrud Höhler zu mieten. Der "Philosoph" Precht steht auch auf der Liste. Sonst ganz Unbekannte wie ein gewisser Reinhard K. Sprenger haben es auch zu begehrten Vortragskünstlern gebracht; der Genannte hat offenbar auch den Wiki-Artikel über sich selbst geschrieben, toller Kerl!

Die mediengestützte Prominenten-Inzucht ist eine Geldmaschine, auf die man schon neidisch werden könnte. Wer einmal auf der Liste steht, wird eingeladen, weil er schon mal eingeladen worden ist. Was er vorträgt, ist natürlich völlig egal, es hört ja auch keiner zu, man sitzt bloß ordentlich gekleidet da und bietet den Kameras ein artiges Bild. Eine gute Figur zu machen ist auch für den Redner das Wichtigste. Insofern besteht die alte Aufgabe der Rhetorik zwar fort, ist aber leichter geworden: "Über jeden beliebigen Gegenstand überzeugend zu reden." Überzeugen muß heute der Auftritt, nicht das rhetorische Argument.

Insgesamt aber eine zweischneidige Sache. Dem Kandidaten Steinbrück hat es gutes Geld gebracht, aber politisch ist er praktisch schon tot. Jetzt wird auch eine altbekannte Tatsache wieder hervorgezogen. Unter Finanzminister Steinbrück haben die Banken die sie betreffenden Gesetze selbst geschrieben. Das gehört alles zur Nachruf-Literatur.

Laut Stern-Umfrage halten ihn die meisten Deutschen für den richtigen Kandidaten, würden ihn aber nicht wählen. Rätselhaftes Volk ...

Jetzt soll Steinbrück auf seinen letzten Vortrag bei einer mutmaßlich kriminellen Bank "verzichtet" haben. Verzichten kann man nur auf eine Vergünstigung, nicht auf eine Leistung, die man selbst zu erbringen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2012 um 06.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22087

Nachträglich weiß man oft nicht, wieso ein Politiker mit seiner Rhetorik so viel Erfolg bzw. Mißerfolg haben konnte. Die gesamte Situation, auf die es ankommt, läßt sich eben historisch meist nicht mehr rekonstruieren. Deshalb einige Bemerkungen zu Steinbrück und zu den Medien im Dezember 2012.

Die Journalisten stehen ratlos, geradezu sprachlos vor der Tatsache, daß Merkel nirgendwo so beliebt ist wie bei Jugendlichen – geradezu eine „Kultfigur“, wie eine Zeitung schrieb. Und das nicht nur als Gag. Umgekehrt befindet sich Steinbrück in einer schwierigen Lage. Die SPD will einen „Neustart“ mit ihm und für ihn, was an sich schon schwer genug sein dürfte, denn es ist ja immer noch der gute alte Steinbrück, von dem niemand etwas umwerfend Neues erwartet. So ist es denn auch ein ziemlich gewagter Einfall, ihn auf „Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ zu trimmen, wie es für die Parteitagsrede geplant ist. An dieser Rede soll der Kandidat mitsamt der Partei genesen, aber das kann nichts werden. Jeder weiß, daß die Rede der Schadensbegrenzung dient und daß ein Team in diesem Sinne daran herumgefeilt hat. Das kann man von vornherein nicht ernst nehmen, und je mehr vorab darüber gesprochen wird, um so weniger. Steinbrück wird viele Parteitagsstimmen bekommen, aber nur, weil die Partei es versäumt hat, sich rechtzeitig einen besseren Kandidaten zu suchen, und nun gezwungenermaßen alles auf diese Karte setzen muß. Das weiß auch in der Partei jeder.
Interessant ist auch das rhetorische Verhalten Steinbrücks selbst. Steinbrück hat im Interview gesagt, er würde nicht das Kindergeld erhöhen, sondern das Geld lieber in Kindertagesstätten stecken. Soweit entspricht das der SPD-Ideologie, Fremdbetreuung von kleinen Kindern von vornherein für die bessere Lösung zu halten. (Familie ist für Linke schon immer eine Brutstätte konservativen Verhaltens gewesen.)

Dazu BILD:
Überraschendes Bekenntnis von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (65)! Bei einer Diskussionsveranstaltung des Politmagazins „Cicero“ ging es um die Frage, ob das Kindergeld erhöht werden müsse.
Steinbrück klar dagegen: „Schon zehn Euro Erhöhung würden den Staat eine Milliarde kosten. Und man weiß dann auch nicht, wo das Geld hingeht.“
Und: „10 Euro sind ja auch zwei Schachteln Zigaretten, zweieinhalb Bier oder 2 Pinot Grigio – also zwei Gläser Pinot Grigio, denn eine Flasche, die nur 5 Euro kostet, würde ich nicht kaufen.“
Überraschung im Publikum! BILD fragte Weinexpertin Cordula Eich (42): Taugt ein Pinot Grigio unter fünf Euro/Flasche wirklich nichts? Eich: „Es gibt auch viele gute Tropfen für weniger als fünf Euro!“ – Beispiele sehen Sie in der Galerie unten.
(BILD 3.12.12)

Mit diesen unbedachten Äußerungen hat Steinbrück seine wirkliche Meinung durchblicken lassen: Man sollte Eltern kein Geld geben, die versaufen es doch bloß; nur der Staat kann verantwortungsvoll mit Geld umgehen.

(Wir haben schon gesehen, daß auch Akademiepräsident Klaus Reichert die "sozial Schwächeren" im Grunde seines Herzens auch für sprachlich inkompetent hält [siehe hier]. Arme Leute taugen eben nicht viel.)

Das Überraschende ist die Unlogik in Steinbrücks unbedachter Äußerung: Die armen Leute, die er beschuldigt, jeden zusätzlichen Euro zu versaufen, würden doch gerade den billigen Wein kaufen. Es geht doch nicht darum, ob Steinbrück selbst ihn trinkt. Er hat hier einen logischen Purzelbaum geschlagen, von der eigenen Redebegeisterung hingerissen.

Wie ein Leser im ND treffend bemerkt, würde Merkel nie so etwas sagen, obwohl sie vielleicht genau so denkt. Damit ist der Unterschied benannt und auch die Ursache für Steinbrücks Scheitern. Jemand, der sich praktisch jeden Tag solche Blößen gibt, dem traut man auch nicht zu, international Politik zu machen oder auch nur ein Kabinett zu führen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2012 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22095

Steinbrück hat in seiner Bewerbungsrede als Kanzlerkandidat eine Frauenquote für Aufsichtsräte gefordert. Ob er damit nennenswerte Erfolge bei der weiblichen Wählerschaft erzielt? Nur sehr wenige Frauen wollen in Aufsichtsräte, und den meisten anderen dürfte es egal sein, wie der Aufsichtsrat ihres Unternehmens sexuell besetzt ist, solange alles gut läuft.
Steinbrück kündigte auch an, im Kanzleramt eine Staatsministerin für Frauen einzurichten. Zeitungen erinnerten ihn daran, daß im Kanzleramt bereits eine Frau regiert, der außerdem lauter Frauen zuarbeiten. Auch versteht sich von der Leyen bereits als Frauenministerin. Das war also auch nicht so geschickt. Sogar bei der ZEIT äußern sich die Leser fast ausnahmslos ablehnend zu Steinbrücks Rede. Die Begründungen sind gar nicht mal schlecht. Im Rückblick wird man wohl erkennen, daß es nicht gut war, Steinbrück auf Themen festzulegen, die gerade er am wenigsten glaubwürdig vertreten kann. Freilich könnte er zu anderen wichtigen Fragen kaum etwas anderes sagen, als was die Regierung (meist unter Zustimmung der SPD) ohnehin tut.
Übrigens stand schon 1988 in unserer Zeitung: SPD will Sterbegeld erhalten (EN 13.9.88). War zwar nicht so gemeint, aber ich stutzte doch einen Augenblick und habe es deshalb notiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2012 um 18.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22232

In den Kommentaren zu Steinbrück wird unermüdlich wiederholt, daß weder Merkel noch Schröder oder Schmidt sich über ihr Einkommen als Kanzler beklagt haben. Nur für Kohl wird das behauptet: „Helmut Kohl jammerte auch schon darüber, dass jeder Zahnarzt mehr Geld verdiene als er.“ (Hamburger Abendblatt 31.1.12)
Alle diese einander ähnlichen Behauptungen scheinen auf einen SPIEGEL-Artikel von 1990 zurückzugehen (www.spiegel.de/spiegel/print/d-13501827.html). Dort beklagt sich Kohl aber gar nicht und jammert auch nicht, das ist vielmehr die Interpretation der Journalisten. Der Zusammenhang, in dem sich Kohl über das Gehalt von Zahnärzten geäußert hat, bleibt unerwähnt. Vielleicht war er gefragt worden, ob er seiner Ansicht nach zuviel verdiene.

Es ist oft mit Recht gesagt worden, daß die Gehälter von Politikern eher mit denen des (übrigen) öffentlichen Dienstes verglichen werden sollten, nicht mit denen von Wirtschaftsführern. Es ist doch ein Unterschied, ob man aus Steuermitteln alimentiert wird oder das Geld selbst erwirtschaftet. Wenn die Aktionäre meinen, ihr Vorstand sei ihnen einige Millionen wert, dann zahlen sie das eben, genauso wie Sportler und Unterhaltungskünstler das verlangen, was sie eben erwirtschaften können, auch wenn uns bei den Zahlen schwindlig wird. "Obszön", wie es gern heißt, kann ich das nicht finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.01.2013 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22242

Dazu passend:

Trotzdem hat Steinbrück recht, mit jedem Wort. (...) Es gibt Wirtschaftszweige, in denen für dieses Gehalt nicht mal ein Abteilungsleiter seinen Hintern aus dem Bett bewegen würde. (Christian Jakubetz in Cicero)

Jakubetz denkt also genau so wie Steinbrück: Er sucht die vergleichbaren Jobs selbstverständnlich in der Wirtschaft. Weder der amerikanische Präsident, der kaum mehr bekommt als Merkel und in dessen Land die Wirtschaftsleute noch viel mehr verdienen als bei uns, noch sonst ein Regierungschef würde so denken. Es geht doch nicht darum, für welchen Betrag Merkel bereit ist, ihren Hintern zu bewegen und Kanzler zu machen. Kein Deutscher hat das je von M. oder einem anderen Kanzler angenommen. Aber Jakubetz fährt fort, daß Steinbrück authentisch und undiplomatisch seine wirkliche Meinung gesagt habe und daß wir solche Kerle brauchten. Operation gelungen, Patient tot.

Wie weit auch immer man das ganze Desaster Steinbrück selber zuschreiben muß – es spielt keine Rolle mehr –, jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, daß die SPD bereit ist, ihm bis zum bitteren Ende Gefolgschaft zu leisten. Er kann ja nun sagen, was er will, es wird immer falsch sein; das erinnert ein bißchen an Wulff. Aber wie findet man einen anderen Kandidaten und wie wird man den alten los? Viel Zeit bleibt ja nicht.

Gestern schrieb Kurt Kister in der SZ, ebenfalls zu Steinbrück: In Deutschland gibt es viele Menschen, die es für verwerflich halten, wenn einer mehr Geld hat als sie.

Kennen Sie solche Menschen? Ich nicht, Kister wahrscheinlich auch nicht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.01.2013 um 13.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22243

Gehälter richten sich nach der Ersetzbarkeit der Personen, die den betreffenden Arbeitsplatz innehaben. Deshalb verdient Zlatan Ibrahimovic mehr als Angela Merkel. Denn es gibt viele, die genauso schlecht Bundeskanzler mimen könnten wie Frau Merkel, aber fast niemanden, der einen Fallrückzieher aus dreißig Metern aufs Tor bringt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 01.01.2013 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22244

Leider stellt sich die Notwendigkeit, Wirtschaftslenker zu ersetzen, oft erst nach ihrem Unfähigkeitserweis heraus. Bis dahin richtet sich die Bezahlung gern nach ihrem Posten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.01.2013 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22245

Nein, die Bezüge von »Wirtschaftslenkern« werden individuell ausgehandelt. Es gibt keine Gehaltstabelle, aus der sich sich der Vergütung ablesen läßt, die ein »Topmanager« erzielen kann – und das ist ja wohl die Liga, in der sich der bescheidene Herr Steinbrück sieht. Fragt sich nur, ob sich ein zahlungskräftiges Unternehmen findet, das ihn nach seiner nächsten Wahlniederlage anheuern möchte. Bisher war das offenbar nicht der Fall.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.01.2013 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22247

Warum vergleicht Peer Steinbrück das Kanzler-Gehalt ausgerechnet mit dem von Bankdirektoren? Die einzige Erklärung kann nur die sein, daß beide als Geschäftsmodell die Falschberatung der Bürger bei der privaten Altersvorsorge haben.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 02.01.2013 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22250

Es ging um die vermeintliche Bezahlung nach Ersetzbarkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2013 um 19.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22330

In den letzten Wochen ist Steinbrück von allen Seiten kritisiert worden, so daß seinen Verteidigern zuletzt nur noch einfiel, er sei wenigstens "authentisch". ("Ich sage, was ich denke.") Der Inhalt zählt nicht mehr.

Nun klagt Sigmar Gabriel zum Steinerweichen über seine schwere Kindheit (von vielen Bloggern als nicht ungewöhnlich schwer eingeschätzt) und rechnet mit seinem glücklicherweise toten Nazi-Vater ab. Die Zeitungen nennen es "authentisch". Manche sehen darin den Versuch der ZEIT, hinter Steinbrück eine zweite Kandidatenfigur aufzubauen. Beim Lesen dachte ich ständig: das letzte Aufgebot!

In besseren Kreisen glaubt man schon lange nicht mehr, daß es so etwas wie Authentizität überhaupt gibt. Dasein heißt eine Rolle spielen. Öffentliche Authentizität ist geradezu ein Widerspruch.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.01.2013 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22441

Apropos Hochschule und Schlüsselqualifikationen. Ich finde heute einen Aufruf zur Teilnahme am Volksbegehren gegen Studiengebühren im Briefkasten, wie er derzeit wohl in ganz Bayern mit der Post verteilt wird. Im erklärenden Text heißt es:

Es ist auch Aufgabe des Staates für vernünftige Studienbedingungen zu sorgen. Diese Aufgabe darf nicht auf die Studierenden und Ihre abgewälzt werden.

Nanu? Das hieß wohl mal und Ihre Eltern. Eine Google-Recherche zu dem verunglückten Satz bringt nur wenige Treffer. Einer ist dasselbe Dokument, das vor mir liegt. Ein weiterer führt zur Homepage der Grünen in Puchheim. Dort steht:

Diese Aufgabe darf nicht auf die Studierenden und ihre eltern abgewälzt werden.

Immerhin, ihre ist richtig geschrieben. Erlösung bringt der dritte und letzte Treffer, die SPD Tuntenhausen mit dem SPD-Bundestagskandidaten und Jura-Studenten Abuzar Erdogan:

... darf nicht auf die Studierenden und ihre Eltern abgewälzt werden.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 23.01.2013 um 11.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22442

Es fehlt noch mehr als bloß »Eltern«, nämlich das Satzende: »sondern muss allen Steuerzahlenden aufgehalst werden«.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2013 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22500

Auf einem Pressefoto steht Bill Gates ganz normal und zivil da, flankiert von Steinbrück und Gabriel, beide mit der Hand irgendwo in den Raum des Betrachters weisend. Diese Ikonographie sieht man fast täglich. Die Geste erinnert ein wenig an Kaiser Augustus oder Marc Aurel (auf dem Campidoglio), auch wenn sie nicht ganz so ausladend ist wie bei den Imperatoren. Ich habe mich oft gefragt, ob die Politiker eigens für den Fotografen so posieren oder die Fotografen umgekehrt diesen göttlichen Augenblick abwarten. Gab es denn wirklich etwas zu zeigen, so daß die beiden SPD-Männer im selben Augenblick den Arm heben mußten? Jedenfalls scheinen die Herren Politiker uns stets den Weg zu weisen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2013 um 07.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22517

Die SPD hatte sich vorgenommen, Steinbrücks Rhetorik stärker zu kontrollieren, damit er nicht so viele Fehler macht. Aber was die ZEIT gerade berichtet, ist auch wieder bedenklich:

»Peer Steinbrück fordert die Kanzlerin heraus: "Ich plädiere dafür, dass es mindestens zwei Duelle mit Frau Merkel gibt." Er sei gespannt, ob sich die Kanzlerin dem stelle, oder ob sie kneife. Im Bundestagswahlkampf 2009 hatte es nur ein Fernsehduell zwischen Merkel und dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier gegeben.
Die Kanzlerin werde sicher versuchen, weiter auf roten Teppichen und Gipfeln zu glänzen und die heiße Wahlkampfphase so weit es geht nach hinten zu schieben, sagte Steinbrück.
In den letzten 15 Jahren habe es eine massive Umverteilung gegeben – "und zwar stramm von unten nach oben", sagte der SPD-Politiker.« (zeit.de, 31.1.13)

15 Jahre? Sollten die Deutschen vergessen haben, wer vor genau 15 Jahren Bundeskanzler wurde und wer seither auch mal Finanzminister war? Auch könnten die Deutschen lieber sehen, daß Merkel auf Gipfeln glänzt als in TV-Duellen wie Hiltibrant enti Hadubrant. "Kneifen" (was für ein Ausdruck!) wäre nicht die schlechteste Idee.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2013 um 13.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22719

"Steinbrück hat mit dem, was er gesagt hat und wie er es gesagt hat, völlig Recht.“ (Rheinische Post online 28.2.13)

Journalisten, die solche Großschreibung hinklatschen, können nicht geholfen werden, um es mal so auszudrücken

Das sagte übrigens der stellvertretende Chef der SPD im Bundestag, Axel Schäfer: »"Mit der Absage des Abendessens hat Napolitano aus meiner Sicht bedauerlich und unverständlich reagiert", sagte Schäfer unserer Redaktion. Schäfer verteidigte Steinbrück: "Steinbrück hat mit dem, was er gesagt hat und wie er es gesagt hat, völlig Recht."«
Nachdem Steinbrück die Hälfte der Italiener für Vollidioten erklärt hatte, konnte der italienische Präsident Napolitano schlechterdings nicht mehr mit ihm zusammentreffen, das ist doch nicht unverständlich. Vielleicht hätte jemand das Steinbrück erklären können, aber der sagt trotzig, er stehe zu seinem Wort.
»Andere Sozialdemokraten zeigten Befremden. Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), mahnte, den politischen Willen der italienischen Wähler zu respektieren."Mein wenig gutes Verhältnis zu Silvio Berlusconi ist bekannt. Wir sind bei der Betrachtung der Wahl alle gut beraten, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Italiener diese Parteien und ihre Führer gewählt haben", sagte Schulz der "Passauer Neuen Presse".«
Steinbrück sollte sich rhetorisch an Papst Benedikt ein Beispiel nehmen, der dem Bundestag ins Gesicht sagte, daß er ihn wegen der Sexualstraf- und Ehegesetzgebung für eine Räuberbande hält, dies aber mit so geschickten Worten, daß sogar die Grünen Beifall klatschten, die ja, wenn sie das Stichwort „Natur“ vernehmen, sofort den Verstand verlieren. Nur die Pius-Brüder haben damals durchschaut, was der Papst wirklich gesagt hatte, denn sie waren mit dessen Diktion bestens vertraut und wissen natürlich auch, was er unter „Natur“ versteht. Aber gesagt ist gesagt, jeder kann es nachlesen. Das war wirklich professionell, ich habe es ehrlich bewundert.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.02.2013 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22720

Kann man eigentlich »bis zu einem gewissen Grad entsetzt« sein? Klingt doch reichlich »halbschwul«.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 28.02.2013 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22721

Das muß ich mir merken, Herr Markner. Ich sage sonst immer, man kann nur schwanger sein, nicht ein "bißchen schwanger", aber "halbschwul" ist auch sehr schön.

Um wieder zur Sache zu kommen, geht es natürlich nicht, "bis zu einem gewissen Grad" entsetzt zu sein. Entsetzen ist ein Gefühl, das sich nur unvorbereitet einstellen kann. Natürlich schwadronieren Politiker gerne vor Mikrophonen von den spontanen Gefühlen, die sie natürlich immer erst beim Sprechen entwickeln. Auch wenn die Themen, um die es geht, schon mehrere Tage alt sind. Alles geschenkt! Naturkatstrophen, Geiselnahmen, Flugzeugkatastrophen, Amokläufe und andere schreckliche Dinge sind Anlässe, bei denen wir Politikern das mitunter gar nicht so echte Entsetzen immer gerne abnehmen und es zur Beruhigung ja womöglich auch brauchen. Dieses extreme Gefühl verträgt jedoch keine Einteilung in Grade. Damit hat Steinbrück sich wieder um seine von der eigenen Partei so gefeierte kantige Authentizität gebracht. Ich kann nicht bis zu einem gewissen Grad begeistert, entzückt, überrascht, schockiert, betroffen, enttäuscht oder verliebt sein. Darüber hinaus klingt der logisch damit verbundene "Begeisterungsgradmesser" für mich doch sehr nach einem Applausmeßgerät.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2013 um 11.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22885

Gestützt auf eine UN-Vorgabe, wird zur Zeit Inklusion als Fahnenwort hochgespielt, das Gegenteil als Aussortieren heruntergemacht. Es geht um gemeinsame Klassen für Behinderte und Nichtbehinderte. Es geht wahrscheinlich auch ums Einsparen von Geld und Personal.
Manche behinderten Schüler können in Regelklassen untergebracht werden. Man sollte sich aber für das "soziale Lernen" der anderen nicht zuviel versprechen, das nutzt sich ab.
Viele von uns dürften aus der täglichen Erfahrung oder aus der Bekanntschaft wissen, daß zahlreiche Arten der Behinderung eine überaus intensive Versorgung und Zuwendung erfordern. Warum das in Regelklassen gegen alle zusätzlichen Schwierigkeiten geleistet werden soll, ist mir nicht verständlich.
Ich habe Contergan-Opfer gesehen, die in einer Telefonzelle den Hörer mit dem Fuß hielten und sogar das Geld mit den Zehen in den Schlitz steckten. Welche Arbeit dahintersteckte, konnte man nur ahnen.
Ich kenne Menschen mit Down-Syndrom, die ausgezeichnet gefördert worden sind und sich fast wie unsereins verhalten.
Früher galten Schwerhörige oder Taube einfach als blöd und blieben dann auch dumm, weil man sie eben so behandelte. Mit richtiger Betreuung durch sehr gut ausgebildete Lehrer kann ein Behinderter heute viel erreichen.

Andererseits kenne ich Grund- und Hauptschullehrer, die völlig ausgebrannt sind wegen der täglichen Belastung durch verhaltensgestörte Schüler, die keineswegs mal eben neben der normalen pädagogischen Arbeit in der Klasse betreut werden können.

Angesichts der Tatsachen kommt einem die Rhetorik der Inklusionsideologen völlig verfehlt und auch unmenschlich vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2013 um 08.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#22929

Die FAZ kritisiert im Wirtschaftsteil die inhaltsleeren Phrasen des Managerdeutschs. Das erinnert mich an die Plakate, mit denen die "EliteAkademie" der bayerischen Wirtschaft an den Universitäten wirbt; sie sind gänzlich mit Dutzenden von Schlagwörtern (Leadership usw.) bedeckt. Nichts, was heute gut und teuer ist, fehlt, und es wirkt lächerlich. Ich wundere mich jedesmal, wenn ich daran vorbeigehe, wie unempfindlich manche Leute in sprachlichen Dingen sind und wie gering sie von ihren Mitmenschen denken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2013 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23123

In der "Welt" kreidet Torsten Krauel es dem Bundespräsidenten an, daß er Steuerhinterzieher asozial genannt hat. Asozial ist heute schlimmer als kriminell. Man sollte meinen, Straftaten seien eo ipso auch asozial, und gerade Steuerhinterziehung ist ein Akt der Entsolidarisierung, der dieses Prädikat noch eher verdient als ein gelegentliches Gewaltverbrechen aus Eifersucht oder persönlicher Rache.

Der Bedeutungswandel ist wohl so zu verstehen: Das Soziale ist heute das Gute, und asozial ersetzt böse. Es soll also gesagt werden, daß der Steuerhinterzieher zwar einen Fehler macht (gegen eine Klugheitsregel verstößt, wie Kant sagen würde), aber nicht böse ist.

Die Solidarität, irrig genug als Grundwert angesehen, wird demnächst wohl so ausgelegt werden, daß gerade die Steuerhinterzieher solidarisch gegen den ungerechten Steuerstaat handeln. Das ist auch der Tenor der Leserzuschriften: gegen diesen Staat kann man gar nicht genug sein, und am besten ist es, dem Fiskus ein Schnippchen zu schlagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2013 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23181

Einige Bücher über Merkel sind der Anlaß für allseitiges Munkeln und Raunen. Die "wirkliche" Merkel scheint ganz unbekannt und auf jeden Fall eine ganz Schlimme zu sein. Ein SPD-Sprecher weiß schon, was für ein Desaster das für die CDU bedeutet: "Die jüngsten Berichte über Frau Merkel kommen für die Union jetzt zur Unzeit", sagte Stegner mit Blick auf den Bundestagswahlkampf.“ (ZEIT 10.5.13)

Reuth und Lachmann werfen die Frage auf, ob Merkel eine „Reformkommunistin“ gewesen sei. Hauptsache, das Wort Kommunistin kommt irgendwie vor. Merkel kam vor 23 Jahren in den Bundestag; in dieser Zeit hätte man doch feststellen können, ob sie kommunistische Politik macht.

Um die Wendezeit war sie für einen "demokratischen Sozialismus". Die Hälfte der heutigen Deutschen hat diese Zeit wohl nicht bewußt erlebt und weiß nicht, daß damals fast jeder (in Ostdeutschland) für einen demokratischen Sozialismus war, weil man sich etwas anderes kaum vorstellen konnte.

Merkel war auch in Moskau und sprach gut Russisch – sehr verdächtig. In der FDJ hatte sie auch ein Pöstchen. Wahrscheinlich hat sie die halbe DDR-Jugend agitiert, leider erinnert sich kein Opfer mehr daran. Warum konnte sie überhaupt studieren? Warum will sie nicht mit Biographen sprechen? Das ist vielleicht überhaupt das, was man ihr am wenigsten verzeiht.

Weder war sie eine unpolitische Wissenschaftlerin, noch schlug ihr Herz für die deutsche Einheit. Vielmehr gehörte die ehrgeizige und systemkonforme Physikerin der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite des SED-Staates an und trat 1989 für einen demokratischen Sozialismus ein – eine erstaunliche Ausgangsposition für die spätere Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende. (WELT über Reuth/Lachmann)

Wieso denn? Das zeigt bloß die erwähnte Vergeßlichkeit oder spekuliert darauf. Und wie präzise ist der Vorwurf "sowjetisch geprägt"? War irgend etwas in der DDR nicht "sowjetisch geprägt", wo man täglich ML-Lippenbekenntnisse ablegen mußte?

Reuth hat ja fast alles schon bei Langguth gelesen, dessen Buch er vor acht Jahren rezensierte. (Wie sehr viele Leser bemerkt haben, erscheint solches Zeug alle vier Jahre.)

Die Kampagne wird die Merkel-Fans nicht abschrecken, die Merkel-Feinde nicht versöhnen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.05.2013 um 22.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23185

Daß um die Wendezeit fast jeder in der DDR für einen "demokratischen Sozialismus" war, würde ich nicht sagen. Wäre es so gewesen, dann hätte das an der Utopie zwar nichts geändert, aber es hätte zumindest noch ein paar ernsthafte neue Versuche gegeben, eine Art demokratischen Sozialismus zu errichten.
Eine Wiedervereinigung hat bis zum Mauerfall fast niemand für möglich gehalten, das stimmt. Deshalb waren die Menschen natürlich für jede Art Demokratisierung, für jede Änderung, die sie dem Westen ein Stück näher brachte. Mit solche schrittweisen Demokratisierungswünschen wollte man erstmal die richtige Richtung einschlagen, man darf das aber nicht mit einem allgemeinen Wunsch nach demokratischem Sozialismus gleichsetzen. Das hat man Ende 89 sehr schnell gesehen, je mehr man sich in die Öffentlichkeit wagen konnte. Da wurde schnell klar, daß die Verfechter eines "demokratischen Sozialismus" eine sehr kleine Minderheit darstellten. Die Masse hatte genug von sozialistischen Experimenten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2013 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23186

Natürlich war das nur eine Verlegenheitsformel, unter der man sich Verschiedenes vorstellte, wie es ja auch im Westen mancher vertrat (und heute noch vertritt). Ich erinnere mich noch sehr gut, wie viele auch bei uns hier die schlichte "Wiedervereinigung" entweder ablehnten oder für unmöglich hielten. Es war eine gigantische Aufgabe und vieles schien offen, was man sich aus heutiger Siicht kaum noch vorstellen kann. Die Westdeutschen waren ja auch in Selbstkritik geübt (worden) und zum Teil durchaus aufgeschlossen, wenn man ihnen vorschlug, das kapitalistische "System" bei dieser Gelegenheit zu reformieren usw.

Merkels Mitgliedschaft in FGDG und DSF war das absolute Minimum an "gesellschaftlicher Aktivität" und taugt nicht einmal zum Vorwurf des Opportunismus. Das muß man den Jüngeren heute vielleicht auch noch sagen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 13.05.2013 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23188

Daß beträchtliche Teile des sozialistischen Kults die "Friedliche Revolution" überlebt haben, hätte ich damals, 89/90, nicht für möglich gehalten. Die Jugendweihe ist geblieben. Straßennamen sind nur wenige geändert worden, vor allem Lenin mußte weichen. Die übrigen sozialistischen Heiligen sind geblieben. Rosa, Ernst und Karl zieren jedes kleine Dörfchen in Brandenburg. Auch Pieck und Grotewohl sind vertreten, allerdings seltener.

In Sachsen-Anhalt habe ich vor einigen Jahren eine Straße der Bodenreform gesehen. In Rostock gibt es sogar eine Ilya-Ehrenburg-Straße.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.05.2013 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23190

Ich habe von Anfang an geglaubt, daß Helmut Kohl die "blühenden Landschaften" ganz wörtlich meint, nämlich als ent-industrialisierte, und daß die Bundesregierung nur einen neuen Absatzmarkt für unsere Industrie dazubekommen will und an Ost-Produkten hier kein Interesse besteht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.05.2013 um 23.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23192

Zu den u.g. (#23181) Journalisten schreibt DER SPIEGEL, Nr. 20/13.5.13, S. 15:

Die Autoren Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann haben sich eine Tschekisten-Ehrenspange wirklich verdient, oder wenigstens eine wuschelige Russen-Tschapka.

Der bissigen Kritik würde ich wohl zustimmen, aber was ist eine Russen-Tschapka?
Mütze heißt auf russisch Schapka und auf polnisch Tschapka. Vielleicht wäre dieser kleine Unterschied vernachlässigbar, wenn nicht das polnische Wort Tschapka für eine pickelhaubenähnliche militärische Kopfbedeckung stünde, während das russische Wort Schapka für die auch zivil genutzte wuschelige Pelzmütze mit herunterklappbarem Ohren- und Nackenteil steht.

Na ja, die Jugendweihe. Was ist davon geblieben? Nur das Wort. Ich meine, für mich wäre allein das schon ein Unding, aber sie wird halt immer noch von einigen als Grund zum Feiern gebraucht, keineswegs von allen.
Daß nur wenige Straßennamen geändert wurden, trifft sicher nicht zu. Ich bin oft im Osten, und da, wo ich mich auskenne, wurde alles geändert. Mag sein, daß es noch ein paar vergessene Restbestände gibt, die fallen aber nicht ins Gewicht. Vielleicht haben sich auch wo ein paar Wendegeschädigte zusammengetan und die Umbenennung verhindert. Wir sind halt jetzt demokratisch.

Warum werden Kohl eigentlich die "blühenden Landschaften" immer vorgeworfen? Wenn man durch die östlichen Bundesländer fährt, sieht man sie doch auf Schritt und Tritt, seit nun über 23 Jahren, als es mit den wehenden schwarz-rot-goldenen Fahnen mit dem Loch in der Mitte anfing! Als ob keiner mehr wüßte, wie es früher dort aussah. Vom kleinsten Dorf bis zu den größeren Städten. Wie habe ich gestaunt, als ich nach der Wende zum ersten Mal Städte wie Celle und Hameln sah. Nun sehe man sich jetzt mal Görlitz und Bautzen und viele andere an, es sind die reinsten Schmuckkästchen geworden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.05.2013 um 23.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23193

Ein kleiner Lapsus ist mir hier unterlaufen, wenn man fährt, macht man natürlich weder Schritte noch Tritte, was ich aber meinte, man soll ruhig auch mal aussteigen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 14.05.2013 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23194

In Sachsen, wo ich sehr selten bin, scheint ein etwas anderer Wind zu wehen. Hier in Berlin/Brandenburg sind die sozialistischen Namen keine Randerscheinung. In Städteatlas „Berlin mit Umland und Potsdam“ des RV-Verlags ist Karl Liebknecht, nach dem in Potsdam sogar ein Bundesligastadion benannt ist, 33mal im Straßenverzeichnis vertreten, Ernst Thälmann 31-, und Rosa Luxemburg 25mal.

Die Karl-Liebknecht-Straße ist in Berlin die Fortsetzung der Straße Unter den Linden, ebenfalls zentral gelegen ist der Ernst-Thälmann-Park und der Rosa-Luxemburg-Platz nebst -Straße.

Bemerkenswert ist auch, daß die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" ihren Namen behalten hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2013 um 18.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23195

Man kann sich auch den Titel des Buches von Reuth/Lachmann auf der Zunge zergehen lassen: Das erste Leben der Angela M. – Wieso M.? Offenbar soll hier schon suggeriert werden, es gebe da ein Geheimnis zu enthüllen, als sei die Frau irgendwo verschlüsselt zugange gewesen.
 
 

Kommentar von Karl Hainbuch, verfaßt am 15.05.2013 um 09.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23196

Eine Stimme aus einer anderen Zeit:

"Wenige Wochen vor seinem Tod hatte ich eine Hoffnung in Franz Josef Strauß gesetzt. Der unerschrockene, vielfältig interessierte, vielfältig gebildete Mann möge doch drastisch in die Diskussion um die Rechtschreibreform eintreten – 'ein kräftiges Wort von Ihnen, und es ist mit dem Spuk vorbei'. In welchem anderen wohlerzogenen Land dürfen obrigkeitlich bestallte Sachwalter als Sprachfunktionäre reformistisch tätig werden? 'Der neueste Vorschlag dieser Menschen ist weniger radikal, aber genauso verwerflich wie die vorhergehenden. Es ist nicht erforderlich, in die Erörterung des Wertes einzelner Vorschläge einzutreten, der von diskutabel bis nichtswürdig reicht. Verächtlich ist die Überzeugung, auf der diese regelmäßig auftretenden Peinigungen der Öffentlichkeit beruhen: die Meinung, Schrift und Sprache stünden zur Disposition von Manipulatoren, die einen Auftrag von Unterrichtsministern oder wem auch immer haben. Sie werden vielleicht nicht meine Auffassung teilen, daß auch den Kultusministern selbst eine solche Disposition nicht zusteht, sondern daß auch sie im Schulunterricht den überkommenen kulturellen Bestand zu respektieren haben, weil nur die communis opinio im Gefolge der edelsten Geister der deutschsprechenden Völker solche Veränderungen bewirken darf. Es genügt zum Beleg, die Reformwut der Kommissionen, die ohne die edelsten Geister auskommen, wahrzunehmen. Unsere Sprache ist von dem Reformator, von Dichtern und Philosophen, von gebildeten Soldaten, von Wissenschaftlern vieler Disziplinen entwickelt, gefördert worden; eine besonders erhabene Rolle der Germanistik ist nicht auffällig gewesen.' Der Versuch, die Grenzen des Staates zu bestimmen, stammt aus einer edlen deutschen Feder, ist aber in Deutschland folgenlos geblieben. Selbst solche, die konservativ genannt werden, mögen nicht einsehen, daß der Staat die custodes bestellt, die Gesellschaft sich ihre innovatores wählt und daß ein sehr großer Mann vonnöten ist, die Unterscheidung aufzuheben. – Strauß hat nicht mehr antworten können, doch der Nachfolger Streibl hat auf seine eigene Weise das Richtige getan."

(Johannes Gross, Das neue Notizbuch, 1985-1990, Stuttgart 1990, Eintrag vom 23. Dezember 1988, S.225)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2013 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23198

Worauf dann Dieter E. Zimmer antwortete und seine grundfalsche Auffassung von der Herkunft der deutschen Orthographie verbreitete, wiederabgedruckt in "Die Elektrifizierung der Sprache" und die falsche Ansicht noch unzählige Male in der ZEIT.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2013 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23202

Nachdem Merkel von führenden Grünen und Linken (Gysi) Unterstützung bekommen hat, die sich mit der DDR wirklich auskennen, könnte man den Fall Reuth/Lachmann zu den Akten legen. Die FAZ hat eine Glosse dazu veröffentlicht, woraus ich doch ein wenig zitieren muß:

Die mächtigste Frau der Welt lernte erst relativ spät laufen und mutmaßte dazu: „Vielleicht lag es daran, dass ich als kleines Kind meistens im Laufstall saß.“ Die Autoren kommentieren: „Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vermutlich war es so. Aber es könnte auch anders gewesen sein.“

Überschrift der Kolumne: "Der KGB im Laufstall".

Reuth hat eine lahme Rechtfertigung versucht, aber wer solches Zeug schreibt, ist nicht ernst zu nehmen. Ich weiß nicht, ob schon in diesem Buch selbst die geniale Frage aufgeworfen worden ist, wieso die talentierte Merkel eigentlich so gut Russisch kann ...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.05.2013 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23204

Reuth hat es nicht so mit der Redlichkeit. Vor wenigen Jahren kommentierte er in der Bild die dem Springer-Verlag angedrehten »sensationellen« Baupläne von Auschwitz I und II und unterschlug dabei u. a. die Kleinigkeit, daß identische Exemplare dieser Pläne der Forschung seit Jahrzehnten bekannt waren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.05.2013 um 00.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1024#23206

Nach meinem persönlichen Eindruck gab es in der DDR etwa 3% Aufrechte, die sich zu nichts nötigen ließen, sogar Benachteiligungen in ihrer beruflichen Kariere in Kauf nahmen, dann etwa 12% von der offiziellen Ideologie Überzeugte oder solche, die sich ganz bewußt nach dem Wind drehten, um Vorteile zu erlangen. Schließlich gab es etwa 85% Insassen, zu denen ich mich auch zähle, die das System zwar ablehnten, aber nach außen taten, was verlangt wurde. Wenn man was lernen und studieren wollte, wenn man einen Beruf nach seinen Fähigkeiten haben wollte, dann ging es nicht anders. Das tut mir gegenüber den 3% sehr leid.

Um nicht in staatliche Ungnade zu fallen, mußte man je nach Alter den Jungen Pionieren, der FDJ oder dem FDGB (Gewerkschaft) angehören, und das waren diese ca. 85% + 12% dann eben auch, außerdem gehörte spätestens ab etwa 11. Klasse meistens noch die DSF dazu. Wer vorhatte, eine höhere Schule oder Uni zu besuchen oder im Beruf weiterzukommen, mußte ein bestimmtes Maß an "gesellschaftlicher Aktivität" vorweisen.

Beispielsweise gab es einmal jährlich eine FDJ-Versammlung, wo die neue FDJ-Leitung des Klassen- oder Seminargruppenkollektivs gewählt wurde. Manchmal half es stillzusitzen, den Blick zu senken, nicht aufzufallen, man hoffte, die alten "Funktionäre" würden es vielleicht noch mal machen. Aber die wollten auch nicht ewig, da war eben mal jemand anders dran. Kaum jemand, der studiert hat, war nie in einer Pionier- oder FDJ-Leitung. Es klingt zwar heute total bescheuert, wenn man zugeben muß, man war einmal in der FDJ verantwortlich für Agitation und Propaganda. Aber genau diese Funktion war doch neben dem stellvertretenden Vorsitzenden der ideale Abduckposten. Der stand so auf dem Papier, damit war man offiziell "gesellschaftlich aktiv", brauchte aber am wenigsten zu tun. Am meisten Arbeit hatten der Vorsitzende und der Verantwortliche für Kultur und Sport, an denen hing immer viel Organisatorisches. Andere schöne Posten waren Kassierer, wer gut malen konnte, war "Wandzeitungsredakteur" oder Schriftführer (des Gruppenbuchs), und wo die FDJ nichts mehr abgab, gab es ja noch Pöstchen in der DSF oder in der GST, irgendwas mußte jeder machen. Jeder! Wer gar nichts vorweisen konnte, galt als politsch desinteressiert, inaktiv, hatte keinen gefestigten Klassenstandpunkt. Das war gefährlich, konnte einen den Studienplatz kosten.

Die Kanzlerin sagt, sie kann sich nicht mehr erinnern, was sie genau gemacht hat. Es klingt, als ob sie es nur nicht zugeben will. Aber ich (gleicher Jahrgang) kann heute auch nicht mehr genau sagen, ob ich nur in meiner Schulzeit oder auch während des Studiums mal in der FDJ-Leitung war. Ich meine zumindest, nie Vorsitzender gewesen zu sein, aber zum Stellvertreter oder Agit-Prop habe ich mich schon ab und zu breitschlagen lassen. Ich als kommunistischer Agitator! Pfff! Aber klar, die Bonzen waren mit mir zufrieden und ich konnte in Ruhe Abitur machen und zu Ende studieren. Bald danach habe ich dann mit meiner Familie einen Ausreiseantrag gestellt.

Daß die DDR abgesoffen ist, geschah nicht trotz, sondern eher weil Angela Merkel in der FDJ mal zuständig für Agit-Prop war!
 
 

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