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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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25.09.2006
Friedhofsruhe

Die Rechtschreibprobleme ruhen jetzt in einem Sarkophag aus verlogenen Phrasen.
Niemand will daran rühren, aber irgendwann wird man das Rumoren nicht mehr überhören können. Wahrscheinlich werden die Wörterbücher die Entsorgung dann stillschweigend erledigen.

Der Beitrag von Heike Schmoll in der heutigen FAZ war wohl der letzte, den wir zum Thema Rechtschreibreform in einer Zeitung lesen durften. Allenfalls der angekündigte Rücktritt Zehetmairs könnte noch vermeldet werden. Vielleicht noch die Auflösung des Rechtschreibrates, der seinen Auftrag erfüllt hat. Aber er muß sich gar nicht auflösen, sondern kann noch viele Jahre lang dahindämmern wie die Gewerkschaft der Heizer auf Elektro-Loks. Zehetmair hat ja selbst zu verstehen gegeben, daß es vollkommen gleichgültig ist, ob der Rat noch einmal zusammentritt oder nicht. Er hat keine Aufgabe mehr und wird im Juni 2007, wie der Vorsitzende jetzt schon weiß, keine Änderungen mehr vorschlagen.

Die Rechtschreibreform hat Milliarden gekostet, einen Scherbenhaufen hinterlassen, die Schulbildung nachhaltig geschädigt, das geringe Ansehen der Kultusministerien weiter vermindert. Der Bundespräsident hatte dazu nichts zu sagen, als er seine schlappe Berliner Rede hielt.



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Kommentare zu »Friedhofsruhe«
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Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 25.09.2006 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5601

In der Kürze liegt die Würze: „Keine weiteren Empfehlungen“ bringt es auch das Börsenblatt auf den Punkt – und vergißt dabei aber die Duden-Schelte nicht (siehe hier).
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 25.09.2006 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5610

Alles auf Anfang

Gewiß, man hätte gern auf die nachhaltige Beschädigung der Orthographie und den jetzigen verwüsteten Zustand verzichtet. Aber verspricht es nicht auch interessant und lehrreich zu werden, wenn erst einmal alle Kommissionen, Beiräte und Räte dahingegangen sind? Dieser Zustand ist de facto bereits erreicht, denn mit dem zu erwartenden Rückzug des Vorsitzenden ist auch die stillschweigende Selbstliquidation des Rates besiegelt. Wer wollte und sollte da wohl als Nachfolger infrage kommen? So werden es, wie Prof. Ickler vorhersagt, die Wörterbücher sein, die am weiteren Rückbau der Reform arbeiten werden. Die vor der Reform wirksamen Entwicklungstendenzen werden wiederaufgenommen und sich mit quasi naturgesetzlicher Macht durchsetzen. Denn das Schreibvolk schrieb aus guten Gründen so und nicht anders. Das Regelwerk der Reformer wird einmal ein Musterbeispiel dafür sein, wohin Ver- und Mißachtung von Fakten führen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2006 um 19.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5611

Frau Güthert hat inzwischen die beiden Sitzungstermine des Jahres 2007 eingetragen: Freitag, den 22. Juni 2007, und Freitag, den 9. November 2007.
Man könnte nun Wetten abschließen: ob der Novembertermin noch stattfindet, ob noch jemand kommt (außer dem Dudenchef und den IDS-Leuten natürlich). Das Ganze ist ein Witz.
 
 

Kommentar von j.k., verfaßt am 27.09.2006 um 15.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5622

Heute mußte ich etwas erleben, das mir das Blut gefrieren läßt! Die Direktorin meiner neuen Schule ist eine Reformerin, wie sie im Buche steht. Sie ist nicht nur eine der Personen, die die Reform stillschweigend hinnehmen, nein, sie begrüßt sie und findet sie weit logischer! Heute lasen wir einen Text, in dem "daß" stand, woraufhin sie sofort sagte: "Der Text ist noch in alter Rechtschreibung. Streicht es durch und schreibt 'dass', denn ein moderner Mensch würde bei 'daß' ja 'daas' sprechen" (Anspielung auf die Vokalregel).

Selbstverständlich wollte ich ihr nach diesem Satz erklären, weshalb die bewährte Schreibung der neuen überlegen ist, jedoch warf sie mir Unwissen vor und beharrte darauf, daß die neue Rechtschreibung doch um so vieles besser sei. Das einzige, das sie bemängelte, war, daß an der 96er Reform herumgedoktort wird. Sie sagte: "Die Reform [gemeint ist die 1996er] war super, doch dann mußten einige alte Herren (!) wieder Altes einfügen, so daß nun alles genauso unübersichtlich ist wie vor der Reform".

Ich hoffe, daß diese Frau nicht das ganze Volk repräsentiert. Zu befürchten ist es allerdings...
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 27.09.2006 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5623

Die Frau ist selbst vorgestrig und wirft es anderen vor.
 
 

Kommentar von Bernhard Eversberg, verfaßt am 27.09.2006 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5625

Aha, das Ausspracheparadigma hat auf fruchtbarem Boden Wurzeln geschlagen! Man wird dann damit rechnen müssen, daß bald Buss, biss, Kommunissmuss, Ergebniss, Iriss, Isiss, Osiriss usw. zum Ususs werden und Eingang in die Wörterbücher finden. Dass hält jetzt weder Ochs noch Esel auf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2006 um 05.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5632

Der Bericht aus der Schulpraxis ist deprimierend, aber nicht überraschend.

Eine bezeichnende Einzelheit stört mich schon seit Jahren: Unsere Kinder behandeln (oder wie man es nennen soll) in der Schule auch einige klassische Gedichte. Diese Texte sollten eigentlich in einem schönen Lesebuch stehen, das schon durch die Art der Darbietung den Wert der Texte – das Paradigmatische – hervorhebt und die Liebe zur Literatur fördert. Aber die Kinder haben gar kein Lesebuch mehr. Die Texte werden auf grauem Umweltpapier zusammen mit fehlerhaft geschriebenen Arbeitsanweisungen ausgeteilt und nach Hineinschmierung der verlangten Glossen weggeworfen, zumal es gar kein System gibt, nach dem man die Zettel in einer gewissen Ordnung abheften könnte (wozu sie aber sowieso nicht einladen). In den anderen Fächern schleppen die Kinder täglich viele Kilo jener kopierfeindlich breitformatigen und sehr teuren Glanzpapierbücher hin und her, auf die die Schulbuchverlage inzwischen fast das ganze Sortiment umgestellt haben, nur die deutschen Texte kommen wie Klopapier daher. Schule und Lehrer geben damit, ob sie es wissen oder nicht, den Schülern zu verstehen, daß das Ganze sowieso nur Dreck ist, aber eben leider im Lehrplan steht. Da spielt die Orthographie schon gar keine Rolle mehr.
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 28.09.2006 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=635#5644

Früher hatten die ausgeteilten Blätter wenigstens noch einen gewissen Wert fürs Wohlbefinden, weil man die daraus aufsteigenden Spiritusdämpfe inhalieren konnte – gerade vor Klassenarbeiten war das recht entspannend. Mit Photokopien geht das nicht.

Ob Lesebücher wie "Lesen, Darstellen, Begreifen" wirklich als Verlust zu betrauern sind, wage ich zu bezweifeln.
 
 

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