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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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22.01.2008
Gremienprosa

Lang, dünn und „korrekt“

Ich befasse mich seit einiger Zeit mit dieser Textsorte. Wenn Gremien einen Text aushecken, muß er am Ende verschiedene Eigenschaften haben, die ihn ungenießbar machen. Er muß "konsensfähig" sein, darf also keine deutlichen Positionen enthalten. Er muß nach was aussehen, wird also auch Banales mit großem terminologischem Aufwand weitläufig umschreiben. Und dann ist nach meinen Beobachtungen noch etwas ausnahmslos der Fall: Die Texte sind politisch korrekt (feministisch) und orthographisch folgsam – bis hin zu "selbstständig", das die Verfasser für eine reformbedingte Neuschreibung halten und vorsichtshalber einsetzen, wo sie es früher keineswegs verwendet hätten.

Bildungsstandards sowie der "Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Fremdsprachen" samt Kommentarliteratur sind gute Beispiele, es gibt aber zahllose weitere.



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Kommentare zu »Gremienprosa«
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Kommentar von AH, verfaßt am 22.01.2008 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=954#11240

Mit einem jedesmaligen Zusammenzucken zur Kenntnis zu nehmen war auch von Lehrern (mit durchschnittlich über 120 Schülern), daß in den per Kamera präsentierten Notentabellen (6 Noten x 120) bei den "gräulichen" Kopfnoten "Selbstständigkeit" erscheint, und so auch auf den Zeugnissen in NRW!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2008 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=954#11242

Ja, die Kopfnoten! Die wurden zwar schon zu meiner Schulzeit nicht so tragisch genommen, aber richtig ist sicher der Gedanke, daß eine Schule, die neben Bildungs- auch Erziehungsziele hat, deren Erreichung auch überprüfen muß. Ohne Erfolgskontrolle kann man auch die Ziele gleich wieder einpacken, denn an wohlklingenden Phrasen ist ja kein Mangel. Nur daß die Lehrer, an deren Ausbildung ich ja mitwirke, in gar keiner Weise qualifiziert sind, Persönlichkeits- und allgemeine Verhaltensmerkmale der Schüler zu beurteilen, schon gar nicht bei diesen Massen. Außerdem würde das Urteil vor allem den häuslichen Verhältnissen gelten, und das kann es ja wohl nicht sein.
Ich selbst war und bin ein sehr unordentlicher Mensch und sowohl extrem faul als auch extrem fleißig, ein kreuzbraver Tunichtgut sozusagen. Mein Klassenlehrer nannte mich einen schlechten Schüler in Primusgestalt. Was soll man so einem ins Zeugnis schreiben?
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 22.01.2008 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=954#11243

Vor einigen Jahren gab's eine lokale österreichische Diskussion zum Text der Bundeshymne. Speziell die Passage: "Heimat bist du großer Söhne" wurde von einigen als sexistisch, also absichtlich das weibliche Geschlecht erniedrigend, bekämpft. Die Diskussion ebbte zwar schnell wieder ab, da Frauen wie Männer fragten, ob man denn keine anderen Sorgen hätte.
Trotzdem eine kurze Reminiszenz. Damals wollte man neben anderen Änderungen:
"Heimat bist du großer Söhne" zu: "Heimat großer Töchter, Söhne"
umtexten.
Diese Änderung wäre orthographisch eine holprige Aufzählung, gesungen jedoch wäre daraus "Heimat großer Töchter Söhne" geworden, also ein Hinweis auf Söhne, die in diesem Fall von angeblich großen Töchtern abstammen, letztlich aber von Töchtern, die historisch niemand kennt. Ob das wirklich im Sinne der Betreiber(innen) gewesen wäre?
Auch der Begriff "Vaterland", der später im Originaltext noch vorkommt, sollte eliminiert werden, als ob Frauen keinen Vater hätten.
Diese Geschichte fiel mir ein, als ich im Beitrag die Formulierung von politisch korrekten (feministischen) Texten las.
 
 

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