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Stefan Stirnemann
Was soll dieses «Auch»?
Bericht über die Zürcher Preisverleihung

(Diesen Text können Sie auch als PDF-Datei aufrufen.)

Letzten Samstag, den 6. November, zeichnete die Stiftung für Abendländische Besinnung (STAB) in Zürich Reiner Kunze und Klaus Bartels aus. Die beiden erhielten den Preis unter dem Titel «Die Liebe zur Sprache», Festredner war der Verleger Michael Klett.

Die Stuttgarter Zeitung hatte zwei Augen und Ohren geschickt – und zwei Hände und einen Mund: Nach der Feier wurde im Zunfthaus zur Meisen gegessen und getrunken; es ist das Zunfthaus der Weinhändler, und in der Weinstube des Hauses war einst Gottfried Keller Gast.

Am 8. November konnte man in der Stuttgarter Zeitung auf Seite vierzehn lesen, was die zwei Hände geschrieben hatten:
«Klaus Bartels erhält Schweizer Kulturpreis – Klaus Bartels, Kolumnist der Stuttgarter Zeitung, ist am Samstag in Zürich mit dem Jahrespreis 2004 der Stiftung für abendländische Besinnung ausgezeichnet worden. Der Preis ist mit 25000 Franken dotiert. In einer Feierstunde in der Zürcher Kirche St. Peter ehrte die Stiftung den 68-jährigen Philologen für sein Engagement als Pädagoge und Publizist «zur Erhaltung des europäischen Kulturerbes und zur Verdeutlichung seiner Wurzeln in der Antike». Bartels’ Wortgeschichtenreihe ‹Auf Deutsch› erscheint in der Stuttgarter Zeitung ununterbrochen seit 1982.
Der Stuttgarter Verleger Michael Klett beschrieb diese etymologischen Texte in seiner Laudatio als ‹Mischform von kleinem Essay und Glosse, die nicht vordergründig aktualisiert, sondern vor allem das Interesse des Lesers darauf richtet, genau wissen zu wollen, wie die Dinge zusammenhängen›. Einen weiteren Jahrespreis erhielt in Zürich der Schriftsteller und Publizist Reiner Kunze. Die Stiftung will damit vor allem seinen Einsatz ‹als begnadeter Lyriker› für die deutsche Sprachkultur und auch gegen die Rechtschreibreform geehrt wissen.»

Was haben die Ohren aus Stuttgart in Zürich gehört? Oder muß man fragen, ob die Füße die Ohren überhaupt an den richtigen Ort getragen haben? Oder ob die Limmat im Vorbeifließen zu laut gerauscht hat? Über vierhundert Zeugen könnten bestätigen, daß Robert Nef, Stiftungspräsident und Herausgeber der Schweizer Monatshefte, in seiner Begrüßung folgendes gesagt hat:
«Die Ehrung von Reiner Kunze braucht eigentlich auch keine eingehendere Begründung. Und doch drängt es mich – auf dem Hintergrund unserer traditionellen Preisverleihungspraxis – und in Verknüpfung mit einem besondern Anliegen, das uns beide verbindet, dazu noch ein paar Worte zu sagen. Reiner Kunze ist schon mit sehr vielen und bedeutenden Preisen geehrt worden, und es könnte der Verdacht aufkommen, eine Stiftung wolle eigentlich vor allem sich selbst ehren, wenn sie einen so prominenten Preisträger wählt. Ich schließe nicht aus, daß bei vielen Ehrungen dieses nicht ganz uneigennützige Motiv des Sich-mit-großen-Namen-Schmückens auch mitspielen dürfte, zulasten der vielen, die dann oft zu Unrecht übergangen werden, weil sie zwar gut, aber noch nicht bekannt sind.
Uns hat ein anderes Motiv bewegt. Es ist das Engagement des großen Lyrikers und Prosaisten gegen die Barbarei, die im ganzen Deutschen Sprachraum unter dem Decknamen Rechtschreibreform im Gange ist. Während sich unsere Schweizer Behördenvertreter in den verantwortlichen Gremien durch ein Übermaß an Anpassungsbereitschaft ausgezeichnet haben und teilweise sogar vorauseilenden Gehorsam praktizierten, gehört Reiner Kunze zu den Kritikern der Ersten Stunde, die mit Konstanz und Beharrlichkeit auf die schwerwiegenden Eingriffe in unsere Schreibkultur aufmerksam machten, und er ließ auch nicht locker, als man die Reformgegner in den Medien als ewiggestrige Pedanten und verkalkte Umlernverweigerer brandmarkte. Ich muß gestehen, daß es mir auch erst nach der Lektüre eines Artikels der Schweizer Monatshefte, der mich dann zu Reiner Kunzes ‹Die Aura der Wörter› führte, wie Schuppen von den Augen fiel: Bei dieser sogenannten Reform handelt es sich um einen staatlich verordneten, tief verletzenden Eingriff in gewachsene Strukturen und Gewohnheiten, den man fast allerorts zu wenig ernst genommen hat. Das einzig wirksame Gegenmittel ist die Verweigerung.
Ich bin diesbezüglich optimistisch. Die Entwicklung der Sprach- und Schreibkultur wird nämlich glücklicherweise nicht ausschließlich von den Erziehungsbehörden und Amtssprache-Bürokraten bestimmt, sondern von jener Elite von Menschen, welche das Lesen und das Schreiben aktiv und kreativ praktizieren, weil sie Sprache brauchen und lieben. Und jene, die zu dieser Elite gehören, werden nicht so leicht zu bewegen sein, all die als Vereinfachungen gepriesenen Verhunzungen lammfromm mitzumachen. Die Gruppe der Unsinnverweigerer wächst und wächst: Vivat, crescat, floreat!»
Über achthundert Ohren haben also gehört, daß Reiner Kunze nicht AUCH für seinen Einsatz gegen die Rechtschreibreform geehrt worden ist, sondern genau WEGEN dieses Einsatzes.

Es gibt keine Entschuldigung, auch die Stiftungsurkunde wurde verlesen, die Ohren konnten es hören: «Als begnadeter Lyriker, der mit den Feinheiten seiner Muttersprache in Wort und Schrift aufs engste vertraut ist, kämpft er aus Liebe zu dieser Sprache für eine Rechtschreibung, die sich als gewachsene Kulturtechnik des Lesens und Schreibens von Generation zu Generation ohne gewaltsame Eingriffe weiterentwickelt. Da er viele Jahre seines Lebens im Unrechtsstaat der DDR verbringen mußte und die Folgen unbegrenzter Staatsmacht aus eigener Erfahrung kennt, ist er auch hellhörig gegenüber staatlichen Übergriffen auf unsere Sprache.»

Und zu denselben Ohren hat Michael Klett gesprochen:
«Wir erleben ja seit einigen Jahren, daß sprachnahen Bürgern, die im Vertrauen auf scheinbar intakte politische Instanzen zu langsam erwacht sind, etwas Schmerzliches geschieht, weil sie sehen müssen, wie in ihr gewohntes Idiom eingegriffen wird und wo sie sich die Frage stellen, ob es mit der Legitimität der Verursacher seine Richtigkeit habe. Einer der Wachesten unter den Protestierern war Reiner Kunze, und das kam nicht von ungefähr, da er einen guten Teil seiner Lebenszeit in einem Willkür- und Kontrollstaat zugebracht hatte, dessen Wirkungsausmaß wir erst langsam erfassen können. Der Autor echauffiert sich nicht, wie es Intellektuelle in der alten Bundesrepublik gerne taten, ist nicht entrüstet, nicht einmal aufgeregt, er argumentiert leise, eindringlich, mit einer schönen geradlinigen Genauigkeit, auch das Humorlose der alten westlichen Protestgeneration geht ihm ab. Es ist gesagt worden, und das ist richtig, daß die «Aura der Wörter» zum großen Bestand engagierter Prosa in deutscher Sprache gehört und gehören wird. In der Flut der Artikel und Argumente wirkt der Text wie eine Urschrift und steht damit in einer schönen europäischen Tradition, die im England des 17. und dem Frankreich des 18. Jahrhunderts eine grandiose Perspektive öffentlichen Debattierens und Handelns war. Nur: Es ist etwas anderes, zu argumentieren, wenn Freiheit entdeckt und erkämpft wird, als wenn sie – ein scheinbar kostenloses Geschenk – vorhanden ist, aber hochfeinen, mit der Zeit einsickernden Einschränkungen unterworfen ist. Das Kontrollgehabe wuchernder Bürokratien etwa ist eine der Erscheinungen. So werden mit dem Argument der allgemeinen Sicherheit, der Hygiene, der Wirtschaftlichkeit Errungenschaften einer liberaleren Zeit, als wir sie heute haben, reduziert, man macht uns, jedenfalls jenseits des Rheins, allmählich zu «gläsernen» Bürgern. Als der Zugriff auf die Sprache kam, also nicht das Organisieren von behutsamen, wohlerwogenen, partiellen Korrekturen, die am Sprachgebrauch orientiert sind, sondern ein Eingriff in empfindlichere Zonen, ein Rückgriff auf die Frühzeit der Einheitsrechtschreibung von 1790, bei welcher es keinem absoluten Fürsten eingefallen wäre, seine Untertanen so zu zwingen, wie es jetzt geschieht, regte sich Widerstand, auch mit den spärlichen Möglichkeiten des Plebiszits – Deutschland ist ja ein Land, dessen politische Klasse trotz beachtlicher Versuche Einzelner und neuerdings sogar eines parteigestützten Vorstoßes es nicht vermocht hat, eine demokratische Kultur der Volksabstimmung zustande zu bringen. Wir haben es mit einer Klasse zu tun, die offenbar Angst vor dem Demos hat, der ihr entrückt ist, und die sich dabei gerne zur Errungenschaft einer Demokratie beglückwünscht, die sie nicht erkämpft hat und zu deren dringender Verbesserung sie offenbar nicht in der Lage ist. Was den Reformstreit angeht, verursacht diese Klasse nun eine kulturelle Spaltung, ein Messen von Kräften der Intelligenz mit denjenigen der Macht. Dieselben, die den Werteverfall beklagen – als ob Werte ohne politisches Zutun gedeihen oder vergehen – und nach einer Leitkultur rufen, setzen einen der wenigen Werte, die intakt sind, nämlich eine lebendige, prächtige Sprache, einer Regressionsverordnung aus. Die Sprache – wie die Hand oder der aufrechte Gang Konstituenten unserer Spezies – gehört, wie gesagt, jedem Einzelnen und als muttersprachliches Idiom gesehen allen zugleich. Daher haftet ihr etwas Grundrechtliches an und daher auch die Verstörung, die sich einstellt, wenn an ihr herumkorrigiert wird. Sie ist als gewordene, als werdende mit einem Lebewesen vergleichbar, gemacht von Menschen, die sich um ein Idiom scharen. Sie ist ein Meta-Bios, von einem Reichtum, einer Kraft, einer Vielfalt, wie es vielleicht humose Erde ist, die Millionen von Lebewesen in sich hält, oder das menschliche Gehirn mit seinen ebenfalls millionenfachen Impulsen. Wären sich die Machthaber einer solchen Phänomenologie bewußt, sie hätten wohl kaum so in unsere Sprache eingreifen können, wie es nun geschehen ist. Und daß sie sich bei der Überlegung, die sogenannte Reform zurückzunehmen, von fadenscheinigen Kostenargumenten der Interessensgruppen haben beeindrucken lassen, ist überdies unbegreiflich.»

Die über achthundert Ohren konnten auch nicht überhören, was Reiner Kunze selbst sagte:
«Den gravierendsten Kulturbruch aber bedeutet die Rechtschreibreform, doch besteht wenigstens in diesem Fall Grund zur Zuversicht.»
«Zweifelsohne war die Sprache noch nie einer solchen staatlichen, wirtschaftlichen, technischen und medialen Gegenmacht ausgesetzt wie heute, aber letztlich unterrichten in den Schulen noch immer Menschen, schreiben in den Ämtern Menschen, entscheiden in den Buch- und Zeitungsverlagen Menschen, und es sind Menschen, die ihren persönlichen Computer mit Software bestücken.»

Und auch Klaus Bartels richtete sein Wort an die Ohren: «Was die Rechtschreibung angeht, übermittle ich Ihnen, verehrter Reiner Kunze, hier einen gerade fünfzehnhundert Jahre alten Zwischenruf des Cassiodor, des Sekretärs Theoderichs des Großen, aus einer kleinen Schrift ‹De orthographia›; da heißt es: ‹Die viva vox, das gesprochene Wort, unterscheidet uns vom blöden Vieh, die ratio scribendi, die Rechtschreibung, aber von den Dummköpfen und Wirrköpfen.›

Alle diese Sätze waren in einer Pressemappe abgegeben worden und waren nach der Feier nach Frankfurt gereist und nach Stuttgart: nicht nur die Ohren sind ohne Ausrede, auch die Augen können sich nicht verstecken.

Was haben die Hände in Stuttgart nur geschrieben? Natürlich ist es in Ordnung, den eigenen Kolumnisten in den Vordergrund zu stellen. Aber Reiner Kunze war nicht «ein anderer Preisträger», sondern der andere. «Die Stiftung will damit vor allem seinen Einsatz «als begnadeter Lyriker» für die deutsche Sprachkultur und auch gegen die Rechtschreibreform geehrt wissen.» Was soll dieses «Auch»?

Es ist das AUCH dessen, der die Unklarheit sucht, weil er, obwohl das gar nicht nötig ist, ein schlechtes Gewissen hat. Wenn Reiner Kunze gerade wegen seiner Haltung zur Rechtschreibreform geehrt wird, was verdienen dann die alle, die eine andere Haltung eingenommen haben? Keine Ehrung. Also schreiben wir lieber nicht ganz klar, damit diese klare Folgerung nicht gezogen wird.
Nötig ist das schlechte Gewissen nicht, weil kaum jemand das Unternehmen Rechtschreibreform von Anfang an in seiner ganzen Dummheit und Gefährlichkeit erkannt hat.

Das AUCH ist aber vor allem das «Auch» dessen, der, aus was für Gründen immer, nicht richtig Bericht erstattet.

Und hier muß man fragen (und hier hört jeder Spaß auf), ob unsere Zeitungen das nur in diesem Fall, nur ausnahmsweise, nur bei der Rechtschreibreform machen, oder ob ab und zu, ob immer wieder, ob immer dann, wenn sie Gründe dafür zu haben meinen.

Hoffen wir, daß die Auseinandersetzung je länger desto mehr von den Sachen bestimmt wird (z.B. von der Frage nach den Kosten): ohne schlechtes Gewissen, ohne Befürchtungen. Am klaren Sachverhalt bildet sich eine klare Meinung, und durchsetzen wird sich die Meinung, die mit den besten Begründungen auftritt.


Die Reden der Feier werden demnächst in einem schönen Heft veröffentlicht.
Es kann bestellt werden:
Stiftung für Abendländische Besinnung,
Bergstraße 22,
CH-8044 Zürich, Tel. 0041 1 252 16 47 (Fax 252 16 49), stabzh@bluewin.ch

Stefan Stirnemann, St. Gallen

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