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Die angebliche Rechtschreibreform – Eine Rezension von Stefan Stirnemann Horst Haider Munske
Die angebliche Rechtschreibreform
Eine Rezension von Stefan Stirnemann


Leibniz Verlag, St. Goar (2005)
163 Seiten, kart. 9,80 Euro
ISBN 3-931155-13-7


Zu diesem Buch:

„Was ich nicht für richtig halte, will ich nicht mitverantworten“
Horst Haider Munske legt eine neue Sammlung seiner Beiträge zur Rechtschreibreform vor


Etwas Falsches nicht vertreten zu wollen – das ist eine gute Haltung. Sie ist aber auch selten. Mit dem angeführten Satz begründete Munske in einem Gespräch mit den Nürnberger Nachrichten (26. September 1997) seinen Austritt aus der Kommission für deutsche Rechtschreibung; Austrittserklärung und Gespräch nehmen Platz vier und fünf im 163seitigen Band ein.
Und die damals nicht austraten und heute noch die Reform verfechten? Sie erkennen offenbar das Falsche nicht, oder nur teilweise, und wissen nicht, was Verantwortung ist. Die Schweizer Reformer zum Beispiel, Peter Gallmann und Horst Sitta, haben die neue Norm maßgeblich mitbestimmt und machen sich über die lustig, welche diese Norm ernstnehmen: „Wir müssen gestehen, dass wir oft mit einer Mischung von Amüsiertheit und Entsetzen auf die Haltung Normen gegenüber reagiert haben, die uns in Deutschland immer wieder begegnet und uns aus Schweizer Warte ausgesprochen hysterisch vorkommt.“ Folgerichtig rief kürzlich Sitta zur Mißachtung der Norm die Hand voll auf: „Eine Schreibung wie eine Handvoll mag sich daher dem sensiblen Schreiber mit Macht aufdrängen, auch gegen das Rechtschreibwörterbuch. Was spricht dagegen, dann im individuellen Schreiben zusammenzuschreiben? Auch Rechtschreibung braucht eine gewisse Elastizität. Das ist dann freilich keine Frage der Norm, sondern des Umgangs mit der Norm, des Usus. Und der kann in Grenzen durchaus seine eigenen Wege gehen, damit die Normen von morgen vorbereitend.“ Und Gallmann hält die neue Norm für so unwichtig, daß er in der Neuauflage des Buches „Richtiges Deutsch“ (Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2004) einen großen Teil der Änderungen vom Juni 2004 unterschlägt. Wer wäre auch so hysterisch, daß er für rund 25 Euro genaue Auskunft haben möchte? Reicht es nicht, den heutigen Stand der Dinge in vier Jahren nachlesen zu können, in der 27. Auflage? Ich habe das an sich bewährte Buch, das in die falschen Hände geraten ist, in der Februar-Ausgabe der Schweizer Monatshefte besprochen („Kein Führer durch ‚Falsch und Richtig’, Ein Reformer der Rechtschreibung überarbeitet Walter Heuers Standardwerk“); nach der Beschäftigung mit dieser Mischung aus Blödsinn und Frechheit ist Munskes Buch eine Wohltat.

Der Titel des Bandes ist gut gewählt: „Die angebliche Rechtschreibreform“, denn zu einer echten Reform gehört, wie Munske im Vorwort ausführt, daß sie „wirklich durchgreifend“ ist und eine „wesentliche Verbesserung“ darstellt. An erster Stelle steht ein Überblick über „Die Fehler der Rechtschreibreform“, ein Aufsatz aus den Schweizer Monatsheften vom November 2003 (das erfolgreiche Heft erschien zum Thema „Die deutsche Sprachverwirrung, Fehlkonzept Rechtschreibreform“). An zweitletzter Stelle ist die schöne Abhandlung „Lob der Rechtschreibung“ aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4. Oktober 2004) abgedruckt; Reiner Kunze nannte sie in seiner Zürcher Rede „ein Hohelied auf die ‚Haut der Sprache’“. Mit diesem Bild beschreibt Munske treffend das Verhältnis zwischen Schrift und Sprache. Kleider wechselt man nach Belieben und verändertem Geschmack, und die Kleiderhändler leben davon, daß sich der Geschmack vierteljährlich ändert; aus der Haut fährt man nur mit Schaden. Das neunzehnte und letzte Stück, „Der lange Herbst der Orthographie“, befaßt sich mit dem Rat für Rechtschreibung, der Untertitel nennt ihn „eine Farce“ (Tagesspiegel, 1. November 2004). Die Schlußsätze: „Falls die Kultusminister sich nicht noch besinnen, gibt es keine Lösung des Konflikts. Die Kritiker dieser angeblichen Reform lassen sich nun nicht mehr übertölpeln. Die Einheit der deutschen Rechtschreibung aber wäre ohne einen vernünftigen Kompromiß nur noch auf einem Weg zu erreichen: durch die Rückkehr zur alten, zur bewährten Schreibung.“

Wie ist die Lage vier Monate später? Munske gibt die beste Grundlage zu ihrer Beurteilung. Seinen eigenen Standpunkt bestimmte er im Gespräch mit den Nürnberger Nachrichten so: „Je länger ich mich mit der Rechtschreibung beschäftige, desto besser erkenne ich, wie angemessen ihre Regeln für unsere Sprache sind. Schon vor vier Jahren (also 1993, St.) habe ich einen Aufsatz publiziert mit dem Titel: ‚Läßt sich die deutsche Orthographie überhaupt reformieren?’ Darin habe ich begründet, daß eine echte Rechtschreibreform weder sinnvoll noch möglich ist, nur eine Pflege, das heißt, eine wissenschaftlich begründete Neudarstellung der Regeln und eine Beseitigung von Widersprüchen und Spitzfindigkeiten. Daran habe ich in der Tat gerne mitgearbeitet. Die Neuregelung geht aber über dieses Ziel weit hinaus. Sie greift geradezu sprachplanerisch in die Sprache ein und beseitigt dabei wesentliche Differenzierungen des schriftlichen Ausdrucks.“ Munskes alte Forderungen, ausgesprochen zum Beispiel im Beitrag „Die Rechtschreibreform am Ende – was nun?“ (Kunst und Kultur 8/9, 1997), sind immer noch sinnvoll: ein Moratorium und eine Überarbeitung des Regelwerks („Mit einer solchen Aufgabe sollte man allerdings nicht diejenigen betrauen, die das abgelehnte Regelwerk noch heute propagieren“).

Schön ist, daß Munske sein Urteil in der Frage des Eszetts geändert hat. Vor drei Jahren schrieb er („Scheitern oder weiterwursteln? – Die Halbzeitbilanz der Rechtscheibreform“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 2002): „Die neue s-Schreibung ist kein Makel. Sie galt bereits in Österreich bis zur deutschen Einheitsorthographie im Jahre 1901, und sie gilt noch radikaler (alle „ß“ durch „ss“ ersetzt) seit mehr als 50 Jahren in der Schweiz. (…) Sie tangiert eben die innere Struktur der Rechtschreibung nur geringfügig. Dies kann man, dies sollte man akzeptieren. Es spricht aber nichts dagegen, jenen die bisherige s-Schreibung zu gestatten, die sie weiterhin vorziehen. Die relative Bedeutungslosigkeit dieser Reform gestattet es, beide Varianten zuzulassen.“ Zwei Jahre später sprach er im „Lob der Rechtschreibung“ auch dem gefährdeten Schluß-Eszett das verdiente Lob zu: „Statt muss wie in müssen steht muß, statt müsste steht müßte. Das ß übernimmt damit eine zusätzliche Information, die über den Lautbezug hinausgeht. Es sagt uns: Hier endet das Wort muß oder der Stamm müß-. Was ist damit gewonnen? Es ergänzt die Information von Wortzwischenräumen, Interpunktion und Großschreibung. Solche Grenzsignale sind ein wichtiges Merkmal leserorientierter Schriftsysteme. (…) Diese Erleichterung des Lesens sollte man nicht ohne Not über Bord werfen.“

Zum Eszett füge ich folgendes an: Die bis 1996 gültige Regel geht auf die Grammatiker Gottsched und Adelung zurück, die angeblich neue, tatsächlich zweihundert Jahre alte Regel stammt vom Grammatiker Heyse. Nun wird im seinerzeit verbreiteten Schulbuch „Grundzüge der Neuhochdeutschen Grammatik für höhere Bildungs-Anstalten“ in der für Österreich bestimmten Ausgabe (achtzehnte Auflage, 1877) die „herrschende Gottsched-Adelungsche Schreibweise“ geboten mit Beispielen wie fließe, Fluß, vergißt, vergaß, Meßbude (in Antiqua). Die Verhältnisse in Österreich waren also vor 1901 nicht eindeutig. Und Otto Lyon schrieb in seiner Bearbeitung von Heyses „Deutscher Grammatik“ (sechsundzwanzigste Auflage, 1900, in Fraktur): „Der Schreibgebrauch hat sich in überwiegender Weise dafür entschieden, am Ende einer Silbe, wie auch vor einem t das ſſ in ein ß zu verwandeln. Man schreibt daher: der Guß, Haß, verhaßt, häßlich, wißbegierig, naß, durchnäßt, ihr goßt, vergoßnes. (…) Heyse hatte daher die Regel aufgestellt, die in Österreich jetzt noch gilt, im Auslaut für ſſ nicht ß, sondern ſs zu setzen. R. v. Raumer, Michaelis, Wilmanns, Sanders haben diese Regel wiederholt empfohlen und verteidigt, dennoch konnte die Regel sich dem überwiegenden Gebrauche gegenüber nicht halten.“ Heyse hatte sich also im deutschen Sprachraum nicht durchgesetzt. Im Protokoll der zweiten Orthographischen Konferenz (1901) steht (in Antiqua, ohne Eszett): „Im allgemeinen wird die österreichische Schreibung als die bessere angesehen, dagegen wird die grosse Schwierigkeit einer Änderung von allen Rednern, namentlich auch von dem Vertreter des Buchhandels und des Buchdruckergewerbes, hervorgehoben. Nachdem sich Herr Lyon entschieden gegen die Einführung der Heyseschen Schreibweise erklärt hat, gibt Herr Rümelin der Befürchtung Ausdruck, dass die Einigung durch die Änderung der Schreibweise erschwert werden könnte. (…) Der Herr Vorsitzende stellt es demnach anheim, es bei dem bisherigen System zu lassen, wenn auch die österreichische Schreibung in vieler Hinsicht empfehlenswert sei und den Ausländern das Erlernen der deutschen Sprache erleichtere. Um so dankbarer sei das grosse Opfer anzuerkennen, das die österreichische Regierung durch Verzicht auf die bewährte Heysesche Schreibung bringen würde.“

Man hat also 1901 dem Schreibgebrauch recht gegeben, und recht hätte auch heute der Vertreter des Buchhandels, der darauf hinwiese, daß es ‚schwierig’ wäre (das heißt eine Geldverschwendung schildbürgerlichsten Ausmaßes), unsere Bibliotheken durch Änderung der Eszett-Regel zu entwerten. Bemerkenswert ist, daß man damals gar nicht fragte, warum sich Heyses „im allgemeinen als besser angesehene“ Regel nicht durchgesetzt hatte; offenbar hatte man keinen Sinn für die Erleichterung des Lesens, von der Munske spricht.

Diese Hilfe, so Munske, sollte man nicht ohne Not über Bord werfen. Welche Not spräche dafür? Einzig die Not der Reformer, die am Ende nicht mit ganz leeren Händen dastehen möchten. Werfen wir also die Reformer über Bord; ein großer Fisch mit feinem Geschmack wird sich finden: er wird sie verschlucken und am nächsten Strand ausspeien, sie werden nicht zugrunde gehen.

Was wird nach der Reform sein? Munske stellte seinerzeit Theodor Icklers Wörterbuch vor („Das wohltemperierte Wörterbuch, Einfach weise: Theodor Icklers sanft reformierte Orthographie“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. September 2000): „Interessant ist eine erste Fehlerstatistik, die der erfahrene Korrektor Wolfgang Wrase am Beispiel der Süddeutschen Zeitung vor und nach der Umstellung vorgenommen hat. Sie zeigt ein deutliches Ansteigen der Fehlerquote nach der Reform, anders als von ihren Befürwortern erwartet. Bei Berücksichtigung des Wörterbuchs von Ickler sinkt die Fehlerquote sogar weit unter das Niveau von 1998, eben weil seine Darstellung näher am tatsächlichen Usus ist als der alte Duden. Damit hat Ickler Ziele verwirklicht, die der Rechtschreibreform ursprünglich zugrunde lagen. Überhaupt ist festzustellen, daß er sowohl in seiner Regeldarstellung wie im Rechtschreibwörterbuch die neuere Orthographieforschung und die Debatte um die Rechtschreibreform sinnvoll verarbeitet hat.“

Es braucht wohl noch ein wenig Zeit, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, daß der Weg der Reformer in die Irre geführt hat und daß es zu teuer ist, ihn weiterzugehen. Horst Haider Munske hat schon mit seinem ersten Sammelband gezeigt, daß er den richtigen Weg kennt („Orthographie als Sprachkultur“, Europäischer Verlag der Wissenschaften, 1997). Nun steht dank dem verdienstvollen Verleger Matthias Dräger ein weiterer Wegweiser im Gelände, im angenehmen Gelb, mit dem die Schweizer Wanderwege gezeichnet sind. Es wird uns freuen, demnächst dem Wandersmann Stefan Aust und weiteren Herren und Damen auf dem richtigen Pfad zu begegnen.

Das Büchlein ist sorgfältig gearbeitet, nur auf Seite 117 ist der falsche Titel hingeraten („Ein Stimmzettel verwirrt die Bürger“ statt „Das wohltemperierte Wörterbuch“). Geheftet ist es freilich schwach. Möge es gemeinsam mit der Reform auseinanderfallen, möge es bald auseinanderfallen.

Horst Haider Munske: Die angebliche Rechtschreibreform
163 S., Kartoniert, € 9,80
Leibniz Verlag, 56329 St. Goar
ISBN 3-931155-13-7


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