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Nachrichten rund um die Rechtschreibreform

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21.02.2008
 

Eine Vermißtenanzeige
Frank Müllers Rohrkrepierer über den Buchstaben ß

Vermutlich vom Autor des vorgestellten Werkes selbst stammt der folgende Neuerscheinungshinweis in der März-Ausgabe von literaturkritik.de. – Mittlerweile ist der Neuerscheinungshinweis obsolet, siehe hier. Eichborn hat das Buch zurückgezogen und mitgeteilt, daß es auch keine überarbeitete Neuauflage geben wird.

"Möge der Zankapfel 'Rechtschreibreform' die Eiferer auf beiden Seiten nähren und den Wörterbuchverlagen glänzende Umsatzzahlen bescheren. Mögen muntere TV-Raterunden sich daran laben. Möge Sebastian Sicks in dritter Folge erschienener Unterhaltungsschlager 'Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod' weiterhin die Bestsellerlisten schmücken und sein Autor die bankrotte Rechtschreibung durch flächendeckende Lesungen in klingende Münze verwandeln - uns kann es egal sein."

Die Beschäftigung mit der deutschen Sprache, ihrer orthografischen Rechtschaffenheit, aber auch mit den sie begleitenden Irrtümern hat Konjunktur. Aber kann man ein ganzes Buch über einen einzelnen Buchstaben schreiben? Man muss! "Viel Spass", "barfuss am Strand", "freundliche Grüsse" - nur einige Fundstücke, die vor allem eines belegen: Das "ß" ist in die Klemme geraten. Als prominentestes Opfer der Rechtschreibreform wird es mehr und mehr bedrängt von seinem unheimlichen Doppelgänger, dem "ss". Frank Müller geht der wechselvollen Geschichte des "ß" auf den Grund und schlägt einen Bogen bis zu aktuellen Versuchen von Typografen, es als Großbuchstaben zu etablieren.

Die eloquente Spurensuche beginnt in der Schweiz. Sie inspiziert die Werbung bei ihren halsbrecherischen Versuchen, bewährte Schreibweisen zu "aktualisieren", und zeigt die irritierenden, witzigen oder grotesken Folgen des beflissenen Richtigmachenwollens in Wort und Bild. Dabei kommen ausgewiesene Liebhaber des "ß" ebenso zu Wort wie erbitterte Gegner. Vor den gepflegten Kopfnüssen, die der Autor offenherzig und in alle Richtungen verteilt, ist allerdings niemand sicher. Ein Rettungsversuch mit dem Wissen um dessen Vergeblichkeit und unbändiger Lust an der Sprache.

F.M.

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeiter / innen der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

Frank Müller: ß. Ein Buchstabe wird vermisst.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
160 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN 3821856688


Link: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11662


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Kommentare zu »Eine Vermißtenanzeige«
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Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 30.05.2008 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6763

Die Osiandersche Buchhandlung scheint nicht mitbekommen zu haben, wie es um das Büchlein bestellt ist, wirbt sie doch in ihrem Mai-"Newsletter" ausdrücklich dafür: Überhaupt ist Sprache eine aufregende Sache. Wem die grassierende Anglo-Manie auf die Nerven geht, findet bei Wolf Schneider Trost in seiner Liebeserklärung an unsere Muttersprache: »Speak German«. Ebenso ist für alle Sprachliebhaber das Buch von Frank Müller Pflichtlektüre: »ß – Ein Buchstabe wird vermisst«.
(http://www.osiander.de/service/epost_erwachsene.cfm)
Vorrätig war aber zuletzt nur noch ein Exemplar, und das sollte inzwischen weg sein.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.04.2008 um 14.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6678

Ich dachte auch daran, daß Sie Frau Müncher fragen könnten, denn offenbar hat sie sich damit befaßt; ihre E-Mail-Adresse hat sie ja angegeben.


Kommentar von Thomas Landsgesell, verfaßt am 18.04.2008 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6677

Sehr geehrter Herr Wagner,
ich dachte eher an eine systematische wissenschaftliche Abhandlung.
Trotzdem vielen Dank
Mit bestem Gruß
Thomas Landsgesell


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.04.2008 um 10.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6676

Vielleicht kommen Sie ja hier weiter, Herr Landsgesell:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=963#11479


Kommentar von Thomas Landsgesell, verfaßt am 15.04.2008 um 21.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6670

Sehr geehrter Herr Ickler,
Sie hatten hier am 26.02.2008 um 06.13 Uhr geschrieben:
„Warum die Neuregelung der s-Schreibung so fehlerträchtig ist, haben andere ausführlich dargelegt, ... Bei Müller soll man auch gar keine Systematik erwarten ...“
Mich interessiert dieses Thema, können Sie mir Literaturhinweise geben, wo dies systematisch untersucht wird?
Mit bestem gruß
Thomas Landsgesell


Kommentar von PL, verfaßt am 11.04.2008 um 18.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6663

Mein Freund Martin Z. Schröder wurde bestohlen. Darüber ärgerte ich mich mehr als er. Er wurde zitiert, ohne daß sein Name genannt wurde. Das war schlimmer für mich als für ihn. Nun wurde ich zitiert, und zwar von Heiko Burger, und erst noch falsch. Mein ganzer literarischer Ruhm, nach welchem ich süchtig bin, kommt nun unverdienterweise ihm zu. Er, nicht ich, trägt nun den Lorbeerkranz, der mir rechtens zusteht.

Ich ergänzte im Rechtschreibforum ein allbekanntes Sprüchlein um eine wesentliche Zeile.

http://nachrichtenbrett.de/Forum/showthread.php?threadid=36

Da man hier keine ‚Smilies‘ setzen kann, setze ich keines.


Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 11.04.2008 um 14.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6662

Ich habe vor kurzem einen neuen Personalausweis beantragt. In diesem steht nun als Adresse "TALSTRAßE". Wie man sieht, ist ein großes ß überflüssig. Warum man allerdings den Usus über Bord warf, das ß aufzulösen, konnte ich noch nicht ergründen.


Kommentar von Heiko Burger, verfaßt am 11.04.2008 um 12.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6661

Merke: ss am Schluß bringt Verdruß!
Dass statt daß verdirbt den Spaß!


Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.04.2008 um 11.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6660

Neue Bedeutung von "NGO": Non-Governmental Orthography.
Bisherige Bedeutungen: Non-Governmental Organization, Next Generation Outsourcing, Niedersächsische Gemeindeordnung, Neugestaltete Gymnasiale Oberstufe (in Baden-Württemberg)


Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 11.04.2008 um 09.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6659

"Nichtregierungs-Orthographie" hat einen Hauch unbekümmerter, fröhlicher Anarchie, der einen aus "Nichtstaatliche Rechtschreibung" weniger erfrischend anzuwehen scheint.
Und hatte nicht die Rechtschreibung bis 1996 einen leicht anarchischen Charakter, weil sich keine Regierung drum kümmerte und die Entwicklung von unten kam? Jetzt hat die Regierung den Daumen drauf, und was passiert? Jeder nimmt's hin und wird zum mürrischen, aber willigen Vollzieher. Das funktioniert nur weniger gut als Anarchie mit ungeschriebenem Konsens, nicht nur weil das neue System schlechter und weniger lernbar ist.

Nun macht "die Regierung" ja einen Bogen um das Thema, eigentlich kann sich also langsam wieder der eine und andere Unfug verflüchtigen. Die Schäden werden aber lange sichtbar bleiben. Am schlimmsten erscheint mir, neben der Verbiegung des Denkens, daß das zwanglose Lernen beim Lesen nicht mehr so effektiv sein kann, weil man alte und neue Texte durcheinander lesen muß. Das ist gerade auch für Ausländer ein Nachteil, die Deutsch lernen wollen. Das Goethe-Institut scheint das noch nicht gemerkt zu haben. Schreiben Sie Briefe an den neuen Präsidenten, machen Sie ihn auf das Problem aufmerksam, daß man den Lernwilligen nicht von der gesamten Literatur des 20. Jh. abraten und nur "Regierungsorthographie" empfehlen kann. (Habe selber schon einen geschrieben.)


Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.04.2008 um 08.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6658

"Nichtstaatliche Rechtschreibung" wäre wohl allgemeinverständlicher.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 11.04.2008 um 07.40 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6657

Nichtregierungs-Orthographie? Was ist denn die Orthographie der Nichtregierung? Was ist überhaupt eine Nichtregierung? Wie kann man ein Fugen-s mit einem Bindestrich verbinden?
Extra-Sprachpreis? Nein danke!


Kommentar von Michael Blum, verfaßt am 10.04.2008 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6656

"Nichtregierungs-Orthographie"

Diese Begriffsschöpfung von Prof. Niederehe (s.u.) verdient einen Extra-Sprachpreis. Origineller kann man den Gutmenschen von der Rechtschreibreformfront nicht entgegenhalten, für welchen Mist sie verantwortlich sind. Klasse!!! Der beste Beitrag zum Thema seit langem.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.04.2008 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6655

Die Aufnahme in den Unicode legt noch keine Form fest. Die Formung des Großbuchstabens für das ß ist nun den Schriftentwerfern überlassen. Erst danach könnte die amtliche Schreibung z. B. in Personalausweisen und Schulschrift den Buchstaben aufnehmen. Weiteres findet man auf www.signographie.de von Andreas Stötzner.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 10.04.2008 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6654

In der Tat: Gerade am versalen ß zeigt sich, daß das Wissen darum, was ein ß ist, verlorengegangen ist.

Das ß ist eben kein Buchstabe, sondern eine Ligatur, die zu verwenden in bestimmten Fällen sinnvoll ist. Wer braucht versale Formen der anderen üblichen Ligaturen (ff,fi, fl, ffi, ffl)? WIMRE sind auch die versalen Formen der Umlaute relativ jungen Datums.


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 10.04.2008 um 10.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6653

Gerade am versalen ß zeigt sich, daß das Wissen darum, was ein ß ist, verlorengegangen ist.
Es wurde ein Gebilde ersonnen, das optisch irgendwo zwischen B und ß liegt. Warum ist keiner auf den Gedanken gekommen, zwei große S miteinander zu verschmelzen? Das hätte zwar das graphische Problem aufgeworfen, eine Ähnlichkeit zu den Runen der Sturmstaffel zu vermeiden, wäre aber sprachlich weitaus sinnvoller gewesen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.04.2008 um 22.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6652

"Das große Eszett" Südd. Zeitg. v. 9.4.08, Literatur: "Am Freitag vergangener Woche hat das Unicode-Konsortium die Aufnahme des 'Latin capital sharp s for German', also des versalen Eszett (ß) in den Unicode mitgeteilt. Damit hat das deutsche Alphabet nunmehr 27 vollwertige Buchstaben. ..."


Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 31.03.2008 um 11.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6617

Ach so, es handelte sich um einen Leserbrief, nicht um einen Artikel. Das sollte man schon dazusagen. Der Leserbrief spiegelt nicht die Blattlinie wider, wenn er die völlige Abschaffung des „ß“ fordert. Er stammt von Helmut Kühnel, und steht in DSW 22 (4/2005) auf Seite 2:

––––––
ß ist überflüssig
Daß Sie nach wie vor erbitterten Widerstand gegen die neue Orthographie leisten, erkenne ich an. Auch ich protestiere gegen „behände“, „Tollpatsch“, „belämmert“ und so weiter. Nur in einem Punkt möchte ich Ihnen widersprechen. Es geht um das „ß“, gegen dessen weitere Beibehaltung ich ganz entschieden bin. Dieser Buchstabe ist zwar ein typisch deutscher, doch der uneuropäischste, den man sich denken kann. Durch die neue Rechtschreibung (hier möchte ich sehr wohl „Schlechtschreibung“ sagen) werden etymologisch zusammengehörende Wortstämme zerstört: Man soll nun „Fluss“, „Schluss“ und so weiter schreiben, aber dann wieder „fließen“, „schießen“ und so weiter. Was soll das? Der lange Vokal läßt sich doch auch zum Beispiel bei „Trost“ (gegenüber kurz „Frost“, „Kost“), „Wüste“ (gegenüber kurz „Küste“, „Lüste“), „Tratsch“ (gegenüber kurz „Klatsch“) nicht orthographisch kennzeichnen! Die neue Rechtschreibung ist überhaupt nicht genügend durchdacht.
Helmut Kühnel
––––––

Interessant sind die vielen widersprechenden Leserantworten, von denen in der darauffolgenden Ausgabe sieben veröffentlicht wurden (Das ß ist ein Teil unserer Identität, DSW 23, 1/2006, Seite 2). Auch das sollte man dazusagen.

––––––
Das ß ist ein Teil unserer Identität

Zum Leserbrief „ß ist überflüssig“ von Helmut Kühnel (DSW 22, Seite 2):

Leser Helmut Kühnel hat nicht recht, wenn er schreibt: „Dieser Buchstabe ist […] in typisch deutscher, doch der uneuropäischste, den man sich denken kann.“ Tatsächlich ist die Ligatur ß im 16. und 17. Jh. auch im Italienischen, Spanischen, Französischen und Englischen verwendet worden. In diesen Sprachen verschwindet sie aber im Laufe der Zeit, genauso wie im Schweizerdeutschen. Nur im bundesrepublikanischen Deutsch ist sie beibehalten und bei der Orthographiereform noch zusätzlich mit der Funktion „Längezeichen für den vorausgehenden Vokal“ befrachtet worden. Leser Kühnel hat recht mit der Aussage: „Die neue Rechtschreibung ist überhaupt nicht genügend durchdacht“, und deswegen bleibe auch ich bei der Nichtregierungs-Orthographie, der klassischen Rechtschreibung.
Prof. Dr. Hans-J. Niederehe

Das ß ist typisch deutsch. Warum denn nicht? Andere Sprachen haben auch ihre Eigenheiten. Da denkt aber keiner daran, das zu ändern
Kurt Nau

Ich habe mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) in den achtziger Jahren einen Briefwechsel gehabt, daß es ein Mangel sei, wenn sie kein ß schreibe. Das Ergebnis war, daß mir der Chefkorrektor gestanden hat: „Ich stimme mit Ihnen überein, daß [und er schrieb daß!] die Abschaffung des ß eine Leichtfertigkeit war und höchstens den Lehrern genützt hat.“ Und in einer Sprachglosse Jahre später schrieb ein Redaktor der NZZ, was man beim Schreiben an Überlegung spare, wenn man ss statt ß schreibe, das brauche man – und manchmal mehr –, um beim Lesen den Sinn zu verstehen. Die Abschaffung des ß sei also kein Gewinn gewesen.
Paul F. Wagner

Natürlich schein es unsinnig, das erst ß abschaffen zu wollen und es dann doch – teilweise – zu belassen. Da aber Deutsch eine Sprache und nicht nur ein europäisches Verständigungsmittel ist, kann man auch das ß nicht entbehren. Schließlich ist es ein Unterschied, ob einer das Bier in Maßen oder in Massen trinkt. Und da auch ein Kuss nicht besser ist, als ein Kuß, hätte man es bei der bewährten Schreibung belassen sollen.
Gunther Hartmetz

Wodurch unterscheiden sich „Masse“ und „Maße“? Ist ja nicht das gleiche! Erwiesenermaßen (-massen?) können nur noch Teile der Deutschsprechenden „dass“ und „das“ richtig verwenden; selbst nach dem Abitur gelingt es nicht allen! Mit ß („daß“) bleibt der Unterschied augenfällig. Und einer Schiessscharte ziehe ich noch immer die Schießscharte vor. Wäre der Kreisssaal allenfalls eßbar? Ist da Kreißsaal nicht eindeutiger? Seit die Nationalsozialisten den Fraktursatz abgeschafft haben, gingen auch die Ligaturen verloren, samt dem „langen s“. Ist das Kreischen ein kleiner Kreis oder die Stimme der Möwen?
Max Schio, Schweiz

Leider hält auch die Schweiz das ß für überflüssig. Herr Kühnel hält das ß für uneuropäisch. Wie hält er es dann mit dem skandinavischen Ø oder den französischen Lautzeichen über den Buchstaben? Ich wehre mich dagegen, daß zum Beispiel mein Name mit ss geschrieben wird. Bei Postsendungen landen solche Verfälschungen meines Namens ungelesen in den Papierkorb.
Erhard Maaßen

Die Meinung von Herrn Kühnel in Ehren, aber sie darf nicht Allgemeingut werden. Das ß gehört als gewachsener und fester Bestandteil zur deutschen Schrift. Es ist eine kleine Besonderheit, sicher, aber auch ein Stück unserer Identität und unseres Profils. Daran mag sich stoßen wer will. Das ß gehört auch zu unserer in Jahrhunderten gewachsenen Leitkultur. Wir müssen nicht an der Schreibung herumbasteln, wie es die Jünger der Frankfurter Schule gern hätten. Laßt uns am Alten, so es gut ist, halten. Bei uns ist Schrift und Schreibung alt und gut. Verändern die Araber, Chinesen, Russen auch ihre Schrift, um gegebenenfalls anderen Völkern gefällig zu sein?
Karl Heinz Pape
––––––


Kommentar von R. M., verfaßt am 30.03.2008 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6616

Gemeint ist ein Beitrag von Helmut Kühnel, Sprachwelt 22 (s. Müller, S. 128).


Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 28.03.2008 um 20.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6613

Welchen „obskuren Beitrag“ aus der Deutschen Sprachwelt meinen Sie, Herr Ickler? Warum halten Sie ihn für obskur?


Kommentar von Kasimir, verfaßt am 11.03.2008 um 10.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6586

Liebe Frau Pfeiffer-Stolz,

in der Freiheit trällern doch alle Vöglein stolzer und auch schöner. Ich hoffe, daß Ihr Aufenthalt in Hamburg nur eine kurze Episode war und es Ihnen dort wohlerhangen ist.

http://www.bildarchiv-hamburg.de/hamburg/gebaeude/ug/index2.htm


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 11.03.2008 um 10.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6585

"Schluß" / "Einfluß" usw. mit Eszett in Texten mit Heyse-ss:
Darüber habe ich mich auch schon öfter gewundert.

Umgekehrt scheint es einen schier unüberwindlichen Drang zum Doppel-s nach au und ei zu geben: Weisswein, fleissig, aussen, ausser ...

Meiner Ansicht nach ist diese Entwicklung nichts anderes als der Beweis für den Vorrang des Schreibens nach bisher nicht näher untersuchten Kritierien; eine Art Intuition, die keinen starren Regeln folgt.

Paul Valéry sagte dazu:

"Könnte ein Vogel genau sagen, was er pfeift, warum er das pfeift und was in ihm pfeift, würde er nicht pfeifen."


Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 11.03.2008 um 03.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6584

Je mehr man in Internet-Texten liest, desto weniger bedroht scheint auch das herkömmliche ß zu sein. Bei SPIEGEL-Online geht es munter durcheinander, und selbst Webseiten, deren Verfasser vermutlich niemals etwas anderes als Neuschrieb gelernt haben, schreiben wie selbstverständlich "Schluß" oder "Einfluß".

Ohne daß ich momentan in der Lage wäre, dies statistisch zu untermauern, scheint mir, daß sich gerade beim "kurzen" "u" das Sprachgefühl gegen die ss-Exzesse sträubt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2008 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6576

Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschien am 7. März ein schöner Bericht von Martin Z. Schröder über den Fall Müller. Damit dürfte dieses Kapitel nun abgeschlossen sein.


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.03.2008 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6574

Dankeschön, Herr Wagner und Glasreiniger.
Ich werde mir das gönnen und dann mal sehen, was damals für "vernünftig" gehalten wurde.


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 06.03.2008 um 10.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6573

EUR 1,99 + 1,50 Versand bei eBay.


Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 06.03.2008 um 10.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6572

Zu #6571: www.zvab.de ist eine Möglichkeit, noch ein Exemplar zu ergattern.


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.03.2008 um 09.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6571

Gibt es das Heft "vernünftiger schreiben" als Download im Netz? Wird es über den Buchhandel vertrieben?
Oder gehört es zu den Publikationen, die dermaßen erhellend sind, daß der Verfasser nichts mehr davon wissen (lassen) will?


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2008 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6570

Herr Scheuermann (im Diskussionsforum) ist sehr gutmütig. Man lese aber noch einmal das Bändchen "vernünftiger schreiben" von 1973 nach, und es gibt auch noch viele andere Zeugnisse, die eine abgrundtiefe Abneigung gegen Bildung und Gebildete belegen. Das geht bis zu den "Hochwohlgeborenen", die ein bekannter SPD-Mann verhöhnte. Die Schule sollte alle gleichmachen (Hess. Rahmenrichtlinien). Man konnte zwar nicht die Kinder aus "privilegierten" Familien von der höheren Bildung ausschließen (wie in den kommunistischen Staaten, mit Ausnahme der Parteibonzenkinder natürlich), aber der unverdiente Vorteil, aus einem lesenden Elternhaus zu kommen, sollte auch keinen Nutzen mehr bringen. Man denke auch an die Schriftstellerverhöhnung durch Stickel, die ressentimentgeladenen Schriften von Mentrup usw. Konsequenterweise hielt man es auch nicht für wahrscheinlich, daß irgend jemand etwas liest, was älter als fünf Jahre ist ... Die reformierte Silbentrennung unterläuft die Bildungsbemühungen des sonstigen Unterrichts. Wie gesagt, später wurde das nicht mehr so kraß ausgesprochen, aber der GEW-Kongreß "vernünftiger schreiben" war nicht zimperlich und kann jedem die Augen öffnen, der noch an den ideologischen Grundlagen zweifelt.


Kommentar von stefan strasser zu 6568, verfaßt am 05.03.2008 um 21.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6569

Welche Hintergründe soll man denn da kennen? Und wieso lebt man mit etwas leichter, wenn man es als Schwachsinn erkennt – Schwachsinn, mit dem man aber auf lange Zeit permanent leben müßte, wenn man sich dafür entscheidet?
Irgendwie scheint bei vielen Leuten die Obrigkeitsgläubigkeit so dominant zu sein, daß eine Beurteilung mit den eigenen Sinnen offenbar von vorne herein ausgeschlossen wird.
Vermutlich werden die fehlenden Kleider des Kaisers aber sogar bemerkt, nur erklärt wird natürlich, wie toll das alles aussieht. Man will ja schließlich kein Außenseiter sein ...


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2008 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6568

Frau Rinnert schreibt in ihrem Börsenblatt-Artikel u.a.: "Wer die Hintergründe kennt, lebt leichter mit Kompromissen wie dem volksetymologischen 'Tollpatsch'."
Aber wieso ist das ein Kompromiß? Die Reformer haben ja die volksetymologische Schriebweise nicht etwa gnädig zugelassen, sondern als die einzig zulässige vorgeschrieben. Das ist das Gegenteil eines Kompromisses, es ist die reinste Tyrannei. Dahinter steht die Maxime, die den Gründungskongreß der Reform 1973 bestimmte und die ich so formulieren möchte: "Wer mehr weiß, soll davon keinen Vorteil haben, im Gegenteil!" DAS sind die Hintergründe, die einen die ganze Reform verstehen lassen. Man denke zum Beispiel auch an die Silbentrennung!


Kommentar von Spiegel Online, verfaßt am 05.03.2008 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6567

"Ein X für ein ß vormachen":

www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,539266,00.html


Kommentar von R. M., verfaßt am 02.03.2008 um 01.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6566

Inzwischen ist das letzte bei Amazon greifbare Exemplar eingetroffen, nicht die Blaue Mauritius zwar, aber immerhin. Und spaßig ist es ja schon, zu entdecken, daß Müller nicht einmal willens oder in der Lage war, selbst ein Beispiel für eine der ubiquitären das/dass-Verwechslungen zu finden. Denn das von ihm auf S. 85 angeführte ist gar keins, sondern bloß ein völlig beliebiger, im Heyseschen Sinne korrekt gedruckter Satz aus dem Spiegel, an dem Bastian Sick einmal den Unterschied zwischen das und dass vorgeführt hat („Der große Spaß mit das und dass", „Zwiebelfisch" vom 22. September 2004). Zwangsläufig ist bei Müller denn auch gleich darauf von Sick die Rede. Und es versteht sich, daß die folgende Fundsache aus Spiegel Online, bei Müller auf S. 68 f., nicht ihm selbst zu verdanken ist, siehe hier.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.02.2008 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6561

Es hat allmählich etwas Ermüdendes, aber auch Unheimliches: Wo man hineingreift, wird man fündig. Im SZ-Magazin schreibt Müller also heute beispielsweise dies über den Buchstaben ß:
"Betrachten wir nur seine unvergleichliche Form, die kühn nach oben schnellende Gerade, an die sich ein sanft herniedergleitender Mäander schmiegt."
Das kann ja gar nicht von Müller sein! Und nun die Quelle:
"Mich hat das ß schon immer wegen seines Aussehens fasziniert… sehen Sie seine unvergleichliche Form… eine kühn nach oben schnellende Gerade, an die sich ein sanft herniedergleitender Mäander schmiegt…"

Die "melancholisch verdunkelte Liebe" hat Müller auch schon mal benutzt, schreibt also auch bei sich selbst ab – oder bei Ulrich Horstmann? Jedenfalls hier.


Kommentar von Urs Baerlein, verfaßt am 29.02.2008 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6560

In der Werbebranche ist es ueblich, voneinander abzukupfern. Dazu wuerde als Komment passen, den jeweils Plagiierten von dem Vorgang in Kenntnis zu setzen. So sieht er, welche pfiffigen Zweitverwertungsmoeglichkeiten fuer seinen Einfall es gibt, und hat auch noch etwas davon. Selbstverstaendlich waere von ihm zu erwarten, dasz er sich bei der naechsten Gelegenheit revanchiert. Warum sollte man sich auch streiten? Gute Ideen sind knapp, und der Werbekuchen ist grosz. So hat doch jeder etwas davon, oder nicht?


Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.02.2008 um 14.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6559

Nanu, Herr Schröder, "Du sollst nicht stehlen" ist doch Bestandteil der zehn Gebote, oder meinen Sie nicht? Schon dasjenige haben zu wollen, was einem nicht zusteht, wird da verdammt. Ich denke, es kommt Frau Pfeiffer-Stolz nicht auf die einzelnen Gebote an, sondern um den dahinterstehenden Geist. Er läßt sich in etwas so zusammenfassen: "Achte deine Mitmenschen." Daran hat es Herr Müller zweifellos fehlen lassen, egal ob man den besprochenen Vorgang mit Empörung beantworten oder als Bagatelle einordnen möchte.


Kommentar von Martin Z. Schröder, verfaßt am 29.02.2008 um 10.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6557

Verehrte Frau Pfeiffer-Stolz, eine nicht ganz unwesentliche Richtigstellung: Nicht von Verstößen gegen die 10 Gebote sprach ich, nicht von Mord, Ehebruch, anderen Göttern und dergleichen Unsitten, sondern vom einfachen Betrug für Ansehen und Geld und dem Typ des Betrügers. Der Mord etwa wird schon als böse definiert, jedenfalls vom deutschen Strafrecht. Frank Müller, um dessen Diebstahl und Betrug es hier geht, ist aber bloß ein Frechling, ganz sicherlich intelligent und überzeugend, ebenso sicherlich kein bedeutender Denker. Ich kann mir keine politische Verfassung vorstellen, die diese Art von Leuten stärker kontrollieren könnte als die Demokratie.

SZ-Magazin: Herr Müller hatte bestimmt "vergessen", daß dort noch ein Text von ihm liegt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.02.2008 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6556

In der neuesten Ausgabe von "literaturkritik.de" bespricht Müller ein Buch aus dem Eichborn-Verlag (!): Rohan Kriwaczek: Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline. – Damit vergleiche man, was Sibylle Kölmel unter "leipzig-liest" geschrieben hat. Die Abhängigkeit ist erkennbar, die Richtung sollte sich feststellen lassen.


Kommentar von Sancho Panza, verfaßt am 29.02.2008 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6555

Zunächst einmal: Herr Müllers Biographie deutet stark darauf hin, daß er zuvörderst des Gelderwerbs wegen publiziert. Das erklärt sowohl die Themenwahl als auch die Schreibtechnik.

Eichborn hatte schon vor 20 Jahren eine Affinität für hochstapelnde Werbetexter (damaliger Hausautor Thomas Brockmann war Verfasser etlicher Schummel-Handbücher sowie der berüchtigten Schnorrer-Bibel "Umsonst"). Die SZ hat eine Neigung für Borderline-Journalisten und scheint sich davon noch immer nicht kuriert zu haben.

Herr Müller spielt, wie alle Werbewirtschafts-Lebenskünstler, mit den Bedürfnissen und Angeboten des Marktes und seiner eigenen Bereitschaft zu schrillen neuen Tönen. Er hat sich hier ja schon als Gegner der traditionellen Rechtschreibung positioniert und blickt recht verständnislos auf alle, die seine gefühlte Fortschrittlichkeit in Rechtschreibdingen nicht teilen.

Einen Gefallen hätte er unserer Sache allenfalls dadurch tun wollen können, daß er als Agent provocateur eine Argumentation zugunsten unserer Gegner abliefert, die uns dann dadurch nützt, daß sie allgemein in Mißkredit gerät. So ist es, wenn auch mit gewiß anderer Intention geschehen, wenigstens können wir nun sagen: Unsere Gegner klauen Texte. Die Rechtskonsequenzen fallen aber so heftig aus, daß Müller ganz bestimmt als "strategisch sehr dumm" bezeichnet werden kann.

Ich bin davon überzeugt, daß es dem Mann ausschließlich um sein Autorenhonorar ging und er angesichts des zu bewältigenden Stoffs eben als seriös erscheinende Quellen angezapft hat. Die Art, wie er das gemacht hat, disqualifiziert ihn für jede ernste Publizistik und zeigt wieder einmal, wie angreifbar unser Mediensystem ist und wie leicht es Schelme haben, sich darin ihre Gänge zu graben.

Nebenbei empfinde ich Müllers süße Todeslust in Schriftdingen ("unabwendbares" Verschwinden des ß als Grundannahme) als einigermaßen auffällig. Solche Leute sollte man auch innerhalb ihrer sozialen Systeme unter Beobachtung behalten.


Kommentar von Kasimir, verfaßt am 29.02.2008 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6554

Um Himmels Willen, liebe Frau Pfeiffer-Stolz, wie sind Sie denn ins Untersuchungsgefängnis geraten?


Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 29.02.2008 um 08.17 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6553

Ich danke Herrn Schröder für den Beitrag. Das Thema interessiert mich aus privaten Gründen brennend. Auch ich habe festgestellt, daß weniger der böse Wille als eine gewisse geistige und sittliche Unreife und Verwahrlosung zu Verstößen gegen den Dekalog führen. Dumme Menschen können ihr eigenes Handeln nicht einschätzen und erkennen dessen Dimensionen nicht. Daher plagt sie kein Gewissen. Aus dem Fundus der Unreifen, zugleich jedoch Großmannssüchtigen rekrutieren sich Überzeugungstäter. Bei ihnen ist jedes Wort vergeudet.
Furchtbar ist, daß Personen dieser Art in Schlüsselpositionen der Demokratie gelangen. Die Demokratie ist eben nicht die "Herrschaft der Besten" ...
Gern würde ich mich näher mit Herrn Schröder über seine Arbeit im Untersuchungsgefängnis unterhalten, um für meine persönliche Situation Erkenntnisse zu gewinnen, die mir eventuell weiterhelfen.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.02.2008 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6552

Herr Müller hat die unglaubliche Frechheit, dem SZ-Magazin einen ganzseitigen Artikel über das angebliche Verschwinden des ß anzudrehen, heute erschienen samt Hinweis auf das bei Eichborn (nicht) erscheinende Buch.


Kommentar von Martin Z. Schröder, verfaßt am 28.02.2008 um 19.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6551

Der Gedanke von Professor Ickler erscheint mir als gutwilligem Zeitgenossen nicht völlig abwegig. Als ich die Sache in meinem Blog veröffentlichte, habe ich auch keine Forderungen gestellt. Ich habe den Verlag um eine Stellungnahme gebeten. Mir war anfangs der Umfang des Plagiates nicht klar. Die geklauten kleinen Stellen aus meinem Zeitungsartikel hätte ich gut verschmerzen können, allerdings war mir der Kontext ungemütlich, weil in meinen Text Fehler hineinredigiert worden waren. Auch noch idiotische Fehler. Das war also nicht im Sinne von Sancho Panzas Kommentar eine neue Chance zur Weisheitsverbreitung. Das Buch ist, abgesehen von den korrekt abgeschriebenen Passagen, Quark.

Mir antwortete zuerst nicht der Verlag, sondern Herr Müller, der mir schrieb, die nicht markierten Zitate seien als "vorläufige 'Brücken'" stehengeblieben, weil er die Originale nicht mehr habe finden können und dann vor Abgabe in der Zeitnot nicht mehr geschafft habe, die Zitate zu "überschreiben". Er erklärte mir, daß mein Blogeintrag ihm die Augen geöffnet habe, er zerknirscht sei und sich entschuldigen möchte. Das hatte mich doch erst einmal versöhnt, dann allerdings auch wieder unbefriedigt gelassen, weil er nicht andeutete, wie er die Angelegenheit zu bereinigen gedachte. Das schrieb ich ihm, die nächste Post kam von der Justitiarin de Verlages. Und schließlich wurde dann schnell deutlich, wie lang die "Brücken" in diesem Buch sind und daß es so keineswegs veröffentlicht werden konnte.

Ich habe früher als Sozialarbeiter im Untersuchungsgefängnis und als Schöffe beim Amtsgericht auch mit Betrügern zu tun gehabt. Böse Menschen sind das meistens nicht. Zu meiner eigenen Verblüffung habe ich immer wieder festgestellt, daß den meisten von ihnen das Unrechtsbewußtsein immer erst nachträglich kommt und ihnen dann auch oft wieder entfleucht. Treuherzig und mit überzeugendem Charme baten sie immer wieder um Vergebung und schworen Eide in die Zukunft hinein, als sei diese nur eine Phantasie. Sie litten immer unter Vergeßlichkeit und Zeitnot. Zorn kann ich auch in diesem Fall nicht auf Herrn Müller entwickeln, aber das Wirken des Verlages ist ärgerlich: daß es niemandem aufgefallen ist, wie hart der "Autor" die Stile wechselt, wie er mal salbadert (das ist dann O-Ton), mal werbetextet (das ist in diesem Fall abgetippt von einem Buchdeckel, obwohl Müller selbst Werbetexter ist) und mal glasklar und fachlich argumentiert, und zwar eloquent auf mehreren Gebieten (das sind die Abschriften aus den Fachtexten). Wenn einer betrügt, kann man ihm gute Resozialisierung wünschen; wenn aber ein Verlag so stümpert (und dann noch so naßforsch-bissig witzelnd sein durch selbstverschuldete Tatsachen erzwungenes Konsequenzziehen bespaßt), wünsche ich ihm nur: "Gute Nacht!"


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2008 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6550

Zu Sancho Panza: Ganz recht, ich hatte ja auch gar nicht vor, die Veröffentlichung zu verhindern. Allerdings geht das Ansinnen, ein solches Buch zu rezensieren, doch noch etwas weiter, als die Polizei erlaubt. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich einen vielleicht etwas abwegig erscheinenden Gedanken äußern: Könnte es sein, daß Frank Müller uns ganz ehrlich einen Gefallen zu tun glaubte, indem er uns eine Blütenlese aus unseren Schriften in neuer Fassung vorlegte? Wie ist es sonst zu erklären, daß ausgerechnet die Bestohlenen mit Rezensionsexemplaren bedacht wurden, doch offenbar auf Anregung des Verfassers selbst?
Übrigens ist Müller nicht 22, sondern wird nächstes Jahr 40.


Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 28.02.2008 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6549

Zu: Theodor Ickler, Kommentar vom 26.02.2008 (575#6531)

»Diese und viele andere Werke zur neuen Rechtschreibung werden gerade im Börsenblatt von Andrea Rinnert (hierorts schon bekannt!) hemmungslos beworben. "Zum Glück gibt es Titel, die der älteren Generation auf die Sprünge helfen." Unter den jungen Leuten, die uns Beine machen wollen, sind naturgemäß Julian von Heyl und Christian Stang. Wermke beeindruckt durch eine "Neue deutsche Rechtschreibung für Dummies", und zwar außerhalb des eigentlichen Dudengeschäfts bei Wiley VCH. Sogar der greise Klaus Heller hat schon wieder eine Neubearbeitung seiner Regeln herausgebracht. "Die ins Hintertreffen Geratenen sollten also aufschließen." (Rinnert)«


Der Titel des von Herrn Ickler erwähnten Börsenblattartikels lautet „Studieren statt monieren“, und der Untertitel: „Den meisten orthografischen Nachholbedarf haben nicht unbedingt die Schüler. Zum Glück gibt es Titel, die der älteren Generation auf die Sprünge helfen“. Im folgenden werden dann insgesamt 24 solche „Titel“ genannt und beschrieben, die denjenigen, die mit der neuen Rechtschreibung nicht zurechtkommen, „auf die Sprünge helfen“ sollen, wie man in der Börsenblattredaktion in der Diktion der Rohrstockpädagogik meint die Verhältnisse beim Namen nennen zu müssen.

Nun geben Schüler und die „ältere Generation“ wohl kaum eine so große Zielgruppe ab, daß über ein Dutzend Verlage es für wirtschaftlich sinnvoll halten, Nachschlage-, Lehr- und Nachhilfeliteratur in solcher Vielzahl und Menge auf den Markt zu bringen. Tatsächlich ist die Hauptzielgruppe, die allein aufgrund ihrer Menge die meisten Probleme mit der Rechtschreibung seit der Reform hat, die Gruppe zwischen den Schülern und der älteren Generation, nämlich die ganz normalen Erwachsenen, die im Alltag am meisten schreiben, sei es beruflich oder privat. Diese Tatsache allerdings, so evident sie ja gerade aus diesem Börsenblatt-Beitrag hervorgeht, wird natürlich nicht thematisiert, würde sie doch das jahrelange Engagement des Börsenvereins und der Börsenblatt-Redaktion für die Durchsetzung der Reform allzu offenkundig ad absurdum führen.

Inzwischen ist die neueste Ausgabe des Börsenblatts erschienen (9-2008) mit zwei Leserbriefen auf diesen Beitrag:

„In Ihrem Artikel fehlt ein entscheidender Hinweis, nämlich daß es für die auch heute noch existierende schweigende Mehrheit derer, die sich von der Unlogik der Rechtschreibreform nicht beirren lassen, die adäquaten Wörterbücher gibt, die die Thematik umfassend und kompetent behandeln: »Das Rechtschreibwörterbuch« von Theodor Ickler (Leibniz Verlag) und Lutz Mackensens »Deutsches Wörterbuch« (Manuskriptum Verlag)“
Wolfgang Christalle, Verlag Mahajiva, Holthausen / Laer

Der zweite Leserbrief ist ein Auszug aus einem Beitrag, den ich im Diskussionsforum des Börsenblatts geschrieben hatte: „»Zum Glück gibt es Titel, die der älteren Generation auf die Sprünge helfen«, schreibt das Börsenblatt. Zum Glück für wen? Für die Verlage, die aus dem Rechtschreibdilemma ein vielversprechendes Marktsegment geschaffen haben (was vermutlich von Anfang an der ganze Zweck des Reformunternehmens gewesen ist) und für die Buchhändler, die diese »Titel« dann verkaufen?“


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 28.02.2008 um 11.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6548

Befassen wir uns lieber mit dem Verlach. Eichborn ist ein seltsamer Laden. Einerseits so ein überflüssiges Werk (Warum ein Nachruf auf den Verlust des ß angesichts des Verlusts einer einheitlichen Rechtschreibung?), andererseits gibt man die "Andere Bibliothek" heraus, wo die aufwendige Bleisatzausgabe zwar nicht mehr auf diese Weise hergestellt, aber doch noch so geschrieben wird. Bei dem Umstand, daß ein Herausgeber aktiver Politiker und ZEIT-Herausgeber ist, dürfen wir natürlich Unerfreuliches auch dort erwarten. Im Credo der Herausgeber lesen wir allerdings noch ein "daß" im vorletzten Satz.


Kommentar von Sancho Panza, verfaßt am 28.02.2008 um 08.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6540

Eine Lanze für Müller

Ich möchte einmal daran erinnern, daß wir im Wiki-Zeitalter leben und jeder überall eingeblasen bekommt, alles sei frei – Texte, Zitate, Plagiate, wie man will. Mir als Schreiber kamen schon etliche unter, darunter ein Grazer Professor, die hemmungslos meine Werke raubten und sogar mit Nennung meines Namens in ihrem Blatt abdruckten. Von Genehmigung oder Honorar natürlich keine Spur.

Wer wie der 22jährige Frank Müller in diesem Substrat aufwächst, der lernt es nicht anders. Da muß der Verlag eben sorgsamer kontrollieren.

Zweitens: Ickler und die anderen mögen doch froh sein, daß ihre Gedanken und Aphorismen auf diese Weise breiteren Kreisen bekannt wurden, teilweise eben auch mal den bildungsfernen Schichten. Jeder hätte sich doch bei Eichborn sein Zeilenhonorar abholen können!

Lieber Herr Müller, diesen Forumsbeitrag dürfen Sie wörtlich klauen. Ich genehmige es.


Kommentar von R. M., verfaßt am 28.02.2008 um 00.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6539

Auch vermißt wird die Seite mit Informationen über den Rezensenten F. M. bei literaturkritik.de.
http://www.literaturkritik.de/public/mitarbeiterinfo.php?rez_id=517

Sie lautete wie folgt:

»Frank Müller, Jahrgang 1969, arbeitet als Journalist und Werbetexter in Frankfurt am Main.

Veröffentlichungen u.a.:

ß. Ein Buchstabe wird vermisst. Frankfurt am Main: Eichborn 2008.

Steintal-Geschichten. Auskünfte zu Ulrich Horstmann. Oldenburg: Igel 2000.

Zahlreiche Aufsätze und Essays zu kulturwissenschaftlichen Themen, u.a. in "Scheidewege", "Wespennest", "Zeitschrift für Padagogik", "ungewußt".

Buchrezensionen u.a. in "Neue Zürcher Zeitung", "Listen", "LOG", "Westfalenspiegel".«


Kommentar von R. M., verfaßt am 27.02.2008 um 22.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6538

Die zwanghaft heitere Erklärung von Eichborn ist inzwischen durch eine sachlichere ersetzt worden. Das war abzusehen, weshalb wir den ursprünglichen Text, der tiefer blicken läßt, hier rechtzeitig für die Nachwelt gesichert haben.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2008 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6537

Wie ich sehe, wird der Fall dieses Herrn Müller im Internet heftig diskutiert, und es kommen sehr unterhaltsame Einsichten dabei heraus. Weil das Buch ja nun nicht erscheinen wird, will ich noch ein paar von meinen ungeordneten Notizen hersetzen, die nicht mehr zu einer richtigen Besprechung zusammengewachsen sind:

Das Buch verkündet den bevorstehenden Tod des ß. Zurückzuführen sei er auf die Rechtschreibreform. Als Belegmaterial dienen ihm fehlerhafte Anwendungen der neuen (eigentlich Heyseschen, also nicht gar so neuen) s-Regelung. Müller spottet zwar über Bastian Sick, geht aber sehr ähnlich ans Werk wie dieser: Kern des Buches ist offenbar eine umfangreiche Sammlung von Fehlern, die vielen Leuten bei der Anwendung der Reformschreibung unterlaufen sind. Über das ganze Buch sind Fotos verteilt, die all die neuen Strassen und heissen Tassen dokumentieren – überflüssigerweise, denn jeder Leser kennt selbst genügend Beispiele. Aber Müller findet gar kein Ende im Verhöhnen der orthographischen Tolpatsche, denen er, wie wir sehen werden, die schlimmsten Motive unterstellt. Der Leser wird dieser Wiederholung des Immergleichen bald müde.
Um nichts zu beschönigen, hat der Verfasser sein Buch selbst in reformierter Schreibweise – und zwar ziemlich radikal – drucken lassen: seit Langem, vor Kurzem, behände, platzieren, so genannte (aber auch zusammen), Folgendes, Erfolg versprechend, Hippness (115), Orthografie, aber auch: Verkehrsrowdies (109), Accent aigue (133).

Müller steht himmelhoch über den „Eiferern“, die für und wider die Rechtschreibreform streiten – eine sattsam bekannte Pose, die viel zur Durchsetzung der Reform beigetragen hat. Die Mängel der Reform will er nicht diskutieren: „Das alles interessiert uns nicht.“ „Denn es gibt Wichtigeres zu tun.“ (9) Sind 18 Seiten über die Geschichte der Eszet-Schokolade wichtiger als die ganze Rechtschreibreform?
Müller beklagt die vielen Verstöße gegen die Reformschreibung und fragt verzweifelt: „Was aber, wenn der Appell an Einsicht und Pflichtgehorsam (!) gegenüber der reformierten Rechtschreibung nichts nutzt?“ (113) Den Kultusministern, die nie erwähnt und folglich auch nie kritisiert werden, kann dieses Buch nur gefallen.
Mit keinem Wort erwähnt Müller, daß außerhalb der Schule jeder schreiben kann, wie er will. Er propagiert den Gehorsam und stellt die Schulorthographie als allgemeinverbindlich dar. Das ist sozusagen die Geschäftsgrundlage der ganzen Schimpferei. Nur deshalb kann er auch erwägen, die Schreibweise Schloß Heidelberg zu retten, indem man sie unter den Schutz der Eigennamen stellt.

S. 19 stammt aus Wikipedia. Das wäre verzeihlich, wenn Müller selbst dort den Eintrag „Antiqua-Fraktur-Streit“ verfaßt hätte, aber das dürfte kaum der Fall sein. Bemerkenswert ist die aus Wikipedia übernommene Wendung: „Eine besondere Überhöhung erfuhren die Frakturschriften dann im Nationalsozialismus“ – nämlich durch ihr Verbot.
Was Müller S. 75 über meine Neufassung der traditionellen s-Regeln schreibt, ist mir unverständlich. Sollte er nicht wissen, daß „Stammprinzip“ und „Morphemkonstanz“ dasselbe bezeichnen? „Durch sein halbherziges Eintreten für die alte Regelung beraubt Ickler das ß der Möglichkeit, wahrlich grandios und mit wehenden Fahnen unterzugehen.“ (76) Das ist ziemlich albern, abgesehen davon, daß mein Eintreten für die alte Regelung an keiner Stelle halbherzig ist.
Der Feldzug gegen das ß, den Müller so dramatisch darstellt, existiert nur in seiner Einbildung. Er muß einen 15 Jahre alten Zeitungsartikel von Dieter E. Zimmer und einen obskuren Beitrag aus der „Deutschen Sprachwelt“ heranziehen, um ihn glaubhaft zu machen. Müller weiß aber anscheinend nicht, daß Zimmers Gewährsmann der Rechtschreibreformer Wolfgang Mentrup ist. Mit diesem Namen käme freilich der ganze Hergang der unsäglichen, mit List und Gewalt durchgesetzten Rechtschreibreform auf den Tisch, und dann wäre es mit der demonstrativen Gelassenheit des Verfassers notwendigerweise bald vorbei.

Müller verschont den Leser nicht mit einer ganzen politischen Philosophie, über Karl-Heinz Bohrer als „Vertreter eines reaktionären Bewusstseins“ und vieles andere, so daß man schließlich fragen möchte: „Was aber bedeutet das für unseren Buchstaben?“ (132)
Wohin sich der Verfasser versteigt, sei an einem Beispiel vorgeführt:
„Die manische Flüchtigkeit der ß-Quittierer ist nichts anders als die Flucht nach vorn – vor einem geheimen Schrecken, einer latenten Depressivität, vor Leid, Scheitern und Tod. Die beflissenen Advokaten des schrankenlosen Fortschritts leben das Brüchige und Fehlerhafte ihrer Existenz im Geheimen aus: in ihren vor sich selbst unter dem Schleier des Verdrängung verborgenen Untaten.“ (115)
Es geht noch weiter in diesem Ton, und erwartungsgemäß wird gleich darauf Adorno zitiert, auf dessen psychoanalysierende Theologeme das Ganze ja unüberhörbar gestimmt ist (bis hin zum adornesken Gebrauch des Doppelpunktes im vorigen Zitat). Sind die ß-Sünder vielleicht gar heimliche Faschisten? Im persönlichen Brief eines schweizerischen ss-Verteidigers erkennt Müller tatsächlich eine „genozide Mentalität“ (123).

Mit dieser Kanone schießt Müller auf harmlose Betreiber von Imbißbuden, weil sie einen „Libanon Spiess“ anbieten, und auf andere kleine Leute. Diese kleinen Leute mit ihrer beflissenen, aber fehlerhaften Neuschreibung sind es, die sich ausgiebig als „Kriecher“ und „Duckmäuser“ (112) beschimpfen lassen müssen – nicht etwa der staatstreue Reformschreiber Müller selbst. Im Gegenteil, er sieht sich als Autor einer „Streitschrift“, der möglicherweise dem Martyrium entgegengeht – „bis hin zum freiwilligen Verzicht auf eine unter anderen Umständen durchaus denkbare 'Karriere'.“ (14) Aber wieso denn? Sein Buch könnte, wenigstens ausschnittweise, als Schulbuch Verwendung finden wie Sicks Beststeller (Pflichtlektüre saarländischer Abiturienten). Beide sind stromlinienförmig angepaßt an die Wünsche der Obrigkeit. Gegen einfache Menschen zu streiten, die sich in sprachlichen Dingen nicht so gut auskennen wie der Germanist und Werbetexter Müller, ist hierzulande nicht besonders mutig.

Übrigens: Der „Schweizer Gymnasiallehrer“, der S. 35 erwähnt, aber anders als der Reformer Peter Gallmann nicht beim Namen genannt wird, heißt Stefan Stirnemann.
Das ganze Buch ist einem überhitzten, ständig geistreich wirken sollenden Ton abgefaßt, der auch wegen der Abwesenheit von Humor schwer zu ertragen ist.
Neben einigen Druckfehlern findet man ein paar Blüten wie diese: mimetisches Nachplappern (112); die Dicke der sich darunter befindlichen Butterschicht (44).



Soweit dies. Übrigens stand Müller keineswegs unter Zeitdruck, wie er geltend macht. Er "arbeitete" schon lange an diesem famosen Werk. Ist er eigentlich identisch mit unserem Beitrager vom 15.3.2006?


Kommentar von Red., verfaßt am 27.02.2008 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6536

Die Erklärung von Eichborn im Wortlaut:

»Was wird eigentlich jetzt aus dem "ß"?

Im Eichborn Verlag sind in den vergangenen Jahren eine Reihe brisanter Bücher erschienen, die mit Erfolg durch die harte Schule der rechtlichen Unbedenklichkeit gegangen sind. Denn Einstweilige Verfügungen garantieren zwar mediale Aufmerksamkeit, können aber nachgerade sehr teuer sein. So gesehen waren wir mit dem "ß" eigentlich auf der sicheren Seite: eine feuilletonistische Fingerübung zur Rettung eines einzelnen Buchstabens, geschrieben mit dem Furor der Aufklärung, veredelt mit der lässigen Eleganz eines Wortkünstlers, der im Werbealltag mit frohen Botschaften sein Geld verdient. Was sollte also schief gehen? Nichts, zumal der Autor selbst der Pressabteilung eine Reihe verwandter Geister empfahl, die das Anliegen seines kleines Buches mit Verve und Rezensionen weitertragen würden. Das war klug gedacht, weil einer der mit dem Buch beschickten Kritiker wenige Monate zuvor in der SZ einen Artikel zum gleichen Thema veröffentlicht hatte. Das war dumm gemacht, weil so offensichtlich wurde, was der Autor offenbar vergessen hatte: daß er sich mit fast wortgleichen Formulierungen fleißig aus dem Artikel bedient hatte, ohne sie als Zitate zu kennzeichnen. Und weil besagter Kenner der Materie ohne große Mühe nachweisen konnte, daß sich das Buch noch aus anderen ungenannten Quellen speiste, muß der Verlag jetzt die Notbremse ziehen: er nimmt das "ß" mit Billigung des Autors mit sofortiger Wirkung vom Markt. Einigermaßen zerknirscht, weil wir als Verlag natürlich im besonderen Maße verpflichtet sind, das Urheberrecht zu schützen. Einigermaßen beunruhigt, weil wir uns natürlich trotzdem fragen: Was wird eigentlich jetzt aus dem "ß"? Liebe Kollegen aus München: Bitte übernehmen Sie!«


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2008 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6535

Eigentlich hatte ich vor, mich an die Sperrfrist zu halten und keine Besprechung vor dem 3. März zu veröffentlichen. Nachdem nun aber anderswo aus dem Buch zitiert worden ist und das ganze Projekt abgeblasen ist, sehe ich keinen Grund, die Öffentlichkeit nicht über den Hintergrund aufzuklären. Ich habe natürlich den Umgang mit anderen Quellen auch bemerkt, gebe hier aber nur einige mich betreffende Passagen:


Th. Ickler: „Falsch ist richtig“:
„Auffällig, ja das Auffälligste überhaupt ist an reformierten Texten die häufige Ersetzung von ß durch ss. Mindestens 90 Prozent der reformbedingten Änderungen eines Zeitungstextes gehen auf diesen Wechsel zurück. Im gesamten Rechtschreibwortschatz der vier Grundschulklassen ändern sich nach Auskunft des sächsischen Schulministeriums nur 24 Wörter, alle wegen ss. Man spricht unter Fachleuten von der »Heyseschen s-Schreibung«, nach einem Grammatiker des frühen 19. Jahrhunderts, der etwas Ähnliches ersonnen hatte, allerdings für die damals übliche Frakturschrift.“
Müller 10/11:
„Das hervorstechendste Merkmal an reformierten Texten überhaupt ist die häufige Ersetzung von ß durch ss. Mindestens 90 Prozent des reformbedingten Wandels eines Zeitungstextes gehen auf diesen Wechsel zurück. Im gesamten Rechtschreibwortschatz der vier Grundschulklassen ändern sich nach Auskunft des sächsischen Schulministeriums nur 24 Wörter, alle wegen ss. Man spricht unter Fachleuten von der Heyse'schen s-Schreibung«, nach einem Grammatiker des frühen 19. Jahrhunderts, der etwas Ähnliches ersonnen hatte, allerdings für die damals übliche Frakturschrift.“

Th. Ickler: „Falsch ist richtig“:
„Zahllose Beispiele falscher Anwendung unterlaufen in den besten Kreisen: Anfang März haben wir bekannt gegeben, dass wir die Deutsche Bank mit der Dresdner Bank zusammenschliessen wollen. Das schrieb Rolf Breuer, Vorstand der Deutschen Bank, im April 2000 an die Kunden. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft stellte einen neuen Atlass vor und wünschte ihren Mitgliedern viel Spass und einen Augenschmauß. Sogar die KMK will Denkanstösse geben (Bildungsstandards Deutsch 2003).“
Müller 11:
„Selbst den besten Kreisen unterlaufen zahllose Fälle falscher Anwendung. 'Anfang März haben wir bekannt gegeben, dass wir die Deutsche Bank mit der Dresdner Bank zusammenschliessen wollen.' Das schrieb der Deutsche-Bank-Vorstand Rolf Breuer im April 2000 an seine Kunden. (...) Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft stellte einen Atlass vor und wünschte ihren Mitgliedern viel Spass und einen Augenschmauß. Währenddessen will die Kultusministerkonferenz in den Bildungsstandards Deutsch 2003 einige Denkanstösse geben.“

Th. Ickler: „Falsch ist richtig“:
„Daß ich im stillen Kämmerlein schreiben kann, wie ich will, versteht sich von selbst. (...) Man muß aber das Wesen sozialer Normen im allgemeinen und der orthographischen Norm im besonderen schon mutwillig verkennen, um die aberwitzige Behauptung aufstellen zu können, der außerschulische Schreibgebrauch sei von der Rechtschreibreform 'nicht betroffen'.“
Müller 140:
„Dass jeder im stillen Kämmerlein schreiben kann, wie er will, versteht sich ohnehin von selbst.“ (...) „Man muss das Wesen sozialer Normen im Allgemeinen und orthographischer Normen im Besonderen schon mutwillig verkennen, um die aberwitzige Behauptung aufstellen zu können, der außerschulische Schreibgebrauch sei von der Rechtschreibreform nicht betroffen.“

Th. Ickler: „Falsch ist richtig“:
„Die Heysesche s-Schreibung war im 19. Jahrhundert schon einmal erprobt worden, vor allem in Österreich. Sie hatte sich jedoch nicht bewährt. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Stelle aus dem Protokoll der Ersten Orthographischen Konferenz von 1876:
»Demnächst empfahl Herr Scherer, für jetzt bei der allgemein verbreiteten Adelungschen Regel stehen zu bleiben; Heyse sei bisher im wesentlichen nur in Schulen durchgedrungen, und aus Österreich könne Redner bezeugen, daß auch wer danach unterrichtet werde, die Heysesche Regel später wieder aufzugeben pflege.«
Mit der Zweiten Orthographischen Konferenz 1901 kehrte Österreich zur Adelungschen s-Schreibung zurück. Otto Lyon, der Bearbeiter der Heyseschen Grammatik, erklärte sich bei dieser Gelegenheit »entschieden gegen die Einführung der Heyseschen Schreibweise«. »Der Schreibgebrauch hat sich in überwiegender Weise dafür entschieden, am Ende einer Silbe wie auch vor einem t das ss in ein ß zu verwandeln«, schrieb er in der 26. Auflage der Grammatik.“
Damit vergleiche man Müller 60f.!


Dies und einiges andere (auch über den stellenweise schwachsinnigen Inhalt) hatte ich Eichborn mitgeteilt, aber ich hatte nicht einmal die Absicht, Müllers Buch wegen der Plagiate sperren zu lassen. Der Verlag hat aber zweifellos recht, die Sache kurz und schmerzlos zu beenden.


Kommentar von Julian von Heyl, verfaßt am 27.02.2008 um 01.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6533

Hier ist der Vorgang nochmals aus Sicht von "Signa" in einer Autorenerklärung zusammengefasst.

Man kann nur bass erstaunt sein über die Dummdreistigkeit des Herrn Frank Müller, der zuerst abschreibt und dann Rezensionsexemplare seines Buches ausgerechnet an diejenigen verschickt, von denen er abgeschrieben hat.


Kommentar von Julian von Heyl, verfaßt am 27.02.2008 um 01.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6532

Kommentar verfaßt von Theodor Ickler am 26.02.2008 um 06:13 Uhr:
Warum die Neuregelung der s-Schreibung so fehlerträchtig ist, haben andere ausführlich dargelegt, und Müller bedient sich daraus ...

Wie wahr, wie wahr. Allerdings war ich nach einer kurzen Google-Recherche doch sehr überrascht, dass Müller sich nicht nur bedient, sondern ohne Quellenangabe wortwörtlich abgeschrieben hat: hier [bei Martin Z. Schröder, Red.] und anderswo. Der Eichborn-Verlag zieht die Notbremse und nimmt das Buch vom Markt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2008 um 12.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6531

Was den Verlag Eichborn betrifft, so hat er auch ein "Testtraining neue deutsche Rechtschreibung" im Programm, von den "Bewerbungspäpsten" Hesse und Schrader verantwortet, aber sicher nicht verfaßt.
Diese und viele andere Werke zur neuen Rechtschreibung werden gerade im Börsenblatt von Andrea Rinnert (hierorts schon bekannt!) hemmungslos beworben. "Zum Glück gibt es Titel, die der älteren Generation auf die Sprünge helfen." Unter den jungen Leuten, die uns Beine machen wollen, sind naturgemäß Julian von Heyl und Christian Stang. Wermke beeindruckt durch eine "Neue deutsche Rechtschreibung für Dummies", und zwar außerhalb des eigentlichen Dudengeschäfts bei Wiley VCH. Sogar der greise Klaus Heller hat schon wieder eine Neubearbeitung seiner Regeln herausgebracht. "Die ins Hintertreffen Geratenen sollten also aufschließen." (Rinnert)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2008 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6530

Nun, es ist empirisch nachgewiesen (u.a. von Augst), daß gerade die professionellen Schreiber, das sind in erster Linie Sekretärinnen, die Regeln des Duden nicht nachschlagen und oft nicht einmal wissen, daß es sie überhaupt gibt.


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 26.02.2008 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6527

Was das Schreiben nach Regeln angeht, habe ich einen anderen Eindruck als Herr Ickler.
Die Rechtschreibsicheren brauchen in der Tat keine oder kaum Regeln, weil sie vom Sprachgefühl und auch von ihrer Schreiberfahrung leben und intuitiv die Worte zu Papier bringen. Die Rechtschreibschwachen und die Schreiblerner hingegen sehnen sich nach Orientierung, mithin verläßlichen Regeln, und sie wenden sie auch an.
Ich beobachte sogar, daß diejenigen, die die Regeln am wenigsten beherrschen, sich umso fester an sie klammern. Das führt dazu, daß auch und gerade Regeln befolgt werden, die es gar nicht gibt bzw. die der Schreiber mißverstanden hat.
Daß z. B. die S-Regel keineswegs lautet: "nach kurzem Vokal Doppel-s, nach langem ß", ist unter diesen Leuten gänzlich unbekannt. Im Gegenteil wird geleugnet, daß es sich anders verhielte. Jeder Einwand wird als revanchistische Scharfmacherei gebrandmarkt.
Es gibt auch mehr Menschen, die sich nicht für die Orthographie als solche interessieren, als jene, deren Steckenpferd sie ist. Erstere wollen Regeln befolgen, letztere Regeln definieren. Somit sind die Folgsamen in der Überzahl.


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 26.02.2008 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6526

Herr Ickler,

wahrscheinlich war eine vollständige Darstellung gar nicht Müllers Ziel. Und auch wenn nur "die halbe Wahrheit" unters Volk gebracht wird, ist es doch ein wichtiger Schritt. Mit der ganzen Wahrheit wäre mancher doch auch überfordert...


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2008 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6525

Warum die Neuregelung der s-Schreibung so fehlerträchtig ist, haben andere ausführlich dargelegt, und Müller bedient sich daraus, leider nur sehr unvollständig, denn die Sache mit den intuitiv falsch eingeordneten Diphthongen erörtert er ebensowenig wie die regional unterschiedliche Aussprache (Fussball usw.). Er sagt mit Recht, daß die neuen Regeln falsch angewendet werden, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wer schreibt schon nach Regeln? Die Regeln sind ja nun ziemlich eindeutig: Verdoppelung nach betonten kurzen Vokalen (also entfällt "Verständnis"); kein ß, wenn die Verlängerung stimmhaften Vokal zeigt (Auslautverhärtung: "Gras – Gräser"). Aber das ist alles anderswo besser dargestellt, samt Ausnahmen in beiden Richtungen. Bei Müller soll man auch gar keine Systematik erwarten. "Das alles interessiert uns nicht", schreibt er ja ausdrücklich.


Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 25.02.2008 um 20.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6524

Eichborn. (So steht es auf der Besprechungsseite.)


Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 25.02.2008 um 19.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6523

Daß das Buch nicht kaufenswert ist, geht eigentlich schon ausreichend aus dem Waschzetteltext hervor.

Der von Tobias Bluhme zitierte Satz ("evident ungeeignet") ist in seiner Deutlichkeit erfreulich. Umso weniger versteht man, daß der Autor die ihm wie allen anderen vom BVerfG zugestandene Freiheit, anders als "amtlich" zu schreiben, nicht nutzte. In welchem Verlach erschien das Buch?


Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 25.02.2008 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6522

Auch wenn das Buch leider in (fehlerhafter) Reformorthographie gedruckt ist: Die Aussage ist eindeutig.

»Um einiges tragfähiger [...] ist jedoch die Erkenntnis, dass das Prinzip der Vokallänge evident ungeeignet ist, um die Unterscheidung zwischen s, ss und ß zu steuern. Selbst bei richtiger Abschätzung des Vokals führt die Neuregelung dazu, dass man zum Beispiel Verständniss mit ss und Graßnarbe mit ß schreiben will, und beides ist falsch. [...]

Wer nach Traditionsschreibung die betreffenden Wörter beherrscht, kann sie auch 'neu' schreiben und wird sich mit der Eselsbrücke behelfen können: Bisheriges ß wird nach kurzem Vokal zu ss. Doch eine Regel soll ja denjenigen helfen, die sich in der Rechtschreibung nicht auskennen. Also muss sie wohl oder übel so formuliert werden, dass sie nicht auf eine andere, unbekannte Regel zurückgreift. Das Ergebnis sind die komplizierten Verhältnisse im Duden, [...].«


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.02.2008 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6521

Das Buch von Frank Müller sollte man auf keinen Fall kaufen! Ich habe es gelesen und werde mich bald dazu äußern.


Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 22.02.2008 um 00.58 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6507

Es gibt wahrscheinlich keine "überzeugenden" Belege dafür, ob "ß" aus diesem, jenem oder vielleicht aus etwas völlig anderem, bisher noch nicht Erahntem enstanden, denn das zwar unschuldige, aber heftig umfehdete Graphem ist lediglich Exempel einer (Ver)mittelung. Warum sollte eine solche weder möglich, und falls doch, grundsätzlich der Verdammung anheim fallen müssen?

Wer (mittlerweile wohlfeil) zugängliche Quellen, d.h. nicht ihre evtl. sachunkundig recherchierten Editionen aus verschiedenen Jahrhunderten auswertet (linear-dynamisch, longitudinal, sozialtherapeutisch usw. vergleichend "betrachtet"), und zwar solche aus dem Zentrum und der Peripherie des jeweiligen deutschen Sprachraums, soweit er ihm dank Kompetenz zugänglich ist, möge dann sein bis an der Welt Ende gültiges Urteil darüber fällen, wie "ß" entstanden ist, sein möge etc., oder auch nicht.

Aber: Was – im Namen der Schreibung oder "Institutionen" – hat die von niemandem vollzogene creation des Buchstabens "ß" mit dem Usus der heutigen deutschnationalen Schreibung und dem Versuch ihrer kult(us)ministerialen Hinrichtung durch irgendeinen zur Unzeit nicht wunschgemäß konditionierten Subalternen zu tun? Hätte die allein richtige (oder eine andere ebensolche) Kirche rechtzeitig dieser graphemischen Mißgeburt ihren allheilsamen Bann angedeihen lassen, wäre – zumindest zwischen Speyer und Worms (samt Mannheim) – seit langem benediktinische Schreibruhe eingekehrt.

Die religionsdiversifizierten Schweizer ihrerseits haben in ihrem Reinlichkeitsbedürfnis diesen Bastard mit einer "Remington" (andere Markennamen sind zugelassen) aus dem Verkehr gezogen und den Geßler z(u)gleich. Aber Zürich ist nicht Mannheim!

Fazit: Viele "alte" Texte lesen und sodann – etwa wie Kotzebue – erquickliche Historien schreiben über Es-Zett (und Zett-Es!) und die generative (oder gar kreative) Potenz von Ligaturen und dem, was dafür gehalten wird.

Überschriften (999 pt sansserif bold) aus meist einem "Basiswort" wie etwa

KOKS(-)STRASSE
von Frankfurt bis Brüssel
dringend notwendig!


tun dem "ß" kein Leid.


Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 21.02.2008 um 19.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=575#6505

Alle mir bisher bekannt gewordenen Entwürfe eines Großbuchstabens für ß sind nicht überzeugend.
Da ß eine Ligatur aus einem langen und einem runden s ist, müßte ein Versal-ß eine Ligatur aus den Versalentsprechungen von Lang-s und Rund-s sein. Da die Versalentsprechung von beiden Buchstaben ein großes Rund-s ist, wäre eine Ligatur aus zwei großen Rund-s' die logischeste Form.
Die Typographen versuchen jedoch, einen Phantasiebuchstaben zu entwerfen, der zwar optisch an das ß erinnert, dem eigentlichen Wesen des Buchstabens aber überhaupt nicht Rechnung trägt.



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