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16.06.2009
Noch ein Duden
Die 25. Auflage soll am 21. Juli erscheinen

Eine Neuauflage des Rechtschreibduden erscheint zum 21. Juli. Sie wird sich als erste Auflage seit der Reform nicht mehr auf die neuen amtlichen Regeln, sondern auf die aktuellen amtlichen Regeln berufen.
Angekündigt ist auch eine Erhöhung der Einträge von 130.000 auf 135.000. Obwohl einschneidende Änderungen nicht zu erwarten sind, wird es sich nicht um einen bloßen Nachdruck der 24. Auflage handeln. Der Rotdruck sowie sämtliche Hinweise auf die bisherige Orthographie werden in der 25. Auflage getilgt sein. Zudem ändert die Dudenredaktion die Anordnungsreihenfolge bei Schreibvarianten, so daß immer die von der Redaktion empfohlene Variante, die wie in der 24. Auflage durch Gelbmarkierung kenntlich gemacht wird, als erste erscheint. Die 24. Auflage des Mannheimer Rechtschreibwörterbuchs war vor drei Jahren erschienen und berücksichtigte die vom Rat für deutsche Rechtschreibung betriebene Revision der Rechtschreibreform.



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Kommentare zu »Noch ein Duden«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.05.2014 um 13.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9938

Der Freistaat Bayern hat ein neues Schimpfwort für Polizisten geschaffen: "Übersteigertes Unrechtsbewußtsein". Weil es offiziell ist, dürfen es auch die Bürger benutzen.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.04.2014 um 23.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9910

Es stimmt, lieber Herr Achenbach, Sie haben mir damit tatsächlich einen Gefallen getan. Ich habe das Wort in allen möglichen Grammatiken gesucht, auf das Naheliegendste bin ich aber nicht gekommen. Das erneute Lesen unter dem Gesichtspunkt dieser Diskussion war mir sehr interessant.

Dabei fällt mir das "leider" aus meinem letzten Beitrag ins Auge. Das finde ich doch nicht so passend, denn auch wenn man sich nicht einigen kann, sind solche Diskussionen meist für alle Beteiligten nützlich. Ich würde sogar sagen, eine Einigung kann überhaupt gegenüber dem Austausch von Argumenten zweitrangig sein.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 14.04.2014 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9909

Lieber Herr Riemer,

jetzt bin ich aber baff! Wie Sie darauf kommen, ich wollte irgendetwas „mit einem satzwertigen Appositiv begründen“, ist mir völlig schleierhaft. Ich weiß nicht einmal, was das ist. Ich glaubte (Achtung! Einschub! Weglaßbar!)), im Gegenteil, Ihnen einen Gefallen zu tun, indem ich Sie auf einen Beitrag aufmerksam machte, in dem Prof. Ickler mit Ihrer geliebten „Satzwertigkeit“ operiert.

Zur Zirkularität:

Sie postulieren eine unmögliche Bedingung für einen Einschub (aus welcher Grammatik haben Sie das?), nämlich das es weggelassen werden kann - und das unter allen Umständen, selbst wenn der Einschub das Vorfeld füllt. Da eine unmögliche Bedingung niemals erfüllt werden kann, schließen Sie daraus, daß das Vorfeld niemals ein Einschub sein kann. Wenn das keine petitio principii ist, dann möchte ich wissen, was eine ist.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.04.2014 um 19.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9904

Lieber Herr Achenbach,
ja, ich habe mich zuletzt schon wiederholt, hab halt viel Geduld, unter zirkulärer Argumentation verstehe ich aber etwas anderes.

Da Sie nun anscheinend das strittige Komma nicht mehr mit einem Einschub, sondern mit einem satzwertigen Appositiv begründen, sehe ich leider auch keine Chance mehr, daß wir uns darüber einigen.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.04.2014 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9903

Lieber Herr Riemer,

ich kann Sie beruhigen. Der Begriff „satzwertig“ ist mir durchaus geläufig, auch wenn ich nicht recht weiß, wie er genau definiert wird. Ich kenne den Begriff z.B. aus dem Wörterbuch von Prof. Ickler. Leider habe ich auch dort keine Definition gefunden.

Auch in dem Tagebucheintrag „Kommasetzung bei Appositiven“ tritt der Begriff auf. Überhaupt ist dieser Beitrag für unser Thema wohl von Belang.

Im übrigen fühle ich mich in meiner ursprünglichen Zurückhaltung bestätigt, denn mir scheint, daß wir weiterhin aneinander vorbeireden. Ihre Argumentation kommt mir zirkulär vor. Ich verkneife mir aber eine erneute Erwiderung, weil mir unser Thema so wichtig nun auch nicht vorkommt.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.04.2014 um 19.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9902

noch zu "satzwertig":

Das ist keine Wortschöpfung von mir, ich habe es nur nicht gleich wiedergefunden. Im gleichen Sinne steht das Wort im Duden, Band 4, 2005 und in Helbig/Buscha, Deutsche Grammatik, 2001.

Ich gebrauche solche "reformierten" Bücher zwar immer mit Vorsicht, aber diesen Begriff fand ich ganz treffend. Vielleicht ist er sogar noch älter.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.04.2014 um 14.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9901

Vielleicht kommt manche Irritation daher, daß es Satzteile gibt, die man sowohl als Einschub als auch als Satzglied deuten kann.

(1) Im August wurde in dieser Lage der Parteitag vorbereitet.
(2) Im August wurde, in dieser Lage, der Parteitag vorbereitet.

Als ganz normales Adverbial kann in dieser Lage auch ins Vorfeld gezogen werden:

(1') In dieser Lage wurde im August der Parteitag vorbereitet.

Aber als Einschub ist eine alleinige Vorfeldbesetzung nicht möglich. Der Einschub ins vorhandene Vorfeld geht natürlich wieder:

(2') *In dieser Lage, wurde im August der Parteitag vorbereitet.
(2'') Im August, in dieser Lage, wurde der Parteitag vorbereitet.

Es gibt noch satzähnliche Konstruktionen, denen man die Verwandtschaft mit einem Satz nicht ansieht, die darum auch wie Einschübe aussehen. Es sind aber Ellipsen:

(3) Er geht, den Stock in der Hand, auf Wanderschaft.
(3') Den Stock in der Hand, geht er auf Wanderschaft.

Die Kommas in (3) stehen für einen Einschub oder für eine adverbiale elliptische Partizipialgruppe: ..., den Stock in der Hand (haltend), ... In (3') ist nur die elliptische Deutung möglich.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.04.2014 um 01.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9900

Lieber Herr Achenbach,

na ja, mir kam mein Beitrag im Ton irgendwie etwas zu strikt vor, deshalb wollte ich ihn mit meiner letzten Bemerkung nur etwas freundlicher machen. Manchmal kann ja ein bißchen Rhetorik ganz auflockernd sein, wie zum Beispiel auch Ihr rhetorisches Donnergrollen mit dem dreifachen r. (Aber ich bitte Sie, sich jetzt keinesfalls zu entschuldigen, ich weiß natürlich, daß das nur ein Druckfehler war :-)

Sie beschweren sich über mich, daß »„Weglaßbarkeit“ kein geeignetes Kriterium für Einschübe« sei, und wenn ich Ihnen dann ein wenig deutlicher zeige, daß ich das gar nicht behauptet habe, bezeichnen Sie meine Begründung (wieder einmal) als logische Spitzfindigkeit?

Ich beziehe mich natürlich auch auf den letzten vorreformierten Duden, da finden Sie im wesentlichen, was ich hier gesagt habe, nicht ganz wörtlich, aber sinngemäß im Regelteil über den Gedankenstrich, Klammern und Komma. Wenn Sie das Wort "Einschub" darin nicht finden, wieso haben Sie es dann zuerst gebraucht?

Ich habe über satzwertige bzw. satzähnliche Wortgruppen geschrieben, und da das so nicht im Duden steht und überhaupt vielleicht ein nicht allgemein verwendeter Begriff ist, habe ich auch mehrmals dazu geschrieben, was ich darunter verstehe: Partizipial- und Infinitivgruppen. Es dürfte wohl auch klar sein, warum ich dafür diese Ausdrücke benutze, weil sie nämlich, ähnlich wie ein Satz, eine Art Prädikat (nur aus einer infiniten Verbform gebildet) haben und weil sie mitunter ein Komma rechtfertigen können.

Sie zählen nun auf, worum es zum einen und zum anderen geht, aber das trifft alles nicht den Kern. Ich möchte daher wiederholen, worum es in dieser Diskussion von Anfang an geht:

Es geht darum, ob das Adverbial In dieser außen- und innenpolitisch gegenüber dem Sommer 1946 erheblich eingeengten Lage im Beispiel von Herrn Strowitzki, #618#9881, ein Einschub ist und deshalb mit einem Komma abgetrennt werden darf oder nicht.

Man kann es nicht ersatzlos streichen, also ist es kein Einschub.
Da es kein Einschub ist, entfällt Ihre Begründung für das Komma.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 11.04.2014 um 18.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9899

Lieber Herrr Riemer,

ich habe gezögert, ob ich mich in das unübersichtliche Gebiet logischer Spitzfindigkeiten wagen sollte. Andererseits kann ich mir eine Erwiderung doch nicht verkneifen.

Sicherlich erwarten Sie auf Ihre rhetorische Frage „So sind doch nun mal die grammatischen Regeln, oder etwa nicht?“ keine Antwort. Ich wüßte auch nicht, was ich darauf antworten sollte, denn ich weiß nicht, auf welche grammatischen Regeln Sie sich stützen.

Ich habe in meinem Beitrag ausdrücklich Bezug genommen auf die Regeln des alten Duden in letzter Fassung - also die wohl bis spätestens 1996 geltenden quasi-amtlichen Regeln.

Im Duden finde ich nun überhaupt keine ausdrückliche Definition von „Einschub“. Von „satzwertigen“ Wortgruppen ist dort auch nicht die Rede.

Aber zurück zu Ihrem Hauptargument:

Mir scheint, daß Sie hier zwei völlig verschiedene Dinge vermengen.

Zum einen geht es darum, welche Satzteile notwendig zu einem syntaktisch wohlgeformten Satz gehören, also nicht weggelassen werden können. Einschübe gehören sicherlich nicht dazu, das räume ich ohne weiteres ein. Aber auch Adverbiale gehören nicht dazu - wobei ich meine, daß Einschübe und Partizipialgruppen eigentlich auch zu den Adverbialen zählen. Die Frage, was obligat und was nur optional zum syntaktisch wohlgeformten Satz gehört, hat aber zunächst nicht das geringste mit der Wortfolge im Satz zu tun.

Zum anderen geht es um die Wortfolge im Satz. Mit Ausnahme des (Hilfs)-Verbs lassen sich nun alle Bestandteile eines deutschen Satzes ins Vorfeld rücken, also auch Einschübe und sonstige Adverbiale. Dort kann man sie natürlich nicht ersatzlos streichen, denn das Vorfeld kann nicht leer sein; da stimme ich Ihnen ja durchaus zu. Das gilt aber nicht nur für Einschübe, sondern auch für Partizipialgruppen und einfache Adverbien. Das hat folglich mit der Frage, was ist syntaktisch notwendig und was nicht, überhaupt nichts zu tun.



 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2014 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9898

Auch bei uns zu Hause ist der "Ohrensessel" dank Thomas Bernhard ein jederzeit gern zitiertes Möbelstück.
Aber zur Sache: Die Silbentrennung in Bantusprachen haben wir schon ein paarmal erörtert, und ich mußte mir auch überlegen, wie ich es in meinem Wörterbuch damit halte, zumal ich bei der Silbentrennung nicht einfach auf maschinenlesbare Korpora zurückgreifen konnte und es auch nicht getan habe. Man findet also eine etwas ungleiche Behandlung, das ist aber kein Versehen, vgl. Bantu, Kilimandscharo.
Interessant ist, daß etwa chinesische Wörter, je alltäglicher die Meldungen aus China werden, immer öfter halbwegs korrekt ausgesprochen werden (natürlich für immer ohne die Töne), so daß man auch die unsinnigen Trennungen von Jangtsekiang usw., z. T. auch die alten Transkriptionen nicht mehr so regelmäßig findet. Die Medien wirken hier erzieherisch oder sagen wir: bildend.
Richtig befriedigend kann man das Problem nicht lösen, aber sehr wichtig ist es auch nicht, wenn man sich darauf besinnt, daß etwas, was für die Schule und den Wenigschreiber irrelevant ist, in professionellen Texten immerhin etwas anspruchsvoller behandelt werden kann.
(Auch ich habe bei Interahamwe in der englischen Wikipedia nachsehen müssen, bevor ich in meinen Ohrensessel zurücksinken konnte.)

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 11.04.2014 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9897

Anläßlich des 20. Jahrestages des Völkermordes in Ruanda ist in der Presse wieder zu lesen von der Hutu-Miliz Interahamwe.

Als gewissenhaftem Deutschen drängt sich mir sofort die Frage auf, was wohl die sprachlich und sprachhistorisch korrekte morphologische Silbentrennung dieses Wortes sein mag.

Nun ist die Kenntnis der Sprache Kinyarwanda in Deutschland nicht allzuweit verbreitet. Glücklicherweise fällt mir aber auch ohne solche Sprachkenntnis sofort das wohlvertraute Element inter ins Auge.

Auch wenn das Element ahamwe etwas im Dunkeln verbleibt, so ist doch die korrekte Trennung durch das inter schon hinreichend „motiviert“ und kann somit nur lauten: Inter-ahamwe.

Ist doch logisch, oder?

Beruhigt lehne ich mich in meinen Ohrensessel zurück.


 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.04.2014 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9894

Lieber Herr Achenbach,
ich habe die Weglaßbarkeit ja gar nicht als hinreichendes Kriterium bezeichnet (wenn weglaßbar, dann Einschub), sondern nur als notwendiges Merkmal (wenn Einschub, dann weglaßbar).

Ich denke, üblicherweise wird ein Einschub als ein Satzteil verstanden, den man [u]ersatzlos[/u] streichen kann, so daß danach ohne weitere Veränderung ein vollständiger, syntaktisch richtiger Satz übrigbleibt. Natürlich sind, wie Sie sagen, nicht alle auf diese Weise weglaßbaren Satzteile Einschübe, aber alle Einschübe haben diese Eigenschaft. Beispiele für Einschübe sind Parenthese und weite Apposition. Einschübe werden mit Kommas, Gedankenstrichen oder Klammern zum Satz abgegrenzt. Aufgrund der notwendigen Eigenschaft ist klar, daß nicht das gesamte Vorfeld ein Einschub sein kann, sonst wäre es nach dem Weglassen leer.

Wenn Sie den Begriff Einschub anders definieren, wenn Sie ihn z. B. sogar auf Satzglieder an einer syntaktisch notwendigerweise zu besetzenden Stelle ausdehnen, die man nur weglassen kann, wenn man sie dabei durch ein anderes passendes Satzglied ersetzt, dann läßt sich aus einem solchen "Einschub" nicht ohne weiteres ableiten, daß er mit Kommas zum übrigen Satz abgegrenzt wird.

In einem einfachen deutschen Satz, der keinen weiteren Satz, keine direkte oder indirekte Rede, keine Aufzählungen, Reihungen, keine ersatzlos streichbaren Einschübe enthält, steht zwischen den einzelnen Satzteilen (Vorfeld, Subjekt, Prädikat bzw. Prädikatsrahmen, Prädikativ, versch. Objekte, Adverbiale) niemals ein Komma. Ein Adverbial wird nur dann vom übrigen Satz mit Komma abgetrennt, wenn es selbst ein Satz ist. (Hauptsätze, Nebensätze und satzähnliche Konstruktionen wie Infinitiv- und Partizipialgruppen subsumiere ich hier unter dem Begriff Satz.) Tut mir leid, wenn das so bestimmerisch klingt, aber das bestimme ich ja nicht. So sind doch nun mal die grammatischen Regeln, oder etwa nicht?

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 06.04.2014 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9893

Lieber Herr Riemer,

Ihre Argumentation zu Einschüben im Vorfeld, wonach es solche gar nicht geben könne, kann ich nicht teilen. Erstens bedeutet „Weglassen“ eines Satzteils nicht notwendigerweise, daß der Satz ansonsten gänzlich unverändert bleibt. Wenn das Wegzulassende im Vorfeld steht, dann muß es eben durch einen anderen Satzteil ersetzt werden.

Zweitens erscheint mir „Weglaßbarkeit“ kein geeignetes Kriterium für Einschübe zu sein. Bei vielen Sätzen kann man alles mögliche weglassen, wie Adverbien, Adjektive, Nebensätze usw. Daß man all diese Satzteile dann nicht weglassen könne, wenn sie im Vorfeld stehen, ist mir nicht recht einsichtig.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.04.2014 um 13.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9892

Ich würde schon manchmal auch nach dem Subjekt eine Sprechpause machen. Wenn man einen Rückbezug mit das einfügt, muß natürlich schon deswegen das Komma sein. Ansonsten finde ich die Ausnahmeregel für das Subjekt nicht so recht einleuchtend. Warum gibt es sie eigentlich?

Ich würde es so halten, wie Herr Achenbach schreibt, zwar beim Adverbial (wenn es kein Nebensatz ist) geht es nicht, aber bei erweiterten Partizipien und Infinitiven: "Je länger die Gruppe, desto eher wird man wohl Kommas setzen, um die Lesbarkeit zu verbessern."

Z. B. wäre bei diesem kurzen Sprichwort das Komma nach dem Subjekt fehl am Platz:
Frisch gewagt ist halb gewonnen.
Wenn das Subjekt aber länger wird und im Prinzip einen Nebensatz darstellt, finde ich den Satz ohne Komma schlechter lesbar:
Das Problem mit frischem Mut und gut ausgeruht angepackt macht schon den halben Erfolg aus.


 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 05.04.2014 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9891

Zu #9885: Interessant ist hierbei, daß sich das falsche Komma sozusagen "nur beim Schreiben" einschiebt; beim Sprechen haben wir zumindest bei Partizpialgruppen eigentlich keine Pause, die der an der Stelle des Kommas in "Zu Hause angekommen, machte er sich sofort an diese Arbeit" gleicht. Bei erweiterten Infinitiven ist das nicht unbedingt so festzustellen, aber eine gleichartige Pause könnte man machen: "Ohne sich noch einmal umzusehen, ging sie einfach weiter." Die Pause, die ein Sprecher des Beispiels in #9881 an der Kommastelle da machen würde — wenn er überhaupt eine macht! - wäre beim natürlichen Sprechen irgendwie anderer Art. Jemand, der diesen Satz vor einer Zuhörerschaft vorlesen muß, würde sich wohl sagen, daß das - den Satz gleich natürlich zu lesen - *natürlich* eben gar nicht so leicht sei. - Gerade weil ein erweiterter Infinitiv, wenn er Subjekt ist, fast nur ohne diese Pause gesprochen wird ("Hier eine Lösung zu finden ist nicht so einfach"), setzt man da kein Komma. Wer da aus rhetorischen Gründen eine Pause haben will, spricht das wohl meist als "Hier eine Lösung zu finden, - das ist nicht so einfach."
Oder wie hören Sie das?


 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.04.2014 um 23.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9888

zu #9885:
Lieber Herr Achenbach,
das Adverbial kann man nicht als Einschub deuten, denn einen Einschub kann man weglassen, und womit wäre dann das Vorfeld besetzt?

Partizipialgruppen und Infinitivgruppen (erweiterter Inf.) gelten meist als satzwertig (außer, wenn sie für das Subjekt stehen) und müssen deshalb, auch an der Stelle des Vorfeldes, mit Komma abgetrennt werden. Ein solcher "Vorfeldsatz" ist natürlich auch kein Einschub.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.04.2014 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9887

Das Sich-synchron-verstehen-Lassen ins Spiel zu bringen ist nichts anderes als Augsts hoffnungslos verfehlter Ansatz.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 04.04.2014 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9886

Lieber Germanist,

zum „Solitär“:

Offenbar habe ich mich nicht für jedermann klar genug ausgedrückt; deshalb nochmal ausführlicher:

1. Soweit ich erkennen kann, ist warum das einzige Wort, das historisch gesehen eine Zusammensetzung mit war- ist.

2. Läßt man umgangssprachliche Bildungen wie rum, rauf, runter usw. zu, ist warum auch das einzige Wort, das sich nicht synchron als Zusammensetzung verstehen läßt, wie es bei vergleichbaren Wörtern der Fall ist: wo-rum, wo-rauf, da-rum, da-runter usw.


 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 04.04.2014 um 15.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9885

Lieber Herr Strowitzki,

das Komma nach der vorgezogenen Adverbialgruppe ist ja auch nicht unbedingt falsch, denn die Adverbialgruppe kann ja auch als Einschub gedeutet und mit Kommas vom Rest des Satzes abgetrennt werden. Der alte Duden ließ ja hier erhebliche Freiheit. Je länger die Adverbialgruppe, desto eher wird man wohl Kommas setzen, um die Lesbarkeit zu verbessern.

Das gilt erst recht für Partizipialgruppen, die nach dem alten Duden ja „gewöhnlich durch Kommas abgetrennt“ werden. In bestimmten Fällen kommt man um das Komma kaum herum:

Soweit mir bekannt, ist das falsch.

Hier das Komma wegzulassen hätte fatale Folgen für die Lesbarkeit.

Daß der Satz wegen der Inversion nach dem Komma unvermittelt mit dem Verb weitergeht, empfinde ich allerdings als etwas unschön. Solange die Lesbarkeit nicht darunter leidet, würde ich daher eher auf das Komma verzichten.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 02.04.2014 um 15.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9881

zu #9871, Komma vor der ersten Konstituente:
So ganz neu ist die Erscheinung nicht, und auch nicht auf Schüler beschränkt:
In dieser außen- und innenpolitisch gegenüber dem Sommer 1946 erheblich eingeengten Lage, wurde im August 1947 der zweite Parteitag der CDUD Berlins und der Sowjetzone vorbereitet. (Werner Conze: Jakob Kaiser, Politiker zwischen Ost und West, Kohlhammer Verlag 1969, S. 162)


 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 24.03.2014 um 10.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9875

Noch mehr "Solitäre": darum, wierum. Es scheint eine Familie von Solitären mit "-rum" zu geben.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2014 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9874

Im Grunde sind wir uns einig. Ich habe mich auch nicht für die morphologische Trennung stark gemacht, sondern nur zeigen wollen, daß sie motiviert werden kann und daß man dazu keine sprachgeschichtlichen Kenntnisse braucht.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.03.2014 um 19.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9872

Lieber Prof Ickler,

man kann natürlich vieles spüren und ahnen. Der eine spürt so, der andere ahnt anders. Was ein „hiattilgendes r“ ist, weiß sowieso kein Mensch. Das alles führt doch nicht weiter.

Natürlich mag man in warum den Bestandteil um vermuten. Diese Vermutung scheitert aber nun einmal daran, daß war kein produktiver Bestandteil ist. Zudem ist warum ein Solitär, der nicht mit anderen Wörtern vergleichbar ist. Bei worum und worüber liegt die Analogie zu wofür und womit doch viel näher.

Bei den Bildungen wie hinüber und herüber liegt die Sache wiederum ganz anders. Hier erlaubt die Reform zwar jetzt die Trennungen hi-nüber usw., aber diese Trennungen sind mindestens so unphonetisch wie hin-über. Damit ist also nichts gewonnen. Tatsächlich wäre nur hin-nüber eine phonetische Trennung. Hier rächt sich, daß hin entgegen der allgemeinen Regel nur mit einem n geschrieben wird.

Es liegt mir nun fern, eine solche Trennung vorzuschlagen. Hier halte ich die Trennung hin-über für das kleinere Übel. Das Unphonetische der Trennung wird wenigstens dadurch aufgewogen, daß das Wort in produktive Bestandteile zerfällt. Mit einer Anmerkung ließen sich dies und die analogen Fälle leicht abdecken, ohne auf sprachhistorische Kenntnisse zurückgreifen zu müssen..

Ich möchte noch daran erinnern, daß ich die strukturelle Trennung in diesen und ähnlichen Fällen ja keineswegs abschaffen will, sondern für Wahlfreiheit eintrete. Persönlich ziehe ich die Trennung wa-rum vor; ich will sie aber doch niemandem aufzwingen.


 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2014 um 17.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9871

Schüler setzen zwar eher zu wenige Kommas, aber es gibt in der Tat, sogar bei Studenten, eine Menge überzähliger Kommas, nämlich nach dem ersten Satzglied (also dem Vorfeld), und zwar auch nach dem Subjekt, was ja nun nicht englischem Vorbild zuzuschreiben ist.

Fast könnte man meinen, die jungen Leute seien nach dem Zustandebringen einer Konstituente so erschöpft, daß sie erst mal ein Komma setzen und Atem holen müßten.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2014 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9870

Nun , man könnte spüren, daß die zweiten Bestandteile all dieser Wörter ja als Präpositionen bekannt sind und die ersten gegebenenfalls ein hiattilgendes r bekommen: worüber, worum, warum, aber wonach, wofür usw. - rüber gibt es zwar auch, aber man ahnt, daß es eigentlich herüber ist, vgl. nüber. Das sind jetzt rein synchron wirksame Gleichungen.
Hinzukommt, daß die meisten Leute wohl warum, herüber mit kurzer erster Silbe sprechen, so daß man ein phonetisch im Deutschen nicht mögliches wa-, he- abtrennen müßte. So erklärt sich auch die häufige Fehlschreibung (und entsprechende Trennung) herrüber. (Bei warum ist es nicht so deutlich.)

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.03.2014 um 14.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9869

Lieber Prof. Ickler,

wie soll man denn die Trennung war-um anders als sprachhistorisch begründen?

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.03.2014 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9868

Es trifft nicht zu, daß im Englischen die Kommasetzung allein von den Sprechpausen abhinge. Dazu eine Stimme aus dem Internet:

„Most people would probably agree that commas are the most confusing punctuation marks because there are so many rules dictating when and how they should be used.”

Es trifft zu, daß adverbiale Ergänzungen, wenn sie vorgezogen werden und dadurch von der Standardwortstellung abweichen, durch Komma abgetrennt werden: Today, I went to school versus I went to school today.

Ich habe ebenfalls den Eindruck, daß diese englische Regel im Deutschen inzwischen gelegentlich imitiert wird, besonders wenn die adverbiale Ergänzung etwas länger ist: Unter Berücksichtigung dieser besonders schwierigen Umstände[,] behaupte ich ... .

Dabei wird übersehen, daß im Deutschen hier immer Inversion eintritt und das Komma daher überflüssig, ja vielleicht störend ist. Mit Sprechpausen hat das aber wenig zu tun.

Nun gibt es im Englischen gelegentlich auch die „deutsche“ Wortfolge mit Inversion: Down went the axe. Up went the curtain. Hier steht wie im Deutschen kein Komma. Dieser Fall ist nun ganz anders gelagert und kann nicht mit dem o.g. Fall verglichen werden.

Wiederum ein anderer Fall sind die adverbiale Bestimmungen therefore und however. Diese werden offenbar herkömmlich als Einschübe verstanden und daher nicht nur am Satzanfang durch Kommata abgetrennt: She was, however, not amused.

Bei derart kurzen Einschüben wirkt diese Kommatierung allerdings etwas schwerfällig, was der Grund sein mag, daß heute wohl öfter auf diese Kommas verzichtet wird.

Nun gibt es in den angelsächsischen Ländern keine zentrale Instanz für die Rechtschreibung einschließlich der Zeichensetzung usw. Das „spelling“ wird in Wörterbüchern, die Zeichensetzung in Stilbüchern abgehandelt. Diese Bücher könne auch voneinander abweichen, und so ist auch die Kommasetzung in Einzelfragen nicht einheitlich geregelt.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.03.2014 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9867

Das Nichtbeachten von Wortgrenzen bei der Silbentrennung oder beim Vorlesen führt zu lustigen Bedeutungsänderungen wie "Hühne-rei" und ähnlichen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2014 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9866

Ich habe ja ausdrücklich nicht darauf bestanden, das Zusatzwissen (über die Beobachtung des Lautlichen hinaus) als historisches zu kennzeichnen (http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9856). Man kann die historisierende Schreibweise beider Sprachen auch in nichthistorischen Begriffen beschreiben, wie schon erwähnt. Die morphologische Silbentrennung entspringt demselben Geiste wie die Stammschreibung.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.03.2014 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9865

Lieber Herr Ludwig,

es empfiehlt sich nicht, Rückschlüsse aus dem Englischen auf das Deutsche zu machen, ganz besonders nicht bei der Silbentrennung.

Mein Concise Oxford Dictionary läßt es zu diesem Thema mit "... division into syllables being arbitrary in English ..." bewenden.

Die "Grundregel" der Silbentrennung (in der Fassung von 2006) spricht von "langsamem Vorlesen". Beim langsamen Vorlesen richtet sich die Aussprache naturgemäß viel stärker nach der Schreibung als beim bloßen Daherplappern. Jeder deutsche Nicht-Analphabet weiß, wie man nach der Schreibung spricht. Da die Worttrennung am Zeilenende nur in der geschriebenen Sprache vorkommt, ist hier auch die Aussprache nach der Schreibung ausschlaggebend (das geht im Englischen eben nicht).

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.03.2014 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9864

Lieber Prof. Ickler,

es ging doch nicht um die Orthographie insgesamt, sondern nur um die Frage, ob die Silbentrennung im Deutschen von "sprachhistorischen" Kenntnissen abhängig gemacht werden sollte und das auch noch obligat.

Die Engländer brauchen doch für ihr "spelling" keine sprachhistorischen Kenntnisse, sondern sie schreiben so, wie sie es in der Schule gelernt haben und wie sie es ständig geschrieben sehen.


 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2014 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9863

"Was in aller Welt hat denn die englische Orthographie mit der Sache zu tun?"

Nun, es ging um die Frage, ob die Orthographie phonetisch angelegt sein soll (Schreibe, wie du sprichst) oder ob und in welchem Umfang sie darüber hinaus (denn die lautliche Grundlage einer Alphabetschrift steht ja nicht in Frage) "Wissen", "Bildung" erfordern darf oder soll. Das betriff die morphologische Trennung ebenso wie die Wortschreibung selbst. Das Beharren auf dem Phonetischen führt zu einer völligen Verwerfung der englischen Orthographie, übrigens ein durchaus vertretbarer Standpunkt, auf den sich auch viele bedeutende Autoren gestellt haben, nur eben ohne Erfolg. Folgt man den schärfsten Kritikern, konnten die anglophonen Völker keine Zukunft haben, noch weniger natürlich die Chinesen, die sich nach Ansicht mancher Denker schon mündlich nicht ausdrücken können (wegen der Homophone und der rudimentären Grammatik), geschweige denn schriftlich.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 21.03.2014 um 20.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9861

Zu #9860: Die Beobachtung ist richtig. Das sieht man auch daran, daß jetzt ein Komma oft weggelassen wird, wo Leute alter Schule automatisch eins setzten, weil da vor die "normale" feste Satzstellung SVO ein Adverbial gesetzt worden war und sie da eine Pause hörten: Therefore, he had to take the car => Therefore he had to take the car. Bei der ursprünglichen flexibleren Wortstellung war das (einleitende) Adverb nie durch ein Komma als Pausenzeichen abgetrennt: Down went the axe. Und ich habe auch ein falsches Komma in "Wer Wörter wie die hier infrage stehenden, tippen mußte" (#9857), wofur ich jetzt gleich dem Einfluß des Englischen die Schuld geben kann. Danke, Herr Germanist.
Zur Frage "Was in aller Welt hat denn die englische Orthographie mit der Sache zu tun?" (#9859): Die Silbentrennung, die im Schriftlichen am Zeilenende relevant werden kann, ergibt sich eben *nicht* so einfach "bei langsamem und deutlichem Sprechen von selbst" (was immer sogar auch der alte Duden dazu sagen mag). Daß meine Beispiele hier aus dem Englischen kommen, welches ja auf allen Erdteilen auch Muttersprache ist und eben auch nicht nur einen Standard hat, — na und? Die Aussprache /Intresse/ ist wohl im Deutschen sogar die gängige (wenn auch nicht in Österreich [#9828]), und wenn "police" in einem Ausruf "The /pli:s/ is coming" sich vom "please" nur durch das Nicht-Vibrieren der Stimmbänder am Ende des Wortes unterscheidet (wobei ich mögliches "de-voicing" sogar noch außer Acht lasse), dann ist da eben nichts mit Silbentrennung und Schreibung nach der Aussprache, welch letztere eben auch die Trennregeln vereinfachen können sollen. Sie können's eben nicht immer, und das aus soliden Gründen nicht.


 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.03.2014 um 18.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9860

Mir fällt beim Zeitunglesen immer mehr auf, daß Kommas nicht dazu verwendet werden, um Satzgefüge zu gliedern, sondern um Sprechpausen zu markieren. Ich glaube, daß im Englischen so verfahren wird.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 21.03.2014 um 14.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9859

Was in aller Welt hat denn die englische Orthographie mit der Sache zu tun?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2014 um 08.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9858

Bei meinem Hinweis auf die englische Orthographie hatte ich nicht einmal an die Silbentrennung gedacht, sondern an die historisierende Schreibweise im allgemeinen. Aber was Sie sagen, ist natürlich völlig richtig.

Tja, der Steuerzahlerbund hat mit seinen alljährlichen mehr oder weniger erheiternden Einlassungen noch niemals irgendeine Wirkung erzielt, und das mag uns darüber hinwegtrösten, daß er die Rechtschreibreform gar nicht als Anlaß für eine Rüge ansehen wollte.

Man müßte jeweils Volksabstimmungen zu konkreten Vergeudungsfällen organisieren, etwas anderes ist nutzlos. So haben wir hier den bayerischen Senat abgeschafft, was doch immerhin einige Millionen sparen hilft.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 20.03.2014 um 23.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9857

Zu "wie die Wörter bei langsamem und deutlichem Sprechen von selbst in Silben zerfallen" (#9852): Anzunehmen, daß alle instinktiv einfach die "richtige" Aussprache hätten und dann auch einer solchen folgen müßten, darüber sind wir eigentlich hinaus. Wer Wörter wie die hier infrage stehenden, tippen mußte, ohne fachlich von ihrer Bedeutung eine Ahnung zu haben, schaute nach, und das Manuskript sah o.k. aus, und alle hatten beim Lesen keine Schwierigkeiten.
Zu "Und was ist mit der englischen Orthographie?" (#985): Da schaut jeder nach, der aus irgendwelchen Gründen in seinem Text wirklich trennen muß. Wenn wo aufgrund normaler Sprachentwicklung die Betonung eines Wortes vom Ende nach vorn gekommen ist und die Leute da "police" statt /po'li:s/ eben /'poli:s/ aussprechen (der Apostroph zeigt die Betonung der folgenden Silbe an), — sprechen die da halt nicht langsam und deutlich genug? Sprache ist eben die normale Sprache und nicht die zur Schule, damit man auch danach alles schön zu einem künstlichen System in Schrift setzen kann. In den leicht schwierigen Fällen ist die Silbenklatsche nämlich die des Lehrers, nicht die der Sprache. Wie man "an apple" und "Annapolis" zum Schreiben richtig in Silben zerlegt, geht Jane und Joe nicht "bei langsamem und deutlichem Sprechen von selbst" auf. Irgendwo setzt zu sowas schon die Erinnerung an was anderes ein. So auch im Deutschen, - weshalb man da auch keine unsinnige und teure Reform brauchte.
Wo zu letzterem ich gerade dies lese:.
«Steuerzahlerbund prangert «unsinnige Förderprojekte» an
Berlin (dpa) - Ob Steuerzahlergeld für farbiges Tierfutter, Millionen Euro für «innovatives Tanzen» oder für Chinas Senioren: Im Bundeshaushalt gibt es nach Ansicht des Steuerzahlerbundes neben großen potenziellen Einsparposten auch viele kleine verzichtbare Beträge. In einer in Berlin vorgelegten Liste mit Streichvorschlägen für den 300-Milliarden-Euro-Etat zeigt der Verband Beispiele für den aus seiner Sicht bestehenden «Umverteilungswahnsinn» auf. Der Steuerzahlbund unterbreitete auch Vorschläge, um Ausgaben des Bundes von mindestens 20 Milliarden Euro zu streichen.[//] 19.03.2014 16:25»
Die sollte man auch an die verordnete und nutzlose Rechtschreibreform erinnern.



 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2014 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9856

Spricht das nun für oder gegen die Reform? Man denke an Augst und seine "synchrone etymologische Kompetenz" - eine nicht-historische Etymologie, aus der in seiner Ausführung naturgemäß nichts werden konnte. Freilich kann man die Wortbildungszusammenhänge auch rein synchron verstehen und sichtbar machen (Morphemkonstanz, Stammschreibung). Die Silbentrennung ist ja nur eine "marginale" Auswirkung desselben Prinzips.

Und was ist mit der englischen Orthographie?

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 20.03.2014 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9855

Wenn man es sich mal in Ruhe überlegt:

Ist es nicht ein geradezu monströser Gedanke, eine so "marginale" Angelegenheit wie die Silbentrennung von "sprachhistorischen" Kenntnissen abhängig zu machen?

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.03.2014 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9854

"Selbst die eifrigsten Druckmedien wollen ihren Lesern nichts Abst-ruses zumuten."
In der taz war in den letzten Tagen mehrfach Konf-likt zu lesen. Wer likt denn da? Auch Das ist Schade findet man. Die taz mutet ihren LeserInnen in vieler Hinsicht einiges Abst-ruses zu.

(Auch inhaltlich: Heute wird auf Seite 6 gewettert, "Die Linke isolierte sich mit steilen Thesen zur Ukraine. Fraktionsvize [nicht Vizin?!?] Sahra Wagenknecht behauptete etwa, die Kanzlerin und der SPD-Außenminister stützten in Kiew eine Putschregierung aus Neofaschisten und Antisemiten." Gegenüber auf Seite 7 steht dann: "Das Europäische Parlament warnte bereits im Dezember 2012 in einer Resolution vor Swoboda. Die Partei stehe mit ihrer "rassistischen, antisemitischen und ausländerfeindlichen Auffassung im Widerspruch zu den Grundwerten und Grundsätzen der EU". (...) Nur: In Kiew verhandelt die EU derzeit wie selbstverständlich mit Swoboda. (...) Und auch die deutsche Regierung scheut den Kontakt nicht. (...) Die Politologin Ludmilla Lutz-Auras warnt vor der fehlenden Distanz." Wie immer man inhaltlich dazu steht: Hier weiß wohl die linke Hand nicht, was die rechte schreibt.)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2014 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9853

Ja, deshalb bin ich ja auch bei "Silbentrennung" geblieben. Natürlich gibt es da einen engen Zusammenhang, weil eben im Deutschen nicht "gebunden" wird (Liaison), sondern der Wortrand stark hervorgehoben ist. Was das langsame und deutliche Sprechen betrifft, so ist es nicht ganz unproblematisch, weshalb man auch mit Recht gesagt hat; Schreib, wie du sprichst, wie du schreibst! Man kann z. B. einander noch so langsam und deutlich sprechen, es wird trotzdem nicht unbedingt ein-ander dabei herauskommen, wenn man nicht schon vorher das Wissen um die Zusammengesetztheit hineinsteckt. Die herkömmliche Orthographie hatte hier ganz bewußt bremsend gewirkt: Selbst wenn die übliche Aussprache die Zusammensetzung verdunkelt, wird letztere in der Schrift berücksichtigt. Wir hatten immer wieder mal solche Fälle diskutiert, z. B. die in manchen Regionen oder Registern übliche Bindung bei Verein usw.
Wirklich virulent wird die Regel bei Fremdwörtern. Womit wir wieder bei der ("humanistischen") Bildung wären und der Zwei-Klassen-Trennung.

Wie auch immer die herkömmliche Trennung begründet wird (und ich gebe Ihnen vollkommen recht mit Ihrem Hinweis auf die Aussprache), auch das neue Regelwerk rüttelt nicht daran:

"§ 111: Zusammensetzungen und Wörter mit Präfix trennt man zwischen den einzelnen Bestandteilen."

Es verschiebt bloß die Grenze ein wenig, und zwar erklärtermaßen aus bildungspolitischen Gründen. Das hat sich aber nicht bewährt, der menschenfreundliche Zweck der Nichtdiskriminierung von "Wenigschreibern" ist nicht erreicht worden. Selbst die eifrigsten Druckmedien wollen ihren Lesern nichts Abst-ruses zumuten.

(Ich hatte noch den Gedanken in die Debatte gebracht, daß die neue Silbentrennung bei den vielen Fremdwörtern und wenigen heimischen einen Haufen unbrauchbarer Bestandteile zurückläßt (Ressen, apos, nander usw.), was gegen die enorme Produktivität der Wortbildung gerade mit Bausteinen wie inter, apo usw. steht.)

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 18.03.2014 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9852

Lieber Prof. Ickler,

warum gilt denn im Deutschen „grundsätzlich die morphologische Trennung von Komposita und Präfixbildungen“? Das hat sich doch Konrad Duden nicht aus den Fingern gesogen.

Das kommt doch daher, daß diese Wortarten von den Deutschen so ausgesprochen werden. So wird etwa abarbeiten wie [ap’arbeiten] gesprochen (das Apostroph stellt den Knacklaut vor Vokal dar). Auslautverhärtung des Konsonanten und der Knacklaut vor anlautendem Vokal grenzen doch schon in der Aussprache Präfix und Grundwort geradezu überdeutlich voneinander ab. Gleiches gilt für Zusammensetzungen wie Abendessen ([abent’essen]. Das ist die Grundtatsache, auch wenn es natürlich nicht bei allen Wörtern gar so deutlich ist. Danach richtet sich natürlich auch die Worttrennung.

Diese Eigenheit der Aussprache unterscheidet das Deutsche stark vom Französischen, wo ganze Wortfolgen ohne Zäsur gesprochen werden können.

Dagegen wird im Deutschen zwischen Stamm und Suffix keine hörbare Zäsur gesprochen und dort wird auch nicht getrennt.

Das heißt: im Deutschen gibt es - mit wenigen Ausnahmen - keinen Gegensatz zwischen struktureller und phonetischer Trennung.

Daher reicht jedenfalls in den allermeisten Fällen die Grundregel vollkommen aus, nämlich so zu trennen, wie die Wörter bei langsamem und deutlichem Sprechen von selbst in Silben zerfallen. Die Unterscheidung zwischen den einfachen und suffigierten Wörtern einerseits und den präfigierten und zusammengesetzten Wörtern ist daher so gut wie überflüssig, allenfalls für die erwähnten wenigen Ausnahmen von Belang.

Die Regeln der deutschen Worttrennung ergeben sich also aus der deutschen Aussprache. Es ist daher doch prima facie höchst fraglich, ob diese Regeln auf Wörter aus anderen Sprachen übertragen werden können oder sollen.


 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 18.03.2014 um 15.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9851

Lieber Herr Riemer,

wenn war ein Präfix wäre, dann wäre das um in warum ja vielleicht ein Suffix und dann wäre die korrekte Trennung wa-rum.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.03.2014 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9850

Lieber Herr Achenbach,

da haben Sie wohl recht, aber wenn es heute keine selbständigen Wörter mehr sind, sind es dann nicht zumindest immer noch Präfixe, für die die gleiche Trennregel gilt?

Na ja, Schüler finden das vielleicht tricky und gemein, also sollen sie's meinetwegen damit halten wie mit Fremdwörtern. Wenn ich Lehrer wäre, ich würde es anstreichen, aber bis, sagen wir mal, zur 10. Klasse nicht werten.

Aber warum müssen auch Zeitungs- und Buchverlage sich dumm stellen, warum werden Rechtschreibprogramme extra auf dumm programmiert?

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 17.03.2014 um 20.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9849

Zu "Aber diese maschinenbaumäßige Vorgehensweise gilt wohl als Ketzerei": Aber sie vermittelt echte Bildung. Ich jedenfalls empfinde sie gar nicht als maschinenbaumäßig, mechanisch, — sie verbindet mich mit Menschen, die etwas ihnen und vielleicht auch mir Wichtiges sprachlich ausdrücken wollen. Und tatsächlich fühlten sich sogar auch einige meiner Studenten davon angeregt. Aber wenn welche von ihrem Junior-Semester in Deutschland nicht mit besserem Satzbau, sondern nur mit Begeisterung dafür zurückkommen, daß engl. "spoon" was mit dt. "Span" zu tun hat, dann geht mir das fürs erste und für Sprachanfänger auch auf Collegeniveau zu weit. Wichtiger ist für sie doch, wenigstens in Deutschland zu lernen, daß "Schule" seinen Ursprung in griech. scholé, und das bedeutet Rast, Muße, freie Zeit, Unterhaltung, also seine Bedeutung gerade in Freizeit vom täglichen Broterwerb hat, also ein Freisein ist, das unsere Tradition ihnen gibt, damit sie vom College was Wichtiges fürs Leben mitnehmen. Aber mir ist das auch erst viel später aufgegangen. Gehört hatte ich's jedoch schon vorher, Gott sei Dank, in Deutschland noch.
Zu "Warum sollte man die Zeit heutiger Schüler damit verschwenden?": Weil's deren Wissen von was und zu was ausrundet. Akzeptabel wäre durchaus, Worttrennung am Zeilenende nur die zu lehren, die wirklich was damit anfangen müssen. Aber Lesern was mit nicht-akzeptierter Worttrennung vorzusetzen, das ist nicht akzeptabel. Wie's denn Herrn Riemers Lehrer und auch meine schon lange und richtig sagten, niemand zwingt Schüler dazu, Wörter am Ende einer Zeile zu trennen. Und die volksschulische Silbenklatsche ist sprachwissenschaftlich jedenfalls kein zuverlässiges Hilfsmittel, will ein Kind dem Lehrer auch ein graphisch gekonntes Schriftbild vorsetzen, um ihn jubelnd und es bestens benotend vom Stuhl zu reißen (s. wie aus frz. naperon im Englischen apron wird).


 

Kommentar von Klaus Achenbbach, verfaßt am 17.03.2014 um 19.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9848

Lieber Herr Riemer,

ich glaube nicht, daß "dar und wor selbständige Wortstämme sind". Das waren sie vor langer Zeit.

Heute sind sie es nicht mehr. Warum sollte man die Zeit heutiger Schüler damit verschwenden?

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.03.2014 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9847

Nach meiner Erfahrung kann man das Vokabellernen wesentlich erleichtern, wenn man zuerst lernt, daß komplizierte Wörter auch nur aus bekannten und oft sogar genormten Einzelteilen wie Wortwurzeln, Vor- und Nachsilben zusammengeschraubt sind, die man zuerst lernen sollte. So verlieren sogar die besonders langen griechischen Wörter ihre Abschreckung. Aber diese maschinenbaumäßige Vorgehensweise gilt wohl als Ketzerei.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.03.2014 um 14.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9846

Kann sein, daß ich da zu optimistisch war, lieber Herr Ludwig, aber was soll's, die Schüler, die auch nach dem fünften Erklären noch nicht behalten haben, daß dar und wor selbständige Wortstämme sind, sind wahrscheinlich auch die, die sowieso auch mit dem Silbenklatschen Probleme haben. Wie gesagt, meine Lehrer haben uns immer geraten, wenn ihr's nicht genau wißt, dann laßt doch die Trennung sein, ehe ihr euch einen Fehler einhandelt, niemand zwingt euch dazu.

Es gibt eben Menschen, die sprachliche Strukturen nicht gut durchschauen können. Nur, deswegen muß doch nicht die gesamte Gesellschaft so tun, als leide sie an Legasthenie. Wir fahren doch auch nicht alle im Rollstuhl, nur weil es einige Gehbehinderte gibt.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 17.03.2014 um 11.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9845

Zu "[es] erscheint [...] im nachhinein unbegreiflich, daß die Reformer dieses Faß überhaupt aufgemacht haben": Mir gar nicht! Einmal eine Kommission ernannt, die sich was ansehen sollen, müssen die ja was finden, um ihre Kompetenz zu beweisen. Und sie tun's halt dann bis ins kleinste, wenn sie nichts Größeres finden können, damit sie doch was Beschreibliches getan haben und um die Vergütung der Unkosten gut zu rechtfertigen. Meine College-Erfahrung: For heavens sake, don't appoint a committee. Und die beruht auf amerikanischer Landlebensart: If it ain't broke, don't fix it. Der größte Blödsinn der deutschen Kultusministerkonferenz war, daß man nach hundert Jahren die Rechtschreibung doch wohl mal untersuchen lassen müsse. Aber die zeigen auch sonst, daß sie von Kultur in einer Demokratie wenig Ahnung haben. Hat die etwa nur z. B. die Einstellung erregt, nach der so manche Schulbibliothek jetzt ausgemistet und danach deshalb Geld für neue Anschaffungen angefordert wurde?

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 17.03.2014 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9844

Zu Intresse:

Das fehlende e sollte einen Lehrer sehr wohl interessieren, die Trennung hingegen nicht so sehr.

Zur Worttrennung generell: Man kann nicht oft genug betonen, daß die leserfreundliche Trennung einzig und allein für professionell gesetzte Texte wichtig ist, und das heißt heutzutage: für die Software und die Lektoren, die Fehler der automatisierten Trennung verbessern müssen. In der Schule spielen Trennfehler für die Benotung keine Rolle, und ein Schreiben vom Ordnungsamt verliert seine Gültigkeit nicht, wenn darin die Kast-ration eines Hundes angeordnet wird.

Angesichts dieser Sachlage erscheint es im nachhinein unbegreiflich, daß die Reformer dieses Faß überhaupt aufgemacht haben.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2014 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9843

Mir ist es oft ebenso gegangen wie Herrn Ludwig. Inzwischen leide ich insofern an einer Déformation professionelle, als ich Wörtern aus verschiedenen Sprachen immer auf den etymologischen Grund zu gehen versuche, aber das kann man natürlich nicht allen Menschen unterstellen und zumuten.

Lieber Herr Achenbach, das wäre alles schön und gut, wenn es eben im Deutschen nicht grundsätzlich die morphologische Trennung von Komposita und Präfixbildungen gäbe. Da kann man noch so oft bekanntgeben, die phonetische Trennung sei gleichwertig - es würde eine radikale Änderung nicht nur der Paragraphen, sondern der gesamten Praxis voraussetzen.

Und dann ist da noch die Tatsache, daß wir in sogar ständig zunehmendem Umfang mit den lateinischen und griechischen Elementen wirtschaften, wenn es um die Bildung neuer Wörter geht. Die Zahl der Zusammensetzungen mit inter - um gleich dabei zu bleiben - steigt immer weiter. Vielleicht führt das sogar dazu, daß einige Leute, etwa im Fernsehen, irgendwann Inter-esse (mit Knacklaut) zu sprechen anfangen, so wie ich bei einem Kollegen inter-im gehört habe. Jedenfalls gibt es auch jetzt schon Menschen, die den Aufbau von Interesse durchschauen, und solche, die das nicht tun. Da kann man noch so entschieden in einem Regelwerk festlegen, beides sei gleichberechtigt - es bleibt doch ein Unterschied, der seine Bewertung erfahren wird.
Beim Griechischen ist es noch erstaunlicher, wie die Wortbildungsmittel genutzt werden, obwohl der Griechischunterricht gegen Null geht. Letzteres würde dazu berechtigen, Apos-tel, Apos-tat usw. als "gleichberechtigt" anzuerkennen, aber die Produktivität des Wortbildungselementes spricht dagegen. Und dann noch jener Gesichtspunkt, den ich auch in meinem Kritischen Kommentar in Anlehnung an 1901 diskutiert habe: Gehört zu einer sachgerechten Verwendung von Apostat nicht auch ein gewisser Einblick in seinen Aufbau? Nicht umsonst beginnen fast alle Wörterbucheinträge mit einem etymologischen Hinweis, und sogar außerhalb der Wörterbücher werden Diskussionen oft mit Ausführungen über den wirklichen oder vermeintlichen Ursprung eines Wortes eröffnet.

 

Kommentar von Horst Ludwg, verfaßt am 16.03.2014 um 20.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9842

Hier etwas hierzu von weit am Rande, wo ich stehe: Auch ich bin mit *Intresse* aufgewachsen und spreche das Wort heute noch so, und es kann sein, daß ich es als Schüler mal irgendwo an einem Zeilenende falsch getrennt hatte, es kann aber auch sein, daß ich in irgendeinem Gespräch darauf hingewiesen wurde, daß das Wort ja von lat. "inter esse" käme, was mir eben bis dahin nicht klar gewesen war, obwohl ich schon eine Zeitlang Latein hatte. Ich fand das belustigend und habe seitdem Interesse nie falsch und den Leser zum Stottern bringend getrennt. Auf gleiche Weise wurde mir auch nahe gebracht, daß Atmosphäre was mit Sphären zu tun habe, und obwohl ich dieses Wort noch nie habe an einem Zeilenende trennen müssen, hätte ich seitdem wohl damit keine Schwierigkeiten gehabt. Aber *Greek is Greek to me*, und bei herausgeberischer Arbeit später habe ich mich bei Wörtern griechischer Herkunft im Trennfall schon aus Interesse an deren "eigentlicher" Bedeutung immer näher informiert. Deutsch "vielleicht" aber amüsiert mich heute noch, stelle ich mir da phonetische Trennung vor. (Übrigens ist, so wie ich rede, auch das [s] in Hemisphäre fast syllabisch, und "pt" am Anfang einer Silbe zu sprechen, fällt mir genauso schwer wie meinen Deutschstudenten "ps" am Anfang von Psychologie.) - Ich teile jedoch nicht ganz Herrn Riemers Optimismus, daß nach einfachem Himweis auf das Schreibproblem "schon alle Schüler stolz "aha" sagen" würden, denn aus Erfahrung weiß ich, daß einige von ihnen nämlich auch bei mehrfachem Hinweis hierzu nicht hinhören, und dann werden sie trotzdem Kultusminister und schnelle Journalisten und anderes Personal bei sowas, auch Lehrer, aber die hatten's evtl. bei ihrer weiteren Ausbildung nicht gehabt.


 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 16.03.2014 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9841

Natürlich kann es sein, daß Leute bei Wörtern, die sie nicht kennen, bzgl. Trennung Zweifel haben. In Diktaten kann sowas vorkommen. Ansonsten verwendet man aber vorwiegend Wörter, die man kennt. Und Fälle, wo die Bedeutung bekannt ist, die strukturelle Trennung aber nicht, dürften wohl extrem selten sein, und wenn‘s doch vorkommt, trennt man halt nach Gefühl oder eben nicht. Bei Muttersprachlern werden die meisten Gefühlstrennungen auch strukturell richtig sein. Für mich also eher ein theoretisches Problem.
Und über ein Problem, strukturelle Trennungen könnten ggfs. sogar lesefeindlich sein, bin ich noch nie gestolpert.


 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.03.2014 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9840

Lieber Prof. Ickler,

ich teile ganz Ihre Auffassung, daß all das höchst „marginal“ ist. Die Silbentrennung ist eines der unwichtigsten Teile der Rechtschreibung. Das gilt erst recht für deutsche Wörter, deren Trennung bis auf wenige Ausnahmen überhaupt keine Fragen aufwirft.

Umso erstaunlicher ist es, welche Rolle die Silbentrennung in vielen Debatten spielt - wie mir scheint, auch in diesem Forum. Dabei ist das Wort Interesse geradezu ein Schibboleth geworden. Ein weiteres Paradebeispiel ist die Trennung von Pädagogik nach dem alten Duden.

Sie sagen nun: „Läßt man die Wahl, wird der Bildungsgrad des Schreibers erkennbar, ...“

Das bestreite ich in dieser allgemeinen Form. Diese Aussage trifft eindeutig zu für die amtliche Schreibung von 1901 („Erkennt man die Bestandteile von Fremdwörtern nicht, so richte man sich nach den Regeln unter 1a und b.“) und wohl auch für die Reform von 1996. Der alte Duden ließ dagegen bekanntlich keine Wahl und mutete damit durchaus auch Hochgebildeten zu, wegen einer „marginalen“ Trennung im Duden nachzuschlagen.

Ihre Aussage trifft aber nicht zu, wenn man strukturelle und phonetische Trennung als gleichberechtigte Varianten zuläßt, also völlig unabhängig davon, ob man den Wortaufbau erkennt oder nicht. Man mag ja mit Sextanerlatein oder noch weniger in Interesse die mutmaßlichen Bestandteile inter und esse erkennen und es trotzdem vorziehen, bei der Trennung der allgemein üblichen Aussprache zu folgen.

Andererseits braucht man so gut wie keine Bildung, um die Bestandteile von einander zu erkennen. Da braucht niemand die Angst zu haben, sich als „ungebildet“ zu entlarven.


 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.03.2014 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9839

Bestimmte Trennungen sind nicht einfach eine Frage der Kenntnis der Trennregeln. Jeder, der nur einigermaßen Deutsch kann, weiß doch auch, daß vo, hi, ei, raus, naus, nander keine deutschen Wörter sind, hingegen gehören vor, hin, ein, aus, auf, ander zum Grundwortschatz. Es mag ja sein, daß ein Schüler wegen der Aussprache ohne einen entsprechenden Hinweis vielleicht hi-naus trennen würde, aber dazu sind doch die Schulen da, den Schüler nur einmal auf die leicht erkennbaren Bestandteile hinzuweisen. Das gehört zu den einfachsten Grundkenntnissen des Deutschen.

Solche Wörter gehören genauso selbstverständlich nach der Zusammensetzung getrennt wie Schul-jahr usw., und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß es bei Deutschsprechenden eine besondere Schwierigkeit darstellt, vor, her, an, auf usw. zu erkennen. Zu dar- und wor- bräuchte man heutzutage nur auf die englischen there und where verweisen, schon würden alle Schüler stolz "aha" sagen.

Etwas anderes ist es bei Fremdwörtern. Da sollte man wirklich toleranter sein. Aber eben in dem Sinne, daß man Fehler wie Helikop-ter usw. wirklich nur toleriert, aber nicht noch absichtlich in der Zeitung vormacht.

Im übrigen, wer es als Schüler oder Erwachsener nicht weiß, braucht gar nichts zu trennen. Aber daß professionell Schreibende sich jetzt absichtlich dummstellen müssen, nur damit man die Intelligenz nicht mehr an der Schreibung erkennen kann, das ist schon der Gipfel. Das ist so, als ob eine Baufirma absichtlich krumm und schief baut, nur damit die von Laien gebauten Nachbarshäuser nicht schlechter aussehen. So erzeugt man Verfall und Rückschritt.



 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.03.2014 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9838

Gut gesagt, und die "Wahl" zu lassen wird immer Beifall finden. Allerdings kommt man nicht aus dem Dilemma heraus, das mit der deutschen Silbentrennung unlösbar verbunden ist. (Ich habe es in meinem Kritischen Kommentar zu § 112 ausführlich diskutiert.)
Es gibt eben eine Grauzone, wo manche noch den Aufbau des Wortes erkennen, andere nicht. Läßt man die Wahl, wird der Bildungsgrad des Schreibers erkennbar, was ja eigentlich vermieden werden sollte. Die Reformer haben nur die Grenzen in dieser Grauzone etwas verschoben und bei der Revision wieder ein wenig zurückverschoben (einander usw.). Hinzu kommt noch, daß auch die alte Rechtschreibung an einigen Stellen (Episode) schon dekretierte, was wir sollten analysieren können und was nicht.
Es gibt keine glatte Lösung. Man kann nur raten, in der Schule nachsichtig zu sein (was aber auch weitgehend der Fall ist) und im übrigen das buchstäblich "marginale" Problem nicht aufzubauschen. Wie gesagt, die professionelle Trennung hat noch keinen gestört, auch wenn er anders spricht. Ich zum Beispiel sage meistens Intresse, aber ich weiß wie die allermeisten, daß inter drinsteckt, ein auch sonst oft gebrauchtes Element. Wenn nun in einer Schülerarbeit Int-resse vorkommt - je nun, sollte das für einen Lehrer wirklich ein Problem sein?

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 15.03.2014 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9837

Lieber Herr strasser,

ich gehöre nicht zu den Leuten, „denen Orthographie wurscht ist“. Mir geht es auch nicht darum, den Pennälern bei der Notengebung ihre Rechtschreibfehler nachzusehen.

Ich bin allerdings der Meinung, daß sich die Rechtschreibung in jeder Einzelheit daran messen lassen muß, ob sie ihren Hauptzweck, dem Leser das Lesen und das Verstehen zu erleichtern, erfüllt. Danach muß auch die Worttrennung beurteilt werden. Ich bin daher nicht bereit, unbesehen ein Dogma anzuerkennen, wonach irgendwie der „strukturellen“ Worttrennung immer und in allen Sprachen eine höhere Dignität zukomme.

Mir fällt es - jedenfalls ohne nähere Begründung - schwer zu glauben, daß die strukturelle Trennung das Lesen und Verstehen erleichtert, wenn dem Leser die Struktur des Wortes überhaupt nicht bewußt ist. In diesem Fall sehe ich dann, wenn die strukturelle und die phonetische Trennung sich widersprechen, eher die Gefahr, daß die strukturelle Trennung dem Leser nicht hilft, sondern ihn verwirrt.

Daher zöge ich eine Regel vor, die nicht auf sprachliche oder gar „sprachhistorische“ Kenntnisse des Schreibenden abhebt, sondern ihm die Wahl läßt zwischen einer strukturellen oder einer phonetischen Trennung, dort wo diese Trennungen nicht übereinstimmen.

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 09.03.2014 um 14.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9830

Leute, denen Orthographie wurscht ist, kümmern sich sowieso nicht darum, wie man „interessant“ trennt, alle anderen trennen, wenn sie unsicher sind, entweder nicht, oder aber, sie trennen „inter-essant“. Mich würde interessieren, wie „Orthographiebewußte“ andernfalls eine Trennung „inte-ressant“ argumentieren.

Apropos Idiotensicherheit: ich finde, Schüler sind keine Idioten, sie haben lediglich auf dem Weg zur Schreibsicherheit erst unterschiedlich nachhaltige Wege beschritten.
Leute ohne Ehrgeiz werden es trotz Reform nie mehr lernen, alle anderen aber müßten sich durch die Reform bezüglich Sinnrichtigkeit in sehr vielen Fällen zumindest vor den Kopf gestoßen fühlen.


 

Kommentar von Peter Küsel, verfaßt am 08.03.2014 um 20.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9828

In Österreich ist die Standardaussprache Inter-esse.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 08.03.2014 um 19.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9827

Lieber Herr Markner,

allerdings ist in der übergeordneten Hauptregel § 107 nur von der Aussprache die Rede ("Silben, in die man die geschriebenen Wörter
bei langsamem Vorlesen zerlegen kann").

Außerdem war mein Ausgangspunkt die Interpretation von "empfunden". Zudem ist es mir an sich gleichgültig, was "amtlich" ist oder war. Mir geht es nur darum, was sinnvoll ist.

Vielen Dank für den Hinweis auf die kleine Änderung in § 113. Aus meiner Sicht ist es tatsächlich schade, daß das Wörtchen "oft" weggefallen ist.

Ich möchte dazu auf eine andere Lücke hinweisen: Der Duden führt nach wie vor Trennungen wie "epis-ode", "Trans-it" oder "Nordern-ey" nicht auf, obwohl diese nach dem Wortlaut von § 113 möglich sind. Im alten Duden war diese Fälle als Ausnahmen ausdrücklich erwähnt.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2014 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9826

Man sollte nicht aus den Augen verlieren, daß die Leitfigur der Reformer der Schüler war, der vor Sanktionen geschützt werden sollte, indem man die Orthographie idiotensicher machte. Unangenehm blieb, daß der professionelle Schriftsatz ständig mit seiner Qualitätsorthographie sichtbar geblieben wäre, der es nicht um Fehlervermeidung, sondern um Leserfreundlichkeit und, ja auch Anerkennung von Bildung geht. Die Ausdehnung der Schulnorm auf alles Gedruckte war also folgerichtig. Gerade die Silbentrennung habe ich daher auch immer wieder mit Bildungspolitik in Verbindung gebracht.
Die naheliegende Lösung besteht, wie hundertmal gesagt, darin, die Qualiitätsorthographie in Ruhe zu lassen und bloß die Lehrer anzuwesen, eine pädagogisch sinnvolle Toleranz in ihrer Notenverteilungspraxis walten zu lassen (was aber ohnehin geschieht und heutzutage vielleicht nicht das wichtigste Anliegen der Schule sein dürfte). Es ist ja kein Zufall, daß die Reformer in den Anfangszeiten ihres Unternehmens ununterbrochen jenen legendären Schüler beschworen, den ein paar Rechtschreibfehler jeder Aussicht auf Karriere und Lebensglück beraubten. Es schien ein Gebot der Menschlichkeit zu sein, endlich die Rechtschreibung zu reformieren. Der Rest ist bekannt.

Kurz gesagt: Die Trennung Inter-esse stört niemanden, während Inte-resse ziemlich viele Leser stört. Wie in der Schule mit solchen Trennungen umgegangen wird, ist eine ganz andere Frage. Und nur für diese Frage, also die Korrekturpraxis und Notenvergabe, sind die Kultusminister zuständig, nicht für die Orthographie, wie sie sich und anderen erfolgreich eingeredet haben.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.03.2014 um 01.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9825

Im betreffenden Paragraphen des Regelwerks ist von der Aussprache schlichtweg nicht die Rede. Man kann sicherlich der Auffassung sein, sie sollte das Kriterium abgeben, aber »amtlich« ist das dann nicht.

Die Umformulierung des Paragraphen durch den Rat ist übrigens ganz amüsant.

»Wörter, die sprachhistorisch oder von der Herkunftssprache her gesehen Zusammensetzungen sind, aber oft nicht mehr als solche empfunden oder erkannt werden, kann man entweder nach § 108 bis § 110 oder nach § 111 trennen.« (1996)

Daraus wurde:

»Wörter, die sprachhistorisch oder von der Herkunftssprache her gesehen Zusammensetzungen oder Präfigierungen sind, aber nicht mehr als solche empfunden oder erkannt werden, kann man entweder nach § 108 oder nach § 109 bis § 112 trennen.« (2006)

Durch den Wegfall des »oft« erübrigt sich die ganze Sache weitestgehend, denn verlangt wird ja jetzt, daß die betreffenden »Zusammensetzungen oder Präfigierungen« ganz allgemein – und nicht bloß mehr oder minder häufig – nicht mehr als solche »empfunden oder erkannt werden«. (Wohlgemerkt steht da nicht: »aber vom Schreibenden nicht mehr« usw.) In der gegenwärtigen Formulierung ist die Regel also gar nicht auf die ihr beigegebenen Beispiele anwendbar, da es genügend Menschen gibt, die sich erklären können, wie hinauf zusammengesetzt ist. Aber angenommen, der letzte Lateiner wäre verstorben und niemand empfände mehr etwas für die Vorsilbe inter-, warum sollte dann überhaupt noch jemand auf die Idee kommen, Interesse nach dem r zu trennen?

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 07.03.2014 um 20.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9824

"Kein Mensch spricht interessant wie [inter-essant] aus, sondern nur als [inte-ressant]." Was soll aber der tun, der das /e/ hinterm "t" nicht wie das erste "e" in "Intellekt", sondern wie das /er/ in "interalliiert" oder in "Müller" spricht? Irgendwie gehört auch phonologisch das "r" erstmal mit dem vorausgehenden "e" zusammen, nicht nur etymologisch. Wer sich natürlich die "Aussprache nach Sprachsilben" in jedem Falle einklatschen läßt, hat keine Schwierigkeiten und auch Herrn Schaefers Lektorat nicht weiter zu fürchten.


 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.03.2014 um 18.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9823

Ein objektiver Maßstab für das "Empfinden" fehlt keineswegs. Der objektive Maßstab ist die Aussprache. Kein Mensch spricht interessant wie [inter-essant] aus, sondern nur als [inte-ressant]. Umgekehrt sagt kein Mensch [inte-ralliiert]. Daher wird auch nur inter-alliiert getrennt.

Das "Empfinden" (die Aussprache) ist daher viel objektiver als das "Erkennen" der Sprachsilben, die von den einschlägigen Sprachkenntnissen des Schreibenden abhängt. Die Worttrennung vom Bildungsstand des Schreibenden abhängig zu machen, war eben von Anfang (spätestens 1901) an verfehlt.

Für Fachleute und sonstige pingelige Menschen sollte eine Kann-Regel, auch entgegen der Aussprache nach Sprachsilben zu trennen, vollkommen ausreichen. Dann mag der Altphilologe nach Herzenslust Päd-agoge trennen, auch wenn er nicht [pät-agoge] sondern [pä-dagoge] spricht.

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 07.03.2014 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9822

Nein, es ist noch nicht korrigiert worden, weder in der Druckausgabe noch in der elektronischen Version.

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 07.03.2014 um 07.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9821

Hat jemand einen aktuellen Rechtschreib-Duden zur Hand? Beim Blättern im Regelteil der 2006er Ausgabe bin ich mal wieder auf einen Irrtum gestoßen: In K 160 wird die Trennung s-s, wenn ss für ß steht, mit § 108 begründet, was nicht stimmen kann. In K 164 wird dann auf den richtigen Paragraphen (110) verwiesen. Ist das inzwischen korrigiert worden?

Und weil ich gerade bei der Silbentrennung bin: Sowohl K 167 als auch § 113 erlauben die Trennung nach Sprechsilben, wenn Zusammensetzungen oder Präfixe nicht mehr "als solche empfunden oder erkannt werden" (§ 113; fast wortgleich in K 167). Damit kann man nichts anfangen, weil ein objektiver Maßstab für das "Empfinden" fehlt. Noch unsicherer ist aber das "Erkennen", denn die Wörterbuchredaktionen erkennen Zusammensetzungen und Präfixe selbstverständlich und wären dem Wortlaut nach verpflichtet, die Trennstellen entsprechend anzugeben.

Ich komme darauf zu sprechen, weil mir ein Redakteur die Trennung inte-ressant untergejubelt hatte. Ich habe ihn dann auf die Duden-Kennziffer und den Regelwerkparagraphen hingewiesen, und zwar mit dem Argument, daß sowohl er als auch ich das Präfix "inter" erkennen und die Lizenz zur sinnlosen Trennung somit entfällt. Das hat gewirkt, aber womöglich steht nach der Schlußkorrektur durch das Lektorat doch wieder inte- am Zeilenende.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2013 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9598

Die 26. Auflage des Rechtschreibdudens wird bei Amazon recht positiv bewertet (fast vier Sterne), aber wenn man genauer nachliest, sind die positiven Rezensionen ganz oberflächlich, während gründliche und erfahrene Benutzer fast durchgehend zu scharf negativen Urteilen kommen. Die Software scheint richtig katastrophal zu sein.

 

Kommentar von PCtipp.ch, 15. Juli 2013, verfaßt am 16.07.2013 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9463

Duden Home für Microsoft Office
Die Duden-Software korrigiert Office-Dateien und erlaubt das Offline-Nachschlagen aus dem Textverarbeitungssystem heraus in der neusten Auflage des «Duden - Die deutsche Rechtschreibung».

«Duden Home für Microsoft Office» unterstützt bei der Korrektur eigener Texte: Das Programm prüft die Schreibweise von Wörtern und assistiert mit passenden Korrekturvorschlägen. Darüber hinaus erkennt das Programm auch Grammatikfehler sowie Fehler im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Gross- und Kleinschreibung. Die Zeichensetzung berichtigt die Software auf der Basis einer satzbezogenen Prüfung. Auf Wunsch weist die Duden-Rechtschreibprüfung auf Umgangssprache, Dialekt, veraltete Ausdrücke oder zu lange Sätze hin. Dabei berücksichtigt das Korrekturprogramm den aktuellsten Wortbestand und die neusten Rechtschreibregeln, wie sie in der 26. Auflage des Standardwerks «Duden – Die deutsche Rechtschreibung» zu finden sind. Duden Home für Microsoft Office verhilft zudem zu einheitlichen Texten, denn bei mehreren möglichen Schreibvarianten wählt das Programm automatisch die «Duden-Empfehlungen». Die Duden-Rechtschreibprüfung bietet ausserdem die Möglichkeit, direkt aus der Microsoft-Office-Anwendung heraus die richtige Schreibweise eines Worts im Duden-Rechtschreibwörterbuch nachzuschlagen. Der integrierte Duden-Thesaurus unterstützt dabei, das passende Wort in jedem Kontext zu finden, und hilft mit seiner Synonymfunktion bei der Verbesserung des eigenen Schreibstils.


(www.pctipp.ch)

 

Kommentar von MG, verfaßt am 13.07.2013 um 01.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9460

Selbstverständlich schaue ich (wenn ich schon schaue) Schreibweisen von Wörtern im Internet-Duden nach. Das geht ja viel schneller als das Nachblättern im Dudenbuch, und den Rechner habe ich eh auf den Knien, wenn ich etwas schreibe. Huch! Ich sehe gerade, daß ich schon die letzte Ausgabe nicht gekauft habe.

Die Papierausgabe hat für mich allenfalls noch den einen Wert, daß sie einen bestimmten Stand einfriert, man also sagen kann: "In der 19. Auflage stand das Wort noch nicht drin, wohl aber in der 20."

Solche "Meilensteine" bietet die Internetausgabe nicht mehr, nie mehr. Die ist quasi "ohne Ausgabe", Wörter können in ihr aus dem Nichts auftauchen und ins Nichts verschwinden, als ob sie nie gewesen wären. Schöne neue Welt!

Neulich habe ich spaßeshalber mal einige weibliche Formen nachgeschlagen, die nach Duden-Lesart unseren Wortschatz so sehr bereichern. Die "Vergewaltigerin" habe ich gefunden, die "Gästin" nicht. Erstere ist ein Produkt des grassierenden Genderismus; zweitere ein historisches Wort, das vor einigen Jahrhunderten tatsächlich im Gebrauch war.
Einige Wochen später habe ich wieder nach der Gästin gesucht – und siehe da! – nun war das Wort verzeichet. Wer weiß? Vielleicht protokollieren die Duden-Leute die Suchanfragen mit und ergänzen ihre Datenbank entsprechend.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2013 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9452

eine Gans – zwei Gänse, eine Gams – zwei Gämse – das ist doch logisch!

Hofberichterstatter Thomas Groß hat uns ja auch früher schon viel Freude bereitet. Einmal schrieb er:

"Ein Jahr nach der Umstellung bei der Presse und zwei Jahre nach der verbindlichen Einführung der neuen Rechtschreibung durch die Kultusminister ist es zu früh, das Scheitern der Reform zu erklären. "Die Medien sind schnell, die Wahrheit ist langsam", sagt der Philosoph Hans-Georg Gadamer. Wie Recht er damit bei manchen hat, zeigt sich auch hier." (MM 28.7.2000)

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.07.2013 um 23.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9451

Mannheimer Morgen, 4.7.2013, S. 29:

Die heute erscheinende 26. Auflage des Standardwerks der deutschen Rechtschreibung sei ein "All-in-one-Produkt", meint der Verlag. Dabei ist dieses Wort in dem charakteristisch gelben Buch, im Gegensatz etwa zu "all-inclusive", gar nicht verzeichnet.
...
Weiterhin werden auch einzelne veraltete Wortformen verzeichnet, sofern man sich eine Hilfestellung davon verspricht, "Gemse" etwa, die Mehrzahl der Gams, mit dem Hinweis "alte Schreibung für Gämse".

Der MM meint also tatsächlich, herkömmlich Gemse oder reformiert Gämse sei die Mehrzahl von Gams (siehe #7983).

 

Kommentar von Weser-Kurier, 11. Juli 2013, verfaßt am 11.07.2013 um 14.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9448

Rechtschreibregeln lieber aus dem Internet

Er ist soeben in der 26. Auflage erschienen: der Duden. Unter den rund 140000 Einträgen sind auch Neuzugänge wie "Vollpfosten" und "Shitstorm". Die Sprache wandelt sich – die Einstellung der Deutschen zur Institution "Duden" auch?

Lilienthal. Zwischen zwei gelben Pappdeckeln steckt unsere Sprache. Zumindest war das bisher so. Wer nicht weiter wusste und Fragen zur deutschen Rechtschreibung hatte, blätterte im Duden. Was aber macht das Internetzeitalter mit dem Gralshüter aller Wörter? Blättern Sie noch in jenem von Konrad Duden im Jahr 1880 erstmals herausgebrachten Wörterbuch, fragten wir Passanten.

Damit er mit seinen 42 Jahren der Teenager-Unterhaltung am Frühstückstisch besser folgen kann, hat sich der Lilienthaler Stefan Preuß gerade ein gesondertes Buch angeschafft. Aus einem anderen Verlag. Da stehe "so richtig Jugendsprache" drin, sagt Preuß. Einen Duden habe er auch noch zu Hause, aber den nutze er eher unregelmäßig. Sucht Stefan Preuß ein Wort, schaut er lieber ins Internet. "Da geht es am fixesten." Trotzdem hat für ihn der Duden nicht ausgedient. Denn egal, ob Jugendsprache oder Rechtschreibung: "Was zum Nachschlagen macht Sinn."

"Einfach schneller"

Lukas Holst hält vom Nachschlagen eher wenig. "Wir haben einen Duden zu Hause, aber ich guck da nicht rein", bekennt der 14-jährige Schüler freimütig. Und: Deutsch sei nicht sein Lieblingsfach. Wenn er dann wissen will, wie ein Wort richtig geschrieben wird, sucht er es im Internet. Den Duden brauche er da nicht mehr, ist Holst sicher.

Der 49-jährige Thomas Bartsch aus Hildesheim sieht es anders. "Der Duden hat ganz bestimmt eine Bedeutung", sagt er. Wörter, die neu in eine Sprache kommen, müssten schließlich irgendwo niedergeschrieben sein. Zur eigenen Schulzeit habe er einen Duden gehabt, und neulich habe er sogar darüber nachgedacht, sich ein neues Exemplar zu kaufen. Obwohl auch er lieber im Internet nachschaut, wenn es um die Rechtschreibung geht. "Das geht viel schneller." Da brauche es das gedruckte Buch eigentlich gar nicht mehr, sinniert Bartsch weiter und meint dann lächelnd: "Aber ich habe lieber Papier in der Hand."

"Wir mussten den damals für die Grundschule für unsere Kinder kaufen", erinnert Martina Klinckradt-Gerth aus Lilienthal. Damals, vor zehn Jahren, arbeiteten sie viel damit. Heute steht das Buch noch im Bücherregal. Aber wer in der Familie nach einem Wort suche, schaue ins Internet, da stehe ja alles. Und dafür braucht Martina Klinckradt-Gerth nicht einmal den Computer. Sie nutzt das Smartphone der Tochter. Und im Zweifel frage sie halt ihre Kinder nach der richtigen Schreibweise eines Wortes.

Die Lilienthalerin Petra Luck erzählt: "Wir haben noch eine ältere Auflage." Genutzt werde diese in der Familie allerdings nicht mehr, erst recht nicht vom 18-jährigen Sohn. "Der guckt immer im Internet", sagt sie und meint, das sei schließlich heutzutage ein bisschen einfacher. Dass der Duden damit endgültig ausgedient hat, glaubt Petra Luck trotzdem nicht. Nicht jeder habe einen Internetzugang, besonders nicht die Älteren. Sie betont darum: "Der Duden muss erhalten bleiben."

Kathrin Baranns Duden ist ebenfalls "schon älter" und bleibt eher unberührt. "Wenn ich was wissen will, finde ich das im Netz auf duden.de oder so", ist die Lilienthalerin sicher. "Weil es einfach schneller geht." Dass die Duden-Sprachhüter gerade Umgangssprachliches wie den "Vollpfosten" aufgenommen haben, findet Barann nicht so gut. "Das hat da nichts zu suchen." Überhaupt hält die 28-Jährige wenig von "verbogenen" Wörtern und zitiert einen Werbespruch vom Bus, auf dem es heiße: "Bitte nach 20 Ühr zur Fahrertür." Sie schüttelt den Kopf: "Das finde ich ganz schrecklich." Es gebe so viele Wörter, die die Kinder nicht schlauer machten.

www.weser-kurier.de

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 02.07.2013 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9430

"Neu ist auch die Vorständin, die gleichberechtigt neben dem Vorstand steht, auch wenn im wirklichen Leben erst ein Bruchteil der Vorstandsposten in großen Unternehmen mit Frauen besetzt sind."
Diese Begründung trieft vor Intelligenz. Hat nicht jeder noch so kleine Verein ebenfalls einen Vorstand, unter Umständen darunter auch weibliche Vorstandsmitglieder? Für die Wortschöpfung Vorständin reicht die Rubrik der Torheiten nicht aus, da müßte man die Strohdummheit erfinden, falls es die noch nicht gibt.

 

Kommentar von Der Standard, 1. Juli 2013, verfaßt am 02.07.2013 um 16.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#9429

Shitstorm, Vollpfosten, Compi - 5.000 Neuerungen im neuen Duden
Erster Duden, der nach dem umstrittenen Wegzug des Verlags von Mannheim in der neuen Heimat Berlin erscheint

Die 26. Auflage des Standardwerks für die deutsche Rechtschreibung ist zugleich der erste Duden, der nach dem umstrittenen Wegzug des Verlags von Mannheim in der neuen Heimat Berlin erscheint. Unter dem Motto "Der Duden ist jetzt ein Berliner" soll dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Mittwoch publikumswirksam ein Exemplar am Brandenburger Tor überreicht werden, am Donnerstag (4. Juli) kommt die Neuausgabe heraus.

App, Social Media und Compi

"Alle drei bis vier Jahre wandelt sich der Wortschatz so stark, dass eine Überarbeitung des Standardwerks sinnvoll ist", sagt Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Neben neuen Begriffen aus der Internetwelt wie App, Social Media und Compi ("ugs. scherzh. für Computer") hat sich vor allem die Finanzkrise niedergeschlagen. So gibt es etwa den Eurobond, die Finanztransaktionssteuer und das Zockerpapier.

Neu ist auch die Vorständin, die gleichberechtigt neben dem Vorstand steht, auch wenn im wirklichen Leben erst ein Bruchteil der Vorstandsposten in großen Unternehmen mit Frauen besetzt sind. Ebenfalls weiblich geworden ist die Rabaukin, während andere Kraftausdrücke wie Spacko oder Vollpfosten ("ugs. für sehr dummer Mensch") eher dem männlichen Geschlecht vorbehalten bleiben. Kaum mehr gebrauchte Ausdrücke aus der vorigen Ausgabe 2009 wie Buschklepper, Füsillade und Stickhusten wurden dafür gestrichen.

Insgesamt rund 140.000 Einträge enthält der neue Duden - etwa das Zehnfache des aktiven Wortschatzes eines Durchschnittsdeutschen. Erstmals erscheint der gelbe Wälzer für 24,99 Euro neudeutsch als All-in-one-Produkt aus Buch, Software und App: Mit einem persönlichen Code im Buchinneren kann das Wörterbuch auf Smartphones und Tablets heruntergeladen werden, zudem lässt sich die Rechtschreibprüfung auf dem Computer installieren. "Duden hoch drei" nennt die Werbung das Produkt.

Neuausgabe

Das Bibliographische Institut, wie der zur Cornelsen-Gruppe gehörende Duden-Verlag offiziell heißt, will mit der Neuausgabe auch die Negativschlagzeilen um den Umzug nach Berlin beenden. Von den einst 190 Mitarbeitern sind nur neun bei der jetzt 40-köpfigen Truppe in der Bundeshauptstadt gelandet. Gut 20 konnten für die Software-Sparte in Mannheim bleiben, etwa 45 waren bei dem inzwischen an den S.Fischer Verlag verkauften Kinder- und Jugendbuchprogramm tätig.

Letztlich hätten insgesamt knapp 70 Mitarbeiter eine endgültige Kündigung bekommen, so eine Sprecherin. Trotz des ausgehandelten Sozialplans sei das vor allem für die jüngeren Arbeitnehmer eine Katastrophe, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Gerhard Vohs. Zudem gehe die wichtige Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Sprache verloren. "Das ist rundherum schade und wäre bei mehr Vorausschau so nicht nötig gewesen."

Duden-Geschäftsführerin Marion Winkenbach ist gleichwohl zuversichtlich. Das neue Team in Berlin sei hochmotiviert, der Duden werde trotz aller Internetangebote auch gedruckt seinen Stellenwert behalten. "Das ist ein Werkzeug wie Messer und Gabel, das hat jeder daheim."

http://derstandard.at

(So ähnlich auch bei Spiegel online und in der Münchener Abendzeitung)

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 07.12.2011 um 23.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#8775

Was unsere Kritik an der Druckqualität der gebundenen Ausgabe des Rechtschreibdudens angeht, scheint man diese beim Dudenverlag ernst genommen zu haben:

Während der Rechtschreibduden als Taschenbuch – wie berichtet – schon seit längerem verramscht wird, hat man dessen gebundene Version inzwischen ein wenig aufgewertet: Für die (auch als solche gekennzeichneten) Nachdrucke der 25. Auflage (2009) von 2011 hat man sich von der Pößnecker Druckerei in Thüringen getrennt und läßt diese Aufgabe nun von einem Konkurrenten in Italien erledigen. Gleichzeitig wurde Band 1 mit dem deutlich stabileren und höherwertigen Einband des Universalwörterbuchs versehen, welcher zwar für das große DUW-Format noch immer zu schwach ist, aber wenigstens für den deutlich kleineren Rechtschreibduden ausreicht.

Im übrigen hat das Universalwörterbuch in seiner 7. Auflage von 2011 einen orthographischen Anhang bekommen: eine umfangreiche Liste der am häufigsten falsch geschriebenen Wörter (*projezieren, *Terasse usw.).

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2010 um 09.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#8294

Ein Wörterbuch "Deutsch–fremd" gab es schon vor zwanzig Jahren vom Eichborn-Verlag. Der Duden empfiehlt ja den Gebrauch der Fremdwörter zwecks Wiederholungsvermeidung (Ausdrucksvariation). In meinem Fachsprachenbuch habe ich ausführlich davon gehandelt. Mich interessiert das Irrationale, Rhetorische an der Ausdrucksvariation. Es ist dem Fachsprachlichen genau entgegengesetzt. Stillehrer wie Reiners haben gar nicht erkannt, daß ihr oberster Grundsatz, nämlich die Suche nach dem "treffenden Wort", dem Streben nach Ausdrucksvariation widerspricht.

Die Wiederholungsvermeidung ist tatsächlich ein Hauptgrund für das Weiterbestehen überflüssiger Fremdwörter. Ich habe festgestellt, daß in etwa neun von zehn Fällen zuerst der deutsche Ausdruck, dann erst das Fremdwort eingesetzt wird, was eben nochmals bestätigt, daß man nach einem Synonym sucht und dann erst auf das Fremdwort verfällt. Musterbeispiele:
War ehedem der unternehmerische Erfolg ein Zeichen der moralischen Rechtfertigung, so bedarf heute das Streben nach eben diesem Erfolg selbst der moralischen Justifikation. (FAZ 3.7.82)
Die Ausrottung der Pocken war der erste Testfall und wurde von den Gesundheitsstrategen mit Bravour gemeistert. Die Eradikation der Kinderlähmung sollte der nächste Meilenstein sein. (FAZ 26.2.03)

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 05.10.2010 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#8293

Das Duden-Fremdwörterbuch bietet noch eine ganz besondere Dienstleistung an:

»In einem eigenständigen Teil ist ein „umgekehrtes Fremdwörterbuch“ enthalten. Der Benutzer findet hier für über 16 000 deutsche Wörter den passenden fremdsprachigen Ausdruck.«

Soll das heißen, daß die deutschen Wörter nicht passend sind?
Oder will man denen helfen, denen nicht genug Fremdwörter einfallen, um ihre sprachlichen Ergüsse schön gelehrt klingen zu lassen?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2010 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#8292

Im Duden-Fremdwörterbuch steht auch folgender Satz:

Die Aufnahme neuer und das Aussterben alter Fremdwörter hält sich seit Jahrhunderten nahezu die Waage.

Ich halte das für falsches Deutsch. Es kommt zwar vor, daß nach pluralischem Subjekt das Verb im Singular steht, aber nur, wenn die Subjekte eine Einheit bilden. Die Waage halten können sich aber nur mindestens zwei numerisch klar geschiedene Gegenstände.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2010 um 14.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#8291

Im Duden-Fremdwörterbuch sind auch in der Neubearbeitung wieder einige Kästen mit grundsätzlichen Ausführungen enthalten, die man sich auf der Verlags-Website herunterladen kann. Das Wort "sogenannte" ist meist zusammengeschrieben, manchmal aber auch getrennt. Das orthographische Schicksal dieses Wortes ist ein Kapitel für sich.

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 04.10.2009 um 22.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7991

Als ich letzte Woche in einer Berliner Buchhandlung das Rechtschreibwörterbuch von PONS in Händen hielt, schlug ich spaßeshalber den Eintrag zum Stichwort »Not« nach. Dort fand ich die seit 2006 nicht mehr korrekte Schreibung Not sein. Auch die 24. Auflage des Rechtschreibdudens enthielt – über ein Jahr lang – diesen Fehler (siehe auch hier). Laut Verlagswerbung handelt es sich bei dem Buch um eine »vollständige Neuentwicklung«. Haben wir es womöglich mit einer willentlichen Abweichung vom Regelwerk zu tun? Aber warum steht dann auf dem Buchdeckel »Auf der Grundlage der neuen amtlichen Regeln«? Warum sollte man dieses Wörterbuch kaufen?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2009 um 10.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7989

Ich habe es ja oft genug selbst erlebt, wie man in "Mannheim" über Z. denkt. Das will ich aber nicht noch einmal hier ausbreiten.
Daß die Internetseite des Rechtschreibrates vernachlässigt wird, steht allerdings ebenfalls fest. Der Rat nimmt sich selbst nicht ernst, natürlich mit Recht.

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.09.2009 um 21.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7988

Ich glaube übrigens nicht, daß hier bewußt Geringschätzung berieben wird, ich vermute eher, solche Schnitzer fallen einfach nicht auf.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2009 um 18.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7987

Nach Zehetmair ist die Sprache nicht nur "die wichtigste Kommunikation des Menschen", sondern er sagt in seinem Grußwort auch über die Arbeit des Rechtschreibrates:
"Als Ergebnis dieser anspruchsvollen und schwierigen Arbeit legte der Rat im Frühjahr 2006 eine revidierte Fassung des amtlichen Regelwerks vor, das [!] am Schreibgebrauch ausgerichtet und dabei systematischer als die alte Rechtschreibung ist."
Hier muß es zweifellos "die" heißen. Komisch, daß solche Schnitzer jahrelang stehenbleiben. Die Mannheimer Entourage gibt sich freilich auch sonst keine Mühe, ihre Geringschätzung des Vorsitzenden zu verbergen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.09.2009 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7986

In der größten Erlanger Buchhandlung ("Thalia") fand ich nach einigem Suchen das neue PONS-Wörterbuch, das wohl nicht gerade zum Bestseller aufgebaut werden soll. Kaufen will ich es nicht, habe nur mal die Namen der Bearbeiter angesehen. Mir sind nur Werner Wolski, der bisher mit Rechtschreibung nichts zu tun hatte, und Uwe Quasthoff bekannt, der schon den mißratenen neuen Dornseiff zu verantworten hat (darüber ist hier das meiste schon gesagt worden).
Die Schrift ist wirklich sehr unangenehm zu lesen. Unter heutigen Verhältnissen würde es mich aber nicht wundern, wenn der Band zu den "schönsten deutschen Büchern" gezählt würde.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2009 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7985

Seltsamerweise sind es genau die Formulierungen Zehetmairs, auf die wir hier die Aufmerksamkeit gelenkt haben. Man scheint bei uns mitzulesen.

Übrigens scheint Klett unter dem Titel PONS eine Reihe ähnlich wie Duden und Wahrig aufbauen zu wollen, als nächster Band ist eine Grammatik angekündigt. Die Verfasser konnte ich bisher nicht feststellen. Ich glaube allerdings, daß für so viele Reihen kein Platz ist und daß insbesondere PONS scheitern wird.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 22.09.2009 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7984

Auch wenn ich demnächst zum Pons-Wörterbuch noch mehr schreiben werde, möchte ich die schönste Stelle des Buches niemandem vorenthalten:

»Im Rückblick auf die heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen zur Rechtschreibreform lässt sich zunächst Folgendes feststellen: Bereits im Zeitraum vor und um 1996 hätten viele Verlautbarungen auf beiden Seiten (Kritiker und Befürworter) vorausgesagt werden können, ohne Wahrsager zu sein oder empirische Untersuchungen durchgeführt zu haben. Dies gilt zunächst für banale (damit nicht immer sachlich falsche) Formulierungen zur Sprache, die den Charakter von Leerformeln haben: „die“ Sprache „ist ein hohes Gut“, sie „wandelt sich“, sie „dient der Kommunikation“ bis hin zu absolut abwegigen Fassungen der Art, sie sei „die wichtigste Kommunikation des Menschen“.«

All diese Zitate stammen von niemand anderem als dem Ratsvorsitzenden höchstpersönlich. Dies wird allerdings nirgends erwähnt. Der normale Nutzer des Wörterbuchs dürfte von diesem Seitenhieb gegen Herrn Zehetmair nichts mitbekommen. Unabsichtlich ist dieser aber mit Sicherheit nicht. Wer soll also der eigentliche Adressat sein? Der Rechtschreibrat als ganzer? Zehetmair selbst? Die Wahrig-Redaktion? Die Reformkritiker, von denen bekannt sein dürfte, daß ihnen solche Dinge nicht verborgen bleiben würden?

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.09.2009 um 00.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7983

zu #7981:
Laut altem Duden (d.h. vor der Reform) und Mackensen ist Gamsen (kein Umlaut!) der Plural zu Gams. Gams ist landschaftlich und in der Jägersprache Synonym zu Gemse.
Neben Gamsbart usw. gibt es auch die Form Gemsbart.
Plural zu Gemse ist Gemsen.
Neuschrieb statt Gemse ist Gämse mit dem Plural Gämsen.

 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 21.09.2009 um 22.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7982

»Die Erweiterung des Programms um ein Wörterbuch zur Rechtschreibung erfolgt in einer Phase, in der Kontroversen um verschiedene Änderungen der deutschen Rechtschreibung keinen Einfluss mehr auf die Gestaltung eines solchen Wörterbuchs haben.«


Zu dieser Behauptung steht die spätere Aussage, der Rechtschreibrat habe Änderungen bei der Laut/Buchstaben-Zuordnung ins Auge gefaßt, nicht zwingend in Widerspruch. Die Inkonsistenz verschwindet unter der Voraussetzung, daß man sich bei der "Gestaltung eines solchen Wörterbuchs" um den Rat für deutsche Rechtschreibung nicht zu scheren braucht. Unter derselben Voraussetzung wurden schließlich schon die jüngsten Ausgaben von Duden und Wahrig auf den Markt geworfen.

 

Kommentar von Paul Westrich, verfaßt am 21.09.2009 um 21.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7981

Ich habe mir die Mühe gemacht, in einem ausführlichen Kapitel über die "Gämse" in dem Grundlagenwerk "Die Säugetiere Baden-Württembergs" (erschienen 2005, in neuer Rechtschreibung, obwohl frühere Werke in klassischer Rechtschreibung gedruckt sind), nach entsprechenden Begriffen zu suchen. Ich kam zu folgendem Ergebnis:
Die Gämse (Einzahl = Bezeichnung für eine Tierart), die Gämsen (Mehrzahl), zwei Gämsenarten in Europa.
Die Gams (Einzahl, = Bezeichnung für eine Tierart), Gamsvorkommen, Gamswild, Gamskolonien, Gamsdichte, Gamsbestand, Gamsrudel, Gamsgebiet, Gamsbrunft, Gamsbock, Gamsgeiß, Gamskitz, Gamsbart, Gamsnahrung, Gamskrankheiten, Gamsseuche, Gamsblindheit, Gamsräude, Gamsverbiss, die Kohlgams (dunkle Variante); letztere Kombinationen werden in diesem Beitrag fast nie mit "Gämse" gebildet, immer nur mit Gams, nur einmal fand ich Gämsenbestände und Gämsenpopulation. Ein einziges Mal findet sich "Waldgemsen" (sic!). Für die zoologische Spezies werden also sowohl Gams als auch Gämse gebraucht, z.B. "die Verbreitung der Gams", "das Nahrungsspektrum der Gams", "der Lebensraum der Gams" oder "Die Gämse ist ein mittelgroßes Huftier". Gams wird also synonym zu Gämse verwendet. Eine Mehrzahl von Gams gibt es nicht, für mehrere Exemplare wird stets "Gämsen" gebraucht.
Hilft Ihnen das weiter, Herr Strasser?

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 21.09.2009 um 19.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7980

Weil im Beitrag #7979 auch von Gämse die Rede ist:
ist Gämse eigentlich die Mehrzahl von Gams oder gibt es Gams, Gämse und Gämsen? Wäre dann Gams ein Männchen und Gämse ein Weibchen?

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 21.09.2009 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7979

Erster Kurzeindruck zum neuen Rechtschreibwörterbuch von Pons

Nachdem gestern nun auch die gedruckte Fassung des Pons-Wörterbuchs erschienen ist, mußte ich mir diese dann heute doch einmal ansehen.

Drucktechnisch ist es nicht besser als die Konkurrenz, und der durchgängige Blau- statt Schwarzdruck läßt das Buch insgesamt sehr blaß erscheinen. Es umfaßt 1200 Seiten, erscheint aber schlanker als der Duden (1216 Seiten), da man auf dünneres Papier gesetzt hat (nur aus diesem Grund ist im übrigen die 25. Auflage des Rechtschreibdudens voluminöser als die 24., obwohl beide aus 1216 Seiten bestehen).

Die Namen der (zahlreichen) Bearbeiter des Wörterbuches sind in der bisherigen Reformdiskussion allesamt nicht zur Sprache gekommen. Ein bekannter Reformbefürworter ist darunter nicht auszumachen.

Das Buch beinhaltet neben dem Wörterverzeichnis eine eigene Fassung des Regelwerks, einen ziemlich umfangreichen Aufsatz über die Geschichte der deutschen Rechtschreibung, eine Kurzgrammatik und im Gegensatz zum Duden auch das amtliche Regelwerk.

Im Vorwort liest man im zweiten Satz:

»Die Erweiterung des Programms um ein Wörterbuch zur Rechtschreibung erfolgt in einer Phase, in der Kontroversen um verschiedene Änderungen der deutschen Rechtschreibung keinen Einfluss mehr auf die Gestaltung eines solchen Wörterbuchs haben.«

Es wird also wieder einmal mit Endgültigkeit geworben, wie man dies bereits seit 1996 kennt.

Auf farbige Markierungen der Neuschreibungen wird verzichtet, um nicht »Neuerungen der Rechtschreibung durch farbige Hervorhebungen über Gebühr einen dramatischen Stellenwert zu geben«.

Von Schreibempfehlungen bei Varianten nimmt man Abstand, was im Vorwort nochmals deutlich betont wird.

Anschließend folgt der Aufsatz zur Reformgeschichte. Klagen darüber (insbesondere von Augst), wie böse, unsachlich und polemisch Schriftsteller, die Presse und Reformgegner zwischen 1954 und 1996 immer wieder eine Reform verhindert hätten, wird breitester Raum eingeräumt. Auch die Stuttgarter und Wiesbadener Empfehlungen sowie die Reformbestrebungen von 1973 werden auf mehreren Seiten ausführlich erläutert.

Der erfolgreiche Volksentscheid in Schleswig-Holstein gegen die Reform wird sogar mit den prozentualen Ergebnissen erwähnt, nicht jedoch dessen Rücknahme durch den Landtag, sondern er wird statt dessen als »retardierendes Moment« bezeichnet.

Danach liest man: »Für den Zeitraum nach 1998 kann davon die Rede sein, dass die Diskussionen in der Öffentlichkeit zur Ruhe kommen.« Daß dies nicht den Tatsachen entspricht, dürfte bekannt sein.

Das Jahr 2000 mit der Rückumstellung der F.A.Z. sowie die Rückkehr des Springer-Konzerns 2004 werden nicht erwähnt, dafür aber die Äußerungen von Herrn Wulff, die dann gemeinsam mit Kritik in den Medien zur Gründung des Rates geführt haben sollen.

Der Hinweis, daß im Rat für »die nächste Sitzung [...] eine Überprüfung im Bereich der Laut-Buchstaben-Zuordnungen (A) geplant sein (Typ Gämse)« soll, steht allerdings im Widerspruch zum Vorwort, dem zufolge keine Änderungen mehr zu erwarten seien.

Weiter unten liest man: »Für die überschaubare Anzahl von Einheiten, deren alte Schreibung nicht mehr gültig ist, wird ausschließlich das Stichwort mit Neuschreibung angeführt: die Gäm|se <-, -n>«. Interessant, wo doch gerade hier angeblich in Bälde Änderungen bevorstehen könnten ...

Auf dem Gebiet der Fremdwortschreibungen seien zahlreiche Varianten zulässig, so unter anderem Platitüde und Plattitüde, aber genau das ist falsch. Die Neuregelung will die bisherige Schreibung Platitüde durch zwei neue ersetzen: Plattitüde und Platitude. Im Wörterverzeichnis findet man hingegen nur Plattitüde.

Durch die Revision des Rates seien statt Pleite gehen und Bankrott gehen nun wieder ausschließlich wie bisher pleite gehen und bankrott gehen korrekt. Leider stimmt auch dies nicht, denn der Rat hat hier eine bislang völlig unübliche obligatorische Zusammenschreibung eingeführt (Gallmann lobt diese übrigens in der Neuausgabe des »Heuer«, weil sie dem Schreiber erspare, darüber nachzudenken, ob hier ein Substantiv vorliege. Daß dies in getrennter Stellung (das Unternehmen ging pleite) nach wie vor nötig ist, übersieht er). Im Wörterverzeichnis werden pleitegehen und bankrottgehen richtig dargestellt.

Was die Reformkritik betrifft: Die »Frankfurter Erklärung« und der »Frankfurter Appell« werden kurz erwähnt, ebenso das Buch »Der große Blöff« von Claudia Ludwig und sogar Uwe Grunds Studie von 2008: »Hier ist es ausgerechnet die als leicht nachvollziehbare angesehene Schreibung mit „ss“ bzw. „ß“, welche bei Schülern zu Falschschreibungen geführt haben soll.«

Der VRS wird angeführt, ebenso dessen Internetauftritt. Die FDS und die SOK werden totgeschwiegen. Auch die umfangreiche Kritik durch Prof. Ickler kommt nur in einer einzigen Nebenbemerkung zur Sprache: »Der Reformkritiker Theodor Ickler verließ den Rat im Februar 2006.«

Manchmal schwingt sogar ein wenig Nachdenkliches mit:

»Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass Ausdrücke wie rau im Rahmen der Paragrafen des amtlichen Regelwerks nicht erwähnt werden (!), obwohl gerade diese (oder weil gerade diese?) Gegenstand heftiger Kritik in der Öffentlichkeit gewesen sind. Gleiches gilt für den neu geschaffenen Ausdruck Gämse.« (Ausrufezeichen im Original.)

In der anschließenden (sehr umfangreichen) Literaturliste fehlen reformkritische Werke.

Obwohl auf Empfehlungen angeblich verzichtet wird, trifft bei der Zeichensetzung genau das Gegenteil zu (wo der Duden keine Empfehlungen abgibt!). In den (auf gerade einmal drei Seiten zusammengefaßten und viel zu knappen) Ausführungen zu den Kommaregeln liest man:

»6.2.3.3 Empfehlungen zur Kommasetzung bei Infinitiven und Partizipien

Wer geringe Schwierigkeiten hat, erweiterte Infinitive und Partizipien im Satz zu erkennen, sollte sie immer durch Komma abtrennen. Dadurch vermeidet man Missverständnisse und die Gefahr, Ausnahmeregelungen zu übersehen (vgl. Z 2.12/Z 2.13). Wer Schwierigkeiten mit dem schnellen Erkennen solcher Wortgruppen hat, sollte auf jeden Fall darauf achten, lange Sätze ausreichend durch Kommas zu gliedern und Nachträge durch Kommas abzutrennen (vgl. Z 2.13). Bei kurzen Sätzen werden der/dem Schreibenden kaum Fehler unterlaufen.«

Auch die Political correctness darf also nicht zu kurz kommen.

Die Fehler im Regelwerk bezüglich der Getrennt- und Zusammenschreibung (siehe meinen Artikel in der SZ vom 3. August) sind auch in der gedruckten Fassung nicht korrigiert.

Manches klingt schon beinahe delirierend. Im eigenen Regelwerk findet man folgende Erklärung für die bisherige ck-Trennung:

»Das „ck“ war früher eine Ausnahme im Deutschen (als festegelgte Schreibweise für „kk“). Deshalb hatte man die „ck“-Variante bei Trennung wieder auf die Grundform zurückgeführt: Ein „k“ blieb auf der einen Zeile, das andere „k“ rückte bei Trennung auf die nächste; vgl. zur früheren Trennung *Bäk-ker.

Mit der Neuregelung wird folglich die Trennung vereinfacht: Ha-cke, le-cker, Lü-cke

Daß hier durch die Neuregelung gar keine Ausnahme beseitigt wurde, sondern mit der Ausnahme nur schlechter als bisher verfahren wird, erkennen die Bearbeiter nicht.

Ansonsten werden im Wörterverzeichnis alle Trennstellen kommentarlos angeführt, also auch Anal-phabet und die Lieblingstrennung des Ratsvorsitzenden: Urin-stinkt.

Das Wörterverzeichnis ist vom Umfang her vergleichbar mit den Konkurrenzwörterbüchern (etwas mehr Einträge im Vergleich zur Konkurrenz, allerdings zu Lasten der Bedeutungsangaben). Bei den besonders kritischen Verbverbindungen, bei denen die Getrennt- und Zusammenschreibung zweifelhaft ist und somit Nachschlagebedarf herrscht, ist es allerdings knapper. Dafür wurde viel orthographisch Irrelevantes aufgenommen, z. B. die Rechtschreibkommission.

Die CD läßt sich nur installieren, wenn man sich mit Hilfe einer Internetaktivierung ausspähen läßt, so daß ich von einer Installation Abstand genommen habe. So etwas kommt nicht in Frage, und nicht einmal der Dudenverlag ist bisher auf solche kundenunfreundlichen Ideen gekommen. Bei Pons verwundert dies um so mehr, als das Wörterverzeichnis und der Regelteil kostenlos im Internet zugänglich sind.

Verärgert stellt man Buch und CD zurück in den Schrank.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.08.2009 um 10.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7908

Auf Neu-Guinea soll es bei den Eingeborenen hin und wieder noch hart gesottene Geschäftsleute geben.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2009 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7907

"Für Erwachsene geschenkt" – ja, aber eben nicht für Rechtschreibreformer und erst recht nicht für Ratsmitglieder, die es mit der Unterscheidungsschreibung von bloßen Metaphern noch weiter getrieben haben. Allerdings nur bei der GZS, nicht bei der GKS, sonst hätten sie mit viel besseren Argumenten die Kleinschreibung von im allgemeinen usw. wiedereinführen sollen.
Versteht sich, daß in meinem Rechtschreibwörterbuch frisch_gebacken als fakultativ zusammengeschrieben verzeichnet ist, ohne Unterscheidung zwischen Broten und Ehepaaren.

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 02.08.2009 um 22.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7905

Soll es denn mit schnüren tatsächlich anders sein als mit knoten? Ich meine, die Beispiele im Kasten sind nur etwas unglücklich angeordnet. Es kommt ja neben festbinden (= anbinden) auch festschnüren (= anbinden) vor, und die aufgeführte Schreibung die festgeschnürte Schlinge kann durchaus auch auf die Schlinge fest (= in fester Weise) schnüren bezogen werden, denn es wird ja hier auf K 58 verwiesen, wonach sich die Schreibung von Partizipien nach den zugrunde liegenden »Verbindungen mit Verben« richtet, wobei aber immer auch die Zusammenschreibung zulässig sein soll (siehe auch das feststehende Rednerpult).

Übrigens stolperte ich beim neuerlichen Studium der Regeln zu den »resultativen Prädikativen« zum wiederholten Male über die Formulierung des § 34 (2.2). Dort heißt es nämlich:

»Es wird zusammengeschrieben, wenn der adjektivische Bestandteil zusammen mit dem verbalen Bestandteil eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung bildet, die nicht auf der Basis der Bedeutungen der einzelnen Teile bestimmt werden kann«

Wieso läßt sich die Bedeutung von sich kranklachen nicht anhand der Bedeutungen der einzelnen Teile bestimmen? Ich würde, im Gegenteil, sagen, daß sich die Bedeutung überhaupt nur auf der Basis der Bedeutungen der einzelnen Teile bestimmen läßt. Wenn man so lange lacht, daß man davon krank wird, dann hat man offenbar besonders heftig, womöglich zu heftig gelacht. Daß man davon nicht im medizinischen Sinne krank wird, ist doch unter Erwachsenen geschenkt, oder nicht? Wenn einer von tosendem Lärm »ganz krank« wird, dann liegt er auch nicht krank im Bett, sondern ist in höchstem Maße enerviert. Kein Mensch versteht das falsch; jeder ist in der Lage, die Bedeutung zu »ermitteln«.

Außerdem legt die Regelformulierung den falschen (Umkehr-)Schluß nahe, daß man bei nichtidiomatisierter, konkreter Verwendung die Bedeutung immer aus den Bedeutungen der einzelnen Teile erschließen könnte. Bei den Pudding kalt stellen ist aber, wenn man sich, den Erwartungen der Regelformulierer entsprechend, dumm stellt, keineswegs klar, was gemeint ist. Geht derjenige, der den Pudding stellt, besonders kalt (= kaltherzig) vor? Oder ist der Pudding schon kalt, wenn man ihn irgendwohin stellt?

Ein neuer »Stern am Hollywood-Himmel« ist kein Gestirn im Weltall. Das weiß jeder. Deshalb schreibt man auch nicht *Stärn am Hollywood-Himmel oder etwas Ähnliches. Eine orthographische Differenzierung ist hier nicht nur unsinnig, sie macht das – ja nicht zufällig gewählte – sprachliche Bild geradezu kaputt!

So gesehen ist auch gegen das frisch gebackene Ehepaar eigentlich nichts einzuwenden. Das dampfende Brot aus dem Ofen hat das Bild für diesen Ausdruck geliefert, und der Gedanke daran ist – zumindest bei mir – so lebendig, daß ich die Getrenntschreibung nicht abwegig finde. Daß hier die Zusammenschreibung möglicherweise viel üblicher ist und daß ein Rechtschreibwörterbuch dem auch Rechnung tragen kann, steht auf einem anderen Blatt.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.08.2009 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7903

Der Duden hat weiterhin einen Kasten zu "fest", aber daraus wird niemand klug. Bei "festknoten" ist Getrenntschreibung vorgesehen, wenn es sich um ein Adverb handelt, man kann es wohl so paraphrasieren: "in fester Weise knoten". Das ist trivial und entspricht der herkömmlichen Schreibweise. Warum es mit "schnüren" anders sein soll, fragt man am besten die Redaktion. Natürlich steht im Hintergrund die ominöse, von Eisenberg wiederbelebte Sonderstellung von "fest-", "voll-" und "tot-". Sie macht drei eigene blaue Kästen im Duden notwendig. Ein wirklichkeitsfernes Zusatzpensum für besonders gedächtnisstarke Schüler.
Man könnte die Verteidiger der Reform fragen, was die Schüler und was die Deutschen insgesamt eigentlich davon haben, daß sie "sich tot stellen" und "sich totlachen/sich totlaufen" usw. verschieden schreiben sollen. Warum muß man das lernen, und worin besteht die Vereinfachung?

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 01.08.2009 um 19.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7902

Sind für den Duden damit die Unterschiede zwischen 'fest geknotet' und 'festgeknotet' bzw. 'fest geschnürt' und 'festgeschnürt' aus der Welt geschafft?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2009 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7901

Zur Logik der Duden-Empfehlungen gehört es, daß man regelgemäß zwar "festgeknotet" schreiben muß, laut Empfehlung aber "fest geschnürt" schreiben soll. Wie viele hundert oder tausend Subtilitäten dieser Art es gibt, hat wohl noch keiner nachgerechnet. Die Schwätzer, die all dies zu den begrüßenswerten "Freiheiten durch Varianten" zählen, sollen endlich still sein.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 31.07.2009 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7883

"eigensicher": Noch allgemeiner steht es in der "Sicherheitsfibel für die Elektroinstallation nach VDE 0100": 5.1 "Schutzmaßnahmen ohne Abschaltung bei einem Fehler"
"Schutzmaßnamen, die ohne besondere Abschaltvorrichtungen arbeiten, sind sozusagen "eigensicher". Man ist für ihr Funktionieren weder auf ein vorgeschaltetes Überstromschutzorgan noch auf einen speziell dafür vorgesehenen Schaltapparat angewiesen. Das ist der beachtliche Vorteil dieser Art von Schutzmaßnahmen. Dafür haben sie leider den Nachteil, daß sie nicht immer ohne weiteres anzuwenden sind. Denn entweder müssen sie bereits vom Gerät her vorgesehen, also herstellungsmäßig in dessen Konstruktion berücksichtigt sein, wie die Schutzisolierung, oder es sind schaltungsmäßige Voraussetzungen in der Anlage zu erfüllen, wie bei der Schutztrennung und bei der Kleinspannung, die besonders bei größeren Anlagen eine untragbare Belastung bedeuten können.
5.1.1 Schutzisolierung
5.1.2 Schutzkleinspannung
5.1.3 Funktionskleinspannung
5.1.4 Schutztrennung
5.1.5 Schutz durch nichtleitende Räume

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 31.07.2009 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7882

Ein eigensicherer Stromkreis ist einer, bei dem im Fall eines Kurzschlusses kein Funke entstehen kann. Im Raffinerieumfeld ist das z. B. vorgeschrieben. Wo das nicht möglich ist, muß gekapselt werden, was dann ex-geschützt genannt wird.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2009 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7881

Die meisten Neueinträge im neuen Duden sind keine neuen Wörter, sondern längst bekannte, bisher aus irgendeinem Grunde nicht aufgenommene. Davon kann man für jede Neuauflage mühelos 5.000 aktivieren, z. B. Partikelfilter, niedrigschwellig, Rettungsschirm, Datenklau - usw., die ich alle schon in zehn Jahre alten Zeitungen gefunden habe.
Was man dagegen nicht findet: z. B. das schöne Wort eigensicher. Unser Öltank ist eigensicher. Von der Wortbildung her würde man eher "selbstsicher" erwarten, aber das geht natürlich nicht. Interessanter Fall. Kein Dudenwörterbuch enthält "eigensicher", obwohl es doch im legendären Korpus vorkommen müßte. Nur im Muret-Sanders findet man es als Übersetzung von "intrinsically safe", aber nicht in umgekehrter Richtung! (Die beiden Teile sind gar nicht aufeinander abgestimmt.)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2009 um 09.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7879

Da habe ich wohl etwas übersehen! Und mit den nichtamtlichen Erläuterungen meine ich diesen Bericht. Meines Erachtens gehört er nicht zu den amtlichen Teilen der Rechtschreibreform. Die Geschäftsführung hebt den subjektiven Charkater ja auch selbst hervor. Der Rat hat diesen Bericht anscheinend nicht diskutiert und verabschiedet. Das hätte ja auf der 9. Sitzung im September 2006 geschehen müssen, aber im Protokoll steht nichts. Wohl aber wurde damals ein Beschluß gefaßt, gegen den der Duden bis heute verstößt:
„Es ist nicht Intention des Rats für deutsche Rechtschreibung, dass vom Rat beschlossene Schreibvarianten in allgemeinen Rechtschreibwörterbüchern durch die Empfehlung nur einer Form eingeschränkt werden.“

 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 28.07.2009 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7878

Zu #7874: Der 2006er Bericht ist als PDF-Datei auf den Ratsseiten unter "Download" erhältlich (http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/download/).

Wo aber finden sich die "nichtamtlichen Erläuterungen"?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2009 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7877

Ich bezweifle, daß die beiden Wörterbücher tatsächlich auf der Grundlage von umfangreichen Textkorpora erstellt worden sind. Dazu enthalten sie zu viele äußerst seltene Wörter, andererseits fehlen ganz geläufige. Zum Beispiel wimmelt es in Zeitungen, besonders im Wirtschaftsteil, von "aufgestellt" – aber keines der beiden Wörterbücher hat es. Wie oft ist im Dudenkorpus von Flurhüterinnen, Agioteurinnen und Provisorinnen die Rede? Das ist doch alles Humbug.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2009 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7874

In den neuen Wörterbüchern findet man immer noch Nachwirkungen des nichtamtlichen Berichts, der den Empfehlungen des Rechtschreibrates 2006 beigefügt war. Leider kann ich auf den Seiten des Rates keine Dokumentation dieses Berichts (mehr) finden, er scheint überhaupt nur noch unter http://dokumentation.htu.tugraz.at/rechtschreibung/?dok=rr2006-1 im Netz zu stehen. Mein Kommentar dazu unter http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=433.
Vielleicht sollten wir den Bericht auch hier auf unseren Seiten dokumentieren?

Bei dieser Gelegenheit erinnere ich auch noch einmal an den ungerechtfertigten Informationsvorsprung, den die drei im Rat vertretenen Wörterbuchredaktionen genießen. Bisher war das nicht so wichtig, aber nun ist mit Klett-Pons ja ein ernsthafter Konkurrent aufgetreten, der sich wohl in den Rat "einklagen" könnte.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 27.07.2009 um 00.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7870

Was das dudeneigene Regelwerk betrifft, so wurde eine bereits 2006 monierte Lücke nicht geschlossen, was um so schwerer wiegt, als das amtliche Regelwerk im Duden nun nicht mehr abgedruckt ist.

Bekanntlich hatte die Revision von 2004 die Zusammenschreibung bei adjektivtisch gebrauchten Partizipien vom Typ alleinerziehend, allgemeinbildend, leichtverletzt, schwerbeschädigt usw. fakulativ wiederhergestellt, jedoch nicht bei Adjektiven, also noch nicht allgemeingültig, leichtverdaulich usw. Diese Schreibungen wurden erst durch die erneute Revision 2006 möglich.

Bis heute hat es die Dudenredaktion versäumt, ihr Regelwerk dieser Änderung anzupassen. Sucht man im Wörterverzeichnis bei diesen Wörtern nach einem Verweis auf die betreffende Kennziffer, so wird man nicht fündig. Vielmehr besagen die Duden-Regeln: »Für Fälle, die in K 57 bis 59 nicht beschrieben sind, gilt in der Regel Getrenntschreibung.« Die auf diesen Satz folgende Einschränkung (Verbindungen mit »nicht«) ist nicht einschlägig, so daß der Ratsuchende davon ausgehen muß, daß Schreibungen wie allgemeinverbindlich unzulässig wären.

Im Wahrig, wo auch das amtliche Regelwerk noch abgedruckt ist, wird in solchen Fällen korrekterweise auf § 36 (2.2) verwiesen, so daß der Benutzer nicht allein gelassen wird.

Im ÖWB ist das amtliche Regelwerk zwar nur noch in der (kaum verbreiteten) Buchhandelsausgabe abgedruckt und nicht mehr in der Schulausgabe (die Vollversion fristet in Österreich im Gegensatz zur Schulausgabe, die so gut wie jeder zu Hause hat, ein absolutes Nischendasein!), aber auch das eigene Regelwerk des ÖWB hat die Änderung längst umgesetzt:

»2.2 Getrennt oder zusammen schreibt man

[...]

2.2.2 Verbindungen mit einem einfachen Adjektiv, das das folgende in seiner Bedeutung abstuft:

schwer verständlich/schwerverständlich
eng verwandt/engverwandt
allgemein gültig/allgemeingültig
Aber nur getrennt bei Steigerung oder Erweiterung des Adjektivs: leichter verdaulich, besonders schwer verständlich, höchst erfreulich

Sowohl der Wahrig als auch das ÖWB beschreiben somit im Gegensatz zum Duden den Sachverhalt zutreffend.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.07.2009 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7869

zur Frage von Frau van Thiel, #7860:
Bis 2006 ließ der Duden nur "eine Hand voll Kirschen" gelten. Danach (also schon seit der vorletzten Auflage 24) wird die Handvoll nicht nur wieder erlaubt, sondern ist sogar die vom Duden empfohlene Variante.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 26.07.2009 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7868

Anscheinend sind 29 Einträge betroffen:

1. der Arianische Streit
2. das Augusteische Zeitalter
3. die Dakischen Kriege
4. der Deutsch-Französische Krieg (1870/71)
5. der Dreißigjährige Krieg
6. der Dritte Punische Krieg
7. das Elisabethanische Zeitalter
8. der Erste Weltkrieg
9. das Franziskojosephinische Zeitalter
10. die Französische Revolution
11. der Kalte Krieg
12. die Erste Katilinarische Verschwörung
13. die Konstantinische Schenkung
14. der Korinthische Krieg
15. das Obere Kambrium
16. der Lange Marsch
17. der Peloponnesische Krieg
18. die Punischen Kriege
19. Saturnisches Zeitalter
20. der Schwarze Freitag
21. der Siebenjährige Krieg
22. Sizilianische Vesper
23. der Spanische Erbfolgekrieg
24. der Trojanische Krieg
25. die Viktorianische Zeit
26. der Westfälische Friede
27. das Wilhelminische Zeitalter
28. der Zwanzigste Juli
29. der Zweite Weltkrieg

Sofern die Suchfunktion richtig funktioniert hat, müßte die Liste vollständig sein.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2009 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7867

Herr Dörner analysiert ganz richtig die Verschiebung der Bezeichnungen historischer Ereignisses usw. in den Paragraphen 60. Dies geht auf die AG GKS im Rat zurück und wurde am 3. Februar 2006 beschlossen. Die Dudenredaktion scheint das nicht mitbekommen zu haben. Erst in der Neubearbeitung 2009 werden die Konsequenzen für die dudeneigenen Regeln gezogen, aber noch nicht für die Verweispraxis im Wörterverzeichnis. Wie viele Fälle das betrifft, könnte man leicht herausfinden, wenn man eine elektronische Fassung besitzt.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 26.07.2009 um 15.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7866

Wie der Wahrig auf 90 % Übereinstimmung seiner Empfehlungen mit denen der Presseagenturen kommt:

Im Wörterverzeichnis werden 52 Empfehlungen abgegeben. In sieben Fällen (blauer Brief, braungebrannt, engbefreundet, Fastfood, Kupplung kommenlassen, nahegelegen und Smalltalk) geben die Presseagenturen anderslautende Empfehlungen ab, so daß die Redaktion auf eine Übereinstimmungsquote von 86,5 % kommt, die sie großzügig auf 90 % aufrundet, obwohl in einigen Fällen die Presseagenturen gar keine Empfehlung abgegeben haben und so eine Diskrepanz nicht auftreten kann (z. B. beim Grünen Tisch (der Duden kennt nach wie vor nur den grünen Tisch!) oder beim Runden Tisch).

Infokästen zur Fremdwortschreibung sind zwar zahllos vorhanden, aber dort erfährt man nur, daß man entweder so oder auch anders schreiben kann. Was diese Kästen mit den Empfehlungen zu tun haben sollen, bleibt im unklaren.

Da die Presseagenturen in ihren Listen die jeweils abgelehnte Variante nicht angeführt haben, mußte sie die Wahrig-Redaktion selbst suchen, und gleich auf der ersten Seite springt ein alleinseligmachend ins Auge, was natürlich nicht die Variante von allein seligmachend ist, sondern die traditionelle Schreibung, die nicht mehr zulässig sein soll.

Und eine schon in einer Rezension des Knaur von 1992 (also der 2. Auflage des Wahrig) bemängelte Vergeßlichkeit ist auch 2009 nicht korrigiert, wie ich soeben sehe: Die SPÖ wird im Wahrig 18 Jahre nach deren Umbenennung noch immer Sozialistische Partei Österreichs genannt. Glücklicherweise hat die Redaktion im Gegensatz zum Duden keinen »Österreich-Wahrig« herausgegeben ...

Der Blaudruck von Existenzialismus usw. ist ungerechtfertigt, denn diese Schreibung war schon im Duden von 1991 verzeichnet. Bei weniggelesen/wenig gelesen wurde der Blaudruck genau falsch herum verwendet. In der 24. Auflage des Dudens findet man noch, wie es sich wirklich verhält. Bei bereithalten und bereitmachen sind Blau- und Schwarzdruck jeweils völlig durcheinandergeraten. Man muß dem Wahrig allerdings zugute halten, daß dem Duden in seiner 24. Auflage dasselbe passiert ist. Die ÖWB-Redaktion erkannte schon 1990 die Schwierigkeiten bei Fügungen mit bereit und wies im Einbanddeckel der 37. Auflage (alte Rechtschreibung!) darauf hin, daß ab sofort in Österreich in allen Fällen mit bereit grundsätzlich Zusammen- wie auch Getrenntschreibung zulässig wäre. Im Wörterverzeichnis wurde dies auch umgesetzt. Leider konnten sich die Reformer nicht auf solche einfache Lösungen einigen.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 26.07.2009 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7864

Zu K 89 und K 151:

Hier hat sich eine (zunächst weitgehend unbemerkte) Änderung des amtlichen Regelwerks von 2006 im Vergleich zu 1996/2004 mit einer Unachtsamkeit der Bearbeiter des »Österreich-Dudens« vermengt.

Die Auflösung, wie es dazu kommen konnte:

Laut den amtlichen Regelwerken von 1996 und 2004 schrieb man Westfälischer Friede usw. nach § 64 (4) groß, obwohl kein Eigenname vorliegt. Insofern war die seit der 22. Auflage (2000) praktizierte Einordnung dieser Begriffe unter K 89 und K 151 richtig.

Den Bearbeitern des »Großen österreichischen Schulwörterbuchs« (also dem Prototypen der 25. Auflage des Rechtschreibdudens) war aufgefallen, daß historische Ereignisse vom amtlichen Regelwerk 2006 plötzlich als Namen aufgefaßt werden und nach § 60 (6) groß geschrieben werden müssen. Aufgrund dessen wurden der entsprechende Unterpunkt aus K 89 und K 151 entfernt, und die Beispiele wurden (wie jetzt auch im deutschen Duden zu sehen) nach K 88 verschoben, wo korrekterweise auf § 60 verwiesen wird.

Leider hat es die Redaktion beim »Großen österreichischen Schulwörterbuch« übersehen, die Verweise im Wörterverzeichnis zu ändern, so daß jetzt auch im Rechtschreibduden konsequent auf die nun nicht mehr einschlägigen K 89 und K 151 (statt auf K 88) verwiesen wird.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 26.07.2009 um 12.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7863

Zu Nr. 7859:
Ich glaube, es liegt daran, daß im einen Fall der Artikel eingespart wurde. Im ursprünglichen Regelwerk, das im 1996er Duden abgedruckt ist, steht in § 36: "Substantive, Adjektive, Verbstämme, Adverbien oder Pronomen können mit Adjektiven oder Partizipien Zusammensetzungen bilden. Man schreibt sie zusammen." Und weiter: "Dies betrifft (1) Zusammensetzungen, bei denen der erste Bestandteil für eine Wortgruppe steht, zum Beispiel: angsterfüllt (= von Angst erfüllt), bahnbrechend (= sich eine Bahn brechend), ... freudestrahlend (= vor Freude strahlend), herzerquickend (= das Herz erquickend) ..."
Die Duden-Redaktion hat dann in ihrer Regel 40 (ebenfalls 1996) geschrieben: "... Man schreibt zusammen, wenn gegenüber einer entsprechenden gebräuchlichen Wortgruppe z. B. eine Präposition (ein Verhältniswort) oder ein Artikel eingespart wird [36 (1)]."
Den Umkehrschluß hat sie aber nicht so deutlich benannt, daß man dann, wenn etwas eingespart wird, eben nicht auseinanderreißen darf.
Ich denke, daß in diesem Fall die Regel noch halbwegs logisch ist und die Reformer nicht völlig wirr im Kopf waren. Man muß diese Regel aber wirklich mit der Lupe suchen, und "bei den Leuten" ist sie nie angekommen. Deswegen wurde und wird auseinandergerissen, was das Zeug hält. Die Ergebnisse sind auf diesen Seiten unter "Fundstücke" zu besichtigen.
Über eine eventuelle Fortschreibung dieser Regel weiß ich nichts. Im Regelwerk von 2006, herausgegeben vom Institut für Deutsche Sprache, habe ich gar nichts gefunden.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2009 um 12.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7862

Duden und Wahrig haben jeweils genau 1216 Seiten, beide wiegen je zweieinhalb Pfund, sind buchtechnisch minderwertig – und stammen aus derselben Fabrik in "Pößneck (Stadt in Thüringen)" (Duden). Beide erscheinen unter demselben Verlagsdach, so daß weitere Synergie-Effekte in Kürze zu erwarten sind, nämlich das Verschwinden eines der beiden Werke vom Markt.

Klett hat die Zeichen der Zeit erkannt und setzt mit seinen PONS-Wörterbüchern auf das Wiki-Prinzip: Die Benutzer arbeiten am Wörterbuch mit. Das einzige Problem besteht darin, die Ergebnisse auch in Korrekturprogramme umzusetzen. Mit Programmen glaubt Duden noch einen Vorsprung zu haben, aber wie lange noch?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2009 um 12.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7861

Zur Frage von Herrn Strasser: Die Logik dahinter ist die, ob gegenüber der Wortgruppe z. B. der Artikel eingespart ist. Ich selbst hatte vor dreizehn Jahren darauf hingewiesen, daß man eher sagt: "saugt Blut", aber "stillt das Blut" - ohne natürlich die Reformschreibung zu unterstützen. Also auch: "spart Energie", aber "schont die Nerven".
Aber das Ganze geht natürlich an der tatsächlichen Univerbierung vorbei und führt, wie man ja sieht, in nicht mehr nachvollziehbare Subtilitäten. Dagegen hilft nur Orientierung an der Empirie; dem bin ich gefolgt.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 26.07.2009 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7860

Frage zu Nr. 7958:
Gibt es "die Handvoll" jetzt tatsächlich wieder? Ist das nur eine "erlaubte" Variante oder wieder der ursprüngliche Zustand?
(Ich besitze das neueste Kunstwerk aus dem Hause Duden nicht, deswegen die Frage.)

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 26.07.2009 um 11.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7859

Die lexikalische Logik verstehe ich noch nicht ganz.
Wenn Energie sparend die Hauptform von energiesparend ist und beides verzeichnet, wieso wird dann z. B. nur nervenberuhigend und nicht auch Nerven beruhigend angeführt?
Heißt das, daß es Nerven beruhigend gar nicht gibt, oder ist es nur lexikalische Schlamperei?
Andererseits, wenn es Nerven beruhigend gar nicht gäbe, wieso gibt es dann Energie sparend?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2009 um 10.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7858

Die unverwüstliche Clara Zetkin ist im Wahrig weiterhin enthalten. Da Hitler nicht erwähnt werden darf, fehlt auch der Hitlergruß, der heutzutage selbst von Gartenzwergen gezeigt wird und die Staatsanwälte beschäftigt, in beiden Wörterbüchern. Stalin und daher auch seine Orgel passieren die Zensur dagegen unbeanstandet.

Duden: Unter K 89 und K 151 ist jeweils der Punkt gestrichen, der die Großschreibung bei historischen Ereignissen regelt. Trotzdem wird z. B. unter Elisabethanisches Zeitalter, Franziskojosephinisches Zeitalter, Westfälischer Friede auf jeweils eine dieser K-Nummern verwiesen.

Hier ein knapper Einblick in die Praxis der Duden-Empfehlungen:

Furcht einflößend, furchterregend, Energie sparend, platzsparend, Raum sparend, zeitsparend, Staaten bildend, klassenbildend, Sporen bildend, blutbildend, Segen spendend, gnadenbringend, kaputt machen, kaputtsparen, stramm ziehen, strammstehen, geradebiegen, gerade richten, allgemeingültig, allgemein verbindlich, nichtssagend, nichts ahnend, weit gereist, weitverbreitet, hochdekoriert, hoch dotiert, eine Handvoll, eine Zeit lang

Alles klar?

Der Duden empfiehlt die Großschreibung von Hunderte, Tausende, Dutzende, „da vor allem die Kleinschreibung von 'Dutzende' sehr ungewohnt sein dürfte.“ (S. 18) – Ungewohnt? Wenn es doch die „alte“ Rechtschreibung praktisch gar nicht mehr gibt, wie der Dudenchef behauptet?

Beide Wörterbücher berufen sich auf umfangreiche Textkorpora. In beiden Fällen verdient dies kein Vertrauen. Ich hatte schon beim vorigen Wahrig gefragt, wie oft wohl die Sternutationstheorie im Korpus belegt ist, und so in unzähligen Fällen.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.07.2009 um 09.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7857

Das griechische Originalwort wird "phoonä" die Stimme und "phooneoo" sprechen, tönen geschrieben, im Unterschied zu "phonos" 1) Mord, 2) Masse, Klumpen und "phonaoo" morden.

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 26.07.2009 um 08.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7856

Unter http://www.owid.de betreibt auch das Institut für Deutsche Sprache ein Online-Wörterbuch.
So genannt ist okay, sogenannt wird als Variante in alter Rechtschreibung dargestellt.
Jedesmal ist verboten, jedesmalig aber erlaubt.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 25.07.2009 um 21.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7855

"Phon" ist nun gerade kein einheimisches Wort, aber "schon" kann man doch wohl als ein solches bezeichnen. Dann müßte man demnach regelkonform (Regel konform?) "schohn" schreiben. Schließlich sind alle genannten Bedingungen erfüllt.

Wer weiß, vielleicht hätten wir uns alle nach zwanzig Jahren staatlich verordneter Gehirnwäsche auch "schohn" daran gewöhnt. Was macht es da, daß das schohn schohn direkt nach dem Tippen schöhn blöhd aussieht! (Aber halt, womöglich gilt die Regel gar nicht bei Umlauten!)

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 25.07.2009 um 20.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7854

Phon (Neuschreibung Fon) ist offenbar kein einheimisches Wort, sonst müßte es (lt. Wahrig) nämlich Phohn (oder Fohn) geschrieben werden.
Aber das wissen die Kinder klarerweise, Gott sei Dank ...

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2009 um 19.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7853

Den § 34 legt Wahrig so aus, als gebe es von den „untrennbaren Verben“ wie brustschwimmen gar keine gebeugten Formen. Aus der amtlichen Regelung geht nicht hervor, daß daran gedacht sein könnte. Die Wörter brustschwimmen, delfinschwimmen und marathonlaufen stehen in einer Reihe mit brandmarken usw. Es ist anzunehmen, daß amtlich gilt: daß wir brustschwimmen/wir wollen brustschwimmen. Nach Wahrig würde aber gelten: daß wir Brust schwimmen/wir wollen brustschwimmen, denn: „Die gebeugte Form schreibt man immer getrennt“ und: „Im Falle der Getrenntschreibung wird das Substantiv stets großgeschrieben.“ (S. 254)
Die Neuschreibung Föhn (für den Haartrockner) wird so begründet:
„In einheimischen Wörtern, in denen auf die Konsonanten l, m, n, oder r kein weiterer Konsonant folgt, wird nach einem betonten langen Vokal ein Dehnungs-h ein gefügt.“ Es wird auf § 8 (1) verwiesen. Dort steht allerdings: „Wenn einem betonten langen Vokal einer der Konsonanten l, m, n oder r folgt, so wird in vielen, jedoch nicht in der Mehrzahl der Wörter nach dem Buchstaben für den Vokal ein h eingefügt.“

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2009 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7852

Bin ich begriffsstutzig oder vergeßlich? Der neue Wahrig gibt S. 99ff. ein Verzeichnis: „Empfohlene Schreibweisen der deutschsprachigen Presseagenturen“. Dazu heißt es: Die Empfehlungen stimmen zu rd. 90 Prozent mit von WAHRIG empfohlenen Schreibungen überein (vgl. z. B. die Info-Kästen in 'WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung' zur Fremdwortschreibung).“
Welche WAHRIG-Empfehlungen und welche Info-Kästen sind gemeint?
Es gibt doch kaum mehr als 50 Empfehlungen in diesem Wörterbuch. - Sollte die "Wahrig-Hausorthografie" "Ein Wort - eine Schreibung" gemeint sein?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2009 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7850

Gewiß werden wir unsere gesammelten Beobachtungen zum Duden und zum Wahrig (und ÖWB, auch zum angekündigten PONS-Wörterbuch, das nächste Woche gratis im Netz stehen soll – es toppt die anderen mit 140.000 Einträgen ...) bald zu einer Gesamtschau vereinigen können, aber bis dahin dürfte es das beste sein, wenn wir sie erst einmal hier zusammentragen. (Dank an Hern Dörner für seine gewissenhaften Untersuchungen!)

Zwischen Eurhythmie und Eurythmie gibt es nichts zu empfehlen, denn das zweite, nach wie vor vom Duden empfohlene, entspricht der anthroposophischen Terminologie. Immerhin ist die Empfehlung für den medizinischen Sprachgebrauch gestrichen, die ich an der vorigen Auflage moniert hatte.
Eisschnell-Lauf ist wieder getilgt.
Der Duden weiß, daß die Mathematiker nichteuklidisch schreiben, empfiehlt aber für den sonstigen Gebrauch Getrenntschreibung. Aber wo kommt dieser Fachausdruck überhaupt vor, wenn nicht in mathematischen Zusammenhängen?
Im Kasten zu allgemein steht weiterhin:
„In Verbindung mit einem Adjektiv kann je nach Betonung getrennt oder zusammengeschrieben werden: die allgemeingültigen od. allgemein gültigen Bestimmungen.“ Daraus geht aber nicht hervor, ob es sich um eine obligatorische Unterscheidungsschreibung handelt; die verschieden betonten Konstruktionen sind ja auch semantisch verschieden und keine bloß orthographischen Varianten. Dagegen werden wiedereröffnen und wieder eröffnen mit ihrer unterschiedlichen Betonung nicht mehr als Schreibvarianten, sondern tatsächlich als verschiedene Ausdrücke nebeneinandergestellt. So hätte es eigentlich in zahllosen ähnlichen Fällen gehandhabt werden müssen. Zwischen hoch gelobt mit betontem Zweitglied und hochgelobt mit Betonung auf der ersten Silbe ist nicht durch eine Empfehlung zu entscheiden; es sind ja verschiedene Ausdrücke, nicht nur verschiedene Schreibweisen. Ebenso kann man zwischen weiterbestehen (mit Anfangsbetonung) und weiter bestehen (mit zwei Akzentstellen) doch keine orthographische Empfehlung (Duden natürlich für Getrenntschreibung!) aussprechen.

"Wird die Fortdauer eines Geschehens ausgedrückt, schreibt man im Allgemeinen zusammen, wenn 'weiter' die Hauptbetonung trägt, und getrennt, wenn das Verb gleich stark betont wird:
- weitermachen; weiterspielen usw.
- sie hat dir weiter (weiterhin) geholfen
- die Probleme werden weiter bestehen od. weiterbestehen" (S. 1169)
Die Konstruktion mit Adverb ist grammatisch verschieden von der Verbzusatz-Konstruktion. Haben die Verfasser der Dudengrammatik hierzu denn gar nichts zu sagen?

Der Duden glaubt, die Unterscheidungsschreibung blaurot (Farbmischung) vs. blau-rot (Farbkombination) empfehlen zu können, aber im Wörterverzeichnis findet man nur blaurot, und auch das amtliche Regelwerk kennt die Unterscheidungsschreibung nicht mehr. Wahrig stellt die Sache richtig dar. Der Bindestrich ist aber auch nicht mit dem Hinweis auf unübersichtliche Zusammensetzungen zu rechtfertigen, denn blaurot ist so übersichtlich wie nur möglich.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2009 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7849

In den "Hinweisen zur Benutzung" steht bei Wahrig neuerdings:
„Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist die verbindliche Instanz für die deutsche Orthographie.“ (S. 8)
Das ist nicht wahr, der Rat kann lediglich Vorschläge machen, die von den Kultusministern erst noch gebilligt und umgesetzt werden müssen. Er ist also ein Beratungsgremium.
„Der Rat ist somit die maßgebende Instanz in Fragen der deutschen Rechtschreibung ...“ (Der Rat über sich selbst) – „die zentrale Instanz in Fragen der Rechtschreibung“ (Zehetmair über den Rat)

An sich ist die beratende Funktion des Rechtschreibrates klar definiert, aber die Reformbetreiber geben sich Mühe, diese Funktion zu verunklaren, um eines Tages den Rat auch ohne die Kultusminister zu einem entscheidungsbefugten Gremium umdeuten zu können. Das ist in der gegenwärtigen Besetzung allerdings schwer vorstellbar.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2009 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7847

Das Vorwort von Zehetmair zum neuen Wahrig ist zwar nicht mehr ganz so verdreht wie das frühere, enthält aber auch seltsame Wendungen. Natürlich suggeriert der Verfasser am Anfang wieder mal die Allgemeinverbindlichkeit der Neuregelung. Dann geht es weiter:
"Sprache ist der Schlüssel von Kultur." Hat Kultur einen Schlüssel?
Wieso hat Sprache eine "kulturelle Leitfunktion"?
Wie kann man "beobachten", wie weit sich die Neuregelung in der Schule durchsetzt? Die Schule setzt halt die Reformschreibung durch, dank der "Regelungsgewalt" der Schulministerien. Lehrer dürfen sich nicht widersetzen, Schüler bekommen Fehler angerechnet, basta.
Wiederum "gratuliert" (vorige Auflage: "beglückwünsche") der Ratsvorsitzende der Wahrig-Redaktion "sehr herzlich". Warum eigentlich? Die Leute machen doch nur ihre Geschäfte oder versuchen es wenigstens.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 24.07.2009 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7838

Herr Dörner, danke, daß Sie den niedergeschriebenen Irrsinn bei Wahrig so genau dokumentiert haben. Wer kann denn noch klar denken, wenn er das alles gelesen hat? (Ich nicht.)

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.07.2009 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7837

Durch die gelben Variantenmarkierungen im Duden (25. Auflage) werden einige Wörter ohne triftigen Grund so überdeutlich hervorgehoben, daß man unwillkürlich hinsehen muß und ständig abgelenkt wird, wenn man eigentlich etwas ganz anderes sucht.
Die Information, daß eine Variante empfohlen wird, ist hinreichend bereits dadurch gegeben, daß sie an erster Stelle steht. Das ständige Gelb ist nicht nur überflüssig, sondern äußerst aufdringlich und lästig.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 24.07.2009 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7836

Zur Flut an Hausorthographien bei der Wahrig-Redaktion:

Ganz interessant ist, daß der Wahrig nun über mindestens drei (wenn nicht vier) aktuelle Hausorthographien bzw. Variantenempfehlungen verfügt.

Beginnen wir mit der ersten, der sogenannten Hausorthografie von Wahrig (namens Ein Wort – eine Schreibung), welche inzwischen kostenlos auf der Homepage des Verlags herunterzuladen ist und im Oktober 2006, also wenige Monate nach der 6. Auflage des Wahrig, herausgegeben wurde. Schon damals fiel auf, daß die dort empfohlenen Schreibweisen weder mit den 52 Empfehlungen im Wahrig (2006) noch mit der dort von der Redaktion selbst praktizierten Orthographie in Einklang zu bringen ist.

Sowohl in der 6. als auch (unverändert) in der 7. Auflage (2009) findet man zwar keine vollständig ausgearbeitete Hausorthographie, aber die soeben erwähnten 52 Empfehlungen der Wahrig-Redaktion. Nach diesen soll man beispielsweise im nahegelegenen Gasthof schreiben, da diese Verbindung gemäß Schreibgebrauch und Bedeutung als zusammengehöriges Adjektiv empfunden wird. Ein Blick in die Hausorthografie verrät jedoch, daß die Wahrig-Redaktion Getrenntschreibung empfiehlt, denn dort kennt sie nur die Getrenntschreibung nahe gelegen. Man soll sie gehen im nahe gelegenen Park spazieren schreiben.

Als dritte Hausorthographie bietet der Wahrig in seiner 7. Auflage jetzt auf 15 Seiten die Empfehlungen der deutschsprachigen Presseagenturen an, ohne seine eigenen Empfehlungen diesen anzupassen oder sich gar danach zu richten. Will der Ratsuchende also wissen, wie er braungebrannt/braun gebrannt am besten schreibt, so empfehlen ihm die Tabellen die Getrenntschreibung: braun gebrannt. Schlägt er jedoch im Wörterverzeichnis nach, so lernt er, daß [i]diese Verbindung gemäß Schreibgebrauch und Bedeutung als zusammengehöriges
Adjektiv empfunden wird[/i], er also ein braungebrannter Urlauber schreiben solle.

Als vierte Hausorthographie muß die eigene Praxis der Wahrig-Redaktion betrachtet werden: Sie schreibt (entgegen ihrer Hausorthografie oder den Tabellen der Nachrichtenagenturen) Geographie, Paragraph usw. und bleibt sogar bei Orthographie (nur auf dem hinteren Einbanddeckel hat sich ein orthografisch eingeschlichen).

Ob sich noch eine fünfte Hausorthographie entdecken läßt? Was die abgedruckte Reihenfolge der Varianten bei der Getrennt- und Zusammenschreibung betrifft, so herrscht im Wörterverzeichnis der 7. Auflage jedenfalls nach wie vor Chaos: blank legen kommt z. B. vor blanklegen, blankliegen aber vor blank liegen. Um ein Überbleibsel aus der bewährten Orthographie kann es sich nicht handeln, da diese für beide Fügungen Getrenntschreibung vorsieht. Zufällig stimmen diese Reihenfolgen aber mit den Empfehlungen der Nachrichtenagenturen überein, nach denen man blank legen, aber Nerven, die blankliegen schreiben soll. Sucht man aber weiter, entpuppt sich diese Vermutung schnell als Trugschluß: Obwohl die Nachrichtenagenturen z. B. breitgefächert bevorzugen, führt der Wahrig breit gefächert vor breitgefächert an. Wieder nichts. Allerdings läßt sich dem Wahrig auch noch eine sechste Hausorthographie entnehmen, da Neuschreibungen im Gegensatz zum Duden noch durch Blaudruck kenntlich gemacht werden: bei Varianten die herkömmliche, die auch von der SOK empfohlen wird. Unter all den möglichen Hausorthographien innerhalb der Regelung von 2006 ist sie mit Sicherheit die beste.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2009 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7834

Der neue Duden beruft sich auch wieder auf das legendäre Duden-Textkorpus, an dem er sich bei der Auswahl seiner Stichwörter orientiert haben will. Ich bezweifle nach wie vor, daß die "Voltairianerin", die "Ziegelbrennerin" und andere exotische Geschöpfe darin mit nennenswerter Häufigkeit belegt sind.
Zum Kapitel Politische Korrektheit gehört, daß weiterhin die orthographisch schwierigen Namen der Nazi-Größen unterdrückt sind, nicht aber die der Helden des Sozialismus. Auch "Sippenhaft" ist weggelassen, obwohl es ungleich häufiger gebraucht wird als "Ziegelbrennerin".
Man folgt offenbar dem archaischen Grundsatz, verurteilenswerte Dinge sollten - sei es auch zum Zwecke der Verurteilung - nicht einmal genannt werden dürfen. You-know-who ... Kaum zu glauben, aber so sind diese Leute, vom glücklich entnazifizierten Duden gleich ins andere Extrem fallend.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2009 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7833

Sogar das dicke Universalwörterbuch ist ja so gebunden, daß der Pappdeckel nur über ein wenig Papier mit dem Rücken verbunden ist. Vo einigen Jahren fiel mir der Band mal vom Schoß auf den Teppich, sofort war der gesamte vordere Einbanddeckel abgerissen. Mein erster Reformduden verlor bei ganz normaler Behandlung alsbald den Rücken und dann auch die Einbanddeckel. Man vergleiche ältere Ausgaben des Muret-Sanders! Oder mein Rechtschreibwörterbuch, das dank Matthias Drägers Sorgfalt so fest gebunden ist, daß man damit eine Weile Fußball spielen kann, bevor es Schaden nimmt ... Der Dudenverlag tut so, als wisse er gar nicht, wie Wörterbücher strapaziert werden.

 

Kommentar von Pt, verfaßt am 23.07.2009 um 13.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7832

Wurden die Kopfnoten nicht bereits vor längerer Zeit abgeschafft?

 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 23.07.2009 um 09.13 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7831

Da 2011 schon wieder neue Wörterbücher erscheinen müssen, dürfte auf eine gute Verarbeitung der 2009er-Auflagen verzichtet worden sein.

 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 23.07.2009 um 09.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7830

Herr Dörner, mein 2009er-Wahrig ist ebenfalls in der von Ihnen beschriebenen Weise „wellig“. Mein 2005er-Wahrig weist dieses Phänomen nicht auf. Druck und Bindung wurden von derselben Firma ausgeführt.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2009 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7829

Der Wahrig wird auch mit dem Hinweis auf "zahlreiche" Neuaufnahmen beworben - ganz verständlich, weil sich ja orthographisch nichts Neues bietet. Aber die Zahl wird nicht genannt, und wie Herr Dörner zeigt, kann sie nicht bedeutend sein. In der Werbung werden Kopfnote, Speeddating, Whiteboard, Exoplanet genannt, also lauter Wörter, die nicht im neuen Duden stehen. Kopfnote hat noch nie dringestanden, auch nicht in den großen Dudenwörterbüchern, obwohl es schon viele Jahrzehnte ziemlich bekannt ist. Als Schulkinder hatten wir stets auch "Kopfnoten" im Zeugnis. Man kennt es auch in der Sprache der Parfümeure und in der "Weinansprache"; beide Bereiche sind sprachwissenschaftlich bearbeitet (Peter Blumenthal, Hans Peter Althaus u.a.).
Es ist gewissermaßen ein Akt der Selbstbezichtigung, wenn nun damit geprahlt wird, man habe Kopfnote endlich aufgenommen.
Das ist aber sowieso alles Firlefanz. Man kann den täglichen Neologismen nicht mit einem Druckmedium gerecht werden. Hätten die Redaktionen bis vorgestern gewartet, wären sie auf die "Flatrate-Hure" gestoßen, die in einem entsprechenden "Flatrate-Bordell" arbeitet usw. Was soll's?
Man kann auch die Hälfte des bekanntlich nicht kleinen englischen Wortschatzes aufnehmen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.07.2009 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7828

Den Eindruck kann ich bestätigen. Überhaupt ist der Duden mit über 1200 Seiten geradezu lächerlich verarbeitet, ein lappiger Pappband, der offensichtlich nicht auf Dauer angelegt ist. Wenn man bedenkt, wie die früher wesentlich besser gebundenen Duden nach einiger Zeit intensiven Gebrauchs aussahen, kann man vor der Benutzung der neuen (gelben) Duden nur warnen – sie halten das nicht aus. Gleichwohl ist ein solch miserables Buch vor einiger Zeit unter die "schönsten Bücher" geraten – Schiebung? Das Unzweckmäßige, Allzubillige kann nicht schön sein.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 23.07.2009 um 01.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7827

Noch ein kurzer Nachtrag, der mehr technischer Natur ist:

Sowohl beim neuen Duden als auch beim neuen Wahrig zeigt das Papier der Bücher eine deutlich sichtbare Wellenbildung, welche am auffälligsten ist, wenn man direkt von oben auf den Schnitt blickt. Da ich die Bücher sehr gut behandele, schließe ich auf eine mangelhafte Verarbeitung.

Keine der Vorauflagen (weder beim Duden noch beim Wahrig) war bzw. ist von diesem Phänomen betroffen. Vertragen die Bücher möglicherweise nur meine Raumluft nicht, oder sind die Exemplare der anderen Diskussionsteilnehmer ebenfalls schlecht verarbeitet?

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 23.07.2009 um 00.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7826

Hier beispielhaft die komplette Aufstellung der Unterschiede zwischen der 6. und der 7. Auflage des Wahrig beim Buchstaben A:

S. 147: Abwrackprämie hinzugefügt, Eintrag abwerben leicht gekürzt, Beschreibung von A-cappella-Chor getilgt.

S. 162: allgemeine Hochschulreife unter allgemein ergänzt.

S. 163: Eintrag alphabetisieren gekürzt.

S. 168: Im Kasten an, anstatt, an ... statt ein Beispielsatz modifiziert, Eintrag Anachronismus gekürzt, Analogkäse hinzugefügt.

S. 171: Eintrag Anekdote gekürzt, im Eintrag Anemograf/Anemograph eine unnötige Trennung aufgehoben, anfixen hinzugefügt.

Resultat: ganze drei neue Einträge unter A.

Die Änderungen gegenüber der Vorauflage müssen mit der Lupe gesucht werden. Ob das die Käufer wissen?

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 22.07.2009 um 19.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7824

Offensichtlich hat es man bei der Überarbeitung des ursprünglichen Regelwerks versäumt, den Verweis auf § 45 (2) anzupassen. In der Fassung von 1996 waren Fälle wie wissenschaftlich-technischer Fortschritt und lateinisch-deutsches Wörterbuch tatsächlich noch dort aufgeführt, neben Arbeiter-Unfallversicherungsgesetz und anderen Nominalkomposita. Bei der Revision 2004 wurden »unübersichtliche Zusammensetzungen aus gleichrangigen, nebengeordneten Adjektiven« ausgelagert und im neu eingefügten § 44 (2) untergebracht. Auch bei der Revision 2006 wurde der falsche Verweis nicht korrigiert.

Übrigens glaube ich nicht, daß man in lateinisch-deutsches Wörterbuch den Bindestrich deshalb setzt, weil lateinischdeutsches unübersichtlich wäre. Vielmehr markiert der Bindestrich hier die Grenze zwischen zwei gleichrangigen Adjektiven, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Eine deutschschweizerische Arbeitsgruppe ist etwas anderes als eine deutsch-schweizerische Arbeitsgruppe.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.07.2009 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7823

In der polnischen Lateinschrift "borszcz", das russische und das ukrainische Alphabet haben einen kyrillischen Einzelbuchstaben für den Laut "schtsch".

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2009 um 18.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7822

Zur Empfehlungspraxis des neuen Duden: Was ich schon 2006 moniert hatte. ist stehengeblieben:(http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=607), ich setze es noch einmal hierher.

In den Benutzungshinweisen liest man zur Empfehlungspraxis: "Bei zusammengesetzten Farbbezeichnungen können die Abtönung einer Farbe (z. B. ein bläuliches Rot) durch Zusammenschreibung ('blaurot'), das Nebeneinander zweier Farben durch Bindestrichschreibung (ein Kleid in Blau und Rot ist ein 'blau-rotes' Kleid) ausgedrückt werden. Diese Unterscheidung hilft, Missverständnisse zu vermeiden, und wird deshalb von uns empfohlen." Das Wörterverzeichnis kennt dann aber doch nur blaurot. Nur der Kasten zu blau enthält einen Hinweis auf die genannte Differenzierung, die als Regel unter K 23 formuliert ist. Sie stimmt mit der alten Dudenregel überein, hat aber keine Entsprechung im reformierten Regelwerk. Dieses sieht unter § 36 (1.4) gerade für nebengeordnete Adjektive nur Zusammenschreibung vor, blaugrau und grünblau sind ausdrücklich angegeben; der Verweis auf § 45 (2) (Bindestrich bei unübersichtlichen Zusammensetzungen) ist nicht einschlägig.

Auch jetzt wieder steht der Benutzer vor der Schwierigkeit, eine Bedeutungsunterscheidung aus Schreibweisen herauszulesen, die ausdrücklich nicht bedeutungsunterscheidend sein sollen. Und wiederum steht im Wörterverzeichnis nur "blaurot", nicht als Empfehlung, wie versprochen, sondern als einzige zulässige Schreibung überhaupt.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2009 um 18.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7821

Der neue Duden enthält ein Kapitel "Sprache in Zahlen". Darin wird behauptet, das Wort "Borschtsch" enthalte "acht aufeinanderfolgende Konsonanten". Hier wie auch bei den übrigen Angaben werden Laute und Buchstaben verwechselt. Meiner Ansicht nach folgen in "Borschtsch" gerade mal zwei Konsonanten aufeinander - oder sind es drei? Ich bin leider kein Slavist.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2009 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7820

Begeisternde Werbung treibt auch die "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine": "Der neue Duden ist da" - unter der Rubrik "Nachrichten für Kinder"! (Paßt zum Niveau dieser Zeitung!)

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 22.07.2009 um 15.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7819

Kurze Anmerkungen zum neuen Wahrig:

Wie der Wahrig seinen Wortbestand angeblich um 5000 von 125.000 auf 130.000 steigern kann, erschließt sich nicht, denn das Wörterverzeichnis, unverändert in Layout und Schriftgröße, umfaßt nach wie vor exakt 1049 Seiten (von zwei entfernten Leerseiten zu Beginn einmal abgesehen). Viele Seiten im Wörterverzeichnis sind schlichte Kopien (!) der Vorauflage, so daß sich nicht einmal ein einziger Eintrag verschoben hat. Dies ist im Duden bekanntlich ganz anders. Daß der Wahrig nicht mit Neologismen wirbt, ist aus dieser Sicht nachvollziehbar, da es sich in der Neuauflage nur um eine fehlerkorrigierte, nicht aber um eine wirklich überarbeitete oder gar erweiterte Fassung des Wörterverzeichnisses handelt. Ob überhaupt im nennenswerten Umfang und, wenn ja, wie viele neue Wörter ungefähr aufgenommen wurden, muß noch überprüft werden. Platz hierfür ist jedenfalls keiner.

Warum die Seitenzahl der 7. Auflage des Wahrig konstant bleibt:

Abgänge:

- Geschichte der Rechtschreibung (– 7 Seiten und – 1 Leerseite)
- Rechtschreibung 2006: Was ist neu? (– 15 Seiten)
- Wörterverzeichnis (– 2 Leerseiten)

Gesamtseitenzahl der Abgänge: 25

Zugänge:

- Verzeichnis der empfohlenen Schreibweisen der deutschsprachigen Presseagenturen (+ 25 Seiten)

Gesamtseitenzahl der Zugänge: 25

Um Götzes Aufsatz ist es selbstverständlich nicht schade, durchaus aber um die umfangreiche Gegenüberstellung der Änderungen seit 2004.

Das amtliche Regelwerk ist nach wie vor komplett abgedruckt, und auch die Blaumarkierungen werden beibehalten – zwei entscheidende Vorteile gegenüber dem neuen Duden.

Wahrig empfiehlt Orthografie und Paragraf, schreibt jedoch im gesamten Werk durchgängig Orthographie und Paragraph. Im Gegensatz zur Dudenredaktion, welche die von ihr propagierten, minderwertigen Schreibungen wenigstens auch selbst benutzt, möchte die Wahrig-Redaktion bessere Schreibungen verwenden, als sie empfiehlt.

Fehler wie Spätgebährende sind beseitigt. Bei Nummer Sicher/sicher folgt der Wahrig auch diesmal nicht der seltsamen Interpretation des Regelwerks 2006, aus der die Dudenredaktion fälschlicherweise ableitete, es wäre hier nur noch Kleinschreibung zulässig. Sowohl der Wahrig als auch das ÖWB bleiben korrekt bei der Wahlfreiheit.

Die Trennung Sprecher-ziehung ist nicht nachgetragen, obwohl der Rat ausdrücklich beschlossen hat, auch sinnentstellende Trennungen anzugeben (wie dies natürlich auch schon vor der Reform der Fall war, denn die Dudenredaktion wäre seit 1967 – so lange stehen die Trennstellen im Duden – nie auf die Idee gekommen, Spargel-der, Urin-stinkt usw. zu unterschlagen).

Lob ist dem Wahrig dafür zu zollen, daß er sich im Gegensatz zur Dudenredaktion und zum ÖWB nicht bedingungslos der Political correctness unterwirft, sondern an seiner schon in der 1. Auflage (1973) beschriebenen, bewährten Tradition festhält, bei der Stichwortauswahl ökonomisch vorzugehen:

»Weibliche Formen sind in der Regel nicht angeführt, wenn sie durch einfaches Anhängen der Silbe -in gebildet werden können (Schauspieler / Schauspielerin). Dagegen sind sie immer angeführt, wenn bei ihrer Bildung die männliche Form verändert wird, z. B. Zauberer / Zauberin (nicht: Zaubererin), Landsmann / Landsmännin

Betrachtet man die Menge an wertvollen Einträgen, die z. B. das DUW noch 1989 verzeichnete und die aufgrund der Aufnahme von meist kaum belegbaren und völlig informationslosen weiblichen Formen schrittweise in den Neuauflagen 1996, 2001, 2003 und 2006 verschwinden mußten (zwischen 15 und 20 Wörtern je Seite!), wird schnell deutlich, daß die Vorgehensweise des Wahrig die bei weitem sinnvollere ist.

Als Zugabe folgt noch das neue Vorwort des Ratsvorsitzenden, der – im Gegensatz zur Homepage des Rates – im Wahrig brav bei orthographisch bleibt.

»Vorwort zur Neuausgabe 2009

Seit drei Jahren ist die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung in Kraft. Nachdem am 31. Juli 2009 die Übergangsfristen nun auch in der Schweiz und in Liechtenstein enden, besteht in allen deutschsprachigen Ländern Europas eine einheitliche und verbindliche Rechtschreibung. Dem Rat für deutsche Rechtschreibung war es ein entscheidendes Kriterium, sich bei seinen Vorschlägen zur Neuregelung der Rechtschreibung am Sprach- und Schreibgebrauch zu orientieren. So kann mit Zufriedenheit festgestellt werden, dass die Neuregelungen von den Schreibenden und insbesondere von den Zeitungs- und Buchverlagen weitestgehend angenommen und umgesetzt wurden.

Sprache ist der Schlüssel von Kultur, Sprache erschließt Kultur. So haben Sprache und eine einheitliche und verbindliche Rechtschreibung eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung und kulturelle Leitfunktion. Der Rat für deutsche Rechtschreibung sieht daher auch künftig seine Aufgabe darin, sich zum einen für die Etablierung der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung einzusetzen und zum anderen durch die Beobachtung des Schreibgebrauchs festzustellen, inwieweit die neuen Regeln und Schreibungen in Schule, Verwaltung und anderen öffentlichen Bereichen akzeptiert werden und welche Schreibungen im Falle von möglichen Schreibvarianten verwendet bzw. bevorzugt werden. Da Sprache und Schreibung sich von jeher weiterentwickelt haben und dies auch in Zukunft so sein wird, ist es eine mittel- und langfristige Aufgabe des Rates für deutsche Rechtschreibung, eine einheitliche Weiterentwicklung der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu fördern und zu begleiten und das orthographische Regelwerk dem Sprach- und Schreibgebrauch anzupassen.

Dem trägt die Neuausgabe von »WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung« in gewohnter Form Rechnung. Der neue WAHRIG stellt auf der Basis des amtlichen Regelwerks zur Rechtschreibung den aktuellen Wortschatz der Gegenwartssprache dar, der um die wichtigsten neuen Wörter, die in die deutsche Sprache Eingang gefunden haben, erweitert wurde. Darüber hinaus bietet ein Verzeichnis von Schreibvarianten einen Überblick über die Schreibweisen, die für die deutschsprachigen Presseagenturen verbindlich sind.

Ich gratuliere der WAHRIG-Redaktion, die als Mitglied des Rats für deutsche Rechtschreibung stets eine konstruktive, wichtige und engagierte Rolle bei der Neufassung des Regelwerks und bei der jetzt begonnenen Beobachtungsphase gespielt hat und spielt, sehr herzlich zur Neuausgabe von »WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung«. So wird auch der neue WAHRIG allen, ob Lernenden und Lehrenden, ob im privaten oder beruflichen Leben, eine verlässliche Orientierungshilfe sein.

Dr. h. c. mult. Hans Zehetmair
Staatsminister a. D.
Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung
«

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2009 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7806

Der Mannheimer Hofberichterstatter Thomas Groß stellt den neuen Duden vor und interviewt dazu Herrn Wermke, so daß der ganze Beitrag praktisch aus dem Hause Duden kommt.
(http://www.morgenweb.de/nachrichten/kultur/20090717_srv0000004479305.html)
"Der Erfolg gibt dem Verlag immerhin recht, das kann Wermke guten Gewissens sagen, auch wenn das Unternehmen weiterhin aus Prinzip keine Auflagenzahlen nennt."
Er nennt keine Auflagenzahlen, aber die enormen Verluste, die kürzlich zum Verkauf des Unternehmens führten, ließen sich nicht verheimlichen. Nur Thomas Groß scheint davon nichts gehört zu haben.

Immerhin schreibt er jetzt "recht geben" wieder klein, vor ein paar Jahren schrieb er noch: "Wie Recht er damit bei manchen hat, zeigt sich auch hier." (28.7.2000)

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 15.07.2009 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7794

Da die Dudenredaktion neuerdings großen Wert auf Zahlen zu legen scheint, gibt es hier für alle, die sich gefragt haben, wie der Duden trotz 5000 neuer Wörter den Seitenumfang von 1216 Seiten halten konnte, die Auflösung.

Warum die Seitenzahl der 25. Auflage des Dudens konstant bleibt:

Abgänge:

- Vergleichende Gegenüberstellung alter und neuer Schreibungen; im Duden 2009: Heute nicht mehr der amtlichen Regelung entsprechende Schreibungen (– 3 Seiten)
- Amtliches Regelwerk (– 56 Seiten und – 1 Leerseite)

Gesamtseitenzahl der Abgänge: 60

Zugänge:

- Textverarbeitung und E-Mails (+ 2 Seiten)
- Wichtige Stationen aus der Geschichte der deutschen Orthografie (+5 Seiten und + 1 Leerseite)
- Sprache in Zahlen (+ 11 Seiten)
- Wörterverzeichnis (+ 41 Seiten)

Gesamtseitenzahl der Zugänge: 60

Im übrigen ist zum erstenmal seit 1986 (!) im Vorwort weder das Wort Rechtschreibreform noch der Ausdruck neue Rechtschreibung zu finden. Die Dudenredaktion nutzt abwechselnd die Formulierungen gültige amtliche Rechtschreibung und aktuelle amtliche Regeln.

Als einziger Hinweis auf die Reform bleibt (umbenannt, s. o. ) ein stark gekürzter Rest der Übersichtstabelle über sogenannte alte und neue Schreibungen zurück. Nicht mehr.

Zu Beginn des Regelteils wird zum Herunterladen des amtlichen Regelwerks nicht wie im »Österreich-Duden« auf http://www.rechtschreibrat.com verwiesen, sondern man nennt die Adresse http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de, wo sich der Käufer des Buches informieren soll. Die Reform ist also wieder dort, wo sie ursprünglich herkam: beim Institut für deutsche Sprache.

Und für die ganz Interessierten: Das erste neue Wort im Duden 2009 ist abbusseln – zwar keinesfalls ein Wort, das dem Zeitraum zwischen 2006 und 2009 entstammt, aber unvermeidlich, wenn man einen Prototypen der Neuauflage des Rechtschreibdudens in Österreich als »Schulwörterbuch« herausgibt. (Die beiden nächsten neuen Wörter lauten Abendakademie und Abendgarderobe – damit kann man wohl auch kaum Werbung machen.) Wie immer bestehen also auch diesmal die 5000 neuen Wörter aus ca. 250 wirklich neuen und 4750 vergessenen, und viele Wörter, welche als angebliche Neologismen gepriesen werden, sind keine: Sofortrente ist beispielsweise eine Wortschöpfung einer großen deutschen Lotteriekette aus der zweiten Hälfte der 80er Jahre, und den Nicknamen hätte man zwar nicht 1991, aber spätestens 1996 längst verzeichnen können. Ähnliches gilt für den Inselbegabten.

Orthographisch relevant sind Neubildungen nur selten, so daß diese nur ein schwaches Kaufargument für ein Rechtschreibwörterbuch liefern, was den meisten Verbrauchern sicherlich bewußt sein dürfte.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 13.07.2009 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7789

Sitta und Gallmann schrieben bekanntlich schon 1996 in ihrer »Stellungnahme zu den Unruhen bezüglich der Umsetzung der neuen Rechtschreibregelung in Deutschland«:

Wir halten es für ein Unglück, dass nun in allen Rechtschreibwörterbüchern das amtliche Regelwerk abgedruckt ist.

Im »Österreich-Duden« (»Das große österreichische Schulwörterbuch«) wurden zum Beispiel die Hinweise auf das amtliche Regelwerk in den dudeneigenen Richtlinien nicht entfernt, aber selbstverständlich laufen sie nun ins Leere, da das Regelwerk nicht mehr abgedruckt ist (wohl aber so »schulrelevante« Dinge wie Vorschriften über Ligaturen im Antiquasatz oder Transkriptions- und Transliterationstabellen für Rußland).

In der Einleitung zu den 169 Dudenregeln schreibt die Redaktion daher:

Diejenigen, die sich für den genauen Wortlaut der zugrunde liegenden amtlichen Regeln interessieren, finden zahlreiche Hinweise auf die Paragrafen und Unterabschnitte des Regelwerks, das der Rat für deutsche Rechtschreibung unter der Internetadresse http://www.rechtschreibrat.com dokumentiert hat.

Sowohl der Wahrig als auch das neue ÖWB drucken hingegen die amtliche Regelung nach wie vor ab. Das ÖWB bemüht sich hierbei sogar um eine äußerst ansprechende optische und typographische Gestaltung.

Durch die forcierte Herausnahme sämtlicher Unterkapitel und Tabellen, die auf die Rechtschreibreform und die Änderungen zwischen 1996 und 2006 hinweisen, ist im übrigen trotz der Neuaufnahme etlicher Wörter die Seitenzahl des ÖWB von 1008 (40. Auflage (2006)) auf 992 (41. Auflage (2009)) gesunken (auch wenn das Buch nach wie vor mit 1008 Seiten beworben wird). Mir ist kein anderer Fall bekannt, in dem ein Wörterbuch durch eine Neuauflage an Seitenumfang verloren hätte.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2009 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7788

Wenn die neue Generation von Rechtschreibwörterbüchern die amtlichen Regeln nicht mehr enthält, ist wieder der Zustand wie vor der Reform erreicht. Gerade darüber haben die Reformer lautstark geklagt. Zwar sind die amtlichen Regeln grundsätzlich erhältlich und herunterladbar, aber für die Öffentlichkeit sind sie praktisch verschwunden, wenn sie nicht mehr im Duden abgedruckt sind. De facto ist es auch jetzt schon so, daß die Regeln, von denen ja einer ihrer Verfasser ausdrücklich sagte, sie seien nicht für den Laien gemacht, keine Rolle mehr spielen; sie sind hinter den wörterbucheigenen Fassungen verschwunden. Damit ist auch die Fiktion hinfällig, daß die Wörterbucheinträge Anwendungen der Regeln seien.
Es ist also alles wie früher, nur schlechter.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 10.07.2009 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7781

Kurze Anmerkungen zum »Großen österreichischen Schulwörterbuch« und zur 41. Auflage des ÖWB, die ich seit heute in Händen halte und kurz überflogen habe:

Wie vermutet, handelt es sich beim »Großen österreichischen Schulwörterbuch« (im folgenden: Österreich-Duden) tatsächlich um eine (minimal) abgespeckte und um ein paar Austriazismen erweiterte Ausgabe der 25. Auflage des Rechtschreibdudens, welche jetzt erscheint.

Man nehme also den Rechtschreibduden in seiner 24. Auflage, entferne das amtliche Regelwerk, die Rotmarkierungen, alle Hinweise auf eine Reform sowie ein paar unbedeutende Wörter , bereichere ihn um zusätzliche Austriazismen, und schon hat man ein ganz neues Wörterbuch, welches selbstverständlich, wie Wermke ausdrücklich betont hat, keine bloße Österreichausgabe des Rechtschreibdudens darstellt. Nun wird auch klar, warum er dies so betonen mußte: weil es sich so verhält wie angenommen.

Als kleine Beigabe hat der Österreich-Duden eine Kurzgrammatik der deutschen Sprache, welche – wie sollte es anders sein? – aus dem DUW kopiert wurde. Auch hier hat man sich nicht unnötig Arbeit gemacht. Im hinteren Buchdeckel findet man neben den deutschen Wörtern und Unwörtern des Jahres auch die österreichischen. Wer die Unwörter betrachtet, stellt schnell fest, daß sich die deutsche und die österreichische Jury jedenfalls politisch nicht unterscheiden.

Wie der Österreich-Duden hat auch das ÖWB sämtliche Hinweise auf die bisherige Orthographie getilgt (eine Gegenüberstellung bewährter und neuer Schreibungen wird man ebensowenig finden wie Markierungen der Neuschreibungen), druckt aber im Gegensatz zum Duden das amtliche Regelwerk noch ab, und dies optisch bei weitem schöner und lesbarer, als dies bisher beim Duden (21. bis 24. Auflage) der Fall war.

Die Diskrepanz der Wörterbücher bei Nummer Sicher/sicher ist noch immer nicht beseitigt. Bekanntlich stellte die Reform dem bewährten Nummer Sicher die Kleinschreibung zur Seite. 2006 ist der betreffende Eintrag plötzlich aus dem Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks verschwunden, was der Rat natürlich nie beschlossen hat, die Dudenredaktion aber zum Anlaß nahm, anzunehmen, es sei ab sofort nur noch Nummer sicher zulässig. Dies wurde im Österreich-Duden, der, wie erwähnt, im wesentlichen eine Kopie des Rechtschreibdudens darstellt, folglich auch so übernommen. Allerdings wollen weder Wahrig noch das ÖWB etwas von dieser Änderung wissen: Bei beiden heißt es nach wie vor auf Nummer Sicher/sicher.

Allerdings könnte die Dudenredaktion ihre Rechnung ohne die prüden österreichischen Eltern gemacht haben. Die ÖWB-Redaktion hat sich nach massiven Elternprotesten dazu gezwungen gesehen, in der 40. Auflage die zweite Bedeutung von pempern aus der Schulausgabe des ÖWB zu entfernen. In der jetzigen 41. Auflage findet man sie nicht einmal mehr in der großen Buchhandelsausgabe, welche überhaupt nicht für Schulen gemacht ist. Man sieht, wie vorsichtig die Bearbeiter waren.

Der Österreich-Duden, der sich »Schulwörterbuch« nennt, weiß von dieser Geschichte offenbar nichts und führt die zweite Bedeutung unschuldig an. Auch die bösen Wörter mit fi- und sogar das Wort mit Fo- (durchaus orthographisch relevant!) sind mitsamt Bedeutungsangaben im Schulwörterbuch zu finden. Ob das keinen Ärger gibt?

Ganz anders als beim völlig untauglichen Schweizer Schülerduden von Peter Gallmann hat man beim Österreich-Duden zumindest keine Qualitätsabstriche zu befürchten, was aber kein Verdienst der Bearbeiter, sondern unmöglich ist, wenn man den Rechtschreibduden einfach übernimmt. Unter K 108 hat man sich wenigstens die große Mühe gemacht, Mannheim durch Linz zu ersetzen.

Und nach kurzer Zeit wird auch offensichtlich, warum der Dudenverlag nicht bereit ist, das »Große österreichische Schulwörterbuch« an Deutsche abzugeben: weil man ihnen den Rechtschreibduden in fester Bindung und mit der gleichen Austattung wie die deutsche Ausgabe nicht für 11,50 Euro statt für 21,95 Euro verkaufen möchte. Denn auch wenn einzelne Wörter fehlen, so ist das »Schulwörterbuch« kein bloßer Schülerduden, welcher für den Alltag Erwachsener nicht ausreicht, sondern eine nur so leicht gekürzte Ausgabe des Rechtschreibdudens (selbst schwierigste Wörter aus Fachsprachen, welche niemals schulrelevant sein können, durften bleiben), daß ihr Umfang sogar die 20. Auflage (1991) um mehr als hundert Seiten übertrifft.

 

Kommentar von GL, verfaßt am 07.07.2009 um 17.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7777

Ein kleiner Vorgeschmack neuer Wörter von Duden (25. Auflage) unter dem Titel „Wenn komasaufende Lölis twittern“ präsentiert der TagesAnzeiger unter Kultur in seiner heutigen Ausgabe inkl. erster Kommentare. Das wird Ärger geben!

(Siehe dazu hier. Red.)

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 30.06.2009 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7769

Sehr geehrte Frau Müncher,

es handelt sich ja auch nicht um das ÖWB des öbv, sondern um dessen Konkurrenzprodukt von Duden:

http://www.lesenetzwerk.at/index.php?id=336

 

Kommentar von Inge Müncher, verfaßt am 30.06.2009 um 11.45 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7768

Im „Österreichischen Bundesverlag“ werden zwei neue Wörterbücher, 41. Auflage, angeboten:

1.Österreichisches Wörterbuch, Schulausgabe, 41.Auflage, 864 Seiten, mit Preisangabe.

2.Österreichisches Wörterbuch, 41. neu bearbeitete Auflage, 1008 Seiten.
Zurzeit keine Preisangabe möglich.
Fragen an: service@oebv.at

Bei beiden Angeboten findet man zwei Probeseiten. Sie sehen dem Schülerduden von 2006 und der 23., 24. und wahrscheinlich auch der neuen 25. Ausgabe des Dudens nicht ähnlich.

Man findet sie unter „Österreichisches Wörterbuch“ und dann ganz unten auf der Seite:
öbv - Österreichischer Bundesverlag Schulbuch GmbH & Co. KG

Beides eingeben. Wählt man nur die letzte Eingabe, dann findet man nur das zweite Angebot, ohne Preisangabe.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 29.06.2009 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7767

Kurzer Nachtrag zum »Österreich-Duden«:

Wie ich weiter unten vermutet hatte, ist der Dudenverlag nicht bereit, »Das große österreichische Schulwörterbuch« in Deutschland zu verkaufen. Als ich es mit Hilfe einer Verlagsbestellung über den Buchhandel erwerben wollte, kam es zur einer Absage. Der Buchhändlerin wurde tatsächlich mitgeteilt, man verkaufe dieses Produkt nicht an deutsche Buchläden.

Inzwischen konnte ich das Wörterbuch allerdings von einem österreichischen Buchhändler erwerben, und es ist unterwegs nach Deutschland.

Nach Eintreffen werde ich es insbesondere hinsichtlich der (wahrscheinlich kaum vorhandenen) Unterschiede zur jetzt erscheinenden 25. Auflage des Rechtschreibdudens untersuchen und die Ergebnisse hier in Form einer Zusammenfassung einstellen.

 

Kommentar von GL, verfaßt am 27.06.2009 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7758

Sprachpuristen warnen vor Gerichtsklagen

Neue Rechtschreibung: Politik soll Notbremse ziehen
(Tages-Anzeiger – Schweiz – 26.06.2009 / 22.40 Uhr)

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2009 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7757

Zum Thema "Schwere Ranzen" noch dies:

"Der 'Duden Rechtschreibung' und das 'Duden Fremdwörterbuch' dürfen in keiner Schultasche fehlen." (www.news4press.com)

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.06.2009 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7750

Bei Forderungen nach einer "einheitlichen Rechtschreibung" juckt es mir in den Ohren und Fingern, das Lied von der "Arbeiter-Einheitsfront" in "Rechtschreiber-Einheitsfront" umzuschreiben.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2009 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7747

Meiner Ansicht nach könnten sich Eltern dagegen wehren, einen Duden anschaffen zu müssen. Selbst ein verkleinerter Schülerduden oder so etwas ist nicht sinnvoll, auch wenn der Kauf möglicherweise in solchen Fälle nicht abgewendet werden kann. Die Verlage tun natürlich alles, um bei den Schulen und Schulbehörden den Fuß in der Tür zu behalten, denn wer es schafft, ein Schulbuch flächendeckend einzuführen, der hat die Lizenz zum Gelddrucken (wie mir ein Verlagsmitarbeiter mal sagte).

Was zunächst das Gewicht betrifft, so haben wir darüber ja schon gesprochen, nebst Hinweis auf "www.schwereranzen.de" (vgl. hier).

Aber auch sonst: Der Gedanke, daß Schüler im Unterricht "mit dem Wörterbuch arbeiten", ist an sich schon etwas weltfremd, denn Wörterbücher sind größtenteils die ödesten Texte, die man sich denken kann. (Ich sage dies als SPIEGEL-notorischer Wörterbuch-Freak.) Und nun erst das Rechtschreibwörterbuch! Welcher Erwachsene kann sich länger als ein paar lästige Minuten mit dem Duden beschäftigen, außer wenn er krank genug ist, die Rechtschreibreform bekämpfen zu wollen und sich aus der Fahndung nach Fehlern einen Spaß zu machen?

Der liebe Kollege Peter Kühn hat sich vor Jahren viel Mühe gegeben, "Mein Schulwörterbuch" herauszugeben und dazu eine umfangreiche Lehrerhandreichung "Didaktik/Methodik der Wörterbucharbeit" (Dümmler), aber es hat mich nicht überzeugt.

Dabei könnte ich mir im Klassenzimmer jeweils ein Wörterbuch von verschiedener Art durchaus vorstellen, für gelegentliches Nachschlagen. Vielleicht ein etymologisches bzw. wortkundliches, kommentierte Sammlungen von Wörtern "aus dem Arabischen" usw., ein Wörterbuch ausgestorbener Berufsbezeichnungen, ein kulturgeschichtlich kommentiertes Wörterbuch der Familien- und der Ortsnamen, ein distinktives Synonymwörterbuch (wenn's bloß ein gescheites gäbe!). Aber es gibt sicher angenehmere und freudenvollere Arten, sich mit den Wörtern zu beschäftigen, als ausgrechnet über Wörterbücher und nun gar noch orthographische!

 

Kommentar von Galina Leljanowa, verfaßt am 25.06.2009 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7746

Wer in diesem elenden Chaos benötigt noch eine „amtliche Rechtschreibung“ und warum nennt sich Duden auch heute noch Duden? In der Tat kein Renommee, das zum Kaufen einlädt.

Wo nur ist der gesunde Menschenverstand geblieben?

 

Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 24.06.2009 um 23.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7745

Die hiesigen Gymnasien verlangen, daß jeder neue Schüler einen Duden kauft. Benutzt oder gar sinnvoll in den Unterricht eingebunden wird der Ziegelstein natürlich nicht, sondern er verbraucht lediglich Raum im "Fach", das heutzutage jeder Schüler in seiner Schule hat. Tut sich ein Erwachsener schon schwer mit der Handhabung des kiloschweren Buches, so gilt das umso mehr für einen Sextaner. Ggf. täglich zwischen Schule und Wohnung hin und her schleppen kann man das Werk eigentlich auch nicht, obwohl: Ich sehe morgens viele Schüler der nahegelegenen Schule zustreben, davon etliche einen Rollkoffer mit den Schulbüchern hinter sich herziehend. Vielleicht braucht man einen solchen ja des Dudens wegen.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob nun, nach lediglich drei Jahren, die weitgehend unbenutzten Bücher entsorgt und durch die neue Auflage ersetzt werden sollen. Gerade sind hier Ferien, in sechs Wochen werde ich neue Entwicklungen schon gewahr werden.

Die letzte Neuauflage vor drei Jahren hat sich sicherlich für die Buchhändler gelohnt (für den Verlag bekanntermaßen nicht unbedingt). In meiner Schulzeit habe ich keinen eigenen Duden besessen, nun kommen sie alle drei oder vier Jahre, und streng genommen braucht man jeweils den neuesten. Wenn es um die Anschaffung von Büchern geht, die andere bezahlen müssen, sind Lehrer heutzutage recht großzügig. Und wenn ein Titel dann gleich in Klassensätzen gekauft wird ...

Andererseits: In meiner Schulzeit waren Schreiben der Schulleitung ausnahmslos fehlerfrei. Das gibt es heute trotz aktuellem Duden im Schulsekretariat nicht mehr. Und auch die Lehrer tun sich mit der Rechtschreibung ziemlich schwer, auch die Deutschlehrer.

War das nicht auch ein Zweck der RSR? Herrschaftswissen zerschmettern?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2009 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7744

Ist es nicht grotesk, daß der Duden nun als "alte" Rechtschreibung die reformierte, vor kurzem noch hoch gelobte von 1996 darstellt? Die von den besseren Schriftstellern nach wie vor gepflegte ist demgegenüber so alt, daß sie schon gar nicht mehr erwähnt wird. Man sieht hier nochmals, warum der Duden pleite gehen mußte.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 24.06.2009 um 15.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7743

http://www.lesenetzwerk.at/index.php?id=254

Nicht nur, daß in sich in den fünf Beispielen schon wieder zwei Fehler eingeschlichen haben (jenseits von gut und böse ist natürlich nicht die Regelung von 2006, und jenseits wird auch nicht groß geschrieben), sondern der Artikel verdeutlicht vielmehr, daß man sich in Österreich gar nicht darüber im klaren ist, schon einmal eine wesentlich liberaler geregelte Rechtschreibung besessen zu haben. Ein Blick in das letzte unreformierte ÖWB (37. Aufl. 1994) hätte bereits genügt.

Man liest und staunt:

»In manchen Fällen sind beide Schreibweisen zulässig:

[...]

allzu bald | allzubald
allzu früh | allzufrüh
allzu viel (aber nur: allzu viele) | allzuviel
an Hand | anhand
an Stelle | anstelle
auf Grund | aufgrund
außer acht lassen | außerachtlassen
nach Haus(e) | nachhaus(e)
so daß | sodaß
um so | umso

[...]

In manchen Fällen sind zwei Schreibweisen möglich, z. B. radfahren, Rad fahren; eislaufen, Eis laufen; Kegel scheiben, kegelscheiben; Kopf stehen, kopfstehen.« (S. 35)

Oder:

»Wo das ÖWB Schreibweisen anbietet, die von jenen anderer Rechtschreibwörterbücher abweichen, verzeichnet es jeweils beide Formen (z. B. sodaß neben so daß) – denn eine Schreibung, die im Sinne außerösterreichischer Wörterbücher „richtig“ ist, soll nicht etwa auf Grund des ÖWB als „falsch“ beurteilt werden.
Orthographische Alternativenangebote im ÖWB können auf verschiedenen Überlegungen beruhen:
– [...]
– Entschärfung von Unzukömmlichkeiten auf Grund zu starrer und schwer durchschaubarer Rechtschreibregelungen in Randbereichen. Daher z. B. nicht nur Päd|ago|ge, sondern auch Pä|da|go|ge; nicht nur in bezug, sondern auch in Bezug.
– Berücksichtigung des historisch gegebenen Nebeneinanderbestehens zweier Schreibweisen für bestimmte Wörter. Derartiges findet sich u. a. im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung, z. B. wehtun neben weh tun.« (S. 11 f.)

Und im Wörterverzeichnis des alten ÖWB findet man tatsächlich zutagetreten neben zutage treten, instandhalten neben instand halten, radfahren neben Rad fahren (sowie ich fahre rad/Rad), in bezug neben in Bezug usw. friedlich nebeneinander.

Es ist gut vorstellbar, daß die österreichischen Reformer diese Regelungen im Rat nicht angesprochen haben, weil sie die Unnötigkeit einer Orthographiereform (statt einer leichten Öffnung der GZS-Regeln, wie dies – laut Nerius (1980) – Reformgegner schon seit 1954 gefordert hatten) um so mehr verdeutlicht hätten.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2009 um 17.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7742

Dank an Herrn Dörner!
Interessant auch das Interview mit Herrn Blüml, Mitverfasser des Österreichischen Wörterbuchs, dem Duden also Konkurrenz macht.
http://www.lesenetzwerk.at/index.php?id=327
(Der Interviewer ist offenbar ein Reformpropagandist des Auftraggebers, also des österreichischen Kultusministeriums.)

Sehr hübsch auch die Festellung des Ministeriums anläßlich des Endes der "Toleranz" in Österreich:
"Diesen Sommer dürfen Schüler also nur noch "Rad fahren", und nach einigen Jahren "Eis laufen" diesen Winter wieder richtigerweise "eislaufen" gehen." Das schreibt sich so leicht hin, aber wäre nicht ein Wort des Bedauerns über die eigene Verfehlung angemessen? Aber im Gegenteil: von irgendwelchen Problemen hat Blüml all die Jahre ebenso wenig mitbekommen wie die deutschen Kultusminister.
(http://www.lesenetzwerk.at/index.php?id=254)

Aus dem letzterwähnten Text ein hübsches Beispiel:

"Ein Beispiel für die nunmehr deutlichere Beistrichsetzung: 'Sie öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen'."

Dazu fällt einem wieder mal Nestroy ein: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist."

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.06.2009 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7741

Das klingt aber alles verdächtig nach dem, was wir vom Schweizer Schülerduden kennen.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 23.06.2009 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7740

In Deutschland weitgehend unbemerkt, hat der Duden im März dieses Jahres in Österreich ein Konkurrenzprodukt zum ÖWB auf den Markt gebracht, welches jedoch nur auf der österreichischen Homepage der Dudenredaktion erscheint und in Deutschland nicht einmal bestellbar ist:

http://www.duden.at/

Betrachtet man die Einträge und die Gestaltung des Buches ein wenig näher, wird schnell klar, daß »Das große österreichische Schulwörterbuch« nichts anderes als eine abgespeckte und um ein paar Austriazismen sowie Erklärungen (nord)deutscher Wörter erweiterte Ausgabe der bald erscheinenden Neuauflage des Rechtschreibdudens darstellt:

http://www.duden.at/images/musterspalte.jpg

Ganz interessant ist auch das Interview mit Herrn Wermke zu diesem Thema:

http://www.lesenetzwerk.at/index.php?id=336

Ziel ist anscheinend der direkte Versand an österreichische Schulen, während nicht geplant ist, das Buch über den normalen Buchhandel zu vertreiben. Daß den Reformkritikern ein Exemplar in die Hände fällt, an Hand dessen dann die weitgehende Identität mit dem Rechtschreibduden festgestellt werden kann, scheint nicht erwünscht zu sein.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.06.2009 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7739

Da drängt sich die berechtigte Frage an Leute wie Bastian Sick auf: Welches Wörterbuch enthält die "amtlichste Rechtschreibung"?

 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 22.06.2009 um 11.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7738

"Der Duden ist amtlich": Das war ja die zentrale Aussage der Duden-Reklame nach der Einführung des sogenannten Dudenprivilegs, und zugleich ein semantischer Trickbetrug. Denn nicht der Duden selbst war amtlich, sondern die amtliche Rechtschreibung folgte dem Duden. Sicherlich hatte der Verlag die Werbeaussage in der Annahme gewählt, daß sie einer Erwartung der Kunden entgegenkommt, andererseits hat die Aussage diese Erwartung bestätigt und befördert: daß für die Rechtschreibung der Staat zuständig sei. Wahrscheinlich hat man später sogar im Verlag selbst angenommen, mit dem Duden irgendwie etwas Amtliches zu produzieren. Das wäre eine Erklärung dafür, daß der Duden mit seiner vermeintlichen Amtlichkeit weiter renommierte, obwohl er ohnedies unumstritten und alternativlos war. Jedenfalls hat der Verlag den Leuten so lange erfolgreich eingeredet, daß die Rechtschreibung vom Staat kommt, bis sie schließlich tatsächlich eine staatliche Orthographie bekamen, zum eigenen Verdruß und zum Schaden der Propagandisten.

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 22.06.2009 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7737

Es ist schon grotesk. Früher war der Duden amtlich, unabhängig von der Qualität. Dann kam die Reform, und die Amtlichkeit war dahin. Es hätte nun also endlich ein von diesem Aspekt unbeeinflußter Wettbewerb um das bessere Wörterbuch entbrennen können. Statt dessen verwenden die Wörterbuchmacher seither viel Mühe darauf, sich den Anschein der Amtlichkeit zu geben. Ein rückwärtsgewandter Wettstreit um das höhere Maß an Offizialität ist ausgebrochen. Warum versucht man nicht, die potentiellen Käufer mit qualitativen Argumenten von seinem Produkt zu überzeugen? Oder macht die Akribie, mit der man die amtlichen Vorgaben umzusetzen sich beeifert, an sich schon die Qualität aus? Wenn ja, wozu brauchen wir dann überhaupt mehrere Wörterbücher? Wäre es da nicht sinnvoller (und billiger), wenn die Kultusminister einer der beiden Redaktionen oder einer gemischten Redaktion mit Vertretern von Duden und Wahrig den Auftrag zur Abfassung eines amtlichen Wörterbuchs erteilten? Wenn die Amtlichkeit allen Beteiligten so sehr am Herzen liegt, warum stehen sie dann nicht einfach dazu?

Sind denn die Redakteure der Duden- und der Wahrig-Redaktion wirklich mit allem einverstanden, was da im amtlichen Regelwerk steht? Und wo bleibt eigentlich die Sprachbeobachtung, wenn man sich krampfhaft vornimmt, eine einmal beschlossene starre Vorlage eins zu eins umzusetzen? Überläßt man die etwa dem Rat, der ja laut Statut tatsächlich dafür zuständig ist? Oder versteckt man sich nur – aus Bequemlichkeit – hinter diesem offenkundig klinisch toten Gremium?

Hier in Holland gibt es übrigens ein Rechtschreibwörterbuch, das in einigen Punkten bewußt von den offiziellen Schreibweisen abweicht. Seine Verfasser lehnen verschiedene Änderungen, die bei den Reformen von 1996 und 2006 beschlossen worden sind, ab. Dennoch wenden sie sich mit ihrem Werk, wie sie im Vorwort schreiben, ausdrücklich auch an jene, die, aus welchen Gründen auch immer, den amtlichen Regeln folgen wollen oder müssen (oder zu müssen glauben). Da die Abweichungen im Wörterverzeichnis gekennzeichnet sind, ist das Buch theoretisch sogar für den Schulgebrauch geeignet. Es geht also auch anders.

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 20.06.2009 um 19.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7736

(Um mich zu präzisieren: Mit den »Urhebern« des Satzes meinte ich diejenigen, die den offenbar von der FAZ gedruckten Satz zitiert haben.)

 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 20.06.2009 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7735

»Das Rechtschreibwörterbuch Wahrig bildet die von den Kultusministern verordnete Schulorthographie zuverlässiger ab als der Duden.«

Wer mag wohl der Adressat dieser Werbeaussage sein? Sind es die besorgten Eltern, die verwirrten Schüler, die zermürbten Lehrer? Die erwachsenen Durchschnittskäufer? Wie auch immer, der Satz läßt tief blicken. Er sagt viel über das Bild, das seine umsatzinteressierten Urheber von ihrer Kundschaft haben. Eine amtliche Vorgabe akkurater umzusetzen als ein anderer – damit brüstet sich vielleicht ein karrieristischer Ministerialbeamter, der seinen Mitbewerber um die nächste Beförderung ausstechen will, aber doch kein seriöser Wörterbuchverlag!

»Von den Kultusministern verordnet« – verbirgt sich hinter dieser Formulierung womöglich ein leiser, ironischer Protest gegen jene, denen der Verlag machtlos ausgeliefert zu sein vermeint? Wohl kaum.

Wenn sie wenigstens brillant wäre, diese Vorlage, die so getreulich wie möglich umzusetzen man sich vorgenommen hat. Ist sie aber nicht. Das amtliche Regelwerk von 2006 weist, wie auch auf diesen Seiten vielfach belegt worden ist, noch so viele Unzulänglichkeiten auf, daß man den Hinweis darauf besser in einer Fußnote zum Vorwort versteckt hätte, als damit Werbung zu machen.

Während ich dies niederschreibe, geht meine Phantasie auf Reisen. Ich stelle mir vor, wie ich im Urlaub auf der Suche nach einem schmackhaften Abendmahl den Speisekartenauszug des gediegen wirkenden »Gasthofs zur Post« studiere. In Fettdruck lese ich dort auf der ersten Seite: »Bei der Zubereitung unserer Speisen setzen wir die von den Kulinarikministern verordneten Rezepte zuverlässiger um als der ›Goldene Hirsch‹!«

Überlassen wir die Herde der Republik doch wieder denen, die was vom Kochen verstehen! Meine Mutter gehört ebenso dazu wie Vincent Klink.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2009 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7734

Die Idee, daß alle Schüler ein Rechtschreibwörterbuch haben sollten, paßt zur paradoxen Strategie der Reformer: Die Rechtschreibreform hat das Schreiben so leicht gemacht, daß nur ständiges Nachschlagen hilft. Entsprechende Zitate auch von offizieller Seite haben wir zur Genüge kennengelernt.
Ich glaube aber nicht, daß die Rechnung aufgeht. Wann solten die Schüler das Rechtschreibwörterbuch benutzen? Während der Klassenarbeit wohl kaum, da fehlt die Zeit, und gerade beim Aufsatz zählt Rechtschreibung auch nicht viel. Zu Hause? Da hat man das Programm auf dem PC. Meine Töchter benutzen kein Rechtschreibwörterbuch, obwohl wir seit der Reform eine ganze Menge davon im Hause haben. In den Schulrucksack wird den kiloschweren Klotz auch niemand stecken.
Die einzigen, die in der Schule ein Rechtschreibwörterbuch brauchen, sind die Lehrer, und die kriegen es nun geschenkt - ein ziemlicher Schlag für die Buchhändler.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.06.2009 um 23.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7733

Wer hindert die Buchhändler daran, diejenigen anzusprechen, die bei der bisherigen Rechtschreibung bleiben und in dieser richtig schreiben wollen, und ihnen dafür z.B. den "Ickler" zu empfehlen? Haben sie Angst, daß die Duden-Mafia ihnen die Scheiben einwerfen oder den Laden abfackeln könnte?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7732

Der hohe Nutzen des Wahrig steht außer Frage:

http://video.google.de/videosearch?q=wahrig&hl=de&emb=0&aq=f

Aber auch die folgende Meldung läßt das Herz höher schlagen:

"Prüfexemplare für über 50.000 Deutschlehrer
In Kooperation mit dem Cornelsen Verlag erhalten mehr als 50.000 Deutschlehrer WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung als Prüfexemplar. Mit dieser Aktion empfehlen wir den WAHRIG für klassenweise Bestellungen im örtlichen Buchhandel."

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7731

Ein sehr erfahrener Buchhändler sagte mir vor etlichen Jahren, daß die Rechtschreibreform wegen der damit einhergehenden Unsicherheiten zu einer deutlichen Kaufzurückhaltung im gesamten Wörterbuch- und Lexikonsegment geführt habe. Das war noch vor den Revisionen. Wie will man die Leute davon überzeugen, daß sie im Jahre 2009, also drei Jahre nach den "endgültigen" Wörterbüchern, schon wieder andere anschaffen müssen? Gerade die Endgültigkeitsposaunen von damals könnten sich jetzt fatal auswirken.

Natürlich werden immer noch viele Wörterbücher gekauft, verglichen mit Lyrikbänden, aber bei Duden und ähnlichen Unternehmen liegt die Entscheidung zwischen Leben und Tod vielleicht irgendwo zwischen zwei Millionen und vier Millionen Bänden. Außerdem dürften die Werbungskosten sich verzehnfacht haben, der Duden verkauft sich nicht mehr von selbst.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 19.06.2009 um 13.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7730

Nun bin ich mit dem Verlagswesen nicht vertraut, aber ein wenig wundert es mich doch, daß der Duden-Verlag so hohe Verluste macht. Technisch bedingte höhere Kosten durch Buntdruck, höherer redaktioneller Aufwand durch ständige Überarbeitung des Bestands – gewiß. Stehen dem nicht höhere Auflagen und kürzere Wiederbeschaffungszeiträume der Kunden gegenüber?

Früher gab es keinen Anlaß, den Duden zu ersetzen, wenn er nicht gerade aus dem Leim ging oder im Zug vergessen wurde; heute muß man jede Auflage mitnehmen, wenn man orthographisch aktuell sein will.

Verkauft der Duden-Verlag nach der Reform nicht mehr Wörterbücher als zuvor?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 12.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7729

Zu den neuesten Katastrophenmeldungen aus dem Hause Duden schreibt ein Gast unter heise.de:

„Die treibenden Kräfte hinter der Rechtschreibreform waren doch vor allem die Schulbuchverlage, Duden & Co - und nicht etwa die Germanisten...“

Nein, so war es leider nicht. Die Schulbuchverlage waren dagegen und haben horrende Kosten an die Wand gemalt. Und der Dudenverlag wollte auch nicht, vielleicht in weiser Vorahnung, daß diese Reform, deren nicht unwichtiges Nebenziel ja gerade die Entmachtung oder sogar Vernichtung des Duden war, ihm das Genick brechen würde. Zu Zeiten des Dudenmonopols garantierte allein schon die Ersatzbeschaffung ein bescheidenes, aber ungefährdetes Einkommen, und das hätte auch im Zeitalter der Software so bleiben können. Nachdem der Verlag sich einmal entschieden hatte, auf den Reformkarren zu springen, gab es natürlich kein Halten mehr, jetzt mußte man an die Spitze der Reformpropaganda treten. Und so geschah es – bis zum bitteren Ende.

Es waren Germanisten und Deutschdidaktiker, die im Verein mit der GEW diese Reform auf den Weg brachten.

Enzyklopädien haben heute aufgrund des technischen Fortschritts einen schweren Stand, aber mit Wörterbüchern kann man immer noch Geld verdienen. Daß der Duden just in diesen Jahren zusammenbricht, in denen die Rechtschreibreform über uns gekommen ist und von Revision zu Revision geschleppt wird, zum unendlichen Verdruß der Bürger (vgl. die jüngste Umfrage des IDS) – das kann kein Zufall sein.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2009 um 10.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7728

Das neue ÖWB wird auf der Homepage des Verlags mit dem Satz beworben:

Ab sofort ist die 41. Auflage des Österreichischen Wörterbuchs auch für Zuhause erhältlich.

Das ist ja nun schon mal falsch, es muß entweder zuhause oder zu Hause heißen. Die Fehlschreibung entspricht den Vorstellungen der Ratsmitglieder Gallmann und Schrodt, die aber bisher nicht durchgesetzt werden konnten.

Im neuen ÖWB – allerdings kann ich nur mit der 38. Auflage vergleichen – sind Marandjosef und Marantana neuerdings groß geschrieben, marantanna ist ganz getilgt. Manu-skript wird nur noch so getrennt, die Trennung Manusk-ript ist getilgt – obwohl die Reform sie zuläßt. Ebenso nur noch de-pressiv, nicht mehr dep-ressiv. Der Rechtschreibrat hat hier nichts geändert, die laienhaften Trennungen müßten weiterhin verzeichnet sein, sonst werden den Schülen gerade die wohltätigen Folgen der Reform vorenthalten, auf die man seinerzeit besonders stolz war.

 

Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 19.06.2009 um 10.15 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7727

Duden und Wahrig – neue Ausgaben

Theodor Ickler ist zuzustimmen, wenn er schreibt, daß "die drei privilegierten Wörterbuchverlage, die im Rechtschreibrat vertreten sind, sich abgesprochen [haben], eine neue Generation von Wörterbüchern herauszubringen, die keinerlei Erinnerung mehr daran enthält, daß es auch noch eine andere Rechtschreibung gab (und gibt)".
Sie wollen offenbar jetzt die Stunde nutzen, um so etwas wie vollendete Tatsachen zu schaffen. Man denke auch daran, daß die "Übergangszeit" in wenigen Wochen, am 31. Juli 2009, in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein (wie die Website des Rechtschreibrats an hervorgehobener Stelle vermerkt) zu Ende geht. Natürlich sollen Revisionsversuche abgewehrt werden. Wer Kontakte zu den Wörterbuchverlagen hat, weiß dies. Dort wird bei Gelegenheit kräftig beteuert, man müsse Änderungswünschen entgegentreten.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.06.2009 um 18.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7725

Aber haben denn die einzelnen Wörterbuchverlage nicht schon mehrmals mit vermeintlicher "Endgültigkeit", neuer "Amtlichkeit" oder gar den neuen "gültigen" Regeln geworben? Alles nur heiße Luft! Die Reform ist bei der Bevölkerung nicht angekommen und daran ändert auch noch so viel hektische oder aggressive Propaganda nichts. Und je mehr neue, "endgültige" und noch so amtliche Auflagen von Wahrig und Duden auch kommen, desto peinlicher ist das eigentlich für die Reformer. Wie mißraten muß etwas sein, wenn man es alle Augenblicke den Leuten wie saures Bier unter die Nase hält!

Aber zu den – wohl noch folgenden – weiteren Endgültigkeitsschritten habe ich einen praktikablen Vorschlag, der allerdings nicht von mir selber stammt. In Otfried Preußlers Kinderbuch "Der Räuber Hotzenplotz" muß Kasper (verkleidet mit Seppels Hut!) bekanntlich für den Zauberer Petrosilius Zwackelmann Kartoffeln schälen und darf nicht in den Schloßkeller gehen, was er dann natürlich doch macht. Im Keller schließlich wird ihm das Weitergehen nacheinander durch drei drohende Warnschilder verboten: "Eintritt verboten!", "Eintritt strengstens verboten!" und "Eintritt allerstrengstens verboten!".
Das kann man doch etwas verändert sehr gut auf Bauchbinden drucken: "Deutsche Rechtschreibung: Endgültige amtliche Fassung!", "Deutsche Rechtschreibung: Endgültigste amtlichste Fassung!" und "Deutsche Rechtschreibung: Allerendgültigste alleramtlichste Faasung!" Bei weiteren Zwischenschritten kann jeweils ein weiteres aller- vorgeschaltet werden. Wichtiger als "allerallerallerendgültigste alleralleralleramtlichste Fassung" kann dann kaum noch ein Wöterbuch daherkommen. Vielleicht kaufen so die Eltern für ihre Kleinen neben dem "Räuber Hotzenplotz" gleich noch einen "alleralleralleramtlichsten" Duden oder Wahrig. Das war ja eh die avisierte Zielgruppe der Reformer...

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2009 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7724

Offenbar haben die drei privilegierten Wörterbuchverlage, die im Rechtschreibrat vertreten sind, sich abgesprochen, eine neue Generation von Wörterbüchern herauszubringen, die keinerlei Erinnerung mehr daran enthält, daß es auch noch eine andere Rechtschreibung gab (und gibt).

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 18.06.2009 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7723

Kurzer Nachtrag: Wie bei Duden und Wahrig wird auch beim ÖWB, welches sich in seiner 40. Auflage noch auf die »neue Rechtschreibung« berief, der Hinweis auf die Orthographiereform entfernt und durch »auf Grundlage des aktuellen Regelwerks« ersetzt werden.

Die Betonung der Endgültigkeit der amtlichen Regelung in ihrer jetzigen Fassung scheint ein wesentlicher Grund für die Neuauflagen der Wörterbücher 2009 zu sein.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 18.06.2009 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7722

Auch der Österreichische Bundesverlag (öbv) hat den Vertrieb der 40. Auflage des Österreichischen Wörterbuchs mit sofortiger Wirkung eingestellt und kündigt das baldige Erscheinen der 41. Auflage an, welche unverändert 1008 Seiten umfassen wird.

Die Schulausgabe des neuen ÖWB, die in etwa mit dem Schülerduden zu vergleichen ist, aber in Österreich eine ungleich bedeutendere Rolle als in Deutschland der Schülerduden spielt, ist bereits lieferbar.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2009 um 15.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7721

Die (über den Umweg eines Zitats) vergleichende Werbeaussage des Wahrig läßt mir keine Ruhe: „Das Rechtschreibwörterbuch Wahrig bildet die von den Kultusministern verordnete Schulorthographie zuverlässiger ab als der Duden.“
Wenn der Duden ganz und der Wahrig halb unter dem Dach "Cornelsen" erscheinen, dann besagt das doch: "Wir verkaufen zwei Rechtschreibwörterbücher, eines davon ist teuerer und zugleich schlechter. Nun entscheiden Sie sich!"
Wie kann das in Zukunft aussehen? Vielleicht ist ein Fusion zu erwarten: "Duden-Wahrig" (für das gesamte Programm). Gewaltige Synergien könnten freigesetzt werden und das Geschäft beleben.
Jedenfalls müssen die vielfach im Rechtschreibrat vertretenen beiden Verlage bzw. Redaktionen alles daran setzen, eine nochmalige Revision zu verhindern.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 18.06.2009 um 11.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7720

Der Hinweis auf Neologismen, die erstmals verzeichnet sind, ist wohl ein Überbleibsel aus der Zeit, als sich an der Orthographie nichts änderte und die Verlage andere Argumente brauchten, um das neue Wörterbuch anzupreisen. Wem aber nutzt es tatsächlich, daß 5.000 neue Wörter aufgenommen wurden?

Was sollen aber die Verlage machen, die mit dem Wörterbuch Geld verdienen wollen, sollen und müssen? Sie müssen die Leute davon überzeugen, daß die neue Auflage besser ist als die alte, damit jene den tadellos erhaltenen alten Band zur Seite legen und sich den neuen kaufen. Hilfreich sind dabei substantielle (bzw. so scheinende) orthographische Änderungen. Rechtschreibunsicherheit in der Bevölkerung ist auch ein Argument. Wer sich sicher in der Orthographie fühlt, braucht kein Wörterbuch.

Akademische Überlegungen kann nur der Verlag anstellen, der ein Wörterbuch ohne finanzielle Interessen herausgibt. Der kann alle Jubeljahre mal eine überarbeitete Auflage bringen, die nah an der Sprachentwicklung ist. Welcher Verlag aber hat keine finanziellen Interessen?

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.06.2009 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7719

Die süddeutsche und österreichische Form von "Schweinegrippe" ist in Analogie zu norddeutsch "Schweinebraten" und süddeutsch und österreichisch "Schweinsbraten" natürlich "Schweinsgrippe". Kennen die Wörterverzeichnisse das schon?

 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 18.06.2009 um 00.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7718

Richtig, wo die Nachrichtenagenturen nicht dem Duden folgen, folgen sie dem Wahrig. Und wenn der Wahrig 2009 jetzt seinerseits den Nachrichtenagenturen folgt, folgt er eben teilweise dem Duden 2006 – soweit er nicht seine eigenen damaligen Empfehlungen rückübernimmt.

Allerdings sind in der Liste abweichender Schreibungen auf www.die-nachrichtenagenturen.de nur 500 Wörter aufgeführt. Von ihnen heißt es, es seien "die" 500 Wörter, bei denen die Empfehlungen von Duden und Wahrig nicht übereinstimmen. Tatsächlich sind es viel mehr.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 17.06.2009 um 22.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7717

Wie die Wörterliste der dpa (PDF-Datei) zeigt, folgen die Nachrichtenagenturen in vielen Fällen nicht den Empfehlungen der Dudenredaktion.

Ohne die Beispiele im einzelnen anzuführen, läßt sich festhalten, daß die bevorzugten Varianten der dpa in Summe deutlich konservativer als die Gelbmarkierungen im Duden sind.

Der ehemals so reformkritische Springer-Verlag schreibt daher aufgrund der strikten Befolgung der Duden-Empfehlungen inzwischen »progressiver« als die Zeitungen, die der dpa folgen.

 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 17.06.2009 um 21.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7716

Wenn Wahrig konsequent dpa folgt, nähert sich das Wörterbuch dem Duden 2006 an, da die Hausorthographie der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen (Ausnahme: SDA) von 2007 ihrerseits aus Duden und Wahrig 2006 zusammengeschnitten ist. Dennoch gewinnt der Wahrig eine starke Position, weil erstmals wieder ein für die Zeitungsredaktionen und -korrektorate brauchbares Wörterbuch zur Verfügung zu stehen scheint.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.06.2009 um 20.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7715

Im wirklichen Leben nennt man so etwas fabrikneuen Schrott.

 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 17.06.2009 um 19.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7714

Die 25. Auflage? So schnell veraltet unsere Rechtschreibung? Sind die neuesten Modelle also Schrott und schon in die Brüche gegangen? Wie seltsam, daß ältere Exemplare (zum Beispiel Baujahr 1968) immer noch "fahrbar" sind und in der Praxis keineswegs versagen ...

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2009 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7713

Zum Thema "Nachahmung": Im Herbst soll auch das "Herkunftswörterbuch" von Wahrig erscheinen - der Einband ist genau im selben Blauton gehalten wie das "Herkunftswörterbuch" von Duden. Es hat schon Gerichtsverfahren wegen geringerer Ähnlichkeiten gegeben ...

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2009 um 17.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7712

Der Wahrig wird auf der Verlagsseite mit einem Satz aus der Rezension von Heike Schmoll (F.A.Z. 22. 7. 2006) beworben:
„Das Rechtschreibwörterbuch Wahrig bildet die von den Kultusministern verordnete Schulorthographie zuverlässiger ab als der Duden.“
Dieser Satz war dem Verlag offenbar so wertvoll, daß er den reformkritischen und daher geschäftsschädigenden Zungenschlag überhörte.

 

Kommentar von Christian Dörner, verfaßt am 17.06.2009 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7711

Durch die Entfernung sämtlicher Hinweise auf die Änderungen der Rechtschreibung bezüglich der bewährten Orthographie und den Neuregelungen von 1996 und 2004 sowie der voraussichtlichen Herausnahme der Übersichtstabellen läßt sich durchaus Platz für 5000 Neueinträge schaffen.

Interessanterweise wird auch beim neuen Wahrig die Seitenzahl (wie schon 2006) exakt 1216 betragen, und auch dieser wirbt mit 5000 neuen Wörtern (wenn auch immer noch 5000 weniger als der Duden).

Während die Dudenredaktion nach wie vor auf die eigenen Variantenempfehlungen setzt, hofft Wahrig auf eine Steigerung seines Marktanteils durch konsequente Empfehlung der von der dpa bevorzugten Schreibweisen:

Das Standardwerk "WAHRIG Die deutsche Rechtschreibung" erscheint jetzt topaktuell um zahlreiche Neologismen erweitert - und mit den Empfehlungen der deutschsprachigen Presseagenturen bei Schreibvarianten.

Aufgrund dessen wird sich der Wahrig sowohl von seinen Empfehlungen 2006 als auch von seiner eigenen Hausorthographie, welche wiederum davon abweicht und inzwischen kostenlos im Internet herunterzuladen ist, verabschieden müssen.

Der Duden wird somit wie schon 2006 80er-Jahre, Albtraum, bei Weitem, mithilfe usw. empfehlen, während sich Wahrig auf 80er Jahre, Alptraum, bei weitem, mit Hilfe usw. festlegen wird.

Zur Einheitlichkeit der Rechtschreibung wird die Veröffentlichung der beiden Wörterbücher mit Sicherheit nicht beitragen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2009 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7710

Ob der neue Wahrig das delirierende Vorwort von Zehetmair beibehält (vgl. hier)?

Der Duden hat meiner Ansicht nach gar keine andere Wahl, als den Zwei- oder Dreifarbendruck einzuführen: Vierfarbendruck ist für ein Rechtschreibwörterbuch tödlich – wie vorausgesagt und eingetreten. Einfarbig geht auch nicht, weil die Unmenge kommentarlos nebeneinandergestellter Varianten die Kunden in den Streik treibt. Andererseits muß die Amtlichkeit gewahrt, also jede Variante angegeben werden. Die vielgerühmten Dudenempfehlungen müssen also bleiben, auch wenn vielleicht nicht mehr dasselbe empfohlen wird wie vor drei Jahren. Hinzu kommen wahrscheinlich die Infokästen in Grau oder Blau.

Woran ich anläßlich der Dudenpleite noch gar nicht gedacht habe: Der Wahrig erscheint ja tatsächlich auch unter dem Namen Cornelsen – da wird man doch auf die Dauer nicht die beiden Konkurrenzprodukte im selben Hause herstellen? Das kann ja noch spannend werden. Mir fehlt leider der Überblick, wie gut die Marke Wahrig insgesamt etabliert ist. Die beiden parallelen Buchserien – Original und krampfhafte Nachahmung – lassen sich wohl kaum gewinnbringend verkaufen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2009 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7709

Die Seitenzahl des neuen Duden ist immerhin unverändert ...

 

Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 17.06.2009 um 14.15 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7708

Duden und Wahrig – upgedated: 2

Ich muß mich in einem Punkt korrigieren: siehe meinen Eintrag von gestern.

Der neue "Wahrig" ist auch für Juli angekündigt – nicht schon für Juni, wie ich mit Blick auf das Datum des Gütersloher Werbebriefs (der früher als der Mannheimer eintraf) versehentlich mitteilte.

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.06.2009 um 20.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7707

Hört ihr Leut‘ und laßt euch sagen, das Haus Wahnschrieb tut zu wissen kund:

Duden - Die deutsche Rechtschreibung
Das umfassende Standardwerk auf der Grundlage der neuen amtlichen Regeln
ISBN: 978-3-411-04015-5
25. Auflage
1216 Seiten
21,95 € (D)
22,60 € (A)
38.80 CHF
Voraussichtlich lieferbar ab
Juli 2009
Die 25. Auflage des umfassenden Standardwerks ist so zuverlässig wie immer und so umfangreich wie nie zuvor: Rund 135.000 Stichwörter, davon 5.000 neue Wörter, über 500.000 Beispiele, Bedeutungserklärungen und Angaben zu Worttrennung, Aussprache, Grammatik, Etymologie und Stil lassen keine Fragen offen. In 400 übersichtlichen Infokästen werden schwierige Zweifelsfälle anhand von Beispielen ausführlich erklärt. Bei mehreren zulässigen Schreibweisen helfen gelb markierte Dudenempfehlungen. Neu: der Sonderteil mit wissenswerten Informationen rund um den deutschen Wortschatz.
(www.duden.de)

Und wieder Lügen über Lügen aus Mannheim. Wer hat denn bitte behauptet, der Duden sei noch zuverlässig? Und gerade die berüchtigten „Angaben zu […] Grammatik, Etymologie und Stil“ lassen mehr als eine Frage offen. Und warum sollen „[b]ei mehreren zulässigen Schreibweisen“ ausgerechnet die Mannheimer helfen? Was für eine Selbstüberschätzung!

 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.06.2009 um 19.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7705

Sehen Sie, Herr Albert (vgl. hier), natürlich zieht das bananengelbe Buch nach, so lange das noch geht.

Aus Kostengründen ist diesmal wohl der Vierfarbdruck durch schlichte Bananenfarbe ersetzt worden. Aber dafür tut die Dudenredaktion nun durch die Anordnung so, als würde alle bereitwillig (bereit willig) ihren sogenannten Empfehlungen folgen. Das meinte also Herr Wermke damit, daß der Duden die Akzeptanz der Reform stärken wolle.

Aber auch die Durchsetzung mit Brachialgewalt, weitere überflüssige Dudenauflagen und das Ausblenden von anderen Schreibweisen werden am faktischen Scheitern der Reform nichts ändern. Die Reform selbst, die Reformer und deren Durchsetzer sollten endlich in den letzten Resten der ihnen verbliebenen Ehre abtreten. Je länger sie ihren Abgang mit albernen Auflagen und Aufgüssen einer Totgeburt hinauszögern, desto lächerlicher machen sie sich.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.06.2009 um 19.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7704

Leidfäden für die Deutsche Leidkultur

 

Kommentar von Kurt Albert, verfaßt am 16.06.2009 um 19.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=618#7703

Duden und Wahrig – upgedated!

Nicht am 1. Juli, aber wenig später, am 21. Juli wird "Duden 1", um ein paar neue Stichwörter bereichert und, wie der Eingangsartikel vermerkt, um einiges bereinigt, herauskommen. Wir warten ja alle sehnlichst darauf.
Dazu in einem "Medienpaket", preiswert und als Verkaufsschlager aufgezäumt (manche Verlage verkaufen Bücher ja schon kiloweise). Auch die Grammatik und anderes wird kostengünstig angepriesen ... Mein Gott, was müssen sich Dudenredaktion und -marketing ins Zeug lassen – Argumente der Ladenkasse.

Der "Wahrig" sitzt ihnen im Nacken und ist ja für Ende dieses (diesen?) Monats angekündigt. (Zu Cornelsen sage ich hier kein Wort.)

Geht es nur mir so: ein trostloses Schauspiel, eine ernüchternde Veranstaltung? (Pardon, ein Event. Ob wenigstens der "content" okay ist?) Hat ein Wort wie "Schriftkultur" noch einen Sinn?

 

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