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13.10.2015
 

Gunnar Schupelius
Warum können Berliner Grundschüler nicht mehr richtig schreiben?

An vielen Grundschulen lernen die Kinder das Schreiben nach Gehör. Gunnar Schupelius vermutet, dass das mit größter Wahrscheinlichkeit die Kinder verwirrt.

Wissenschaftler fanden heraus, dass Berlins Grundschüler in der 3. Klasse immer noch große Probleme mit dem Schreiben haben. Eine Überprüfung von 22.000 Schülern ergab 2014, dass 64 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund und sogar 45 Prozent der deutschstämmigen Schüler kaum schreiben können.

Die Ergebnisse wurden jetzt auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck bekannt. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) erwartet nun, dass die Fachbereichsleitungen für Deutsch „ihre Unterrichtsmethodik verändern“. Die CDU-Politikerin Hildegard Bentele stellt die Methode insgesamt infrage, nach der unsere Kinder Schreiben lernen.

Während die Ansage der Senatorin eher vage klingt, trifft Frau Bentele den Kern. Ja, es ist mit größter Wahrscheinlichkeit das sogenannte Schreiben nach Gehör, was an vielen Grundschulen angewandt wird und was die Kinder offenbar verwirrt hat.

Nach dieser Methode bekommen sie eine Tabelle mit Anlauten, auf der jedem Buchstaben ein Tier oder ein Gegenstand zugeordnet ist. Mittels der Bildchen sollen sie Buchstaben zusammensuchen und aus ihnen Wörter bilden.

Die Wörter sollen sie aufschreiben, wie sie wollen, nach dem Motto: „Schreibe, wie du sprichst, der Rest kommt von allein.“

Die Schüler schreiben also in einer frei erfundenen Lautschrift. Man korrigiert sie im ersten Schuljahr nicht. Danach sollen sie korrekt schreiben lernen und das geht dann schief. „Der Rest“ kommt eben nicht „von allein“.

Es ist im Grunde eine vollkommen absurde Methode. Sie wurde vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen erfunden, der auch dafür plädierte, Kinder sollten das Alphabet in beliebiger Reihenfolge lernen.

Seine Ideen hielten Einzug in die deutschen Klassenzimmer und verursachten enorme Probleme. 2013 erklärte der Grundschulexperte Günter Jansen in einem „Spiegel“-Interview die Methode für „falsch“. Wenn sich Kinder erst eine chaotische Art des Schreibens angewöhnt hätten, sei es eben nicht mehr möglich, ihnen danach noch die richtige Schreibweise beizubringen.

Für Berlins Schulpolitiker kann diese Erkenntnis nicht neu sein. Warum aber wurde dann nicht längst die Notbremse gezogen und beschlossen, das Schreiben nach Gehör wieder abzuschaffen? Warum mussten die Schulkinder noch einmal tief fallen?

Eine Reform nach der anderen wird in dieser Stadt durch die Schulen gejagt. Kein Reformpädagoge wird für die Schäden zur Rechenschaft gezogen, die er angerichtet hat. Alles wird in unserem Land sorgfältiger geprüft, bevor es in den Verkehr kommt, als eine neue Lernmethode.

Die Pädagogen und Schulpolitiker haben es geschafft, dass unsere Kinder nicht mehr schreiben können. Das muss man sich mal vorstellen. Das geschah mitten in Deutschland, das einst für seine gute Ausbildung weltweit anerkannt und berühmt war.


Quelle: B. Z.
Link: http://www.bz-berlin.de/berlin/kolumne/warum-koennen-grundschueler-in-berlin-nicht-mehr-richtig-schreiben


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Kommentare zu »Warum können Berliner Grundschüler nicht mehr richtig schreiben?«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2015 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10300

Man kann "Methoden" nicht beurteilen, wenn man nicht hieb- und stichfest ihren Erfolg oder Mißerfolg erprobt hat. Darüber haben wir schon gesprochen. Von gebildeten Laien wird mir ständig vorgejammert, wie schlimm die Methode Reichen sich ausgewirkt habe. Ich lenke dann schnell vom Thema ab, weil ich es nicht mehr hören kann.

Es ist im Grunde eine vollkommen absurde Methode. Sie wurde vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen erfunden, der auch dafür plädierte, Kinder sollten das Alphabet in beliebiger Reihenfolge lernen.

Wir haben (1950) nicht nach Reichen gelernt. Ich bezweifle, daß unsere Volksschullehrer überhaupt eine Methode hatten. Sie gingen nach einer Fibel vor, und wir krakelten Buchstaben mit dem Griffel auf die Schiefertafel, aber nicht in der Reihenfolge des Alphabets, sonst hätten wir ja nicht OMA und MIMI schreiben können. Dann schrieben wir auf eigenes Risiko weiter - nach Gehör. Schon sehr bald konnten wir alle schreiben.


Kommentar von Der Tagesspiegel, 31. August 2015, verfaßt am 02.11.2015 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10303

Berlins Schüler im Vergleich
Schreiben ungenügend
Von Susanne Vieth-Entus

Bei Vergleichsarbeiten bleibt jeder zweite Schüler unter den Mindeststandards. Ein weiteres Problem: Lehrer sind nicht auf Kinder von Flüchtlingen vorbereitet.

Wenn Berlins Schüler an diesem Montag ihre Füller aus der Sommerpause holen und wieder versuchen, ohne Smartphone zu schreiben, dürfte bei den Lehrern die Urlaubsstimmung schnell vorbei sein: Die Schüler schreiben nämlich miserabel.

Dies ist zumindest das jüngste Ergebnis der Vergleichsarbeiten in den dritten Klassen. Demnach erfüllt die Hälfte der Drittklässler nicht einmal die Mindeststandards, die die Kultusministerkonferenz für die Rechtschreibung angesetzt hat: Sie können demnach maximal „lautgetreu“ schreiben, bringen also nur zu Papier, was sie hören. Der „Stuhl“ wird dann zum „schtul“, das „Fahrrad“ mutiert zum „varat“. Fachleute nennen das Ergebnis, das bisher nur verwaltungsintern diskutiert wurde, „alarmierend“.

An der Vergleichsarbeit, „Vera 3“ genannt, hatten 2014 rund 23.000 Schüler teilgenommen. Ausgewertet wurde sie vom Institut für Schulqualität (ISQ) Berlin-Brandenburg. Dabei kam auch heraus, dass selbst von den deutschstämmigen Schülern 45 Prozent an der untersten Hürde hängen bleiben. Bei den Klassenkameraden anderer Herkunftssprachen sind es 64 Prozent.

Ergebnisse in Brandenburg besser

Obwohl Vera 3 bundesweit geschrieben wird, ist ein Ländervergleich nicht möglich, da die meisten Bundesländer ihre Ergebnisse – anders als Berlin und Brandenburg – nicht veröffentlichen. In Brandenburg werden zudem keine separaten Zahlen für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund erhoben. Hier gibt es nur einen Gesamtwert für alle Schüler. Demnach schafften im Nachbarland 42 Prozent der Drittklässler die Mindeststandards nicht. Durch eine parlamentarische Anfrage der Linken in Schwerin war zudem herausgekommen, dass in Mecklenburg-Vorpommern 37,4 Prozent der Kinder auf unterstem Level schreiben.

Besser als bei der Orthografie steht es ums Lesen. Hier waren in Brandenburg nur 16 Prozent auf der untersten Kompetenzstufe, in Berlin wurden 26 Prozent ermittelt. Aber auch beim Lesen sind die Kinder anderer Muttersprachen extrem benachteiligt: 45 Prozent können nicht im Entferntesten mithalten.

Dass diese Befunde nicht von der Senatsverwaltung für Bildung veröffentlicht wurden, sondern auf der Homepage des ISQ abgerufen werden müssen, liegt daran, dass Vera 3 in erster Linie nicht für die Öffentlichkeit, sondern für die Schulen gedacht ist: Sie sollen erfahren, wie es um ihre Schüler bestellt ist, um gezielter nacharbeiten zu können. Denn zum Ende der Klasse 4, wenn die Kinder bundesweit üblicherweise die Grundschule verlassen, sollen alle wichtigen Grundlagen für das Lesen und Schreiben gelegt sein.

„Es hapert bei den Lehrern offensichtlich an der Methodik“

Die Vera-Aufgaben orientieren sich daher am Anspruch der 4. Klasse, was bedeutet, dass sie von den Drittklässlern gar nicht befriedigend gelöst werden müssen. Das ISQ betont zudem, dass gerade bei der Rechtschreibung bis Klasse 4 noch „deutliche Kompetenzzuwächse“ zu erwarten seien. Dass allerdings die Hälfte der Schüler die Mindeststandards nicht schafft, ist weit von dem entfernt, was in Klasse 3 erwartet wird.

„Es hapert bei den Lehrern offensichtlich an der Methodik“, lautet die Einschätzung eines Schulrates, der nicht namentlich genannt werden möchte. Es müsse erheblich mit Fortbildungen nachgearbeitet werden, wenn man an diesen Befunden etwas ändern wolle. Das fehlende Handwerkszeug vieler Lehrer führe zum Beispiel dazu, dass Kindern eine pathologische „Lese-Rechtschreib-Schwäche“ attestiert werde, obwohl sie einfach nur schlechten Unterricht gehabt hätten. Berlins Lehrer können die Methode selbst wählen.

Barbara John beklagt fehlende Forschung

Ein weiteres Problem besteht in den weiterhin großen Rückständen der Kinder mit Migrationshintergrund, die rund 35 Prozent eines Jahrgangs ausmachen: Trotz jahrelangen Kitabesuchs gelingt es noch immer nicht, diese Kinder an das Leistungsniveau der deutschstämmigen Kinder heranzuführen. Zwar gibt Berlin jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag für Sprachförderung aus. Aber der Leistungsabstand zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund wird kaum kleiner.

Das hat zum einen damit zu tun, dass überproportional viele Migranten aus bildungsfernen Schichten kommen und zu Hause kaum gefördert werden können. Berlins ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John nennt aber noch einen weiteren Grund: Die Lehrer wüssten nicht gut genug, wie „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) zu vermitteln ist.

Endlich eine Professur - aber nur Junior

Tatsächlich gibt es in Berlin noch immer keine gut ausgestattete Professur für das Fach. Das sei ein „entscheidender struktureller Fehler“, urteilt John. Berlin habe renommierte DaZ-Fachleute gehen lassen – an andere Universitäten, die sich der Aufgabe annehmen wollten. Selbst die Stadt Bielefeld, die weniger Einwohner als Berlin Schüler hat, leistet sich seit 2008 eine DaZ-Professur. In Berlin gibt es seit 2013 lediglich eine Juniorprofessur. Die entsprechende Wissenschaftlerin engagiert sich zurzeit im Mercator-Projekt "Sprachen-Bilden-Chancen", das sich seit 2014 mit den DaZ-Modulen der Lehramtsstudenten beschäftigt: für Fachleute immerhin ein Hoffnungsschimmer. Eine besser dotierte Stelle wurde zwar ausgeschrieben, ist aber befristet.

Angesichts von rund 150.000 Schülern mit Migrationshintergrund und ihrer anhaltend schlechten Ergebnisse in allen Leistungsvergleichen stellt sich für viele Fachleute die Frage, wie die Stadt den mindestens 5000 Flüchtlingen gerecht werden kann, die ab diesem Montag in den Willkommensklassen angemessen gefördert werden sollen. „Ich würde diese Klassen eher ,Verzweiflungsklassen‘ nennen“, sagt FU-Grundschulforscher Jörg Ramseger, „denn die Lehrer sind hilflos und die Behörde auch“. Seines Erachtens müssten die Lehrer viel mehr Supervision und Unterstützung bekommen, um die Arbeit in den Willkommensklassen meistern zu können.

(www.tagesspiegel.de)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2015 um 04.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10304

Ein Studium von "Deutsch als Zweitsprache" ist überflüssig. Die allgemeine Lehrerausbildung und ein gutes Lehrbuch genügen. Ich habe selbst an der Besetzung von Professuren für DaZ mitgewirkt und deren Treiben jahrzehntelang beobachtet. Das bringt nichts. In den Studienordnungen war und ist z. T. immer noch die rudimentäre Kenntnis der einstigen Gastarbeitersprachen vorgesehen, offensichtlich heute völlig überflüssig. Man sollte die deutsche Grammatik kennen und geschickt im Erklären sein, eine gewisse Autorität ausstrahlen wie jeder Lehrer (um nicht wegen der Disziplin zugrunde zu gehen) und eine freundliche Grundhaltung haben.

Selbst wenn meine Frau Arabisch könnte wie die meisten ihrer jugendlichen Schüler, dürfte sie es nicht anwenden, weil dann die Minderheit der Sprecher von Paschto, Urdu usw. protestieren würde. Daß es auch anders geht, ist geradezu die Grundlage des heute erforderlichen Unterrichts.

An der Zuverlässigkeit des Lehrwerks hapert es sehr. Man fragt sich, ob die neuen Lehrwerke wie "Menschen" überhaupt einmal erprobt worden sind. Daß im Buch z. B. vorn steht, auf der CD jedoch vorne gesprochen wird, ist nur eine von vielen Kleinigkeiten, die zusammengenommen ungemein stören. Unter die Übungen zu finden ist ein Beispiel gemischt, das plötzlich die übertragene Verwendung (wie findest du das?) enthält - sehr verwirrend, und so auf Schritt und Tritt.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.11.2015 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10305

Eine besondere Eigenart der deutschen Sprache sind die Mehrfachbedeutungen sehr vieler Wörter, ähnlich wie im Altgriechischen. Beispiel: Wie fanden Sie das Schnitzel? Ganz zufällig unter dem Salatblatt.


Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 04.11.2015 um 21.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10306

TIME-Reporter: "Wie funktioniert der Heisenberg-Kompensator?" Star-Trek-Techniker Okuda: "Er funktioniert sehr gut, danke."


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2015 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10307

Interessante Frage: Gibt es im Griechischen mehr Polysemie/Homonymie als anderswo? Mir ist es nicht aufgefallen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.11.2015 um 18.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10308

Ich habe den Eindruck, daß ähnlich wie bei vielen englischen hard words, bei denen aus dem Lateinischen nicht die ganze Wortfamilie, sondern nur eine Spezialbedeutung ins Englische übernommen wurde, auch bei vielen altgriechischen Wörtern nicht das gesamte Bedeutungsspektrum, sondern nur eine von mehreren Bedeutungen ins Deutsche übernommen wurde. Beispiel probläma: ursprünglich Küstenvorsprung, Vorgebirge, Klippe, dann Waffe, Speer und dann Vorwand, Schwierigkeit, Streitfrage. Nur die letzten beiden Bedeutungen werden im Deutschen benutzt.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2015 um 14.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10309

Logisch! Das kann bei Entlehnungen nicht anders sein. Das entlehnende Volk hat ja nicht im Wörterbuch nachgeschlagen, welche Bedeutungen das Wort sonst noch hat. Vgl. blitz im Englischen.


Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 06.11.2015 um 16.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10310

Wobei das englische blitz nun überhaupt keiner Bedeutung des deutschen Wortes entspricht. Wer allerdings Prob-lem trennt, weiß garantiert nicht, was das Wort eigentlich bedeutet. (Ähnlich auch, wie jüngst in der taz zu lesen, Pog-rom.)


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 06.11.2015 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10311

Ich weiß auch nicht, was Problem und Pogrom „eigentlich“ bedeuten. Ich könnte es natürlich nachschlagen. Das wäre mir aber im Augenblick zu lästig. Vorerst reicht es mir, daß ich weiß, was beide im Deutschen bedeuten.

Ich hätte trotzdem nicht so getrennt - allerdings aus phonetischen Gründen.


Kommentar von Friedhelm Klein, verfaßt am 06.11.2015 um 19.55 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10312

Über die Trennung "Prob-lem" muß man stolpern, weil man das Wort so nicht spricht. Habe zur Sicherheit bei Lenna und Iannis in der Pommesbude meines Vertrauens nachgefragt und bekam als Antwort nur ein Fingertippen an die Stirn ...


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2015 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10313

Die Silbentrennung haben wir schon oft besprochen. Soweit ich sehe, habe ich einen kleinen Text, der aus der Situation vor zehn Jahren zu verstehen ist, hier noch nicht eingerückt:


Ende des Wetttrennens? (April 2005)

In Kürze wird sich der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ mit der Silbentrennung befassen. Die Öffentlichkeit, verwöhnt durch die seriöse Trennpraxis der Zeitungen, kann sich kaum vorstellen, was die Rechtschreibreform in diesem Bereich angerichtet hat. Eigentlich marginal im buchstäblichen Sinn des Wortes, hat sich die „Worttrennung am Zeilenende“ (wie es jetzt pedantisch heißt) zum Hauptproblem der Wörterbuchmacher entwickelt. Um es nicht an verkaufsfördernder „Amtlichkeit“ fehlen zu lassen, haben sie schon 1996 einen Wettstreit um die vollständigste Angabe möglicher Trennstellen begonnen, der auch durch eine unveröffentlichte, 60 Seiten umfassende Liste halbamtlich vereinbarter Trennungen nicht beendet werden konnte. Im Gegenteil: gerade die neuesten Wörterbücher, z. B. das Duden-Fremdwörterbuch, schwelgen wieder regelrecht in Trennungen wie Dias-pora, Pant-ragismus, Pog-rom, Ref-reshing, Renek-lode, rest-rukturieren, Su-burb, Subsk-ript, Tee-nager. Es nutzt nichts, der Hydra einige Köpfe (wie Hämog-lobin, das 1996 zum Streitpunkt wurde) abzuschlagen, wenn sogleich hundert neue nachwachsen: a-brupt, O-blate, Obst-ruktion, Zirkumsk-ript ...
Das Problem ist nicht neu. Wir trennen zusammengesetzte Wörter zuerst nach ihren Bestandteilen, dann geht es wie bei einfachen Wörtern weiter nach Sprechsilben: Haupt-ver-samm-lung usw.
Bei Fremdwörtern galt bisher dasselbe, mit Ausnahme völlig integrierter Wörter wie Ka-te-go-rie, Epi-sode. Natürlich wissen heutzutage nicht einmal mehr alle Gebildeten, wie die klassischen und neoklassischen (d. h. erst in der Gegenwart aus antiken Bestandteilen gebildeten) Wörter wirklich zusammengsetzt sind. Die richtige Trennung war damit zu einer Bildungsfrage geworden. Die Rechtschreibreformer wollten nun verhindern, daß jemand sich durch naive Silbentrennung blamierte, und führten die Trennung nach Sprechsilben ein – allerdings ohne die „humanistische“ Trennweise zu verbieten. Weitsichtige Schulbeamte erkannten sofort die Gefahr: „Es könnte sein, daß zukünftig in zwei Klassen von Schreibern unterschieden wird: in eine Elite, die allgemeingebildet ist und größere Chancen z. B. bei Einstellungen hat, und in eine große ungebildetere Gruppe, die vereinfacht schreibt und geringere Aufstiegschancen besitzt.“ Genau dies geschah.
Die „erleichterte“ Silbentrennung berücksichtigt vor allem den Schreiber von Fremdtexten, der also den Wortschatz, den er zu schreiben hat, selbst nicht benutzt und nicht versteht, typischerweise die nach Diktat schreibende Sekretärin. Es nutzt ihr aber nichts. Die Professorin kann und wird nicht zulassen, daß die Schreibkraft ihren Text durch A-nurie, Ap-lanat, Apop-tose, Apos-t-roph, Herost-rat, Legas-thenie, Manusk-ript, Metas-tase, Me-töke, Monoph-thong usw. verunziert. Den Selbstschreiber berührt die Neuregelung noch weniger. Wer nicht weiß, wie z. B. Kontrition zusammengesetzt ist, wird es wahrscheinlich ohnehin nicht gebrauchen. Die vom Duden (2004) vorgeschlagene Trennung Kont-rition braucht er daher nicht in Anspruch zu nehmen.
Die neue Trennung unterläuft den Bildungsanspruch der Schule. Man sieht dies zum Beispiel an folgendem Eintrag im neuen Fremdwörterduden: A-nekdote „noch nicht Herausgegebenes“. Die beigegebene Erklärung entzieht der unsinnigen Trennung den Boden. Man mag die zweitklassigen Trennungen noch so hartnäckig für „auch möglich“ und „ebenso korrekt“ wie die morphologisch richtigen erklären – darin kommt doch nur eine unpädagogische Geringschätzung der lernbegierigen Jugend zum Ausdruck. Wer schlägt im Wörterbuch nach, wenn er dort nur findet, was er sich ohne genauere Kenntnis schon selbst hätte denken können?
Das Problem reicht aber noch tiefer. Es wurde schon gesagt, daß wir heute – oft über das Französische oder Englische vermittelt – unzählige Wörter aus antikem Material neu bilden.
Es ist widersinnig, ständig neue Wörter mit inter-, mikro-, pro- anti-, para-, bio-, öko- zu bilden und gleichzeitig so zu tun, als erkenne man diese Bausteine nicht wieder: Inte-resse, Mikros-kop, Prog-nose usw. Das Konklave, das jüngst aus gegebenem Anlaß so oft erwähnt wurde, trennt man nach dem Österreichischen Wörterbuch auch Konk-lave. Wem ist damit gedient?
Auch unsere modernen Nachbarsprachen sind betroffen. Während die Kinder immer früher und besser Englisch und Französisch lernen, tut die Rechtschreibreform so, als habe sie davon noch nie gehört. Im Österreichischen Wörterbuch findet man Trennungen wie malt-rätieren, in Langenscheidts Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache, nach dem auch Franzosen Deutsch lernen, steht schon gar nichts anderes mehr. Auch Chinesisch wird immer wichtiger, man hört es täglich im Rundfunk und möchte wohl gern wissen, wie die Wörter aufgebaut sind. Es heißt Lao-tse, Jang-tse und Mao-ismus, nicht La-ot-se, Jangt-se und Ma-oismus, wie der Duden uns einreden will. Wie auch immer man solche Wörter transkribiert, der Hoang-ho ist nun einmal zweisilbig zu sprechen, die Trennung Ho-ang-ho (schon im alten Duden) ist daher überflüssig und sinnlos.
Was deutsche Wörter betrifft, so dürfte schnell Einigung erzielt werden, daß die Abtrennung einzelner Buchstaben nichts gebracht hat und allgemein abgelehnt wird: Kore-akrieg, Ruma-roma, Musse-he; in Verbindung mit der ebenfalls sprachwidrigen, gegen die Silbengrenze verstoßenden Nichttrennung von ck sogar Dusche-cke usw. - das ist kindischer Unfug und muß wieder verschwinden.
Der reformierten Silbentrennung mag eine menschenfreundliche Absicht zugrunde liegen – bewirkt hat sie das Gegenteil. Man sollte sie einfach vergessen. Die Chancen stehen gut: der „Rat“ arbeitet unter dem Vorsitz des sprachmächtigen, humanistisch gebildeten Hans Zehetmair.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.11.2015 um 19.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10314

„Natürlich wissen heutzutage nicht einmal mehr alle Gebildeten, wie die klassischen und neoklassischen .... Wörter wirklich zusammengesetzt sind.“

„Die richtige Trennung war damit zu einer Bildungsfrage geworden.“

Mir scheint eher, daß die richtige Trennung schon zu alten Zeiten eine Sache des Nachschlagens geworden ist. Auch der Absolvent des humanitären Gymnasiums, ja selbst der Altphilologe, weiß nicht unbedingt wie das russische Wort pogrom zusammengesetzt ist.

Schlimmer noch: Schon im 19. Jahrhundert hat der Physiologe Du Bois-Reymond beklagt, daß viele Medizinstudenten (damals war das humanistische Abitur Voraussetzung für das Medizinstudium) nicht in der Lage waren, die Zusammensetzung der medizinischen Fachausdrücke zu erkennen.

Schließlich ist auch nicht recht einzusehen, warum man ehemals Epi-so-de trennen durfte, ja mußte, aber nicht Inte-resse trennen durfte.

Natürlich ist es skandalös, daß die Wörterbücher glauben, die strukturellen Trennungen nicht als solche kennzeichnen zu dürfen, und damit ihre Benutzer absichtlich im Dunklen stehen lassen.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.11.2015 um 22.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10315

Wenn der Schreiber deutsche zusammengesetzte Wörter nach Sprechsilben trennt und der Leser die Trennung nach Wortwurzeln vermutet, können ganz neue lustige Wortschöpfungen entstehen. Deshalb muß die Trennmethode am Textanfang mitgeteilt werden.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.11.2015 um 15.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10316

„Die richtige Trennung war damit zu einer Bildungsfrage geworden.“

Die richtige Trennung wird ja schon im bewährten Duden dadurch erleichtert, daß man bestimmte Konsonantenverbindungen, z. B. st, in Fremdwörtern außerdem Konsonant mit l, n, r, von der Trennung ausschließt. In der amtlichen Regelung von 2006 wurde daraus das Relikt:
$112 In Fremdwörtern können die Verbindungen aus Buchstaben für einen Konsonanten + l, n oder r entweder entsprechend § 110 getrennt werden, oder sie kommen ungetrennt auf die neue Zeile.

Was hat diese neue Regel für einen Sinn, abgesehen davon, daß sie sowieso wahlfrei ist?

Man darf also auch wie bisher Pro-blem trennen. Gut, aber was ist z. B. mit Astronomie? Eigentlich soll laut §110 nur der letzte von drei Buchstaben abgetrennt werden, also Ast-ronomie, aber hier greift nun mal erstens §112, und zweitens muß ja nach dem ungeschriebenen Gesetz der RSR wo immer ein st auftaucht dazwischen getrennt werden.

Im griechisch-lateinischen Vorbild stehen aber, ähnlich wie in der deutschen Ableitung Stern, st immer zusammen, während das r oft mit einem Vokal vom st abgesetzt ist. St gehören also hier enger zusammen als tr.

Der §112, der eigentlich eine Konzession ans Griechisch-Lateinische sein soll, führt also nach der Aufhebung des st-Trennverbots teilweise gerade zum Gegenteil, hier zur völlig danebenliegenden Duden-Empfehlung As-tronomie.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.11.2015 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10317

"Pogrom" ist ein Testwort für slawische Sprachkenntnisse: "grom" oder "hrom" bedeutet in fast allen slawischen Sprachen "Donner", und das Präfix "po" + Akkusativ bedeutet "nach" oder ähnliches.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2015 um 20.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10318

Das verstehe ich nicht ganz. Es gibt doch so viele slawische Wörter, warum sollte gerade dies ein Testwort sein? Und an welchen Test wäre zu denken?


Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.11.2015 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10321

Das gemeinslawische Wort "grom" oder "hrom" (mit kurzem "o") für Donnerschlag ist Lautmalerei und deshalb leicht zu merken.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2015 um 15.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10322

Ja, aber man muß sich auch an diese Herkunft erinnern, sonst hat man nicht viel davon. "Reichsdonnernacht"...


Kommentar von Friedhelm Klein, verfaßt am 11.11.2015 um 19.31 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10323

Kann es sein, daß viele absurde Worttrennungen bei der allzu lässigen Nutzung des Computersatzes entstehen? Habe neulich in einem Roman (gebundene deutsche Erstveröffentlichung 2015) folgende Trennungen bestaunen können: hi-neinziehen, Ja-ckson, Katas-trophe, To-ilette, Ul-lstein, Veter-an.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.11.2015 um 01.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10324

Trennungen wie hi-nein sind ja sogar von der RSR abgesegnet, aber ansonsten wundert mich auch, wie schlecht die programmgesteuerte Silbentrennung immer noch funktioniert. Ich stelle grundsätzlich immer alle automatischen Pfuschereien ab und setze in längeren Texten Trennstriche erst nach dem letzten Kontrollesen manuell ein.

Die Regel im bewährten Duden, welche Konsonantenverbindungen i. a. nicht zu trennen sind, habe ich hier nur zusammenfassend wiedergegeben. Eigentlich ist in R179 ganz genau aufgezählt, welche Konsonantenverbindungen mit l, n, r nicht zu trennen sind. U. a. gehört auch -str- dazu, was mich schon immer gewundert hat. Dadurch kann man z.B. Astro- nach den bewährten Regeln gar nicht trennen. Läßt sich das irgendwie, vielleicht vom Griechischen her, erklären? Verblüffend finde ich in dem Zusammenhang die Anmerkung zu Regel 182 des bewährten Duden, aus der hervorgeht, daß im Griechischen wohl sogar die Trennung as-tra erlaubt ist, was ja meiner zugegeben laienhaften These widerspricht, daß st (wegen Wörtern wie aster-) stärker zusammengehören als tr.


Kommentar von Pt, verfaßt am 12.11.2015 um 09.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10325

Wie nutzt man den Computersatz ''allzu lässig''?

Es kommt sicher auch auf das jeweilige Programm an.


Kommentar von KLaus Achenbach, verfaßt am 13.11.2015 um 18.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10326

Lieber Herr Riemer,

das str-Trennverbot des alten Duden ist offenbar eine Kombination des allgemeinen st-Trennverbots mit dem tr-Trennverbot bei Fremdwörtern.

Das st-Trennverbot galt nur für deutsche Wörter einschließlich der im Deutschen heimisch gewordenen Fremdwörter. Für sonstige Wörter aus Fremdsprachen („Zitatwörter“) galt es natürlich nicht - und erst recht nicht für ganze Texte. Daher sind die Regel 182 und die Trennung as-tra ganz folgerichtig.


Kommentar von Klaus Achenbach , verfaßt am 13.11.2015 um 19.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10327

Ich muß mich korrigieren.

Die Regel 182 schreibt die deutsche Trennung auch für einzelne fremdsprachige Wörter, ja für ganze Wortgruppen vor. Nur für längere fremdsprachige Textpassagen gilt auch die fremdsprachige Trennung. Die Trennung as-tra ist somit nur in solchen längeren Texten erlaubt.

Was Wortgruppen angeht, ist in dieser Regel ja ausdrücklich das Beispiel per as-pe-ra ad astra angegeben.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.11.2015 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10328

Ich denke, all diese Vorschriften oder Empfehlungen zur Nichttrennung bestimmter Konsonantengruppen waren und sind nichts als Daumenregeln. Mal passen sie gut, wie bei Kata-strophe, mal passen sie überhaupt nicht, wie bei der abgelehnten bzw. nicht empfohlenen Trennung von Ast-ronomie.


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 15.11.2015 um 18.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10331

Lieber Herr Riemer,

ich stimme Ihnen zu, was die Faustregel anbetrifft. Etwa auch bei der Nichttrennung von ph.

Der alte Duden hatte für das Wort Aphel nur die Aussprache [afe:l] und infolgedessen keine Trennung angegeben. Im Duden 2006 war auch [ap-he:l] mit Trennung zugelassen.

Letzteres geben auch die Englischen Wörterbucher an. Die Aussprache mit f wird als amerikanisch bezeichnet.

Inzwischen hat aber Duden-online anscheinend einen Rückzieher gemacht und gibt nur noch die Aussprache mit f an.

Verstehe ich Sie richtig, daß Sie nach wie vor die Trennung Ast-ronomie vorziehen? Ich empfinde As-tronomie als phonetisch wesentlich befriedigender.


Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.11.2015 um 23.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10332

Na ja, dann sind wohl Demons-tration oder Helikop-ter oder Pro-tagonist phonetisch auch besser? Man trennt ja doch lateinische und griechische Zusammensetzungen traditionell nach ihren Bestandteilen, was meiner Meinung nach auch sinnvoll ist, weil diese Sprachen nun mal "Mutter und Tante aller europäischen Sprachen" (Ickler) sind, also auch des Deutschen.

Solche Bestandteile haben wir aber nur z. B. bei Demon-stration (ich hoffe, das ist richtig?) oder bei Kata-strophe, das griech. Wort asteri ist keine Zusammensetzung. Nach deutscher Phonetik zu trennen, ist nun mal bei Wörtern aus dem Griechischen sehr gefährlich, man sieht es ja auch an As-tronomie: Was stärker zusammengehört, würde hier getrennt.

Man kann natürlich sagen, was geht es uns im Deutschen an, welche Konsonanten im Griechischen stärker zusammengehören. Aber da gibt es ja noch die Regel, daß von mehreren Konsonanten nur der letzte abgetrennt wird. Warum geht die Reform bei diesem Wort davon ab?

Ich würde also Ast-ronomie der Trennung As-tronomie vorziehen, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich den Teil Astro- überhaupt trennen würde. Vielleicht spricht etwas anderes dagegen?


Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 16.11.2015 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10333

Lieber Herr Riemer,

natürlich sind Helikop-ter und Prota-gonist im Deutschen die der Aussprache entsprechenden Teilungen. Das wollen Sie doch wohl nicht ernsthaft bestreiten. Ob man trotzdem nach griechischer Zusammensetzung trennen will, ist Geschmacksache.

Die Trennungen Demon-stration oder Demons-tration unterscheiden sich phonetisch nicht oder kaum. Phonetisch wäre Demonst-ration dagegen schlechter.

Sie wissen ja selbst nicht, was hier die „richtige“ Trennung ist. Aus den meisten Wörterbüchern kann man nur entnehmen, daß das Wort aus de- und monstrare zusammengesetzt ist. Wie setzt sich aber monstrare zusammen? Ein Blick in den alten Duden gibt keinen Aufschluß, denn die dortige Trennung Demon-stration hilft wegen des st-Trennungsverbots auch nicht weiter.


Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.11.2015 um 21.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10334

Ist das griech. Wort "asteri" (Stern) vielleicht aus "a-" (un-) und "stereos" (fest) gebildet, also "unfest", weil glühend, im Gegensatz zu den Planeten? Oder ist das ein Trugschluß? (In Genesis 1,8 steht in der Septuaginta "kai ekalesen ho theos to stereoma ouranon." (Und Gott nannte den festen Körper Himmel ...) Früher müssen da öfter Steine heruntergefallen sein.


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.11.2015 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10335

Nein, das ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich.

Die Etymologie des idg. Wortes Stern usw. ist nicht ganz klar, man hat immer wieder auf die Wurzel hingewiesen, die in Strahl, streuen (sternere, stronnymi) usw. enthalten ist, also Sterne als das Ausgebreitete. Das scheint zunächst weit hergeholt, aber es gibt Hinweise, daß die Sterne zunächst kollektiv benannt worden sind, wie im deutschen Ge-stirn, das ja erst später auch den einzelnen Himmelkörper bezeichnete. Paul Thieme hat eine ingeniöse Erklärung für das rätselhafte a- vorgeschlagen: es entspreche tiefstufig dem lat. sem-, gr. in heis usw. vorliegend, so daß der aster eigentlich ein "Einzelgestirn" wäre, wieder mit der Priorität des Kollektiven. Im Hethitischen zeigt das Wort einen laryngalen Vorschlag und ist eine der Stützen der Laryngaltheorie.
(Ich habe die Literatur nicht zur Hand, berichte alles aus dem Gedächtnis.)


Kommentar von Mittelbayerische, 5. Juli 2015, verfaßt am 30.11.2015 um 18.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10340

Die Krux mit der Rechtschreibung
Viele Schüler versetzten Diktate in Angstschweiß. Bei einem Diktatwettbewerb in Berlin brachte eher das Wetter das Schwitzen.

Berlin.Tschiwawa oder Chihuahua? Schreibt sich der Mini-Hund wie man ihn spricht? Vor einer Frage wie dieser standen am Freitag gleich mehrere Schülergruppen, die sich bei sehr sommerlichen Außentemperaturen einem Diktatwettbewerb stellten. Richtig oder falsch, das war am Ende in Berlin aber doch zweitrangig. „Ihr sollt euch nicht stressen“, sagt die Sprecherin des Duden-Verlags, Nicole Weiffen, als sie diktiert. Unterschiedlich schwere Texte je nach Alter verliest sie. Diese Begriffe waren Fälle für den Rotstift:

Seltenheiten

Hors d‘oeuvre, Deern, prophylaktisch, Pirouetten, Peripherie, Piranhas, Freesien. „Was? Nie gehört“, kommentiert eine Schülerin das Wort Thujahecken. Beim Satz „Mia hört gerne Kassetten“ fragt Weiffen: „Wisst ihr überhaupt noch, was Kassetten sind?“

Gross oder klein, getrennt oder zusammen?

Auf halbmast hängend, nervenzermürbend, tipptopp, beizeiten, nigelnagelneu, zurechtrückend. „’Angsteinflößend‘ - schreibt man das echt zusammen?“, fragt eine Lehrerin, die spaßeshalber mitschrieb und sich nun über einen ihrer nicht gerade wenigen Fehler wundert.

Doppel-S oder SZ?

In Schuss, Litfaßsäule, heißhungrig. Eine als Pippi Langstrumpf verkleidete junge Frau, die das Diktat begleitet, kapituliert: „Die Regel werde ich nie verstehen.“

Richtig, zulässig oder falsch?

Rechtschreib-Instanz ist seit langem der Duden-Verlag, der den Wettbewerb im Rahmen eines Festivals ausrichtete. Die Urfassung des Wälzers erschien 1880 - seitdem hat sich viel verändert. Ob die Rechtschreibreform der 90er das Schreiben vereinfacht oder erschwert hat, ist bis heute umstritten.

Laxe Regeln?

Kinder in vielen Bundesländern dürfen inzwischen in den ersten Schuljahren nach Gehör schreiben. „Man tut den Kindern keinen Gefallen“, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. Später umzulernen, sei schwierig. Klaus Wenzel vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht dagegen die Kreativität gefördert: Nach wenigen Schulmonaten könnten sich Schüler schriftlich ausdrücken, Fehler hin oder her. Aus Unis jedoch waren zuletzt immer wieder Klagen über eklatante Schreibschwächen der Studenten zu hören.

Diktatflauten?

In etwa einem Drittel der Bundesländer seien Diktate vorgeschrieben, Tendenz abnehmend, sagte Wenzel. Die Prüfungen lösten Negativgefühle aus, was die Leistungen schmälere, vor allem wenn sich „Lehrer als Fehlerfahnder statt als Schatzsucher“ sähen. „Ich habe bei meinen Schülern immer die Zahl richtiger Wörter daruntergeschrieben.“ Kraus vom Lehrerverband hingegen bringt den geschwundenen „Drill auf Rechtschreibung“ mit abnehmender Kompetenz in Verbindung. Auch, weil Schüler immer häufiger nur noch Lückentexte ausfüllen oder richtige Antworten ankreuzen müssten.

Von Hand schreiben

Immer weniger Kinder, beobachtet Josef Kraus. Das Smartphone haben die älteren Schüler auch bei Groß-Diktat parat. Ohne ein Selfie geht nichts. Manche bemalen ihre Diktatzettel großflächig, klein und krakelig dazwischen der Text. An finnischen Schulen soll die Schreibschrift-Pflicht 2016 gar verschwinden. Ein Irrweg, glaubt Kraus. Heute könnten Schüler mehrstündige Prüfungen kaum noch durchhalten. Heraus kämen unleserliche Texte. Schüler mögen das als Vorteil sehen: Mit etwas Glück fallen wenigstens die Fehler - der Sauklaue sei Dank - kaum mehr ins Auge. (dpa)

(www.mittelbayerische.de)


Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.02.2017 um 07.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=738#10794

Die meisten Lehrkräfte kombinieren verschiedene Methoden (Tagesspiegel über Schreibunterricht)

Ich bezweifle, daß man hier überhaupt von "Methoden" sprechen kann. Das ist so ähnlich wie bei Erziehungsmethoden. Man macht halt viel falsch und manches richtig. Aber mal ehrlich: Welche Methoden haben Sie gestern angewandt, als Sie den lieben langen Tag mit Ihrer Frau umgingen?

Da kommt die Dreijährige angelaufen und zeigt stolz ihre Schreibversuche nebst interpretationsbedürftigen Gemälden - was soll nun "methodisch" daraus werden?

Und es ist ein Glück, daß wir weder methodisch leben noch methodisch unterrichten. Nur in pädagogischen Utopien wird nach Methode erzogen, der reine Horror.





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