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Blüthen der Thorheit

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29.10.2013
 

Schmachthagens Reformpropaganda geht weiter
Schlossstadt: reichlich s-haltig, aber richtig

Treffen drei gleiche Buchstaben aufeinander, so bleiben sie erhalten. Das war früher anders, als die Schifffahrt noch eine Schiffahrt war.

Wenn bei Komposita (Wortzusammensetzungen) drei gleiche Buchstaben zusammentreffen, darf keiner von ihnen wegfallen. Aus "Schiff" und "Fahrt" wird Schifffahrt, aus "Sauerstoff" und "Flasche" wird Sauerstoffflasche, aus "Schloss" und "Stadt" wird Schlossstadt, und aus "fett" und "triefend" entsteht fetttriefend. Diese Regel der Rechtschreibreform ist so klar und einfach, dass nicht nur Klein Fritzchen, sondern auch Mehmet und Igor sie anwenden können, falls sie nach der Phase der Anlauttabellen und Buchstabenbögen in der 1. Klasse überhaupt noch für irgendwelche Regeln empfänglich sind.

Meine überaus geschätzte Kollegin Angelika aus dem Seitenflügel des 7. Stocks sah zweifelnd auf die drei t in "fetttriefend", runzelte die Stirn und erklärte kategorisch: "Das gab es früher nicht!"

Wenn jemand in diesem Zusammenhang von früher spricht, bedeutet das, dass er oder sie in der Erinnerung in den Komparativ gewechselt ist. Einst war alles besser, schöner, einfacher, kälter, wärmer oder billiger. Je älter meine Mutter wurde, desto verklärter gerieten ihre Erzählungen über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Im Sommer schien ausschließlich die Sonne, und im Winter lag der Schnee durchgehend so hoch, dass sie die Dorfschule im Nebenort nicht erreichen konnte.

Wörter mit drei gleichen Buchstaben hintereinander gab es bereits vor der Reform, eben fetttriefend, Sauerstoffflasche, Pappplakat, Auspuffflamme oder Balletttruppe, was einige Reformverweigerer nicht wahrhaben wollen. Ich schlug die 20. Auflage des Rechtschreibdudens von 1991 auf, die letzte vor der Reform, und präsentierte dort die Regel 204. "Das ist ja der blanke Horror!", staunte meine Kollegin, "aber Schiffahrt schrieb man damals doch mit zwei f?" Auch hierbei drohte eine böse Falle. Rutschte das Wort ans Zeilenende und musste getrennt werden, trat der dritte Konsonant wieder ein. Schiff-fahrt wie auch Brenn-nessel oder Wett-turnen wurden ergänzt.

Diese Kolumne soll sich mit der Sprache und den Regeln beschäftigen, die heute gelten. Ich musste jedoch schon einige Male in die orthografische Vergangenheit abschweifen, sodass jetzt zum Vergleich die vollständige Regel aufgeführt werden soll, wie sie bis 1998 richtig war, wie sie heute aber teilweise nicht mehr richtig ist: Treffen bei Wortbildungen drei gleiche Konsonanten zusammen, dann setzte man nur zwei, wenn ein Vokal (Selbstlaut) folgte. Stand hinter den drei gleichen Konsonanten noch ein anderer, vierter Konsonant, so fiel kein Buchstabe weg – also: "Ballettänzer", aber Balletttruppe.

Doch wie steht es mit dem "Ballettheater"? Es hätte doch eigentlich Balletttheater heißen müssen, denn mit dem h folgt ein weiterer Konsonant. Nein, th galt hier als ein Buchstabe, weil es sich um die Transkription des griechischen Buchstabens Theta handelte. Wahrscheinlich mussten die Schüler seinerzeit erst das Graecum ablegen, bevor sie auf die deutsche Rechtschreibung losgelassen werden konnten.

Noch einmal: Jetzt heißt die Regel kurz und eindeutig: Treffen bei der Wortbildung drei gleiche Buchstaben zusammen, so fällt keiner von ihnen weg. Wer diese Vereinfachung der Reform nicht einzusehen vermag, der gebe wenigstens nicht den Reformern die Schuld. Meine Kollegin schaute nach wie vor zweifelnd auf die Überschrift mit der "Schlossstadt" Ahrensburg. "Das sieht aber nicht schön aus", meinte sie. Mag sein. Eine Schreibweise ist jedoch eine Frage der Orthografie und nicht der Ästhetik.

Eine Ausnahme bilden früher wie heute die Wörter dennoch, Drittel und Mittag, weil sie nicht mehr als Komposita angesehen werden. Bindestriche sollten bei der Aneinanderreihung gleicher Konsonanten nur in Ausnahmefällen gesetzt werden, und wenn, dann sinngemäß: statt "Wertpapierkenn-Nummer" besser Wertpapier-Kennnummer.

Anders verhält es sich mit drei gleichen aufeinanderfolgenden Vokalen. Substantive werden gekoppelt wie Kaffee-Ersatz, Tee-Ernte, Hawaii-Inseln oder Schnee-Eifel. Dies gilt nicht für zusammengesetzte Adjektive und Partizipien: schneeerhellt, seeerfahren. Übrigens, für die konservativen Orthografen unter uns: Wenigstens die Regel mit den Vokalen hat die Rechtschreibreform unbeschädigt überstanden.


Der Verfasser, 72, ist "Hamburgisch"- Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags.


Quelle: Hamburger Abendblatt
Link: http://www.abendblatt.de/nachrichten/article121308908/Schlossstadt-reichlich-s-haltig-aber-richtig.html

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Kommentare zu »Schlossstadt: reichlich s-haltig, aber richtig«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.10.2013 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1177

Die marginale Dreibuchstabenregel läßt man sich nicht entgehen, wenn man zeigen will, wie logisch die Neuregelung ist. Das sei ihm geschenkt. Ein bißchen komisch ist, daß Ausnahmen wie Mittag mit derselben Begründung gerechtfertigt werden, wie sie die Reformer dekretieren, im Gegensatz zu den etymolisierenden Grübeleien, denen sie andere Wörter unterworfen haben.

"Bindestriche sollten bei der Aneinanderreihung gleicher Konsonanten nur in Ausnahmefällen gesetzt werden, und wenn, dann sinngemäß: statt 'Wertpapierkenn-Nummer' besser Wertpapier-Kennnummer."

Aber die Bindestrichschreibung von "Wertpapier-Kennnumer" hat doch gar nichts mit der Aneinanderreihung gleicher Konsonanten zu tun. Hier hat der Logiker Schmachthagen zwei Regeln unlogisch vermischt. Die Rede von den "Ausnahmefällen" ist auch frei erfunden, im Regelwerk sind die Fälle einfach als Kann-Bestimmungen angeführt.

"Anders verhält es sich mit drei gleichen aufeinanderfolgenden Vokalen. Substantive werden gekoppelt wie Kaffee-Ersatz, Tee-Ernte, Hawaii-Inseln oder Schnee-Eifel. Dies gilt nicht für zusammengesetzte Adjektive und Partizipien: schneeerhellt, seeerfahren. Übrigens, für die konservativen Orthografen unter uns: Wenigstens die Regel mit den Vokalen hat die Rechtschreibreform unbeschädigt überstanden."

So? Im amtlichen Wörterverzeichnis steht "Kaffeeersatz","Seeelefant" usw., und das legendäre "schneeerhellt" kann ich gar nicht finden. Sollte Schmachthagen hier alte Duden-Richtlinien fortgeschrieben haben?

Seit 1996 haben Kritiker die Kümmerlichkeit von Schreibweisen wie "Bett-Tuch", "Schiff-Fahrt" hervorgehoben. Allzu offensichtlich dient der Bindestrich nur dazu, aus einer mutwillig erzeugten Notlage wieder herauszukommen. Nur deshalb werden alltägliche und vollkommen übersichtliche Wörter dermaßen aufgebläht.

Ich rücke noch einmal meine 15 Jahre alte Stellungnahme hier ein:

Zur Drei-Buchstaben-Regelung

Die Reformer haben viel Aufhebens von der angeblich übermäßig komplizierten Regelung des Zusammentreffens von drei gleichen Buchstaben gemacht. Noch in der Stellungnahme des IDS für das Bundesverfassungsgericht vom 10.11.1997 wird dem Gegenstand breiter Raum gewidmet. Die Stellungnahme zählt nicht weniger als zwölf Regeln, mit denen der Duden bisher diesen Fall bedacht habe, Augst und Schaeder kommen in ihrer Verteidigungsschrift (Rechtschreibreform: eine Antwort an die Kritiker. Stuttgart 1997) immerhin auf zehn Regeln.
Die Neuregelung ist hier ohne Zweifel „einfacher“. Dennoch erfordert die Abwägung von Gewinn und Verlust ein tieferes Eingehen.
Vorauszuschicken ist, daß die praktische Bedeutung dieses Problems in keinem Verhältnis zu der umfangreichen Erörterung steht, die ihm in den beiden genannten Texten der Reformer zuteil wird. Wo es darum geht, den Vorwurf der unästhetischen Verdreifachung abzuwehren, stellen Augst und Schaeder selbst zutreffend fest: „Tatsächlich gebräuchlich sind nur wenige Wörter mit drei gleichen Buchstaben.“ Nicht verständlich ist die Fortsetzung: „Um so (!) gravierender fällt es ins Gewicht, dass die bisherige Regelung hier so umfangreich ist.“ Wenn die vielen Dudenregeln im Alltag keine Rolle spielen - warum soll man sich dann darüber ereifern? Sie gehen anscheinend bloß das Druckgewerbe an. - Daß, wie der Deutsche Philologenverband in seiner Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht meint, die Drei-Buchstaben-Regeln eine Hauptfehlerquelle für Schüler seien, ist sehr unwahrscheinlich. Im allgemeinen reichen die leicht behaltbaren Kennwörter Schiffahrt und Sauerstoffflasche aus. Selbst als berufsmäßiger Vielschreiber kann ich mich nicht erinnern, jemals Ballettheater oder ein vergleichbares Wort geschrieben zu haben.
Grundsätzlich liegen bei diesem Thema zwei Gesichtspunkte im Widerstreit, die man den logischen und den psychologischen nennen könnte. Logisch befriedigend ist es zweifellos, bei Wortbildungen alle Buchstaben zu bewahren. Wie ein witziger Kopf einmal schrieb, wäre ein in Tiergärten seiner Arbeit nachgehender Vogelkundler, der sich auf die Erforschung von Eiern spezialisiert hat, ein Zoooologe. (Mit sekundär gräzisierender Ableitung, die sich auf ähnliche Verfahren im neuen Regelwerk stützen könnte, wäre sogar ein Zooooologe begründbar.) Der Fall zeigt, worum es geht: Drei gleiche Buchstaben gelten als ästhetisch unbefriedigend und lesepsychologisch anstößig. Hierüber kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Immerhin fällt auf, daß andere Sprachen dergleichen nicht kennen oder ebenfalls vermeiden, so das Arabische, wo es leicht zu einem dreifachen l kommen könnte (Präposition li + Artikel al + Anlaut l des nächsten Wortes); hier wird regelmäßig vereinfacht. Bei drei m (Schwimmmeister) folgen neun Füßchen aufeinander, was besonders in der Handschrift einen unbefriedigenden Eindruck macht. Solche Beobachtungen lehren, daß die Vereinfachung nicht völlig unmotiviert ist.
Die „Logiker“ setzen sich darüber hinweg. Sie halten das Psychologisch-Ästhetische für weniger wichtig - eine Entscheidung, die man respektieren kann, aber eben auch nur eine Entscheidung. Wie die jüngste Diskussion, besonders der „Bericht der Kommission“ vom Dezember 1997, zeigt, hat die Neuregelung ihre Tücken, da der zur Entzerrung vorgesehene Bindestrich unerwünschte Folgen für die Groß- und Kleinschreibung zeitigt. Es ergeben sich nämlich unplausible Großschreibungen wie Armee-eigen, Genuss-süchtig. Sie haben die Reformer bewogen, eine ergänzende Empfehlung vorzuschlagen, die von der Bindestrichsetzung abrät. Auch wenn man das - um Regeländerungen zu vermeiden - nicht als neue „Regel“ bezeichnet, ist es eine. Bisher gab es hier kein Problem: armeeeigen, genußsüchtig. Die Nichtsetzung des Bindestrichs war bei Adjektiven laut R 36 der Normalfall, dadurch konnte die Groß- und Kleinschreibung nicht zum Thema werden.
Betrachten wir nun die Dudenregeln im einzelnen, um die Regelzählung der Reformer zu überprüfen.

R 36 Ein Bindestrich steht beim Zusammentreffen von drei gleichen Vokalen (Selbstlauten) in substantivischen Zusammensetzungen.
Kaffee-Ersatz, Tee-Ernte, Schnee-Eifel, Hawaii-Insel
Dies gilt nicht für zusammengesetzte Adjektive und Partizipien.
schneeerhellt, seeerfahren
Kein Bindestrich steht, wenn verschiedene Vokale oder nur zwei gleiche Vokale zusammentreffen.
Gewerbeinspektor, Energieeinsparung, Seeufer, Gemeindeumlage, Ve­ran­daauf­gang, polizeiintern, blauäugig, Seeaal, Bauausstellung, Klima­an­lage, Werbeetat, Augustaallee

R 204 Treffen bei Wortbildungen drei gleiche Konsonanten zusam­men, dann setzt man nur zwei, wenn ein Vokal (Selbstlaut) folgt.
Schiffahrt, Brennessel, Ballettheater (th, griech.[Theta] gilt hier als ein Buch­sta­be), wetturnen
Bei Silbentrennung tritt der dritte Konsonant wieder ein.
Schiff-fahrt, Brenn-nessel, Ballett-theater, wett-turnen
In den Wörtern „dennoch“, „Dritteil“ und „Mittag“ wird jedoch auch bei der Silbentrennung der Konsonant nur zweimal gesetzt.
den-noch, Drit-teil, Mit-tag
Nach ck darf k nicht ausfallen, und nach tz bleibt z erhalten.
Postscheckkonto, Rückkehr; Schutzzoll
Wo ein Mißverständnis möglich ist, kann ein Bindestrich gesetzt werden.
Bettuch (Laken für das Bett)
Bettuch oder Bet-Tuch (Gebetsmantel der Juden)
Folgt auf drei gleiche Konsonanten noch ein anderer, vierter Konsonant, dann darf keiner von ihnen wegfallen.
Auspuffflamme, Pappplakat, Balletttruppe, fetttriefend
Treffen drei s aufeinander, wenn ss als Ersatz für ß steht (z. B. bei einer Schreibmaschine ohne ß), dann werden immer alle drei s geschrieben, al­so auch bei folgendem Vokal.
Kongressstadt, Fusssohle, Masssachen
Dies gilt auch, wenn ein Name auf ss endet.
die Heussschen Schriften
Zum Zusammentreffen von drei gleichen Vokalen s. R 36.

Die Richtlinie 36 wird von A&S in zwei, vom IDS in drei Regeln aufgespalten, was zu insgesamt zwölf Regeln führt; doch gibt die Stellungnahme des IDS zu, daß die beiden Unterregeln zu 36 in Wirklichkeit nur Erläuterungsregeln sind. Anders gesagt: Es sind überhaupt keine eigenen Regeln. Ich selbst bin übrigens der Meinung, daß bei liberaler und sinngemäßer Auslegung von R 33 und R 35 auch Adjektivkomposita durch Bindestrich entzerrt werden können. Daß es normalerweise nicht geschieht, hat offenbar den Zweck, die oben beschriebene Kalamität Armee-eigen u. ä. zu vermeiden.
Die Behandlung von mehrbuchstabigen Fremdgraphemen wie griech. th könnte an einer anderen Stelle grundsätzlich geklärt werden, so daß es hier keiner besonderen Bestim­mung bedürfte (vgl. Gan-dhi, Ra-dscha usw., wo jeweils ein Buchstabe der Herkunftssprache durch mehrere lateinische Buchstaben wiedergegeben wird). Dem Duden muß ferner vorgeworfen werden, daß er nicht deutlich zwischen Lauten und Buchstaben unterscheidet. Sonst könnte man schon aus dem Wortlaut von R 204 ableiten, daß das h in -theater kein Konsonant ist und daher die Vereinfachung greift. Der Fall Ballettheater ist allerdings, wie gesagt, äußerst randständig.
„Bei Silbentrennung tritt der dritte Konsonant wieder ein.“
„Nach ck darf k nicht ausfallen, und nach tz bleibt z erhalten.“
Auch diese beiden „Regeln“ verstünden sich von selbst, wenn der Sinn der Vereinfachungsvorschrift, also die Vermeidung von drei gleichen Buchstaben unmittelbar hintereinander, an den Anfang gestellt würde.
Die Möglichkeit einer Bindestrichsetzung (IDS-Regel 6) versteht sich nach R 33 und R 35 ohnehin, es ist also keine weitere Regel.
Regel 7 (IDS-Zählung) wiederholt nur einen Teil der Hauptregel. Die Vereinfachung greift nur, wenn ein Vokal folgt (R 204), folglich greift sie nicht, wenn ein Konsonant folgt, tertium non datur.
Die Ausnahmen Mittag, dennoch und Dritteil werden in der alten wie der neuen Regelung angeführt. Sie ergeben sich daraus, daß die Wortbildung normalerweise nicht mehr durchschaut wird, manchmal aber wohl doch, so daß man meinen könnte, drei gleiche Buchstaben blieben erhalten.
Die Sonderregeln für die Ersatzschreibung ss = ß sind typographische Spezialitäten von rein technischer Bedeutung. Auch die Neuregelung hat mit solchen Besonderheiten zu tun.

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 30.10.2013 um 09.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1178

Man sollte diesen Herrn einmal mit der Nase auf das "Amtliche Regelwerk" stoßen und ihn fragen, woher er seine Regeln eigentlich bezieht.

Die "Dreibuchstabenregelung" ist nirgends ausformuliert.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.10.2013 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1179

"Eine Schreibweise ist jedoch eine Frage der Orthografie und nicht der Ästhetik."

Das ist ein sehr armseliger Standpunkt. Ich finde, die Ästhetik spielt gerade im Schriftlichen eine sehr große Rolle. Nicht nur die Handschrift oder der Zeichensatz trägt dazu bei, auch die Orthographie hat ästhetische Züge. Orthographie und Ästhetik werden sich immer gegenseitig beeinflussen.

 

Kommentar von B.Troffen, verfaßt am 30.10.2013 um 15.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1180

Schreibt man jetzt nicht "armseelig"?
Angesichts von Schriftkulturen wie der arabischen, chinesischen und anderer asiatischen kann man die deutsche nur noch verlottert nennen. Aussicht auf Änderung besteht keine, dafür fehlt weithin das Empfinden und Bewußtsein. Je nun, wir setzen andere Prioritäten, nicht nur auf diesem Kulturgebiet. Quantität geht über Qualität, z.B.

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 30.10.2013 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1181

Leider erkannten die Reformer und auch heutige Nachplapperer die Gründe für existierende orthographische „Problemlösungen“ der klassischen Schreibung nicht.

Ein solches Problem sind im Deutschen Dreifachbuchstaben, weil sie die Lesestolpersteine schlechthin sind: Nussschokolade, Missstimmung.

Unter der Prämisse, Geschriebenes hat nur den einzigen Zweck, möglichst flüssig und widerstandsarm gelesen werden zu können, wurde diesem Problem klassisch wie folgt begegnet:

Wahrscheinlich häufigster Fall ist das Zusammentreffen von drei s. Diesem Fall wurde mit der Adelungschen s-Schreibung begegnet. Am Wortschluß kann nur s oder ß stehen, dadurch werden sss-Konstruktionen verhindert. Das ß markiert optisch schön die Trennfuge. Die Adelungsche Schreibung hat außerdem den Vorteil, daß bei ss immer zwischen den beiden s getrennt werden kann. Nußschokolade, Großschreibung, Meßstreifen.

Zweithäufigster Fall sind drei Vokale, also z. B. eee. Man stellte fest, durch Weglassung eines Vokals können keine Mißinterpretationen entstehen, daher Reduktion auf zwei. Also Teei statt Teeei, Kaffeersatz statt Kaffeeersatz.

Dritthäufigster Fall sind drei Konsonanten mit folgendem Vokal. Auch diese Fälle können durch Weglassung gelöst werden wie drei Vokale. Also Schiffahrt statt Schifffahrt.

Am seltensten kommt der Fall drei Konsonanten mit nachfolgendem Konsonant vor. In diesem Fall kann es durch Weglassung zu Sinnverfälschungen kommen: z. B.: Fetttrichter – Fettrichter. Daher bleibt hier nichts anderes übrig, als vollständig zu schreiben.

All diese Zusammenhänge haben die Reformer leider nicht kapiert und zwangsweise die doofe und stolperverursachende Schreibung vorgeschrieben, die heute gelehrt wird: Nussschokolade, Kongresssaal, Teeei, Schneeerlebnis, Schifffahrt, Fetttube, Betttuch, usw.

Also – Verlust von Kernkompetenz!

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 30.10.2013 um 20.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1182

Passend dazu (wieder einmal) die "Redezeit" auf WDR5. Diese Woche ging es in einem Beitrag um die Radikalreformen in der Türkei unter Atatürk mit Einführung des Gregorianischen Kalenders (was so hübsche Grabsteinschriften mit sich brachte wie "geboren 1382, gestorben 1936") und der Lateinschrift. Der Gast verglich das mit der – natürlich sehr viel geringfügigeren – deutschen Rechtschreibreform und verwies auf die angeblich heftigen Debatten die geführt worden seien darum, ob "man Sauerstoffflasche nun mit zwei oder drei f schreibt". Ja, das sind so Debatten...

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 31.10.2013 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1183

Zweithäufigster Fall sind drei Vokale, also z. B. eee. Man stellte fest, durch Weglassung eines Vokals können keine Mißinterpretationen entstehen, daher Reduktion auf zwei. Also Teei statt Teeei, Kaffeersatz statt Kaffeeersatz.

Lieber Herr Strasser, wo haben Sie denn das her? Herr Ickler hat doch unten die alte Duden-Richtlinie zitiert.

Was den Rest angeht, haben Sie bezüglich des großen Vorteils der Adelungschen Lösung natürlich recht.

Was das übrige Alphabet betrifft, so kommen überhaupt nur drei weitere Buchstaben in Frage: f, p und t. Drei p dürften so selten sein wie eine Blaue Mauritius ("Pappplakat" dürfte eigens für die Duden-Richtlinien erfunden worden sein, ebenso "Balettheater" – theoretisch mögliche Beispiele, aber in der Wirklichkeit irrelevant). Geringfügig häufiger dürften Fälle mit drei s bzw. t auftreten – Sauerstoffflaschen werden ja für alle möglichen Zwecke benötigt, und fetttriefende Gerichte sind dank des unaufhaltsamen Vordringens von Friteusen für alle nur denkbaren Zubereitungswecke (in den USA gibt es bereits fritiertes Eis!) nicht eben selten. Aber sonst?

Es kommt aber noch etwas hinzu, das die Reformer überhaupt nicht bedacht zu haben scheinen, nämlich die Erschwerungen für Schüler, und zwar ganz besonders diejenigen, die nicht so gut im Lesen und Schreiben sind. Schon im Mittelalter hat man darauf geachtet, selbst zwei aufeinanderfolgende gleiche Buchstaben zu vermeiden (daher cz statt zz – unser tz beruht auf einer Verwechslung von c mit t – und ck statt kk), und deren drei sind auch in unserer heutigen, besser lesbaren Schrift ein echtes Lesehindernis – und außerdem Platzverschwendung.
Richtig haarig wird es dann für die Kleinen beim Schreiben, weil sie immer die Regel im Kopf haben und abzählen müssen. Gute Schüler haben damit kaum Probleme, aber weniger gute, die die Zusammensetzungen vielleicht gar nicht durchschauen, schauen in die Röhre. (Welcher rechtschreibschwache Schüler durchschaut schon "Roll(l)aden" oder "hell(l)icht"?) Wer schwächeren Grund- und Mittelstufenschülern schon einmal bei den Deutsch-Hausaufgaben geholfen hat, der weiß, was es für eine Qual ist, drei f, m, s oder t hintereinander zu schreiben (vor allem m und s) und immer gut aufzupassen, daß man auch ja nichts vergißt. Das hat auch mit Konzentration zu tun, die bei schwächeren Schülern meist etwas zu wünschen übrigläßt. Im Grunde genommen handelt es sich hier um eine neue Schikane für diejenigen, die ohnehin schon genug Probleme haben.

In meiner Schulzeit haben wir das Thema "Drei gleiche Konsonanten" in einer einzigen Doppelstunde abgehandelt, und unser Deutschlehrer hat uns zum Schluß gesagt, wenn wir hier einen Fehler machten, würde er das zwar verbessern, aber nicht als Fehler werten. Die uns beigebrachte Faustregel lautete: "Im Zweifel nicht mehr als zwei hintereinander, denn das ist fast immer richtig." Die Feinheiten sind eine Sache von Verlagen.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 31.10.2013 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1184

Die herkömmliche Dreibuchstabenregel ist nicht nur ästhetisch, sondern auch phonetisch. Man spricht ja nicht Brenn-Nessel, sondern eben einfach Brennessel ohne Unterschied zwischen den s und den n. Auch bei Zelleib oder Kraftstoffabrik ist die Schreibung aussprachegerecht nach dem bekannten "schreib wie du sprichst".

Die Behauptung, die Reformregel sei einfacher, ist auch zurückzuweisen. Gestrichen wurde die eine Regel, neu eingeführt wurden Sonderregeln für bestimmte Wörter, die dennoch nur mit zwei Konsonanten geschrieben werden. Zudem sind (ich erwähnte es schon einmal) vertiefte etymologische Kenntnisse nötig, um zu wissen, wie man etwa Schellack oder Wollust schreiben soll. Fazit: Eine einfache, logische und für alle Wörter geltende Regel wurde durch Spezial- und Sonderregeln für einzelne Wörter ersetzt.

Bei drei Vokalen hintereinander haben die Reformer einfach nur Chaos verbreitet. Schmachthagen richtet sich hier selbst: Die Regel "für zusammengesetzte Adjektive und Partizipien: schneeerhellt, seeerfahren" können ganz bestimmt Igor und Ahmed schon im zweiten Grundschuljahr perfekt beherrschen.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 31.10.2013 um 14.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1185

Außerdem ist die Regel – wie andere auch – im Praxistest durchgefallen, was Schreibungen wie Komisssar oder Hausssalami zeigen. Auch wenn es sich nur um Tippfehler handelt, nach der – einfachen – herkömmlichen Regel wären diese sofort getilgt worden. Erst die komplizierte Neuregelung macht Platz für Unsicherheiten.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2013 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1186

Wenn man statt "ästhetisch" sagt "psychologisch", wird gleich viel klarer, daß das fürs Lesen sogar sehr relevant ist.
Und auf die ergonomische Monstrosität von drei gleichen Buchstaben habe ich auch schon mehrmals hingewiesen, auch darauf, daß bei der Tastatur im Unterschied zur Klaviatur kein Fingerwechsel auf derselben Taste möglich ist. (Spielen Sie doch mal Scarlattis Sonate in d-moll L. 422 ohne Fingerwechsel!) Da muß man sich ja vertippen. (Nachtrag zu Scarlatti: Hier kann man sehen, wie es gemacht wird: www.youtube.com)

 

Kommentar von Pt, verfaßt am 04.11.2013 um 19.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1187

Zu #1183

Wurde früher nicht auch z. B. das ''m'' mit einem darübergesetzten Strich versehen, um ein Doppel-m anzudeuten? Hab ich mal irgendwo gesehen. Gibt es das heute noch?

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 05.11.2013 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1188

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich noch auf einer Stechuhr die Aufschrift "komt" mit Strich über dem m gesehen, aber inzwischen scheint das wirklich ziemlich ausgestorben zu sein.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2013 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1189

Außer diesem "Makron" gab es noch viele andere Abbreviaturen und Symbole, die vor allem in der Zeit des teuren Pergaments Platz sparten.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.11.2013 um 22.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1190

Als Beispiel für verkürzte Schreibungen kann das heutige kyrillische Ypsilon als Zeichen für den Laut [u] angeführt werden. Im Altkirchenslawischen wurde der Laut [u] zunächst aus dem Mittelgriechischen als Omikron Ypsilon übernommen. Daraus wurde später eine Ligatur als Ypsilon über Omikron. Bei der Schriftreform unter Zar Peter dem Großen (der heutigen Grazdanka) blieb dann nur das Ypsilon für [u] übrig.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 08.11.2013 um 23.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1195

"Diese Regel der Rechtschreibreform ist so klar und einfach, dass nicht nur Klein Fritzchen, sondern auch Mehmet und Igor sie anwenden können[…]"
Mehmet und Igor sind also zu doof für die bewährte Rechtschreibung. Die gleiche Annahme hatte Rust, als er an Piotr und Ivan dachte und immer auf zwei gleiche Konsonanten verkürzen wollte.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2014 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1321

Schmachthagen ergeht sich wieder in Reformpropaganda:

Übrigens sollten schon die Tertianer bei Professor Kreuzkamm die Pappplatten mit drei "p" schreiben. Drei gleiche Konsonanten hintereinander habe es früher nicht gegeben, wie einige Reformgegner ebenso laut wie falsch immer wieder verkündeten? Doch, die gab es, dann nämlich, wenn ein vierter Konsonant folgte: fetttriefend, Sauerstoffflasche, Balletttruppe.

Es geht um Erich Kästner, aber dieselben Beispiele hat Schmachthagen schon mehrmals besprochen. Auf welche unwissenden Reformgegner er sich bezieht, sagt er nicht.

Seinerzeit wäre – ob Sie's glauben oder nicht! – nummerieren mit zwei "m" ein Fehler gewesen. Es hieß "numerieren" wie auch "plazieren", während wir heute nummerieren wie Nummer und platzieren wie Platz schreiben. Allerdings hat das zweite "m" in der Fachsprache bis jetzt nicht landen können: Immer noch buchstabieren wir Numerus mit "m" in der Sprachwissenschaft als Zahlform für Singular oder Plural oder in der Mathematik als die Zahl, zu der der Logarithmus gesucht wird. Auch der Numerus clausus (zahlenmäßig beschränkte Zulassung) muss sich nach wie vor mit einem "m" begnügen.

"Ob Sie's glauben oder nicht!" – Numerus wird immer noch wie im Lateinischen geschrieben, aber das wird schon noch, wenn es nach Schmachthagen geht. Dann schreibt man auch Zitzero, wie man's spricht, das ist doch viel einfacher.

Es wirkt fast kindisch, wie er so auf modern tut und gar nicht mehr zu begreifen vorgibt, wie es in der Steinzeit war (vor 1996).

 

Kommentar von B.Troffen, verfaßt am 18.06.2014 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1322

Zu meiner Verblüffung stellte ich fest, daß die Schreibweise "nummerisch" nun schon in zahllosen Texten, auch mathematischen Fachtexten, auftritt. Wikipedia allerdinds macht da zwar noch nicht mit, aber Google ist nicht blöd und bringt bei Eingabe von "nummerische"
zuerst den Wikipedia-Artikel zu "Numerisch" und auch
sonst nur Treffer mit Schreibweise "numerisch", dazu aber ganz
oben die Frage, ob man wirklich die Treffer zu "nummerisch"
sehen wolle, und das sind angeblich 170.000.
Duden führt aber "nummerisch" durchaus auf, mit dem Vermerk "seltener", Betonung auf dem u, und dann die kompletten Beugungslisten mit mm.
Dieser ganze Unfug würde ohne Reform gar nicht existieren.

 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 18.06.2014 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1323

Schon wegen der total unterschiedlichen Betonung von numerisch versus nummerisch tu' ich mir schwer, mir vorzustellen, es handle sich um ein und dasselbe Wort. Nummerisch wäre für mich etwa analog zu buchstäblich, von der Notwendigkeit so eines Wortes einmal abgesehen.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2014 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1324

Nummerisch mit Anfangsbetonung hat der Duden meiner Erinnerung nach schon lange vor der Reform einzuführen versucht bzw. registriert, aber ich habe es immer für ein Phantom gehalten, jedenfalls nie irgendwo gehört.

Wenn ich darüber nachdenke, halte ich nummérisch mit Betonung auf der zweiten Silbe für widersprüchlich. Ungefähr so wie das früher verbreitete luthérisch. Deutsche Wörter kann man doch gar nicht so betonen. Also entweder Eindeutschung des Grundwortes oder fremdwörtliche Betonung der Ableitung.

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 19.06.2014 um 09.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1325

Duden, unreformiert (1986):

Numerale, Numeri, numerieren, Numerierung, Numerik, numerisch, Numero, Numerus, Numerus clausus;

Nummer, nummerisch, nummern

AR 1996:

Numerale

Numero

Nummer

*nummerieren

AR 2006:

Numerale

Numero

Nummer

nummerieren

Duden 2006:

Numerale

numerieren, Numerierung (beide als "alte Schreibung" gebrandmarkt)

Numerik, numerisch

Numerus

Numerus clausus

Nummer

nummerieren, Nummerierung (beides in Rotdruck)

nummerisch

nummern



Ein Hoch auf die Vereinfachung!

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.06.2014 um 23.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1326

Es soll auch Leute geben, die buchhaltérisch sagen.

 

Kommentar von R. H., verfaßt am 20.06.2014 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1327

Ja, "Leute" – aber was für Ticker (so Georg Kreisler) ist ein Poli-Ticker! Etwa Wolfgang Schäuble. Der sagt seit Jahr und Tag haushaltérisch und hält das für gediegenen Fachjargon.

www.youtube.com/watch?v=qnQwH9nNWLw (bei 32:39)

 

Kommentar von Roger Herter, verfaßt am 26.06.2014 um 00.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1328

Und im Sport ist das Wörtchen auch schon angekommen. Eben sagt ein Fußballreporter (zum Spiel gegen Honduras): Die Schweiz ist heute sehr haushaltérisch mit den Kräften. Na prima, wenigstens spielérisch.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.06.2014 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1329

Zu #1324: Wo kommt eigentlich die Aussprache "luthérisch" her? Ich könnte sogar mit "nummerisch" leben, nur sagt es keiner, und ich ja auch nicht. *numerisch* leitet sich für mich nicht von dem ganz eingedeutschten Nummer ab, sondern steht mit dem Fremdwort Numerus zusammen. Dagegen hätte ich nummerieren/Nummerierung meiner Aussprache gemäß und als instinktiv von Nummer abgeleitet wohl schon immer mit Doppel-m geschrieben, - obwohl ich natürlich auch das [u] in Numerus clausus kurz spreche.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.06.2014 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1330

luthérisch ist latinisierend. Die echt deutsche Erstsilbenbetonung führt organisch zu Kürzungen wie luthrisch, luthersch. Ich erinnere mich, luthérisch in meiner Kindheit oft gehört zu haben, es galt wohl auch in meiner Familie als richtiger oder gebildeter. Aber in den letzten Jahren habe ich es gar nicht mehr gehört, was vielleicht nicht nur mit dem Ortswechsel zusammenhängt.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 27.06.2014 um 16.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1331

Ja, mir ist auch aufgefallen, daß Leute, die davon wissenschaftlich redeten, auf einmal "lutherisch" sagten. Als Kind kannte ich nur römisch-katholisch, evangelisch-luthérisch (und "g.g." schrieb man da ja nicht mehr), aber all das sowieso meist nur zur Steuererklärung. Während "römisch-katholisch" Sinn ergibt – denn schließlich gibt es ja auch andere Arten katholisch –, wäre "auf evangelische Art lutherisch" doch sehr auffällig nicht der Lehre gemäß, – schließlich will man ja hier "auf lutherische Art evangelisch" sagen. Kann sein, daß für Nicht-Fachleute luthérisch damals als richtiger oder gebildeter galt, und so hörte ich wohl auch im Religionsunterricht lange was vom luthérischen Denken. Aber als es dann ernst wurde, gab's doch nur noch lutherisches Denken.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 01.07.2014 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1332

Es könnte sein, daß die sprachliche Unterscheidung zwischen "luthérisch" und "lutherisch" sogar die Lösung eines gewissen Problems anbot: "luthérisch" (auch wegen der latinisierenden Betonung) war, was das Gedankengut dieses Zweiges des Christentums besonders kennzeichnet (und das machte sich auch noch auf der Steuererklärung und bei anderen Bekenntnissen bemerkbar); "lutherisch" dagegen war mehr das, was die besondere persönliche Denkart dieses Reformators (ja auch in so manchem anderen) betraf. – Was hätte der normale Deutsche im 21. Jahrhundert dazu zu sagen?

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2014 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1333

Nach der ss/ß-Regel der Rechtschreibreform steht ss nach kurzem Vokal (Fluss), ß aber nach langem Vokal (Fuß), und zwar, anders als früher, in jedem Kasus und Numerus. Vor 1998 wurde uns noch zugemutet, vom "Fluß" in die "Flüsse" zu springen. (Schmachthagen HA 8.7.14)

Ja, das war ein großes Problem für die Deutschen, aber jetzt geht's uns gut.

(Was war eigentlich "1998"? Immer wieder diese Jahreszahl!)

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.07.2014 um 16.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1334

Die reformierte ß / ss -Regel setzt voraus, daß im ganzen deutschsprachigen Raum das gleiche Hochdeutsch gesprochen wird. Das ist aber nicht der Fall; es gibt bei den gesprochenen Vokal-Längen große landschaftliche Unterschiede. Die Österreicher sprechen Geschoß mit langem o usw.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2014 um 21.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1335

Gerade das ist im amtlichen Wörterverzeichnis berücksichtigt.

 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 09.07.2014 um 04.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1336

Das "ie" in "ließen" zeigt an. daß der Vokal vor dem [s] nirgends kurz gesprochen wird: "Brasília (dpa [= *Deutsche* Presse-Agentur; heute]) [...] Aber sie liessen sich nicht brechen".

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.07.2014 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1337

Dafür springen die Reformer jetzt in den fließenden "Fluss", sie schießen den "Schuss", gießen aus einem "Guss", reißen einen "Riss", beißen mit "Biss", und wie früher schreiben sie immer noch beflissen und mit Fleiß, beschissen und ohne Scheiß, ...

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 09.07.2014 um 16.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1338

Oder anders gesagt:
Aus fressen – frißt – fraß – gefressen wird fressen – frisst – fraß – gefressen,
aus reißen – reißt – riß –gerissen wird reißen – reißt – riss – gerissen,
aus schießen – schießt – schoß – geschossen wird schießen – schießt – schoss – geschossen.
Der Gewinn an Einheitlichkeit und Systematik ist deutlich.

 

Kommentar von ppc, verfaßt am 10.07.2014 um 14.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1339

>Die reformierte ß / ss -Regel setzt voraus, daß im ganzen deutschsprachigen Raum das gleiche Hochdeutsch gesprochen wird (,,)

Richtig. Zu meiner Schulzeit (in Norddeutschland) haben wir einen unserer Deutschlehrer noch insgeheim belächelt, weil er "Spaß" immer mit kurzem "a" und ganz langem "ssss" sprach. Heute bin ich der letzte noch lebende Bundesbürger, der "Spaß" mit langem "a" spricht, und neunzig Prozent schreiben es mit "ss". Aber Apfelsinen, Pampelmusen und Zwetschen gibt's ja auch nicht mehr, und sie sind durch Orangschn, Grehpfruht und Zwetsch_g_en ersetzt. Norddeutsch ist eben irgendwie voll, äh: komplett (!), "out".

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 10.07.2014 um 15.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1340

>>Oder anders gesagt:
Aus fressen – frißt – fraß – gefressen wird fressen – frisst – fraß – gefressen,
aus reißen – reißt – riß –gerissen wird reißen – reißt – riss – gerissen,
aus schießen – schießt – schoß – geschossen wird schießen – schießt – schoss – geschossen.
Der Gewinn an Einheitlichkeit und Systematik ist deutlich.<<

Wenn man das so darstellt, leuchtet die Logik der Reformer sofort ein. Wenn man sich vor Augen führt, daß das ß ein untrennbares und das ss ein trennbares Doppel-S ist, wird der Unsinn deutlich.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.07.2014 um 20.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1341

Also: Nach herkömmlicher, Adelungscher Schreibweise steht in der dritten Person Präsens und im Präteritum immer ß (weil es eben nicht trennbar ist), nach Reformschreibung/Heyse mal ß, mal ss. Geändert wird mal das Präteritum, mal die dritte Person Präsens. Wird die – von Schmachthagen auf Substantive bezogene – Logik der Reformer "in jedem Kasus und Numerus" gleiche Schreibweise tatsächlich deutlich?

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 11.07.2014 um 16.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1342

Die Logik der Reformer lautet "nach kurzem Vokal ss, nach langem ß". Mit Ihrer Darstellung, Herr Strowitzki, leuchtet sie auch ein.

Was Sie in Ihrem letzten Beitrag schreiben, ist nichts, mit dem die Reformer hausieren gehen; Schmachthagens Irrlichtereien hin oder her.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 11.07.2014 um 20.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1343

Wenn Ihnen die Heysesche Schreibung so viel besser einleuchtet als die Adelungsche, können Sie sie gerne verwenden. Ich weiß allerdings nicht, was an der Stringenz von frißt ~ gefressen usw. so schwer zu verstehen ist. Und womit die Reformer und ihre Adlati so hausieren gehen, das sollten Sie sich mal angucken, Stichwort "Stammprinzip".

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 11.07.2014 um 22.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1344

Mir leuchtet nicht die Heyse-Regel ein, Herr Strowitzki, sondern Sie stellen die S-Schreibung so dar, daß die Logik der Reformer einleuchtend erscheint.
Ich habe in meinem ersten Beitrag deutlich geschrieben, weshalb ich die Reformschreibung für Unsinn halte. Ich weiß nicht, was daran so schwer zu verstehen ist.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2014 um 13.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1345

Sollte die Frage "Heyse oder Adelung" nicht längst geklärt sein? Wir wissen doch, daß einerseits ein Buchstabe für stimmhaftes s fehlt, andererseits phonetische und morphologische Schreibung (um es vereinfacht auszudrücken) in einen Widerspruch geraten können, der sich mit sprachwissenschaftlichen Argumenten nicht lösen läßt. Beide Schreibweisen haben eine gewisse Logik für sich. Da kann nur noch Lesepsychologie helfen. Die Erfahrung zeigt, daß Adelung, wenn man über die Grundschule hinaus ist, zu weniger Fehlern führt als Heyse. Die Fehlschreibungen selbst in der FAZ werden nicht weniger, auch nicht nach so vielen Jahren.

Herr Landolt vom Bund für vereinfachte Rechtschreibung hat einige Jahre lang versucht, s-Fehler auch in alten Texten nach Adelung zu sammeln, aber die Ausbeute war wenig überzeugend. Heute würde eine einzige Woche mit reformierten Zeitungen genügen, um die Funde zu übertreffen.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 12.07.2014 um 15.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1346

Es ging ja nicht um Heyse oder Adelung. Herr Strowitzki wollte die Unsinnigkeit des Wechsels von ß und ss darstellen. Die Art, wie er es gemacht hat, entsprach der Darstellung der Reformer, die ihre Logik "kurzer Vokal ss, langer Vokal ß" preisen wollen.

Ich sehe in der Schule tagtäglich, daß Heyse nicht funktioniert.

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 13.07.2014 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1347

Zu Herrn Icklers Bemerkung (#1335) "Gerade das ist im amtlichen Wörterverzeichnis berücksichtigt.":

Nicht ganz, jedenfalls, wenn ich meinen österreichischen "Gewährsleuten" vertrauen kann, denenzufolge man in Österreich zwischen "Geschoß" (Stockwerk, mit langem o) und "Geschoß"/"Geschoss" (Projektil, mit kurzem o) unterscheidet. Die Unterscheidung soll zumindest für einigermaßen gebildete und/oder sprachbewußte Österreicher als standardsprachlich gelten.

Im "amtlichen" Wörterverzeichnis erscheinen beide Schreibweisen für Österreich hingegen als austauschbar.


Ansonsten ist die von Schmachthagen empfundene "Zumutung" bestenfalls eine eingebildete. Ich habe vor einigen Jahren einmal längere Stichproben aus der F.A.Z., dem SPIEGEL und der c't ausgewertet und dabei festgestellt, daß sich an der Häufigkeit des Wechsels zwischen ss und ß praktisch nichts geändert hat. Der Wechsel findet nach der Neuregelung lediglich an anderen Stellen statt, und natürlich werden wesentlich mehr Fehler gemacht.

 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.07.2014 um 15.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1348

Lieber Herr Mahlmann,

sind Sie sicher, daß Sie Herrn Strowitzki richtig verstanden haben?

Ich habe jedenfalls seinen Beitrag (#1338) als ironisch verstanden. Vielleicht könnte Herr Strowitzki seine Haltung klarstellen.

Es liegt mir völlig fern, Herrn Schmachthagen zu verteidigen; aber in dem zitierten Beitrag behandelt er nur Substantive. Für diese führt die Heyse-Schreibung ja tatsächlich zu einer Vereinheitlichung, und die Berufung auf die Stammschreibung ist hier auch nicht völlig verfehlt.

Bei den starken Verben liegt die Sache natürlich anders, denn hier treten für die verschieden Zeiten verschiedene Stämme ein, ja die Stämme können in derselben Zeit unterschiedlich sein (ich weiß – wir wissen).

Ich teile die Auffassung von Prof. Ickler, daß die Frage "Heyse oder Adelung" längst geklärt sein sollte; allerdings in dem Sinne, daß die Reform der ss/ß-Schreibung völlig überflüssig war, denn die herkömmliche Schreibung stellte für erwachsene Schreiber keinerlei Problem dar und die Reform hat nur zu völlig überflüssiger Verwirrung geführt. Skeptisch bin ich allerdings, was die Berufung auf gestiegene Fehlerzahlen anbetrifft. Hier spielen verschieden Ursachen mit hinein, wodurch eine klare Vergleichsmöglichkeit fehlt. Die Berufung auf Fehlerzahlen taugt daher nur zur Predigt für Bekehrte.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 13.07.2014 um 17.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1349

Ich bin mir jedenfalls sicher, daß Herr Strowitzki mich falsch verstanden hat. Sonst hätte er nicht annehmen können, daß mir die Heyse-Regelung einleuchtet.

Ich habe Herrn Strowitzkis Beitrag (1338) so verstanden, daß er veranschaulichen wollte, daß durch die Reformregel keineswegs das Stammprinzip oder was auch immer den Wechsel von ss und ß vermeidet. Er hat darüber allerdings übersehen, daß seine Darstellung den anderen Lobpreis der Reformregel, nämlich die Logik "nach kurzem Vokal ss, nach langem ß", augenfällig macht.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 15.07.2014 um 14.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1350

Was man mit einer – in der Tat ironisch gemeinten – Bemerkung so anrichten kann...
Kern war die auch von Herrn Schäfer schon gemachte Feststellung, daß sich der Wechsel von ss und ß nur verschiebt.
Die Zusammenstellung von Kurz- und Langsilbern von Herrn Riemer (#1337) wäre allerdings noch geeigneter, die Reformer-Regel anschaulich zu machen, ohne daß Herr Mahlmann Einwände vorgebracht hätte. So ziemlich jede Beispielsammlung läßt die oberflächliche Regel plausibel erscheinen, wenn man sie oberflächlich betrachtet. Ausgenommen wäre nur der Verweis auf die Kurzwörter mit s (das, was,...) oder die Lautfolge st (Pasta, Pest, Piste, Post, Pfosten ~ Pass, passt ~ Puste). Das ist aber eben durchaus nicht die einzige Argumentation der Reformer. In "Die aktuelle deutsche Rechtschreibung von A-Z" – dem in hoher Auflage verbreiteten "Kaffeerösterwörterbuch" – schreibt Dr. Klaus Heller in der Einleitung:
"ss für ß nach kurzem Vokal
Zur Sicherstellung der gleichen Schreibung der Wortstämme wird auch der Wechsel von ss zu ß nach kurzem Vokal aufgehoben und konsequent ss geschrieben, also Wasser/wässerig/wässrig oder müssen/er muss."
Auch Schmachthagen verficht die These von der einheitlichen Schreibung in allen grammatischen Formen. Was liegt näher als eine Zusammenstellung solcher Formenreihen?
Zum Grundsätzlichen: Wie Herr Ickler schon anmerkte, kranken sowohl Heyse als auch Adelung daran, mit drei Graphemen vier phonemische Kombinationen darstellen zu müssen. Eine einfache Lösung wäre, auch ßß zu schreiben:
treffen – trifft – traf – getroffen
freßßen – frißßt – fraß – gefreßßen
laßßen – läßßt – ließ – gelaßßen
stoßen – stößt – stieß – gestoßen
lesen – liest – las – gelesen
Schussel – Schüßßel
Dussel – Düßßel(dorf)
Sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber das wäre eine Rechtschreibreform, die ihren Namen verdient.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.07.2014 um 15.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1351

Wir hätten zwei verschiedene Buchstaben für stimmhaftes und stimmloses [s], nämlich s für stimmhaft und ß für stimmlos, wenn wir das ß als vollwertigen buchstaben einsetzen würden, also auch als Doppelkonsonant nach kurzem Vokal. Bei den meisten deutschen Wörtern mit Anfangs-s ist dieses stimmhaft, sodaß kaum eines mit ß beginnen würde. Die romanischen Sprachen außer Italienisch benutzen auch Sonderzeichen für das stimmlose s, meist c mit Häkchen drunter.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.07.2014 um 10.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1352

Es ging mir mit den Beispielen in #1337 nicht darum, die Reformregel zu veranschaulichen, sondern um eine Erwiderung zu Schmachthagens "Zumutung", #1333. Es gibt nach wie vor Wechsel in der Stammschreibung zwischen ss und ß, die Reform hat daran nichts geändert.

Weitere Beispiele: (fr)iss - (fr)aß, sesshaft - saß, ...
Bewährt war das mit ß, der Wechsel, z. B. (fr)iß - (fr)essen, hat sich nur verschoben.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 16.07.2014 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1353

Wir haben verschiedene Buchstaben für stimmhaftes und stimmloses S, nämlich das Lang-S und das Rund-S.
Es muß irgendwann in den Fünfzigern gewesen sein (Werbeplakate für den Marshallplan haben es noch), daß das Lang-S in der Antiqua ungebräuchlich wurde. Wäre es noch immer in Verwendung, hätte Heyse bei der Rechtschreibreform niemanden überzeugt. Immerhin hat es sich im ß erhalten.

Es mag sein, daß ich Herrn Strowitzkis Ironie tatsächlich nicht kapiere; ist Ihr Vorschlag, Doppel-ß zu schreiben, auch so gemeint? Das wären ja gleich vier S am Stück.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.07.2014 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1354

Das ſ ist kein Buchstabe, dem der Lautwert stimmhaftes s entspricht; vgl. müſſen, Äſthetik usw. Vielmehr steht das s am Wortende und wird dort stets stimmlos realisiert, wie das ς.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.07.2014 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1355

Wenn man das Stammprinzip wegläßt, war die (originale)Frakturschrift aussprache-richtig und bildete die Auslaut-Verhärtung ab: Lang-s als stimmhafter Silben-Anfang und Rund-s als stimmloses Silben-Ende. Schade um das Lang-s. Sogar bei heutigen Rück-Transliterationen ins Fraktur wird es unterschlagen. Ob die alten Griechen ihre beiden verschiedenen s auch verschieden gesprochen haben?

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 16.07.2014 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1356

Wie Germanist schon schrieb, war die Frakturschrift mit Lang-S näher an der Aussprache; ich habe ja auch nicht von Perfektion gesprochen.

Gleichwohl bietet das Lang-S, das ich hier nicht darstellen kann, die Möglichkeit, wenn auch abhängig vom Kontext, sichtbar zwischen stimmhaftem und stimmlosem S zu unterscheiden.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 16.07.2014 um 18.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1357

Der bisherige Schreibgebrauch richtet sich aber eben nur nach der Position in der Silbe. Daß das runde s stets stimmlos gesprochen wird, ist quasi Zufall wg. Auslautverhärtung. Die Verteilung entspricht aber weder dem phonologischen Merkmal der Stimmhaftigkeit noch dem phonemischen Prinzip unserer Rechtschreibung. Die Streitfragen rund ums ß bleiben davon unberührt
Wir schreiben
lesen, liest, Haustorien mit langem s,
lies, las, Haustore mit rundem s.
Völlig unabhängig davon haben wir die Unterscheidungsschreibung
ließ ~ lies
verließ ~ Verlies
Fließ ~ Vlies
reiß' ~ Reis
weißmachen ~ weismachen.
Gruß ~ Grus

Ganz unabhängig davon, wie das ß entstanden ist (über die verschiedenen Theorien dazu wurde hier schon mal diskutiert), ist es heute ein einzelner Buchstabe, genau wie die Umlaute ä,ö,ü. Auch hier gibt es eine Abneigung gegen Doppelschreibung, obwohl sie (die Abneigung) die Rechtschreibsystematik zerstört. Boot – Bötchen, Aal – Älchen, Saal – Säle ist unlogisch, vgl. auch Saat ~ saht, sät ~ säht, säen ~ sähen, Waage – wägen.
Man könnte sicher einen neuen Buchstaben erfinden, langes und rundes s neu definieren oder auch das z von einer Affrikate zum stimmhaften Laut umdefinieren, aber sehr befriedigend erscheint mir das nicht. Dagegen steht in der Doppelschreibung des ß eine einfache und logische Möglichkeit zur Verfügung, den gordischen Knoten zu durchschlagen und für stimmlosen und stimmhaften s-Laut klare Grapheme zu schaffen, wie wir auch sonst t und d, k und g usw. unterscheiden.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.07.2014 um 02.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1358

Das ß wird regelmäßig in zwei Buchstaben aufgelöst – Majuskeln, Schweizer Schreibgebrauch, Wechsel von herkömmlicher zu amtlicher Rechtschreibung, alphabetische Ordnung –, und ist insofern kein »einzelner Buchstabe« wie selbst das w (double u, uve doble).

 

Kommentar von Pt, verfaßt am 17.07.2014 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1359

Das gilt aber auch für die Umlaute, z. B. beim alphabetischen Sortieren. Da gibt es sogar mehrere Möglichkeiten, die in Gebrauch sind. Deshalb würde ich den Status ''Buchstabe'' nicht vom Sortierverfahren abhängig machen.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.07.2014 um 10.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1360

"Das ß ... ist insofern kein »einzelner Buchstabe«", ja, genau das finde ich auch und hatte deshalb mit der Schreibung Fluß, mußt nie Probleme.

Aber die Betonung liegt auf "insofern", andererseits ist es eben doch, schon vom Aussehen her, ein einzelner Buchstabe. Das ß hat eine Doppelrolle, es ist ein einzelner UND ein Doppelbuchstabe und kann deshalb nach kurzen wie nach langen Vokalen stehen.

Diese Schreibweise hat den unschätzbaren Vorteil, Wortgrenzen im Inneren von Zusammensetzungen lesefreundlich zu markieren und die ansonsten viel häufiger als bei anderen Buchstaben vorkommende Verdreifachung ebenso lesefreundlich zu vermeiden.

Schwierigkeiten wegen mundartlicher Unterschiede (Reform: Spaß und Spass) kommen damit gar nicht erst auf, und die Regel, daß am Wortende (auch innerhalb von Zusammensetzungen) und vor Konsonanten ß statt ss steht, ist eine der einfachsten der ganzen deutschen Rechtschreibung.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 17.07.2014 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1361

ß ist inzwischen auch als Großbuchstabe anerkannt, braucht also nicht durch ss oder sz ersetzt (nicht "aufgelöst") zu werden. Ob das Zusammentreffen von drei s tatsächlich wesentlich häufiger ist als drei m oder drei t, wäre empirisch zu belegen. Die Beispiellisten, die auch in diesem Strang schon genannt wurden, sprechen eher nicht dafür.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.07.2014 um 13.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1362

Es gibt zwar Bestrebungen in diese Richtung, aber das ß ist noch längst nicht allgemein als Großbuchstabe anerkannt.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.07.2014 um 14.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1363

Eine gute Werbung für das ß als Großbuchstabe war bei der Fußball-WM bei den Namen der deutschen Spieler auf den Hemden-Rücken zu sehen, wohl auch aus Platzmangel.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.07.2014 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1364

Nun ja, Großkreutz hat bekanntlich nicht eine Minute gespielt.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 18.07.2014 um 15.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1365

Bin mal Herrn Riemers Anregung gefolgt und habe nach dem Auftreten von drei gleichen Konsonanten geschaut, dabei aber feststellen müssen, daß das doch recht selten ist. Zudem hängt es sehr von der Textsorte ab. Biblische Texte bieten weitgehend Fehlanzeige. Eine hohe Ausbeute bieten Fachtexte. In einem Biologielehrbuch finde ich vielfach Zelleib, Zellage; in einem Buch über Chaostheorie zahlreiche Rückkopplungen; in astronomischen Texten ist von Schnelläufern die Rede. Umgekehrt wird man Schiffahrt wohl eher selten in Büchern über die Hohe Tatra finden. Auch Bestelliste tritt nur in ganz bestimmten Zusammenhängen auf. Man wird eine enorme Menge an Texten durcharbeiten müssen, um statistisch aussagekräftige Zahlen zu gewinnen.
Aber eigentlich geht es gar nicht um drei gleiche Buchstaben oder Laute (letzteres bei s unmöglich).
Wenn wir schreiben Flußßschiffahrt, Nußßschale usw., reiht sich das nahtlos ein bei Schnickschnack, Schiffschraube, Müllschlucker, Schallschutz, Schnellschuß(ß), Hemmschuh, Hemmschwelle, Schlappschwanz, Schwippschwager, Ballettschritt, Schlittschuh usw. usf.,
Schloßßstadt, Schlußßsteinbei Hettstadt, Cannstadt, Wettstreit, Schnittstelle.
Flußßsystem, Flußßsand, Verschlußßsache, schußßsicher kommen nicht anders daher als Deckgebirge, Strickgarderobe, Schreckgespenst, Stoffwechsel, Stoffwindel, Pappbecher, Bettdecke, Schnittdicke, Spottdrossel pp.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 18.07.2014 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1366

Wenn man wie Herr Strowitzki der Meinung ist, das ß sei ein Buchstabe, ist der Gedanke, ihn zu verdoppeln, sicher naheliegend, und dann kann es nicht aufgelöst, sondern nur ersetzt werden. Aus demselben Grunde sind die Reformer auf den Gedanken mit der Heyse-Schreibung gekommen.
Wenn man der Ansicht ist, das ß sei eine Ligatur aus Lang-S und Rund-S, erscheint eine Verdoppelung genauso absurd wie Heyse, und natürlich löst man es zu ss auf, wenn es nicht geschrieben werden kann (warum auch immer).

Das Majuskel-ß kennt kein Mensch; in Blockbuchstaben das normale ß zu verwenden (wie zum Beispiel die Fußballspieler), erscheint mir eine Reaktion auf die Reform zu sein. Wenn sich die Aussprache an ss oder ß orientiert, will man in Majuskeln eben Klarheit schaffen (wobei das Herrn Großkreutz besser gelingt als Frl. Goeßling).

Es gibt in der deutschen Sprache dreimal den Fall, daß durch besondere Schreibungen Verdreifachungen vermieden werden: ck, tz und eben ß. Auch wenn einem das nicht unmittelbar durch die Menge der Fälle begründbar erscheint, kann man annehmen, daß die Sprachgemeinschaft das über die Jahrhunderte hinweg mit einem gewissen Sprachsinn so entwickelt hat.

Es ist freilich anzuerkennen, daß die Aussprache bei möglichen Verdreifachungen nach der herkömmlichen Regel eine Rolle spielt. Stoffetzen hat in der Mitte einen anderen Laut als Stofffluse.

 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.07.2014 um 00.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1367

Lieber Herr Strowitzki,
Ihre Frage, ob denn das s wirklich nach der Reform der häufigste Dreifachbuchstabe ist, hat mich verblüfft, und ich mußte mir eingestehen, nein, richtig gezählt habe ich das noch nicht. Ich habe nie daran gedacht, daß man das bezweifeln könnte, denn es schien mir so sehr selbstverständlich.

Es ist gar nicht so einfach, das exakt zu belegen. Vielleicht hat ja jemand noch eine bessere Idee. Ich habe mal im Mater nachgesehen: Erich Mater, Rückläufiges Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Straelen 2001 (in reformierter Schreibung). Der Vorteil dieses Buches ist, es gibt dazu eine CD mit guter Suchfunktion. Der Nachteil, jedes Wort, egal wie häufig es im realen Sprachgebrauch ist, kommt darin genau einmal vor. Aber ich denke, die sich daraus ergebende Tendenz ist trotzdem recht deutlich.

Hier sind alle Konsonanten, die darin dreifach vorkommen, mit der entsprechenden Wortanzahl:

b 2
f 53
l 84
m 26
n 3
p 8
r 8
t 31
––––
insgesamt: 215

Die Anzahl Wörter mit dreifachem s: 183

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.07.2014 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1368

Das ist schon mal ein wertvoller Hinweis, auch wenn er Types und nicht Tokens betrifft. Ich hatte mich an verschiedenen Texten versucht und als nicht sehr belastbares Ergebnis herausgefunden, daß sss ungefähr doppelt bis dreifach so oft vorkommt wie fff oder lll. Manche Wörter wie Schifffahrt kommen besonders oft vor und verschieben das Ergebnis entsprechend. Vielleicht kommen wir noch zu besseren Ergebnissen.
Insgesamt sind Dreifachbuchstaben auch nach der Neuregelung nicht so häufig, daß man daraus ein nennenswertes ergonomisches Problem ableiten könnte. Es ist allenfalls ein Mosaiksteinchen in der Erschwerung des Schreibens. Wobei ich nicht bestreite, daß die Neuregelung durchaus logischer ist als die alte Dudenspitzfindigkeit mit der Sauerstoffflasche usw.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 19.07.2014 um 12.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1369

Ich habe 2001 im reformierten Duden von 1996 möglichst alle Wörter mit Dreifachbuchstaben gesammelt: 180. Davon sind 60 wirklich gebräuchlich. Die Wörter mit Dreifach-s sind sowohl an Zahl (64 von 180), als auch an Gebrauchshäufigkeit (39 von 60) mit Abstand die größte Teilmenge der Dreifach-Buchstaben-Wörter-Gesamtmenge.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2014 um 10.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1370

Danke für die mühevolle Arbeit!

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 22.07.2014 um 19.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1371

Das Ergebnis wird allerdings insofern verzerrt, wenn auch Ausdrücke mit sch einbezogen sind ("Nussschale", ein wohl recht häufiger Typ), ebenso solche mit sp ("Schlussspurt")und st ("Schlussstück"). Diese weichen nicht nur lautlich ab; auch nach der herkömmlichen Dreibuchstabenregel (plus Heyse) müßten hier alle Konsonanten geschrieben werden.

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.07.2014 um 21.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1372

Nicht nur das, auch die Schweizer schreiben Passstrasse. Eine bessere Werbung für das ß und gegen Heyse kann man sich kaum ausdenken.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 22.07.2014 um 22.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1373

Noch dringender nötig ist also ein Einzelbuchstabe für den Laut [sch]. Ich bitte um Vorschläge.

 

Kommentar von Pt, verfaßt am 23.07.2014 um 08.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1374

Die kyrillischen Zeichen für das stimmlose und besonders das stimmhafte sch sind schön, außerdem wäre auch ein Zeichen für tsch wünschenswert.

 

Kommentar von Pt, verfaßt am 23.07.2014 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1375

Andererseits könnten wir auch das s mit Virgül und das c mir Virgül aus dem Türkischen übernehmen, das liegt näher.

 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.07.2014 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1376

Die Computer-Tastaturen-Entwickler haben die europäische Ost-Erweiterung nicht mitbekommen, sonst wären auch in Deutschland längst diakritische Zeichen nicht immer noch nur über Vokalen, sondern auch über Konsonanten möglich. Das Suchen und Einsetzen aus den Sonderzeichen-Listen z.B. bei WORD ist in größeren Mengen unzumutbar. Die Süddeutsche Zeitung hat das auch erst vor kurzem gelernt. Krass ist es z.B. beim serbokroatischen c mit Akzent, das in der Slawistik einem t' [tj] entpricht und ohne Akzent ein [ts] ist.

 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2014 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1377

Das würde nicht einmal ausreichen – aber warum so kompliziert? Man kann sich doch neben der deutschen weitere virtuelle Tastaturen einrichten und dann mit einem Klick auf das Sprachenkürzel am unteren Rand hin und her wechseln.

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 29.07.2014 um 19.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1378

Eine – allerdings nicht hundertprozentig gründliche – Durchsicht der Tageszeitungen von etwa einer Woche ergibt im Schnitt weniger als eine Dreibuchstabenkollision pro Ausgabe (16 bleiwüstig bedruckte Seiten, außer Konkurrenz mitlaufende dennoch und Mittag nicht gerechnet). Die magere Ausbeute umfaßt Schiffahrt, Rockklappen, Lebenserfüllungsvolleistung und Stammutter. Eine halbstündige Radiosendung von heute ergibt noch als Zufallstreffer schnellebig. Ein Übergewicht der s-Formen (Ausschußsitzung, Mißstände pp.) wird hier nicht bestätigt, aber vielleicht ist die Stichprobe zu klein.

 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 29.07.2014 um 23.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1379

Hinzu kommen die Fälle, in denen die Verdreifachung durch einen Bindestrich vermieden/ umgangen wird: "Fußball-Lehrer", "Ausschuss-Sitzung", "Bass-Stimme", "Brenn-Nessel" plus Unsinn wie "Schuss sichere Westen".

 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.08.2014 um 15.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1385

Heureka!
Lange, sehr lange mußte ich suchen, aber jetzt ist es vollbracht! (Vielleicht sind andere schon vorher fündig geworden und haben bloß nichts gesagt?) Der General-Anzeiger hat den Vogel abgeschossen und verdient den Quadrupel-Pokal. In seiner Ausgabe vom 12. August 2014 schreibt der GA im Bonner Lokalteil auf Seite 17
Eisenbahn-Schnellllinie
mit vier l!

 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.08.2014 um 18.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1386

Leider hat es kein spanisches Wort, das mit Ll anfängt, als Fremdwort ins Deutsche geschafft, sonst wäre da noch einiges möglich.

 

Kommentar von Roger Herter, verfaßt am 13.08.2014 um 19.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1387

Sehr hübsch, Herr Strowitzki. Auch nicht übel finde ich, wie Matthias Wermke (der damalige Dudenchef) solche Schreibungen gleich selbst ad absurdum führt. In seinem Buch Neue deutsche Rechtschreibung für Dummies (2007) findet sich eine Liste mit alten neben reformatorisch verbesserten Formen (S. 67). Darin

Bisher – Brennessel gegenüber: Heute – Brennnnessel.

(Gerade für Brennnnessel findet Google, je nach Zählweise und Suchverfahren, zwischen 75 und 120 Belege.)

PS: Als Kinder im Grundschulalter haben wir uns oft mit dem Erfinden schräger Wörter vergnügt. Ein Glanzstück dieser Spielerei war die Bildung Modelllloyd. Ob wir uns darunter ein Schiff oder ein Auto vorstellten, ist mir entfallen. Hauptsache, es war so abwegig und unsinnig wie irgend möglich.

 

Kommentar von MG, verfaßt am 24.08.2014 um 00.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1389

> Ich habe 2001 im reformierten Duden von 1996 möglichst alle Wörter mit Dreifachbuchstaben gesammelt: 180.

Gibt es diese Liste irgendwo (zum Download – oder am einfachsten als Antwort auf diesen Text)?

 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 22.09.2016 um 07.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=194#1863

Im niedersächsischen Oldenburg befindet sich das Landesmuseum im Schloss am Schlossplatz. Dort steht auch das Einkaufszentrum Schlosshöfe. Die Straße, an der das alles liegt, heißt Schloßplatz, und parallel dazu verläuft der Schloßwall, hinter dem sich wiederum der Schlossgarten befindet. So zu lesen auf dem von der Stadtverwaltung herausgegebenen Stadtplan für Touristen oder vor Ort zu bestaunen.

Im Landesmuseum selbst bemüht man sich redlich, die Staatsschreibung anzuwenden, aber nach Nussbaumholz muß man in den Objektbeschriftungen lange suchen, denn die Reform hat das Nußbaumholz dort nicht verdrängen können. Beim Eßgeschirr schwankt die Schreibung, und davon, daß es jetzt nur noch "mithilfe" heißen darf, hat man in Oldenburg noch nichts gehört, was auch für die anderen Oldenburger Museen gilt.

Wer Sinn für Humor besitzt und die Hintergrundgeschichte kennt, wird angesichts der Schreibweise aufwendiger Zierrat ein Lachen nur schwer unterdrücken können, während die Trennung mus-ste auf einer großen Informationstafel nur für Kopfschütteln sorgen dürfte. Insgesamt geht es im Landesmuseum orthographisch drunter und drüber.

 

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