17.09.2009


Theodor Ickler

Meist ungeahnt

Seltsames aus der Grammatik

In einem Werk, auf das ich noch einmal zurückkommen werde, lese ich:

„Der Terminus Genus verbi – also 'Geschlecht des Verbs' – ist auf den ersten Blick verwunderlich. Er geht vermutlich zurück auf die (frühere) gesellschaftliche Definition von männlich als aktiv und weiblich als passiv/leidensbereit bzw. 'zum Leiden geboren'. Dieser Terminus transportiert also – meist ungeahnt – gesellschaftlich heikle Gender-Vorstellungen.
Der Terminus Diathese (von griechisch diathesis = Aufstellung) bezieht sich auf die Umstellung von Satzgliedern, die normalerweise erfolgt, wenn ein Satz aus dem Aktiv ins Passiv umgeformt wird: Er frisst den Kuchen gegenüber Der Kuchen wird von ihm gefressen.“
(Wolfgang Boettcher: Grammatik verstehen. Band 1: Wort. Tübingen 2009)

Genus verbi hat nichts mit "Geschlecht" (Sexus) zu tun, und die Griechen konnten ja wohl kaum ahnen, welche Wortstellung das neuhochdeutsche Passiv mit sich bringen würde. "Diathese" war in der Musik ("Stimmung") und Medizin gebräuchlich und wurde auf die Grammatik übertragen.


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