06.05.2013


Theodor Ickler

Stimmen

Sprache ist mehr als Laute

Vielleicht hat die Schrift dazu beigetragen, daß wir das Sprechen als die Erzeugung einer Lautkette auffassen, die es dann linguistisch zu analysieren gilt. Ich möchte folgende Alternative vorschlagen:
Mit den Augen beobachten wir, wie jemand geht, ißt, spricht. Mit den Ohren beobachten wir, wie jemand spricht, singt. Was er dabei tut, ist nur teilweise auch sichtbar, aber durch die Ohren wissen wir mehr. Wir wissen, "wie man es macht".

Wie wichtig das ist, fiel mir gestern ein, als ich im Freien saß und eine Amsel in meiner Nähe sehr laut sang. Diese Töne werden auf eine mir nicht nachvollziehbare Art erzeugt und haben daher etwas Abstraktes, so ähnlich wie elektronisch erzeugte Klänge. Ich wüßte nicht einmal, wie ich sie auf Notenpapier bringen könnte. Das hat nichts mit dem Hören der "Lautkette" zu tun; ich höre sie ja sehr gut. Aber es fehlt jenes andere Moment: die Beobachtung eines Verhaltens mit den Ohren.


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