16.06.2006


Theodor Ickler

Reform schafft Beschäftigung

Ein Blick hinter die Kulissen

Wie sich die Rechtschreibreform hinter verschlossenen Bürotüren auswirkte, kann beispielhaft der folgende Fall aus dem hessischen Landtag illustrieren. Es wird sich so oder ähnlich Hunderte von Malen abgespielt und noch oft wiederholt, Arbeitskraft gebunden und Geld gekostet haben.

Im Sommer 1998 erreichte „alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei II A“ des stenographischen Dienstes (damals Referatsgruppe Stenographischer und Ausschußdienst) folgendes Schreiben:

„Sehr geehrte Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen, nachdem das Bundesverfassungsgericht am 14. Juli 1998 entschieden hat, daß die Rechtschreibreform rechtmäßig ist, wäre ich dankbar, wenn Sie sich nunmehr allmählich mit dem Gedanken an das Neue vertraut machen würden. Wir lassen zwar die derzeit gültige Rechtschreibung bis zum Ablauf der 14. Wahlperiode in Kraft, wollen jedoch den neuen Regeln peu à peu Raum geben. Mit dem Beginn der neuen Wahlperiode am 7. April werden wir nur noch die neuen Regeln benutzen. Wegen der Einzelheiten werden wir im Herbst einen gemeinsamen Termin abhalten.“

Eine Arbeitsgruppe wurde gegründet. Am 20. Oktober 1998 faßte der Ältestenrat einstimmig folgenden Beschluß:

„Der Ältestenrat stimmt der Einführung der neuen Rechtschreibregelungen im Hessischen Landtag zu Beginn der 15. Wahlperiode (5. April 1999) zu.“

Im Herbst und Frühjahr wurde dann jeweils ein Fortbildungsseminar unter Leitung von Dr. Bäse abgehalten.

(Das folgende nach einem internen Bericht, mit herzlichem Dank an meinen Informanten:)
Die Arbeitsgruppe beschloß die Beschaffung des Duden „Die deutsche Rechtschreibung“ - zumal der Duden-Verlag eine Sonderausgabe für die Behörden des Landes Hessen zu 29,90 DM, bei Sammelbestellung von mindestens 50 Exemplaren um weitere 10 % ermäßigt, anbot; ferner die Beauftragung eines Mitglieds der Arbeitsgruppe mit der Prüfung der zwei gängigsten Konvertierungsprogramme (Duden und Bertelsmann „Orthograf“). Schon schwieriger zu lösen waren die Frage der Schulungsmöglichkeiten und das Problem fehlenden Problembewußtseins für einheitliche Schreibweisen.
Zur Schulung gab es zwar diverse Angebote kommerzieller Bildungsinstitute - das auf dieses "Zwar" folgende "Aber" bestand in den Konditionen. So sollten die Kosten in einem beispielhaft genannten Fall 890 DM zuzüglich Mehrwertsteuer je Teilnehmer für ein eintägiges Seminar betragen; ab dem zweiten Teilnehmer desselben Unternehmens sollte es 10 % Rabatt geben. Interessant war auch das Angebot eines sogenannten Online-Schreibbüros zur professionellen Textkonvertierung für 10 DM pro Textseite.

Hier hat sich die Arbeitsgruppe, auch im Interesse einer über den Hessischen Landtag hinausgehenden Einheitlichkeit, für die Anschaffung des "Praxiswörterbuchs zur neuen Rechtschreibung" des Duden-Verlags zu 24,90 DM ausgesprochen, aus Sparsamkeitsgründen allerdings
nur für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gemeinsam an Dokumenten arbeiten.

Das "Praxiswörterbuch" ist nicht sonderlich konsequent, bietet in Zweifelsfällen zu wenig Hilfestellung und schafft mit der vom Duden abweichenden Silbentrennung die Willkür, die auch jedes ordentliche Textverarbeitungsprogramm für sich in Anspruch nimmt. Jedoch von den denkbaren Alternativen, entweder eine eigene umfassende Variantenliste zu erstellen oder stur nach "erste Schreibweise im Duden" vorzugehen, erscheint das Praxiswörterbuch immer noch die praktikabelste.

Eine weitere Hilfe wurde vor allem von Schreibkräften begrüßt: die vom Stiefel-Verlag zu 19,90 DM vertriebene Schreibtischunterlage, die auf der einen Seite ein kompaktes Wörterverzeichnis, auf der anderen Seite die Regeln mit Anwendungsbeispielen immer im Blick behalten läßt.

Die Prüfung der Konverter von Bertelsmann und Duden anhand verschiedener brisanter Dokumente wie des Hochschulgesetzes und des Datenschutzberichts ergab eine vergleichbare Fehlerhäufigkeit beider Programme, aber eine bessere Handhabung des Konverters von Bertelsmann. Letztlich gab dessen Preis von 19,90 DM gegenüber 98 DM für den Duden-Konverter den Ausschlag.


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