31.03.2017

Punkt

Am Ende

Der Punkt verschwindet aus der Schriftsprache. Zeit für einen Abschiedsbrief. Von Tillmann Prüfer

Lieber Punkt, ich schreibe Dir, weil ich fürchte, dass wir uns voneinander verabschieden müssen. Es geht zu Ende mit Dir. Und ich dachte immer, eine der wichtigsten Grammatikregeln würde Dich unsterblich machen: Am Satzende steht ein Punkt. Aber heute wird praktisch keine SMS, keine WhatsApp-Nachricht, kein Facebook-Posting noch mit einem Punkt beendet! Der Satz ist zu Ende, weil die Botschaft zu Ende ist. Wer braucht Dich noch?

Ich weiß, Du bist nicht das erste bedrohte Satzzeichen. Ich erinnere mich noch, wie mein Deutschlehrer, Herr Müller, das Aussterben des Semikolons betrauerte. Dieses Zeichens, das auf subtile Art zwei Gedanken in einem Satz verbindet; es trennt sie nicht brutal, wie es der Punkt tut. Herr Müller appellierte, mehr Semikolons zu benutzen. Weniger Punkte. Und nun bist Du an der Reihe.

Es ist ja auch so einfach, Dich wegzulassen. Ich erwische mich selbst dabei, wie ich Dich in immer mehr Mails unterschlage. Sogar im ZEITmagazin fehlst Du mittlerweile bei Sätzen, die am Ende von Info-Kästen stehen. Dabei ist es nicht so, dass Dein Verschwinden unbemerkt bliebe. David Crystal, Sprachforscher an der University of Wales, hat vergangenes Jahr in der New York Times über den "Wendepunkt in der Geschichte des Punktes" geschrieben. Er merkte sogar an, dass Du nunmehr als Stilmittel benutzt wirst: Wenn man "Gut!" schreibt, wirkt es freudig – schreibt man dagegen "Gut.", bekommt die Aussage eine beleidigte Note. Dabei hattest Du in den neunziger Jahren einen Höhenflug. Damals gefielen sich Pop-Literaten dabei, in. jedem. Satz. mindestens. acht. Punkte. zu. machen. Heute ist klar, dass dies der Anfang Deines Untergangs war. Es wurde schick, die Regeln der Grammatik zu missachten – und Dich zu einem Stilmittel zu degradieren.

Die Duden-Grammatik ist eindeutig: "Regel 152: Der Punkt ist das neutrale Satzschlusszeichen." Jedes Mal, wenn man ihn weglässt, macht man also einen Fehler. Ganz egal, ob in einer E-Mail oder in einer wissenschaftlichen Arbeit. Doch wo bleibt der Aufschrei? Nicht einmal die Linguisten scheinen besorgt zu sein. Sie merken zu Deinem Verschwinden an, dass Sprache nun mal ein Prozess sei, im ständigen Wandel. Lieber Punkt, Dein Sterben löst Schulterzucken aus. Offenbar kümmert Dein Tod niemanden, weil man auch ohne Dich versteht, wann Schluss ist.

Ach, dabei war es doch anders gedacht! Im 19. Jahrhundert wurde die Rechtschreibung vereinheitlicht und diente dem Bürgertum als Statussymbol. Nicht mehr die Herkunft sollte der Maßstab sein, sondern die Bildung. Die Beherrschung der Rechtschreibregeln unterschied den Bürger vom Pöbel. Und wenn die Rechtschreibung auf dem Rückzug ist, müssten eigentlich bildungsbürgerliche Abstiegsängste wach werden. Die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 erzürnte noch die Bildungsbürger – zwanzig Jahre später diskutiert man nicht mehr über Rechtschreibung. Die großen Dispute werden nicht mehr um Satzzeichen, sondern um Emojis ausgetragen: Darf Apple das Revolver-Emoji einfach durch eine Wasserpistole ersetzen? Ist es rassistisch, als Weißer ein Emoji mit schwarzer Hautfarbe zu verschicken? Sind grellgelbe Emojis eine Verhöhnung der Asiaten? Ich fürchte, lieber Punkt, wir beiden sind die Letzten, die sich um die Grundlagen des Bildungsbürgertums scheren.

Aber es gibt Hoffnung für bedrohte Satzzeichen. Zum Beispiel wird das Semikolon wieder gerne verwendet. Zwar nicht im Sinne meines alten Lehrers, Herrn Müller, aber besser als gar nicht, finde ich ;-) Dein Tillmann

Quelle: ZEIT-Magazin
Link: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/14/punkt-satzzeichen-verschwindet-abschied

Die Quelldatei zu diesem Ausdruck finden Sie unter
http://www.sprachforschung.org/index.php?show=thorheiten&id=207