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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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13.02.2009
 

Niedriger hängen!
Neue Erkenntnisse?

„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

Neulich lobte Thomas Steinfeld ein (zumindest auf deutsch) neues Buch von Guy Deutscher über den grünen Klee: "Guy Deutscher erfindet die Sprachwissenschaft neu" (so der Titel der Rezension in der SZ vom 3.2.2009). Zugleich lobte er den deutschen Romanisten Jürgen Trabant, den allerdings kein anderer als Deutscher im September 2008 in die wohlverdiente Pfanne gehauen hatte – in derselben Süddeutschen Zeitung. Deutscher ist Semitist und hat eine wichtige Untersuchung über das Akkadische veröffentlicht, ein Buch, das wegen seiner Bedeutung für die Grammatikalisierungsforschung (besonders Entstehung der Hypotaxe) oft zitiert wird.
Deutschers neues Buch heißt "The unfolding of language" und ist 2005 in London und zugleich in den USA erschienen. Es ist ein allgemeinverständliches, auch wissenschaftlich gut fundiertes Werk, das man als Einführung in die Sprachwissenschaft jedermann empfehlen kann. Aber es enthält nichts Neues, von einer Neuerfindung der Sprachwissenschaft kann keine Rede sein. Nehmen Sie nur folgendes:
Deutscher meint, erst in den letzten Jahrzehnten sei man den Ursachen des Sprachwandels auf die Spur gekommen (61): economy, expressiveness, analogy. Das ist aber doch der eiserne Bestand der Junggrammatiker! Deutscher kennt und zitiert Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte". Da steht doch alles drin.

Heute lese ich in derselben Zeitung angeblich neue Erkenntnisse über die Bedeutung der Gesten und insbesondere des Zeigens beim Spracherwerb usw. Auch Susan Goldin-Meadow wird erwähnt. Nun, das ist alles seit Jahrzehnten bekannt, auch Goldin-Meadows Veröffentlichungen zum Thema haben sich seit zwanzig Jahren nur in winzigen Details verändert.
Aber manche schaffen es regelmäßig in die Medien. So auch das Leipziger MPI für vergleichende Anthropologie, dessen Veröffentlichungen ich seit langem aufmerksam verfolge, ohne irgend etwas aufregend Neues zu erkennen. Michael Tomasello schreibt gut lesbare Bücher und solide Aufsätze (wenn auch ziemlich wiederholungsreich), leider alles in traditionell mentalistischer Begrifflichkeit, was bei vergleichender Primatenforschung nachteilig wirkt. Die Öffentlichkeitsarbeit funktioniert noch besser als die Forschung.
Ganz schlimm treiben es aber die "Neurolinguisten", die uns ständig ihre bunten Bildchen – Artefakte der "bildgebenden Verfahren" – an die Wand projizieren und mit weitgehend unverstandenen sprachlichen Erscheinungen korrelieren. Skinner sprach nüchtern von "neural prestige". Na, und dann Manfred Spitzer mit seinen guten Ratschlägen, die er angeblich aus der "Hirnforschung" ableitet! Niedriger hängen geht aber auch nicht, dann bleiben die Mittel aus.



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Kommentare zu »Niedriger hängen!«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2024 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52854

Weil ältere Funde als die Knochenflöten fehlen, müsse man sich nach Ursprüngen der Musik bei Tieren umsehen, heißt es („Wie der Mensch die Musik entdeckte“. SWR2 Wissen 30.12.20). Aber zwischen den maximal 60.000 Jahren der archäologischen Überlieferung und den 6 Mill. Jahren des letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse, ganz zu schweigen von Gibbons und anderen „singenden“ Tieren, klafft eine unermeßlich große Lücke, und es ist keineswegs ausgemacht, daß Musik und Sprache überhaupt an Tierlaute anknüpfen. Anatomische Entsprechungen reichen für solche Zusammenhänge nicht aus. Man denke an Zeichnungen und andere Zeugnisse bildender Kunst, die auch mit den gleichen geschickten Händen hergestellt werden, über die auch Affen verfügen – womit aber nicht viel gesagt ist.

Aufrechter Gang, Fleischnahrung, Gehirnwachstum und andere anthropologische Faktoren werden zu einer der beliebten Erzählungen verwoben: „Unsere Vorfahren lebten in größeren Gruppen, um sich zum Beispiel vor Raubtieren zu schützen. Das Gruppenleben erfordert eine stärkere soziale Kommunikation. Sie müssen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, sie müssen verstehen, was der andere meint, wenn er bestimmte Äußerungen von sich gibt, sie können Freundschaften und Allianzen schmieden und sie können Informationen über die Jagd austauschen.“ (Steven Mithen in der genannten Sendung) – Alles sehr plausibel, aber rekonstruierte Bedürfnisse erklären nicht die wirkliche Entwicklung.

Wenn es um den Ursprung von Sprache und Musik geht, kommen die Archäologen, Psychologen, Kulturanthropologen unvermeidlich auf das Gehirn zu sprechen: Broca, Wernicke, Brodman-Areale... Man braucht dann nicht weiterzulesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2024 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52836

Das archäologische Material bietet genug, um eine Verhaltensanalyse früherer Menschen zu versuchen. Aber fast überall ist gleich von deren „mentalen“ oder „kognitiven“ Fähigkeiten die Rede. Damit vergibt man eine Möglichkeit, wie man es in der Psychologie jahrhundertelang getan hat. Skinner bedauert anhand vieler Beispiele, daß aus früheren Schilderungen nicht hervorgeht, wie die Menschen sich wirklich verhalten haben – es verschwimmt in mentalistischen Paraphrasen, Metaphern und Deutungen. Man sieht nicht die ephemere Natur des gerade üblichen kognitivistischen Modells – also der modernen Version antiker Seelenvorstellungen, einer verkappten Homunkuluspsychologie. Manche sprechen weiterhin vom „Geist“ („mind“) oder verkleiden dieses mysteriöse Wesen mit anderen Worten.
„Homunkulus“ bedeutet in der Psychologiekritik ein konstruiertes (also nicht hypothetisches, eventuell nachweisbares) Wesen mit personhaften Zügen: Dialogfähigkeit vor allem, aus der sich die Intentionalität, Entscheidungsfähigkeit usw., also insgesamt: Handlungsfähigkeit, ergibt. „Geist“ ist im großen und ganzen dasselbe. Homunkuluspsychologie ist Geistmetaphysik. Man erklärt das Verhalten des Organismus durch das Handeln einer darin wohnenden Person, statt umgekehrt das Handeln der Person als Verhalten des Organismus zu erklären, wie es hier unter „Naturalisierung der Intentionalität“ versucht worden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2024 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52832

Muß alles, was einen Mann attraktiv macht, einen versteckten Nutzen haben, den die Frau verfolgt, ohne es zu wissen?
Der vieldiskutierte problematische (und eigentlich neue) Teil von Zahavis Theorie wird bei Mithen und anderen weggelassen: die Berechnung von Kosten und Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: Läßt sich das an Pfauenschleppen entwickelte Prinzip auf den Menschen übertragen? Treiben die Männer mit ihrem Tanz einen zusätzlichen Aufwand, der sich lohnen muß? Würden sie am liebsten in der Ecke sitzen und zuschauen? Würden sie auch tanzen, wenn keine Frauen zuschauen?
Das Balzverhalten schreiben wir den Männern zu, die um Frauen werben, aber warum machen sich Frauen schön, wenn es nicht Werbung um Männer ist? Pfauenhennen sind unscheinbare Eierlegmaschinen, aber Frauen sind keine unscheinbaren Gebärmaschinen (außer in ganz bestimmten Gesellschaften).
Bei Papuas singen die Frauen selbsterfundene Toten- oder Klagelieder. Werden sie dadurch für Männer attraktiver, verbürgen sie tüchtigen Nachwuchs? Das schiene mir weit hergeholt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2024 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52831

Zum Thema Tanz und zur "Musilanguage"-Theorie:

Nach meiner Beobachtung können Kinder im zweiten Lebenjahr viel früher mit den Armen und Händen den Takt einer Musik schlagen als ihre Beine im Tanz entsprechend bewegen. Das bleibt im wesentlichen auch beim Erwachsenen so. Ob es stammesgeschichtlich etwas zu bedeuten hat (wenn es stimmt)?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2024 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52827

„...the interpretation of behavioral and cognitive development... brain, mind, and behavior...“

So schreiben sie fast alle und machen es sich leicht mit dem „koordinativen Dualismus“. Man hat nichts versäumt – und alles verdorben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2024 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52825

„There is empirical evidence that, when responding to alarm calls, primates not only attend to the peripheral acoustic features of calls but also maintain specific mental representations associated with these calls.“ (Klaus Zuberbühler in Maggie Tallerman/Kathleen R. Gibson, Hg.: The Oxford Handbook of Language Evolution. Oxford 2012:74)

Das ist begrifflich nicht möglich. „Mentale Repräsentationen“ (traditionell: „Vorstellungen“) sind keine empirischen Daten, sondern gehören zu einer bestimmten Interpretation. Der Beobachter entscheidet sich dafür, die Daten (die „empirical evidence“) mit Hilfe solcher mentalistischen Modelle zu deuten. In einer reinen Verhaltensanalyse haben „Vorstellungen“ – wie das „Mentale“ überhaupt – keinen Platz. Was es heißt, sie seien mit den Rufen „assoziiert“, ist ebenso unklar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2024 um 08.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52824

Noch ein Beispiel für die bequeme Anwendung dess Handicap-Prinzips:
"In many societies today dancing is used as a form of display for attracting mate," Mithen points ut. "Dancing is a means to show off one’s physical fitness and co-ordination, qualities that would have been useful for survival in prehistoric hunter-gatherer societies."
(https://www.livescience.com/619-survival-dance-humans-waltzed-ice-age.html)
Wenn man nicht weiter weiß, kann man immer sagen: Das zeigt Fitness an und wirkt daher sexuell attraktiv.
(Der Archäologe Steven Mithen gehört zu den bekanntesten Forschern auf dem Gebiet der Anthropologie von Musik und Sprache, mit starker Neigung zu neurologischer Spekulation. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#30915)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2024 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52821

„Singen“ können zwar über 5000 Tierarten, sie sind aber evolutionär zu weit vom Menschen entfernt, als daß man daran anknüpfen könnte. Praktisch nicht konditionierbar und auch deshalb wohl kein Vorläufer unseres Gesangs (und der Sprache).
Singen und Sprechen setzen die gleiche Steuerung der Stimmorgane voraus und dürften gleichzeitig entstanden sein. Kleine Kinder entdecken gewissermaßen, daß sie diese Organe unter Kontrolle haben und die Töne modulieren können. Die Beteiligung der Zunge gibt es nur beim Menschen. Nicht alle Kinder babbeln nach kanonischem Muster (bababa, mamama), aber irgendeinen Singsang zeigen alle nicht-taubstummen Kinder und üben sich ein, bevor sie das erste erkennbare Wort erworben haben.
Warum ist die Steuerbarkeit (Willkürmotorik) der Stimmorgane überhaupt entstanden? Konkurrierende Theorien setzen entweder das Singen oder das Sprechen an den Anfang. Aber vielleicht war beides lange Zeit gar nicht zu unterscheiden. Mit Tönen (und Rhythmen) kann man das Verhalten in Gemeinschaft sowohl koordinieren als auch beeinflussen.
Die Frühmenschen hatten vielleicht ein ganz anderes Verhältnis zu ihrer Stimme als wir. War es mit einer Art Geisterbeschwörung verbunden? Noch viel später wurde die Stimme (sanskrit vâk, nicht zu unterscheiden von Sprache) als göttlich/Göttin verehrt (vgl. Rigveda 10, 125). Jeder erlebt die magische Kraft der Stimme an sich selbst. Das Kind kann die Mutter herbeirufen, was ja durchaus ein Wunder ist, aber auch sich selbst über das Alleinsein hinweghelfen. Früh bildet sich die Erfahrung, daß neben dem Hantieren auch das Beschwören eine Macht ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.02.2024 um 20.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52820

Ihr "weder ... noch" unterstellt, daß der Informationsbegriff damit erschöpft sei.
Ein alltags- bzw. umgangssprachlicher Begriff scheidet wohl für eine wissenschaftliche Betrachtung sowieso aus, und auch die Zusammenfassung als "Botschaft" zeigt entsprechend eine sehr eingeengte Verwendung und Sichtweise in der Alltagssprache.
Aber auch der mathematische Begriff (s. Informationstheorie) sagt nichts über das Wesen von Information in der Realität aus. Es handelt sich um Mathematik, um Logik, die zwar auf naturwissenschaftliche Theorien angewandt werden kann, aber eben erst nach einer entsprechenden naturwissenschaftlichen Einordnung und Modellierung.

Was also ist Information?
Auch die Naturwissenschaften haben eine Theorie zur Information. Ich hatte in #50904 den Artikel https://www.welt.de/print-welt/article332009/Information-ist-neben-Materie-und-Energie-die-oft-vergessene-dritte-Saeule-der-Physik.html schon angeführt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2024 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52819

Wenn es zutrifft, daß die linke Gesichtshälfte negative Gefühle stärker ausdrückt (Ernst Pöppel), kann es daran liegen, daß wir sie auf die „schlechte“ Seite hinüberspielen, und nicht an der Lateralisierung des Gehirns. Das Ganze ist aber sowieso wackelig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2024 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52816

Zwei führende Primatenforscher schreiben:
„Even in their natural behaviour, non-human primates and other animals certainly seem capable of thinking in propositions, but this ability does not motivate them to speak in sentences.“ (Robert M. Seyfarth/Dorothy L. Cheney in Maggie Tallerman/Kathleen R. Gibson, Hg.: The Oxford Handbook of Language Evolution. Oxford 2012:69f.)
In einer anderen Veröffentlichung der beiden Autoren steht an einer sonst wortgleichen Stelle „simple sentences“ statt „propositions“ – womit klar ist, daß Propositionen nichts anderes sind als Sätze. Den Affen wird also zugeschrieben, innerlich zu sprechen und nach außen zu schweigen. Damit ist der Kern der mentalistischen Psychologie bloßgelegt (Homunkulus-Psychologie).
S. a. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#35099

(Der Zusatz „certainly“ sollte stutzig machen. Er verdeckt oft das Abenteuerliche der Spekulation.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2024 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52815

Was man aus dem Handicap-Prinzip machen kann, zeigt folgendes Zitat aus „Bild der Wissenschaft“ (16.12.07):

Aber warum betreibt das Gehirn den enormen Aufwand, Musik zu verarbeiten und zu verstehen? Geoffrey Miller meint: Obwohl das Singen beim frühen Homo sapiens keine offensichtliche Funktion gehabt habe, sei es ein Indikator für den Vermehrungserfolg, die „ reproduktive Fitness", wie der amerikanische Evolutionsbiologe in seinem Buch „The mating mind" schreibt.
Wenn einer unserer männlichen Vorfahren eine kleine Melodie trällerte, habe er signalisiert: Schaut her, ich bin so fit und gesund, dass ich den täglichen Überlebenskampf mit Leichtigkeit meistere und mir diesen „sinnlosen Luxus" locker leisten kann. Diente Gesang also als Indikator für starke Gene – und damit als Anreiz für die Paarung? „Durchaus möglich", meint Christian Lehmann. „Mit einem Liedchen ließen sich nicht nur überschüssige Kräfte demonstrieren, sondern auch die kognitive und kreative Leistungsfähigkeit."


(Das modische Ornament „kognitiv“ darf nicht fehlen in diesem plattestmöglichen Beitrag.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2024 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52814

Klang, Stimme – das muß unseren Vorfahren wie ein Wesen vorgekommen sein, das wunderbarerweise aus dem angeblasenen Rohr oder dem schwirrenden Holz hervorkommt. Das Feuer wird aus Hölzern herausgequirlt und geht manchmal ins Wasser ein (beim Löschen). Darum ist das Feuer im Wasser – jedenfalls laut brahmanischen Texten um den Opferkult, die uns zunächst wegen ihrer scheinbaren Phantasterei vor den Kopf stoßen. "Alles ist voll von Göttern" (Thales, Mathematiker und Philosoph des Wassers).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2024 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52813

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47146
Das vermeintliche Ein-Wort-Stadium ist auch keine relativ autonome „Altersmundart“, d. h. ein Sprachsystem, das man untersuchen könnte wie einen Dialekt, sondern ein Fragment der Erwachsenensprache, in der man mit dem Kind verkehrt. Die sprachliche Interaktion ist die volle menschliche, auch wenn das Kind sie noch nicht ganz beherrscht, sondern sich nur einige ("saliente") Höhepunkte herauspickt. Es genügt nicht, die MLU („mean length of utterance“, Anzahl der Wörter oder Morpheme) zu messen (die eben im Ein-Wort-Stadium noch gar keine Wörter oder Morpheme nach den Kategorien der Erwachsenensprache sind).
Die Eigensprache des Kindes ändert sich von Tag zu Tag, durch Annäherung an die Vollsprache der Erwachsenen. Diese Situation hat nichts mit dem Entstehen einer Sprache zu tun und ist nicht deren Frühstadium. Darum sind auch Vergleiche mit der den Affen angeblich beigebrachten Gebärdensprache sinnlos (auch abgesehen von deren verfehlter Deutung als Sprache).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2024 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52812

Sie machen sehr klar, daß und warum wir einander in dieser Frage seit Jahren nicht verstehen und auch nie verstehen werden. Ich hatte Sieb und Bachbett im Sinne einer Reductio ad absurdum eingeführt, aber Sie sehen darin gar nichts Absurdes. Das Sieb ist immerhin noch ein absichtsvoll hergestelltes Artefakt, daher das Bachbett als Alternative. Zwei Bäume stehen nebeneinander. Ich schätze ab, ob ich dazwischen durchgehen kann oder nicht. Welchen Sinn hätte es, ihren Abstand als „Information“ zu bezeichnen? Ich greife zu meinem Becher mit dem geliebten Morgenkaffee und sehe, daß er leer ist. Die Leere ist eine Information oder wie? Ihr Begriff von „Information“ (Korngröße usw.) ist weder der mathematische noch der alltagsprachliche („Botschaft“).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.02.2024 um 20.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52811

Wenn ich Ihr Siebbeispiel richtig verstehe, wollen Sie damit sagen, daß im Sieb nichts gespeichert ist, das überhaupt gelesen werden könnte, was mir aber nicht recht einleuchtet, denn die Maschenweite bzw. maximal durchgängige Korngröße ist doch die im Sieb fest gespeicherte und bei seiner Benutzung wesentliche Information.

Ich wollte damit hingegen nur auf die Frage "wer liest" antworten. Die als Maschenweite gespeicherte (fest verdrahtete) Information wird bei der Nutzung ja sehr wohl verwendet, aber es wird kein zusätzlicher Leser benötigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2024 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52809

Schön, daß sie Sie sich meinem Sieb-Beispiel anschließen! (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#37240 – zur Widerlegung des Speichermodells...) Mit der "Information" kommen wir nicht weiter, das hat sich schon gezeigt, und es scheint mit Ihrem Begriff der "Materie" zusammenzuhängen. Ich verwende den Begriff nicht, weil ich nicht weiß, wogegen er abgesetzt wird. (Womit natürlich nichts gegen die Informationstheorie gesagt ist, nur gegen deren ontologische Deutung.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.02.2024 um 13.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52808

Wer sucht oder liest? Niemand außer dem ganzen Organismus.
Nehmen wir z.B. ein Rüttelsieb mit verschieden großen Löchern. Zuerst fällt durch die kleinsten Löcher automatisch der feinste Sand, danach fällt der mittlere Splitt durch die größeren Löcher und am Ende bleiben die großen Steine übrig. Das Ergebnis ist gut sortiertes Material. Kein kleines Siebmännlein mußte den verschieden großen Körnchen und Steinen die richtigen Löcher zeigen. Die Sortierung ist einzig der Struktur und dem Aufbau der ganzen Anlage zu verdanken. Im Prinzip genauso sehe ich das Funktionieren von Lebewesen. Die Struktur des Gehirns steuert das Verhalten. Es braucht dazu keinen zusätzlichen Leser.

Ich denke ebenfalls, daß Speichern etwas hinzufügt. Aber warum muß das Hinzugefügte unbedingt eine Masse haben? Indem man etwas ordnet, erzeugt und speichert man wiedererkennbare Information. In der EDV wird dieser Speicherbegriff für eine spezielle Art von Information (digital) ständig und schon immer verwendet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2024 um 08.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52807

Affen musizieren nicht. Die Musik der Frühmenschen dürfte in Singen (ohne Worte und vielleicht lange vor der Entwicklung einer Wortsprache) und Trommeln bestanden haben. Damit sind Melodie und Rhythmus gegeben; Kinderberuhigung und kollektive rhythmische Bewegung (Tanz) könnten – vielleicht verteilt auf Frauen und Männer – eine Rolle gespielt haben. Die Anfertigung von so raffinierten Instrumenten wie Flöten ist unermeßlich weit von allem entfernt, was die heutigen Menschenaffen tun. Bedenkt man, daß Faustkeile eine halbe Million Jahre ohne große Veränderungen hergestellt wurden, kann man sich denken, wie lange die Entwicklung anderer Gegenstände gedauert haben könnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2024 um 06.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52805

Eine Sprache, die viel gesprochen wird – und warum sollten unsere Vorfahren sowie die Neandertaler nicht von morgens bis abends gesprochen haben? – muß notwendigerweise „komplex“ werden, und zwar durch die gegenläufigen Tendenzen der Systematisierung (Analogie) und der Idiomatisierung.

Ich brauche das nicht weiter auszuführen, es liegt ja auf der Hand.

Jedenfalls müssen die Sprachen der Frühmenschen und der Neandertaler eine unvordenklich lange Geschichte hinter sich haben, vielleicht eine Million Jahre? Wenn ich das Foto der Fußspuren von Laetoli ansehe (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1570#39920), stelle ich mir gern vor, daß diese "vormenschlichen" Leute miteinander gesprochen haben. Natürlich hatten sie keine papierne Fachsprache, sondern sprachen vielleicht wie die heutigen Papua (was nicht geringschätzig gemeint ist) über alltägliche Dinge und über Geister.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2024 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52804

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#38320
Die Bohrungen vorgeschichtlicher Knochenflöten (Geißenklösterle und die noch ältere der Neandertaler von Divje babe) sind handwerklich fortgeschritten und werfen die Frage auf, wie man überhaupt darauf gekommen ist. Jedes Kind weiß, daß man durch Anblasen eines Rohrs einen Ton erzeugen kann, der unseren Vorfahren unheimlich genug vorgekommen sein muß (wie auch der schwirrende Ton geschwungener Hölzer usw.). Aber bis zu einer Block- oder Querflöte mit Bohrlöchern ist es noch ein weiter Weg.
Daß die Neandertaler sprechen konnten, ist meiner Ansicht nach selbstverständlich. Ich habe auch nie an die These vom gutturalen Gestammel geglaubt. Wahrscheinlich haben sie von morgens bis abends geplaudert, gelästert und gelacht, und ihre Sprache war nicht weniger „komplex“ als irgendeine heutige. („Komplexität“ gilt den meisten Linguisten ja als Qualitätsmerkmal.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2024 um 06.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52803

Ob Suchen oder Auslesen – wer sucht denn oder liest aus?

Vor dem Lernen kann der Organismus es nicht, und nachher kann er es. Wissen wir mehr, wenn wir von Speicherung (statt Veränderung) sprechen?

Sie neigen ja dazu, zwischen Veränderung und Speicherung keinen Unterschied zu sehen, während ich meine, daß "Speicher" etwas hinzufügt. Daher mein uraltes Beispiel vom Bachbett, das das Wasser sich selbst gräbt. Die Veränderung der Landschaft würde ich nicht Speicherung nennen, sondern Spur oder so ähnlich. Mit dem Speicherbegriff ist begrifflich die Suche (Abrufen, Auslesen) verbunden, mit der Spur nicht. Anders gesagt: "Speicher", ob Kornspeicher (spicarium) oder Festplatte, ist eine technische Angelegenheit und damit etwas "Intentionales", und das möchte ich fernhalten.

Abgesehen von diesen Überlegungen könnte man einwenden, daß bei unserer völligen Unkenntnis der physiologischen Tatsachen eigentlich gar nichts gesagt ist, wenn man das Gehirn als Ort eines Speichers bezeichnet. Die führenden Autoren kommen auch nie über ein "irgendwie" (somehow) hinaus. Na ja, möchte man sagen, irgendwie wird Gott wohl die Welt erschaffen haben... Ich habe micht hundertmal darüber gewundert und einiges hier auch zitiert (zum bilateralen Zeichen, zur Aktualgenese, Levelt usw.).

Hypothesen über den Inhalt der Blackbox sind natürlich erlaubt, aber sie sollten einen realistischen Kern haben. Und sie sollten begrifflich möglich sein, was in diesem Fall nicht zutrifft: Im Gehirn gibt es keine Karten, keine Bilder, keine Begriffe und Propositionen, keine Intentionen... Das ist keine Tatsachenfrage, und kein Neurologe kann sie entscheiden. Es sind begriffliche Monstrositäten, und je eher man sich davon bereit, desto besser für die Wissenschaft.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.02.2024 um 22.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52802

Na ja, das Gehirn arbeitet ("sucht") meist unwillkürlich, darum bemerken wir eine Suche seltener. Bei rein motorischen Fertigkeiten wie Fahrradfahren oder Jonglieren spüren wir erst recht keine Suche nach den richtigen Bewegungsdaten.

Ich würde es nicht Festplatte nennen, das klingt zu sehr nach digitaler Speicherung. Warum nicht einfach "Auslesen von Daten aus einem neurophysiologisch realisierten inneren Speicher"? Man benötigt dazu gar keine Metapher.

Jede Metapher würde etwas Konkretes hineininterpretieren, das heute überhaupt noch niemand weiß. An den platonschen Bildern von Wachstafel und Taubenschlag gefällt mir, daß sie sozusagen die beiden Gegensätze veranschaulichen, zwischen denen das Gehirn positioniert ist. Heute würde man vielleicht sagen, das Gehirn speichert beides, teils kontinuierliches und teils diskretes Wissen.

Das Skinner-Zitat "Bei den Techniken des Erinnerns geht es nicht darum, das Gedächtnis wie ein Lagerhaus zu durchsuchen, sondern um eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von Reaktionen.“ entspricht völlig meiner Meinung, bis auf den etwas geringschätzigen Lagerhaus-Vergleich. Es geht nicht um die Suche, obwohl sie natürlich als Mittel zum Zweck stattfindet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2024 um 17.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52801

Der Versuch, sich an etwas zu erinnern, kommt mir „phänomenal“ nicht wie eine Suche vor, und wir haben ja schon öfter auf die Diskussion bei Platon hingewiesen: Gedächtnis als Wachstafel, als Taubenschlag... Ich erinnere mich... Ich baue mir Eselsbrücken, damit es „aufsteigt“ usw., aber was „ich tue“, ist nicht das, was in mir geschieht. Mein Tun muß auch erklärt werden, Handlung durch Prozeß, nicht umgekehrt.

„Auslesen von Daten“ von einer irgendwie neurophysiologisch realisierten inneren „Festplatte“ – das ist ein neues Bild, eine Metapher, und steht ziemlich fremdartig in der Begriffsgeschichte. Aber man kann es ja mal als Modell benutzen, solange man es nicht mit der Wirklichkeit verwechselt: Wachstafel, Taubenschlag, Lagerhaus, Festplatte... warum nicht?
Ich spreche ja nicht gern von „Speicherung“, weil dieser Begriff nahelegt, man habe etwas erkannt, obwohl das gar nicht stimmt. Es geht um Verhaltensänderung und ihre Ursachen und dann auch um ihr physiologisches Substrat.
Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1616#38164
und dazu der Faden http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626

(Im Deutschen werden Erinnerung und Gedächtnis oft austauschbar gebraucht, im Englischen wird eher zwischen memory und recall unterschieden, s. letzteres bei Wikipedia.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.02.2024 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52800

Ich dachte, ich hätte "erinnern" nicht neu definiert, sondern nur die natürlich gleichbleibende Bedeutung mit weniger psychologie-verdächtigen Worten neu umschrieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2024 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52798

Nanu, lieber Herr Riemer, sind Sie jetzt ein Computer? Natürlich können Sie die Wörter unserer Sprache nach Belieben neu definieren, aber dann reden wir vielleicht nicht mehr über dasselbe?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.02.2024 um 14.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52797

Den Neurologen meines Vertrauens fragen – der Witz ist sehr gut, am Ende meiner persönlichen Vertrauensskala kommen hinter den Neurologen nur noch die Psychologen. (Damit meine ich aber nicht diese Wissenschaften an sich, sondern nur deren ärztliche Vertreter.)

Ich verstehe, was Sie mit dem Kategorienfehler meinen, aber was ist "Erinnern", ist es wirklich ein psychologischer Begriff? Er mag ursprünglich so entstanden sein, aber was heute damit im kognitivistischen Sinne ausgedrückt werden soll, ist m. E. etwas anderes. Meiner Ansicht nach ist "Erinnern" zunächst das Auslesen und Nutzen von Daten, also von Information, die im "Innern", in den materiellen Strukturen des Gehirns, physisch vorhanden (Sie sagen auch "gebahnt") ist. Es sind teils angeborene, teils durch Lernen, Erfahrung entstandene Strukturen. Diese Information ist also im Prinzip für den Neurologen sichtbar! Wo ist da der Kategorienfehler?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2024 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52795

„Man will eben gar nicht wissen, daß das Schnitzel auf dem Teller intelligenter war als der eigene Zweijährige zu Hause.“ So wird eine Verhaltensbiologin zitiert – in einem Artikel, der sich mit der Intelligenz und den Gefühlen von Tieren beschäftigt. (SZ 17.2.24) Sinnloser Vergleich. Was die Gefühle betrifft, so geht es dann nur noch um Oxytocin und Cortisol im Speichel von Nutztieren. Alles andere – Geselligkeit, individuelle gegenseitige Erkennung von Tieren usw. – ist längst bekannt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2024 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52791

Im Gehirn gibt es keine Erinnerungen. Fragen Sie den Neurologen Ihres Vertrauens! Und mein Vergleich war natürlich nicht als Widerlegung gemeint. Comparaison n’est pas raison.

Ich könnte gerade in diesem Fall noch einmal an den Grundsatz erinnern (!), alltagspsychologische Begriffe nicht in Begriffen zu definieren, die ihren Schöpfern fern lagen. Als die Mystiker "Erinnerung" prägten, konnten sie nichts vom Gehirn wissen. Aus heutiger Sicht steuert das Gehirn gelerntes Verhalten, für dessen Beschreibung unsere Vorfahren eine ganze Reihe von psychologischen Ausdrücken fanden, u. a. die "transgressive" Metaphorik einer inneren Welt. Es wäre ein Kategorienfehler, dies in neurologische Begriffe zu übersetzen und damit zu übernehmen, statt es in Verhaltensbegriffen und einer Begriffsgeschichte zu erklären. Das "Innere" ist ein Als-ob, praktisch nützlich, aber theoretisch nicht zu gebrauchen.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 17.02.2024 um 01.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52790

Zu kognitivistischen Theorien habe ich mich nicht geäußert, und ich bestehe auch nicht auf irgend etwas, sondern ich habe nur versucht darzulegen, wie ich Herrn Icklers Bild verstanden habe.

Ich habe seit meiner Schulzeit nichts gegen die Vorstellung, daß das Gehirn an so ziemlich allem beteiligt ist, was wir tun oder lassen, denn so haben wir es gelernt. Und wenn ich in einer bestimmten Situation bin, in der ich schon mal war, oder wenn ich Angst vor etwas habe oder glücklich bin oder mich an etwas erinnere, mag es auch sein, daß sich die Aktivität bestimmter Bereiche meines Gehirns verändert. Aber was folgt daraus? Vielleicht bekomme ich einen Schweißausbruch, wenn mir irgend etwas Angst macht, mein Blutdruck steigt, wenn ich in einer Prüfungssituation bin, und vermutlich ist das Gehirn an der Steuerung der entsprechenden Vorgänge im Körper beteiligt, aber vielleicht wird ja das Erkennen einer bedrohlichen Situation ganz woanders oder ganz wieanders produziert, als wir meinen. Wieso muß sich dort, wo sich im Gehirn etwas tut, etwas abgespeichert sein? Was ist, wenn nicht einzelne frühere bedrohliche Ereignisse, die schon damals Angst erzeugt haben, irgendwo im Hirn »gespeichert« sind und dann beim Eintreten einer neuen Gefahrensituation »betrachtet« und ausgewertet werden, sondern wenn das Gehirn in einer noch nicht verstandenen Weise die Fähigkeit zum Erkennen von Gefahrensituationen erlangt hat? Ich drücke es bewußt vage aus, weil ich mich nicht festlegen will und auch nicht genug über dieses Thema weiß, um mich überhaupt festlegen zu können.

Was mich bei genauerem Hinsehen an dem Gedanken stört, alle Erinnerungen, Empfindungen usw. einem bestimmten Ort im Gehirn zuzuordnen, ist wohl die frühe Festlegung auf diese »statische« Vorstellung, die eine weitere Vertiefung der Erkenntnisse über die Zusammenhänge meines Erachtens eher erschwert als erleichtert. Ich habe, ohne eine Alternative anbieten zu können, den Eindruck, daß der Speicheransatz in eine Sackgasse führt, aus der man so schnell nicht herauskommt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2024 um 22.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52789

In der Auseinandersetzung mit kognitivistischen Theorien wird ja oft polemisch, wovon es auch auf diesen Seiten Beispiele gibt, davon gesprochen, daß das Gehirn z. B. kein Lexikon, keine Hochglanzfotos und keine Sammlung von Geruchsproben enthält.
Im gleichen Sinne findet man im Gehirn natürlich auch keine Reise, da haben Sie, lieber Herr Metz, ganz recht, das wäre ein Kategorienfehler, sondern es muß darin (nach kognitivistischer Auffassung) statt dessen Erinnerungen an eigene oder Informationen über andere Reisen geben, das ist kein Kategorienfehler!

Deshalb kann m. E. auch Prof. Icklers Bild vom Auto, in dem man zwar Motorteile, aber keine Reise findet, nur bedeuten, daß mit dem Finden natürlich nicht die Reise selbst, sondern Reisedaten und Informationen über Reiseerlebnisse gemeint waren.
Und in diesem Sinne kann man dann die Reise auch im Auto finden, es ist nur eine Frage der technischen Ausstattung. In diesem Sinne handelt es sich eben nicht um einen Kategorienfehler.

Wenn Sie dennoch auf dem Kategorienfehler bestehen, d. h. Sie meinen nicht die Reisedaten, sondern daß der Automechaniker die Reise selbst im Auto nicht finden kann, dann müssen wir diese Metapher natürlich auch entsprechend rückübersetzen. Dann sagen Sie, das Gehirn speichere ebenfalls keine Reise und keine Hochglanzfotos und keine Geruchsproben. Was natürlich richtig ist, aber so naiv sind auch ernstzunehmende Kognitivisten nicht, das behaupten sie doch überhaupt nicht!

Das heißt, ich kann die Methapher von Automechaniker und Reise nicht als Widerlegung kognitivistischer Anschauungen billigen.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 16.02.2024 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52787

Der Automechaniker kann beim Zerlegen des Autos den Tank und die Zündkerze, ja sogar das Navigationsgerät, den Fotospeicher und eine Mappe mit Tankquittingen finden. Aber wenn er mir die drei letztgenannten Gegenstände vor die Nase hielte und mir stolz mitteilte, er habe gerade eine Urlaubsreise gefunden, würde ich mir ernsthaft Sorgen um ihn machen. Das Beispiel sollte doch gerade veranschaulichen, daß man Begriffe und Kategorien nicht durcheinanderwerfen darf. Eine Zündkerze kann man anfassen, eine Reise nicht. Und »finden« im Sinne des Vorfindens anfaßbarer Objekte ist etwas anderes als das Zusammentragen von (wenn auch handfesten) Daten über einen Vorgang, einen Zustand, ein Erlebnis. Das Foto von einem Glück ausstrahlenden Menschen bleibt ein Foto, es ist nicht das Glück selbst.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2024 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52785

Das ist etwas anderes. Man schwelgt ja auch nicht in den Erinnerungen anderer, sondern nur in den eigenen. Also befriedigen die Reiselust auch nur eigene Tankquittungen.

Eine Reise irgendwo zu "finden" heißt nicht, sie zu wiederholen, sondern ihre Eckdaten und Art der Erlebnisse zu kennen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 16.02.2024 um 14.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52783

Die bequemste Form zu reisen wäre dann wohl, andere loszuschicken und sich anschließend ihre Tankquittungen anzusehen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2024 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52782

Der Automechaniker findet die Urlaubsreise nicht? Die Evolution der Autos schreitet schnell voran. Heutige Autos haben bereits Navigationsgeräte, in die man jede Zwischenstation der Reise eingeben und später im System wieder abrufen kann. Während meiner letzten Reise habe ich alle Tankrechnungen im Handschuhfach gesammelt, auch alle Hotel- und Restaurantrechnungen waren im Gepäck im Fahrzeug vorhanden. Fotos von der Reise befanden sich auf einem Speicherchip im Fahrzeug. Hätte ich kurz vor der Rückkehr einen Unfall erlitten, Kriminaltechniker hätten die gesamte Urlaubsreise aus den im Fahrzeug gefundenen Daten und Belegen rekonstruieren können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2024 um 07.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52780

Nur noch einmal ganz kurz: Es geht nicht um "existent" vs. "nur ein Konstrukt". Es geht um ein semiotisches Problem, um Bezeichnungsweisen und um Kategorienverwechslung.

Der Automechaniker findet beim Zerlegen des Fahrzeugs den Tank, die Zündkerze usw., aber nicht die Urlaubsreise und die Dienstfahrt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.02.2024 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52778

Angst (eine Emotion) kann man körperlich spüren, sie kann so unerträglich sein wie Schmerz (eine sehr intensive Sinneswahrnehmung). Damit ergibt sich eine Parallelität von Emotionen und Wahrnehmungen. Man kann beide nicht einfach als Konstrukte abtun, was für Gedanken bzw. das reine Denken vielleicht nicht so unmittelbar einsichtig ist. Ein Schmerzpatient wird kaum damit zufrieden sein, daß sein Schmerz nur ein Kontrukt sei. Solange er ihn spürt, weiß er, daß er bei Bewußtsein ist, daß der Schmerz tatsächlich da ist, daß er "existiert". Auch wenn ein anderer den Schmerz nicht beobachten kann, auch wenn er materiell nicht existiert.
Descartes hätte vielleicht noch überzeugender "Ich fühle, also bin ich" sagen sollen, wobei ich aber glaube, daß er das sowieso mitgemeint hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2024 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52777

Wirtschaftswissenschaftler kritisieren mit Recht die beliebte Rede vom „größten Erfolg mit geringstem Aufwand“. Mathematisch sinnvoll kann es nur heißen: „größter Erfolg mit bestimmtem Aufwand“ oder „geringster Aufwand für einen bestimmten Erfolg“. Schwieriger wird es, wenn die Zeitdimension hinzukommt: Langfristiger Erfolg kann einen Aufwand erfordern, der kurzfristig als Verschwendung erscheint. Darauf beruht Zahavis Handicap-Prinzip. Die Schleppe des Pfaus vernindert seine kurzfristige Überlebenschance, erhöht aber über die sexuelle Selektion die Fortpflanzungschance. Ob die Schleppe tatsächlich höhere Fitneß (die sich vererben müßte) signalisiert oder nicht, ist eine andere Frage (die nach der „Ehrlichkeit“ von Signalen). Bei Wikipedia steht es schon als Tatsache:

„Das prächtige Gefieder des Hahns mit den auffälligen Deckfedern wird in der Verhaltensbiologie als visuelles Ornament bezeichnet und ist quasi ein Indikator für seine genetische Fitness. Zwar ist die lange Schleppe im Allgemeinen eher hinderlich und bewirkt eine Verminderung des Flugvermögens, nach dem sogenannten Handicap-Prinzip ist aber gerade dieser Umstand für die Weibchen bei der Paarung ein Indiz für gesunden, lebensfähigen Nachwuchs.“ (Wikipedia „Blauer Pfau“)

Die Diskussion über Zahavi dreht sich weitgehend und den Zusammenhang von „Kosten“ und „Ehrlichkeit“ von Signalen. Bestritten wird er von Kritikern wie Dustin J. Penn und Szabolcs Számadó („The Handicap Principle: how an erroneous hypothesis became a scientific principle“. Biol. Rev. 95/2020:267–290, auch im Netz – nicht ganz leicht zu lesen, aber wichtig!).

Auch Merkmale, die nicht Fitneß, sondern Zugehörigkeit zur gleichen Art und zum anderen Geschlecht signalisieren, erfordern einen gewissen Aufwand. Ebenso Zeichen der Kopulationsbereitschaft, einschl. Balzverhalten. Auf Kultur übertragen: Es kostet etwas, das Saatgetreide nicht vorzeitig aufzuessen, die besten Früchte für die Weiterzucht zu verwenden, Bäume zu pflanzen, die erst der nächsten Generation zugute kommen – Psychologie der Nachhaltigkeit und „Tragik der Allmende“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2024 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52771

Plausibel ist das sehr – darum werden ja solche populären Bücher viel gekauft (ich kenne Ledoux auch). Sieht man genauer hin, löst sich der Eindruck auf. Wie ist denn Angst definiert? Wieso ist sie ein Gefühl? Und dann auch wieder ein Verhalten? Und auch ein physiologisch definierter Körperzustand? Am schlimmsten: „zuständig“ sagt gar nichts, man ist wieder bei der guten alten Phrenologie angelangt. Daß bestimmte Hirnverletzungen bestimmte Ausfälle verursachen, ist unbestritten, aber es ist gerade die erklärungsbedürftige Ausgangstatsache.
Übrigens ganz interessant: Nachdem Ekmans Theorie der Gefühle in allen Lehrbüchern referiert worden war, ist der Mann inzwischen als Scharlatan entlarvt und das ganze Gebäude zusammengebrochen. Das wäre nicht möglich, wenn der Gegenstand selbst nicht so ein luftiges Gebilde wäre.
Ich zitiere wieder einmal, was F. A. Lange vor 160 Jahren schrieb:
„Wenn mir jemand zeigt, daß eine leichte Verletzung irgendeines Hirnteils bewirkt, daß eine sonst gesunde Katze das Mausen läßt, so will ich glauben, daß man auf dem richtigen Wege psychischer Entdeckungen ist. Ich werde aber auch dann nicht annehmen, daß damit der Punkt getroffen ist, in welchem die Vorstellungen der Mäusejagd ihren ausschließlichen Sitz haben. Wenn eine Uhr die Stunden falsch schlägt, weil ein Rädchen verletzt ist, so folgt daraus noch nicht, daß das Rädchen die Stunden schlug.“ (Geschichte des Materialismus. Bd. 2. Frankfurt 1974:797f.; zuerst 1866)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.02.2024 um 00.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52770

Joseph Ledoux beschreibt in "Das Netz der Gefühle - Wie Emotionen entstehen" (DTV 2001) verschiedene Vorgehensweisen bei der Untersuchung von Emotionen. Wissenschaftler sind natürlich dabei auf Berichte von Versuchspersonen und Patienten angewiesen, man kann sie wie Gedanken ja nicht direkt untersuchen. Aber es gibt doch Möglichkeiten, diese Berichte zu objektivieren, indem man parallel dazu Körperfunktionen mißt. So weist er z. B. nach, welche Gehirnregionen für das Gefühl von Angst zuständig sind. Auch bei Tieren sind solche Versuche möglich, indem das typische Angstverhalten beobachtet und Körperfunktionen gemessen werden. Patienten bzw. Tiere mit bestimmten Gehirnverletzungen verspüren keine Angst. So lassen sich einige Emotionen immerhin recht gut bestimmten Gehirnregionen, z. B. dem limbischen System, zuordnen. Für mich klingt das sehr plausibel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2024 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52769

Im limbischen System sollen Emotionen „verarbeitet“ werden. Diese Aussage hat nur Sinn, wenn „Emotion“ in die gleichen physiologischen Begriffe gefaßt wird wie „limbisches System“. Geht es um Hormone? Dann soll man es sagen. "Emotionen" gibt es in Romanen und Filmen, nicht im limbischen System.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2024 um 14.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52768

„Der Hippokampus, tief an der Innenseite der Schläfenlappen, wird heute als Organisator von Gedächtnisinhalten aufgefasst. Dabei scheint der Hippokampus sowohl für das deklarative Faktengedächtnis als auch für das episodische Gedächtnis festzulegen, welcher Inhalt in welcher Weise und an welchen Orten gespeichert wird. Der eigentliche Ort des Gedächtnisses ist dann die Großhirnrinde. Man könnte die Funktion des Hippokampus also im übertragenen Sinn mit dem Inhaltsverzeichnis eines riesigen Lehrbuchs vergleichen.“ (Eckart Altenmüller: „Hirnphysiologische Grundlagen des Übens“. In Ulrich Mahlert, Hg.: Handbuch Üben. Wiesbaden, Leipzig 2006, S. 50)

Das ist sehr irreführend. Das Gehirn steuert Verhalten und nichts anderes. Ein dahinter stehendes „Lehrbuch“, wie metaphorisch auch immer, erklärt nichts, selbst wenn man es gefunden hätte (was auch immer es sein mag). Denn Bücher und Verzeichnisse steuern kein Verhalten. Es müßte weiter nach jemandem gesucht werden, der sich von einem Lehrbuch zum Verhalten anleiten läßt.
Metaphern setzen voraus, daß man weiß, worum es sich in Wirklichkeit handelt. Das ist hier nicht der Fall, man weiß gar nichts, sondern tut nur so.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2024 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52767

Mein letzter Eintrag sollte natürlich Herrn Riemer antworten. Zu Herrn Metz: Sie haben ganz recht, und ich würde "Entscheidung" auf jene (möglichen) Dialogsituationen einschränken, die ich unter "Intentionalität und Sprache" besprochen habe. Anderswo habe ich auch die 25.000 Entscheidungen, die der Bienenforscher Menzel bei seinen Tierchen beobachtet haben will, in Frage gestellt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2024 um 13.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52766

Man könnte das in Dennetts Begriffen erklären (The intentional stance): Solange man über die Funktion redet, ist es egal, aber wenn man die Ingenieursebene betritt, ist es nicht egal.
Oder mit einem persönlichen Beispiel: Vor einem Vierteljahrhundert blieb mir die Sprache weg, weil als Spätfolge eines Sturzes linksseitig ein subdurales Hämatom sich ausgedehnt hatte. Wonach sollte der Chirurg suchen? Nicht nach der Sprache, sondern nach dem Blutgerinnsel. Das hat er denn auch getan.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 14.02.2024 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52765

Ich frage mich eher, was dadurch klar wird. Was ist gewonnen, wenn man die Auslöser für alle möglichen Verhaltensweisen irgendwo im menschlichen Körper lokalisiert, sei es in der Fußsohle, im Bauchnabel oder im Gehirn? Ist damit irgend etwas erklärt? Neulich las ich, wir träfen jeden Tag zwanzigtausend Entscheidungen. Da habe ich mich gefragt, ob ich jetzt beeindruckt sein soll. Wie kommt man bloß auf eine solche Zahl? Habe ich beim Tippen des Wortes »Zahl« soeben vier »Entscheidungen« getroffen? Wenn ich beim Aufstehen aus dem Bett zuerst den linken, dann den rechten Fuß auf den Boden setze, sind das dann schon wieder zwei Entscheidungen? Ist es womöglich nur eine, die sich in zwei Handlungen manifestiert? Oder ist es am Ende gar keine, weil dieses Verhalten völlig automatisiert ist, so daß nicht sinnvoll von einer »Entscheidung« gesprochen werden kann? Solange man sich nicht einmal auf die Bedeutung solcher Allerweltswörter einigen kann, wird man es kaum schaffen, die Gründe für menschliches Verhalten zu erklären.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.02.2024 um 11.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52764

Ich rede ja nicht vom ganzen Kognitivismus. Die Aussage muß schon klar sein. Aber wenn jemand sagt, das Gehirn befolgt eine Regel, ist es m. E. das gleiche wie der Satz, der Mensch befolgt eine Regel. Ein mereologischer Trugschluß liegt ja nur dann vor, wenn keine eineindeutige Beziehung zwischen dem Speziellen und dem Allgemeinen in der fraglichen Sache besteht. Was wird eigentlich unklar, wenn wir eine Eigenschaft des ganzen Menschen dem Organ zuschreiben, das im wesentlichen funktionell dafür zuständig ist?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2024 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52759

Wenn der ganze Kognitivismus nur eine Metapher oder ein großes "Als-ob" wäre, brauchte man nicht darüber zu diskutieren, er würde sich in eine Stilfigur auflösen. Dann wäre auch die Rede von der Angeborenheit der Sprache (Nativismus) nur eine rhetorische Figur, und auch die Kreationisten könnten sagen, ihre Schöpfungslehre sei nur eine Metapher für Evolution usw.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.02.2024 um 21.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52758

Reagiert das Gehirn nicht durchaus regelmäßig, wenn der Mensch vermittels seines Gehirns Regeln befolgt? Eine Faustregel meint ja keine genau passende Reaktion, sondern z. B. erstmal eine, die das Überleben wahrscheinlicher macht, wie ich es vorhin beschrieben habe. Dazu gehören wohl meist unwillkürliche Handlungen. Die willkürlichen betreffen komplexere Regeln. Ob man nun sagt, der Mensch befolgt Regeln, oder das Gehirn tut es, wo liegt der Unterschied? Natürlich ist das letztere eine Metapher, aber was macht das? Es gibt m. E. keine Gefahr für ein Mißverständnis. Das Gehirn ist eben das lenkende Organ, ohne das Menschen und Tiere gar keine Regeln befolgen könnten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2024 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52755

Aus den gleichen Berichten:

Ein erfahrener Hund springt nicht hinter dem Stock her, der ins Wasser geworfen wurde, sondern läuft erst am Ufer entlang, bis er den optimalen Ort zum Hineinspringen erreicht hat. Es sieht so aus, als beherrsche er die Differentialrechnung. Davon kann natürlich keine Rede sein, es ist nur wieder der Planimeter-Trugschluß. (Der Schützenfisch macht etwas ähnliches mit einem halben Dutzend Nervenzellen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2024 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52754

Durch die Zeitungen gehen Forschungen, die bei Clownfischen mathematische Fähigkeiten nachgewiesen haben sollen. Die Fische reagieren am stärksten auf Attrappen, die mit den drei senkrechten Streifen der Artgenossen ausgestattet sind, sollen also diese Streifen „gezählt“ haben (Bild der Wissenschaft 1.2.24).
Solche Muster lassen sich ohne Zählen erkennen, und die Deutung ist auch aus anderen Gründen nicht nachzuvollziehen. Zählen (= Abzählen) ist das Abbilden auf eine Folge von Zahlen, die in der Regel auswendig gelernt ist. „Zählen ist eine sprachliche Fertigkeit, die der Mensch vermutlich erst im Lauf seiner biosozialen Phylogenese (Stammesentwicklung) erworben hat.“ (Wikipedia Zählen)
Wie weiter bemerkt wird, setzt das Zählen eine gewisse Abstraktion voraus. Einfach gesagt, würde man Äpfel und Birnen nicht gemeinsam zählen, wenn man sie nicht (sprachlich oder nicht) zu Obst zusammengefaßt hätte. Zangen und Schraubendreher lassen sich nur als Werkzeuge zusammen zählen; Vater und Schwester nur als Verwandte usw. Darauf kommt der einfache Mensch nicht ohne weiteres, die Dinge scheinen ihm ganz verschieden zu sein.
(Man könnte sich auch das Abtragen auf einem Zählstab vorstellen, dessen Herstellung allerdings auch erklärt werden müßte.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2024 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52753

Es geht nicht um die Rolle des Gehirns, an der wohl niemand zweifelt, sondern um die Anwendbarkeit von Begriffen wie "Regel" auf Gehirnvorgänge, im weiteren Sinn um die Anwendbarkeit psychologischer Prädikate auf das Gehirn. Schon Metaphern wie "erfassen", "bewerten" sollte man sich nicht erlauben, wenn es ernst wird mit der Physiologie.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.02.2024 um 20.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52750

Statt Faustregel könnte man auch Abkürzung, Reflex, Schreck sagen. Ein lauter Knall oder ähnlich "erschreckende" Ereignisse lassen uns unter Umgehung genauer analysierender Gehirnregionen zunächst augenblicklich zusammenzucken, erschrecken, d.h. die Muskeln werden angespannt, Blutdruck, Herzfrequenz schnellen nach oben, der ganze Körper reagiert und bereitet sich auf Abwehr oder Flucht vor. In Gefahrensituationen ist Schnelligkeit überlebenswichtig, es gilt, sofort zu reagieren, wenn auch nur nach einer Faustregel. Erst dann werden andere Hirnregionen aktiviert, das Gehirn erfaßt die Situation genauer, gibt evtl. Entwarnung. Ein Irrtum über eine in Wirklichkeit nicht bestehende Gefahr schadet viel weniger, als eine zu späte Reaktion im Falle einer wirklichen Gefahr.

Diese Abläufe müssen ja irgendwie gesteuert werden. Kann es denn den geringsten Zweifel geben, daß das alles nicht im Gehirn passiert? Natürlich kann man diese Vorgänge, sowohl reflexhafte als auch wohlüberlegte, auch Verhalten nennen. Das ändert m. E. nichts daran, daß die Steuerung dieses Verhaltens im Gehirn erfolgt. Das Verhalten wird doch sofort gestört, wenn bestimmte Gehirnteile beschädigt sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2024 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52749

„Unser Gehirn setzt erlernte und tief verankerte Faustregeln ein, um Entscheidungen zu beschleunigen.“ (Aus der Zeitung)
= Wir setzen Faustregeln ein.
= Wir verhalten uns so, als ob wir Faustregeln einsetzten.
Da wir als Personen von diesen Regeln nichts wissen, sagen wir einfach, daß sie tief im Gehirn sitzen. Wer könnte das widerlegen? Irgendwo müssen sie doch sitzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2024 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52741

„Die Sprachkompetenz ist dann vollständig beschrieben, wenn alle Regeln zusammengestellt sind, die von den Sprechern einer Sprache bei der Erzeugung beliebiger Äußerungen angewendet werden.“ (Klaus H. Köhring/Richard Beilharz: Begriffswörterbuch Fremdsprachendidaktik und -methodik. München 1973:133)

So reden sie fast alle. Dagegen Skinner:

A crucial issue concerned rules. As two psycholinguists [Bellugi und Brown] put it, a child composes a noun phrase like ‘A coat’ by following the rule: ‘Select first one word from the small class of modifiers and select, second, a word from the large class of nouns.’ This was called a ‘generative rule,’ used by children whose ‘average utterance is approximately two morphemes long.’ I could not believe that a child ever spoke in that manner. So far as I was concerned, the utterance was ‘generated’ by the contingencies maintained by the verbal community. They could be described in a rule, but the rule was not in the contingencies. In arguing that rules of grammar are innate, Chomsky pointed to certain universal features in all languages. But take a baby boy from Peking to New York and he will grow up speaking English rather than Chinese. True, there will be common features — universals — but they will be due, not to inborn rules of grammar, but to the fact that both languages serve the same functions. In all languages people ask questions, state facts, describe objects, give orders, and so on, and ‘use grammar’ in doing so. (B. F. Skinner: A matter of consequences. New York 1983:154)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 10.02.2024 um 13.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52738

Scholz nickt, beugt sich über die Sessellehne zum Präsidenten vor. Eine Körperhaltung, die Zugewandtheit ausdrückt. Vielleicht ist sie aber auch damit zu erklären, dass der Präsident sehr leise spricht.
(spiegel.de, 10.2.24)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2024 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52705

Australische Forscher haben herausgefunden, warum Antialkoholiker in einer feucht-fröhlichen Runde als Spaßbremse wirken, ebenso Vegetarier unter Normalos: sie werden als stummer Vorwurf empfunden (SZ auf der ersten Seite). Na Prost! Gibt es irgend jemanden auf dem Erdenrund, der das nicht schon immer gewußt hat? Verbrecherbanden legen Wert darauf, daß ausnahmlos jedes Mitglied Dreck am Stecken bzw. Blut an den Händen hat. Der „soziale Zusammenhalt“ hat sich auch unter Kindern schon immer in der Parole ausgedrückt: „Keiner schließt sich aus!“ Unsere bayerischen Leitkultur-Politiker folgen dem gleichen atavistischen Trieb: Schweinefleisch auf den Tisch, Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer, Kruzifix ins Klassenzimmer, verdammt noch mal!
In manchen Gesellschaften schämen sich Beschnittene, in anderen Unbeschnittene, und zeigen sich darum nicht gern nackt. Dafür gibt es autobiographische Zeugnisse, die ich aber nicht gesammelt haben. Es versteht sich eigentlich auch von selbst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2024 um 07.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52677

„Language as mind sharing device. Mental and linguistic concepts in a general ontology of everyday life“

Wie kommt ein Autor, der vorher (sehr weit von Sprachwissenschaft entfernt, wenn man darunter eine empirische Wissenschaft vesteht) über „Montague-Grammatik“ (also Logik) geschrieben hat, dazu, jetzt in Psychologie zu machen? Das „Mentale“ ist eben das folkpsychologische Konstrukt, über das jeder mitreden kann, der die deutsche Sprache beherrscht. Dazu braucht man weder Psychologie noch Neurologie zu studieren. Aber warum sollten andere es lesen? Es kann doch nichts dabei herauskommen. („Ontologie“ ist für diese Autoren auch etwas anderes als in der traditionellen Philosophie. Das habe ich erst als Beisitzer in Prüfungen von Informatikern und Computerlinguisten gelernt.)
In einer Untersuchung des Sprachverhaltens muß auch das logische und mathematische Verhalten vorkommen. Wie funktioniert es, wie wird es erworben und weitergegeben? Für die „theoretische Linguistik“ ist es umgekehrt: Sie geht von der Logik aus und versucht die Sprache darauf abzubilden, also die Gesamtsprache auf eine ihrer Spezialisierungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2024 um 04.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52673

Unter verschiedenen Namen werden Stromsparkästchen angeboten, die natürlich reiner Nepp sind. Aber es macht immerhin Spaß, die kritische Analyse zu lesen, z. B. diese: https://www.heise.de/tests/Warum-das-Stromsparkaestchen-Voltbox-nutzloser-Nepp-ist-6266294.html
Ich frage mich allerdings ebenso wie andere, warum die Werbung nicht verboten wird. Muß der betrogene Käufer einzeln klagen, und würde das überhaupt helfen?
Man fühlt sich an die schwachen Anforderungen bei Arzneimitteln und die extrem laxe Kontrolle bei homöopathischen Pillen erinnert. Wer sich eine Eintrittskarte kauft, um Zauberkunststücke zu sehen, weiß genau, was ihn erwartet. Aber die viele Pseudotechnik (magnetische Wasserenthärtung usw.), mit der heute gutes Geld verdient wird, ist schlichter Betrug und sollte verboten werden. Der Staat vernachlässigt hier seine Schutzpflicht, weil der normale Bürger den Trickbetrug nicht durchschauen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2024 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52654

Psychologen haben herausgefunden, daß Geschwister der seelischen Gesundheit schaden können (SZ 24.1.24). Das erinnert sehr an die unsterbliche Einsicht, daß das Leben immer tödlich endet. Die Konsequenz kann nur sein, auf Geschwister zu verzichten. Das führt mit Sicherheit zur biologischen Lösung des Problems: Keine seelischen Leiden mehr (mangels Masse).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2024 um 08.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52582

In der strukturalen Phonologie hatte Jakobson zunächst durchaus mehr als zweigliedrige Oppositionen gelten, kam dann aber durch Hinzufügen weiterer Merkmale zu durchweg binären Oppositionen. Lévi-Strauss projizierte sie in die Mythen der Völker und hielt sie, weil das immer und überall zu funktionieren schien, für universale Strukturen des Geistes. „Jakobson erkannte die binaristische Grundstruktur der Sprache, die in allen sprachlichen Operationen wirkt.“ (Wikipedia „Strukturalismus“) Das trifft nicht zu, er hat diese Grundstruktur postuliert und wie die anderen Strukturalisten über den Gegenstand gelegt.
Urform sind die Platonschen Dichotomien, die unreflektiert das Diairesis-Verfahren ausmachen.
Jede Opposition mit beliebig vielen Gliedern läßt sich in lauter zweigliedrige umwandeln. Das ist eine rein logische Angelegenheit und sagt nichts über den Gegenstand. Ein Biologe hat scherzhaft gesagt, in erster Näherung seien alle Tiere Insekten. Den Rest kann man wieder zweiteilen usw.
In neuerer Zeit hat der Binarismus eine starke Stütze durch die digitale Technik erfahren, die mit dem Dualsystem arbeitet und daher als Basis nur zwei Werte (0, 1) kennt. Das hat aber nichts mit den Gegenständen selbst zu tun.
Bei Lévi-Strauss hat man bemerkt, daß seine Merkmale (Natur vs. Kultur, das Rohe vs. das Gekochte) von außen über die Phänomene gestülpt sind und daher europäische Konventionen widerspiegeln und fortsetzen, statt aus dem Material selbst gewonnen zu sein (vielleicht durch eine Faktorenanalyse?).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2024 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52581

Sprachproduktion ohne "Speicher" und ohne "Wahl":

Die logische oder strukturalistische Analyse läuft darauf hinaus, daß an jeder Stelle der Rede eine Auswahl aus dem gesamten Raum der Möglichkeiten gewählt wird. Nach einem maskulinen Artikel wären demnach sämtliche maskulinen Substantive darauf hin zu durchsuchen, welches der Ausdrucksabsicht (Levelts „Intuition“ am Anfang der Aktualgenese) entspricht. (Woher weiß der Erzeugungsapparat oder gar der Sprecher als Person, wann das der Fall ist?) Das gilt aber auch schon auf der phonematischen Ebene: Welcher Laut kann auf ein /d/ folgen? Es erübrigt sich, dieses allgemein verbreitete Modell von Speicher und Wahl, dessen paradoxe Folgen schon Platon dargestellt hat, näher auszuführen.

Eine naturalistische Alternative sähe etwa so aus: Die Wahrnehmung, der Kontext oder irgendeine andere Konstellation erhöht die Wahrscheinlichkeit der sprachlichen Reaktion Regenwurm. Während diese Artikulation sich vorbereitet, wird eben dadurch die Wahrscheinlichkeit der Reaktion der erhöht. Solche Artikelwörter setzen sich im Deutschen aufgrund vieltausendfacher Übung immer zuerst durch, obwohl sie in der Regel unbetont sind. Das folgende Substantiv wird nicht „zwischengespeichert“, sondern steht einfach in der Schlange des „competitive queuing“ weiter an, bis es sich durchsetzt. Auch wenn (wie bei allen Modellen der Redeerzeugung) die physiologischen Einzelheiten unbekannt sind, ist hier nicht „almost a miracle“ (Pinker) zu erklären. Vorausgesetzt wird lediglich eine weitgehende Parallelverarbeitung, wie von den „konnektivistischen“ Netzwerkmodellen mit Recht angenommen und auch aus neurophysiologischer Sicht nicht zu bezweifeln.

Die sinntragenden und daher betonten Wörter bilden das Gerüst des Satzes, die formalen Mittel werden nachträglich hinzufügt. Manche sehen es umgekehrt: Die Vollwörter werden in den grammatischen Rahmen der Formwörter eingefügt. Das ist unrealistisch – nicht nur wegen der paradoxen Folgen, sondern auch wegen der fehlerkundlichen Einsicht, daß unter Beeinträchtigung durch Krankheit, Müdigkeit, Drogen usw. das semantische Gerüst erhalten bleibt, während das grammatische Beiwerk ausfällt (Telegrammstil, pragmatischer Modus).

Der Primat der sinntragenden „Brückenköpfe“ im Strom der Rede wird im Grund auch vom hier verworfenen Modell anerkannt, aber in jenem ausdrücklich als mysteriös bezeichneten Anfangsstadium namens „Intention“ versteckt. Levelt weigert sich ausdrücklich, diese Black box zu öffnen, das macht alles weitere wertlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2024 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52535

David Premack wollte beweisen, daß die Schimpansin Sarah zu metasprachlichen Aussagen fähig war:
„Wir legten das Wort ‚Apfel‘ [ein Plastikdreieck] vor Sarah hin und in geringem Abstand davon einen wirklichen Apfel, und sie mußte das Plastikplättchen, das ‚Name von‘ bedeutet, dazwischen legen. Beim nächsten Versuch gaben wir ihr das Wort ‚Banane‘, eine wirkliche Banane und ‚Name von‘.“
So soll die Schimpansin mitgeteilt haben, daß "Apfel", aber nicht "Banane" der Name des Apfels ist. (In Ilse Schwidetzky, Hg.: Über die Evolution der Sprache. Frankfurt 1973:102f.)

Wie man sieht, lernt das Tier das Aneinanderlegen von Objekten. Alles andere steckt der Versuchsleiter hinein. Wenn er einem Plastikteil die metasprachliche Bedeutung „Name von“ zuschreibt, ist es kein Wunder, daß der Affe sich metasprachlich äußert. Sein Verhalten ist in Wirklichkeit weder sprachlich noch metasprachlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2024 um 04.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52528

Übrigens bin ich immer skeptisch, wenn ein Projekt sich selbst als „innovativ“ empfiehlt. Das ist wie der selbsterklärte „Paradigmenwechsel“. Beides sind Urteile, die dem außenstehenden Betrachter zustehen, nachdem die Mühle nicht nur geklappert, sondern auch Mehl ausgeworfen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2024 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52527

Dieser Zweig im „Elitenetzwerk Bayern“ müßte mich als Sprachwissenschaftler – der Beschreibung nach – eigentlich interessieren:

https://www.elitenetzwerk.bayern.de/start/foerderangebote/elitestudiengaenge/uebersicht-elitestudiengaenge/ethik-der-textkulturen

Es gibt unendlich viele von solchen ff. Eliteangeboten.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 04.01.2024 um 02.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52526

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52508

Das Max-Planck-Institut für Geschichte wurde 2006, angeblich aus Sparzwängen, geschlossen, obwohl dort bedeutende wissenschaftliche Forschungsprojekte betrieben wurden. Die Festangestellten wurden auf die Universitäten, weitgehend ohne Rücksicht auf das Profil der jeweiligen Institute, verteilt, und wie es den befristet Angestellten ergangen ist, will ich mir lieber nicht ausmalen.

Der Sparzwangvorwand wurde allerdings sehr schnell widerlegt, indem auf den Ruinen ein neues Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften ins Leben gerufen wurde. Letztere ist wichtig, und zwar nicht weniger als die seriöse Geschichtswissenschaft.

Die Tatsache aber, daß es ein MPI für so etwas Esoterisches wie "empirische Ästhetik" gibt, während die Geschichtswissenschaft ausgeschlossen wurde, zeigt aber m. E., daß es nicht um Sparmaßnahmen ging, sondern um Ideologie und den Kampf um die Fördertöpfe.

Das ist alles in allem entmutigend und eher widerlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2024 um 08.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52523

In mehreren Medien werden "Handabdrücke" aus steinzeitlichen Höhlen diskutiert, an denen Finger fehlen. Eine rituelle Bedeutung der Amputation wird für wahrscheinlich gehalten. Manche zweifeln allerdings daran und erwägen, daß die scheinbar verstümmelten Finger in Wirklichkeit nur gekrümmt waren und das Ganze womöglich Fingerzahlen abbildet.

Dafür würde etwas sprechen, was nirgendwo erwähnt wird: es handelt sich durchweg um Sprühbilder, vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48424 Bei Abdrücken wären solche Abbildungen auch schwer möglich gewesen.

Damit will ich aber der Verstümmelungsthese nicht widersprechen. Allerdings hat man an Knochen keine Spuren davon gefunden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.01.2024 um 07.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52508

Warum Tanzen glücklich macht, erforscht die „Neurowissenschaftlerin und Psychologin“ Julia F. Christensen vom MPI für empirische Ästhetik: „Durch Bewegung beeinflussen wir nicht nur unsere Muskeln, sondern auch die neuronalen Windungen in unserem Gehirn.“ (SZ 30.12.23)

Der Stuß wirkt silvestermäßig beschwipst, aber ausführliche frühere Äußerungen sind auch nicht erhellender.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2023 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52448

Das Faszinierende an den Ortszellen, Dreiecksschaltungen usw. ist ja gerade, daß sie völlig anders funktionieren als wir mit unseren Landkarten, Kompassen, Schrittzählern, Uhren usw. Ähnlich steht es mit der Wahrnehmung und erst recht mit dem Denken – was immer es im Kopf sein mag, es hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Verlauf einer Diskussion. Und wenn wir rechnen, rechnet nicht das Gehirn, das unser Rechenverhalten steuert.
Der Computer ist kein gutes Modell für die Arbeitsweise des Gehirns, gerade weil er die Arbeitsweise von Personen simuliert. Er ist ein soziomorphes Modell: Logik ist eine Art sozialer Disziplinierung. Daher die Irrtümer der „Kognitionswissenschaft“.
Für Sprachwissenschaftler relevant: Die „Erzeugung“ von Sätzen nach dem Modell des Computerlinguisten Chomsky hat überhaupt nichts mit der Entstehung der Rede im Kopf zu tun. Das war anfangs auch ganz klar, ist aber dann durch eine übergriffige „Kognitionswissenschaft“ verwischt worden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2023 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52447

In einem Podcast des SWR über Hirnforschung, leider auch noch mit störender Sphärenmusik lückenlos unterlegt, wird wieder von mentalen oder kognitiven Karten gesprochen, die unsere Orientierung im Raum, aber auch „logisches Denken“ ermöglichen sollen. Es fehlt jede begriffliche Reflexion: Wer liest die Karten? Wie kommt man von der Karte zur Verhaltenssteuerung? Usw. Die nobelgepreisten Ortszellen werden erwähnt, aber nicht weiterverfolgt. Zwischendurch kommt immer wieder eine Psychotrainerin zu Wort, die ihre Kunden mit Karte und Kompaß durch die Landschaft ziehen läßt. Ich schalte ab, weil ich diese neurosophischen Spekulationen samt undurchschauter Metaphorik nicht mehr ertrage.
Übrigens halte ich es für falsch, von „logischem Denken“ sprechen. Logik gehört zum Argumentieren, nicht zum Denken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2023 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52406

Amerikanische Psychologen haben herausgefunden, daß Gastgeber auf die Absage eines Eingeladenen milder reagieren als erwartet. Darum solle man ruhig mal absagen, allerdings mit Fingerspitzengefühl. Sebastian Herrmann berichtet auf der ersten Seite der SZ (15.12.23). Warum ist eigentlich das Horoskop in solchen Zeitungen gestrichen worden? Es war doch auch ganz unterhaltsam.
Glaubt man der Psychologie einen Dienst zu erweisen, wenn man so etwas verbreitet? Verstärkt es nicht eher den Eindruck, daß die ganze Disziplin wegfallen sollte?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2023 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52383

Das ist wahr, und ich habe ja selbst immer wieder gesagt, daß eine "ideale Sprache" ohne Synonymie nicht erlernbar wäre, weil mangels Paraphrasenmöglichkeit auch keine Worterklärung möglich wäre. In dem zitierten Satz geht es allerdings nicht um Begriffserklärung, sondern ausdrücklich um die Zurückführung eines Sachverhalts auf einen anderen.

Skinner hat oft gesagt, daß man eine Tatsache nicht durch ein Konstrukt erklären kann, das man erst aus dieser Tatsache abgeleitet hat. Wenn einer einen Fehlschluß zieht, dann ist das zwar ein Fall seiner Fehlbarkeit, wird aber nicht durch dieses "erklärt" usw.

Fehlt noch, daß man eine Fähigkeit auf die "Kompetenz" zurückführt. (Tausendfach geschehen.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.12.2023 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52382

Wenn es reine Wortwiederholungen sind, oder anderweitig zu offensichtliche Tautologien, wird man sie nicht verwenden.
Wird ansonsten das gleiche nur mit anderen Worten gesagt, könnte es zumindest den Sinn haben, es eben noch einmal anders zu erklären. Vielleicht sind solche Tautologien dann auch nicht ganz sinnlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2023 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52380

„Der Psychologe Daniel Goleman führt unfreiwilliges Außenseitertum bei Kindern hauptsächlich auf mangelnde emotionale und soziale Kompetenz zurück.“ (usw., Wikipedia Außenseiter)

Man weiß wie so oft nicht, ob es sich hier nicht um bloße Tautologien handelt wie bei Molières "virtus dormitiva". Schwache Kontakte kommen von der Kontaktschwäche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2023 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52331

Ich habe nicht auf die Schläge der Turmuhr geachtet, während ich über den verschneiten Feldweg wandere, aber ich weiß: Der nächste Schlag wird der elfte und letzte sein. Und so ist es auch.
Neurologen aller Länder, vereinigt euch und erklärt dieses bekannte Phänomen auf neurologischer Ebene! Über „Neurolinguistik“ reden wir später.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2023 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52311

Zur "Neurotheologie":

Sabine Müller zieht es vor, von Religiositätsneurobiologie statt Neurotheologie zu sprechen. (Dominik Groß/Sabine Müller: Sind die Gedanken frei? – Die Neurowissenschaften in Geschichte und Gegenwart. Berlin 2007; Sabine Müller/Henrik Walter: „Religiöse Gehirne – Neurotheologie und die neurowissenschaftliche Erforschung religiöser Erfahrungen“. Nervenheilkunde 29/2010:684-689)
Von ihrem nichttheologischen Standpunkt aus verurteilt Müller die sogenannten Fundamentalisten nicht als entartet, sondern sieht in ihnen die eigentlich Religiösen, denen es wirklich ernst ist.
Die Aussagekraft der bildgebenden Verfahren wird weit überschätzt. Rüdiger Vaas schreibt: „Neurowissenschaftler haben entdeckt, was in den Köpfen religiöser und abergläubischer Menschen vor sich geht.“ (Bild der Wissenschaft 16.2.10) Davon kann keine Rede sein.
Es gibt aber Einwände, die über die technische Seite hinausgehen: Die neurotheologische Literatur krankt einerseits an einem missionarischen Anspruch, der durch die dürftigen und vieldeutigen neurologischen Befunde nicht begründet werden kann: „If neurotheology is ultimately successful in its goals, its integrative approach has the potential to revolutionize our understanding of the universe and our place within it.“ (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3968360/) Auch einer der Hauptvertreter, Andrew Newberg, geht vorschnell zu Anwendungsmöglichkeiten wie „Neuroleadership“ über.
Andererseits fällt immer wieder auf, wie schlecht die theologischen oder religionswissenschaftlichen Begriffe (Glaube, Spiritualität, Religiosität, Transzendenz usw.) definiert sind. Was man traditionell als Religion bezeichnet, ist so vielgestaltig, daß es auch Zweifel daran gibt, ob es sich überhaupt um ein definierbares Phänomen handelt. Man denke an so unterschiedliche Praktiken wie Meditation, Orakelwesen, Menschenopfer... Schon deshalb sind die behaupteten Korrelationen zwischen Hirnbefunden und Manifestationen religiösen Verhaltens nicht plausibel; die Versuche sind großenteils nicht einmal reproduzierbar.
Das hindert nicht die Ableitung publikumswirksamer Thesen: „Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen.“ (focus.de 25.3.16)
Die nicht gerade seltenen Ungläubigen sind auch ein Problem für jene Forscher, die – oft selbst nicht gläubig – der Religiosität einen evolutionären Nutzen zuschreiben (vgl. Rüdiger Vaas/Michael Blume: Gott, Gene und Gehirn. Stuttgart 2009).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2023 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52296

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45757

und

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#49337

Noch in Melanie S. Richs Buch „Jews in Psychology and the Psychology of Judaism“ (Piscataway 2009) wird neben Freud, Wertheimer und Maslow auch Chomsky behandelt, obwohl er doch gar kein Psychologe ist.

Daß Sprache Kommunikation und nichts anderes sei, ist eine banale Vorstellung, die Chomsky aber geradezu lächerlich findet. Die meisten Autoren übergehen diese Kuriosität mit Stillschweigen, aber vielleicht enthält sie den Schlüssel zu einer Jahrhundertkontroverse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2023 um 03.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52278

Skinner hat selbst miterlebt, wie die Statistik im Psychologiestudium immer größeren Raum einnahm. Das hat sich bis heute eher noch verstärkt. Nur die empirische Sozialforschung, die sie ja damit überschneidet, kann da mithalten. Skinner hatte zeitweise den Forderungen der Kollegen (soweit man davon sprechen kann, denn eigentlich hat er sich nicht als Psychologen gesehen) nachgegeben und in einer aufwendigen Anlage 24 Tauben gleichzeitig vollautomatisch konditioniert und dann die 24 Lernkurven ausgewertet, aber bald kehrte er zu seinen vier Tauben zurück und dann oft zu einer einzigen, aber gründlich untersuchten. Er kritisierte das Verschwenden von "vast quantities of impeccable mathematics on vast quantities of peccable data" und zeigte, was beim Mitteln über viele Ergebnisse verlorengeht. Man könnte das gleiche über die heutigen bildgebenden Verfahren sagen: Zum Beispiel findet man durch Überlagern vieler Bilder, daß es im Gehirn ein Zentrum für xy gibt. Das kann ein Artefakt der Methode sein. In Wirklichkeit zeigt das Bild nur die durchschnittliche, aber vielleicht in keinem einzigen Probanden realisierte Präferenz für eine bestimmte Region. Die breit gestreute Verteilung ist völlig eliminiert zugunsten eines Zentrums, das es gar nicht gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2023 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52259

Karl von Frisch war ein Beehiviorist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2023 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52258

Forscher haben herausgefunden, daß auch Staaten altern und sterben. Nach etwa 200 Jahren werden sie gebrechlich. Über 600 historische Gemeinwesen wurden untersucht, teilweise mit archäologischen Methoden. Die Fülle von methodischen Problemen, auch Definitionsschwierigkeiten, ist berücksichtigt. (Bericht in der SZ vom 23.11.23)
Mir fehlt der Hinweis auf das Alter solcher Thesen. Die Analogie zwischen Staatswesen und Menschenleben ist ja seit der Antike beliebt und hat mit Spengler noch kein Ende gefunden.
Kein Gemeinwesen dauert ewig, das ist wahr. Man wird also irgendwann seinen „Tod“ feststellen. Dann erscheint die Zeit davor als „Alterung“. Die Marxisten glaubten das Ende im voraus zu kennen und nannten ihre eigene Zeit „spät“ („spätkapitalistisch“, haha!). China war bekanntlich schon lange tot oder zumindest völlig vergreist und abgeschrieben. Diese jugendfrische Behauptung war aber vielleicht selbst senil? Wer kann das sagen, es ist auch einfach langweilig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2023 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52220

Wie gesagt, man kann einem Schimpansen beibringen, einen Schraubendreher zu benutzen. Schon diese Beschreibung ist aber irreführend. Die "Topographie" seines Verhaltens mag der einer Benutzung des Schraubendrehers gleichen, trotzdem "benutzt" er ihn nicht. Das wäre der Fall, wenn die Affen das bereits erwähnte Sägen und Schrauben etwa zur Herstellung verbesserter Schlafnester nutzen würden. (Die Bereitstellung der Werkzeuge, die sie nicht selbst herstellen können, sei ihnen zugestanden.) Davon sind die Tiere weit entfernt, es würde den Zoologen geradezu schockieren. Darum kann man nicht eigentlich sagen, daß Schimpansen gelernt haben, Schraubendreher zu benutzen – es handelt sich nur um eine Simulation. Genau so verhält es sich mit den Sprachversuchen. Kein Tier versteht Wörter, weil es Wörter nur als Teil der Sprache gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2023 um 18.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52200

Wir sind so weit auseinander wie seit je.

Ich wiederhole mich, will aber dies noch einmal sagen:

Wenn alles, was Forscher über einen Gegenstand herausfinden (wie man ja sagt), schon in diesem Gegenstand enthalten wäre, also wohl die „Information“, dann wäre kein Unterschied zwischen dem Weltall und einem Lehrbuch der Astronomie. Das führt zu nichts. Information im semantischen Sinn hat mit Kommunikation, also Zeichenverhalten zu tun. (Es geht also nicht um natürlich vs. künstlich.)
Dennett hat seine bessere Einsicht verdorben, indem er den Jahresringen in Bäumen Information zuschrieb, Bohrkernen aus Gletschern aber nicht. Sie sind offenbar genau gleichwertig als Material für eine Klimageschichte (die dann wirklich die Information enthält).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.11.2023 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52199

Eigentlich meine ich keine von diesen sehr speziellen Sichtweisen, die beide wohl das umfassen, was Sie mit "absichtlich" bzw. "kein Naturphänomen", also künstlich, bezeichnen. Nur das erkennen Sie als Information im fachlichen Sinne an.

Ich hatte Information auch schon als äußere Form, Muster bezeichnet. Für mich ist sie im allgemeinsten Sinne das, was für Sie gerade keine ist, wie z. B. die "Bahnung" im Gehirn als Grundlage des Lernens, Wissens und Verhaltens, Jahresringe am Baum, Linien im Lichtspektrum, die Masse eines Steins, die Reihenfolge zweier Ereignisse. Mein Verständnis von Information ähnelt dem umgangssprachlichen. Ob Information natürlich oder künstlich ist, kann m. E. keine Rolle spielen.

Ich finde, es sollte eine allgemeine, umfassende Definition für alle Anwendungszwecke geben, und das kann wohl nur eine philosophisch-naturwissenschaftliche sein. Ich stelle es mir ungefähr so vor:
Information ist alles, woraus sich eine wahre Aussage über die Wirklichkeit oder eine zweckdienliche Handlung in der Wirklichkeit ableiten läßt, anders gesagt, alles, was korrekt interpretierbar oder zweckmäßig nutzbar ist. Dabei ist es egal, ob es zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich korrekt interpretiert oder zweckmäßig genutzt wird.
(Wahrscheinlichkeitsaussagen sind wahr, insofern sie mit der angegebenen Wahrscheinlichkeit zutreffen.)

Information ist immer an einen materiellen Gegenstand gebunden, was man auch "gespeichert" nennt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2023 um 15.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52198

Sprechen Sie von Information als Nachricht (Botschaft) oder von Information im mathematischen (statistischen) Sinn? Wir waren doch schon mal so weit, das zu unterscheiden. (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1570#51865)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.11.2023 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52197

Seltsam, daß ausgerechnet der Naturalismus eine der Grundeigenschaften von Natur und Materie, die allgegenwärtige Information, bestreitet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2023 um 19.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52190

Schallplatten werden absichtlich hergestellt und existieren nur zu dem Zweck, daß man die Musik daraus wiedergewinnen kann. Sie sind kein Naturphänomen wie ein Bachbett.
In diesem Sinne sind Speicher auch etwas anderes und mehr als Anhäufungen oder Spuren – das ist es ja, was ich die ganze Zeit sagen wollte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.11.2023 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52189

Wie, nicht von selbst? Das Wasser fließt auch nicht von selbst, sondern folgt der Schwerkraft. Beim Schneiden des Plattenrohlings folgt der Stichel genau den Schwingungen der Musik. Kein prinzipieller Unterschied.
Wird die Platte wieder abgespielt, kommt genau die gleiche Musik von derselben Stelle der Bahn wie beim ersten Mal.

"Jemand speichert und jemand sucht und findet", das ist genau, was ich auch sage, und was im Gehirn passiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2023 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52188

Die Musik bahnt sich nicht von selbst ihre Spur auf der Vinylplatte (wobei die moderneren Speichermedien nicht wesentlich verschieden sind), und die nächste Musik folgt nicht den Bahnen der ersten. Jemand speichert und jemand sucht und findet, das gehört zusammen. Sonst wäre jede Ansammlung ein Speicher, z. B. der Sandhaufen oder die Pfütze.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.11.2023 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52187

Meiner Ansicht nach heißt speichern, etwas an einen bestimmten Ort zu bringen, dort zu sammeln und über eine gewisse Zeit hinweg zu erhalten. Die Hauptsache am Speichern ist das Erhalten. Selbstverständlich muß es dann auch wiederauffindbar und nutzbar sein, sonst wäre es ja im Grunde nicht erhalten.

Die Art und Weise, wie das Wiederauffinden erfolgt, ist aber zunächst einmal zweitrangig, sie gehört nicht direkt zum Speichern. Das Wiederauffinden muß nur möglich sein.

Derjenige, der im Speichermedium Gehirn sucht, muß keine zweite Person sein, sondern die erste (speichernde) Person tut es selbst. Sie braucht ja auch niemand anderen, der ihren Mageninhalt umschaufelt, die Leber reguliert und ab und zu ein paar Tropfen Gallensaft zulaufen läßt. Diese Vorgänge erfolgen unbemerkt (unbewußt).

Das Bild vom Bachbett als Speicher wird bei den alten Vinylschallplatten besonders deutlich. Darauf wurden z. B. Musikstücke gespeichert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2023 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52184

Amerikanische Forschende haben festgestellt, daß es sich positiv auswirken kann, wenn man gute Nachrichten eine Weile für sich behält.
Australische Forschende haben festgestellt, daß Knabenchöre besser singen, wenn im Publikum Mädchen sitzen.

Die SZ, die darüber berichtet, ignoriert gleichzeitig eine elementare Einsicht der Lesbarkeitsforschung: Im Wirtschaftsteil experimentiert sie seit gestern mit Bildunterschriften, die in dünner weißer Schrift auf blauem Grund gedruckt und daher nur schwer zu entziffern sind. Todschick natürlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2023 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52182

Ich habe "Auskunft" auch nicht so gemeint, pardon!

Das Bachbett war nie mein Beispiel für Speicherung, sondern deren Reductio ad absurdum. Es wäre eher mit "Bahnung" in der Neuropsychologie zu vergleichen. Aber wir haben ja schon öfter festgestellt, daß Sie "Speicherung" in einem so weiten Sinn verstehen, daß auch die Bahnung darunter fällt. Meiner Ansicht nach bedeutet "Speicherung" etwas Spezielleres, sonst brauchte man den Begriff gar nicht. Insbesondere verlangt ein Speicher jemanden, der darin sucht wie in einer Ablage, letzten Endes den Homunkulus. Der Bach hat dieses Problem ("Retrieval") nicht. So haben wir schon vor längerer Zeit festgestellt, daß wir in der Tat aneinander vorbeireden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.11.2023 um 01.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52178

Lieber Prof. Ickler, ich habe Ihnen doch hier keine Auskunft gegeben. Sie kannten meine Antwort auf diese zwei rhetorischen Fragen vorher.

Sie selbst haben mit dem Gebirgsbachbett schon vor längerem das anschaulichste Bild der Wissensspeicherung entworfen, das ich kenne, treffender als Platons Wachstafel und Taubenschlag. Trotzdem sagen Sie aus mir unverständlichen Gründen, es stehe nicht für Speicherung. Allein am Verhalten läßt sich nicht erklären, wie Gelerntes auf den nächsten Tag, selbst nur auf die nächste Sekunde hinübergerettet werden kann. Da braucht es dann eben doch etwas Festes, das Bachbett. Das ist genau der materielle Informationsspeicher, den ich meine.

Wie die Realität im Gehirn nach diesem Bild vom Bachbett genau aussieht, woraus "Bach" und "Bett" wirklich bestehen, ihr genaues Wesen, Funktionsweise usw., das erklären Sie doch auch nicht. Es wäre auch die Antwort, wie Speicherung funktioniert. Aber nur in bezug auf die Speicherung soll dieses Nichtwissen ein Verzichtsgrund sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2023 um 20.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52177

Daß die Frage sich nicht stellt, ist eine Auskunft, mit der ich natürlich gut leben kann. Das gilt auch für die Frage nach dem Speicher, weil ich gar keinen Speicher annehmen muß. Wenn man nicht die leiseste Ahnung hat, wie Speicherung funktioniert, kann man gleich ganz darauf verzichten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.11.2023 um 18.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52176

Wer nutzt mein Gehirn (samt Wissensspeicherung), meine Augen, mein Herz, meine Hände, meine Beine? Das kann wohl weder eine unlösbare noch überhaupt eine ernstgemeinte Frage sein, Welchen rhetorischen Zweck verfolgen Sie damit?

Woher weiß der Nutzer, wie er seinen Wissensspeicher nutzen soll?
Diese Frage ergibt keinen Sinn, denn er weiß es ja nicht. Sie ist ebenfalls nicht unlösbar, sondern stellt sich gar nicht. Die inneren Vorgänge im Gehirn laufen unbewußt ab, genau wie Herzschlag, Verdauung usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2023 um 15.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52173

In seiner Autobiographie erzählt Skinner:
„At the annual meeting of the American Association for the Advancement of Science in December 1933, Professor Walter Miles gave several paper-and-pencil tests to those who were curious about their personalities. I took them, and a month or two later learned that I had better judgment than 95 percent of the others in the group, was more extroverted than 57 percent, and was more readily annoyed than 65 percent. I do not remember what I judged or called annoying. Other evidences of my personality, closer to daily life, were less reassuring.“

Das ist natürlich alles mit dem milden Spott erzählt, der nach so vielen Jahren erfolgreicher behavioristischer Arbeit berechtigt war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2023 um 14.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52172

Wer nutzt den Speicher, und woher weiß er, wie er ihn nutzen soll? Das ist nicht "noch ungelöst", sondern unlösbar.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.11.2023 um 07.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52169

Platon hatte schon erkannt, daß das Wissen sowohl diskrete Fakten als auch schwer trennbare kontinuierliche Spektren aufweist. Ob und wie man diese in ein einheitliches Wissensspeichermodell (Vielleicht Wachstauben? Oder eine Art Welle-Teilchen-Modell der Psychologie?) zusammenführen kann, war damals schon so unbekannt wie heute noch. Aber sind das nun gleich grundsätzliche begriffliche Schwierigkeiten der Wissensspeicherung? Sie sind halt immer noch ungelöst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2023 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52165

Man weiß es nicht nur faktisch nicht, sondern kommt auch über die begrifflichen Schwierigkeiten nicht hinweg (sofern man sie überhaupt erkennt; Platon über Wachstafel und Taubenschlag als Gedächtnismodelle). Dann ist es aber sinnvoller, sich für eine weniger gewagte Sicht auszusprechen und die Verhaltensänderung nicht vorschnell auf das doch sehr spezifische Speichermodell festzulegen. Ich habe das ja schon oft zu erklären versucht. Das Bächlein speichert nicht die Bahn, die es geflossen ist; das wäre eine nutzlose Zutat des Beobachters. Entia praeter necessitatem non sunt multiplicanda.

(Ebenso "Materie vs. Bewußtsein" samt deren Interaktion und anderes aus Teufels Küche. Das braucht man nicht.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.11.2023 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52164

Das Wie wäre natürlich sehr interessant, aber was wollen wir machen, wir wissen es nicht. Zumindest noch nicht. Wir wissen auch nicht, ob wir es jemals wissen werden. Vertreter des Speichermodells müssen es auch nicht wissen, denn das Nichtwissen über das Wie widerlegt nicht das Daß.

Zum Was läßt sich immerhin klar sagen, daß logischerweise im Gehirn keine stofflichen Gegenstände gespeichert werden, sondern Information. Philosophisch gesagt, nicht materieller Inhalt, sondern materiegebundene Form.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2023 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52163

Aber wie wird denn nun gespeichert? Das sagen die Vertreter von Speichermodellen auch nicht. Das haben wir ja schon diskutiert (auch die Frage des Abrufs usw.: wer nutzt den Speicher und wie?).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.11.2023 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52162

Natürlich, auch Bennett und Hacker belegen mit vielen Zitaten. (Die Seitenzahlen beziehen sich auf meinen vorigen Eintrag.)

S. 211 belegen sie mit LeDoux, "Das Netz der Gefühle". B./H. zitieren daraus: "Es handelt sich um Dinge, die ich gelernt und in meinem Gehirn gespeichert habe." Als Dinge habe LeDoux beispielsweise den Geruch eines Bananenpuddings angeführt. B./H. unterstellen ihm nun, er meine eine Speicherung des Geruchs im Gehirn, so wie man Geruch in Flaschen speichert. Davon hat LeDoux aber nichts geschrieben. Das ist also kein Beleg, sondern tatsächlich eine wortklauberische Unterstellung.

S. 239 wird belegt mit einem Zitat von Edelman/Tononi, die sagen, Gedanken werden im menschlichen Kopf gedacht. Dem schließen B./H. ihren Einspruch an, Gedanken würden nicht im Gehirn, sondern z. B. auf der Straße gedacht. Der Beleg belegt also nicht ihre Entgegnung, sondern diese ist ihre eigene Behauptung, und zweitens, was für eine Wortklauberei! Das ist so, als wenn mein Sohn mich anruft und sagt, er fahre gerade im Auto, und ich antworte, Unsinn, du fährst nicht im Auto, sondern auf der Autobahn.

Sicher gehöre auch ich zu den "ehrgeizigen Laien", aber auch ein Laie hat immer recht, wenn er sagt, der Kaiser ist nackt, oder 2 + 2 ist nicht 5.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2023 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52151

Ich glaube, Ihre Enttäuschung beruht auf einer falschen Erwartung. Das Buch bietet nicht die im Titel genannten "Grundlagen", sondern kritisiert sie. Überhaupt ist Philosophie nach Hacker Begriffsklärung und -kritik. Die Autoren "unterstellen" auch anderen nicht irgendwelche Meinungen, sondern belegen sie mit vielen Zitaten, genau wie ich es hier unermüdlich mache. Die Kritisierten verwenden tatsächlich eine naive, widersprüchliche und von Grund auf verfehlte Begrifflichkeit, die ich meinerseits mit stärkerem Gewicht auf der linguistischen Seite aufzudecken versuche.
Es gibt natürlich eine stetig fortschreitende Neurologie, von der die Öffentlichkeit nichts erfährt und für die sie sich etwa soviel interessiert wie für die Immunologie. Aber viele Neurowissenschaftler, aber auch ehrgeizige Laien können es nicht lassen, an das wenige Wissen alle möglichen Spekulationen zu knüpfen. Ich nenne es "Neurosophie" (neuro-babble usw.).
Ein Hauptpunkt ist meiner Ansicht nach die Ansetzung einer "Sprache des Geistes", also letzten Endes die Homunkulus-Psychologie. Die Kluft zwischen einer solchen philosophischen Psychologie und den eigentlichen Erkenntnissen über Reizleitung, Stoffwechsel usw. ist unendlich groß, wird aber von den Neurosophien ignoriert. B/H decken das auf. Die Primitivität liegt im Fehler, den sie kritisieren, nicht bei ihnen selbst.
Bennett sichert die naturwissenschaftliche Korrektheit, die eigentliche Sprach- oder Begriffskritik stammt von Hacker, dem wohl gründlichsten Wittgenstein-Kommentator.
Wenn man von traditionellen philosophischen Schulen herkommt, z. B. aus dem Neomarxismus, kann man in der Wittgensteinschen Sprachkritik wohl nur etwas Triviales sehen, worauf man keinen einzigen Tag verwenden möchte. Adorno konnte damit überhaupt nichts anfangen, hat weder das Problem noch die Lösung verstanden, so daß es hier eine Verständigungslücke gab wie zwischen Aliens von verschiedenen Planeten. Größere Gemeinsamkeit in den Grundlagen, aber ebenso scharfe Gegensätze in den Folgerungen gibt es zwischen der analytischen Philosophie und den Phänomenologen. Besonders in Österreich fand hier die Auseinandersetzung zwischen den "Positivisten" und der Schule Brentano/Husserl/Meinong ausdrücklich statt.
Ich bin immer wieder auf den Grundwiderspruch gestoßen und reite ja auch hier ständig darauf herum: Was den "Phänomenologen" (im weitesten Sinn) evident gegeben zu sein scheint, halten die Analytiker für eine sprachverführte Erfindung ("illustrierte Grammatik", nach Ickler fehlgedeutete "Geschäftsordnung der Sprache"). Ein Brückenschlag ist nicht möglich, schon weil kein Argument, sondern ein Appell zugrunde liegt. Ich will die Belege für die "letzte Gewißheit" nicht noch einmal wiederholen, die ich unter "Intentionalität und Sprache" und anderswo gebracht habe.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.11.2023 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52150

Es ist für meine Argumentation egal, ob es Reflexe gibt oder nicht. Sie haben sie zu Recht als Beispiel dafür angeführt, daß körperliche Reaktionen auf Reize auch ohne Schmerz (also unbewußt) möglich sind. Aber der Normalfall bleiben nun einmal Schmerzen (starke und schwache, incl. aller Sinneswahrnehmungen). Reflexe sind ein unwichtiger Sonderfall. Es gibt nur bewußte Schmerzen und Sinneswahrnehmungen, unbewußt wären es ja keine. Jeder kennt Schmerzen, niemand wird sie ehrlicherweise leugnen.

Schmerz und Sinneswahrnehmungen sind beinahe schon identisch mit Bewußtsein. Es kommt noch die Fähigkeit hinzu, Gefühle zu entwickeln, Schlüsse zu ziehen und gezielt zu reagieren. Das wäre so etwa meine Definition von Bewußtsein, die auch für Tiere paßt. (Die klassische spielt für mich im Moment keine Rolle.)

Und nun frage ich, warum gibt es den Schmerz bzw. Sinneswahrnehmungen überhaupt, wenn sie nach Ihrer Meinung doch wirkungslos sind? Müßte es nicht ein geradezu unglaublicher Zufall sein, daß die Evolution wirkungslose Schmerzen, eine wirkungslose Bewußtheit, nicht nur ständig beibehalten, sondern seit der Entstehung des Lebens auch immer weiter ausgebaut und verfeinert hat, bis hin zu den empfindlichsten Sinneswahrnehmungen und zum Menschen mit all seinen geistigen Fähigkeiten? Einen solchen Wahnsinnszufall kann es einfach nicht geben. Also müssen Schmerzen, mithin das Bewußtsein, eine Wirkung auf den Körper haben, und nur diese Wirkung treibt die Evolution an!


Von Bennett und Hacker habe ich nur den dicken Wälzer "Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften" (WBG Darmstadt, 2010) gelesen, aber das Buch hat mich enttäuscht, und ich werde mir wohl überlegen, noch eines von denselben Autoren anzufangen. Ich kann hier unmöglich alles auflisten, was ich darin widersprüchlich und unsinnig bis lächerlich fand. Nur wenige Beispiele:

S. 136 ff:
Die ständigen Wortklaubereien und Trivialitäten, die sich durch das ganze Buch ziehen, nerven: "Ich" sei weder mein Körper noch mein Geist, der Mensch bzw. die Person sei nicht dasselbe wie das Gehirn, nicht das Gehirn denkt, sondern der Mensch, der Geist sei nicht das Wesen, das sei alles "irreführend" (wohl das häufigste Wort des Buches, vor allem, wenn etwas der Auffassung der Autoren widerspricht).
S. 168:
"[...] unsere Wahrnehmungen spielen sich gar nicht in unseren Köpfen ab. [...] Die Fragen ´Wo hast du Beethovens Neunte zuletzt gehört?´ oder ´Wo hast du Jack gesehen?´ können mit ´Im Sheldonian Theatre´ (wenn man Jack beim Konzert gesehen hat) beantwortet werden, nicht mit ´Zehn Zentimeter hinter meinem linken Auge´."
Solchen Unsinn mag ich gar nicht kommentieren.
S. 203:
"Man kann logischerweise nur das in Erinnerung behalten und sich nur daran erinnern [to remember], was man zuvor erfahren hat oder von dem man zuvor Kenntnis hatte. Dabei muss es sich jedoch nicht um etwas handeln, das in der Vergangenheit angesiedelt ist. Denn neben vergangenen oder zurückliegenden Tatsachen lernt und behält man auch Tatsachen in Erinnerung und erinnert sich daran, die die Gegenwart betreffen (wo man seine Schlüssel hat z. B.), sich auf die Zukunft beziehen (wann der nächste Zug fährt z. B.) sowie allgemeine Tatsachen, die zu jeder Zeit Bestand haben (Naturgesetze z. B.), und mathematische oder logische Wahrheiten, die zeitlos sind."
Eine absolute Trivialität. Als ob der Zeitbezug einer Aussage, von der man Kenntnis bekommen hat, eine Rolle dabei spielt, ob man sich an diese Aussage erinnern kann.
S. 211:
"Man kann Gerüche in Flaschen speichern, Wortbedeutungen in Lexika niederschreiben und Spielregeln in Dokumenten festhalten, die dann gespeichert werden können - im Gehirn aber kann man weder Gerüche noch Wortbedeutungen noch Regeln speichern!"
Sehr witziger Gedanke, im Gehirn verschiedene Bläschen mit Veilchenduft, Ziegenstallgeruch usw. zu haben, an denen dann wohl ein Homunkulus ab und zu schnuppert und mit dem gerade in der Nase befindlichen Geruch vergleicht. Natürlich werden im Gehirn keine Gerüche gespeichert. Es ist einfach albern, seinen Fachkollegen solche Theorien zu unterstellen. Wenn jemand die Meinung vertritt, daß etwas gespeichert wird, dann keine Geruchsproben, sondern die Empfindungen, die die jeweiligen Gerüche ausgelöst haben.
S. 232:
"Das Verhältnis zwischen glauben und denken"
Die Gegensätze sind nicht glauben und denken, sondern glauben und wissen.
"Man kann laut oder leise denken, aber nicht glauben"
Nein, man kann laut oder leise sprechen, aber nicht denken.
S. 239:
"Gedanken [werden] nicht im Gehirn gedacht, sondern im Studium, in der Bibliothek oder wenn man die Straße hinunterläuft. Das Denkereignis (eine Person hat einen bestimmten Gedanken) hat seinen Ort dort, wo sich die Person befindet, wenn ihr dieser Gedanke durch den Kopf geht."
S. 468:
"Können nichtmenschliche Tiere denken?
[...] Nichtmenschlichen Tieren kann rudimentäres Denken zuerkannt werden [...]"

Usw., es gibt noch viele amüsante Stellen. Als Lehrbuch finde ich es ungeeignet, egal, welche philosophische Position man einnimmt. Außerdem sollten Grundlagenbücher m. E. allgemeine Grundlagen vermitteln, und keine bestimmte Theorierichtung bevorzugen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2023 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52141

Zur Ergänzung vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#46341

Dazu die durchschlagende Kritik von Bennett und Hacker in „History of cognitive neuroscience“. Chichester 2013.

Dennett ist besser informiert als Searle, aber im Diskussionsband von Bennett, Hacker, Dennett und Searle reden die beiden "Parteien" trotzdem aneinander vorbei (genau wie wir...) (Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache. Frankfurt 2021).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2023 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52140

Soweit ich weiß, wird in der Biologie nur noch sehr begrenzt von Reflexen gesprochen, als Universalschlüssel zur Psychologie ist der Begriff praktisch verschwunden. Skinner hat mit Arbeiten zum Reflex angefangen, den Begriff dann aber völlig aufgegeben. (Im zweiten Band der Autobiographie schildert er seinen Wandel. Übrigens kam der betagte Pawlow mal zu einem Vortrag nach Harvard – und trug auf deutsch vor! Alle Psychologen mußten damals Deutsch lernen.)
Der evolutionäre Sinn der Sinne besteht zweifellos in der Orientierung zwecks Überleben (Ernährung, Fortpflanzung, Gefahrenerkennung). Wenn Zeichen hinzukommen, also die Gruppe/Gesellschaft zugezogen wird, stellt sich die Frage, welchen Sinn das hat. Es geht also um den Sinn der Sprache. Über Sprache kann man reden, über Bewußtsein nicht.
Wie könnte man eigentlich Bewußtsein definieren, ich meine klassisch nach Gattung und Art?
(Und warum sind Wörter wie "Bewußtsein" so spät aufgekommen, wo doch Bewußtsein angeblich eine ganz elementare Erfahrung ist? Die griechischen Meisterdenker kannten es nicht, und wir können mit ihren Begriffen von Seele usw. nichts anfangen. Das ist doch seltsam.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.11.2023 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52139

Na gut, den Nutzen der Sinnesorgane könnte man noch mit Reflexen erklären, aber den Nutzen von bewußten Sinneswahrnehmungen schon nicht mehr.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.11.2023 um 18.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52138

Ich finde, das vernebelt etwas das eigentliche Problem. Zum einen gibt es starke und schwache Schmerzen, manche so schwach, daß man sie eher Berührungen oder Empfindungen nennen kann, so funktionieren ja letztlich alle Sinnesorgane.

Zum andern ist manchmal das Bewußtsein im Schlaf, suggestiv, medikamentös oder durch Umgehung des Gehirns (Reflexe) ausgeschaltet. Dann gibt es eben in diesen Fällen keinen Schmerz.

Meine Frage ist nicht, warum es manchmal keinen Schmerz gibt, sondern warum es i. a. überhaupt Schmerz und Sinnesorgane gibt, wo dieser bzw. diese doch angeblich völlig wirkungslos ist/sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2023 um 15.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52137

Wieso denn? Es gibt auch Reaktionen ohne Schmerzverhalten, z. B. den Kniesehnenreflex.
"Schmerz" ist zwar das meistdiskutierte Beispiel (schon bei Wittgenstein), aber nicht leicht zu verstehen. Unter gewissen Bedingungen hat man schon bekundet: "Der Schmerz wird noch empfunden, tut aber nicht mehr weh." Bekanntlich läßt sich Schmerz psychologisch stark beeinflussen bis hin zu Operationen ohne Narkose. Andererseits kann eine kleine Irritation z. B. am Zahn sich riesig auswachsen und einen fast rasend machen. Man denkt auch an Kinder: Eins fällt hin, steht auf und spielt weiter, das andere plärrt unter gleichen Umständen eine halbe Stunde lang. Das ist alles noch wenig verstanden, gerade unter evolutionärem Aspekt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.11.2023 um 13.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52136

Meine Hand müßte also nach Ihrer Auffassung auch zurückzucken, ohne daß ich irgendetwas spüre, ja sogar ohne daß ich die brennende Kerze überhaupt sehe.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.11.2023 um 13.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52135

Das ist mir klar, aber es beantwortet (wie auch die Superspartaner) meine Frage nach dem Vorteil durch den Schmerz nicht:

Warum bedarf es erst des Schmerzes (der bewußten Empfindung), um meine Hand vor der heißen Kerzenflamme zurückzucken zu lassen?
Der Schmerz (das Bewußtsein) hat doch, wie Sie hier selbst noch einmal betonen, gar keine Wirkung, also keinen Sinn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2023 um 12.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52134

Natürlich bestreiten wir Naturalisten, daß Schmerz auf den Körper zurückwirkt. D. h. wir halten das nicht für eine sinnvolle Redeweise.

Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1630 (Superspartaner)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.11.2023 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52133

Welchen evolutionären Vorteil bieten eigentlich die Sinnesorgane?

Er scheint auf der Hand zu liegen, aber man muß bedenken, ob eine bewußte sinnliche Wahrnehmung wie z. B. Schmerz auf den Körper (also Bewußtsein auf Materie) überhaupt zurückwirken kann.

(Ich reduziere mich lieber auf Schmerz statt Bewußtsein, um die böhmischen und thüringischen Dörfer zu umgehen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2023 um 08.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52132

Ein bißchen Hintergrund dazu (aus meinen Aufzeichnungen):

Wir neigen verständlicherweise dazu, die Pseudo-Denotate unserer heute geltenden psychologischen Redeweise für die Sache selbst zu halten und die Benennungsleistungen anderer, auch vergangener Kulturen daran zu messen. So kommt es zu anachronistischen Urteilen:
„Die Antike und das Mittelalter, die keinen eigenen Namen für das Gefühl hatten, bezeichneten sowohl Gemütszustände (Lust und Unlust) als auch Gemütsbewegungen (Liebe, Haß, Freude, Furcht usw.) griechisch mit πάθος und lateinisch mit ‚passio‘ (...)“ (Hist. Wb. d. Philosophie s. v. Gefühl, Sp. 82)
Man sieht hier den naiven Gebrauch einer jetzt weithin akzeptierten Modellierung des Psychischen, als Maßstab einer früheren, vermeintlich weniger sachgerechten. Das Gefühl selbst scheint als Objekt zu existieren, nur wurde es in Antike und Mittelalter nicht richtig abgegrenzt und benannt. Vgl. auch:
„Bei Homer finden wir ein reiches Vokabular der Bewußtseinzustände. Aber wir sehen auch, daß das Vokabular Erfahrungskategorien durcheinanderbringt, deren Unterschiedenheit wir für selbstverständlich halten (beispielsweise werden Wahrnehmungsakte mit Erkenntnisakten vermengt und Gefühl mit Erkenntnis). Man kann in der homerischen Sprache nicht über das Denken denken.“ (Paul Henle, Hg.: Sprache, Denken, Kultur. Frankfurt 1969:69)
Ulrich v. Wilamowitz spricht von der Naivität der homerischen Sprache, „die noch gar kein Denken kennt, sondern nur ein ‚zu sich selbst Sagen‘“ (in ders. u. a.: Die griechische und lateinische Literatur und Sprache. Leipzig, Berlin 1924:19). Im heutigen Alltag sehen wir das kaum anders. Der strenge cartesianische Dualismus ist uns fremd, wir sehen kein theoretisches Problem darin, wie der Geist auf den Körper wirkt (falls diese Abstraktionsebene überhaupt beschritten wird). Denken als stummes Vorsichhinsprechen zu verstehen ist in vielen Bereichen plausibel.
Viel ist darüber geschrieben worden, ob Homers Helden einen Willen haben und welche Rolle die intervenierenden Götter spielen. Führen sie die Helden wie Marionetten? Dagegen ist daran zu erinnern, daß die Ilias, wie schon das erste Wort (Zorn) klarstellt, nicht von den Göttern handelt, sondern vom Menschen und seinen Leidenschaften. Der Dichter hat, wie er selbst wohl am besten wußte, nicht die Beratungen der Götter protokolliert, sondern den wichtigen menschlichen Entscheidungen eine größere Bedeutung verliehen; davon abgesehen sind sie aber auch für heutige Leser nachvollziehbar. Auch wir wissen im Grunde nicht, wie unsere Entschlüsse über uns kommen, und manchmal verstehen wir später nicht mehr, was uns dazu gebracht hat. Die homerischen Helden führen es auf göttlichen Anstoß zurück, z. B. durch eine Traumerscheinung, und das ist abgesehen von der mythologischen Einkleidung nicht weit von einer modernen Verhaltensanalyse entfernt.
Der Homer-Übersetzer Raoul Schrott erwähnt „die für Homer typische unbeholfene Ausdrucksweise subjektive Denkprozesse betreffend“ und verdeutlicht das angeblich Gemeinte durch teilweise recht drastische moderne Formulierungen. Paul Dräger1 und andere Rezensenten haben die naheliegende philologische Kritik formuliert: Schrott übersieht, daß es den Inhalt unabhängig vom volkspsychologischen Modell gar nicht gibt und daß die Übersetzung nicht ein Modell durch ein anderes ersetzen kann, ohne zugleich die ganze Dichtung durch eine neue zu verdrängen. Man ersetzt ja auch nicht die Pferde in alten Texten durch Autos.
Daß die Alltagspsychologie, an der auch Homer und sein Publikum teilhatten, damals konsistenter, systematischer gewesen sein sollte als heute, ist allerdings unwahrscheinlich. Spätere Philologen, die unsere heutige Kultur zu rekonstruieren versuchen, werden auf unverträgliche Kausalitäten durch unseren autonomen Willen einerseits, den Willen Gottes andererseits stoßen. Es ist nicht abzusehen, was sie daraus machen werden. Die wenigsten Menschen problematisieren ihre eigene psychologische Begrifflichkeit; zu selbstverständlich erscheint sie ihnen.
Max Scheler schreibt:
„Ich bin sogar der Meinung, daß die gesamte indische Kultur die spezifisch griechische und abendländische Kategorie des ‚Geistes‘ nicht besaß.“ (Die Stellung des Menschen im Kosmos. München 1949:61)2
Damit wird er recht haben, und dennoch verkennt die ganze Betrachtungsweise das eigentliche Problem. Scheler sieht im „Geist“ das Wesensmerkmal, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Daß dies nur eine Redeweise ist, die als solche von einer anderen Kultur nicht geteilt werden muß und dort höchstwahrscheinlich keine direkte Entsprechung hat, erwägt er nicht. Er ist selbst in der griechisch-abendländischen Begrifflichkeit verwurzelt und sieht in ihrem Fehlen anderswo einen wirklichen Mangel statt einer schlichten Andersartigkeit. Die indische Kultur ist eben nicht die griechische. (Die Zusammenfassung „griechisch-abendländisch“ ist ein Klischee, das ein in der westlichen Welt gepflegtes Selbstverständnis stärkt; manche fügen noch „christlich“ oder „jüdisch-christlich“ hinzu. Natürlich kann auch von „der“ abendländischen Kategorie des Geistes keine Rede sein.)
Ähnlich, aber mit mehr Fortschrittspathos:
„Was ‚Denken‘ im strengen Sinne heißt, wußte kein lebender Mensch vor den Griechen. Wer nicht irgendwie durch ihre Schule ging, weiß heute noch nicht, was theoretisches Denken eigentlich besagt. Er spricht davon wie die Kuh vom Tanzen.“ (Erich Rothacker: Die Schichten der Persönlichkeit. 5. Aufl. Bonn 1952:129)
„Den kategorialen Unterschied zwischen ‚Akten‘, d. h. intentionalen Erlebnissen (wie Erblicken, Urteilen und Erkennen) und intentionalen Zuständen (wie Hassen, Glauben und Wissen) berücksichtigt Husserl in den LU [Logischen Untersuchungen] noch nicht (...), und Bolzano tut es leider genauso wenig.“ (Wolfgang Künne: „‚Denken ist immer Etwas Denken.‘ Bolzano und (der frühe) Husserl über Intentionalität“. In: Konrad Cramer/Christian Beyer Hg.: Edmund Husserl 1859–2009. Berlin, Boston 2011:77-99, S. 79)
Mit diesem Glauben an die Überlegenheit der eigenen Modellierungen vergleichbar und oft auch sachlich damit verbunden war eine theologisch geprägte Religionswissenschaft, die fremde Religionen grundsätzlich auf der Folie der eigenen (selbstverständlich einer „Hochreligion“) untersuchte und beurteilte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2023 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52129

Bewußtsein, das auf Materie wirkt – das sind für mich böhmische Dörfer, also keine zu lösenden Rätsel, sondern unverständliche Wortzusammenstellungen. Ich kennen sie natürlich, fast die gesamte metaphysische Literatur bis hin zu den "Grundlagen der marxistisch-leninistischen Philosophie" war ja voll davon.

Auf den mathematischen Analogien will ich nicht herumreiten, über "mathematische Existenz" streiten ja die Philosophen immer noch.

Wie ich übrigens sehe, wird zwischen dem Mittelpunkt und dem Schwerpunkt Deutschlands teils unterschieden, teils nicht. Er soll jedenfalls bei Bischofsroda liegen. Touristen werden Bischofsroda finden, aber nicht den Mittelpunkt Deutschlands. Aber ob dieser kleine Unterschied etwas bedeutet, lasse ich auf sich beruhen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.11.2023 um 12.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52128

Es gibt ja nicht "die" Existenz, worauf ich auch schon mehrfach hingewiesen habe, sondern man muß bestimmte Arten der Existenz, die sich auf verschiedene Kategorien von Gegenständen beziehen, unterscheiden. Die Existenz materieller Objekte (Planet Erde, der Baum vor meinem Haus, ich, ...) ist und meint etwas ganz anderes als die "Existenz" nichtmaterieller, formgebundener Objekte (Nordpol, Äquator, Erddrehung, ...) oder die ""Existenz"" nichtmaterieller, rein logischer Objekte (Zahlen, ...).

"Existiert" die Erddrehung? Das liefe wohl auf die Frage hinaus, dreht sie sich oder dreht sie sich nicht?

Schwerpunkt, Äquator usw. sind keine Hilfskonstrukte, sondern reale Orte im Raum, Bestandteile der Form materieller Körper, sie "existieren".

Gedanken sind bewußtwerdende Ereignisse (eigentlich eine Folge von Ereignissen) im Gehirn. Ereignisse sind die Ergebnisse zeitlicher Veränderungen (Bewegung) der materiellen Form. "Ich denke" oder "ich denke nicht" sind für mich genauso sinnvoll wie die Frage der Erddrehung. Wie die Erddrehung "existiert", so "existieren" auch Gedanken. Sie sind real und ebensowenig nur sprachliche Hilfskonstrukte wie Pole, Schwerpunkte usw.

Wie bestimmte reale Ereignisse (z. B. auch Schmerzen, Wahrnehmungen) es schaffen, bewußt, d.h. zu Gedanken, zu werden, und wie schließlich das Bewußtsein auf die Materie zurückwirkt, indem es z. B. den Körper sich vor weiteren Schmerzen schützen läßt, das ist die große ungelöste Frage. Aber wir können doch nicht leugnen, daß diese Prozesse, Ereignisse im Gehirn überhaupt stattfinden, daß Gedanken (einschließlich Schmerzen) "existieren"!

Die Anführungszeichen werden halt üblicherweise weggelassen, was allerdings gerade im philosophischen Bereich zu ständigen Mißverständnissen führt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2023 um 06.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52126

Von Gedanken kann man weder sagen, daß sie existieren, noch daß sie nicht existieren. Wenn wir die Abstraktbildung beiseite lassen, würde es ja auf „Ich denke“ und „Ich denke nicht“ hinauslaufen, beides nicht gerade sinnvoll. Solche Begriffe dienen der Lösung lokaler Verständigungsprobleme. Ein hinkender Vergleich: Gibt es den Äquator, den Schwerpunkt einer Figur usw.? Der Unterschied ist allerdings, daß das Hilfskonstrukt Schwerpunkt oder Äquator durch Meßverfahren operational definiert werden kann, während die Existenz von Gedanken oder Gewissen usw. sich nur auf den unendlich komplexen Sprachgebrauch berufen kann. Über das Gewissen z. B. sind daher ganze Regale voll Bücher geschrieben worden, über den Schwerpunkt einer Figur kann man sich mit ein paar Zeilen begnügen. Jemand sagt etwa, daß er aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigere. Das kann man dann einordnen, bezweifeln usw., aber man kann nicht bezweifeln, daß es das Gewissen gibt. Genau darum kann man aber auch nicht sagen, daß es existiert. Die Existenzfrage stellt sich hier nicht. Es ist eine Hilfskonstruktion für eine Reihe von gesellschaftlich anerkannten Argumentationen; andere werden ausgeschlossen. Zum Beispiel wird das Gewissen als letzte Instanz eingeführt, was den Verzicht auf logische Deduktion einschließt usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2023 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52122

Der wissenschaftliche Standpunkt untersucht das Verhalten der Tiere (den Menschen eingeschlossen). "Gedanken" kommen dabei nicht vor, dieser Ausdruck stammt nun einmal aus der in Jahrhunderten gewachsenen folkpsychologischen Tradition und Verständigungstechnik. Welchen heutigen "Wissensstand" könnte es da geben?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.11.2023 um 20.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52121

Natürlich glaube ich Ihnen die Begriffsgeschichte des Gedankens und auch die Entwicklung der Logik.

Aber hat diese Geschichte viel mit dem heutigen Wissensstand zum Gedankenproblem zu tun?

Die Ansichten über "Gedanken" unterscheiden sich sehr. Nicht, daß sie sich unbedingt widersprechen, aber jeder stellt halt etwas anderes in den Vordergrund, je nachdem, ob er Lyriker oder Logiker, Psychologe, Physiologe oder Philosoph ist.

Unsere Sicht hier ist ja die wissenschaftliche, und davon wiederum vor allem die der o. g. drei P, die sich halt auch im Laufe der Jahrhunderte sehr verändert hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2023 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52120

Psychologen aus Hongkong haben festgestellt, daß große Diversität unter dem Krankenhauspersonal auch zu Konflikten führen kann. Wo aber eine „gute Konfliktkultur“ herrscht, ist es nicht so schlimm. (Sebastian Herrmann berichtet in der SZ vom 8.11.23)

Leider scheint es noch kein Programm zu geben, das den Bildschirm schamrot anlaufen läßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2023 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52119

Den Begriff des "Gedankens" (wie das Verb "denken", von dem die Abstraktion "Gedanke" abgeleitet ist) haben die Menschen in aller Welt gebildet, ohne etwas vom Gehirn zu wissen. Er gehört zu einer völlig anderen Redeweise als die Physiologie.

Philosophen haben die Lehre vom Denken zur Logik ausgebaut. Sie nimmt von Aristoteles bis Frege an keiner Stelle Bezug auf das Gehirn. Das würde sogar als schwerer Mißgriff angesehen.

Darauf können wir uns einigen, oder?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.11.2023 um 21.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52117

Ja, ich wollte mit "keinen Zugang" die Privatheit der Gedanken, Empfindungen usw. nur noch einmal auf andere Weise ausdrücken.

Ein Gedanke ist kein Gegenstand?
Mir ist nicht ganz klar, was Sie damit sagen wollen. Wahrscheinlich, daß Gedanken nicht materiell und daher nur Redewendungen (Konstrukte) sind? Aber Gedanken sind bzw. beruhen auf realen Ereignissen im Gehirn, sie sind an Materie gebunden, real, keine bloßen Konstrukte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2023 um 15.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52115

Der Freiburger Parapsychologe Eberhard Bauer verteidigt die Parapsychologie gegen einen „dogmatischen Skeptizismus, der in allen Psi-Effekten nur Selbsttäuschungen, statistische bzw. experimentelle Artefakte oder Betrug und Manipulation seitens Experimentator und/oder Versuchsperson sieht“. (Gerald L. Eberlein: Kleines Lexikon der Parawissenschaften. München:Beck 1995:132; mit Walter von Lucadou als Mitverfasser auch hier: https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/parapsychologie/11197)

Natürlich kann man nicht beweisen, daß es Psi-Phänomene nicht gibt, weil man die Nichtexistenz von etwas überhaupt nicht beweisen kann. Folglich ist die Ablehnung jeglichen Aberglaubens „dogmatischer Skeptizismus“ und ein Zeichen von Engstírnigkeit. Die Rhetorik der Parawissenschaftler hält noch andere Standardformulierungen bereit, die meist darauf hinauslaufen, daß die „akademische“ oder „Schulwissenschaft“ auch nur ein Glaube wie jeder andere sei (Feyerabend). Es hat keinen Sinn, sich mit solchen Argumenten auseinanderzusetzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2023 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52114

Da kann ich nicht widersprechen, aber das Wort "Zugang" bringt mich ins Grübeln. Bedeutet es etwas anderes, als daß eben meine Gedanken meine sind und nicht deine?

Oft liest man ja auch, daß unsere Hirne (leider) nicht direkt verbunden sind, sondern die Gedanken durch Sprache vermittelt werden müssen. Ob das eine sinnvolle These ist? Wären unsere Hirne direkt verbunden, dann wären deine Gedanken auch meine – oder? Ich bin natürlich ganz anderer Meinung. Erstens sind "meine Gedanken" gar kein Gegenstand, und zweitens muß man untersuchen, welche Funktion die Rede von "meinen Gedanken" (= "was ich denke") in meinem Leben hat (und natürlich nicht in deinem Leben).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.11.2023 um 11.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52113

Da es hier nicht um Ausweichen im Schwertkampf ging, läßt sich ein tödliches Duell hoffentlich vermeiden. Aber wenn Argumente töten könnten, dann wäre ich mir wohl bewußt, daß ich nun in Lebensgefahr schwebe.
Vielleicht kann ich meine Haut so retten:

"Autsch!" versteht man allgemein als gleichbedeutend zur Aussage "Es tut mir weh"/"Ich habe Schmerzen", die entweder wahr oder falsch ist. "Hatschi" ist dagegen keine Aussage (oder Sie müßten genau definieren, welche). Wenn Sie das strenger beurteilen und beides nicht als Aussage anerkennen, umso besser, dann gehört es auch sowieso nicht in diese Diskussion. Ich habe nicht damit angefangen.

"Innenwelt" ist eine Metapher, nun gut, bleiben wir daher beim "allein mir Zugänglichen".
(Außerdem war die Metapher m. E. hier nicht das Wesentliche. Sinnvolle Aussagen lassen sich auch mit Metaphern bilden, wenn klar ist, was damit gemeint ist.)
Es ging darum, ob jeder Mensch über ein ihm allein Zugängliches in seinen Gedanken und Empfindungen verfügt, und diese Frage sollte man klar mit ja oder nein beantworten können. Meine Kritik bezog sich darauf, daß Sie dies nicht tun.
Meine Schmerzen spüre nur ich, Ihre nur Sie. Wir haben beide keinen Zugang zu den Schmerzen oder den Gedanken des anderen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2023 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52109

Our ability to ascribe mental states to ourselves and others is known as “theory of mind,” “mentalizing,” “folk psychology,” or “mind reading.” It has been a major focus of philosophical investigation for centuries and of scientific enquiry for 35 years. Mind reading has been studied intensively because it is thought to play a pivotal role in human social interaction and communication. Mind reading allows us to predict, explain, mold, and manipulate each other’s behavior in ways that go well beyond the capabilities of other animals. Understanding mind reading is therefore crucial to understanding what it means to be human. (Cecilia M. Heyes/Chris D. Frith: „The cultural evolution of mind reading“. Science 344/2014)

Die Verfasser lassen sich durch die eigene Metapher dazu verführen, mind reading und print reading zu vergleichen, obwohl das Lesen von Schrift wie die Schrift selbst ein spätes und abgeleitetes Zeichenverhalten in bestimmten Kulturen ist. Hätten sie statt „mind reading“ einen der ausdrücklich als gleichbedeutend eingeführten Begriffe – “theory of mind,” “mentalizing,” “folk psychology“ – zugrunde gelegt, wären sie wohl kaum darauf gekommen, dieses Verhalten mit der Entzifferung von Schriftzeichen zu vergleichen. Der ständige Bezug auf die neuronalen Grundlagen beider Verhaltensweisen ist besonders irreführend, weil es hier an wirklicher Kenntnis fehlt. Verstärkte Durchblutung vergleichsweise riesiger Areale ist keine neuropsychologische Einsicht in die „Verarbeitung“ sehr spezifischer kulturgeprägter Begriffe.

Die Verfasser untersuchen nicht die Redeweise vom mind reading, sondern dieses selbst, an dessen Realität sie glauben:

Neuroimaging has shown that adults have cortical circuits specialized for mind reading. These circuits, which include the medial prefrontal cortex temporo-parietal junction, and precuneus, are more active when people are thinking about mental states than when they are performing similar tasks that do not involve thinking about mental states.

Wenn man annimmt, daß Probanden über mentale Zustände nachdenken, und sie ausdrücklich dazu auffordert, dann wird man neuronale Entsprechungen dazu finden, die hier wie auch sonst einfach durch verstärkte Aktivität (Durchblutung oder Ströme) in bestimmten Hirnregionen definiert sind. Neuroimaging findet immer, was man zuvor hineingesteckt hat.

Die Forscher schließen sich also der Folk psychology an, statt sie zu untersuchen.

Daß es zwischen den folkpsychologischen Redeweisen große interkulturelle Unterschiede gibt, weiß die Ethnopsychologie schon lange. Zitiert wird aber nur die gleichgesinnte kognivistische Forschung (Lillard usw.).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2023 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52107

Wenn Sie "Autsch!" als Aussage bezeichnen, strapazieren Sie den Begriff der Aussage über alles hinaus, was die Logik je dazu gesagt hat. Dann ist "Hatschi!" auch eine Aussage, und sie ist unwahr, wenn ich nur so tue, als ob ich niesen müßte. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#51872
Wohin soll das führen? Falsche Aussagen können auf Irrtum oder Täuschung beruhen, aber deshalb ist doch nicht jeder Irrtum, jede Täuschung eine falsche Aussage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2023 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52106

Denk dir eine Zahl! – Das fassen wir meist in die Metapher einer Speicherung, einer Zwischenablage, aus der man das Abgelegte zum richtigen Zeitpunkt wieder hervorholt. In Wirklichkeit stellt die Aufforderung unter den konkurrierenden Verhaltensimpulsen eine neue Rangordnung her; sie verschiebt die Kräfteverhältnisse wie bei jedem Umwegverhalten. Denken ist Aufschub.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2023 um 04.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52105

Aber "Innenwelt" ist doch schon eine Metapher, die umfassendste von allen. Ich glaube, hier liegt der Grund unseres Problems.

(Ich weiche nie aus. Diese Vorhaltung müßte eigentlich zu einer Duellforderung führen. Kennen Sie das Hildebrandslied? Hadubrand wirft seinem Vater vor, er weiche dem Kampf aus. Daraufhin muß dieser ihn töten, obwohl er anders als der junge Mann sehr wohl weiß, daß es sein – einziger – Sohn ist.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.11.2023 um 00.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52104

Ich habe den Eindruck, Sie weichen aus. Natürlich sind Metaphern oder die Sprache an sich ebenso wie einzelne Wörter weder wahr noch falsch. Einen Wahrheitswert (einen von zwei!) haben nur sinnvolle Aussagen.

Die sinnvolle Aussage "Deine private Innenwelt ist für mich ebenso sicher gegeben wie meine" enthält keine Metapher, und sie ist entweder wahr oder falsch. Ich halte sie für wahr. Es könnte sie jemand anders für falsch halten, aber nicht für etwas Drittes.

Die Aussage "Autsch!" ist wahr, wenn mir etwas weh tut, sie ist falsch, wenn ich einen Schmerz nur vortäusche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2023 um 19.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52103

Ja, natürlich. Die riesige Metaphorik der psychologischen oder besser "transgressiven" Sprache im früher darlegten Sinn kann ja nicht wahr oder falsch sein, ist aber auch nicht sinnlos, sondern hilft bei der Verhaltensabstimmung. Man drückt z. B. seine Befindlichkeit aus, so daß andere sich darauf einstellen können usw. Auch "autsch!" ist weder wahr noch falsch.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.11.2023 um 18.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52102

"Deine private Innenwelt ist für mich ebenso sicher gegeben wie meine."

Diesen Satz würde ich unterschreiben, ich halte ihn für wahr. Ich würde auch zugestehen, daß es Philosophen gibt, die ihn für falsch halten, und würde dies wie Sie für sinnlos halten.

Ich kann aber nichts damit anfangen, daß Sie den Satz nicht klar als einen Fakt (also wahr) bezeichnen, sondern als Verständigungstechnik. Es gibt also drei Arten von Aussagen: wahre Sätze, falsche Sätze und Verständigungstechniken?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2023 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52100

Nein, nicht Einbildung, das wäre wirklich verkehrt.

Wenn ich das Kind auffordere, etwas für sich zu behalten, gehört es zum Auftrag, daß ich es nicht erfahre. Das Kind lernt von mir und mit mir zusammen, was "Privatheit" oder "Subjektivität" in diesem Sinn ist. Das Ganze ist von vornherein eine gemeinschaftliche Veranstaltung. Man kann dann nicht mehr daran zweifeln, daß wir beide genau die gleiche Subjektivität teilen (um es mal so auszudrücken).
Es ist also sinnlos zu behaupten: Jeder weiß nur von sich, daß er eine private Innenwelt hat, und kann es bei anderen nur mit mehr oder weniger Unsicherheit erschließen. Deine private Innenwelt ist für mich ebenso sicher gegeben wie meine. Es gehört zur Verständigungstechnik des Alltags ("Geschäftsordnung der Sprache"). "Das Du ist älter als das Ich", sagt Nietzsche sogar und nach ihm wörtlich Spengler. Es gibt kein Problem "Gemeinschaftliche Sprache für private Phänomene". Das Private ist immer schon gemeinschaftlich. Dazu gehört, daß meine Erlebnisse selbstverständlich nicht deine Erlebnisse sind.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.11.2023 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52099

Aber "das angeblich allein mir Zugängliche" ist doch tatsächlich allein mir zugänglich. Wie kommen Sie darauf, "angeblich" zu sagen?

Die Zahl, die das Kind "im Sinn hat", "für sich behält", kann ich tatsächlich nicht sehen. Wieso ist das dann ein Konstrukt?

Sie geben vor, das Kind bilde sich aufgrund dieser Sprache etwas ein, von dem Sie jedoch wissen, daß es sich in Wirklichkeit anders verhält. Aber wir wissen doch alle, daß es sich nicht anders verhält! Das Kind lernt die Sprache für seine Privatheit, genauso wie es sagen lernt, die Kerzenflamme ist heiß. Es lernt Ausdrücke der Realität, keine Konstrukte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2023 um 13.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52098

Sie lassen den gesunden Menschenverstand sprechen. Das philosophische Problem ist anders gebaut: Ich kann letzten Endes nur von mir selbst wissen, was Gedanken, Gefühle ("mentale Zustände") sind, von dir kann ich es annehmen, aber eigentlich nur per Analogie erschließen. Dagegen wendet sich mein Argument.
Das alte Paradox: Ich kann über das angeblich allein mir Zugängliche nur in einer Sprache sprechen, die ich von anderen gelernt habe. Ich habe demgegenüber gezeigt, wie es wirklich läuft: Man sagt zum Kind: Denk dir eine Zahl, aber nicht aussprechen, nur denken! ("Behalt sie für dich!") So lernt es das Konstrukt "etwas im Sinn haben". Dazu auch "Ich sehe was, was du nicht siehst" usw.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.11.2023 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52097

Ich verstehe Sie nicht: Privatheit sei ein gesellschaftliches Konstrukt bzw. gehöre zur Geschäftsordnung der Sprache? Was heißt das? Sind denn meine Empfindungen, meine Gedanken, meine Gefühle in Wirklichkeit nicht privat? Wer fühlt, empfindet, denkt meine Gefühle und Gedanken ebenfalls?

Ich kann wohl versuchen, das Verhalten eines anderen zu erklären, seine Gedanken und Gefühle zu erraten, das heißt, mit meinen eigenen zu vergleichen, aber sehen kann ich sie nicht. Das heißt, die Privatheit ist m. E. doch tatsächlich gegeben und nicht nur sprachlicher Hilfsausdruck oder Konstrukt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2023 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52095

Der vorige Eintrag korrigiert in gewisser Weise, was ich hier gesagt habe: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50857

Ich habe meine Meinung nicht geändert, nur die Ausdrucksweise war damals etwas nachlässig. Ich bleibe auch dabei, daß das Verständnis der Zeiggeste kein Gedankenlesen voraussetzt, weder mit noch ohne Anführungszeichen. Tomasello irrt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2023 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52094

Das Kind lernt sehr früh: Wir können sprechen, und wir können denken. (Der inklusive Plural ist entscheidend. Der Geist des anderen ist nicht erschlossen, sondern gleichursprünglich konstruiert.) Das gehört zur Geschäftsordnung der Sprache und kann darum nicht bestritten werden. Wir können einander täuschen, wir können ausdrücklich lügen oder einfach ein Pokergesicht aufsetzen usw. In dieses Spiel gehört auch die „Privatheit“ der „Innenwelt“ eines jeden, aus der die Philosophen dann ein großes Rätsel machen: Wie kann jeder in einer gemeinschaftlichen Sprache über etwas berichten, wozu nur er selbst Zugang hat (Wittgensteins „Käfer in der Schachtel“). Die Voraussetzung ist jedoch nicht richtig, weil sie die Tatsachen halbiert. Das angeblich radikal private Erlebnis ist mitsamt seiner Privatheit ein gemeinschaftliches Konstrukt. Zur Konstruktion gehört einerseits: „Ich kann nicht wissen, was du denkst.“ Andererseits: „Ich weiß, was du denkst.“ Das wird metaphorisch auch als „Gedankenlesen“ bezeichnet und neuerdings breit diskutiert. Es ist kein Hineinversetzen und keine Theorie des Geistes, sondern ein vorweg angepaßtes Verhalten des Adressaten. Was dieser tun wird, geht aus vielen Anzeichen hervor, nicht nur aus dem, was er sagt. Der Hund „weiß“ aufgrund mancher Reize, wann „Gassi gehen“ angesagt ist; er stellt sich schwanzwedelnd an die Tür. Verhaltensforscher sprechen von Intentionsverhalten, es ist aber einfach die erste Phase des Gesamtverhaltens. Es ist willkürlich und unnütz, sein Verhalten zusätzlich als „Wissen“ zu sistieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2023 um 04.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52093

Wie es einst der Freiburger Spökenkieker Hans Bender geschafft hat, sich jahrzehntelang in den Medien zu halten, so gelten seine Nachfolger als die Experten, die man immer zuerst befragt (statt z. B. die GWUP).

Vgl. Gerald L. Eberlein: Kleines Lexikon der Parawissenschaften. München: Beck 1995.

Immerhin ein angesehener Verlag. Der jetzt vom DLF befragte Herr aus Freiburg war auch schon dabei.

Zum I Ging ein völlig sinnloser Beitrag der Psychotherapeutin Emi Speidel. Im I Ging sei „die Weisheit von Jahrtausenden enthalten“.

So etwas liest man ja ständig, aber was heißt "Weisheit"? Entweder geht es um Lebensweisheiten wie von den "Sieben Weisen" der Antike ("Nichts im Übermaß!" usw.) – oder um Wissen, und davon kann ja nun keine Rede sein. Die Alten wußten so gut wie gar nichts von der Welt. Daß die 64 Trigramme des Schafgarbenorakels in der DNS wiederkehren, ist offenbar purer Unsinn.

Zuerst sollte man den Unsinn Unsinn nennen und dann fragen, wo er herkommt usw.

Gar nicht zu reden von der ideologischen Schlagseite: Nie wird die Theologie unter den Parawissenschaften mitbehandelt. Im genannten Bändchen gibt es immerhin ein Stichwort "Wunder". Okkultismuskritik ohne Religionskritik ist im Grunde uninteressant.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.11.2023 um 20.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52092

Wenn man schon das Programm auf deutschlandfunk.de liest:

"Gibt es Gespenster wirklich nicht? Die Naturwissenschaften betrachten sie mit Skepsis. Die Psychologie spricht von menschlicher Einbildung, doch unbestritten haben Gespenster derzeit Konjunktur, und ihr Wirken zeigt sich nicht nur in Horrorfilmen."

Manches über Gespenster ist also tatsächlich unbestritten. Sieh einer an!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2023 um 05.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#52090

In einer Wissenssendung des DLF wird der Glaube an Poltergeister zwar kritisch, aber doch noch zu wohlwollend behandelt – als sei es eine offene Frage, ob es Spuk in einem gewissen Sinn nicht doch gibt. Die Freiburger Parapsychologen im Gefolge Hans Benders kommen ausführlich zu Wort, ohne daß ihr Gerede klar als Spinnerei entlarvt würde. Der „Spuk von Rosenheim“ wird als unaufgeklärt behandelt usw. Das Schema ist: 90 Prozent der Spukerscheinungen sind Schwindel, aber 10 Prozent... Und: Seit Menschengedenken werden sehr ähnliche „Phänomene“ berichtet, das kann kein Zufall sein. Sehr ärgerlich, wie so manche journalistische Oberflächlichkeit, die sich als skeptische Äquidistanz ausgibt.
Allerdings werden hierzulande schon Kinder belehrt, daß es Wunder gibt. Was kann man da erwarten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.10.2023 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51979

Gedächtniszelle, Ortszelle usw. – das sind Funktionsbestimmungen. Nichts ist darüber gesagt, wie die Zellen das Verhalten steuern und welches eigentlich. Die Großneurosophen schreiben Bücher, in denen sie die Willensfreiheit leugnen oder verteidigen (es läuft aufs gleiche hinaus), aber sie können nicht erklären, warum ich am Morgen noch weiß, wo ich abends die Brille hingelegt habe, oder warum mir nach einigen Sekunden einfällt, zu welchem Gefäß der Schraubverschluß gehört, der auf dem Tisch liegt. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1432#39756
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2023 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51973

2023 ging durch die Medien, das von der EU mit mehr als 1 Mrd. Euro geförderte „Human Brain Project“, im wesentlichen die Computersimulation des gesamten Gehirns, sei gescheitert. An Warnungen vor überzogenen Erwartungen hatte es nicht gefehlt. Die 120 beteiligten Institutionen zogen sich auf die mehr oder weniger wertvollen Nebenergebnisse zurück, aber der Ansehensverlust der Hirnforschung wird fortdauern. Vgl. den Rückblick von Robert Epstein: https://aeon.co/essays/your-brain-does-not-process-information-and-it-is-not-a-computer.

(Der Eintrag "Human brain project" in der englischen Wikipedia ist viel informativer als der deutsche.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2023 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51954

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49693

Trotzdem interviewt die SZ diesen "Kognitionswissenschaftler" zu Katastrophen, Empathie usw. (14.10.23) Man kann sich denken, was dabei herauskommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2023 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51935

Psychologen haben untersucht, wie der Bildhintergrund bei Videokonferenzen usw. wirkt. Weiße Wände, Pflanzen, virtuelle Landschaften – alles wurde den Probanden mit der Frage vorgelegt, wie vertrauenswürdig usw. sie das finden. Der methodische Fehler liegt auf der Hand: Wie der Hintergrund tatsächlich wirkt, ist natürlich nicht dasselbe wie die Aussage des Probanden darüber. Es ist nur viel schwerer nachzuweisen, und darum läßt man es sein. Das Ergebnis ist das übliche Psychobabble.

Erstaunlich ist nur, daß man diesen schülerhaften Fehler seit Jahrzehnten wiederholt und dem Zeitungsleser andreht, von den Fachkollegen ganz zu schweigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.10.2023 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51914

Metastudien zu 20.000 Studien mit „Millionen Hirnbildern“ sollen die Kernfunktionen der Hirnareale aufdecken. (Sarah Genon et al: „How to characterize the function of a brain region“. Trends in cognitive science 22/2018:350-364) Die große Menge kann aber den grundsätzlichen Mangel nicht beheben: Wenn die Funktionen nicht in Verhaltensbegriffen dargestellt sind, kann die Interpretation der Befunde nicht über eine neurosophische Spekulation hinausgelangen. Wer z. B. nach grammatischen Regeln sucht, wird sie finden – in 10.000 Studien ebenso wie in einer einzigen. So fand man auch heraus, daß das Gehirn „Gedanken“ in ein Alphabet von 42 elementaren Konzepten zerlegt, die jeweils in verschiedenen Regionen verarbeitet werden. Mit Hirnscans kann man daher auch „Gedanken lesen“. (Jing Wang et al.: „Predicting the brain activation pattern associated with the propositional content of a sentence: Modeling neural representations of events and states“. Human brain mapping 38/2017:4865–4881)
Hier werden wieder unverstandene Korrelationen als „Repräsentationen“ gedeutet. Phrenologie vom Feinsten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.10.2023 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51894

Münchner Psychologen haben herausgefunden, daß Nachahmung bei Kindern wahrscheinlich nicht angeboren ist, sondern von den Bezugspersonen gelernt wird. Das hat Skinner auch schon vermutet, als es noch üblich war, das Gegenteil anzunehmen. (B. F. Skinner: „The evolution of verbal behavior“. JEAB 1986:115-122) Er wird natürlich in den neuen Arbeiten nicht erwähnt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2023 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51825

Daß Menschen „von Natur nicht frei“ seien, ist keine sinnvolle Behauptung. Der Begriff der Freiheit stammt nicht aus der Naturbeobachtung, sondern aus der dialogischen Verhaltenskoordination zwischen Personen. Ich habe es getan, weil ich es wollte – Das ist kein theoretischer Satz über Verursachung, sondern dient z. B. der Unterscheidung freiwilliger und erzwungener Handlungen. Es geht nicht um die Nichtdeterminiertheit von Ereignissen. Personen wissen recht gut, was sie mit freiem und unfreiem (erzwungenem) Handeln meinen. Dies noch genauer herausfinden zu wollen gliche der sprichwörtlichen Suche nach der „Wahrheit über Rotkäppchen“. Hierher gehört auch das bekannte Spätwerk von Francis Crick, das auf deutsch den durchaus angemessenen Titel trägt „Was die Seele wirklich ist“ und worin der große Wissenschaftler kurzweg erklärt: „Free Will is located in or near the anterior cingulate sulcus.“ (Francis Crick: The astonishing hypothesis. New York 1995:268) Das ist so absurd, daß es einem die Sprache verschlägt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2023 um 14.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51785

Ich habe soviel Selbstrespekt, daß ich mich nur mit "Eure Heiligkeit" anrede.

Das ist übrigens jenseits von Scherz und Satire ein neues Prachtstück in der Sammlung von "Paradoxien" oder "Antinomien": Wer achtet wen im Falle von Selbstachtung, und wie weit kann man sie treiben? (Womit wir schon wieder bei Prechts Bestsellertitel wären...)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.09.2023 um 23.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51784

Ich soll mich selbst duzen, aber meine innere Stimme sagt Sie zu mir?

Dazu fällt mir auch nichts mehr ein, außer ein Buchtitel, der vor einigen Jahren die Spiegel-Bestsellerliste anführte:
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

(Ich habe das Buch nicht gelesen.)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 23.09.2023 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51783

In Spiegel Online schlüpft Maren Keller in die Rolle meiner inneren Stimme und gibt mir Tips, wie ich verhindern kann, daß sie immer einen so negativen Einfluß auf mein Denken hat. Ich soll mich in Selbstgesprächen mit Du anreden, die Perspektive einer Fliege an der Wand einnehmen, die sieht, daß ich gar nicht so unfähig bin, wie ich denke, usw. usf. Darauf will ich nicht näher eingehen. Mich interessiert hier folgender Absatz:

Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich vermute, dass Sie erstaunlich wenig über mich wissen. Denn so geht es den meisten Menschen. Sie wissen beispielsweise vermutlich nicht, dass ich einer Messung zufolge mit einer Geschwindigkeit von bis zu 4000 Wörtern pro Minute zu Ihnen sprechen kann. Klingt viel? Ist es auch. Dieser gesamte Text zum Beispiel besteht inklusive der Tipps am Ende aus weniger als 1300 Wörtern, und Sie werden vermutlich zwischen fünf und sechs Minuten brauchen, um ihn zu lesen (falls Sie ihn bis zum Ende lesen).

Wie mißt man bitte die Zahl der »Wörter«, die meine innere Stimme angeblich im Gespräch mit mir äußert? Was soll überhaupt eine innere Stimme sein? Sind das die Gedanken, die sich bei mir in einer bestimmten Situation oder Stimmung von selber einstellen? Wie will man den Inhalt von Gedanken feststellen? Und wie mißt man ihre Geschwindigkeit? Wenn ich Angst habe, daß es morgen regnet, weil ich dann eine Wanderung machen möchte, schreibt dann eine/einer der in dem Artikel genannten »Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler« einen Text auf und zählt danach die Wörter? Etwa so: »Achtung, morgen könnte es regnen“« (5 Wörter). Oder so: »Wolfram, denk dran, es könnte morgen regnen, das wäre schlecht, denn du willst ja morgen wandern, und du möchtest dabei sicher nicht naß werden.« (24 Wörter). Ist das nicht alles hanebüchener Unsinn?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2023 um 02.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51764

Skinner hat ja mit einer Untersuchung des Reflexbegriffs begonnen. Welche Rolle der Reflex später noch spielt, kann man sehen, wenn man in "Verbal behavior" nach "Reflex" sucht. Im Schema der operanten Konditionierung kommt er nicht vor.

Die sowjetkommunistische Ideologie forderte, auch die Sprache mit Pawlowschem Reflex zu erklären. Das war zwar nur ein Lippenbekenntnis, findet sich aber in allen Lehrbüchern jener Zeit. Nirgendwo kommt es zu der unvergleichlichen Subtilität von Skinners Werk: multiple causation, autoclitics usw.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.09.2023 um 23.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51762

Bemerkenswert an diesem Satz ist ja zumindest, daß der Behaviorismus, auch speziell der Skinners, hier sozusagen als der neue Standard angesehen und anerkannt wird!
Daß er darüber hinaus völlig falsch verstanden und mißinterpretiert wird, ist eigentlich erst die zweite Aussage oder Schlußfolgerung daraus.

Auch ich finde die Existenz des Gedächtnisses (Wissens-[Informations-]speichers) ganz logisch. Und daß bedingte Reflexe eine der Spielarten des Gedächtnisses, wenn auch nicht das einzige "Modell" sind, was auch immer mit dem "Grundmodell" gemeint sein soll, leuchtet mir völlig ein, auch wenn das mit Behaviorismus wohl nicht ganz in Einklang zu bringen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2023 um 05.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51761

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51619

Changeux schreibt auch:

„Seit Pawlow, dem Behaviorismus und Skinner gilt der ‚bedingte Reflex‘ als das beste, wenn nicht einzige Grundmodell des Gedächtnisses.“ (Jean-Pierre Changeux: Der neuronale Mensch. Reinbek 1984:176)

Wie ist es möglich, solchen Unsinn zu schreiben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2023 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51743

Ich hatte geschrieben: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde..." Nein, gibt es nicht! (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51500) Ich hatte sagen sollen: O ja, die gibt es. Lest z. B. die Bücher von Richard Dawkins, der immer wieder zu zeigen versucht, daß die Natur viel Wunderbareres bereithält als die abgeschmackten Tricks der Jahrmarktszauberer, Trickbetrüger, Spökenkieker und Theologen. Dawkins gibt sich (nicht nur in „The God delusion“, sondern auch in „Unweaving the rainbow“) viel Mühe mit der Statistik des vermeintlichen Wunders, macht sich aber keine Illusionen über die untilgbare Suggestibilität der Menschen. Paradebeispiel ist immer wieder „Fatima“.
Der gleiche Mechanismus, der uns die Wirklichkeit so vorgaukelt, wie sie wirklich ist (ich habe oft das Sehen als Musterbeispiel angeführt), erzeugt in einigen Fällen eben auch den Irrtum. Die normale Wahrnehmung ist eine Halluzination unter Anwesenheit der steuernden Gegenstände; es geht aber auch ohne sie, dann entsteht die Täuschung. Sie wird teils durch degenerative Vorgänge im Gehirn, teils durch Drogen, teils aber auch durch Massensuggestion und andere „psychogene“ Einwirkung gefördert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.09.2023 um 22.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51736

Nicht allein in Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen,
Sondern die "exekutiven Frontalhirnfunktionen"
Gilt es stärker zu betonen.

(Busch/Hüther)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2023 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51734

Star-Hirnforscher: „Die Schule, wie wir sie heute kennen, hat ausgedient.“ (FOCUS 13.9.23)
Natürlich geht es um Gerald Hüther.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2023 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51727

Die Pressestelle des Max-Planck-Instituts, an dem die „Neurolinguistin“ Angela Friederici arbeitete, bat sie 2016 um „einen Rat von Ihnen an die Politik zur aktuellen Flüchtlingsdebatte“ (https://www.mpg.de/10318278/interview_friederici_sprachforschung). Die Zusammenarbeit mit einem „der größten Linguisten aller Zeiten, Noam Chomsky“, sei ein „persönlicher Triumph“ für sie gewesen („Noam und ich, wir haben intensiv darüber diskutiert“). Das Interview gibt ein erstaunlich naives Bild von Neurolinguistik – mit „Assoziationen“ und ähnlichen Konstrukten, die rein funktional und weit von neurologischer Begrifflichkeit entfernt sind. Friederici scheint das hier und sonst nie zu bemerken. Das ist charakteristisch für die „Neurolinguistik“ im Banne von EEG und bildgebenden Verfahren wie fMRT, wo der Teufel in der Interpretation steckt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.09.2023 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51725

„Schon Säuglinge erkennen Grammatikregeln“ (SPIEGEL 23.3.11). Das klingt sensationeller als die Feststellung, daß Säuglinge akustische Muster wiedererkennen. Die Gruppe um die „Neurolinguistin“ Angela Friederici spielte 4 Monate alten deutschen Kindern die Muster può cantare und sta cantando vor, anschließend può cantando und sta cantare. Die Säuglinge bemerkten den Unterschied, was sich im EEG gezeigt haben soll. (https://www.mpg.de/1252971/italienisch_lernen) Es ist nicht bekannt, ob der Versuch auch mit nichtsprachlichen Mustern gemacht wurde. Von „Regellernen“ kann keine Rede sein, es geht um die ubiquitäre Mustererkennung. Entgegen Friederici ist es dazu nicht nötig, daß die häufig zusammen vorkommenden Elemente unmittelbar benachbart sind.

(Man könnte auch die falsche Konstruktion zuerst vorspielen. Dann würden sich die Säuglinge über die anschließend präsentierte richtige aufregen, oder?) So viele Fragen... Die Max-Planck-Gesellschaft verbreitet es seit vielen Jahren in einer Flut von Mitteilungen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.09.2023 um 01.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51718

Ich sehe in Ihrer Terminologie zunächst keinen Widerspruch. Trotzdem fehlt mir etwas, wenn Sie sagen, der Begriff Wissen sei unnötig.

Es ist gerade so, als meinten Sie, der Begriff Energie sei unnötig, weil laut Einstein Materie und Energie das gleiche sind. Mit dem Wort Energie erfolgt aber schon eine wichtige Abgrenzung innerhalb der Materie. Ähnliches gilt für Information, die Form der Materie. Wissen ist nur ein anderes Wort für Information auf der biologischen und speziell menschlichen Ebene.

Sie nennen es nicht Wissen, auch nicht etwas neutraler Information, sondern eine körperliche Veränderung im Organismus, die bedingtes Verhalten in der Zukunft ermöglicht. Einverstanden. Aber solche Veränderungen sind prinzipiell sichtbar bzw. meßbar, und sie sind sinngemäß dasselbe wie gespeichertes Wissen oder gespeicherte Fähigkeiten. Eine solche körperliche Veränderung ist kein Konstrukt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2023 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51715

Noch dazu:

Ratten erkunden ihre Umgebung und kommen gegebenenfalls darauf zurück, wie man sagen könnte. Vielleicht aber auch nie. Die Verhaltensänderung ist „konditional“: WENN die Situation sich ergibt, finden sie sich zurecht.
Die Mitteilung „Das Telefon ist defekt“ ist konditional: WENN man mit dem Telefon konfrontiert ist, verhält man sich so wie gegenüber einem defekten Telefon. Dieser Aufschub der Reaktion wird als „Wissen“ modelliert. Man ist dann „informiert“.
Die Lektüre eines Romans hinterläßt vielleicht keine wahrnehmbare Verhaltensänderung. Aber WENN das Gespräch darauf kommt, kann der Leser mitreden usw.
„Wissen“ ist etymologisch = gesehen haben. Wer etwas gesehen hat, verhält sich UNTER UMSTÄNDEN (konditional) anders.
Dieser „Aufschub“ ist zwar nicht spezifisch menschlich, aber doch beim Menschen enorm ausgebaut (man denkt an Herders „Besonnenheit“).
Das „Wissen“ ist aus dieser Sicht nicht nötig. Der Begriff geht vollständig im konditionalen Konditionieren auf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2023 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51714

Das ist in der Tat ein ernstes Problem für jede operationale Definition von Dispositionen. Um Veränderungen zu erfassen, die nicht sogleich (möglicherweise nie) beobachtbar sind, haben wir Begriffe wie "Wissen" gebildet. Skinner beschäftigt sich an mehreren Stellen damit, in Verbal Behavior" ab S. 362, worauf ich vorläufig verweise.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.09.2023 um 11.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51713

"Lernen ist eine Verhaltensänderung", #51709

Dieser Satz ist mir in dieser kurzen Form zu allgemein. Es gibt Dinge, Fähigkeiten, die ich theoretisch oder sogar praktisch lernen kann, teils auch tatsächlich gelernt habe, ohne sie aber jemals im Leben wirklich anzuwenden. Ich "weiß" zwar, wie es geht, ich "kann" es, aber ich tu es nicht. Vielleicht will ich es aus moralischen oder anderen Gründen nicht tun, vielleicht fehlt mir für anderes die Gelegenheit.

Hat also dieses Lernen mein Verhalten geändert? Ich würde sagen, nein.
Lernen erweitert die Fähigkeiten, ändert evtl. das potentielle Verhalten, aber nicht das Verhalten direkt
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2023 um 08.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51712

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#32489

Um jenen gleichsam phrenologischen Hirnatlas der Wörter, mit dem Alexander Huth damals in die Medien gelangte, ist es still geworden. Ich weiß nicht, ob ich einen naheliegenden Gedanken schon geäußert habe: Angesichts von 10.000 über das ganze Gehirn verteilten Wörtern fragt man sich doch, was aus den berühmten "Sprachzentren" geworden ist. Muß man die ganz aufgeben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.09.2023 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51709

„Das mesolimbische System fördert durch Glücksgefühle das Verstärken bestimmter Verhaltensmuster, die mit Belohnung in Verbindung stehen. Besonders interessant ist dies bei der Erforschung der Spielsucht und der Sucht nach Extremsport, bei denen der Ausgang einen gewissen Unsicherheitsfaktor und damit den besonderen Thrill bzw. Reiz aufweist.“ (Wikipedia: Nucelus accumbens)
Hier werden Glücksgefühle in die Ursachenkette eingebaut. Lernen ist eine Verhaltensänderung, an der natürlich Hirnvorgänge beteiligt sind; Gefühle sind überflüssig. Das Suchtverhalten von Ratten ist oft untersucht worden (Selbststimulation), aber nie werden dabei Gefühle bemüht.
Konditionierung wirft das Problem auf, wie die „Verstärkung“ (reinforcement) wirkt, also der Erfolg beim Lernen durch Erfolg. Man kann beobachten, wie die Geschicklichkeit des Kindes zunimmt, wenn es sich im Zusammenstellen eines Puzzles oder im Treppensteigen übt. Jeder kleine Erfolg verstärkt die Koordination der vorhergehenden (!) Muskelbewegungen. Ob Glücksgefühle oder nicht - der Ablauf ist immer der gleiche. Hebbs Modell scheint immer noch am meisten Unterstützung zu finden.

"Unser Gehirn ist süchtig nach Belohnungen" (Ärztezeitung 7.10.14) Es geht um Geldanlage.
Der Verfasser: „Roland Ullrich war 20 Jahre lang als Investmentbanker international bei verschiedenen Großbanken tätig.“ Eigentlich soll die Sucht durch Hirnfoschung erklärt werden, aber hier ist das Gehirn seinerseits süchtig. Erwähnt werden der Nucelus accumbens, Dopamin usw. – Neurobabble eben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2023 um 04.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51706

Die Neurosophie, so läßt sich zusammenfassend sagen, verlegt personalistische Konzepte („Repräsentationen“, „maps“) ins „Gehirn“, statt beim Konstrukt „Geist“, also im intentionalen Idiom der Folk psychology zu bleiben.

Dazu noch ein Beispiel:

„Angenommen, ein deutsches Baby wüchse bei der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba auf, die ihm in der Bantusprache Xhosa Schlaflieder vorsänge, dann hätte das Kind jedem Erwachsenen eine Menge voraus. Sein kleines Gehirn begriffe die charakteristischen Klicklaute der Xhosa nämlich als Phoneme, also Sprachlaute, genauso wie a, m oder r – und nicht nur als kuriose Einsprengsel.“ (Annette Leßmöllmann ZEIT 10.11.09)

Wieso das Gehirn? Das Gehirn begreift gar nichts. Lieder sind übrigens nicht geeignet, das Phonemsystem einer Sprache zu erwerben. Phoneme wurden, wie man sagen könnte, mit der Prosa erfunden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2023 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51704

„Als Teil des limbischen Systems ist der Gyrus cinguli bei der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen sowie bei Lern- und Gedächtnisprozessen beteiligt. Er scheint eine entscheidende Rolle bei der emotionalen Bewertung der äußeren Umwelt und deren Verknüpfung mit der inneren Gefühlslage zu spielen. Mitgefühl und emotionale Bindungen sind hier lokalisiert. Bei Störungen des allgemeinen Lebensgefühls und einer negativen Stimmungslage wie beispielsweise bei Depressionen lassen sich hier häufig Veränderungen in der neuronalen Aktivität nachweisen. Auch Fähigkeiten wie die Aufmerksamkeit zu verlagern, sich Veränderungen anzupassen und Optionen zu erkennen sind hier lokalisiert.“ (Wikipedia Gyrus cinguli)
Die psychologischen Begriffe „emotionale Bewertung“, „emotionale Bindung“, „Lebensgefühl“ usw. bezeichnen keine Sachverhalte, sondern interpretieren sie im Sinne der kulturspezifischen Alltagspsychologie. Eine Korrelierung mit Hirnbefunden ist nicht möglich, solange sie nicht in Verhaltensbegriffen rekonstruiert sind. Es handelt sich hier nicht um Tatsachenfragen (sonst würde ich mich nicht dazu äußern), sondern um eine Begriffsverwirrung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2023 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51701

Die "Neurogermanistik" ist eine weitere nichtexistierende Disziplin. Der Germanist Gerhard Lauer, der nie etwas mit Neurologie oder Psychologie zu tun hatte, gibt „Kognitive Literaturwissenschaft“ als sein Arbeitsgebiet an; es handelt sich um den traditionellen Psychologismus der Geisteswissenschaften, oberflächlich modernisiert durch Einschleusen neurologischer Vokabeln (Amygdala, Gyrus cinguli):

„Die hier referierten Forschungsbefunde der Neurowissenschaften der letzten zehn Jahre müssen genügen, um zu plausibilisieren, dass der Mensch (und nicht nur er) ein Nachahmer ist und das von Geburt an. Er verfügt über einen neuronalen Mechanismus, der es ihm ermöglicht, Vorstellungen und Handlungen des Selbst mit Vorstellungen und Wahrnehmungen des anderen zu überbrücken.“ (Gerhard Lauer: „Spiegelneuronen – Über den Grund des Wohlgefallens an der Nachahmung“. In: Karl Eibl/Katja Mellmann/Rüdiger Zymner, Hg.: Im Rücken der Kulturen. Paderborn 2007:137-163, S. 144)
„Die These lautet: Literatur besteht aus Nachahmungsgeschichten. Der Grund des Vergnügens an ihnen liegt in den Spiegelneuronen und dem mit ihnen verbundenen Mechanismus der Nachahmung.“ (Ebd. S. 152)

Nachahmungsverhalten ist nicht aus den Neurowissenschaften bekannt, und das „Selbst“ ist kein neurologischer Begriff. Die Brücke zu diesen Spekulationen ist ein als „Nachahmung“ verstandener Mimesis-Begriff, dessen Untunlichkeit ich bereits besprochen habe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2023 um 05.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51693

Eine unausgereifte Wissenschaft versucht sich an den größten Gegenständen, weil sie nicht weiß, daß ihr dazu die Mittel fehlen. So die Kosmologie der Vorsokratiker, die gleichwohl ihren Sinn und Nutzen hatte, weil sie immerhin die rationale Erklärung anstelle der mythologischen durchsetzte. So ja auch die hippokratische Medizin, die zum Beispiel ausdrücklich die Epilepsie als eine Hirnkrankheit auffaßte und sie damit vom Ruf der Besessenheit befreite. Heute spielt die Neurosophie (wie ich es nenne, um nicht gleich von Neurowahn und Neurobluff zu sprechen) eine ähnliche Rolle. Die Neuro-Bindestrich-Disziplinen übernehmen sich allesamt und verbreiten Irrlehren, ob sie es wissen oder nicht. Nehmen wir die Neuroästhetik: Semir Zeki, Alexander Abbushi, Vilayanur Ramachandran usw. (Zur Kritik s. den Wikipedia-Eintrag.)
Der aus Madras stammende Ramachandran zum Beispiel zieht die an indischen Tempeln dargestellten Frauen mit ihren übertrieben kugeligen Brüsten heran – ein wohlbekannter Schlüsselreiz, dessen Wirkung ohne neurologische Spekulationen erklärt werden kann. Kritiker haben eingewandt, daß solche Übertreibung nicht das Wesen der Kunst ausmache, die großenteils keineswegs karikaturistisch sei. Die weltbekannten Kunstwerke in Khajuraho sind kein zoologisches Phänomen, sondern stehen in einem historischen und religiösen Kontext, den die „Neuroästhetik“ nicht berücksichtigt und mit ihren gegenwärtigen Instrumenten auch nicht berücksichtigen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2023 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51692

Ich bleibe dabei, daß "Speicherung", wenn der Begriff einen Sinn haben soll, etwas anderes und mehr sein muß als "Veränderung". Und dann fahre ich fort: Wer an Speicherung glaubt, wird sie finden. Natürlich ändert sich der Organismus durch Lernen, das ist definitorisch wahr und reine Tautologie.

Allgemeiner: Mit den "bildgebenden" Verfahren findet man alles, wonach man sucht. Noch nie hat man gefunden, daß man nichts findet. Das ist aber keine Bestätigung, sondern eine Widerlegung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.09.2023 um 23.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51691

Ich glaube, hier müßte klarer gesagt werden, was unter "an einem Ort", "keinen Ort" bzw. "eindeutige Lokalisierung" im Gehirn zu verstehen ist. Die Verortung der Speicherung einer Wortbedeutung kann ja theoretisch von der Anordnung eines Atoms innerhalb einer Molekülkette über eine oder mehrere winzige oder größere Regionen bis hin zum ganzen Gehirn reichen. Spätestens letzteres als Ortsangabe kann wohl kaum falsch sein, und wenn doch, dann wäre spätestens der ganze Mensch dieser gesuchte Ort.

In irgendeiner Art und Ausdehnung muß der gesuchte Ort ja existieren. Ich halte es allerdings auch für extrem unwahrscheinlich, daß man z. B. das Wort "Treppe" und seine Bedeutung an einem klar abgegrenzten, eindeutigen, kleinen Ort innerhalb des Gehirns findet. Aber wozu sich darüber den Kopf zerbrechen? Sollen die Neurologen ruhig ihr Glück versuchen. Es ähnelt gegenwärtig noch etwas dem Vorgehen der Alchemisten im Mittelalter. Inzwischen wissen wir besser, wie Gold entsteht. Vielleicht findet man auch irgendwann heraus, wie das Gehirn Wörter speichert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2023 um 05.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51687

Die Bedeutung von Treppe kann nicht an einem Ort gespeichert sein. Selbst das Bild einer Treppe gibt nicht wieder, was wir mit dem Wort verbinden. Es geht ja nicht nur um eine geometrische Form, sondern um die Funktion, die kulturspezifisch geprägt ist. Treppen sind z. B. keine Leitern. Die Erfahrung mit Treppensteigen, das sukzessive Erlernen dieser Fähigkeit, geht in die sogenannte Wortbedeutung ein. Die Erwähnung einer Treppe kann unter Umständen schwache Muskelinnervationen auslösen, wie sie beim Treppensteigen wirksam werden. Ebenso bei Werkzeugen und anderen funktional definierten Gegenständen:

„Ungerleider, and Haxby (1996) and Cohen et al. (1996) have shown that, when subjects are asked to engage in mental imagery, they use modality-specific sensorimotor cortical systems. For example, in the study by Martin et al., the naming of tool words specifically activated the areas of the left premotor cortex that control hand movements. The imagery system relies on the cognitive creation of a body map (Damasio, 1999; Kakei, Hoffman, & Strick, 1999). This body map then functions as an internal homunculus that can be projected to track the actions of others through the system of motor neurons (Rizzolatti, Fadiga, Gallese, & Fogassi, 1996).“
(Brian MacWhinney: „The emergence of grammar from perspective“ https://psyling.talkbank.org/years/2005/perspectgram.pdf)

Die Darstellung geht weit über das physiologisch Gerechtfertigte hinaus in die kognitivistische Spekulation (imagery, homunculus). Das untersuchte psychomotorische Prinzip, der bekannte Carpenter-Effekt, reicht aber aus, die eindeutige Lokalisierung von Wortbedeutungen im Gehirn fraglich erscheinen zu lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2023 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51685

„Sprachverarbeitung“ ist so unbestimmt wie „Papierverarbeitung“, worunter man alles mögliche von der Verpackungsindustrie bis zur Schriftstellerei verstehen kann. Es kann im Gehirn keinen Ort für „Sprachverarbeitung“ geben. Mit den bildgebenden Verfahren wird man ihn trotzdem finden, wie alles, wonach man sucht, also auch jene 10.000 (warum nicht mehr?) Orte von Wortbedeutungen (Nature 28.4.16). Die Unbestimmtheit des Begriffs „Verarbeitung“ erlaubt Linguisten auch die Frage, „wo im Gehirn Zitate verarbeitet werden“ (Elke Brendel u. a.: „Aspekte einer Theorie des Zitierens“. Linguistische Berichte, Sonderheft 15/2007:5-25, S. 14). Auch diesen Ort wird man finden, obwohl Zitieren nur ein Fall des viel umfassenderen Verstellungsverhaltens ist, für das es keinen Ort geben kann, weil jedes Verhalten im Modus der Verstellung ausgeführt werden kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2023 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51681

Es gibt zwar Lehrstühle für Neurolinguistik und eine Unmenge Literatur, aber es gibt keine Neurolinguistik.
Es gibt schätzungsweise 10.000 Typen von Nervenzellen (Bruno Preilowski: „Funktionelle Anatomie des Nervensystems“. In: Hans J. Markowitsch, Hg.: Grundlagen der Neuropsychologie. Göttingen u. a. 1996:103-180). Die Zahl der Nervenverbindungen liegt in der Größenordnung von 1014. Jede der 10 bis 100 Milliarden Zellen hat bis zu 40.000 Verbindungen, manche Kleinhirnzellen haben deren 150.000. Vieles davon ist Rückkoppelung, was die Analyse zusätzlich erschwert. Preilowski hebt hervor, daß die Alles-oder-Nichts-Signale der einzelnen Zellen oder gar Synapsen sich nicht als grundlegende Verhaltenselemente eignen (a. a. O. S. 110).
So, und nun sagen Sie doch bitte, was „die neuronale Verarbeitung von Nomen und Verben“ bedeuten könnte!

Viele Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren berücksichtigen nicht einmal, daß die gemessenen Durchblutungsänderungen rund 1.000mal träger sind als die elektrischen Signale. Dennoch wird behauptet, man könne nun dem Gehirn „beim Denken zusehen“.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.08.2023 um 08.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51678

Sie wehrt sich auch deshalb nicht, weil sie sonst in den Augen dieser Politepistemologen gleich als demokratiefeindlich gelten. Solche Assoziationen und möglichen Verleumdungen gilt es auf jeden Fall zu verhindern, ob sie nun wissenschaftlich begründet sind oder nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2023 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51676

„Strategien zu entwickeln, um demokratienützliche Gefühle zu fördern und demokratiefeindliche Emotionen zu dämpfen, ist nicht nur eine individuelle Pflicht, sondern auch eine epistemologische Aufgabe.“ (Farah Dustdar in Homo neurobiologicus. Aus Politik und Zeitgeschichte 16.10.08)

Die Verfasserin ist Politologin und glaubt, durch die bildgebenden Verfahren könne man dem Menschen „beim Denken zusehen“. Darum glaubt sie ihre eher missionarische (feministische) als wissenschaftliche Botschaft auf die Hirnforschung stützen zu können. Die wehrt sich viel zu selten dagegen, oft macht sie sogar mit, weil sich mit solchen Relevanz- und Zuständigkeitsbehauptungen Geld einwerben läßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2023 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51674

Ihre letzte Frage läßt ahnen, warum Skinner von vornherein auf die linguistische Terminologie verzichtet und den Gegenstandsbereich in anderen Begriffen abdeckt. Durch die funktionale Analyse gelangt man zu anderen Einheiten als durch die linguistische mit ihren Ersetzungen, Umstellungen usw. Das erste Kapitel von "Verbal Behavior" kommt einem besonders sorgfältig durchdacht vor, wenn man das ganze Buch gelesen hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.08.2023 um 12.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51673

Noch nicht, ich hatte nur nach Morphologie im Titel gesucht, nicht nach Wortbildung. Habe es aber jetzt gelesen. Sehr aufschlußreich!

Zu meinem letzten Beitrag, es gibt noch eine zweite sächliche Ausnahme: das Ende.

Ist es dann eigentlich Ansichtssache, ob man solche relativ undurchsichtig gewordenen Wörter wie Löffel, Hebel usw. noch in Morpheme aufteilt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2023 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51671

Nachtrag: Haben Sie bei Amazon auch meine Rezension zu Fleischer/Barz gelesen? Vgl. auch http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=963#51328
Daraus geht hervor, warum ich diese "Standardwerke" nicht empfehle. Donalies (aus dem IdS) ist auch nicht brauchbar, wie hier schon gezeigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2023 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51670

Mit den klassischen Darstellungen der deutschen Wortbildung (Henzen, Wilmanns...) ist man da besser bedient, auch wenn Wörter wie "Morphem, Morphologie" in den älteren noch nicht vorkommen. Die historische Ausrichtung kommt gerade recht, wenn vieles, was Sie erwähnen, geht auf einst durchsichtige Morpheme zurück, die nur aus heutiger Sicht nicht mehr erklärt, wohl aber oft noch erspürt werden können.
In "Löffel", "Hebel" usw. steckt das alte Instrumentalsuffix (Instrument zum "Laffen", also Schlürfen; zum Heben usw.). "Regel" ist lat. Lehnwort und scheidet hier aus, auch wegen des femininen Genus. Ihre femininen Beispiele auf -e gehen großenteils ebenfalls auf tatsächliche Suffixe zurück und sind kein Zufall. So müßte man alles einzeln durchgehen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.08.2023 um 01.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51669

Mich würden in diesem Zusammenhang auch einige Auslautungen (z. B. -el, -er, -e) interessieren, von denen ich glaube, daß man sie (außer bei Nomina agentis) zwar nicht als Suffixe bezeichnen kann, aber ich finde sie trotzdem recht auffällig.

Manche Wörter auf -el kann man wohl auch noch als Diminutive oder ähnliches auffassen, z. B. Kreis-el, Mäd-el, Heb-el ... Aber es gibt auch sehr viele Wörter wie Regel, Segel, Wedel, Hagel, Löffel, Gabel, Nagel ..., die man wohl nicht weiter in Morpheme aufspalten kann, aber die mir trotzdem irgendetwas Gemeinsames zu haben scheinen, das durch -el gekennzeichnet ist.

Ebenso gibt es viele Wörter auf -er, die keine Nomina agentis sind, wie Wasser, Eimer, Leber, Futter, Pulver ..., aber sind das nur zufällige Bildungen, oder liegt dem nicht auch etwas Gesetzmäßiges zugrunde?

Der Ablaut -e ist bei unbelebten Substantiven (keine substantivierten Adjektive) beinahe ein sicheres grammatisches Zeichen für weibliches Geschlecht (Farbe, Tiefe, Ruhe, Blume, Marke, Wolke ...), einzige mir bekannte männliche Ausnahme ist Käse, einzige sächliche ist Auge.

Sind solche typischen Auslautungen nicht auch irgendwie besondere Bestandteile von Wörtern, auch wenn man sie wohl nicht zu Morphemen rechnet?
Ich habe schon in Fachbüchern gesucht, bin aber noch nicht fündig geworden. Wollte mir schon bei Amazon etwas über Morphologie bestellen, aber nachdem ich dann Ihre Rezensionen gelesen hatte, lieber Prof. Ickler, habe ich es doch besser sein gelassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2023 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51668

Letzteres trifft zweifellos zu.

Als Beispiele funktionaler Einheiten, die unterhalb des Wort-Formats liegen, aber keine Morpheme sind, könnte man die "Phonästheme" nennen, etwa die auch von Skinner im Anschluß an Bloomfield (und hier von mir) besprochenen Anlaute mit kr-, kn-, schl- usw.

Skinner ist viel umsichtiger als die meisten, vor allem die strukturalistisch reduzierten Linguisten und läßt fast nichts aus, wenn es auch in einem neuartigen Zusammenhang dargestellt und darum nicht immer leicht auffindbar ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.08.2023 um 15.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51667

Er faßt offenbar Affixe mit einer grammatischen Funktion als gesonderte Einheiten auf, neben den eigentlichen Morphemen (Wortwurzeln).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.08.2023 um 14.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51666

Ja, manchmal muß ich auf eine Frage erst selbst kommen, bevor ich die nötige Aufmerksamkeit aufbringe, ansonsten geht es, wie man leicht abgewandelt sagt, beim Lesen in ein Auge rein und zum andern wieder heraus.

Jetzt aber fällt mir auf, wenn ich es richtig verstehe, daß Skinner Morpheme zwar mit etwas anderen Worten beschreibt, aber letztlich sinngemäß genauso wie sonst üblich (z. B. Wikipedia). Eigentlich auch nicht überraschend. Natürlich nicht "kleinster bedeutungstragender Bestandteil", aber er spricht von "functional unit", "minimal unit of response" bzw. "verbal operant" im Sinne des sprachlichen Verhaltens. Mir ist nur nicht ganz klar, was dann für ihn speziell ein "morpheme" ist, wenn er schreibt (S.120): Some of these [functional units below the level of the word] have been called "morphemes". Nur einige?
Für morphologische Untersuchungen im einzelnen spielt die Frage, ob das Morphem nun Träger einer "Bedeutung" oder eine funktionale Einheit des sprachlichen Verhaltens ist, vielleicht gar keine entscheidende Rolle.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.08.2023 um 17.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51656

Diese Frage wird an verschiedenen Stellen von Skinners "Verbal Behavior" behandelt, wenn Sie also etwa S. 117ff. nachlesen. ("Morphem" verwendet er allerdings nicht.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.08.2023 um 15.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51654

Nicht insgesamt eine Silbe, aber eben aus Ökonomiegründen höchstens eine Silbe pro Bedeutungselement.

Mir fällt gerade ein, wie definiert man eigentlich Morphem aus behavioristischer Sicht? Kleinste bedeutungstragende Einheit geht dann ja wohl schlecht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.08.2023 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51653

Ja, und nach lebenslangem Studium sagt der Weise nur noch om, und damit ist alles gesagt. Oder eben so:

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwölfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistes ist in sechs bis acht
Wörtern völlig abgemacht,
und in ebensoviel Sätzen
läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreißt:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst – Ein – Fragezeichen!!

(Christian Morgenstern)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.08.2023 um 23.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51651

Sind wir denn nicht im Grunde auch tatsächlich schon fast einsilbig geworden? Morpheme, die kleinsten bedeutungstragenden Einheiten, sind, zumindest im Deutschen und Englischen, in den weitaus meisten Fällen einsilbig oder sogar nur Teile einer Silbe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2023 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51649

Evolutionsbiologen legen mit Recht das Prinzip des kleinsten Aufwandes zugrunde und fragen bei jeder Veränderung nach den ökonomischen Folgen unter Knappheitsbedingungen. So bedeuten die Schwanzfedern der Paradiesvögel einen Luxus, der einer „Rechtfertigung“ bedarf. Man findet ihn in der sexuellen Selektion und damit im Fortpflanzungserfolg, der bis zu einem gewissen Gleichgewichtsmaß, das die mathematische Biologie (Hamilton u. a.) berechnet, die Nachteile der Körperbehinderung überwiegt.
Im individuellen Verhalten gilt das Ökonomieprinzip nur eingeschränkt: Wir sitzen nicht am liebsten schweigend auf dem Sofa, sondern treiben so unsinnige Dinge wie Sport und Gossip. In der Sprachgeschichte werden aber die maulfaulen Verschleifungen (Assimilationen, Verkürzungen...) weitergegeben, nicht die luxurierenden Übertreibungen. Ausnahmen sind vielleicht die Remotivierungen durch Volksetymologie und Onomatopoesie. Sonst wären wir längst „einsilbig“ geworden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2023 um 03.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51631

Eine Studie der Uni Rostock hat herausgefunden, daß die heutige Jugend („Generation Z“ – weil sie die letzte ist?) voller Widersprüche steckt. (SZ 17.8.23)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.08.2023 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51619

Als Beweis für die Existenz von „Vorstellungen“ oder „mental imagery“ wird neben der „mentalen Rotation“ und dem „False-belief-Test“ oft der Befund Stephen Kosslyns genannt, daß man Objekte schwerer erkennen kann, wenn man sie sich klein vorstellt. Solche Versuche (auf die sich auch Jean-Pierre Changeux beruft: Der neuronale Mensch. Reinbek 1984), sind nicht gegen einen ähnlichen Einwand wie im Falle von Paivios mentaler Rotation (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50491) abgesichert: Die Aufforderung, sich etwas klein vorzustellen, dürfte von der Versuchsperson so befolgt werden, daß sie es sich gleichzeitig undeutlich vorstellt. Das Ergebnis wäre dann bereits in die Testaufgabe eingebaut gewesen.
An der Replizierbarkeit der Versuche habe ich auch meine Zweifel: Kann man die Beine einer Ameise wirklich besser „zählen“, wenn man die Ameise in Gedanken „vergrößert“?
Auch Changeux stellt gewissermaßen überrascht fest, daß die Vorstellung der Wahrnehmung ähnelt. Aber wir haben doch die transgressive Redeweise von „Vorstellung“ usw. nach dem Muster der Wahrnehmung gebildet!
S. auch http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#27581
Changeux gibt einen guten Überblick über die Geschichte der Hirnforschung und Anatomie und Physiologie von Hirn und Nerven, aber wenn er sein Fachgebiet verläßt, wird es peinlich. Zum Beispiel kann er es nicht lassen, der modischen Erledigungsrhetorik gegen einen Strohmann von Behaviorismus beizutreten:
„Zeichnet ein einigermaßen begabter Betrachter das Bild [der Mona Lisa] aus dem Gedächtnis nach, so wird die innere Erfahrung durch eine graphische Reaktion mitteilbar, die auch den verstocktesten Behavioristen überzeugen müßte.“ (Der neuronale Mensch. Reinbek 1984:167)
Eine Lehre, die schon an so einfachen Erscheinungen scheitern soll, hätte man in der Tat nicht ernst zu nehmen brauchen. Aber in "kognitivistischen" Kreisen gehört es zum guten Ton, Behavioristen (wozu eigentlich alle experimentellen Psychologen gehören) als entweder blöd oder krank darzustellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2023 um 17.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51599

Evolution geschieht in kleinen Schritten; Dawkins hat oft dargelegt, warum die Mutationen klein sein müssen.
Allerdings kann sexuelle Selektion auch schnell gehen. Angenommen, es wird Mode, daß die Frauen Männer mit tiefen Stimmen bevorzugen (nicht weit hergeholt). Dann werden nach einigen Generationen die Männerstimmen tiefer liegen.
Man hat ja schon ernsthaft vermutet, daß Beredsamkeit, wenn sie Frauen imponiert, sehr schnell zunehmen kann – was immer die erbliche Grundlage des rhetorischen Talents sein mag. So auch Tanz usw.
Man könnte daraus eine Alternative zum Nativismus ("Language instinct") entwickeln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2023 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51563

Britische Psychologen haben festgestellt, daß Säuglinge sich für die gleichen Bilder van Goghs interessieren wie Erwachsene. Kriterium war, wie lange sie darauf blickten. Das kann man leicht messen, darum ist es die Methode der Wahl.
Was folgt daraus? Van Gogh steht am Ende einer vieltausendjährigen, hier ausgeblendeten Kunstgeschichte, aber vielleicht kehrt er zu urtümlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten zurück? Der Zeitungsbericht ist überschrieben „Schön bunt“. Das wird es wohl sein. (Übrigens wurden je 20 bis 25 Probanden untersucht.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.08.2023 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51545

Die Ironie wird im „Dorsch“ einigermaßen zutreffend dargestellt, wenn auch mit zuviel Searle, Grice usw., also Philosophie statt Verhaltensanalyse. Das zeigt, wie wenig die Psychologie sich auch heute noch von der Philosophie gelöst hat. (Auch Chomsky gilt ja als Psychologe und wird in psychologischen Lehrbüchern stark beerücksichtigt.) Verlinkt ist „Kognitive Psychologie“. Dieser Eintrag von Joachim Funke zeigt das ganze Durcheinander. Schon der erste Satz ist nicht in Ordnung: „Die Kognitive Psychologie [lat. cognoscere wissen, wahrnehmen] ist der Teil der Allgemeinen Psychologie, die generelle, für alle Menschen gültige psychologische Gesetzmäßigkeiten untersucht.“ (https://dorsch.hogrefe.com/gebiet/kognitive-psychologie)
Breit ausgeführt ist alles in Joachim Funke/Peter A. Fensch, Hg.: Handbuch der Allgemeinen Psychologie. Kognition. Göttingen 2006.
„Kognitiv“ ist ein Fahnenwort, das heute überall beigemischt wird. Es bleibt bestenfalls folgenlos, weil es nichts bedeutet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2023 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51518

Man braucht auf die Einzelheiten der Forschung nicht einzugehen (https://www.cardiff.ac.uk/news/view/2604188-doll-play-prompts-children-to-talk-about-others-thoughts-and-emotions-new-study) – amüsant ist das Ergebnis, wenn wir es mit Omas Weisheit vergleichen: Laß die kleinen Mädchen mit Puppen spielen, dann werden sie gute Mütter und Hausfrauen. Das ist wahrscheinlich sogar die reine Wahrheit.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 28.07.2023 um 21.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51517

Es ist doch sehr zu hoffen, daß die »Forscher und Forscherinnen« bei ihrer Arbeit weit über die Lokalisierung von »Hirnaktivität« bei bestimmten Tätigkeiten der Probanden hinausgekommen sind, denn sonst hätte das Ganze ja tatsächlich Sextanerniveau. Was passiert denn während der Aktivität der betreffenden Hirnregion? Was, wenn das Hirn registriert, daß das Kind, nachdem es die Puppe geschlagen hat oder auf den Boden hat fallen lassen, keine negativen Konsequenzen zu spüren bekommen hat, und diese Erfahrung dann auf den Umgang mit anderen Kindern überträgt? Vielleicht ist dieselbe Hirnregion ja auch aktiv, während jemand einen Mord begeht. Aktivität als solche ist doch völlig nichtssagend.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2023 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51516

Das neueste Stückchen aus der Neurosophie:

Mattel verweist unter anderem auf eine von Mattel mitfinanzierte Studie an der Cardiff University, die 2020 von einem Team um Sarah Gerson im Journal Frontiers in Human Neuroscience publiziert wurde. Die Forscher und Forscherinnen beobachteten die Hirnaktivität von 33 Kindern im Alter von vier bis acht Jahren, die im Vergleich mit diversen Barbies und Tablets spielten. Dabei zeigte sich, dass beim Puppenspiel der hintere Sulcus temporalis superior (pSTS) stärker aktiviert war. Das ist eine Hirnregion, die für die Verarbeitung sozialer Information zuständig ist. "Das Spielen mit Puppen hilft Kindern, einige der sozialen Fähigkeiten zu üben, die sie später im Leben brauchen werden", folgert Studienleiterin Gerson laut einer Pressemitteilung von Mattel. (SZ 27.7.23)

„Eine Hirnregion, die für die Verarbeitung sozialer Information zuständig ist“ – schon die Sprache verrät den Humbug. So wird die ohnehin sehr schwierige Benutzung von „bildgebenden Verfahren“ in der Neurologie endgültig diskreditiert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2023 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51500

Man hat längst beobachtet, daß die Pseudowissenschaftler wenigstens sprachlich gern Versatzstücke aus den seriösen Branchen entleihen. Bei Walter von Lucadou ist zur "Verschränkung" (aus der Quantenphysik, aber irgendwie nur "analog") nun das "Embodiment" hinzugekommen, das er auch ganz anders verstanden wissen will als die Psychologie.

Ich hatte übrigens mal gelesen, daß das Freiburger "Institut", mit dem sich lange Jahre Hans Bender einen Namen machte, bis 2020 staatlich gefördert wurde. Wie anderswo erwähnt, fiel seit je die unüberbietbare Banalität der zu erforschenden Hexerei ("Psychokinese") auf: Bei Bender ließen pubertierende Jugendliche Orangen durchs Wohnzimmer fliegen, bei Lucadou erhebt sich eine Brille vom Tisch usw. Und dazu wurde dann die "Verschränkung" bemüht... Das hätte man alles auf sich beruhen lassen können, wenn nicht die Zeitungen immer wieder mit peinlich wohlwollenden Berichten darauf eingegangen wären. Tenor: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde..." Nein, gibt es nicht!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.07.2023 um 22.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51499

»Erkennbar seien Spökenkieker an hellblondem Haar, dem geisterhaften Blick der wasserblauen Augen und einer blassen oder überzarten Gesichtsfarbe. Früher waren es hauptsächlich Schäfer, die mit den Geheimnissen der Natur „innig vertraut“ waren.«
(Wikipedia)

Ausgerechnet Schäfer, die den ganzen Tag draußen in Natur, Sonne, Wind und Wetter verbringen, sollen "blasse oder überzarte Gesichtsfarbe" haben?

Vielleicht haben die "Blassen im Heideland" (Annette von Droste-Hülshoff) ja doch einen andern Beruf?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.07.2023 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51497

Über die "Forschungen" des Spökenkiekers Walter von Lucadou berichtet Wikipedia ausführlich, ohne die Kritik zu erwähnen, wie sonst bei jedem "umstrittenen" Autor. Glaubt man, der Unsinn liege so sehr auf der Hand, daß sich jede Kritik erübige? Schön wär’s. (https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_von_Lucadou)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2023 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51489

„Die Gesellschaft zeigt Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das nutzt vor allem: der AfD“ (Klaus Hurrelmann SZ 22.7.23)

Ich halte das für: Unsinn. Freud hat damit angefangen, seine ohnehin bedenkliche Psychoanalyse auf die Gesellschaft zu übertragen. Seitdem ist kein Halten mehr, die Zeitungen sind voll davon, und Hurrelmann war für deutsche Journalisten immer eine gute Adresse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2023 um 12.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51466

Wir einfachen Leute beurteilen einen Menschen nach dem, was er sagt und tut. Die Psychologen halten sich an das, was er nicht sagt und tut. Seine wahre „Einstellung“ (was für ein wunderbarer Begriff!) muß enthüllt, entlarvt werden. Das war ja auch das Paradoxe an Freuds Traumdeutung: Durch kunstvolle Analyse des „manifesten“ Trauminhalts wird der grundsätzlich durch „Traumarbeit“ verborgene wahre Inhalt freigelegt – komischerweise etwas, was der Schläfer im Schlaf wegen der inneren „Zensur“ nicht zu denken wagt und folglich nicht berichten kann, während er es im Wachzustand ohne weiteres denkt und sich in allen Einzelheiten ausmalt (was Erotisches halt).
Und wie gesagt: Entlarvt und des Vorurteils überführt werden stets die anderen, nicht die Erfinder und Anwender des Tests selber. Kein Antisemitismusforscher ist Antisemit, das wird durch die Methode völlig ausgeschlossen.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 17.07.2023 um 11.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51465

"Die Wissenschaft hat festgestellt, daß Marmelade Fett enthält..."
Das war einmal ein Blödelliedchen; ich glaube, bei den Pfadfindern. Daran muß ich immer denken, wenn ich solche Meldungen lese.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 17.07.2023 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51464

Die taz hat mal eine wissenschaftliche Studie zitiert, die bewiesen hatte, daß die Gendersprache das Lesen nicht behindert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2023 um 10.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51463

Wie die Zeitung berichtet, wird jetzt endlich ein weiterer pseudowissenschaftlicher Gesinnungstest, der „Implicit Association Test“, wegen seiner offensichtlichen Haltlosigkeit kritisiert. Wer weiß, wie viele Menschen er schon unglücklich gemacht hat... Er beruht auf einigen Fallen, in die man die Probanden laufen läßt, und deren Deutung voller Willkür steckt. Damit werden dann andere Menschen des Rassismus, der Homophobie usw. überführt. Der Test selbst besteht nicht einmal die einfachsten Prüfungen (Reliabilität, Validität), aber die besonders in Amerika verbreitete Testgläubigkeit ist schwer zu erschüttern.
Mit einem anderen Test, über den die SZ im Kasten auf der ersten Seite berichtet, ist jetzt wissenschaftlich bewiesen worden, daß Frauenfußball nicht langweilig ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2023 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51424

Es hat keinen Sinn, nach Entsprechungen (Orten und Funktionen) der Sprache im Gehirn zu suchen, bevor man die Sprache selbst in naturalistischen Begriffen analysiert hat, d. h. Sprache konsequent als Verhalten versteht. Kulturgeschichtlich gewachsene Einheiten können keine spezifischen Orte im Gehirn haben. Niemand würde nach Zentren für Sonette, Streichquartette, Differentialgleichungen usw. suchen; das gleiche gilt aber auch für Wortarten, Präfixe oder Nebensätze.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2023 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51419

Die Lehre von der "mentalen Rotation" sehe ich zwar kritisch, aber ich muß zugeben, daß Roger Shepard die beste aller optischen Täuschungen erfunden hat: die Shepard-Tische. (S. Google, auch Bilder)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2023 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51332

Noch in der Zeitschrift „Skeptiker“ 2/2023 werden in einem Beitrag über Rudolf Steiner die von Freud erfundenen „drei Kränkungen“ der Menschheit durch Kopernikus, Darwin und ihn selbst bemüht. Je kürzer die illustre Reihe, desto ruhmreicher Freuds eigene Position. Auch in Steiner gipfelte bekanntlich eine solche Reihe.

Man staunt ja immer wieder, mit welchem Fleiß Wahnsysteme ausgebaut worden sind und wie viele "Follower" sie finden (wie man heute sagt).

Die reaktionäre Politik des heutigen Indien fördert sogar das Studium der Astrologie an staatlichen Universitäten – zur Verzweiflung aufgeklärter Inder, die ihrem Land etwas Besseres wünschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.06.2023 um 16.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51319

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50399

Fortsetzung 5 Monate später:

Die These von einer „Neun-Monats-Revolution“ in der Entwicklung des Kindes scheitert nicht nur daran, daß Eltern anscheinend noch nie etwas davon bemerkt haben, sondern auch daran, daß der unterstellte „Geist“ oder die „mentalen Zustände“ nichts Einheitliches ist. So befindet sich der Säugling von Anfang an im kommunikativen Austausch mit den Bezugspersonen, aber nicht mit Sachen, er sucht Auge und Gesicht und reagiert spezifisch darauf, während zum Beispiel die Einsicht in die Schmerzempfindlichkeit des anderen bis ins zweite Lebensjahr warten muß. Ein typischer Verlauf sieht so aus: Das Kind (1;5) beißt die Eltern, sie rufen „aua!“: das Kind beißt und ruft selbst „aua!“; wenn es zu fest beißt, schreit die Mutter wirklich schmerzgepeinigt auf, und das Kind fängt erschrocken an zu weinen; damit beginnt die Rücksichtnahme auf den Schmerz anderer – nach einem Lernprozeß, der durchaus seine Zeit braucht. Auch lernt das Kind um diese Zeit, daß man anderen nicht in die Augen fassen darf. Die „Perspektivübernahme“ – daß man ein Bilderbuch drehen muß, damit das Gegenüber es betrachten kann – ist schon Monate vorher erlernt. Das sind nur einige Komponenten der Personhaftigkeit, die das Kind angeblich mit neun Monaten im anderen entdeckt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2023 um 04.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51290

„Das Zungenspitzenphänomen (auch TOT-Phänomen (tip-of-the-tongue) genannt) bezeichnet einen Zustand, in dem ein eigentlich bekanntes Wort zu einem bestimmten Zeitpunkt im mentalen Lexikon nicht oder nur teilweise verfügbar ist.“ (Wikipedia)

Woher kommt hier das hochspezfische Konstrukt des „mentalen Lexikons“ schon in der Definition der Wortfindungsstörung? Bevor man solche Theorien übernimmt, würde man sagen, daß einem ein Wort nicht einfällt, obwohl man es kennt. Die volkstümliche Metapher dafür lautet: „Es liegt mir auf der Zunge.“
Das Beispiel zeigt, wie der mentalistische Unsinn die Welt erobert hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2023 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51287

Um die Freuden der Speicher-Psychologie weiter zu beleuchten, zitiere ich noch ein wenig aus dem Lehrbuch von David Carroll (ich könnte jedes beliebige andere nehmen, sie gleichen einander wie Eier):

„Another part of our knowledge of words is the syntactic category, or part of speech, to which they belong. Two words belong to the same syntactic category when they can substitute for one another in a sentence. Consider sentence (1):

(1)The aging pianist stunned the audience.

We can replace aging with any number of words, such as wealthy, poor, fat, solemn, and so on. Although the substitutions may change the meaning of a sentence, the sentence remains grammatical. One advantage of using syntactic categories is that we can formulate grammatical rules in terms of categories rather than lexical items. Thus, we have no rule that states that aging may appear before pianist in a sentence. The rule is that adjectives may modify nouns. To use such a rule, we need to include syntactic categories in the lexical entries in our mental lexicon (Miller, 1991).“ (David W. Carroll: Psychology of Language. 3. Aufl. Pacific Grove 1999:104; 5. Aufl. 105)

Man sieht hier, wie das linguistische Verfahren umstandslos in den Gegenstand hineinprojiziert wird: Der Grammatiker vereinfacht seine Sprachbeschreibung, indem er Wortarten unterscheidet, folglich ist im „mentalen Lexikon“ der Sprechers (!) jedes Wort mit einem Vermerk seiner Wortart versehen. Wie man sich das vorstellen soll, bleibt offen (vielleicht steht die Wortart in mentalen Klammern hinter jedem mentalen Wort?). Die meisten Sprecher wissen gar nicht, was Wortarten sind, aber nach diesem Modell weiß ihr mentales Lexikon es – der kleine Linguist im Kopf, der schon Jahrtausende vor dem Aufkommen der Sprachwissenschaft den Stand der Grammatik des 20. Jahrhunderts erreicht hatte.
In Wirklichkeit kennen die Menschen mehr oder weniger die Kombinationsmöglichkeiten der Wörter und erschließen daraus bei Bedarf die Wortart. Sie kennen Reihen von Paradigmen der Art:
aging pianist
aging y
aging z
und
aging pianist
y pianist
z pianist

Ein weiterer Schwachpunkt des Modells besteht darin, daß die Kenntnis (Beherrschung) eines Wortes eine graduelle Angelegenheit ist. Wir wissen mehr oder wenig sicher, wie ein Wort gebraucht wird, haben oft nur eine ungefähre Ahnung von seiner Bedeutung. Hinzu kommt unser feines Gespür für die Registerzugehörigkeit: stilistisch, sozial... Wie verträgt sich das mit der „mentalen Repräsentation“? Ist zu jedem gewichtigeren Wort ein Essay gespeichert, der laufend fortgeschrieben wird?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2023 um 15.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51286

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51122

Besonders komisch wird es etwas später:

„...we must distinguish between the process of retrieving information about words and the storage of words in memory. The distinction is similar to the one between the information about words that is contained in a dictionary and the processes (flipping pages and so on) by which we find the information. Psycholinguists refer to the representation of words in permanent memory as our internal lexicon. When a given word in our lexicon has been found, the properties we associate with the word become available for use. These properties include the meaning of the word, its spelling and pronunciation, its relationship to other words, and related information. Much of this is the stuff of which dictionaries are made, but our internal lexicon also contains information that is not strictly linguistic. A part of our knowledge of elephants, for example, is that they are said to never forget things, but this is not part of the meaning of the word per se.“ (David W. Carroll: Psychology of Language. 3. Aufl. Pacific Grove 1999:102)
Die „Ähnlichkeit“ (similar) zwischen der psycholinguistischen Konstruktion und dem Wörterbuch ist natürlich kein Wunder, denn die naive Psychologie hat einfach die Wörterbucherfahrung in das imaginäre Reich des Mentalen projiziert, samt bilateralem Zeichenmodell (daher die beiden Spalten) und Speicher-Metapher. „Retrieving“ entspricht dem Nachschlagen usw.
Was der Verfasser unter „strictly linguistic“ und „meaning of the word per se“ versteht, scheint beim Elefanten das Zoologische zu sein; gerade das gute Gedächtnis der Elefanten ist aber echt sprachliches Wissen, denn es liegt der Wortbildung „Elefantengedächtnis“ zugrunde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2023 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51268

"Wolfgang Köhlers Experimente zum Problemlöseverhalten von Menschenaffen auf Teneriffa 1918 haben erstmals gezeigt, dass auch Tiere zumindest ansatzweise zu mentalem Probehandeln in der Lage sind und auf diese Weise zu Umweghandlungen gelangen, die auf Einsicht in Zusammenhänge verweisen.“ (Max J. Kobbert: „Zur Bedeutung anschaulichen Denkens“. In: Ulrich Nortmann/Christoph Wagner, Hg.: In Bildern denken. Paderborn 2010:129-140)

Nein, das haben die Versuche nicht gezeigt. Es ist vielmehr eine traditonell-mentalistische Deutung, und Behavioristen lehnen sie selbstverständlich ab. Mentales Probehandeln (Freud) ist so wenig ein Handeln wie Gedankenexperimente Experimente sind.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.06.2023 um 01.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51182

Trittbretter haben sich ja seit dem Aufkommen der E-Motoren sogar verselbständigt und fahren jetzt massenhaft ganz ohne Auto.
 
 

Kommentar von A.B., verfaßt am 03.06.2023 um 16.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51180

Das mit dem Trittbrett hatten Sie in der Tat schon eingetragen, nämlich hier:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#43762

Ich habe die Trittbretter meines Käfers übrigens schon ein- oder zweimal wirklich genutzt, nämlich beim Be- und Entladen sperriger Kisten. Das Auto ist zweitürig; man kommt schlecht von außen an der nach vorne gekippten Vordersitzlehne an die Rückbank. Und für Kinder ist es auch eine willkommene Einstiegshilfe. Beim Aussteigen muß man aufpassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2023 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51179

Im Zusammenhang mit Mem-Theorie und Exaptation glaubte ich das folgende Fundstück schon eingetragen zu haben:

„Eines der auffälligsten Relikte im Automobilbau ist das Trittbrett am Volkswagen-Käfermodell. Es befindet sich nicht nur am gleichen Ort des Bauplans wie das Trittbrett der Pferdekutsche, nämlich zwischen den vorderen und hinteren Kotflügeln, sondern es imitiert noch dazu seine ursprüngliche Funktion durch einen gerippten Gummibelag. Dennoch ist dieses Konstruktionselement als Trittbrett für einen erwachsenen Menschen gänzlich ungeeignet, ja sogar gefährlich, wie jeder bestätigen wird, der es einmal ausprobiert hat.“ (Eilo Hildebrand: „Relikte in der Technik – Konsequenzen komplexer Systeme“. Matreier Gespräche. Graz 1996:164f.)

Ich weiß gar nicht mehr, wann dieses Bauelement aufgegeben wurde.

In vielen chinesischen Schriften sieht man noch Elemente, die sich nur aus dem Gebrauch des Pinsels erklären lassen. Es gibt Parallelen in indischen Schriften und in unserer serifenhaltigen Antiqua.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2023 um 05.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51170

Firmen und Mitarbeiter profitieren, wenn Führungskräfte einen leichten Hang zum Narzissmus haben. (SZ 1.6.23)

Das haben deutsche Forscher herausgefunden, Sebastian Hermann berichtet ausführlich darüber.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.05.2023 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51152

Es gibt keinen Inhalt ohne Form und es gibt keine Form ohne Inhalt. (Inhalt ist hier materiell gemeint.) Sobald sich jemand (irgendein Lebewesen) für die Form interessiert, wird sie zur Information. Praktisch trägt jeder materielle Gegenstand Information. Materie und Information sind genausoein untrennbares Begriffspaar wie Inhalt und Form.

Das ist ein sehr einfaches und wirkliches Prinzip, für mich nicht im geringsten schillernd.

Die Information, die zunächst in den Dingen selbst steckt (z. B. erkennen wir aufgrund der Ausformung der Materie am Wegesrand unmittelbar 5 Pusteblumen), ist transformierbar. Sie läßt sich auf anderen Informationsträgern (Mitteilungen, Nachrichten, egal ob alltagssprachlich oder technisch) in beliebig guter Näherung bildlich (mit Fotos oder Zeichnungen) oder sprachlich (graphisch oder phonetisch) oder noch anders wiedergeben, wo sie auch wieder nur auf bestimmten Mustern, d.h. spezieller Formen von Materie beruht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.05.2023 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51149

Mit der Einbeziehung der Umstände (der Geschichte) kommen wir der Sache schon näher. Aber warum immer wieder der schillernde Begriff "Information"? Mal scheint er Mitteilung, Nachricht zu bedeuten, mal wieder nicht, mal alltagssprachlich, mal technisch gemeint zu sein. Halten wir uns doch einfach an die Tatsachen: Was geschieht wirklich? Warum geschieht es, und welche Folgen hat es?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.05.2023 um 22.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51148

Das kommt drauf an. Erst einmal ist es natürlich eine rein zufällige Anzahl und ein zufälliges Gewächs. Wenn sich aber jemand dafür interessiert, wie viele Pusteblumen Sie neben dem Gartenweg sehen, können Sie ihn informieren, daß es 5 sind. Oder wenn er fragt, was neben dem Gartenweg wächst, können Sie ihm die Information geben: "5 Pusteblumen".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2023 um 20.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51147

Neben dem Gartenweg sehe ich 5 Pusteblumen. Information?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.05.2023 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51146

Also Spaß beiseite, es ging mir ja nur um ein möglichst einfaches und kurzes Beispiel für Information. Man könnte natürlich die Zahl 5 auch notieren oder einen ganzen Satz darüber schreiben, was mit der 5 gemeint ist, je nachdem, wieviel Information man benötigt.
Ich hätte jetzt nicht gedacht, daß es strittig sein könnte, daß irgendeine materielle Ausformung der Zahl 5 eine Information ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.05.2023 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51145

Wenn meine Frau mir aufträgt, am nächsten Morgen 5 Brötchen einzukaufen, dann laufe ich Gefahr, über Nacht die Anzahl vergessen zu haben. Deswegen schlage ich üblicherweise entweder 5 Kerben ins Tischbein oder lege mir 5 Erdbeeren neben den Rasierapparat, dann habe ich am nächsten Morgen gleich die Information über die Anzahl Brötchen, die ich besorgen wollte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2023 um 14.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51144

Fünf Kerben oder fünf Erdbeeren sind real, wer würde das bezweifeln! Aber warum nennen Sie das "Information"?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.05.2023 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51143

Irgendwie wird uns nun dieses gespeicherte Wissen (z. B. die Information 5) "bewußt". Erst dort beginnt für mich der Bereich des Mentalen. Wie das geht, das ist halt die große Frage.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.05.2023 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51142

Ich verstehe Ihre Begriffskritik teilweise, finde jedoch, daß Sie damit zu weit gehen. Nicht alles sind Konstrukte, also bloße Ideen, die Sie als solche bezeichnen.

Die Zahl 5 ist solch ein Konstrukt. Sie existiert als solche nirgendwo im Universum, sie ist eine reine Idee.

Aber schnitzen Sie 5 Kerben in einen Holzstab. Diese 5 Kerben sind eine Information. Mehr an Information als die Zahl 5 steckt nicht drin, aber der sie hineingeschnitzt hat, weiß schon, wie er die 5 interpretieren muß, was er sich damit merken (speichern) wollte.

Die Information 5 im Kerbholz ist sichtbar, man kann sie sogar ertasten, sie existiert!
Während die Zahl 5 also ein ideelles Konstrukt ist, existiert die Information 5 ganz real!

Die Information 5 im Kerbholz ist also kein Konstrukt. Wenn der Mensch anstelle des Kerbholzes sich die Zahl 5 "merkt", dann nennt man das "Wissen". Es bedeutet, daß sich nun irgendwo im Gehirn eine Art "Kerbe(n)" befindet, die die Menge 5 darstellt. Man kann dieses Wissen im Prinzip auch sehen bzw. mit geeigneten Instrumenten sichtbar machen, genau wie die Kerben im Holz!

Wissen ist also kein Konstrukt. Man kann es nicht einfach begriffskritisch zum Mentalen erklären!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.05.2023 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51137

"Wissen", "Speicher" – ich kann damit nichts anfangen. Oder vielmehr: Ich fange etwas damit an, aber Sie wollen mir nicht folgen... Ich kritisiere nicht vom neurologischen Standpunkt aus – wir sind ja beide keine Neurologen – sondern begriffskritisch. Die paradoxen Folgerungen des Speichermodells habe ich immer wieder dargestellt, wie eigentlich schon Platon (Gedächtnis als Wachstafel, als Taubenschlag).
Aber Sie können nicht erwarten, daß ich die mentalistischen Begriffe übernehme und meine eigene Kritik desavouiere. Natürlich drehen wir uns im Kreis, ich kann es vorläufig nicht ändern (solange Sie nicht konvertieren...)
Lieber Herr Riemer, Sie sind ein gutmütiger Mensch und versuchen den "Speicher" durch wohlwollendste Interpretation zu retten, indem sie darunter jede Veränderung des Organismus verstehen. Aber die Doktrin, die ich kritisiere, ist viel spezifischer. Die Explikation durch den Begriff des "Wissens" zeigt es. Wenn man ohne solche allzumenschlichen (in meinen Augen "soziomorphen") Begriffe auskommt, rückt auch die physische (neurologische) Ratifizierung in erreichbare Nähe. Den Speicher und das Wissen werden Sie jedenfalls im genauesten Hirnscan nicht entdecken! Das ist eben keine empirische Frage, sondern eine begriffskritische, philosophische. (Ob Sie sich noch einmal meine "Naturalisierung der Intentionalität" ansehen? Darin wird diesem Begriff sein Ort im Dialog zugewiesen, und es ist jedenfalls kein neurologisch ratifizierbarer. Auf die gleiche Weise konstruieren wir für praktische Zwecke "Wissen", "Bewußtsein" und das ganze übrige Inventar des "Geistes". Ich versuche zu erklären, wie das vor sich geht, aber ich kann mir doch das Explanandum nicht zu eigen machen, als sei es ein Explanans.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.05.2023 um 23.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51136

"Es ist völlig unklar, wie ein Speicher für Inhalte aussieht." (#50875)

Ja, so ist es! Können wir es nicht bei dieser Feststellung belassen? Warum sollen wir uns in Spekulationen verlieren, wie dieser Speicher (das Gedächtnis) aussehen und funktionieren könnte? Sollen sich doch Neurologen damit beschäftigen. Daß wir es nicht wissen, beweist nichts.

Klar ist nur, daß es ohne Speicherung nicht geht. Das Wissen muß irgendwo herkommen, es fällt uns nicht von allein ein, sobald wir es brauchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2023 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51134

Der bibliographische Verweis steht hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50875
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2023 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51133

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50881:

Das genannte, zweifellos repräsentative Handbuch enthält nicht einmal ein Stichwort "store" bzw. "storage" im Register – aber nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil es praktisch auf jeder Seite (mehrmals) vorkommt. So sehr ist die Gleichsetzung von Gedächtnis und Speicher zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich erlaube mir, sie trotzdem für sinnlos zu halten, und zwar als Nichtpsychologe, weil sie nämlich gar keine psychologische Tatsache, sondern eine vorher getroffene philosophische Festlegung ist, zu der auch unsereins etwas sagen darf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2023 um 03.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51122

MAIN POINTS

When we know a word, we know its phonological, morphological, syntactic, and semantic attributes.
A word’s meaning includes both sense and reference. Sense refers to a word’s relationships with other words, whereas reference pertains to the relationships between a word and an object or event in the world.
The organization of word knowledge in permanent memory is called the internal lexicon. In a semantic network, words are represented as nodes and are connected via relations to other words in the network.
The process by which we activate our word knowledge is termed lexical access. Lexical access is influenced by the frequency of a word, its phonological and morphological attributes, whether it is ambiguous, and whether a semantically similar word has just been encountered. (David W. Carroll: Psychology of Language. 3. Aufl. Pacific Grove 1999:102)

Für mich ist diese Zusammenfassung in einem Standardlehrbuch (in der 5. Auflage 2008 unverändert) vollkommen unverständlich. Ich kann mir unter einem inneren Wörterbuch nichts vorstellen. Auch scheint mir das übliche Wortspiel mit „know, knowledge“ vorzuliegen. Die Rede vom „Aktivieren“ suggeriert wie so oft, daß die neurologische Ebene erreicht ist, wovon aber keine Rede sein kann. Aber was bedeutet das „Aktivieren von Wissen“ dann?
Die semantischen Netze mit ihren „Knoten“ können nur als graphische Darstellungen verstanden werden und gehören nicht zum Gegenstand selbst, obwohl es hier so aussieht.
Eine solche Psychologie scheint mir Jahrhunderte hinter dem sonstigen Stand der Wissenschaft zurückgeblieben zu sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2023 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51093

Sprache im heutigen Sinn gibt es seit etwa 100.000 bis 150.000 Jahren. Schon vor dieser Zeit muss es also beim Menschen hirnanatomische Entwicklungen gegeben haben, die im Hirn zu bestimmten Dispositionen führten, das Sprechen (und damit Sprachen) lernen zu können. Die kulturelle Evolution hat vielfältig die Spezies Mensch gezwungen, auch bestimmte Bereiche des Gehirns für Aufgaben zu benutzen, für die sie von der Natur nie vorgesehen waren:
Das Broca-Areal im Frontalhirn ist zuständig für die Koordination der Gesichtsmuskeln, für mimischen Ausdruck und die Gebärdensprache. Der Bedeutung des Broca-Areals für die Produktion von gesprochener Sprache wird in der Neurologie immer wieder besondere Aufmerksamkeit gewidmet (das Broca-Areal ist aktiviert sowohl beim lauten, als auch beim stillen Lesen).
Das Wernicke-Areal im Temporallappen ist u. a. zuständig für die Dekodierung von Sprache, für die Begriffsbildung, es übernimmt die Aufgabe des Sprachverständnisses sowohl bei Hörenden als auch bei Gehörlosen (!) (Gebärdensprache).
Der Gyrus angularis im Parietallappen ist u. a. zuständig für die Verknüpfung von gesprochenen und gesehe­nen/geschriebenen Wörtern.
Das visuelle Wortformareal an der Basis des linken Temporallappens befasst sich u. a. mit der Produktion der Schreibweise, der Lautung und der Bedeutung von Wörtern.

(Elternbrief Nr. 13, (Januar 2013)

Dort auch Hirnkarten, in denen die verschiedenen Funktionen eingetragen sind. Daß Regionen für Funktionen „zuständig“ sind, ist unbestimmt genug, um die Deutung zuzulassen: „sine qua non“. Damit ist fast gar nichts gesagt. Und „befasst sich mit....“ ist Homunkulus-Sprache. Gehirnteile befassen sich nicht. Bunte Bilder erzeugen Scheinwissen und rechtfertigen Neurobabble.
Was das Alter der Sprache angeht, wird zur Zeit ungefähr das nachgesprochen, was auch dieser Text behauptet, so auch im Katalog zur Ausstellung „Die Sprache Deutsch“ – vollkommen willkürlich.
(Im Elternbrief ging es eigentlich nur darum, die Ansprüche des Rechtschreibunternehmers Sommer-Stumpenhorst zurückzuweisen. Dazu wurde alles aufgeboten, was Rang und Namen hat, eine so gemischte Gesellschaft, daß man es von vornherein nicht ernstzunehmen braucht.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2023 um 06.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51037

Warum kleben wir fast volle Rabattkarten usw. so gern voll? Ein Team um den Marketingforscher Bowen Ruan hat es herausgefunden, und Sebastian Herrmann berichtet auf der ersten Seite der SZ darüber (13.5.23). In unübertrefflicher alltagspsychologischer Banalität heißt es: „Hinter dem Effekt steckt der Drang, einmal begonnene Aufgaben zu vollenden. Die ersten Schritte zu einem großen Ziel schmerzen stets und kosten Kraft. Sobald der Aufbruch aber gelungen und der ersehnte Gipfel beinahe erreicht ist, bricht die Zeit des Schlussspurts an. Jetzt werden auf einmal Energien freigesetzt, jetzt läuft es. Die innere Spannung löst sich in Vorfreude auf.“

Drang, Kraft, Energie, Spannung, Vorfreude – das sind die untrüglichen Zeichen der Unwissenschaftlichkeit. Aber für Marketingforscher reicht es allemal. Abgesehen von der indiskutablen Begrifflichkeit gilt: Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen. Aber das nur nebenbei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.05.2023 um 06.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51022

Die Körpersprache verrät weniger, als viele denken (SZ) = als die gleiche Zeitung und alle anderen uns jahrelang einreden wollten, wir aber nie geglaubt haben.

Die Experten von einst sind jetzt "selbsternannte".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.05.2023 um 03.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#51008

Amerikanische Forscher haben festgestellt, daß die Sprecher von Tonsprachen – wie erwartet – beim Erkennen von Melodien wesentlich besser abschneiden. Daher die Weltgeltung der chinesischen Musik (Mozart, Schubert, Elvis...). Oder umgekehrt: Die chinesische Oper ist von unseren Bühnen nicht fortzudenken.

Wir hatten ja auch schon gehört, daß die Chinesen Sprache in anderen Hirnregionen verarbeiten als wir. Und Frauen woanders als Männer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2023 um 18.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50993

Neurowahn und Neurobluff


Elektroenzephalographie und die neueren bildgebenden Verfahren (PET, fMRT usw.) haben zu einem Aufschwung der Hirnforschung geführt. Forscher auf dem Gebiet der höheren Verhaltensleistungen fühlen sich dadurch ermuntert, ihre Befunde auch terminologisch in Begriffen der Neurologie darzustellen. Nicht immer passen Ausdrucksweise und Forschungsergebnisse zusammen: die neurologischen, physiologischen und anatomischen Begriffe spiegeln manchmal eine Analyseebene vor, die von der Forschung in Wirklichkeit nicht erreicht wird. Im „Zeitalter der Hirnforschung“ verschafft eine solche Rhetorik möglicherweise Zugang zu Forschungsmitteln. (Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde vom amerikanischen Präsidenten zur „Dekade des Gehirns“ erklärt, und es gab entsprechende Zuwendungen.) Die bloße Voranstellung des magischen Bestandteils Neuro- scheint herkömmliche Forschung auf ein moderneres Niveau zu heben: Neuropsychologie, Neuroökonomie, Neuropädagogik, Neurolinguistik, Neurogermanistik, Neurotheologie, Neuroästhetik, Neuroleadership, Neuromarketing, Neurorecht, Neurorhetorik, Neurohistorie usw. Burrhus F. Skinner sprach einmal von „neural prestige“ (Notebooks. Englewood Cliffs 1980:81), was man als „Neurobluff“ wiedergeben könnte. Noel W. Smith nennt es „Brainology“, im Anschluß an Kantor. In Amerika spricht man auch von „Neurobabble“ (nach dem schon früher entwickelten „Psychobabble“) und noch drastischer von „Brain porn“.
Seit jeder gebildete Mensch weiß, daß das Gehirn das Organ ist, von dem das Verhalten hauptsächlich gesteuert wird und in dem folglich auch das traditionell so genannte „Denken“ stattfindet, spricht man auch im Alltag gern vom Gehirn, wenn man die Person meint: „Unser Gehirn will ja immer weiter“, sagt eine Lehrerin (FAS 29.11.09) und meint: „Wir wollen ja immer weiter.“ Das Manifest, das der Osloer Massenmörder Breivik ins Internet gestellt hat, soll Einblick in sein „Gehirn“ gewähren, schreibt die Süddeutsche Zeitung (25.7.11). In der Kognitionsforschung ist es weithin üblich, Gehirn (brain) und Geist (mind) zu gebrauchen, als bedeuteten sie dasselbe. Damit wird ein begrifflicher Unterschied verdeckt: Das Gehirn ist ein konkreter Gegenstand, Geist ist ein (seiner Herkunft nach laienpsychologisches) Konstrukt.
Philosophen und methodenbewußte Psychologen haben darauf hingewiesen, daß es irreführend und unzulässig ist, personale Prädikate wie wollen in subpersonale Bereiche wie das Gehirn zu projizieren. Der Kategorienfehler findet sich aber nicht nur im Alltag und in der populärwissenschaftlichen Literatur.
„Our individual brains are each inhabited by a large number of ideas that determine our behaviour.“ (Dan Sperber: Explaining Culture – A Naturalistic Approach. Oxford 1996:1)
Man tut so, als habe man von Ideen schon immer gewußt, nur nicht, wo sie sich befinden, und jetzt wisse man es. Das naive Modell des Mentalen wird neurologisiert, wenigstens sprachlich.
Die bildgebenden Verfahren wirken verführerisch. Man kann Versuchspersonen beliebige Aufgaben stellen und wird stets auch verschiedene „Bilder“ regional differenzierter Hirntätigkeit erhalten. Daraus wird dann gefolgert, daß für die jeweilige Aufgabe eine bestimmte Hirnregion zuständig ist.
Gegen diesen wiederbelebten Lokalismus wenden sich problembewußtere Forscher:
„Wir können nicht aus dem Hirn den Teil isolieren, der für z. B. Aufmerksamkeit zuständig ist. Es gibt keine 1:1 Zuordnung von psychologischen Konstrukten zu anatomischen oder biochemischen Komponenten des Gehirns.“ (Hans Welzl in Markowitsch, Hans J. (Hg.): Grundlagen der Neuropsychologie. Göttingen u.a. 1996:231)
„Das Problem ist, wie schon Faux (2002) darlegte, nicht, dass die Technik versagt, sondern dass komplexe kognitive Funktionen (wie "Schlussfolgern" oder "visuelles Vorstellen") schlecht definierte Konstrukte sind, die - natürlich - keine Realität im Gehirn haben.“ (Bördlein)
(Faux, S.F. (2002). Cognitive neuroscience from a behavioral perspective: A critique of chasing ghosts with Geiger counters. The Behavior Analyst, 25, 161-173.)
Es sind z. T. soziale Konstrukte wie Logik, normative Modellierung sozialen Verhaltens.

Neuropsychologie

Oft werden Einsichten der Psychologie umstandslos in solche der Neurologie umformuliert. So weiß man seit langem, daß Aussagen vor Gericht nicht immer zuverlässig sind, und zwar nicht nur weil die Zeugen lügen, sondern weil sie sich tatsächlich falsch erinnern. Die Suggestibilität von Kindern ist besonders folgenreich. Elizabeth Loftus hat Kindern Erlebnisse eingeredet, an die sie dann fest glaubten und die sie immer anschaulicher ausschmückten. Dies wird von der berichtenden Zeitung zu den Erkenntnissen der „Neurowissenschaften“ gerechnet (SZ 24.7.10). Loftus’ weltweit bekannte Arbeiten liegen z. T. seit Jahrzehnten vor und waren nie anders als rein psychologisch formuliert. Der Historiker Johannes Fried hat aufgrund ähnlicher Befunde eine „neurobiologische Quellenkritik“ gefordert. Warum neurobiologisch? Alle Befunde in diesem Bereich sind psychologisch, nicht neurobiologisch.
Vor der Bundestagswahl 2009 wurde in der SZ „Deutschlands bekanntester Hirnforscher“ Wolf Singer erwähnt und abgebildet: „Der Gehirnforscher Wolf Singer weiß, dass Wünsche die Wahrnehmung immer beeinflussen.“ (SZ 25.8.09) Als Gehirnforscher weiß er das nicht, denn Wünsche kommen im Gehirn nicht vor, aber er bringt es nicht über sich, der Zeitung zu sagen, daß sie ihn mit solchen Fragen in Ruhe lassen soll. Auch Singers Kollegen Gerhard Roth und Gerald Hüther werden zu allen möglichen Themen befragt. Während die Philosophie, vor allem die sprachanalytisch informierte, die Thesen dieser drei Autoren nahezu einhellig ablehnt, könnten sie mit ihren mehr oder weniger reißerischen Büchern durchaus die Politik, das Strafrecht oder die Pädagogik beeinflussen.
„Die Haut sendet Signale ans Gehirn. Warum dieses darauf mit Vertrauen reagiert, ist unklar.“ (SZ 6.8.10) – Vertrauen kommt im Gehirn so wenig vor wie Wünsche. „Indem wir nichts weiter tun, als mit dem Mund Geräusche zu erzeugen, können wir im Gehirn anderer Personen neue und präzise Gedankenkombinationen erzeugen.“ (Steven Pinker: Der Sprachinstinkt. München 1996:17) Im Gehirn gibt es keine „Gedanken“, und Pinker, der hier einen Kategorien-Fehler begeht, weiß auch gar nichts darüber.

Neuropädagogik

Sarah-Jayne Blakemore und Uta Frith geben Lerntips unter dem Titel „Wie wir lernen. Was die Hirnforschung darüber weiß“ (München 2005). Die Lerntips sind alle nicht aus der Hirnforschung abgeleitet, sondern es sind entweder altbekannte Faustregeln oder sie stammen aus der Lernsychologie. Der Behaviorismus wird totgeschwiegen, die Ausführungen über den Zusammenhang von Belohnungmustern und Lernerfolgen werden in neurologischem Jargon gegeben, dabei sind die verhaltenstheoretischen Lernkurven sehr viel länger bekannt.

Manfred Spitzer verkündet in Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen die Entdeckung der „Hirnforschung“ (an der er als Psychiater gar nicht wirklich beteiligt ist), daß man Sprachen besser lernt, wenn man sie gern lernt. Gerhard Roth („Bildung braucht Persönlichkeit“. Stuttgart 2011) weiß, daß man neurobiologische Erkenntnisse nicht unmittelbar in pädagogische Theorien umsetzen darf, stellt aber dann doch eine Menge Beziehungen her, die selbst nach Ansicht wohlwollender Rezensenten (Tanjev Schultz in der SZ vom 10.6.11) nicht gerechtfertigt und auch gar nicht nötig sind. „Roth weist auf den großen Einfluss hin, den die ‚Bildungsnähe‘ des Elternhauses hat. Die Aufgabe des Staates sieht er vor allem darin, ‚bildungsfern‘ aufwachsenden Kindern zu helfen. Etwa mit Ganztagsschulen und frühzeitigen Sprachkursen für Kinder aus Einwandererfamilien. Roth befürwortet auch ein langes gemeinsames Lernen.“ (Zeit online 5.4.11) Zu einem Erziehungskongreß 2011 mit dem Titel „Arche Nova - Die Bildung kultivieren!“ hat der Organisator Reinhard Kahl auch Spitzer und Hüther eingeladen, als könnten sie aus der Sicht der „Hirnforschung“ etwas zur Pädagogik beitragen. Beide warnen vor dem Fernsehen, vielleicht mit Recht, aber ihre diesbezüglichen Meinungen haben nicht das geringste mit Hirnforschung zu tun. Hüther zum Beispiel sagte in einem Interview: „Das Fernsehen ist nur die Ersatzbefriedigung dafür, dass man in Wirklichkeit nicht dazugehört. Und das Internet ist nur die Ersatzbefriedigung dafür, dass man tatsächlich keine Aufgaben und keine verlässlichen Beziehungen hat.“ (SZ 28.4.09) Spitzer vertreibt einschlägige Meinungen in einem regelmäßigen Fernsehauftritt, den man auch auf DVD kaufen kann. (Auch der Hirnforscher Ernst Pöppel verkauft Bücher, in denen er darlegt, daß Lesen dumm macht; das fiel sogar Amazon-Rezensenten auf.) Der Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann schreibt plötzlich Bücher über „Neurodidaktik“. In einem Aufsatz erklärt er: „Belohnung und Spaß bewirken, dass das Gehirn umso besser funktioniert, je attraktiver die Lernsituation empfunden wird, und die Attraktivität bemisst sich – wie könnte es anders sein – an der Abschätzung des zu erwartenden Erfolgs.“ („Lernen – vom Gehirn aus betrachtet. Wie schulisches Lernen verbessert werden kann: Neurowissenschaften und Pädagogik auf dem gemeinsamen Weg zur Neurodidaktik“. Gehirn & Geist 12/2008:44-48) - Das wäre eine sogenannte instrumentelle Motivation, die aber nicht weit trägt. Schon in der Schule hatten wir Klassenkameraden, die ein überdurchschnittliches Interesse an Geschichte oder Chemie bewegte, die aber nicht im Traum an einen zu erwartenden Erfolg dachten. Das Lernen macht auch nicht „Spaß“, sondern (manchmal) Freude. Herrmann fährt fort: „Nichts ist daher erfolgreicher als eine neurodidaktisch begründete ‚Spaßpädagogik‘: eine lust- und spaßbesetzte Leistungsherausforderung, die Erfolgserlebnisse vermittelt!“ Der Werbe-Rhetorik entspricht eine unbedachte theoretische Ausdrucksweise: „Kinder lernen die Muttersprache durch Hören und Nachsprechen, zugleich generiert ihr Gehirn die grammatischen Regeln, nach denen diese Sprache verfährt.“ Das Gehirn generiert keine Regeln. Keine Neurologie wird sie finden.

Der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke warnt in einem Interview:
„Wir haben zwar hervorragende Befunde, aber einige meiner Kollegen übertreiben das. So gibt es ‚Berühmtheiten‘, die als Hirnforscher zum Beispiel versuchen, die Schule zu erklären. Diese Wissenschaftler waren ursprünglich Lurch- oder Rattenforscher und schreiben dann Bücher wie „Wie Kinder lernen“, haben aber von der Lernpsychologie keine Ahnung. Diesen Punkt habe ich immer kritisiert: dass ein Hirnforscher auf einmal kommt und sagt, so funktioniert das. Das sind problematische Grenzüberschreitungen. Je nachdem, wofür sie Erkenntnisse anbietet, ist die Hirnforschung sinnvoll oder sinnlos. Wenn Sie einem Lehrer erklären wollen, wie man ein Kind unterrichtet, brauchen Sie nicht zwingend die Hirnforschung; Sie brauchen gute Kenntnisse der Lernpsychologie.“
Gegen Spitzer hat Elsbeth Stern eingewandt, daß seine Ansichten keiner neurologischen Einkleidung bedürfen, weil sie rein lernpsychologisch begründet sind. Das gilt eigentlich für alle vermeintlich neurologischen Vorschläge.

Neuroökonomie, Neuromarketing

„Nun zeigt die Hirnforschung, wie stark unsere Persönlichkeit, unser Wertesystem und unsere Entscheidungen vom biologischen Erbe der Vorfahren bestimmt sind.“ Dies habe die Kernspintomographie bestätigt. So äußert sich Gerd Eisenbeiß in einem Gastkommentar der SZ vom 24.5.08. (Eisenbeiß ist ehemaliger Energievorstand des Forschungszentrums Jülich und macht in dem Beitrag versteckte Werbung für die Kernenergie.)
„Menschliches Besitzstandsdenken hat eine neurophysiologische Grundlage.(...) Konnten sich Probanden besonders schwer von ihrem Besitz trennen, zeigte sich eine besonders starke Durchblutung der Inselrinde. Das ist die Hirnregion, in der Schmerzen verarbeitet und emotional bewertet werden.“ (Bericht in der SZ vom 21.6.08)
Gerhard Roth und der Unternehmensberater Hans-Joachim Rudnick schreiben im Wirtschaftsteil der SZ vom 9.7.08: „Antriebe des Unbewussten: Warum deutsche Manager so sind, wie sie sind – und bisweilen kriminell werden. Ein Blick in ihr Innerstes“. Eine Bildunterschrift lautet: „Was geht in einem Manager-Kopf vor? Die Hirnforschung liefert Antworten.“ Davon kann natürlich keine Rede sein. Die Folgerungen sind vom gesunden Menschenverstand diktiert und nicht von der Hirnforschung: „Daher muss größte Sorgfalt auf die Auswahl von Führungskräften verwendet werden.“ Die Hirnforschung hat weder anatomisch noch physiologisch bisher etwas im Gehirn entdeckt, was sich mit Managertum und Führungskräften in Verbindung bringen ließe. Roth äußert sich aufs neue im Wirtschaftsteil der SZ vom 4.8.12, diesmal über die Beziehungen von Chefs und Untergebenen in Betrieben; er wird im Vorspann als einer der bedeutendsten Hirnforscher der Welt vorgestellt.
Singer war zum „SZ-Führungstreffen Wirtschaft 2011“ eingeladen und äußerte sich u. a. zur weltweiten Finanzkrise: „Von jenen Bankern, die durch riskante Geschäfte die Turbulenzen maßgeblich zu verantworten haben, könne man allerdings nicht unbedingt Läuterung erwarten. Denn die Gier nach Geld löse im Hirn ähnliche Reaktionen aus wie Drogensucht – und im Augenblick kämpfe wohl manch einer noch mit dem Entzug.“
Die SZ vom 17.10.09 berichtete: Neurologen haben mit fMRT festgestellt, daß beim Zocken das ventrale Striatum aktiviert ist. „Daraus lässt sich ableiten, dass die Menschen schon seit Urzeiten darauf konditioniert sind, zu spekulieren, denn sonst wären andere Hirnregionen aktiv.“ Usw. (Aber welche anderen Verhaltensweisen gehen mit demselben Erregungsmuster einher? Hat man das Klavierspielen untersucht und ein urzeitliches Klavierzentrum entdeckt?)
„Wie die moderne Hirnforschung zeigt, werden die Handlung prägenden (!) Wertepräferenzen der Menschen bereits in den ersten zwei Lebensjahrzehnten ausgebildet.“ (SZ 2.6.09)
Es geht um Verhaltenstendenzen, und die Hirnforschung kann dazu nichts sagen, was nicht aus der Entwicklungspsychologie bekannt wäre.
Ernst Pöppel bietet „Hirnforschung für Manager“ - so der Untertitel seines Buches „Zum Entscheiden geboren“.
Manfred Spitzer ist auch mit dabei: „Neuroökonomie: Ein interdisziplinäres Forschungsgebiet entsteht“. In: Schwäbische Gesellschaft. Stuttgart: 2006: 25-42.
Hierher gehört auch die „Neuro-Rhetorik“, die zu „gehirngerechtem Reden und Schreiben“ anleiten will – so Markus Reiter, der Geschichte und Politik studiert hat und seine neurologischen Kenntnisse aus populärwissenschaftlichen Schriften bezieht: „Der Autor gibt einen faszinierenden Einblick in das Wunder der Sprache. Er zeigt, wie Neurobiologen und Psycholinguisten mit hochmodernen Bild gebenden (!) Verfahren dem Gehirn beim Zuhören und Lesen zusehen und welche verblüffenden Erkenntnisse wir daraus für unseren Alltag ziehen können.
Reiter spannt den Bogen von den Anfängen der Sprache bis zu modernen Hirnsprachlabors. Er beweist, dass einfache, konkrete und bildhafte Wörter besser sind als jedes Managerkauderwelsch. Er zeigt, warum unser Gehirn an komplizierten Sätzen scheitern muss. Er legt dar, wie man die Phantasie der Zuhörer anregt, ihre Erinnerung anzapft und an ihre Gefühle appelliert.
Das Buch verbindet anspruchsvollen Wissenschaftsjournalismus mit zahlreichen praktischen Tipps. Es hilft jedem Leser, sich in seiner Alltagskommunikation die Ergebnisse der Hirnforschung zur Sprache nutzbar zu machen.“ (Verlagswerbung) Reiter hat sich die Bezeichnung Neuro-Rhetorik sogar schützen lassen – ein sicherer Beweis für die Unwissenschaftlichkeit des Unternehmens.
Amerikanische Forscher wollen Magnetresonanztomographie für die Berufswahl nutzen. (SZ 27.7.10)

Neurotheologie

In einem Beitrag über kritische Theologie und ihre Vernachlässigung durch Evangelikale und Fundamentalisten schreibt Martin Urban: „Albert Schweitzer erschreckte seine Kirche mit der Erkenntnis, dass die Trinität Gottes als ´Vater, Sohn und Heiliger Geist´ ein menschliches Konstrukt ist. Die Gehirnforschung kann dies heute präzise erklären.“ (SZ 13.11.09) Die Gehirnforschung weiß buchstäblich nichts darüber.

Italienische Forscher wollen eine Gehirnregion für „Selbsttranszendenz“ entdeckt haben. Der altmodische Begriff ist so weit von Operationalisierbarkeit entfernt, daß die These nicht überprüft werden kann.
Nachdem in den neunziger Jahren die „Spiegelneuronen“ entdeckt worden waren, deren Funktion bis heute nicht ganz geklärt ist, entstand eine Unmenge von Literatur, die mit diesem Teil des Gehirns Empathie, Nachahmung, Sprache und noch manches andere erklären wollte. (Vgl. etwa Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst: intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2005.)
Daß viele Tiere Spiegelneuronen haben, aber weder nachahmen noch sprechen können, wurde übergangen. Forscher wie Vilayanur Ramachandran beflügelten die Phantasie durch enthusiastische Bücher und Vorträge. Sogar in der deutschen Bildungspolitik ist nun von Spiegelneuronen die Rede (Ingwer Paul u. a.: Standard: Bildung. Blinde Flecken der deutschen Bildungsdiskussion. Göttingen 2008).

Neurolinguistik

Heiner Willenberg verspricht unter dem Titel „Lesen und Lernen“ (Heidelberg, Berlin 1999) eine „Einführung in die Neuropsychologie des Textverstehens“ zu geben. Davon kann natürlich keine Rede sein, denn weder ist genug darüber bekannt, noch wäre der Verfasser in diesem Fach kompetent. Nach viel Aufwand mit angelesenen Weisheiten kommen ein paar banale Ratschläge heraus.
Laut Bericht der SZ haben Neuropsychologen herausgefunden, wie lange es dauert, bis das Gehirn ein Wort im mentalen Lexikon herausgesucht hat (200 ms) und artikuliert (400 ms) usw. Aber woher weiß das Gehirn, welches Wort es suchen soll? Wie lange dauert es, bis diese Suche entsteht, und wie lange dauert das Heraussuchen der Suche aus anderen Verhaltensmöglichkeiten usw.? Welcher Teil des Gehirns sucht in welchem anderen?
Die Lehre vom „mentalen Lexikon“, die jetzt mit vermeintlichen Ergebnissen der Hirnforschung aufgepeppt wird, scheitert u. a. am Vokabelparadox: Die Suche nach einem Wort müßte um so länger dauern, je größer der Wortschatz wird. Bekanntlich ist eher das Gegenteil der Fall. Auch ist es nicht möglich, in Sekundenbruchteilen ein mentales Lexikon mit 100.000 Einträgen zu durchsuchen.
„Nachdem im MPI für neuropsychologische Forschung die neuronale Sprachverarbeitung in extenso aufgeklärt wurde, erkundet die von Angela Friederici gegründete Arbeitsgruppe ‚Neurokognition von Musik‘ seit 1998 das Pendant. Denn Musik und Sprache sind beides Mittel der Kommunikation.“ (Max Planck Institute of Cognitive Neuroscience: Further Information: info@cns.mpg.de)
Wie schön, daß die neuronale Sprachverarbeitung aufgeklärt ist!
Die Frage, ob das Zielwort „passiv aktiviert“ wird (priming) oder ob man eine „aktive Suche nach einem bestimmten Wort“ annehmen muß, ist sinnlos. (Angela D. Friederici: Neuropsychologie der Sprache. Stuttgart 1984) Aktiv und passiv können sich Personen verhalten, auf neuronale Vorgänge sind solche Begriffe nicht anwendbar.

Auch auf neurolinguistischem Gebiet zeigt Manfred Spitzer eine bedenkliche Leichtfertigkeit:
„Im Vorschulalter wissen Kinder bereits, dass die Verben, die auf „-ieren“ enden, das Partizip Perfekt ohne „ge“ bilden. Sie erzählen, dass sie gestern gelaufen sind, aber nicht durch den Wald ge-spaziert (sondern nur spaziert), und was sie vorgestern nur verloren (und nicht ge-verloren) haben, das haben sie stolz gestern wieder gefunden.“
Das ist schon aus sprachwissenschaftlicher Sicht falsch: verlieren ist kein Verb, das auf -ieren endet. In Wirklichkeit bilden nur diejenigen Verben ihr Partizip ohne ge-, die nicht auf der ersten Silbe betont sind, vgl. stieren – gestiert, gieren – gegiert.
Spitzer glaubt, das kindliche Gehirn leite aus Beispielen „Regeln“ ab. Das glaubt auch der Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann: „Kinder lernen die Muttersprache durch Hören und Nachsprechen, zugleich generiert ihr Gehirn die grammatischen Regeln, nach denen diese Sprache verfährt.“ (G&G 12/2008) Solche Regeln wird man allerdings im Gehirn so wenig finden wie die Straßenverkehrsordnung.
Auch die frühere Vorstellung, es existiere im Kopf ein Lesezentrum, ist heute nicht mehr haltbar. Wissenschaftler wie Shaywitz/Shaywitz sprechen seit längerem von vielen, mindestens 17 verschiedenen Regionen, die allein beim Lesen wechselseitig beteiligt sind. (Shaywitz, B. A. und Shaywitz, S. E. et al.  in: Sex differences in the functional organization of the brain for language. Nature 373, 1995) (Elternbrief 13)
Kritisch äußert sich John F. Sowa:
„Although the authors frequently use the word neural, none of their discussion depends on the actual structure or method of operation of a neuron.“ (Rezension zu George Lakoff/Mark Johnson: Philosophy in the Flesh. Computational Linguistics 25/4, 1999) (Zit. nach Internet-Fassung)

Neuroästhetik

Zu einer Berliner Tagung über das Schöne (Mai 2008) war auch wieder Manfred Spitzer eingeladen.

(Wird fortgesetzt)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2023 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50990

„Daß ‚Sprache‘ uns immer nur in aktualisierter Form als Ergebnis eines Rede- oder Schreibaktes gegeben und beobachtbar ist, stellt die einhellige Auffassung der modernen Linguistik mindestens seit F. de Saussure dar.“ (Maximilian Scherner: Sprache als Text. Tübingen 1984:3)

Auch den Maikäfer gibt es nur in aktualisierter Form. Das Biologiebuch spricht jedoch nicht von einem bestimmten Maikäfer, sondern von der Maikäferhaftigkeit. Das muß nicht von einem berühmten Mann entdeckt werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2023 um 16.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50980

Es gibt so viel Neurobabble, da kommt es auf eine "kortikale Linguistik" (von einem germanistischen Mediävisten!) auch nicht mehr an.

Es gibt noch mehr Wissenschaften, die außer ihrem Gründer keinen einzigen Vertreter haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2023 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50962

Die volkstümliche Annahme, Sprache drücke Gedanken aus, wird durch die alltägliche Erfahrung gestützt, daß „ich weiß, was ich sagen will“. Die weitere, logische Analyse dieser Grundthese führt dazu, daß es einen Gedanken geben muß, bevor er ausgedrückt wird. Naive Modelle der „Sprachproduktion“ wie bei Levelt machen aus der logischen Analyse eine Beschreibung wirklicher Vorgänge. Sie lassen den Prozeß der Aktualgenese mit dem „Gedanken“ bzw. der „Intention“ beginnen. Dieser Anfang, der meist vage umschrieben („mentaler Zustand“) oder stillschweigend bereits als sprachliche Form (in einer Sprache des Geistes, also unter einer petitio principii) vorausgesetzt wird, soll dann irgendwie stufenweise in eine natürliche Sprache überführt, übersetzt, transformiert werden. Levelts „From intention to articulation“ drückt diese überwältigende Fehldeutung bündig aus. Die sogenannte „Psycholinguistik“ ist weitgehend davon geprägt. Auch nach neurophysiologischen Entsprechungen des Modells wird gesucht.
Wenn der Inhalt oder eben der Gedanke (auch das Gefühl usw.) am Anfang steht und nach seinem Ausdruck sucht, ist schon der Irrweg der Homunkulus-Psychologie beschritten. Denn Gedanken und Intentionen kann man nur Personen, also dialogfähigen Wesen zuschreiben.
Daß Levelts umfangreiches und breit rezipiertes Werk sinnlos ist, weisen auch Bennett und Hacker nach: „The theory of Levelt is more a mythological redescription of the observed phenomena than an explanation of them.“ (M. R. Bennett/P. M. S. Hacker: History of cognitive neuroscience, Chichester 2013:145). Das müßte auch der unbefangene Leser ahnen, wenn er auf der ersten Seite liest: „(The present book) will consider the speaker as a highly complex information processor who can, in some still rather mysterious way, transform intentions, thoughts, feelings into fluently articulated speech.“ Etwas später folgt dann: „Each speech act begins with the conception of some intention. Where intentions come from is not a concern of this book.“ (59) Das zeigt eine so fundamentale Verkennung der Funktion von alltagspsychologischen Begriffen wie „Intention“, daß keine Korrektur mehr möglich ist. Vgl. meine Darstellung „Naturalisierung der Intentionalität“.
Der Irrtum prägt die sogenannte Psycholinguistik am MPI ebenso wie das gleichfalls pseudokybernetische Modell der „Mannheimer Schule“ Theo Herrmanns und der Schüler von Friedhart Klix; sogar die Neurolinguistik (die es als Wissenschaft eben darum noch gar nicht gibt) baut darauf auf.

Die naturalistische Alternative könnte man sich etwa so denken: Ein Verhalten bereitet sich in sukzessiver Anpassung an die Situation allmählich vor, so auch das Sprachverhalten, bis es am Ende in die laute oder stumme Artikulation mündet. Die Angepaßtheit des Endverhaltens ist sein Inhalt. Damit ist dem relationalen Charakter dieses Begriffs Rechnung getragen: Es kann keinen Inhalt geben, bevor er der Inhalt von etwas ist. Daher gilt: Der Inhalt steht nicht am Anfang der sogenannten Sprachproduktion, sondern am Ende, als vollständige Angepaßtheit oder Zweckmäßigkeit.

Für die sukzessive Vorbereitung des Endverhaltens lassen sich – anders als für die zugestandenermaßen „mysteriösen“ Intentionen – neuronale Daten beibringen. Sinnvollerweise beginnt die Forschung mit einfachen motorischen Reaktionen und nicht ausgerechnet mit kulturell geprägten hochkomplexen sprachlichen Äußerungen. Daß die Ableitungen von Kornhuber, später Libet u. a. auf sprachliche Reaktionen übertragbar sind, ist nicht zu bezweifeln. Nur die traditionelle Sonderstellung der Sprache als Produkt des „Geistes“ stellt ein gewisses psychologisches Hindernis dar, das der Behaviorismus zu überwinden versucht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2023 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50916

Obwohl es kein Gedankenlesen gibt, wird es erforscht, z. B. von der Gruppe Dr. Julia Wolf, Dr. Sabrina Coninx und Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der RUB.
So kann man ja auch ein mentales Lexion im Gehirn lokalisieren, obwohl es nichts dergleichen gibt. Unbemerkt hat man die Deutung schon in die experimentelle Fragestellung verpackt. Ein Computertomograph, der nach der Repräsentation von Schokoladenpudding im Gehirn sucht, wird sie finden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.04.2023 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50912

Bei der Buchstabenanzahl von "Flugzeug" habe ich mich natürlich leicht verzählt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.04.2023 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50911

Nun gut, ausschließend. Was ist aber damit gewonnen, daß die nachrichtentechnisch übermittelte Information keine Information im umgangssprachlichen Sinn ist?

Um die Nachricht (Information) "Flugzeug" (9 ASCII-Zeichen) zu verstehen, muß ich die einzelnen Buchstaben kennen und zu einem Wort zusammenfügen können, ich muß Deutsch können bzw. zumindest die Bedeutung des Wortes "Flugzeug" kennen. Ich muß also eine ganze Menge an zusätzlicher "umgangssprachlicher" Information haben. Ich könnte das Wort "Flugzeug" in einem Wörterbuch nachschlagen, wo diese Information gespeichert ist, idealerweise wäre sie bereits in meinem "Gedächtnis" (d. h. in mir) gespeichert, ich wüßte also bereits, was ein Flugzeug ist.

Hätte ich nur die direkte Nachricht, die Information "Flugzeug", dann hätte ich im Grunde gar nichts. Natürlich muß beinahe jede "direkte" Information (Form, Struktur, Anordnung) erst interpretiert werden, damit ihr ganzer Inhalt klar wird. Für die Informationstheorie mag diese umgangssprachliche Information (Bedeutung, Inhalt, Interpretation) irrelevant sein, sie interessiert sich nur für die Übertragung dieser 9 ASCII-Zeichen. Der Mensch speichert natürlich nicht 9 ASCII-Zeichen, sondern in irgendeiner analogen Form ("Bahnung" wäre gut gesagt) die gesamte Information, d.h. das Wort mit seiner Bedeutung und Verwendung.

Im Gegensatz zur Informationstheorie muß der Mensch also die Bedeutung, d.h. die durch Interpretation ermittelte sekundäre Information, kennen, d.h. mit speichern. Wäre sie nicht in ihm gespeichert, wie sollte dieses Wissen (Information) in seinem Verhalten plötzlich geisterhaft nach einer gewissen Zeit wiederauftauchen bzw. wie könnte er sich plötzlich adäquat verhalten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2023 um 11.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50910

Nicht abwertend, sondern ausschließend, würde ich sagen. Wie ja auch Shannon und Weaver schon hervorgehoben haben, daß man ihren technischen Begriff nicht mit dem umgangssprachlichen verwechseln soll, mit dem er rein gar nichts zu tun hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.04.2023 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50909

Populär oder umgangssprachlich – die Wörter klingen halt abwertend, so als sei eine so bezeichnete Information gar keine richtige Information.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2023 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50908

Im Anschluß an http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#24337 könnte man sagen: Wann immer jemand sagt "die Information, daß...", handelt es sich um den populären und nicht den mathematischen Sinn von "Information".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2023 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50905

Das sehe ich sehr ähnlich, würde aber noch schärfer über den begrifflichen Bauchladen urteilen, der da angeboten wird.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.04.2023 um 13.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50904

Die Uneinigkeit der Fachleute über Information spiegelt sich auch schon im Wikipedia-Artikel über Information wider, der sie nur aus der Sicht der Informationstheorie, also der Nachrichtenübertragung beschreibt. Schon dort werden acht verschiedene Definitionen (einschl. allg. Sprachgebrauch) angeboten, kurz gefaßt:
Information sei
- Teilmenge von Wissen
- Verringerung von Ungewißheit
- Transfer von Wissen (= neues Wissen)
- Wissen in Aktion
- Neuanteil einer Nachricht
- Nachrichten, die sowohl neu und relevant sind
- von Medien übertragene Inhalte
- Daten
- Unterlagen mit Bedeutungen und Bezeichnungen

Also Information als Wissen, Nachricht, Inhalt, Daten, Bedeutungen – sind das nicht ausnahmlos alles zirkuläre Ansätze, also eigentlich (zumindest für eine allgemeine Sicht) völlig unbrauchbar?

Meiner Ansicht nach kann und muß es zunächst eine allgemeine Übereinkunft zur Information geben, die für alle Anwendungen auf naturwissenschaftlicher Grundlage gilt. Etwa so, wie beim Materiebegriff, über den auf Wikipedia steht (Hervorhebungen von mir):

"Im üblichen Sprachgebrauch der Philosophie und auch der Physik dient der Begriff der Materie dazu, ohne Bezug auf etwas Konkretes, alles Stoffliche zu bezeichnen, aus dem etwas besteht oder entstehen kann.
[...]
Es handelt sich damit um einen Gegenbegriff zu Nichtstofflichem wie Geist, Ideen, Information, Kraft oder Strahlung.
Als Reflexionsbegriff im Rahmen von Untersuchungen zur Wirklichkeit steht der Begriff der Materie neben Begriffen wie Raum, Zeit, Vakuum, Bewegung, Leben oder Energie."

Ich finde diese Formulierung nicht in allen Punkten ganz gelungen, aber genau hier und so etwa müßte m. E. eine allgemeine Definition der Information ansetzen, auf die sich alle Einzelwissenschaften, auch die Informationstheorie, beziehen sollten.

Siehe z. B. den Artikel:
"Information ist neben Materie und Energie die oft vergessene dritte Säule der Physik"
(https://www.welt.de/print-welt/article332009/Information-ist-neben-Materie-und-Energie-die-oft-vergessene-dritte-Saeule-der-Physik.html)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2023 um 04.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50903

Wir sind wohl an einem Punkt angelangt, wo wir uns in bester Gesellschaft befinden:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1584#41324

Das ist wohl unvermeidlich, und diese Einsicht ist ja auch was wert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.04.2023 um 20.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50902

Motorische Fähigkeiten ("Telemark") sind auch gespeicherte Information. Sie werden uns nur nicht bewußt, sondern steuern wohl über eine Art Reflexe unsere Bewegungen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.04.2023 um 19.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50901

Das Murmelbeispiel erlaubt keine konkreten Rückschlüsse über das Lernen oder die Vorgänge im Nervensystem. Es sollte nur verdeutlichen, daß eine Information bereits in der Anordnung materieller Teile stecken kann. Sie benötigt also nichts Neues (Physisches), was von außerhalb "hineingespeichert" wird.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.04.2023 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50900

Ja, an der unterschiedlichen Auffassung über Information wird es wohl liegen. Der eher technische Begriff vom Informationsgehalt einer Nachricht berücksichtigt natürlich nicht den, wie ich ihn wohl besser nennen sollte, rekursiven Charakter der Information. (Dies wollte ich vorhin mit dem Wort "vage" ausdrücken.)

Wenn ich z. B. mit meiner Frau vereinbare, 0 bedeutet, daß ich morgen abend mit dem Auto komme, 1 aber, daß ich erst übermorgen früh mit dem Zug komme, dann kann ich ihr später mit einem einzigen Bit in einer Nachricht mitteilen, an welchem Tag und zu welcher Tageszeit und mit welchem Verkehrsmittel ich von der Reise nach Hause zurückkehre.

Dieses eine Bit ist natürlich nicht der ganze Informations"inhalt". Der eigentliche Inhalt bzw. die ganze Bedeutung, die hinter der Information 0 oder 1 steckt, ist im Grunde wiederum eine Information über die Vereinbarung mit meiner Frau und über sprachliche Konventionen (Was bedeutet das Wort "Auto"? usw.). Inhalte und Bedeutungen sind auch Information, das meine ich hier mit rekursiv.

Das, was Menschen beim Lernen in analoger Form speichern, ist natürlich nicht Information im Sinne von Nachrichten, da stimme ich ja mit Ihnen überein, sondern es ist Information im allgemeinsten Sinne, also Form, Struktur, Ordnung.

Das Gehirn (eigentlich der Mensch, aber ich nehme einmal an, daß das Gehirn dabei den wichtigsten Anteil hat) speichert natürlich weder echte Geruchsproben noch Rezepte für die Wiederherstellung des Geruchs (letzteres würde evtl. ein Computer tun), sondern es speichert den Sinneseindruck, den der Geruch hinterlassen hat (ich nehme an, im wahrsten Sinne des Wortes irgendwie mit Hilfe eines oder mehrerer "Eindrücke").
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 16.04.2023 um 19.01 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50899

Das Murmelbeispiel habe ich nicht verstanden. Die Murmeln befinden sich ja gerade außerhalb des Gehirns (und des Organismus), welche Rückschlüsse also erlauben sie über das Lernen, das sich im Nervensystem abspielt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2023 um 17.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50896

Ich meine Information im Sinne dieser Definition:

https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsgehalt

Mit dem "Inhalt" hat sie nichts zu tun, und wie Sie jetzt den Inhalt der Information (also wohl doch wieder im umgangssprachlichen Sinn) hereinbringen, verstehe ich leider nicht.

Meiner Ansicht nach enthält der allgemeinsprachliche Begriff von Speicher mehr als jede beliebige Spur oder Hinterlassenschaft. Das Suchen und Wiederauffinden ist wesentlich. Ein Speicher ist ein Lager, eine Ablage oder so etwas, die gespeicherten Gegenstände werden gesucht und verwendet.

Was man sucht, hat entweder bestimmte Merkmale oder eine bestimmte Adresse.

Zur Speicherung von Gerüchen: Die Stasi hatte Geruchsproben gespeichert, aber daran denken wir wohl nicht. Man könnte ein Rezept aufbewahren, nach dem sich Gerüche erzeugen lassen. Dann wäre aber nicht der Geruch gespeichert, sondern das Rezept.
Wie speichert man einen "Telemark"?

Ich finde den Speicherbegriff nach wie vor irreführend und nicht hilfreich.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.04.2023 um 17.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50895

Ich finde, Bahnung oder Formung wären ganz gute alternative Ausdrücke für Informationsspeicherung im allgemeinen, nicht nur in Lebewesen, sondern sogar in Datenverarbeitungsanlagen. Sie beschreiben vielleicht besser als Speicherung, was dabei passiert.

Wenn ich eine Menge blauer und roter Murmeln sortiere, links alle blauen, rechts alle roten, habe ich dann in die Murmelmenge etwas hineingespeichert?
Wenn der Zweijährige beim Lernen im Spiel Ihrer Ansicht nach nichts speichert, dann würden Sie, lieber Prof. Ickler, sicherlich auch hier nein sagen.

Aber die Murmeln sind jetzt sortiert, das heißt, die Menge wurde physisch verändert, sie enthält nun eine Information!

Man darf Informationsspeicherung natürlich nicht im Sinne einer Sammlung, Anreicherung, Vermehrung von Materie verstehen. Information ist die Form, Struktur, (An-)Ordnung der bereits vorhandenen Materie. Information hat selbst keine Masse, keine Energie, wenn auch ihre Erzeugung nur unter Energieaufwendung abläuft. Deshalb paßt Bahnung oder Formung ganz gut.

Die Behauptung jedoch, daß diese Bahnung (Formung) keine Speicherung (im Sinne der Sammlung) von Information ist, ist m. E. falsch. Jede nicht rein zufällige Bahnung/Formung muß zwangsläufig zu einem bestimmten physischen Muster führen, d. h. eine bestimmte interpretierbare Information erzeugen.

Für mich ist das Wort Speicherung einfach der allgemeinste Ausdruck des Sammelns, Zusammenfassens, Anhäufens von Objekten, die sowohl materiell (z. B. Getreide) als auch Information im o. g. Sinne sein können.

Herr Fleischhauer sagt, der Ausdruck (Informations-)"Speicher" sei nicht übertragbar, d. h. zwischen Mensch und Maschine. Nun gut, ein Flugzeug und eine Eisenbahn sind auch nicht übertragbar, wenn man nur die jeweiligen Konstruktionen betrachtet, aber wenn man beide ganz allgemein auf die Eigenschaft als Transportmittel reduziert (Nennen Sie irgendein Mittel zum Transport!), dann sind sie völlig gleichberechtigt, ebenso wie ein Speicher eben ein Mittel (entweder eine Datenverarbeitungsanlage oder ein Lebewesen) zum Speichern von Information ist.

In diesem Zusammenhang bin ich auch gegen die häufige Unterscheidung von Information im mathematischen, nachrichtentechnischen, philosophischen, neurologischen, naturwissenschaftlichen, umgangssprachlichen (, ...?) Sinn. Dies mag alles auf den jeweiligen Gebieten berechtigt sein, aber ich finde, hier geht es um die allerallgemeinste Sicht von Information. Ich finde, die naturwissenschaftliche Sicht trifft es genau, und die philosophische, insofern sie auf Naturwissenschaften beruht. Nur diese sollten wir hier verwenden. Das andere sind Spezialfälle, Beispiele.

Welche Information im nachrichtentechnischen Sinn sollte nicht speicherbar sein? Gibt es ein konkretes Beispiel? Ich kann mir keine vorstellen, denn, wie ich schon schrieb, es gibt ja keine, die nicht schon gespeichert wäre. Dies kann ja wieder nur eine begriffliche Uneinigkeit sein. Vielleicht meinen Sie, daß manche Information einen sehr unklaren, nicht eindeutig formulierbaren Inhalt hat und deshalb nicht exakt speicherbar ist? Das liegt aber dann an der Information selbst, die so vage ist, und hat nichts mit ihrer Speicherbarkeit zu tun.

Der Geruch einer frischen Gurke ist ein spezieller Sinneseindruck, wie ein bestimmter Ton oder eine Farbe. Man kann Bilder, Töne und wohl auch Gerüche und Geschmacke mit hinreichender Genauigkeit digitalisieren, im Computer speichern und daraus mit geeigneten Geräten beliebig genau reproduzieren. Im Organismus geht es nicht darum, den Sinneseindruck zu reproduzieren, sondern darum, eine Art Beschreibung davon jederzeit (erinnernd) zur Verfügung zu haben. Wie das im einzelnen geschieht, wie alles im Organismus "gebahnt" (=gespeichert) wird, weiß ich natürlich auch nicht. Es kann nur in irgendeiner analogen (nichtdigitalen) Weise sein. Ohne daß eine solche Bahnung den Körper physisch bleibend verändert hat, d. h. ohne daß eine vom Organismus interpretierbare Information(!) (Erinnerung) über den Sinneseindruck wie im Beispiel von diesem Geruch abrufbar gespeichert(!) ist, wäre die Erinnerung an einen Geruch und ein entsprechendes Verhalten nicht möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2023 um 03.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50888

Wenn man „Information“ im nachrichtentechnischen, also wahrscheinlichkeitsmathematischen Sinn versteht, kann man erst recht nicht sagen, sie werde „gespeichert“. Vom Lernen, also etwa dem Einüben eines Musikstücks oder einer Übung am Barren, ist man damit weit entfernt, so daß ich hier weder für „Information“ noch für „Speicherung“ eine sinnvolle Anwendung sehe. Daß man das lange übersehen konnte, liegt wohl an der Sprachlastigkeit der Gedächtnisforschung (noch einmal sei an Hermann Ebbinghaus erinnert). Es prägt immer noch die Handbücher.
Ich sehe dem Zweijährigen zu, wie er die Gleise einer Spielzeugeisenbahn zusammenfügt, die gleiche Aufgabe wie beim Legen von Puzzleteilen und erst seit kurzem beherrscht. Er "speichert Information"? Daß ich nicht lache! Machen wir uns nichts vor und gehen lieber an die Arbeit!
 
 

Kommentar von Thoodor Ickler, verfaßt am 15.04.2023 um 20.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50887

Lieber Herr Riemer, das ist nicht der Grund, sonst hätte ich es schon öfter angeführt. Ich kann mir dem Begriff der Speicherung in vielen Fällen keinen Sinn verbinden. Ich erinnere mich an den Geruch einer frischen Gurke (früher schon erwähnt). Was ist gespeichert oder "repräsentiert"? Wie sieht das "Retrieval" aus? Oder die erwähnte Fertigkeit eines Pianisten, 20 verschiedene Klavierabende aus dem Kopf zu spielen? Wir wissen es nicht, aber mit "Speicher" tun wir so, als wüßten wir im Prinzip schon, wie es vor sich geht. Sonst wäre es nur ein Streit um Worte und überflüssig, aber ich finde, mit "Speicher" behauptet man mehr zu wissen und gerät doch auf einen falschen Weg, der auch nicht zu empirischen Forschungen führen kann, weil die Begriffe nicht ratifizierbar sind. Man wird den Speicher nie finden!
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 15.04.2023 um 19.11 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50886

Eingabe/Ausgabe, Software/Hardware Prozessor/Cache/Speicher – alles nicht übertragbar.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.04.2023 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50885

Ist das der Grund, weshalb Sie beim Menschen von Bahnung statt Speicherung sprechen, weil da der "Datenspeicher" nicht vom "Arbeitsspeicher" getrennt werden kann?
Ich hätte das in diesem Zusammenhang für nebensächlich gehalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.04.2023 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50884

Das sehen Sie vollkommen richtig. Man könnte auch, um es näher an wirkliches Lernen heranzubringen, an die "Hebbsche Synapse" als mögliche physische Grundlage der Verhaltensänderung denken.

Anders als beim Computer, wo ich die Festplatte vollkommen abtrennen und herausnehmen kann, sind beim Gehirn die Teile nicht getrennt.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 15.04.2023 um 11.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50883

Daß das Lernen mit organischen Veränderungen (Bachlauf) einhergeht, ist doch nicht strittig, oder? Sie sind dem Organismus nur nicht als Informationen entnehmbar wie Wörter einem Lexikon, sondern müssen am Verhalten des Individuums abgelesen werden, das seinerseits seine Befindlichkeit etwa in Worte faßt. Sehe ich das zu naiv?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.04.2023 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50881

Speicher (storage) und Retrieval werden den heute üblichen Darstellungen fast zwanghaft zugrunde gelegt, vgl. etwa Alan D. Baddeley/Michael D. Kopelman/Barbara A. Wilson, Hg.. The handbook of memory disorders. 2. Aufl. Chichester 2002.

Wenn ich auf dem Klavier versuche, ob ich ein Stück noch kann, bin ich weniger geneigt, von Suche zu sprechen, als bei einem Wort. (Aber wie schon Platons Wachstafelmodell zeigt, denken Philosophen immer zuerst an Sprache, und noch Ebbinghaus fing selbstverständlich mit sprachlichen Gebilden an.) Ich erlebe, wie es bei jedem Versuch besser gelingt. Nur bei Sprache liegt es nahe, den Vorgang des Erinnerns mit dem Nachschlagen in einem Lexikon zu vergleichen. Aber das TOT-Phänomen läuft ganz anders, eher wie beim Klavierspiel: Man versucht es, und es kommt mal dies, mal das, im besten Fall eine sukzessive Annäherung an die Endleistung, aber ich habe nicht das Gefühl, irgendwo nachzuschlagen.
Bei einem Hund, der ein Kunststück gelernt hat („Sitz!“), würden wir nicht von Retrieval sprechen. Der Hund sucht nicht in seinem Gedächtnis, was zu tun ist.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 15.04.2023 um 00.13 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50879

Es geht wohl nicht darum, einem neuronalen Netz jegliche Speicherfähigkeit abzusprechen. Es werden ja Verbindungen dieses Netzes dauerhaft gestärkt und geschwächt. Weil die Umwelt nicht chaotisch ist und sich vieles ständig wiederholt, entwickelt sich ein (nicht ganz) festes Muster von starken und schwachen neuronalen Verbindungen. Das mag man als eine Art Speicher betrachten.

Das Problem beginnt, wenn man versucht, Denken und sonstiges Verhalten zu analysieren und in diskrete Schritte aufzuteilen. Da kann man nicht mehr sagen: hier an diesem Punkt kommt Speicher ins Spiel (und an einem anderen nicht). Man kann eigentlich überhaupt nicht mit konventionellen Begriffen arbeiten. Man muß die Funktionsweise des Netzes verstehen.

Das gelingt nicht einmal bei künstlicher Intelligenz.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.04.2023 um 22.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50878

Wenn das Schnürsenkelbinden nicht im Organismus gespeichert wäre, könnte er es nicht wiederholen. Ob im Kopf oder woanders, ob an einem einzigen, genau umgrenzten Ort oder verteilt auf mehrere, evtl. wechselnde, vielleicht vermischt mit anderen Kenntnissen, Fertig- und Fähigkeiten, nach welcher Methode, redundant oder nicht, all das ist selbstverständlich (noch?) völlig unklar. Aber das spielt hier doch auch keine Rolle, muß uns gar nicht interessieren.
Das Lächerliche dabei ist nicht die Speicherung an sich, sondern Vorstellungen der Art, daß ein Videofilm oder eine verbale Beschreibung als Text über das Schnürsenkelbinden irgendwo kodiert im Gehirn herumliegt und bei Bedarf abgespult oder von einem kleinen Gehirnmännlein vorgelesen wird. So etwas ist leicht zu widerlegen, aber man widerlegt damit nicht die Theorie, die auch ohne diese Lächerlichkeiten auskommt.

Warum sollten bestimmte Informationen nicht gespeichert werden können? Jede Information ist bereits gespeichert, anders gäbe es sie ja gar nicht. Information existiert nur gebunden an Materie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2023 um 03.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50875

Die zwei oder mehr „Systeme“ des Gedächtnisses sind Konstrukte, die aus dem Befund der Verhaltensbeobachtung (Tests) entwickelt worden sind. Die Gedächtnisleistungen der Probanden lassen mehr oder weniger deutlich zwei Gruppen erkennen. Eine Lokalisierung im Gehirn ist nicht nötig, wird aber versucht. „System“ ist wie bei Kahneman unbestimmt genug. Um vorzeitige Lokalisierungen zu vermeiden (die sich als problematisch erwiesen haben), schlägt Baddeley vor, „frontal lobe syndrome“ durch „dysexecutive syndrome“ zu ersetzen. (Alan D. Baddeley/Michael D. Kopelman/Barbara A. Wilson, Hg.. The handbook of memory disorders. 2. Aufl. Chichester 2002:6 u. ö.) Ein richtiger Schritt, bei aller Kritik am übrigen.
Das Modell von Craik/Lockhart arbeitet mit dem Bild von „Ebenen“ und „Verarbeitungstiefe“. Andere haben „episodic buffers“ eingefügt. All diese Metaphern oder Modelle gehen nicht wesentlich über Platons probeweise eingeführte und dann verworfene Gedächtnismodelle (Wachstafel, Taubenschlag) hinaus.
„Informationen“ im Sinne der Mathematik/Nachrichtentechnik können nicht „gespeichert“ werden, man macht also vom alltagssprachlichen Informationsbegriff Gebrauch, der sich auf den „Inhalt“ einer Mitteilung bezieht. Es ist völlig unklar, wie ein Speicher für Inhalte aussieht. Die Plausibilität stammt aus der Kenntnis von Lexika, Textsammlungen usw.
Noch unklarer ist „Repräsentation“. Ich kann einen Schnürsenkel binden, weil das Schnürsenkelbinden in meinem Kopf repräsentiert ist. (Oder gespeichert, was ebenso lächerlich ist.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2023 um 03.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50874

Es gibt dicke Handbücher der Neurolinguistik (Neurobiology of language usw.) und Millionen Aufsätze dazu, nur die Neurolinguistik gibt es nicht.

Neurologen sollen erst einmal erklären, wie es möglich ist, daß ich ohne Hinsehen und Probieren mit dem Finger eine juckende Stelle am Bein oder Rücken treffe, daß ich es schaffe, einen Brief in den Kasten zu werfen oder ein Bier aus dem Keller zu holen, ohne den Vorsatz unterwegs zu vergessen.

Mit nicht-invasiven Verfahren (EEG oder den bildgebenden Verfahren der Computertomographie i. w. S.) kann man sehr grob die hauptsächlich betroffenen Hirnregionen erkennen; durch Einzelableitungen erkennt man zwar die Prinzipien der Reizleitung, kann aber das Verhalten nicht erklären, das aus der angeborenen und erworbenen Verbindung sehr große Neuronengruppen hervorgeht.

„Das Nervensystem der etwa 1 mm großen Art. C. [Caenorhabditis] elegans besteht aus genau 302 Nervenzellen und sein ‚wiring diagram‘ ist vollständig entschlüsselt oder aufgeklärt. Seine Gene sind komplett sequenziert, und seine chemischen Synapsen, Neurotransmitter und Neuromodulatoren vollständig aufgeklärt. Dennoch sind wir nicht in der Lage, auf dieser Basis das breite Verhaltensrepertoire, zu dem Chemotaxis, Thermotaxis, Thermogedächtnis und ein komplexes Verhalten bei der Nahrungssuche gehören, zu erklären oder zu verstehen.“ (Rainer Mausfeld: „Über Ziele und Grenzen einer naturwissenschaftlichen Zugangsweise zur Erforschung des Geistes“. In: Adrian Holderegger et al., Hg.: Hirnforschung und Menschenbild. Basel 2007:21-40)

Small/Hickok fassen die unbestreitbare, aber im einzelnen nicht durchschaute Zuständigkeit von Hirnregionen für Verhaltensweisen immer noch unter dem Begriff der „Repräsentation“, der eigentlich weit mehr als die allgemeine Zuordnung bedeutet und eine Einsicht suggeriert, die niemand hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2023 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50866

Der alltagspsychologische Flickenteppich enthält "gesunkenes Kulturgut". Der "Ödipuskomplex" war eine Zeitlang der Universalschlüssel, ist aber wie das ganze kunstvolle Begriffsystem der Psychoanalyse inzwischen stark aus der Mode gekommen. Einzelne Bruchstücke überleben, wie man sieht. Der Philosoph spricht zweimal im gleichen Artikel von "präödipal", als sei den Lesern schon klar, was damit gemeint ist. So haben ganze Generationen gelernt, die Kindheit in Phasen einzuteilen, und eine davon wird eben mit dem (schauderhaft gebildeten) Wort "präödipal" etikettiert. Meine eigene freudiale Phase liegt zu weit zurück, ich weiß nicht mehr, ob meine Enkel gerade in der präödipalen Phase sind. Ich würde mir allerdings eher die Zunge abbeißen, als einen solchen Galimathias drucken zu lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.04.2023 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50864

In Romanen und Filmen können – wie schon Freud wusste – präödipale Ängste über die Kunst zum Ausdruck kommen. (Julian Nida-Rümelin, SZ 11.4.23)

Freud wußte es nicht auch schon, sondern hat es erfunden, und darum glaubt es nun fast die ganze gebildete Welt zu wissen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2023 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50857

„Pointing is a special gesture functionally in that directing someone’s attention to something does not convey a specific meaning in the manner of most conventionalized, symbolic gestures. Rather, pointing can convey an almost infinite variety of meanings by saying, in effect, ‘If you look over there, you’ll know what I mean‘. To recover the intended meaning of a pointing gesture, therefore, requires some fairly serious ‘mindreading’. (Michael Tomasello/Malinda Carpenter/Ulf Liszkowski: „A new look at infant pointing“. Child development 78/2007:705-22, S. 705)
„The idea that language and ToM are strongly linked does not come as a surprise to the pragmatician, especially in the Gricean line: it is one of the central tenets of contemporary pragmatics that what is being linguistically communicated is semantically underdetermined and that the decoding of the sentence must be accompanied by inferential processes yielding the complete interpretation of the utterance (see, e.g., Sperber & Wilson 1995, Levinson 2000, Reboul & Moeschler 1998). A good candidate for these inferential processes may be on the line of ToM. Indeed, it is hard to imagine that linguistic communication could take place if our species could not mindread.” (Anne Reboul: „Evolution of Language from Theory of Mind or Coevolution of Language and Theory of Mind?“)

Aber wir können doch gar nicht Gedanken lesen! Das ist sogar im Begriff des Gedankens eingeschlossen: radikale Privatheit. Entweder die Gedanken sind ausgesprochen, oder sie werden unterstellt. Nur lesen, also in irgendeinem Sinn beobachten können wir sie nicht. Gedankenlesen ist ein Selbstwiderspruch, jedenfalls außerhalb von spiritistischen Sitzungen.
Tomasello schließt es vorsichtshalber in Anführungszeichen ein. Aber was würde es bedeuten, wenn man sie wegließe und damit die Mogelei aufgäbe?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2023 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50732

Wo das Handlungsschema (Ankündigung – möglicher Zuspruch/Einspruch – Ausführung/Unterlassung) fehlt, haben auch die Handlungsverben eine andere Bedeutung. Das ist nicht leicht einzusehen. Öffnet der Affe nicht die Flasche ebenso wie wir? Der Schein ist überwältigend, und doch hat öffnen hier eine andere Bedeutung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2023 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50731

Die Topographie des Verhaltens ist bis auf verräterische Kleinigkeiten beherrscht, aber die funktionale Einbettung fehlt, weil eben die Kultur fehlt.
Es müßte leicht sein, den Unterhalt des Feuers zu lernen: Nachlegen von Holz hält das Feuer aufrecht. Aber auch die Menschen haben zweifellos lange gebraucht, ihre Scheu vor dem unerklärlichen Feuer zu überwinden.
Wenn auch nur ein Stück der angeborenen Kommunikation der Tiere durch Stücke menschlicher Kommunikation ersetzt würde, wäre das Überleben von der treuen Übermittlung einer Kulturhandlung abhängig und damit sehr unsicher. Beim Menschen ist die Tradierung auch scheinbar einfacher Leistungen, etwa der Unterhalt des Feuers, durch strenge soziale Regeln gesichert. Beim Affen würde sie schnell zerfallen. Feuer machen, Sägen usw. gehören in einen kulturellen Rahmen abgestimmten Verhaltens, der sich in Jahrtausenden entwickelt hat. Äußerlich ähnliche (topographisch gleiche) Verhaltensstücke zu beherrschen bringt das Tier dem Menschen nicht näher, auch wenn es dem staunenden Publikum so vorkommt. Undurchdachte Forschung ist schlechter als gar keine.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2023 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50730

Ein kleiner Affe zieht eine Getränkeflasche aus einem Münzautomaten, reicht sie dem Menschen, der den Schraubverschluß lockert und die Flasche dem Äffchen zurückgibt, das den Rest erledigt und aus der Flasche trinkt. Es sieht so aus, als hole das Tier sich Hilfe. Man hätte ihm sicher beibringen können, das Öffnen zunächst selbst zu versuchen und die Flasche nur im Fall des Scheiterns weiterzugeben (eine zustüzliche Konditionalisierung), dann wäre der Eindruck noch überzeugender, aber das hat man sich erspart. Der Affe gibt die Flasche in fester Verkettung sofort weiter. Das zeigt, daß alle Einzelschritte durch Dressur ankonditioniert sind.
Vorgeführt wird das Ergebnis der Dressur, nicht diese selbst – wie im Zirkus oder bei einer Zaubervorstellung. An die Verkennung der „erstaunlichen“ Endleistung knüpfen Philosophen, aber auch die Verhaltensforscher selbst weitreichende Spekulationen.

Wenn der sägende Gorilla zunächst die Säge an die Lippen führt, deutet der Beobachter, daß er die Schärfe der Säge prüft. Aber wozu sollte er das tun? Er hat ja keine Möglichkeit, die Säge nachzuschärfen, und eine andere Säge auszuwählen kommt auch nicht in Frage. Außerdem zeigt das Gesamtverhalten, daß ihm die Effizienz des Sägens völlig egal ist. Was man nicht sieht: wie ihm das Sägen beigebracht worden ist und wie es belohnt wird. Es ist die Ausführung des Sägeverhaltens, aber kein wirkliches, funktionales Sägen (Zurechtschneiden eines Werkstücks). Wir sind eben im Zirkus und nicht in der Forschung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2023 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50728

Ich greife auf einen früheren Eintrag zurück:

Für Joachim Hoffmann sind Begriffe das Wissen über einen Gegenstand, aber in der Praxis behandelt er sie wie Stichwörter in einem enzyklopädischen Lexikon: „Begriffe sind (...) definierbar als kognitive Zusammenfassungen von Objekten und/oder Erscheinungen nach gemeinsamen Funktionen in der Realisierung von Verhaltenszielen.“ (Joachim Hoffmann: Die Welt der Begriffe. Weinheim 1986:11) – „Begriffe sind im Gedächtnis durch eine kognitive Einheit repräsentiert, in der Informationen über alle zum Begriff gehörenden Objekte integriert sind.“ (ebd. 30) Wenn ein Schimpanse einen Schraubendreher handhaben kann, deutet Hoffmann: „Der Begriff, den wir mit dem Wort Schraubenzieher belegen würden, ist zweifelsfrei von der Schimpansin gebildet worden.“ (ebd. 18)

Was „kognitive Zusammenfassung“, „kognitive Einheit“ bedeutet, ist so unbestimmt wie „Begriff“ und kann nichts erklären. Auch sachlich ist zu bezweifeln, daß das Werkzeug, das der Schimpanse für ein gestimmtes Kunststück zu nutzen gelernt hat, für ihn eine ähnliche Rolle spielt wie für den Menschen, der es erfunden hat. Viele Experimente mit Tieren haben den Charakter von Zirkus-Vorführungen, deren oberflächliche Ähnlichkeit mit menschlichem Verhalten über eine tiefere Unvergleichbarkeit hinwegtäuscht.
Affen mögen von selbst herausfinden, wie man mit einem zurechtgebissenen Zweig Termiten angelt, vielleicht auch durch Artgenossen angeregt (stimulus enhancement), die es schon tun. Aber damit wird der Affe noch nicht zu einem werkzeuggebrauchenden Lebewesen.
Der Schraubendreher setzt Schrauben voraus, diese gehören zu einer zivilisatorisch späten Methode der Verbindung von Werkstücken. Solange jede Schraube von Hand zurechtgefeilt werden mußte, war sie ein seltenes Kunstprodukt. (Die archimedische Schraube gehört nicht hierher, sie diente der Hebung von Wasser; wirklich üblich wurde die Schraubverbindung erst in den letzten 500 Jahren.) Alles zusammen macht ein Netzwerk von Methoden der Anpassung aus. Affen verbinden keine Werkstücke durch Schrauben.
Weder das Kunststück mit dem Schraubendreher (falls es überhaupt korrekt beschrieben ist) noch die Fähigkeit, Schraubendreher aus anderen Gegenständen herauszusuchen, hat etwas mit dem Gebrauch von Schrauben zu tun.
Wie bei jedem Zirkuskunststück bleibt dem Zuschauer verborgen, wie die Tiere es gelernt haben. Welche Rolle spielten Nachahmung und Shaping?
Man sieht, wie ein Affe eine Hängematte anfertigt, indem er die Enden eines Lakens an Gitterstäben verknotet, und sich hineinlegt. Geben die Affen dafür ihre Schlafnester auf? Nutzen sie Knoten auch anderswo?
Die Betätigung einer Handsäge (https://www.youtube.com/watch?v=vssqb-0i2-A) oder eines Schraubendrehers ist noch keine wirkliche Werkzeugbenutzung. Weder sägen die Tiere sich ein Holzstück zurecht noch nutzen sie Schrauben zum Verbinden von Werkstücken.
Der Wunsch, die Öffentlichkeit mit staunenswerten Leistungen zu beeindrucken, verführt die Verhaltensforschung dazu, in Zirkusvorführungen abzugleiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2023 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50709

Neben Psychobabble und Neurobluff gibt es auch einen Technobluff: Man tut so, als könne man die menschliche Verständigung in nachrichtentechnischen Begriffen analysieren; Code, Redundanz, Sender, Empfänger usw. So geht es auch in die naiven "Einführungen in die Linguistik" ein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.03.2023 um 03.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50680

Noch dazu:

Wolfgang Butzkamm hat zugespitzt festgestellt, daß jeder Mensch im Grunde nur einmal Sprache lernt, nämlich als Kind („We only learn language once: The role of the mother tongue in FL classrooms – death of a dogma“. Language Learning Journal 28/2003:29–39). Das stand im Zusammenhang mit der heftigen Diskussion um ein- und zweisprachige Methoden im Fremdsprachenunterricht. Richtig ist, daß die originäre empfängerseitige Semantisierug sprachlicher Zeichen nur einmal stattfindet, jede andere dann vor dem Hintergrund und mit den Mitteln der ersten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2023 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50678

Ja, so ungefähr. Mal abgesehen vom bilateralen Modell: die ausdrückliche Zuschreibung von Bedeutung, also die explizite, mit Hilfe der bereits semantisierten Zeichen vollzogene Festlegung der Verwendungsbedingungen weiterer Zeichen, ist als nächster Schritt vorgesehen. Fachsprachen erreichen irgendwann diese Stufe, nachdem sie sich, wie meistens, aus der Allgemeinsprache herausgewunden haben. Z. B. der Begriff der "Kraft" oder der "Bewegung" (mit deren Vieldeutigkeit Aristoteles noch zu kämpfen hatte).

Die historisch-genetische Betrachtung hat es mit der Frage zu tun, wie Bedeutung, also das Zeichenhafte, übehaupt in die Welt kommt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.03.2023 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50677

#50673 heißt, so verstehe ich Sie, auch nach Ihrer Zeichendefinition haben Zeichen eine Bedeutung (die sogenannte zweite Seite!), die sich aber in einer Semantisierungsgeschichte herausgebildet haben muß.

Es sind also eigentlich nur etwas speziellere Zeichen. Jedes Ihrer Zeichen ist auch eines im bilateralen Modell, aber nicht alle letzteren sind auch Zeichen nach Ihrer Definition. Reicht das, um das bilaterale Modell rundweg abzulehnen? Vielleicht sollte es nur ergänzt werden?

Was ist, wenn ein Mathematiker sagt, unter einer Knödelzahl verstehe er Zahlen mit genau folgenden Eigenschaften: ...
Und dann verwendet er diesen Begriff, ohne weiter mit den Empfängern zu kommunizieren. Aber jeder versteht ihn richtig und weiß genau, was er meint.
Wo ist jetzt die Semantisierungsgeschichte? Oder ist "Knödelzahl" dann kein Zeichen?

Meiner Ansicht nach ist dies kein Ausnahmefall, sondern zeigt einfach, daß eine Geschichte nicht wesentlich für den Zeichencharakter ist. Das Essentielle ist eben die Bedeutung, egal, ob sie nun ad hoc oder in einem geschichtlichen Prozeß entstanden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2023 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50675

Laut Tina Baier (SZ 13.3.23) zeigen neue Studien, daß Hummeln vielleicht intelligenter sind „als bisher gedacht“. Aber was haben wir denn bisher gedacht? Hummeln spielen doch auch Fußball. Nun kommt heraus, daß sie „zumindest die kognitiven Voraussetzungen haben, eine Kultur zu entwickeln“. Tja, kognitiv ist vieles möglich. Warum haben die Hummeln (Delphine, Schimpansen...) in Millionen Jahren keine Kultur (= Tradition) entwickelt? Warum fangen sie damit ausgerechnet heute in bestimmten Laboren damit an und hören dann auch gleich wieder auf? Weil sie im Winter sterben und die nächste Generation nicht erleben? Von den anderen genannten Tieren kann man das nicht sagen. (Tina Baier, seit Jahren für ihre leichtgläubigen Berichte aus der Verhaltensforschung bekannt, schreibt immer brav von den „Forschenden“.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2023 um 04.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50673

Das würde ich so nicht sagen, weil ich den Begriff der Bedeutung nicht aufgebe, sondern nur anders definiere. Wie Sie wissen, verstehe ich unter wirklichen Zeichen nur solche Merkmale oder Verhaltensweisen, den durch "empfängerseitige Semantisierung" eine kommunikative Funktion zugewachsen ist. Zeichenhaftigkeit ist also für mich eine historisch-genetische Angelegenheit. Darum sind Anzeichen (Symptome) keine Zeichen. Ebenso Abbilder. Damit scheiden also aus dem klassischen Modell in der Tradition von Peirce, Morris usw. (Indizes, Ikone, Symbole) zwei aus, aber auch den Symbolbegriff kann ich hier nicht verwenden, weil er die historisch-genetische Dimension außer acht läßt. (Mit dem behelfsmäßigen "historisch-genetisch" fasse ich die phylogenetische, die kulturgeschichtliche und die ontogenetische (lerngeschichtliche) Entwicklung zusammen. Also das Gegenteil der ahistorischen strukturalistischen Sicht. Darwin plus Skinner gegen Saussure, Peirce usw.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.03.2023 um 00.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50672

Man könnte nun fragen, was "Existenz" von logischen Objekten in einer solchen reinen Ideen(parallel)welt überhaupt bedeuten soll, wenn es dabei nicht wiederum nur um logische Widerspruchsfreiheit geht.

Sie sagen, Sie lehnen eine Zeichenauffassung ab, bei der "Wörter nur Bedeutung haben, wenn es etwas gibt, worauf sie sich beziehen". Aber lehnen Sie nicht sowieso eine Zeichenauffassung ab, die sich auf Bedeutungen stützt, ganz unabhängig davon, ob diese sich auf etwas Existierendes beziehen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.03.2023 um 16.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50670

Nicht in derselben Weise, das glaubt wohl keiner, aber eben in einer zweiten Welt neben oder hinter oder über der materiellen. Man glaubt eine intelligible Welt annehmen zu müssen, weil Wörter nur Bedeutung haben, wenn es etwas gibt, worauf sie sich beziehen. Diese Zeichenauffassung lehne ich ab.

"Abstrakta" verstehe ich, wie schon oft gesagt, im Sinne jener "Namen für Satzinhalte", also substantivierten Prädikationen (Walter Porzig).

Also z.B. "Geschwindigkeit" = "daß etwas schnell ist/wie schnell etwas ist" usw. Daher: "Du kritisierst meine Geschwindigkeit" (daß...), "Du fragst nach meiner Geschwindigkeit" (wie...). Von Existenz ist nicht die Rede, es ist eine rein sprachliche Bezeichnungstechnik.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.03.2023 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50669

Man kann ja über vieles unterschiedliche Standpunkte haben. Aber zu glauben, daß eine Idee wie die Zahl zwei "existiert", "da ist", daß "es sie gibt", und zwar in der gleichen Weise wie ein materielles Objekt, z. B. der Tisch, an dem ich gerade sitze, finde ich völlig indiskutabel.

Sogar subjektive Idealisten, die die eigenständige Existenz jeglicher Materie leugnen, müssen doch in ihrer Ideenwelt zwischen rein logischen, nicht lokalisierbaren Sachverhalten einerseits und sinnlichen Erlebnissen mit einer konkreten räumlich-zeitlichen Wahrnehmung andererseits unterscheiden. Sie haben zwei konträre Arten von Ideen, und damit kennen sogar sie zwei Arten der Existenz.

Manche Philosophen wollen wirklich die Welt erklären, aber für manche (siehe Universalienstreit) ist es auch einfach nur eine möglichst geistvolle Spielerei entgegen besserem Wissen.

(Bei mir sind Universalien unter Abstrakta mit enthalten.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2023 um 03.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50662

Sehr gut und deutlich! Damit vertreten Sie, gerade was die Philosophie der Mathematik betrifft, einen der klassischen Standpunkte. Es gibt andere und daher die bekannte Diskussion – als Variante des "Universalienstreits".

Das ist nicht mein Gebiet, aber weil ich semiotisch mit den "Abstrakta" fertig werden muß, kann ich es auch nicht ganz umgehen. Aber es ist schwer, darüber nicht verrückt zu werden (s. "Delirium").
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.03.2023 um 02.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50661

Allein die Frage Wo (gibt es den)? zeigt bereits den Widerspruch, denn Ideen (ein Kreis ist eine Punktmenge) haben keinen Ort.
Die Frage nach einer objektiv-realen Existenz ergibt für Ideen keinen Sinn. Ideelle Existenz bedeutet nur logische Widerspruchsfreiheit, und nur in diesem Sinne "existieren" Kreise, Zahlen usw., auch Abstrakta.
(Ich verwende "Idee" hier nie in der psychologischen Bedeutung.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2023 um 12.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50660

Auch für mich ist es eine Metapher, für viele aber anscheinend nicht. Aristoteles lehnte die Ideenlehre seines Lehrers Platon ab. Es ist gar nicht einfach, Platons Begründung der Annahme von Ideen zu widerlegen. Die exakte Berechnung geometrischer Formen, z. B. eines Kreises, gilt nicht dem unzulänglichen Ding auf dem Papier, sondern dem perfektn, eben "idealen" Kreis usw., aber wo gibt es den? Usw. - das Hauptproblem der theoretischen Philosophie des Abendlandes bis heute.
Von der Idee in einer "intelligiblen" Welt muß man dann noch ihre Erfassung durch das "Auge des Geistes" unterscheiden, also die Vorstellung als Gegenstand der Psychologie, heute allgemein "Idee" genannt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.03.2023 um 10.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50658

"Mental template" kann man ja nur als Metapher verstehen. Man hat eine Idee vom fertigen Produkt, d.h. man weiß, wie es aussehen soll, hat es gelernt (schon mal eins "gesehen"), kennt es auswendig, aus dem Kopf oder by heart, wie man halt spricht. Das Dünnermachen, bis es paßt, ist nur die Feinjustierung. Wenn ich einen Zahnstocher brauche, fange ich mit einem Streichholz an, nicht mit einem Baumstamm. Ich weiß also schon, wie das Ergebnis aussehen soll, und wähle das Material danach aus. Bei der Herstellung eines Bettes wird der Tischler sofort die seinem Wissen entsprechende Länge der Bretter einstellen und absägen, er weiß es.
Ich habe Aristoteles nicht gelesen, aber wenn er sich über die "Idee" eines Gegenstandes im Kopf lustig machte, dann wohl nur über die naive Vorstellung von einer Art materiellem Abbild, das irgendwo im Gehirn verkleinert herumliegt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.03.2023 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50654

Über eine bestimmte Technik des Homo heidelbergensis:
„The signicifance of the prepared-core tool is that it involves using a mental template with which to create many copies of the same tool.“ (Christine Kenneally: The First Word: The Search for the Origins of Language. New York 2007:211)
Das ist keine Erklärung, weil diese „geistige Schablone“ nicht beobachtet werden kann und weil es überhaupt unklar ist, was das bedeutet.
Wenn ich einen Stab schnitze, der in eine Öffnung passen soll, mache ich ihn durch Spanen dünner. Das habe ich sehr früh an ähnlichen Gegenständen gelernt; auch Schimpansen scheinen es lernen zu können. Je dünner, desto eher paßt es, das ist Lernen am Erfolg. Was trägt es denn bei, wenn ich platonisierend die „Vorstellung“ des Endprodukts hinzufüge? Niemand kann sagen, was das sein soll. Eine Halluzination? Und wie kommt man von der Vorstellung zum Handeln? Über die „Idee des Bettes“, die dem geistigen Auge des Tischlers vorschweben soll, hat sich schon Aristoteles lustig gemacht. „Mental template“! Sind wir nach 2.500 Jahren keinen Schritt weiter?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2023 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50630

Das Feuer war für den Frühmenschen wohl nicht rätselhafter als für uns, denn er hatte seine Erklärung dafür, auch wenn sie von unserer Einsicht in die Oxidation ganz verschieden war. „What reason is there to assume that all hunting and gathering peoples would stand in awe and terror at the world they have grown up in?“ (Noel W. Smith: Greek and interbehavioral psychology. Lanham, New York, London 1990:34) Die uns näher stehenden Indoiranier wußten sozusagen gar nichts über das Feuer, aber rätselhaft war es ihnen keineswegs. Wie gleich die erste Hymne des Rigveda zeigt, wußten die Brahmanen auf ihre Weise genau darüber Bescheid. Zwar geht es hier um das Feuer auf dem Opferaltar, aber auch der alltägliche Unterhalt des Feuers war in diese Auffassung eingebettet und funktionierte offensichtlich gut.

(Oxidation fand ich mal ziemlich schräg, aber da es sich bei der chemischen Nomenklatur durchweg um unklassische Neubildungen handelt, ist es eigentlich egal.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2023 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50629

Daß Kanzi mit entsprechendem Gerät ein Feuer anzünden kann, ist einfach ein weiteres Kunststück und darf so wenig mit der epochalen Beherrschung des Feuers durch den Frühmenschen in Verbindung gebracht werden wie das Geplapper eines Papageien mit der menschlichen Sprache. Ein Affe kann auch einen Wasserhahn öffnen, aber das hat nichts mit der Installation von Wasserleitungen zu tun. Man sucht sich formal ähnliches Verhalten heraus und knüpft daran weitreichende Folgerungen, was Tiere „auch schon“ alles können. Das ist primitiv, aber überraschend weit verbreitet. Bekannte Primatologen erregen damit Aufsehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2023 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50618

Aus der Fehleinschätzung, daß Schimpansen nach entsprechendem Training Englisch (in gebärdensprachlicher Version oder mit anderen Ersatzzeichen) auf dem Niveau kleiner Kinder sprechen und verstehen, und aus der weiteren Annahme, daß Schimpansen und Bonobos sich in den 6 Mill. Jahren seit der Trennung vom Menschen nicht sehr verändert haben („certainly not as much as we have)“, folgt für Christine Kenneally, daß unsere Vorfahren damals ungefähr wie heutige Kleinkinder gesprochen haben (The first word: The search for the origins of language. New York 2007:206).
Das ist abgesehen von den falschen Voraussetzungen auch deshalb nicht anzunehmen, weil unsere Kinder keine frühmenschliche Sprache sprechen, sondern heutiges Deutsch auf einer frühen Stufe der Übernahme.
(Noch heute steht bei Wikipedia vorbehaltlos: „Kanzi, der von der Psychologin und Affenforscherin Sue Savage-Rumbaugh unterrichtet wird, versteht etwa 3000 Wörter (in englisch) und reagiert darauf. Sein eigenes Vokabular umfasst etwa 500 Wörter.")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2023 um 03.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50615

Ob mit elektrischen Ableitungen vom Schädel und aus dem Hirn oder mit den neueren Hirnscans – man wird zu jeder beliebigen Testaufgabe Entsprechungen in der differentiellen Aktivierung von Hirnregionen feststellen. Es ist unmöglich, kein Ergebnis zu erzielen.
Dabei stellen sich zwei Fragen nach der Spezifiziät:
1. Es ist eine Frage der Filter-Einstellung, der „Körnigkeit“ der Untersuchung, ob man zu einer bestimmten Aufgabe eine, zwei oder dreißig relativ stärker aktivierte Regionen feststellt.
2. Meist wird nicht untersucht, bei welchen anderen Aufgaben die gleichen Regionen ebenfalls stärker aktiviert werden.
Handelt es sich um eine sprachliche Testaufgabe, wird meistens nicht zwischen Gebrauchen und Zitieren des sprachlichen Material unterschieden. William Calvin z. B. spricht von „Benennen“, ohne zu bedenken, daß es auch physiologisch etwas ganz Verschiedenes ist, ob man eine Gegenstandsbezeichnung im Redefluß verwendet oder („metasprachlich“) auf Anforderung den Namen eines Gegenstands hervorbringt. Wie vor allem Kurt Goldstein vor langer Zeit gezeigt hat, treten diese Funktionen bei Aphatikern deutlich auseinander. (William H. Calvin/George A. Ojemann: Conversations with Neil’s Brain – The Neural Nature of Thought & Language. Reading 1994. https://williamcalvin.com/bk7/bk7ch3.htm)
Von weiteren Problemen wie der Replizierbarkeit sehe ich hier ab; es sei auch daran erinnert, daß das sogenannte Broca-Zentrum nach 150 Jahren gründlicher Erforschung kürzlich um mehrere Zentimeter „verschoben“ wurde – eine riesige Entfernung im Gehirn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2023 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50608

„Language has to be partly innate, simply because human babies are born with the ability to learn the language of their parents.“ (Christine Kenneally: The First Word: The Search for the Origins of Language. New York 2007:201)
Dann sind auch Klavierspielen, Briefmarkensammeln usw. teilweise angeboren. Man könnte es nicht lernen, wenn man nicht die Fähigkeit dazu hätte...
Kenneally weiß aber durchaus, daß die Sprachfähigkeit sich wahrscheinlich aus mehreren anderen Fähigkeiten zusammensetzt, die jeweils ihre eigene Entwicklungsgeschichte haben. Wozu dann diese These, die lediglich den Nativisten wie Chomsky recht zu geben scheint, obwohl das bei genauerem Hinsehen nicht der Fall ist? Denn für Chomsky und seine Anhänger ist das angeborene Sprachmodul, der Sprachinstinkt usw. als Ganzes artspezifisch und angeboren. Voraussetzung ist, daß das Kind intuitiv oder unbewußt eine generative Grammatik beherrscht, bevor es Jahre später intellektuell in der Lage ist, eine generative Grammatik bewußt zu verstehen oder gar zu konstruieren. (Das ist eine Variante des Homunkulus-Trugschlusses: der oft karikierte „kleine Linguist“ im Kopf des Kleinkindes.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2023 um 04.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50602

Wenn behauptet wird, die Schimpansen um Washoe hätten sich untereinander in der „Fremdsprache“ ASL verständigt, würde man gern wissen, ob sie ihre eigene, in Millionen Jahren perfektionierte und von uns noch nicht vollständig entschlüsselte Kommunikationsweise gänzlich aufgegeben oder beide „Sprachen“ irgendwie miteinander verbunden haben. Solche Fragen werden nicht gestellt, weil die Forscher das Problem nicht einmal erkannt haben. Sie setzen stillschweigend voraus, daß selbst eine rudimentär beherrschte Menschensprache für die Tiere ein so bedeutender Fortschritt ist, daß sie auf ihre arteigene Kommunikation gern verzichten.

Wenn das kein "Speziesismus" ist!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2023 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50595

Zur rührenden Geschichte um die Fehlgeburt gibt es ein Pressefoto („One of Washoe’s keepers explained to the chimp that she had had a miscarriage“); die Lesergemeinde findet es „heartbreaking“.

Was würden Sie tun, um einem Affen zu „erklären“, daß Sie eine Fehlgeburt hatten? Wie fängt man überhaupt einen Bericht über Vergangenes an, also eine Erzählung? Haben Sie und der Affe einander schon oft etwas erzählt, so daß über die Nichtgegenwart Einverständnis besteht? „Versetzte Rede“ (displaced speech) galt ja immer als spezifisch menschlich – soll das nun nicht mehr gelten?
Für die Forscher, die fast ihr ganzes Lebenswerk und ihren Ruf als Wissenschaftler auf die optimistische Deutung ihrer Affenversuche gebaut haben, muß die Einsicht in die Nichtigkeit ihrer Ergebnisse schwer zu ertragen sein. Natürlich war immer auch Geschäftemacherei im Spiel, wie bei jeder neureligiösen Gemeindebildung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2023 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50580

„Washoes Trainer war Roger Fouts, der durch diese Studie in der Arbeitsgruppe von Robert Allen Gardner und dessen Frau Beatrix Tugendhat Gardner den Doktorgrad erwarb. Washoe lernte mehrere hundert ASL-Gebärden sowie diverse Gebärdenkombinationen, die meist aus zwei oder drei Gesten bestanden. Bereits nach kurzer Zeit kombinierte sie auch spontan Gebärden in einer für die Kommunikation mit ihrem Trainer sinnvollen Weise, ohne dass ihr diese Kombinationen eigens beigebracht worden waren. Washoe brachte sogar ihrem „Adoptivsohn“ Loulis, der 1978 zu ihr kam, einige ASL-Gebärden bei und unterhielt sich mit ihm und mit anderen Schimpansen auch mit Hilfe der ASL-Gebärden.“ (Wikipedia)

„Fouts has been a consultant or adviser on four movies, including Greystoke: The Legend of Tarzan, Lord of the Apes (1984).“

Thomas Sebeok:
„In my opinion, the alleged language experiments with apes divide into three groups: one, outright fraud; two, self-deception; three, those conducted by Terrace. The largest class by far is the middle one.“ (Wikipedia Washoe, engl.)

An den Filmdokumentationen fällt die Beiläufigkeit der angeblichen ASL-Gebärden auf. Es fehlt die Konzentration auf die vermeintliche Kommunikation. Die Forscher deuten aber jedes Hantieren in ihrem Sinne.

Der schwerste Einwand ist aber der subtilste: Die „Begriffe“ (um es herkömmlich auszudrücken), die mit den Wörtern verbunden sind, kann ein Tier gar nicht gebildet haben. Es sind kulturspezifische, historisch entstandene Kurzfassungen typisch menschlicher Erfahrungen und Weltdeutungen.

Fouts berichtet:

„People who should be there for her and aren’t are often given the cold shoulder—her way of informing them that she’s miffed at them. Washoe greeted Kat [the caretaker] in just this way when she finally returned to work with the chimps. Kat made her apologies to Washoe, then decided to tell her the truth, signing "MY BABY DIED". Washoe stared at her, then looked down. She finally peered into Kat’s eyes again and carefully signed "CRY", touching her cheek and drawing her finger down the path a tear would make on a human (Chimpanzees don’t shed tears). Kat later remarked that one sign told her more about Washoe and her mental capabilities than all her longer, grammatically perfect sentences.“

Wieviele Menschen hatte Washoe tatsächlich weinen und Tränen vergießen sehen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2023 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50577

„Washoe war nicht nur die erste sprachfähige Schimpansin gewesen, sondern hatte ihr Wissen auch an ihren Schimpansen-Adoptivsohn Loulis weitergegeben. Loulis war damit der erste Affe, der von einem Artgenossen eine menschliche Kommunikationsform gelernt hat.“ (Agenturen und SZ 17.5.10)

Auch der SPIEGEL fabuliert:
„Washoe hat ihre ASL-Kenntnisse an die nächste Generation weitergegeben, an ihren Adoptivsohn Loulis. Und Tatu führt für alle Clanmitglieder den Kalender. Beim ersten Schnee erinnert sie die Betreuer daran, dass bald wieder "Vogelfleisch" fällig ist: Putenbraten zum traditionellen Thanksgiving-Fest. Ebenso kündigt Tatu jedes Jahr Geburtstage an, etwa "Ice Cream Washoe", und Weihnachten: "Zuckerbaum". Beim Verteilen der Schlafdecken, beim Spiel, bei Mahlzeiten und mitten im handgreiflichen Familienstreit ist ASL die Umgangssprache der Schimpansen.“ (17.12.07; es wird noch wüster: https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/affen-gespraeche-unter-verwandten-a-521338.html)

Wie Washoe ihre 250 Wörter an jüngere Tiere weitergegeben hat, ist nicht klar. Auf keinen Fall kann sie diese auf die gleiche Art konditioniert haben, wie sie selbst konditioniert worden ist. Man hat von der Sprachgeschichte der Schimpansen auch gar nichts mehr gehört.

„Und etwas Sensationelles ist noch hinzugekommen: Weil die Umgangssprache im GAT-Institut Englisch ist jedenfalls für die dort arbeitenden Forscher und Betreuer, haben einige der Bonobos sie, so nebenher, ebenfalls gelernt. Die Tiere verstehen ‚praktisch jedes Wort‘, sagt der amtierende Forschungs-Direktor Bill Fields.“ (SPIEGEL)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2023 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50576

Psychologen begehen oft den Fehler, das Verhalten einer logischen Analyse zu unterwerfen und dann zu fragen, wie die so gewonnenen Stadien oder Stufen real zu verwirklichen wären. Ein Beispiel war die „mentale Rotation“ (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50493)
Ein anderes wäre das hier schon einmal angeführte „Trösten“:

„Unter Forschern besteht kein Zweifel: Trösten ist alles andere als banal. Es gilt als hohe Form der Empathie. Die Tiere müssen zunächst die Emotionen des Verlierers – seine Niedergeschlagenheit – überhaupt spüren. Daraufhin müssen sie willens und fähig sein, diese Niedergeschlagenheit zu lindern. Dazu braucht es Intelligenz, um sich selbst als eigenständiges Wesen zu begreifen und den anderen als ein vom eigenen Selbst getrenntes Wesen zu erkennen; und schließlich das Talent zum Perspektivwechsel, um sich in den anderen hineinzuversetzen.“ (SZ 12.8.10)

Ein Kind fällt hin, schreit. Tut die Mutter nun all das, was hier genannt ist? (Abgesehen von der Metaphorik, die auch noch einzulösen wäre, bevor man weiteruntersucht.) Es gibt ganz andere Möglichkeiten, das Geschehen darzustellen und demgemäß auch zu erklären.

Eine logische Analyse ist keine psychologische.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2023 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50566

Was die Pressestellen der Universität an sensationsheischenden Berichten an die Öffentlichkeit geben, ist oft haarsträubend primitiv. Das Verhalten von Krähen und das von zehnjährigen Kindern ist unermeßlich verschieden. Aber man pickt sich eine testspezifische Verhaltensweise heraus, die oberflächlich vergleichbar scheint oder durch die sprachliche Darstellung ("kausales Räsonieren" usw.) vergleichbar gemacht wird, und dann soll das Publikum staunen, was Tiere alles können und wie schlau sie sind!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2023 um 05.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50564

„Dass Krähen schlau sind, suggeriert schon Äsops Fabel ‚Die Krähe und der Wasserkrug‘. Darin schmeißt eine Krähe Steine in einen schweren Tonkrug, bis der Wasserstand so hoch ist, dass sie davon trinken kann. Die britische Psychologin Nicola Clayton von der Cambridge University hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Vögel tatsächlich so clever sind wie der griechische Dichter vermutete. Ihre Intelligenz stellt sogar die von Vorschulkindern in den Schatten.“ (Yahoo! Nachrichten 10.8.12)

Wenig später wurde berichtet, daß Corina Logan und Mitarbeiter an der University of California, Santa Barbara, verschiedene Varianten des Tests angewendet hatten:

„We showed that crows can discriminate between different volumes of water and that they can pass a modified test that so far only 7- to 10-year-old children have been able to complete successfully. (...) We provide the strongest evidence so far that the birds attend to cause-and-effect relationships by choosing options that displace more water.“ (Pressemitteilung der Universität 25.7.14)

Tiere können viele Kunststücke lernen, die einem Vorschulkind nicht möglich sind. Seehunde sind sehr geschickt mit Bällen. Ganz zu schweigen von angeborenem Verhalten: Selbst zehnjährige Kinder können kein Vogelnest bauen. Es ist sinnlos, solche speziellen Leistungen mit dem Verhalten von Organismen einer anderen Art zu vergleichen. Wir wissen nicht genau, wie es bei Tieren funktioniert, aber durch die Darstellung als Konstruktionsaufgabe bzw. als Einsicht in kausale Zusammenhänge erzeugen die Forscher ein unlösbares Problem:

”We still don’t know exactly how the crows think when solving this task. They may be imagining the effect of each stone drop before they do it, or they may be using some other cognitive mechanism. ‘More work is needed,’ Logan says.”

Damit ist die Finanzierung gesichert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2023 um 09.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50538

„Über Kognitive Psychologie bei Menschenaffen veröffentlichte Köhler 1917 sein revolutionäres Werk Intelligenzprüfungen an Anthropoiden. Köhlers in der Zeit des Behaviorismus erschienene Arbeit wurde zuerst fast vollständig ignoriert, erst seit dem Ende der 1950er-Jahre werden die mentalen Fähigkeiten von Tieren wieder wissenschaftlich untersucht.“ (Wikipedia Wolfgang Köhler)
Das Verhalten von Affen wurde auch durch die Behavioristen untersucht, wenn auch selbstverständlich nicht unter dem Titel „mental“. Das Beharren darauf ist eine petitio principii. Die Folgen sehen wir bis heute in der metaphorischen Psychologie mit ihrer „Theorie des Geistes“, dem „Gedankenlesen“, „Hineinversetzen“, der „Perspektivübernahme“ usw.
Die Frage, wann Kinder und ob Tiere lernen, sich in andere hineinzuversetzen, deren Gedanken zu lesen, eine Theorie von deren Geist (und von deren Theorie des Geistes) auszubilden usw., ist schlicht sinnlos. Der triumphierende Tonfall der „Mind is back“-Psychologie ist unbegründet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2023 um 04.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50536

Die Beobachtung mit dem Uhrenschlag mache ich täglich auf unserem ausgedehnten Spaziergang nicht allzu weit vom Dorf entfernt. Hinzu kommt natürlich ein "Zeitgefühl", das mir übrigens auch ziemlich rätselhaft erscheint. Ich bin ein Frühaufsteher und kann, ohne Wecker aufgewacht, meistens sehr genau sagen, wie spät es ist, bevor ich im Badezimmer die Uhr sehe. Auch tagsüber irre ich mich selten um mehr als 5 Minuten. Wie ist das möglich? Man spricht von innerer Uhr, aber Metaphern sind keine Erklärung.
Daß ich praktisch nie eine Armbanduhr trage, trainiert vielleicht jenes Zeitgefühl.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2023 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50535

Das Zählen von solchen kleineren Personengruppen müßte ich bei mir erstmal beobachten. Es könnte so ähnlich sein wie bei Ihnen. Größere Mengen verschiedener Gegenstände zähle ich entweder einzeln oder in Zweiergruppen.

Aber vielleicht eine ähnliche Beobachtung beim Uhrenschlag. Angenommen, ich sehe die Uhr nicht (z. B. nachts), weiß nicht genau, welche Stunde dran ist, höre zwar das Schlagen, aber habe vergessen mitzuzählen. Wenn sie nun bis zu 5mal geschlagen hat, dann kann ich hinterher aus der Erinnerung an den Klang meist noch genau sagen, wie oft es war. Schlägt sie öfter, kann ich bis nach dem fünften Schlag noch die Zählung nachträglich genau aufnehmen. Ab sechs verpaßten Schlägen (verpaßt = gehört, aber nicht mitgezählt) wird es unsicher. Das klappt natürlich nur bei nicht zu großer Ablenkung am Anfang.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.02.2023 um 21.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50534

Also bis zu fünf bis neun Bündel, das sollte dann eigentlich dasselbe sein wie bis zu neun Bündel.

Manchmal ist es ja amüsant zu lesen, aber ich frage mich, ob es sich wirklich lohnt, sich mit so etwas zu befassen. Wenn jemand Unsinn über die Speicherung von Information schreibt, dann bringt das weder Kognitivisten weiter noch ist damit bewiesen, daß der Organismus überhaupt keine Information speichert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2023 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50533

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26926

„Frühe Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass wir nur bis zu sieben (plus/minus zwei) Informationsbündel im Kurzzeitgedächtnis speichern können.“ (Thomas Suddendorf: Der Unterschied. Berlin 2014:191)

Hier sind die „chunks“ zu „Informationsbündeln“ geworden, aber definiert sind sie weniger denn je. Warum werden diese Geschichten immer noch mitgeschleppt?

Kleine Beobachtung zu einem verwandten Thema:

Vor mir in einiger Entfernung geht jemand. Eine, zwei oder drei Personen erfasse ich mit einem Blick, bei vier glaube ich eher, daß ich sie blitzschnell in zwei Paare aufteile, bei fünf herrscht eine gewisse Unsicherheit, ob es nicht doch vier oder sechs sind. Ich gliedere die Gruppe in zwei plus drei. Um so eher, als die Leute nicht gleichmäßig aufgereiht nebeneinander gehen, sondern in wechselnder Anordnung durcheinander. Es würde mich interessieren, ob Sie es auch so machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2023 um 06.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50528

Die Versuche mit Putzerfischen vor dem Spiegel werfen einige Fragen auf: Putzerfische putzen ja nicht eigentlich (d. h. sie entfernen keine störenden Fremdkörper), sondern ernähren sich von den Parasiten auf der Haut von größeren Fischen. Warum sollten sie sich irgendwo schaben, um einen Flecken auf ihrer eigenen Haut loszuwerden, den sie ohne Spiegel nicht bemerken und der sie daher nicht „stört“ (wenn überhaupt etwas sie stören kann)? Das hat mit dem Aufnehmen von Nahrung ebenso wenig zu tun wie das Schaben an Wänden. In der Deutung der Daten klafft eine Lücke.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2023 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50525

Übrigens war über den Spiegeltest mit Putzerfischen schon vor vier Jahren berichtet worden, damals von der MPG. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41726

Schon damals mit demselben philosophischen Überbau, der sich nicht diskutieren läßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2023 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50522

Spiegelversuche mit Putzerfischen zeigen angeblich, daß die Tiere sich selbst erkennen: „Um zu dem Schluss zu kommen, dass das Foto sie selbst zeigt, müssen die Tiere aber wie Menschen eine Art inneres Bild davon haben, wie ihr Gesicht aussieht, das sie dann mit der Abbildung vergleichen.“ (SZ 20.2.23)

Niemand kann sagen, was dieses „Vergleichen“ für ein Verhalten sein soll, zumal es sich im „Inneren“ abspielt. Das ist nicht einmal beim Menschen klar, auch wenn man alltagspsychologisch redet. Ebenso kann man die Zuschreibung „inneres Bild“ nicht verifizieren, nicht einmal recht verstehen, aber das muß man auch gar nicht, weil es ja nur „eine Art“ sein soll – was ebenso wie die anderswo beliebten Anführungszeichen die ganze These ins Ungefähre, Metaphorische verschiebt, wo alle Katzen grau sind.

Es wird gar nicht nach einer sparsameren, naturalistischen Erklärung gesucht. Man bedenke, daß die Fische geradezu unendlich weit von anderen Tieren entfernt sind, mit denen man halbwegs plausible, aber immer noch umstrittene Spiegelversuche angestellt hat (Elefanten, Dephine).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2023 um 08.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50493

Noch einmal zur "mentalen Rotation":

Mental rotation can be separated into the following cognitive stages:
1. Create a mental image of an object from all directions (imagining where it continues straight vs. turns).
2. Rotate the object mentally until a comparison can be made (orientating the stimulus to other figure).
3. Make the comparison.
4. Decide if the objects are the same or not.
5. Report the decision (reaction time is record when a lever is pulled or a button is pressed).
(Wikipedia 11.2.23)

Die Zerlegung in 5 „kognitive“ Stadien kann als logische Analyse der Aufgabe oder als Beschreibug eines wirklichen Vorgangs gelesen werden. Die Stadien sind aber keine definierten Verhaltenseinheiten, z. B. „vergleichen“ oder „entscheiden“; als Anweisungen können sie nicht befolgt werden. Neuronal sind sie aber auch nicht zu interpretieren. Sie finden im fiktiven Niemandsland des Geistes (des Mentalen, des Kognitiven) statt. Eine solche verfremdete Formulierung der Aufgabe ist keine Lösung. Was soll das Ganze also?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2023 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50492

„Arktischer Winter“ in Deutschland: Experte warnt vor minus 20 Grad
Der Winter kommt nochmal in Fahrt, versichert Meteorologe Jan Schenk. Auch in Deutschland könnten in einigen Wochen Temperaturen jenseits von minus 20 Grad herrschen.
(FR 13.2.23)

Am 9.12.22 hatte der Deutsche Wetterdienst verkündet, die Chancen auf einen milden Winter stünden schlecht. Silvester stieg die Temperatur regional auf gut 20 Grad, die höchste seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch der Januar war überdurchschnittlich warm.

Vom Horoskop haben die Zeitungen Abstand genommen, aber der Wetter-Unsinn ist geblieben, ebenso wie die neuesten Erkenntnisse der Psychologie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2023 um 05.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50491

Die Bewältigung einer Aufgabe vom Typ des Puzzles entwickelt sich in drei Stadien:

1. Einfügen von Gegenständen (auch Körperteilen) in Hohlformen
2. Einsetzen von Figuren in Schablonen (gegen Ende des zweiten Lebensjahres)
3. Aneinanderfügen von Figuren, die erst dadurch Schablonen bilden (echte Puzzles)

Schon im Stadium 1 wird die Erfahrung gemacht, daß manches paßt und anderes nicht und daß man das ändern kann. Wenn man Gegenstände dreht, sehen sie anders aus, fühlen sich anders an usw. Es ist nichts gewonnen, wenn man metaphorisch (und metaphysisch) sagt, das Kind drehe den Gegenstand zuerst „im Geist“. Das ist nur eine alltagspsychologische Ausdrucksweise, die wie das ganze transgressive Konstrukt des „Geistes“ (des Mentalen: Denken, Vorstellen usw.) unserer alltäglichen Verständigung dient, aber nicht wissenschaftsfähig ist.
Wenn dem Drehen eines Puzzleteils das Drehen im Geiste vorherginge, müßte der Schritt vom geistigen zum wirklichen Drehen ja auch erklärt werden. Nur die Gewöhnung an solche Redensarten suggeriert uns, daß dies unproblematisch sei. Eine wissenschaftliche Psychologie kann sich damit nicht zufriedengeben.
(Das folgende ist teils eine Wiederholung:)
Die „mentale Rotation“ (Shepard/Metzler 1971) gehört zu den Pfeilern der „kognitiven Psychologie“, ist aber keine wirkliche Erklärung. Wir bauen in die Transgression „im Geist drehen“ genau das hinein, was wir im Experiment dann wieder herausholen: eine gewisse Ähnlichkeit mit dem wirklichen Drehen einer Figur: Was in Wirklichkeit schwer ist und länger dauert, tut es auch „in der Vorstellung“.
Wie naiv die Psychologie vorgeht, läßt sich an Alan Paivio zeigen, einem führenden Autor auf dem Gebiet der bildlichen Vorstellung (imagery):
„Some years ago I asked my youngest daughter to imagine the capital letter N, tip it over on its side, and then tell me what she saw in her mind’s eye. She promptly said, ‘I see a Z!’ Her response suggests that she made use of some kind of holistic mental representation and was able to rotate it in order to arrive at the answer.“ („Neomentalism“. Language 29/1975:263-291, S. 277)
Der Forscher fordert das Kind alltagspsychologisch auf, sich etwas vorzustellen, und übernimmt eins zu eins in seine wissenschaftliche Darstellung, das Kind habe sich etwas vorgestellt. Ebenso:
„If you close your eyes and visualize an apple, what you experience is mental imagery – visual imagery.“ (Bence Nanay: „Mental Imagery“. https://plato.stanford.edu/entries/mental-imagery/2021)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2023 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50463

Der Teufel hatte schon immer ein realistischeres Bild von der Komplexität des Gehirns als die meisten „Neurolinguisten“ und anderen Neurosophen:

Zwar ist’s mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.

Viel weiter ist die Forschung bisher nicht gekommen, sofern sie nicht sogar dahinter zurückblebt (wie die meisten sogenannten Neurolinguisten).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2023 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50443

Daniel Everett („Biology and language“, Rezensionsartikel im Journal of Linguistics 41/2005:157–175) zeigt, daß Anderson/Lightfoot und Givon in Wirklichkeit gar nicht von Biologie (Physiologie) handeln. Das können sie als Linguisten ja auch gar nicht:
„Postal (2004: 296ff.) addresses this general issue in fairly acerbic (but entertaining) language, in his chapter on the most irresponsible passage ever written by a professional linguist (the author of the passage in question being Chomsky). He argues, convincingly to my mind, that claims to the effect that generative grammar studies biology are extremely wide of the mark.“
(Es handelt sich um Kapitel 11 in Paul Postals lesenswerten Skeptical linguistic essays.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2023 um 04.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50434

Übrigens ist „Sprachverarbeitung“ so etwas wie „Papierbearbeitung“, wo es einen großen Unterschied macht, ob man es als Schreibmaterial oder als Verpackung benutzt. Sprache kann nicht einfach so „verarbeitet“ werden. Die Benutzer bildgebender Verfahren scheinen auch dieses Problem nicht erkannt zu haben; sie beeindrucken uns nach wie vor mit bunten Bildern, die angeblich die Verarbeitung von Substantiven und Relativsätzen zeigen. (Und natürlich, nach Spitzer, von Gut und Böse im „orbito-frontalen Kortex“ usw.)

So kommt man aus dem Parawissenschaftlichen nicht heraus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2023 um 04.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50433

Gibt man Begriffe oder Aufgaben aus dem Bereich des Kontrapunkts oder der Differentialrechnung vor, wird man im Hirnscan Regionen auffinden, die dafür zuständig sind. Das kann nicht anders sein. Interessanterweise wird sich dabei herausstellen, daß der Kontrapunkt ähnliche Zellverbände anregt wie die Kakteenzucht (oder der Skilanglauf ...). Das ist nicht satirisch gemeint, es ist die Realität, aber das Problembewußtsein der Neuropsychologen und ihrer fachfremden Verehrer ist wenig ausgebildet.

Die führende deutsche "Neurolinguistin" hat im Gehirn Korrelate der jeweils vorletzten Version von Chomskys Grammatik aufgefunden. Daran ist nicht zu rütteln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2023 um 16.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50425

„‚Geist‘ ist ein kniffliger Begriff. Ich meine zu wissen, was er bedeutet, weil ich einen Geist habe – oder weil ich Geist bin. Ihnen geht es vielleicht ebenso. Aber der Geist eines anderen ist für uns nicht direkt wahrnehmbar. Wir nehmen an, dass er so ist wie unserer – Überzeugungen und Wünsche umfassend –, aber das können wir nur schlussfolgern.“ Usw. (Thomas Suddendorf: Der Unterschied. Berlin 2014:60)
Wir haben es hier mit „naiver Psychologie“ zu tun, sogar in der klassischen Version, die man überall findet.
Neben den üblichen sprachanalytischen Bedenken fällt auf, daß der Verfasser sich – wie die Phänomenologen – an die Gemeinschaft der Leser („wir“) und speziell an den einzelnen Leser („Ihnen“) richtet. Der methodische Solipsismus, den er vertritt, wird durch den Appell an die Verständigungsgemeinschaft pragmatisch unterlaufen. Dieser Einwand ist ihm aber so wenig bewußt wie die Frage, wieso er über etwas vermeintlich radikal Privates in einer Sprache sprechen kann, die er von anderen gelernt hat. Wie kann ich mit dir reden, wenn ich nicht weiß, ob du überhaupt eine Person (ein Gesprächspartner) bist?
Die sogenannte Privatheit ist in das gemeinschaftliche Verständigungsmittel der alltagspsychologischen Sprache hineinkonstruiert. Die reale Grundlage sind frühe Übungen wie: „Denk dir eine Zahl, aber sag sie nicht!“, „Ich sehe was, was du nicht siehst“ usw. Das sind keine geheimnisvollen Nachrichten aus privaten Welten, sondern leicht analysierbare Verhaltensweisen. Sie schließen die Metapher (besser: Transgression) eines „Inneren“ ein. Aber die wissenschaftliche Psychologie kann sich dem doch nicht einfach anschließen!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2023 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50419

Zum vorigen:

Anders als das amerikanische Original hat die deutsche Ausgabe kein Register – bei einem Sachbuch/Fachbuch von 400 Seiten ziemlich ungewöhnlich.

Die Weltläufigkeit des deutschen Verfassers zeigt sich in der vertraulichen Kurzform der Vornamen amerikanischer Kollegen: Dick Byrne usw.; da auch die Bibliographie den Namen nur in Abkürzung anführt (R. Byrne), weiß nur der Kenner, daß es sich um Richard Byrne handelt.

Beides zeugt von einer gewissen Geringschätzung des deutschen Lesers.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2023 um 08.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50413

„Es sind unsere geistigen Fähigkeiten, die es uns ermöglichten, das Feuer zu zähmen und das Rad zu erfinden.” (Thomas Suddendorf: Der Unterschied – was den Mensch zum Menschen macht. Berlin 2014:12)

„Unser Geist hat Zivilisationen und Technologien hervorgebracht, die das Antlitz der Erde veränderten.“ (ebd. 13)

Ist damit irgend etwas erklärt, ist auch nur etwas anderes gesagt, als daß wir das Rad erfunden und Zivilisationen hervorgebracht haben? Wozu wird der "Geist" dazwischengeschoben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2023 um 05.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50399

Nach genauer Beobachtung von drei weiteren Kleinkindern (Enkeln) halte ich Tomasellos Neun-Monats-Revolution, bei der die Kinder erkennen sollen, daß andere auch einen Geist (mentales Innenleben) haben, für reine Erfindung. Es gibt auch in der kindlichen Entwicklung keine Sprünge. Das Verhalten wird in einer schwer beschreibbaren Weise täglich geschickter, umsichtiger, der Blick verständiger, die Fähigkeit zum Verstehen von kleinen Aufträgen, Fragen usw. wächst immer weiter.
Wenn man Nele (1;1) fragt: Wo ist...? – dann zeigt sie auf die genannten Personen und bei „Nele“ auf den eigenen Bauch. Kognitivisten würden sagen, daß sie Selbstbewußtsein entwickelt hat, aber das ist überflüssig, wie die gesamte mentalistische Diktion.
Nele spricht noch nicht, nur ein gelegentliches „ha“. Sie zeigt auf die Stereoanlage, wenn sie Musik hören will, bringt ein Bilderbuch herbei, wenn sie es gemeinsam mit der Oma anschauen will usw.; sie versteckt sich und lugt schelmisch hervor; läuft ein paar Schritte frei durch das Zimmer und strahlt, wenn man Beifall klatscht. Alles paßt harmonisch zusammen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2023 um 03.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50366

Vermutlich um die Menge potentieller Käufer zu vergrößern. Mädchen spielen trotzdem nicht damit. Ich habe auch noch nie gehört, daß Mädchen sich eine Modelleisenbahn oder Jungen eine Barbie wünschen.

Ich werde in den nächsten Jahren versuchen, die Enkelinnen (fünf und eins) für den Modellbaukasten zu interessieren, bin aber wenig hoffnungsvoll. Lego geht freilich immmer. Die Steckverbindung hat allerdings etwas, was meinen männlichen Verstand beleidigt. Schrauben und Muttern sind das Wahre. Ob das schon mal untersucht worden ist?
 
 

Kommentar von Christof Schardt, verfaßt am 26.01.2023 um 23.28 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50363

Tatsächlich scheinen die Alchemisten bis Anfang der 60er mit Jungen verziert zu sein:

https://www.ebay.de/itm/255939260833?hash=item3b972b31a1:g:zlEAAOSw-hZjjlT5

https://www.ebay.de/itm/354428913427?hash=item52859c0713:g:I6QAAOSwjmNjf3Zm

Danach besann man sich wohl eines besseren, denn spätere Kästen und Broschüren sind immer mit Junge und Mädchen illustriert. Und das ganz ohne Girls Day und Chemiker*/_innen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2023 um 20.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50362

Meiner war von 1956 oder 1957.
 
 

Kommentar von Christof Schardt, verfaßt am 26.01.2023 um 19.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50361

Nur Jungen auf den Kosmos-Kästen, das hätte ich auch gedacht. Aber so kann man sich täuschen (die Kästen werden an vielen Orten für ordentliche Summen angeboten): Mein guter alter Kosmos Elektromann hatte ein Mädchen drauf:
https://img.ebay-kleinanzeigen.de/api/v1/prod-ads/images/5a/5a6fd389-0b3d-4541-aba0-f1c10c9ba4f3?rule=$_57.JPG
Die All-Chemist-Kästen scheinen durchgängig mit Junge und Mädchen verziert zu sein.
Wieviele Mädchen werden den Elektromann gehabt haben? Ich denke es werden dieselben 1% gewesen sein, denen ich dann später in der E-Technik-Grundvorlesung begegnet bin. Oder weniger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2023 um 07.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50360

Auf den Kartons solcher Bau- und Experimentierkästen (ich denke an meinen geliebten "Allchemist" von Kosmos) waren auch nur Jungen abgebildet. Aber mal im Ernst: Basteln Mädchen heute mit so etwas?

Zum frühen Kunststoff: War der Geruch nicht hauptsächlich Formaldehyd?
 
 

Kommentar von Christof Schardt, verfaßt am 26.01.2023 um 07.35 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50359

Ja, ich habe selbst noch einmal nachgeforscht: Bakelit und Pertinax haben tatsächlich Gemeinsamkeiten. Für den Geruch ist aber vermutlich nur die Pertinaxplatine mit ihren Bauteilen verantwortlich, die im Gehäuse der Hitze ausgesetzt ist. Bakelit dagegen findet man an der Front, evt. aber auch bei den Röhrensockeln, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt.

Mir steht bei dem Thema sofort der Klassiker "Radiobasteln für Jungen" (Heinz Richter) vor Augen. Heute käme der sofort auf den Index.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2023 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50357

Danke für den Hinweis! So wird es wohl gewesen sein mit der Ausdünstung. "Bakelit" war unser kindliches Wort für all dieses Zeug. Ich erinnere mich an den Geruch von überhitztem Isoliermaterial.

Bei Wikipedia lese ich:

"Phenol-Formaldehydharz wird noch verwendet, wenn mechanische und thermische Belastbarkeit, eine geringe Entflammbarkeit und chemische Beständigkeit gefordert ist, zum Beispiel in Schleifscheiben, Reibbelägen, Filterpapieren, Feuerfest-Materialien, Isolationsmaterialien, Maschinen-Bedienelementen und zur Imprägnierung beziehungsweise Tränkung von Holz- und Papierwerkstoffen (Leiterplatten)."

Ob doch etwas dran ist?
 
 

Kommentar von Christof Schardt, verfaßt am 26.01.2023 um 06.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50356

Bakelit? Meinen Sie nicht eher Pertinax (das Material der Platinen)? Aus Bakelit waren m. W. nur die Bedienknöpfe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2023 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50354

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#38320

Als Kinder haben wir in die durchlöcherte Rückwand des Radios gelugt und die glimmende Röhre gesehen, dazu der unvergeßliche Geruch von erhitztem Bakelit und verbranntem Staub. Vorn kam die Musik heraus, das Ganze ein Wunder.
So müssen unsere Vorfahren sich gefragt haben, wie der Ton aus der schwingenden Sehne, aus dem Schwirrholz und dann der Knochenflöte herauskam. Er muß irgendwie darin geschlummert haben. Auch das ein Wunder oder eine Art Geisterbeschwörung. Selbst die eigene Singstimme kann uns wie etwas erscheinen, was wir nicht eigentlich machen, sondern kommen lassen, beschwören.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2023 um 05.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50327

„So lernen Maschinen, was Emotionen sind.“ (SZ 21.1.23)

Man kann das lernen, aber das bedeutet nicht, daß man welche hat. Ich kann auch lernen, was es heißt, UV-Licht zu sehen oder Magnetfelder wahrzunehmen, aber ich selbst sehe weder UV noch nehme ich Magnetfelder wahr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2023 um 07.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50270

Psychoanalytiker können zu allem etwas sagen. Zum Beispiel Wolfgang Schmidbauer, über den es bei Wikipedia heißt: „Schmidbauer gehört zu den aktivsten Fachschriftstellern in Deutschland.“ Nun äußert er sich über Harry und Geschwisterkonkurrenz (SZ 14.1.23). Warum nicht? Freud hat es vorgemacht, indem er unentwegt die eigentlich unzulässigen Fernanalysen unternahm, sogar über historische, mythische und Märchenfiguren. Die Literatenpsychologie beherrscht das Feuilleton seit hundert Jahren. Wieso konnte Adorno ohne entsprechendes Studium als Psychologe auftreten und sogar eine bestimmte Schule der Psychonanalyse gegen Abweichler verteidigen? Weil es keine Wissenschaft, sondern Schriftstellerei ist.
Schmidbauer sagt die Gemeinplätze der Psychoanalyse auf, verziert mit einigen Anekdötchen aus eigenen Gruppentherapien usw. (Freud sprach in solchen Fällen ganz gravitätisch von seiner „klinischen Erfahrung“). „Wer den Bruderzwist im Hause Windsor studiert...“ Aber er hat ihn gar nicht studiert, sondern allenfalls Harrys Buch gelesen – manche lesen ja sehr schnell. Wir würdigen natürlich die literarische Anspielung "Bruderzwist im Hause...", auch wenn sie zur Sache nichts beiträgt. „Werden da nicht Handgreiflichkeiten beschrieben, weil sich der kleine Bruder an die falsche Frau weggeschmissen hat?“ Man wird doch mal fragen dürfen. Aber wir können Schmidbauer nicht antworten, weil wir auch nicht mehr wissen als er.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2023 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50262

Hirnscans zeigen nicht, wo das Substantiv Hammer gespeichert ist oder verarbeitet („processed“) wird, sondern sie zeigen ein neuronales Korrelat zu einem Input, der vollständiger analysiert folgendes umfaßt: Der Proband wird zu einem Verstellungsspiel aufgefordert, zu dem das laute oder stumme Aussprechen von Hammer gehört, also im Modus des Anführens, nicht des Verwendens; dazu gegebenfalls die nicht ganz verstandene Reaktion auf die Aufforderung, sich etwas „vorzustellen“; bei einer Werkzeugbezeichnung wirkt vermutlich stets mehr oder weniger das psychomotorische oder ideomotorische Prinzip (Carpenter-Effekt) mit, also eine Beimischung von rudimentärer Muskelinnervation, wie sie bei der Werkzeugbenutzung stattfinden würde usw. Nicht verstanden ist dieser Zusammenhang in dem Maße, wie Denken, Vorstellen usw., auf die der Effekt bezogen wird, ungeklärte folkpsychologische Begriffe sind.
Was die bildgebenden Verfahren hervorbringen, sind zwar reale Daten (wenn auch auf eine dem staunenden Publikum verborgene komplizierte Weise errechnet), aber ihre Deutung durch die Urheber selbst ist naiv und aufklärungsbedürftig. Sie wissen buchstäblich nicht, was sie tun, weil sie den Input, den sie ihren Probanden geben, nicht vollständig analysiert haben.
Angesichts abenteuerlicher Ansprüche von Neurolinguisten (es sei nun geklärt, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird usw.) kann die Kritik nicht entschieden genug ausfallen. Die beiden großen Bücher, die der Neurologe Bennett und der Philosoph Hacker gemeinsam verfaßt haben, sind bahnbrechend, könnten aber noch vom behavioristischen Standpunkt aus ergänzt werden, der bisher nur in verstreuten Aufsätzen ausgeführt worden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2023 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50198

Nachtrag: Die "genannten Gründe" stehen, wie ich gerade sehe, in einem anderen Strang: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#44729
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2023 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50197

In Sprachursprungshypothesen wird immer wieder auf anatomische Voraussetzungen der heute bekannten Menschensprache hingewiesen. Philip Lieberman folgerte aus dem höher sitzenden Kehlkopf der Neandertaler, daß sie sich bei den Grundvokalen um 30 Prozemt öfter verhören mußten als wir. Es ist aber aus den genannten Gründen anzunehmen, daß zu einem anderen Lautrepertoire auch eine andere Wahrnehmung gehört hätte. Ist es denkbar, daß Frühmenschen eine Sprache entwickelten, die sie in einem großen Teil der Fälle – bei 30 Prozent muß es ja nicht bleiben – selbst nicht verstanden? Warum sollten sie sich mit unseren Grundvokalen abgemüht haben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2023 um 04.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50196

In einem Wissenschaftsmagazin wird über eine vergleichende Untersuchung von Fluchwörtern in verschiedenen Sprachen berichtet. Man glaubt feststellen zu können, daß sie gewisse phonetische Gemeinsamkeiten haben, an denen auch ein Sprachunkundiger sie erkennt.
Das wird stimmen, aber die Forscher erwähnen nicht, daß solche Wörter stets mit einer gewissen Emphase gesprochen werden. Die Intonation und Artikulation gehört zur Wortform dazu. Im Experiment kamen sie in neutralem Ton vom Band. Bekanntlich gibt es zum Beispiel bei Interjektionen Lautstrukturen, die sonst in der Sprache nicht vorkommen („tja“). Beim Überrreichen eines Gegenstandes kann man „da!“ sagen – mit einem kurzen a wie in „ha!“; das ist ebenfalls im Normalwortschatz nicht möglich. So kommt es auch beim Fluchen (Definition?) zu Konsonantenschärfungen und anderen Besonderheiten. Die sprachwissenschaftlichen Arbeiten zu solchen Themen scheinen den Psychologen nicht bekannt zu sein.

In „Max Planck Forschung“ wird über vergleichende musikpsychologische Studien berichtet. Sofort und ohne Begründung geht der Text zu „mentalen Repräsentationen“ über, und dabei bleibt es. Die „Forschenden“ scheinen keinerlei Problembewußtsein zu haben, was die Einführung solcher Fiktionen betrifft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2023 um 10.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50184

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46622

Die Beschreibung des Neandertalers erinnert an das Klischee vom Neger: starke Muskeln, schwere Zunge im prognathen Schädel...

Noch die gemalten und plastischen Rekonstruktionen des Neandertalers und seiner niedlichen Kinder, die man heute so oft bewundern kann, wirken zwar nicht mehr so wild, aber doch ein bißchen tölpelhaft; feine Empfindungen traut man ihnen nicht zu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2023 um 10.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50174

Kognitionsforscher nehmen an, daß es im Geist oder im Gehirn einen Speicher für Wortformen und einen Speicher für Wortbedeutungen gibt. Wie soll man sich das vorstellen? Nicht einmal ein Wörterbuch speichert ja Wortbedeutungen (was immer das sein mag), sondern Synonyme, Übersetzungsäquivalente und Paraphrasen. Die könnte man herausnehmen und als eigene Liste speichern. Sprechen und Verstehen bestünde dann wohl darin, Elemente der einen Liste Elementen der anderen Liste zuzuordnen. Wer tut das und nach welchen Regeln? Ich weiß es nicht und halte es auch nicht für meine Aufgabe, den Unsinn, den andere sich ausgedacht haben, in eine manierliche Form zu bringen. Das müssen sie schon selber tun. Aber Fehlanzeige, wenn man danach sucht. Stattdessen bunte Bilder von Hirnscans. Wir sind überwältigt von soviel Evidenz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2023 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50173

Essentially, the brain uses an alphabet of around 42 different elements, each referring to a specific concept like size, color, or location. The brain combines those together to form complex thoughts.
Each of the "letters" in the brain’s alphabet is handled by a different part of the brain, so by studying brain activity with an MRI machine it’s possible to determine what a person is thinking about.


Mir ist es kürzlich gelungen, im Gehirn von Frauen eine Region nachzuweisen, die für die Verarbeitung fränkischer Regionalzeitungen zuständig ist. Meine Arbeit wird zur Zeit peer-reviewt und erscheint dann in "Studies in Brain Porn".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.12.2022 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50153

Wikipedia über Zungenrede (Glossolalie):

Der Psychiater Andrew Newberg an der Universität von Pennsylvania führte 2006 eine Untersuchung über die Vorgänge im Gehirn während der Zungenrede durch. Er testete fünf Frauen und maß ihre Hirnaktivität während der Zungenrede und während des Singens von Gospels. Bei allen fünf Frauen hörte die Aktivität im Frontallappen während der Zungenrede praktisch auf, was auf eine Reduktion der Selbstkontrolle hinweist, während die Aktivität im Parietallappen zunahm (umgekehrt zur Meditation). Diese Reduktion der Selbstkontrolle entspricht den Aussagen von Leuten, die die Zungenrede praktizieren.

Was bedeutet Selbstkontrolle? Daß eine gewisse Kontrolle aussetzt, war ohnehin klar. „Selbstkontrolle“ ist ein Begriff, der weder verhaltensanalytisch noch physiologisch ratifiziert werden kann. Was immer im Frontallappen geschieht – „Selbstkontrolle“ kann es nicht sein. Zungenrede folgt laut- und silbenphonologisch weitgehend der Muttersprache, wird aber nicht durch Gegenstände und kaum durch Partner und andere Umstände gesteuert.

Voraussehbar die Deutung des Psychoanalytikers:

Der Psychoanalytiker Karl Motesiczky verglich in einer 1937 verfassten Studie das Phänomen mit einem Orgasmus und interpretierte es als eine Form der sexuellen Sublimierung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2022 um 03.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50133

Sind Menschen mit ADHS besonders kreativ? Längere Erörterungen darüber kranken daran, daß Kreativität nicht definiert ist. Eine Frau bezeichnet sich selbst als „hibbelig“ und „kreativ“. Was soll man damit anfangen? Es ist kein verwertbares Datum.
Ich hatte schon zitiert: ‘Creativity’ was one of the shabbiest of explanatory fictions, and it tended to be used by the least creative of people. (B. F. Skinner: A matter of consequences. New York 1983:304) (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1477#19300 )

Es gab mal eine "Hitliste der abgedroschenen Selbstbeschreibungen" (auf den Tag genau vor zehn Jahren in der Zeit vom 29.12.12):

„Die zehn meistgenutzten Schlagwörter in deutschen Profilen sind:
1. Kreativ
2. Verantwortungsbewusst
3. Analytisch
4. Motiviert
5. Innovativ
6. Erfolgsorientiert
7. Organisiert
8. Kommunikative Fähigkeiten
9. Effektiv
10. Internationale Erfahrung“

Das ist natürlich alles Unsinn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2022 um 06.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50113

„Bereits 2006 hatten Manfra und Winsler in einer Studie berichtet, dass sich etwa die Hälfte der Drei- bis Fünfjährigen über das ‘Wesen’ des Selbstgesprächs – nämlich die Kommunikation mit der eigenen Person – im Klaren sei.“ (Spektrum der Wissenschaft 24.11.11)

Das wäre erstaunlich, denn ich selbst zum Beispiel bin mir über dieses Wesen des Selbstgesprächs gar nicht im klaren. Hier ist die Lösung:

„Winsler und seine Kollegen Louis Manfra und Rafael Diaz stellten in einer 2007 veröffentlichten Studie rund 80 Drei- bis Fünfjährigen diverse Rätsel. Mal wurde den kleinen Probanden dabei ausdrücklich aufgetragen, mit sich selbst zu sprechen; dann wiederum sollten sie das nicht tun.“ (ebd.)

Die Grundannahme über das Wesen des Selbstgesprächs wird also bereits in die Kinder hineingeredet. Kein Wunder, daß sie dann eine „Kommunikation mit der eigenen Person“ annehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.12.2022 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50070

Die Experten für Körpersprache greifen gern etwas heraus, was ihnen auffällt, und korrelieren es mit einer Wald- und Wiesenpsychologie, ohne sich je um die empirische Validierung ihrer Methode zu kümmern. Es fragt auch niemand danach. Das Ergebnis klingt naturgemäß immer sehr plausibel – wie Horoskope, Graphologie usw. Besonders bei Politikern bringen sie in ihrer Deutung unter, was sie von den Personen zu wissen glauben und was sie davon halten. Dafür gibt es immer Anzeichen in Haltung, Bewegung, Kleidung.

Parawissenschaften vertreten anders als Pseudowissenschaften Thesen, die im Prinzip zutreffen könnten, aber wegen der unzulänglichen Methoden und des angemaßten Wissens nicht zutreffen bzw. nicht überprüfbar sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2022 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50056

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50033

Der gleiche Unsinn aus derselben Quelle heute in der SZ. Die Vermenschlichung ist eher noch weiter getrieben. Überschrift: "Was Papageien sprechen läßt".

Auf anderen Gebieten würde man sich eine solche primitive Verbiegung der Tatsachen weder leisten noch gefallen lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2022 um 07.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50044

Psychologische Experimente mit einzelnen Wörtern als Stimulus sind sehr beliebt, wohl auch wegen ihrer Einfachheit und bequemen Wiederholbarkeit. Dabei wird oft übersehen, wie künstlich das Herauspräparieren bloßer Wortformen aus natürlichen Verwendungen eigentlich ist. Wörter stehen nicht in Nomenklaturen für die Dinge, sondern ihr Vorkommen ist von Situation und Kontext abhängig. Die scheinbar isolierte Darbietung auf dem Monitor oder über den Kopfhörer schafft einen linguistisch nicht durchschauten neuen Kontext. Die Versuchsleiter, die das nicht berücksichtigen, wissen buchstäblich nicht, was sie tun. So sind denn auch ihre Ergebnisse zu beurteilen, besonders die bunten Bilder, die aus dem Hirnscan errechnet werden. Man glaubt dann Zentren für Substantive, für Werkzeugnamen usw. zu erkennen. Das muß alles weg.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2022 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#50033

Amerikanische Forscher haben Berichte von Papageienhaltern über das Sprachvermögen ihrer Vögel gesammelt. Das größte Repertoire hätten Graupapageien mit durchschnittlich 90 Wörtern. „Interessant ist, dass den Tieren womöglich auch bewusst ist, in welchem Kontext sie die Wörter und Sätze nutzen.“ (FAS 10.12.22, nach Scientific Reports)
Das ist natürlich alles Unsinn. Papageien haben keine Wörter, sondern imitieren Geräusche, u. a. solche, die der Beobachter als Wörter einer Sprache wiedererkennt; die Tiere selbst haben keine Sprache. Tierhalter darf man nicht nach den Fähigkeiten ihrer Lieblinge fragen, sonst kommt so etwas heraus wie Irene Pepperbergs Papageiengeschichten oder die ökologische Philosophie eines Gorillas.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2022 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49980

Viel Eindruck macht es auch, wenn "Neurolinguisten" etwas vom "Brodman-Areal 44/45" murmeln. Man kann das dann mit einer der vielen Fassungen von Chomskys Sprachtheorie verbinden usw. Dan Everett (How language began) ist einer der wenigen, die sich kritisch mit Angela Friederici beschäftigen. In die Pseudowissenschaft "Neurolinguistik" wird viel Geld gesteckt. Das liegt sicher auch an den schönen bunten Bildchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2022 um 05.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49952

Zum vorigen: Das Bild des Endprodukts im Kopf zu haben oder sich vorzustellen, wie etwas am Ende aussehen soll – das ist alles andere als klar. Sollte es sich um eine Art Halluzination handeln? Wir wissen, wie täuschbar die „Vorstellung“ ist; ich habe verschiedentlich daran erinnert, wie illusorisch es ist, „etwas genau vor sich zu sehen“. „Ich kann es mir vorstellen“ ist eine Redeweise, kein Protokoll von Ereignissen auf der mentalen Theaterbühne.

Wenn wir gelernt haben, wie etwas gemacht wird, dann "wissen" wir, wie es weitergeht, aber das ist nichts Theoretisches, sondern eigentlich nur das Können noch einmal. Man denke an das Bauen eines Hauses aus Bauklötzen, an das Spielen eines Musikstücks oder an das Reifenwechseln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2022 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49951

Fachfremde erliegen leicht der Versuchung, zur Erklärung kultureller Entwicklungen etwas vom „präfrontalen Kortex“ usw. zu murmeln. So auch Daniel Everett in seinem ansonsten sehr lesenwerten Buch:

„In the first place, making tools requires planning, imagination (having an image of what the final tools should look like) and communication of some sort for instructing (even if only by example) others, e.g. people from a younger generation, in how to make tools. The sequential operations call upon the prefrontal cortex and produce cultural selectional pressure for more cortical horsepower. However this pressure might have worked, the larger prefrontal cortex of earlier Homo, relative to Australopithecene tool makers, responded to this need.“ (Daniel Everett: How Language Began: The Story of Humanity’s Greatest Invention. Croydon 2018:96; korrigiert)

Ein großes Gehirn ist eine feine Sache, aber erklärt ist auf diese Weise nichts. Das gleiche gilt für andere Regionen des Gehirns, die man schon für solche Zwecke in Anspruch genommen hat.

Richtig gesehen ist die Bedeutung des Unterweisens (s. zu "Homo docens"). Was dagegen Planen und Vorstellen sind, bedarf einer naturalistischen Rekonstruktion, auch wenn die Folk psychology uns vorspiegelt, es sei schon klar.

Platon meinte, wenn der Schreiner ein Bett macht, muß er eine Vorstellung vom Bett im Kopf haben. (Ideenlehre: Wenn wir gut handeln wollen, müssen wir die Idee des Guten kennen.) Aber selbst wenn es so etwas gäbe – würde es etwas erklären? Ein Bett zu machen will gelernt sein; das Bild eines Bettes kann ikeamäßig helfen, aber es reicht nicht aus.

Das soll hier nur nebenbei erwähnt sein, der Hauptpunkt ist, daß das neurologisierende Gemurmel endlich aufhört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2022 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49917

Die Enkelin (0;10) sitzt vor dem Spiegel auf dem Boden, betrachtet mehrere Minuten ihr Bild und ihre Bewegungen, drückt zum Schluß ihren Mund zu einem Kuß auf das Glas und wendet sich dann ab. Es ist nicht zu erraten, was sie sich dabei denkt, also ob sie „sich selbst erkennt“. Es erinnert an den Hund, der sich vor dem Spiegel selbst verbellt, dann nur noch beobachtet und bald das Interesse verliert – vermutlich weil der „andere Hund“ nicht so reagiert wie ein anderer Hund, sondern auf eine unverständliche Weise, die wie alles Unverständliche ignoriert wird. (Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#38567)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2022 um 05.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49863

Ein Psychiater erklärt, warum es so schwer ist, mit dem Fasten anzufangen:
„Es geht darum, die Fähigkeit zu entwickeln, ‚Nein‘ zu sagen, welche von neuronalen Prozessen im präfrontalen Kortex gesteuert wird.“ (FAS 4.11.22)
= Beim Fasten geht es darum, auf das Essen zu verzichten. Das Gerade vom Kortex ist imponiersprachliche Verschnörkelung. „Neuronal“ sind alle Proesse im Gehirn – was denn sonst? Googelt man nach dem „präfrontalen Kortex“, einem vergleichweise riesigen Gebiet, staunt man, was dort alles gesteuert wird. Daß das Neinsagen vom präfrontalen Kortex gesteuert werde, ist eine sinnlose Aussage. (Der Arzt Stefan Brunnhuber ist „praktizierender Buddhist und Katholik und gibt an, seine professionellen Aktivitäten seien in die mystischen Traditionen und Praktiken der beständigen östlichen und westlichen Philosophien eingebettet.“ (Wikipedia)

Übrigens: Eine amerikanische Forscherin hat herausgefunden, daß gezuckertes Obst nicht so gesund ist wie frisches. Deutsche Medien berichten darüber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2022 um 07.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49860

Forschende haben nachgewiesen, daß Kinder mit einem narzißtischen Elternteil später einen ebensolchen Ehepartner wählen. Usw. Des Gequassels ist kein Ende (Kohelet 12,12).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2022 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49848

„Frauen mit jüngerem Bruder verdienen im Schnitt weniger als Frauen mit jüngerer Schwester“ (SZ 31.10.22) Usw. – Windige statistische Grundlagen wie üblich, aber hübsche Schlagzeilen, und einen Namen hat das Kind auch schon: Brother Earnings Penalty. Auch der IQ wurde in Beziehung zur Geschwisterreihenfolge gesetzt. Die geringfügigen Unterschiede können darauf zurückgehen, daß die Tests eine nicht offensichtliche Beziehung zur leicht verschiedenen Sozialisation der Geschwister haben (wie bekanntlich auch zur Kultur und Schichtzugehörigkeit der Getesteten). Aber auch diese Spekulation meinerseits ist vielleicht gegenstandslos, weil es gar kein erklärungsbedürftiges Phänomen gibt.
Eine Leipziger Psychologin hat bei 85.000 Probanden statistisch zwar keinen Einfluß des Geschlechts von Geschwistern auf die Persönlichkeit gefunden, meint aber dennoch: „Ich bin mir relativ sicher, dass das Geschlecht von Geschwistern einen Einfluss auf die Entwicklung hat.“ Das geht immer.
Merke: Wer nach Korrelationen sucht, findet sie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2022 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49843

Der „Publizist“ (Wikipedia) Harald Welzer (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#39412) wird in den Medien stark beachtet.

„Welzer kritisierte die minutenlangen Ovationen für den ukrainischen Schriftsteller Serhij Schadan bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2022. Auf der Lit.Cologne Spezial in Köln sagte Welzer, in Deutschland fühle man sich permanent aufgefordert, die Perspektive der angegriffenen Ukraine zu übernehmen. Deutschland sei aber keine Kriegspartei, sondern dritte Partei.“

Die Erwähnung solcher emphemeren Vorkommnisse in einem enzyklopädischen Lexikon wie Wikipedia finde ich ziemlich albern. Zur Sache selbst: Das Publikum bei einer Preisverleihung ist nicht gehalten, sich der außenpolitischen Position der Bundesregierung anzuschließen. Wie kommt Welzer nur auf ein so sonderbares Argument? Eine Festversammlung zu kritisieren, weil sie zu lange geklatscht hat!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.10.2022 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49820

Ich halte es für sinnlos, nach einem Wortspeicher (mentalen Lexikon) im Gehirn zu suchen. Es geht um Verhaltensweisen, die wir in bestimmten Zusammenhängen als Verwenden oder Zitieren (Vorführen) von Wörtern interpretieren. Gesteuert werden sie wie andere Verhaltensroutinen durch den „Universalcomputer“ Gehirn. Die neurophysiologische Forschungsaufgabe muß sinnvoll formuliert werden, bevor sie mit empirischen Methoden gelöst werden kann. Der Konstrukteur eines Computers hat es nicht mit Bildern oder eben Wörtern zu tun, sondern mit Transistoren usw. Ein "reverse engineering", der Neurolinguistik vergleichbar, muß danach suchen, nicht nach Wörtern und Sätzen, die durchaus zur Peripherie gehören, zur Gesellschaft, nicht zum Organismus.
Auch mit falschen Voraussetzungen und falschen Interpretationen kann man natürlich sehr schöne reale Hirnscan-Bilder erzeugen und der staunenden Öffentlichkeit präsentieren (s. die grotesken Zitate hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49339).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2022 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49809

In einem weiteren Bericht über die Neandertaler im Vergleich zum Homo sapiens heißt es: „Dasselbe Phänomen finde man auch bei noch etwas weiter entfernten Verwandten des Menschen, nämlich bei Schimpansen.“ (SZ 20.10.22)
Die Wendung „noch etwas weiter entfernt“ suggeriert, daß die Neandertaler den Affen näher stehen als uns. Dazu mögen die phantasievollen Rekonstruktionen beigetragen haben, die man als Bilder oder Plastiken so oft gesehen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.10.2022 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49796

Sie können es nicht lassen:
Der ausgestorbene Neandertaler besaß zwar ein ähnlich großes Gehirn wie der moderne Mensch, möglicherweise aber weniger Nervenzellen in einer Region, die für höhere geistige Fähigkeiten wichtig ist. (...) – dieser winzige Unterschied könnte aber die geistigen Fähigkeiten des modernen Menschen verbessert haben. (Max Planck Forschung 3/22)
Forscher, die es eigentlich besser wissen, können anscheinend nicht über den Neandertaler reden, ohne ihm ein Defizit anzuhängen, das sein Aussterben begründet. Wie gesagt, der Neandertaler war ein Erfolgsmodell; er hat die Erde um ein Vielfaches länger besiedelt als bisher der „moderne Mensch“. Warum dieser ganz, ganz langsam eine Kultur akkumulierte, die ihn aus heutiger Sicht geradezu als Alien auf dieser Erde erscheinen läßt, wissen wir nicht. Es kann Zufall sein oder einen Grund haben, aber auf diese primitive Weise werden wir ihn nicht aufdecken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2022 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49732

Manche suchen nach Grundlagen der Sprache im Gehirn, andere im Genom.
Besser wäre es, sich erst einmal zu überlegen, woraus die Sprachfähigkeit sich zusammensetzt. Sie ist nur scheinbar etwas Einheitliches. Ich schlage vor – als Komponenten, die aber ihrerseits noch nicht elementar sein müssen:

Zeigfähigkeit
Vor- und Nachmachen
Verstellungsspiel
Abstraktion (Reiz- und Reaktionsgeneralisierung, auch unter Tieren weit verbreitet)

Diese Stichwörter sollen hier genügen, ich habe mich über jedes anderswo schon verbreitet.)

Wenn das so ist, dann sollte man nach organischen und evolutionären Grundlagen dieser Komponenten suchen, statt dem Substrat einer imaginären „Sprachkompetenz“ oder eines „Sprachinstinkts“ nachzujagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2022 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49730

Die Zeitung faßt zusammen, welche Frage Pääbo beantworten will: „Läßt sich im Erbgut des Homo sapiens eine Erklärung dafür finden, warum er und nicht seine Verwandten bis heute überlebt haben?“ (SZ 4.10.22) Ich halte das für aussichtslos. Jede Art befindet sich über eine längere Zeit in einem prekären Gleichgewicht: Pflanzt sie sich etwas weniger fort, stirbt sie aus, d. h. sie macht die ökologische Nische frei für andere Lebewesen. Vermehrt sie sich etwas stärker, frißt sie ihr Biotop kahl und zerstört ihre eigenen Lebensgrundlagen. Es bedarf nur einer kleinen Veränderung in der Umwelt, um diese Homöostase zu stören. Davon werden wir aber paläontologisch nie genug wissen. Übrigens kommt in den aktuellen Berichten zum Nobelpreis, die ich bisher gelesen habe, das FOXP2-Gen nicht mehr vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2022 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49729

Der Nobelpreis für Svante Pääbo ist gewiß hoch verdient. Allerdings hat die Forschergruppe auch den Hype (wie man heute wohl sagt) um das angebliche Sprachgen FOXP2 befördert, um das es inzwischen wieder stiller geworden ist. Der Neandertaler sollte es zunächst gehabt haben, dann wieder nicht, und man hat in diesem Zusammenhang über die Gründe seines Aussterbens spekuliert.
Es wurde damals hervorgehoben, daß Menschenaffen nicht über die "feinmotorische Steuerung" der Muskulatur in Mund und Rachen verfügten wie der Mensch. Das schien mir nicht der richtige Ansatz zu sein. Es kommt nicht auf die Feinmotorik an sich an, sondern auf deren Konditionierbarkeit, d. h. die Steuerung durch Hirnregionen, die durch (soziales) Lernen veränderbar sind. Die Feinmotorik würde wohl ausreichen, denn Schimpansen können ja zum Beispiel essen, ohne sich ständig auf die Zunge zu beißen. Und wie geschickt ihre Lippen sind, kann man leicht beobachten. Aber die Laute, die sie hervorbringen, sind so wenig konditionierbar wie Hundegebell. Darum ist man ja bald auf Gebärdensprache ausgewichen. Weiter hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1401#45464

Was die Sprachfähigkeit der Neandertaler und das Alter der Sprache betrifft, darf man sich nicht zu viel von Gensequenzierung erhoffen. Die erhaltenen Kultur-Relikte müssen ebenfalls einbezogen werden. Der Neandertaler konnte meiner Ansicht nach zweifellos sprechen. Und daß es ein perspektivischer Fehler ist, über die Ursachen des Aussterbens dieser überaus erfolgreichen Hominiden zu spekulieren, habe ich bereits ausgeführt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.09.2022 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49693

Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn – Was unsere Neuronen erzählen (Suhrkamp)
Verriß von Burkard Müller in der SZ.

Neuronen erzählen nichts. Breithaupt ist Literaturwissenschaftler, nennt sich aber auch Kognitionswissenschaftler. Mit Neuronen hat er nie zu tun gehabt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2022 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49684

„Warum meiden Menschen Informationen, die nicht zu ihrer Weltsicht passen? Lange nahmen Psychologen an, dass solche Fakten eben das Selbstbild bedrohen. Tatsächlich scheint es aber an Überheblichkeit und Zorn zu liegen.“ (Sebastian Herrmann in SZ 22.9.22, über Untersuchungen von Julia Minson u.a.)

Das eine ist so unwissenschaftlich wie das andere. Minson spricht von „affective perspective-taking“ und sieht offenbar kein Bedürfnis, solche folkpsychologischen Metaphern in Verhaltensbegriffe zu übersetzen. Man kann natürlich auch die Wald-und-Wiesen-Psychologie „experimentell“ bestätigen. Und das an der Harvard-Universität, wo einst Skinner die Standards setzte! Eine weitere halbe Seite Unsinn in der Süddeutschen Zeitung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2022 um 08.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49677

„In fact, one of the most popular memes in linguistics (a meme I have been complicit in spreading, until now) is that the topic proved to be so speculative that the Linguistic Society of Paris banned all discussion of language evolution in 1866.“ (Daniel Dennett: From bacteria to Bach and back. London, New York 2017:248)

Das ist falsch. Nicht die Entwicklung, sondern der Ursprung der Sprache sollte nicht mehr Thema von Veröffentlichungen sein:

„La Société n’admet aucune communication concernant, soit l’origine du langage, soit la création d’un langage universelle.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.08.2022 um 19.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49630

Die Positive Psychologie wird in einer Arte-Sendung vorgestellt, nicht unkritisch (weil sie gesellschaftliche Mißstände ausklammert zugunsten der Selbstoptimierung funktionierender Beschäftigter). Seligman beruft sich auch auf Hirnscans, um seine Psychologie des Glücks zu unterfüttern. Das Ganze versteht sich als Alternative zur pessimistischen, krankheitsfixierten Psychoanalyse. Der Behaviorismus wird nicht erwähnt, auch nicht Skinners Anleitung zum erfüllten Leben (Walden Two; Beyond freedom and dignity; Enjoy old age). Skinner hat aber nicht das Selbstmanagement gelehrt, sondern die Einrichtung einer befriedigenden Umwelt, so auch in der Utopie Walden Two.
Es gibt auch Beziehungen zur Hypnose (Coué) und zum Autogenen Training und fernöstlichen Praktiken der Selbstbearbeitung. Aus der veränderten Einstellung soll mehr Tüchtigkeit und mehr Glück folgen. Der Charakter ist das Schicksal – das ist die Tradition dahinter.

Die breite Coaching-Industrie hängt an diesen Optimierungsideen. Der Nutzen ist nicht nachgewiesen. „Coaching ist in der Praxis ein schillerndes Modewort für traditionelle Lern-, Trainings und Beratungsaktivitäten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Coaching

Seit der griechischen Sophistik bieten sich Berater an, die den Menschen Erfolg und Glück versprechen. Ebenso lange fehlt ein Beweis ihrer Wirksamkeit, aber das Geschäft blüht wie nie zuvor. Hinzugekommen ist die Pflicht zum Glücklichsein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2022 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49594

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#47978 und http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44112:

Der Kreationist Roger Liebi möchte zeigen, daß Darwins Theorie nicht neu war, und verweist auf antike Autoren, die aber nur die Entstehung und Veränderung der Arten und der Welt, nicht den Evolutionsgedanken vorgetragen haben. Daher behauptet er in Umkehrung der Tatsachen: „Durch die Verbreitung des Evangeliums in Europa wurde der Evolutionsgedanke nach und nach zurückgedrängt.“

Sprachwandel muß nicht nach dem Modell der Evolution erklärt werden und wird in der Tat von der historischen Sprachwissenschaft auch nicht so erklärt. Wie sogar Dawkins im Rahmen seiner Mem-Theorie erwägt, kann es sich bei der Verbreitung sprachlicher Neuerungen um „Shift“ und „Drift“ handeln – Veränderung ohne adaptiven Wert. Die germanische Lautverschiebung hatte gewiß keine „Verbesserung“ dieses Zweiges der indogermanischen Sprachfamilie zur Folge. Eine solche Vorstellung ist auch in der sogenannten Stammbaumtheorie nicht enthalten, über die man sich heute aus Unwissenheit lustig zu machen pflegt. Auch Liebi kämpft gegen einen Pappkameraden, um dann scheinbar logisch die biblischen Erzählungen als einzige Alternative einzuführen.
(Das Buch „Herkunft und Entwicklung der Sprachen“ ist eine Mischung aus Gelehrsamkeit und Wahn. Wenn hochgebildete Menschen auf der wortwörtlichen Wahrheit der Textsammlung „Bibel“ bestehen, ist der unbefangene Beobachter am Ende seiner Weisheit.)
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 08.08.2022 um 07.43 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49554

Wir sollten unterbewußter leben, dann würden wir nicht so viel auf Täuschungen hereinfallen.

https://heise.de/hintergrund/Das-Gehirn-erkennt-Deepfakes-aber-nur-unterbewusst-7190249.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2022 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49530

Die Gedächtnispsychologie benutzt am liebsten Sprachmaterial, weil es sich leicht handhaben und jederzeit und überall reproduzieren läßt (natürliche Standardisierung), aber eigentlich ist etwas so Komplexes und Kulturgeprägtes sehr ungeeignet (abgesehen von der Unbrauchbarkeit in der Tierpsychologie). Ich habe noch in keinem Lehrbuch etwas darüber gelesen, was eigentlich geschieht, wenn jemand vergessen hat, wie etwas schmeckt oder riecht, und wenn es ihm wieder einfällt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2022 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49509

"Cognitive science" ist eine seltsame Bezeichnung. Sie nennt eine Eigenschaft und spart den Gegenstand aus. Der läßt sich allerdings auch schwer dingfest machen:
„Ziel der Kognitionswissenschaft ist es, kognitive Fähigkeiten wie Wahrnehmen, Denken, Planen, Lernen, Sprechen und Handeln zu erforschen. Die noch junge Disziplin Cognitive Science beschäftigt sich primär mit dem wissenschaftlichen Studium von Gehirn und Geist und dies sowohl experimentell als auch theoretisch. Weiterhin geht es um die Erklärung menschlicher Sprache und non-verbalen Verhaltens, die Bildung künstlicher intelligenter Systeme sowie die Untersuchung von Wahrnehmung und Motorik. Methodisch wird dadurch ein Spannungsfeld abgesteckt, das von mathematischen Methoden über psychologische und neurowissenschaftliche Experimente bis hin zu Computermodellen mentaler Vorgänge und zur philosophischen Reflexion reicht.“ (Uni Osnabrück über den Studiengang Cognitive science)
Das Studium wird ebd. als interdisziplinär bezeichnet. Die metaphorische Rede vom „Spannungsfeld“ verdeckt das Problem.

Die Psychologin („Neurowissenschaftlerin“, „Hirnforscherin“) Julia F. Christensen, auch als Tanzlehrerin tätig, stellt in einem SZ-Interview die Vorzüge des Tanzens dar. Bezüge auf das Gehirn bleiben spekulativ und oberflächlich, in der Hauptsache geht es um populäre Psychologie und Allgemeinplätze. („Seit 04/2018 Autorin Populärwissenschaft“ heißt es in ihrem Lebenslauf bei der MPG.) Welche Beiträge sie zur Hirnforschung geleistet hat, ist nicht zu erkennen. Sie kommt nicht von der Medizin her, so daß „Neuro“ wohl im heute populären Sinn metaphorisch zu verstehen ist (vgl. „Nervenarzt“).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2022 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49463

Stellvertretend für viele andere kann man Francis Crick („The astonishing hypothesis“) anführen:
Strictly speaking, each individual is certain only that he himself is conscious.  For example, I know I am conscious.  But your appearance and your behavior seem to me to be rather similar to mine, and in particular because you assure me that you are indeed conscious, I infer with a high degree of certainty that you, too, are conscious. (Teilweise auch bei Bennett/Hacker zitiert und anders als hier, aber mit dem gleichen Ergebnis kritisiert.)

Ich weiß zwar nicht, was du gerade denkst, aber ich kann aus begrifflichen Gründen nicht daran zweifeln, daß du überhaupt denkst, denn diese Voraussetzung ist das gemeinsame sprachliche Konstrukt, die transgressive Begrifflichkeit unserer geteilten Sprache. Das ist nichts, was man weiß, sondern etwas, was man kann. Ich kann so wenig sagen „Ich denke nicht“ wie „Du denkst nicht“. Man würde sagen, daß ich offenbar kein Deutsch kann, aber nicht, daß ich mich irre..)

Wenn ich denke keine Tatsachenbehauptung ist, sondern die exemplarische Bestätigung der „Geschäftsordnung“ der Sprache, dann lassen sich erst recht keine cartesianischen Schlüsse ("also bin ich") daraus ableiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2022 um 07.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49398

„Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Entscheidungen zu treffen.“ Das sagt der Sozialpsychologe Tilmann Betsch in der SZ vom 9.7.22. Angeblich treffen wir 20.000 Entscheidungen täglich, also alle drei Sekunden eine. Seltsamerweise soll ja auch eine Biene 20.000 Entscheidungen täglich treffen (nach Randolf Menzel).
Strukturalisten bieten mehr: Beim Sprechen wähle ich jedes Phonem aus dem Vorrat aus, treffe also pro Sekunde mindestens 20 Entscheidungen, und dabei ist das Artikulieren nur ein Teil meines Verhaltens.
Wenn sich diese Idee mit dem Neurobabble verbindet, wird es zappenduster.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2022 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49385

Die Musikpsychologin Diana Deutsch konnte zeigen, dass die Sprecher von Tonsprachen sehr viel häufiger ein absolutes Gehör besitzen: So zeigt eine Untersuchung in den USA, dass 52 Prozent der chinesischen Musikstudenten „absolut“ hören. Die Ursache liegt vermutlich in den dortigen Landessprachen begründet. In der chinesischen Standardsprache Mandarin variiert die inhaltliche Bedeutung einer Silbe mit der melodischen Kontur, in der sie ausgesprochen wird. Deshalb wird mit dem Erlernen der Sprache auch die Erkennung von Tonhöhen trainiert. (Wikipedia „Absolutes Gehör“)

Ob das einer Replikationsstudie standhalten würde? Sind die verschiedenen Elternhäuser berücksichtigt worden? Die Tonhöhen der Silben bzw. die Silbenkonturen sind gerade nicht absolut, sondern relativ (Intervalle), und die Sprechstimme ist nicht die Singstimme. Die chinesischen Töne sind einem historischem Sprachwandel zu verdanken. Die Chinesen müßte im Gleichschritt damit das absolute Gehör entwickelt haben – ist das wahrscheinlich?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2022 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49361

An der Replikationskrise verwundert, daß sie so spät zum Thema geworden ist. Die Wikipedia-Übersichten (https://de.wikipedia.org/wiki/Replikationskrise und https://en.wikipedia.org/wiki/Replication_crisis) behandeln auch die mutmaßlichen Ursachen dieser Zögerlichkeit. Wenn man Zeitungsberichte aus der Wissenschaft liest, sieht man immer noch das ungebrochene Vertrauen in die Zuverlässigkeit der vielen kleinen, alsbald in Vergessenheit geratenden Experimente, mit denen sich Studenten in aller Welt qualifizieren; eine Replikation lohnt sich in den meisten Fällen ohnehin nicht und wird daher nicht unternommen.

Noch vor der Replikationskrise war zu beobachten, daß viele Wissenschaftler besonders in den Geisteswissenschaften von vornherein auf empirische Nachweise verzichten. Das Experiment ist in den interpretierenden Disziplinen oft nicht möglich; ersatzweise werden historische Zeugnisse beigebracht. Die Sprachwissenschaft kennt beide Möglichkeiten.

Die Rhetorik schreibt seit der Antike bestimmten sprachlichen Mitteln bestimmte Wirkungen zu, ohne diesen Zusammenhang empirisch nachzuweisen. Das ist heute noch so, obwohl man unter Laborbedigungen einiges unternommen hat – aber in einer kontrollierten Versuchsanordnung mit freiwillig teilnehmenden Studenten herrschen eben ganz andere Bedingungen als in der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit ihren sehr realen Interessen. Das geht so weit, daß der zweifellos wirksamen Rede von Goebbels und Hitler die rhetorische Qualität abgesprochen wurde, obwohl sich rhetorische Qualität, wie schon Gorgias sagte, allein in der Wirkung erweist und nicht in der Folgsamkeit gegenüber den Regeln der Kunstrichter.
Lakoff schreibt der Metapher Wirkungen zu, die nicht einmal versuchsweise nachgewiesen sind. Auf diese haltlose Lehre gründet sich eine breite kommerzielle Beratungstätigkeit.
Über Paul Ekman ist inzwischen hinreichend viel bekannt, um seiner Theorie der Emotionen und des Gefühlsausdrucks gründlich zu mißtrauen (https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Ekman). Trotzdem wird sie unermüdlich weitergetragen.
Zur anwendungsbezogenen Literatur gehören auch die pädagogischen Werke, in denen angebliche Forschungsergebnisse der Psychologie und Medizin unkritisch weitergegeben werden. Die Kritik an Modethemen wie „Spiegelneuronen“, „False-belief-Tests“ usw. braucht Jahrzehnte, bis sie sich in der Pädagogik herumspricht. Chomskys Spekulationen über Spracherwerb beherrschten jahrelang die entwicklungspsychologische und sprachpädagogische Literatur.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2022 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49352

Es mag ja sein, daß die Rufe der Weißbüschelaffen getaktet sind wie die Silben der Menschensprache (Tübinger Forscher um Steffen R. Hage). Trotzdem ist es verfehlt, bei diesen und Resusaffen nach Vorläufern der Sprache zu suchen und dabei die Schimpansen und andere Menschenaffen zu überspringen. Die Schimpansen haben sich vor 6 Mill. Jahren von uns getrennt (vereinfacht ausgedrückt), die kleineren Affen vor etwa 40 oder 50 Millionen Jahren. Das ist keine Kleinigkeit, auch wenn Vögel natürlich noch viel weiter entfernt sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2022 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49347

Psychologen haben herausgefunden, warum die Menschen schon immer über den Verfall der Sitten gejammert haben. In der SZ berichtet Sebastian Herrmann darüber. Er ist zuständig für Psychobabble aus aller Welt.
Hat man berücksichtigt, daß das Klagen über den Niedergang in manchen Gesellschaften zum guten Ton gehört und gar nicht die wirkliche Einschätzung wiedergibt, die sich vielleicht in anderem Verhalten niederschlägt? Richten sich die Menschen tatsächlich so ein, als ob sie mit einer ständigen Verschlechterung rechneten? Wie repräsentativ sind die Jeremiaden? Was der alte Nestor damit beabsichtigt, ist ja klar: die Schlappschwänze vor Troja sollen sich ein Beispiel an ihren Großvätern nehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2022 um 13.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49345

„Deceiving one another is an essential part of social life. We cooperate with others by artfully manipulating relationships and misleading our competitors. (...) Our deceptions are made possible by our ability to see the world through others’ eyes and anticipate their actions. Philosophers and psychologists call this capacity ‘theory of mind’.“ (Sally Satel/Scott O. Lilienfeld: Brainwashed. The seductive appeal of mindless neuroscience. New York 2013:77)

Das ist wieder zu hoch gegriffen. Es bedarf keiner Intellektualisierung von Verstellungsverhalten zu einer „Theorie“. Auch entwickeln Kinder diese Fähigkeit nicht zwischen drei und vier, wie die Autoren ebd. meinen, sondern viel früher. Säuglinge verstehen sehr bald, wenn der Erwachsene Verstellungspiele mit ihnen treibt: daß er etwas „nicht ernst“ meint, Guck-guck-Spiele nicht das Verschwinden bedeuten usw. Es wäre absurd, diesem Spiel eine Theorie des Geistes unterzuschieben, und vor allem vollkommen überflüssig.

Das Buch ist aber sonst sehr lesenswert – sozusagen als leichte Kurzversion des umfangreichen und tiefgründigen Werkes von Bennett/Hacker.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2022 um 13.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49339

„Heute können wir sehr genau verfolgen was im Hirn vor sich geht, wenn sprachliche Äußerungen gehört oder gelesen werden“, sagt Ina Bornkessel-Schlesewsky.“ (Max-Planck-Gesellschaft)
„Wir können heute in Gehirne blicken und sehr genau sehen, wie Wörter verarbeitet werden.“ (Elisabeth Wehling, ZEIT 10.3.16)
„Nachdem im MPI für neuropsychologische Forschung die neuronale Sprachverarbeitung in extenso aufgeklärt wurde, erkundet die von Angela Friederici gegründete Arbeitsgruppe "Neurokognition von Musik" seit 1998 das Pendant. Denn Musik und Sprache sind beides Mittel der Kommunikation.“

In Wirklichkeit ist über die Sprachverarbeitung im Gehirn (falls ein solcher Ausdruck überhaupt Sinn hat) so gut wie nichts bekannt, allenfalls einige grobe Lokalisationen, die zum Teil Artefakte der Methode sind. (Einheiten von drei Kubikmillimeter sind verhältnismäßig groß. Außerdem wird oft nicht untersucht, für welche weiteren Funktionen die betreffenden Zentren zuständig sind. Schließlich ist daran zu erinnern, daß die Hirnscans nur die relative Stärken der Durchblutung stark hervorheben und andere beteiligte Regionen unter den Tisch fallen lassen.) Wir wissen nicht einmal, ob Sprache im Gehirn etwas Spezifisches ist und es nicht einfach um Reizleitung und Muskelsteuerung geht wie bei allen anderen Verhaltensweisen, die in diesem Fall als die historisch-kulturell entwickelte Kategorie Sprache interpretiert werden.
Da Lakoffs Metaphern-Buch als Grundlagenwerk der Kognitionswissenschaft, zumindest der kognitiven Linguistik gilt, bedeutet die Kritik daran auch eine Kritik am Kognitivismus. Die karikaturenhafte Anwendung durch Elisabeth Wehling zeigt die Schwächen wie unter dem Vergrößerungsglas, auch den skandalträchtigen Mißbrauch für politische Zwecke, wodurch sich schon Lakoff in den USA ins Abseits manövrierte. (Wehling gab der ARD Ratschläge, wie durch Manipulation der Bevölkerung, also „Framing“, die Akzeptanz des Rundfunkbeitrags verbessert werden könne.)
Bekanntlich leidet die Rhetorikforschung seit Beginn darunter, daß ihre Wirkungshypothesen nicht empirisch geprüft werden können. Laborversuche, meist mit Studenten, sind von vornherein unsicher, weil die wirkliche Redekunst von Demosthenes und Cicero bis Goebbels in unwiederholbaren historischen Situationen stattfand und ihre Wirkung hatte. Das gleiche gilt – nun aber unverzeihlicherweise – für die Framing-Theorie Lakoffs und seiner Anhänger, ebenso für die oft damit verbundenen Spekulationen der Neurorhetorik und des Neuromarketing (vgl. Sally Satel/Scott O. Lilienfeld: Brainwashed. The seductive appeal of mindless neuroscience. New York 2013.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2022 um 13.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49312

Wenn man versucht, einen Traum zu erzählen, dann hat man oft das Gefühl, daß die Sprache versagt – um so mehr, je frischer Traum noch "gegenwärtig" ist. Die Sprache ist eben an die gemeinsame öffentliche Welt angepaßt, nicht an die jeweils eigene innere Welt (idios kosmos), in die – nach Heraklits Wort – jeder im Schlaf eintaucht (DK B 89).

Traumforscher vermuten, daß der Traumerzählung jeweils ein unbestimmter Anteil von Konvention beigemischt ist, die erst im Augenblick der Erzählung hinzutritt, damit das Ganze überhaupt erzählbar wird. Schriftsteller haben auf verschiedene Weisen versucht, diese Hürde zu überwinden und die Unmittelbarkeit des "Erlebens" irgendwie an den Leser zu bringen. Auch Bilder und Filme versuchen es.

Kurz gesagt: Wer spricht, bringt schon Zusammenhang, Kohärenz, Sinn in seinen Stoff.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.06.2022 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49251

Das Kind lernt von den Erwachsenen, daß man denken kann, sich etwas vorstellen kann usw. Es schließt nicht von sich auf andere. Es kann später durchaus mitlernen, daß seine innere Welt strikt privat ist und daß man nicht sicher sein kann, daß andere auch eine haben. Dieser cartesische Zweifel gehört zur Folklore, die überliefert und geglaubt wird. Die Wirklichkeit sieht so aus:
Das kleine Mädchen (0;5,10) führt einen Dialog mit dem Erwachsenen, indem es alternierend mit dessen Beiträgen gurrende Laute erzeugt, wobei man deutlich den Eindruck hat, daß es sie an den Partner richtet und von dessen Antworten verstärkt wird. Es lernt, die Laute willkürlich einzusetzen und Herr darüber zu sein. Dabei ständiger Blickkontakt und sichtliche Freude daran (was man leicht operationalisieren könnte).
Gemeinsamkeit (Reziprozität, Austausch) ist anscheinend selbstverstärkend. Das Kind erlebt sozusagen „wir“ und nicht „auch einer wie ich“. Ich erwarte beim Kind mit 8 oder 9 Monaten daher auch keine solche kognitive Revolution wie von Tomasello behauptet, habe auch bei meinen Kindern nichts dergleichen protokolliert (damals noch ohne Kenntnis von Tomasellos Thesen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2022 um 07.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49213

Zwei Katzen teilen sich manchmal dasselbe Revier. Die eine herrscht tagsüber, die andere hat Nachtschicht.
Wenn zwei Kater sich im selben Revier begegnen, herrscht Hochspannung. Man sieht es am Zucken der Schwanzspitze. Zwischendurch tun beide so, als ginge sie das Ganze nichts an, schauen scheinbar desinteressiert in der Gegend umher usw. Unter einer Viertelstunde gegenseitigen Belauerns geht es nicht ab, bis sie einen gesichtwahrenden Modus vivendi gefunden haben. Gibt es eine feline literarische Entsprechung zu Thomas Manns „Herr und Hund“?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2022 um 06.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49212

Nach einer neuen Theorie haben die Giraffen ihre langen Hälse nicht (nur) wegen des Abweidens von Bäumen entwickelt, sondern (auch) weil sie dann im Balzkampf ihre Köpfe wuchtiger gegeneinander schlagen konnten, was wiederum den Giraffenkühen imponierte (sexuelle Selektion). Die Kühe zogen nach. Dazu werden auch fossile Funde herangezogen.

Nicht sehr überzeugend, aber so ist das mit vielem, was unter das Handicap-Prinzip fällt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2022 um 08.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49204

Ich hatte schon auf die interessante Theorie von Attneave, Barlow usw. hingewiesen. Es gibt einen kurzen neueren Text von Dawkins dazu, den ich in einem der Sammelbände von John Brockman gefunden habe und der auch hier zu lesen ist: https://www.edge.org/response-detail/10369
Dazu: https://en.wikipedia.org/wiki/Efficient_coding_hypothesis
Das Ganze nagt weiter an der populären Annahme von Bildern oder Repräsentationen im Gehirn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2022 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49188

Soweit ich sehe, ist der Schwänzeltanz der Bienen immer noch sehr umstritten. Ruth Millikan teilte irgendwo mit, daß die Bienen ihre eigene Sprache nicht verstehen: Sie folgen keineswegs den Instruktionen, die sie ihren Genossinnen erteilen, sondern fliegen genau so herum wie zuvor. Wenn das zuträfe, würde es allerdings unser Bild stark erschüttern.

Man muß Tierbeobachtungen überhaupt mit Vorsicht genießen. Wenn jemand behauptet, 5.000 Äußerungen von Schimpansen beobachtet und davon 300 verschiedene Typen semantisch gedeutet zu haben, braucht man nicht weiterzulesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.05.2022 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49164

"Schimpansen bilden Sätze"

Tina Baier berichtet in der SZ über Forschungen an zwei Max-Planck-Instituten. (https://www.sueddeutsche.de/wissen/kommunikation-sprache-schimpansen-1.5593091)
Sie hätte auch schreiben können "Schimpansen bilden keine Sätze", denn darauf läuft es hinaus. Die Lauttypen, die man bei den Schimpansen identifiziert hat, kommen auch in verschiedenen Kombinationen vor. Wie weit das ein Artefakt der Methode ist, wäre zu untersuchen. Es ist ja von bei einem solchen Vorgehen vornherein ausgeschlossen, daß man keine rekurrenten Teile von Äußerungen beobachten kann. (Primatenforscher, Neurologen usw. haben oft eine naive Auffassung von Sprache.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2022 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49137

Psychologiestudenten brauchen Themen, mit denen sie sich qualifizieren. Der Name des Studienleiters steht branchentypisch immer in der Titelei, und die Pressestelle der Uni sorgt dafür, daß wenigstens ein kleiner Teil in die Medien geschleust wird. Man findet also heraus:

Kleinstadtbürger erkennen Gesichter schlechter als Großstadtbewohner.

Weche Biersorten jemand bevorzugt, läßt auf seine politische Einstellung schließen.

Niemand wird solche Studien replizieren, daher bleiben sie unwiderlegt, auch wenn sie noch so windig sind. Die weichen Daten werden, wie man es gelernt hat, mit harter Statistik unkenntlich gemacht. Der Leser ahnt, daß die Ergebnisse anders ausgefallen wären, wenn man mehr und andere Probanden befragt oder mehr Parameter genutzt hätte, aber es ist sowieso alles egal. Psychologie kann wegfallen.
 
 

Kommentar von , verfaßt am 18.05.2022 um 04.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49120


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2022 um 05.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49104

Die Illusion, daß Gefühle Zustände („mental states“ laut Wikipedia s. v. Emotion) sind, ist nicht erstaunlicher als die, daß Bekanntheit ein Merkmal des Bekannten ist. Auf den ersten Blick evident wahr, auf den zweiten sinnlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.05.2022 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49099

Es gibt keine Physiologie der Gefühle, seien es die „Basisemotionen“ (nach Ekman: Angst, Trauer, Ärger, Ekel, Freude, Überraschung) oder die vielen anderen (Scham, Verlegenheit, Heimweh), da es sich nicht um Zustände, sondern um interpretierte Episoden handelt. Die Interpretation ist etwas Gesellschaftliches und kann kein physiologisches Substrat haben.
Selbst wenn es wenigstens statistisch eine jeweils spezifische physiologische Entsprechung zu den Gefühlen gäbe und wenn es möglich wäre, sie etwa durch Hirnreizungen herzustellen, würden daraus keine Gefühle hervorgehen. Es käme nicht zur entsprechenden Interpretation der Zustände durch die zugehörigen Geschichten, die „Erlebnisse“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2022 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49092

„Die Frage, ob man Tieren einen Geist zuschreiben kann, hat Menschen vermutlich seit den Gemälden in Lascaux beschäftigt.“ (Markus Wild https://www.information-philosophie.de/?a=1&t=5736&n=2&y=1&c=60#)

Man braucht diese Worte nicht auf die Goldwaage zu legen, um Zweifel an der ganzen Sichtweise anzumelden. Erstens ist das Konstrukt des Geistes im Sinne dieser Philosophen noch nicht alt. Es ist nicht auszudenken, in welcher Form diese Frage die Menschen hätte beschäftigen können, bevor sie das sprachliche Konstrukt ausgearbeitet hatten. Zweitens: Daß Tiere irgendwie beseelt sind, mit einander und mit dem Menschen kommunizieren können usw., stand wahrscheinlich immer fest. Sogar Teile der Natur, die wir heute für unbelebt halten wie Berge oder für nur vegetativ belebt wie Pflanzen, gehörten zu einem Weltbild, das man animistisch zu nennen pflegt und personalistisch nennen sollte. Nicht ob Tiere einen Geist haben, sondern wie man sie erbeutet, sich vor ihnen schützt, sie versöhnt und günstig stimmt, dürfte die Menschen beschäftigt haben. Man könnte natürlich argumentieren, gerade in dieser Praxis stecke die Zuschreibung eines Geistes, aber das wäre ein Petitio principii, denn um die historische Herleitung eines solchen Konstrukts aus der Praxis geht es ja gerade.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.05.2022 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49070

Im Sammelband „Philosophie der Gegenwart“, hg. von Julian Nida-Rümelin (Kröner), gibt es ein Kapitel über Chomsky, der als bedeutendster Linguist des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Nach meiner Auffassung von Sprachwissenschaft ist Chomsky überhaupt kein Linguist. (Er gibt selbst zu, daß die generative Grammatik keinerlei Erkenntnisse über die Sprache – und erst recht über die Sprachen – zutage gefördert hat.) Bemerkenswerterweise steht er ja auch auf bekannten Listen der bedeutendsten Psychologen und nun eben hier unter den Philosophen. Seine Geist-Metaphysik und spekulative Sprachursprungsthese sind der Grund, warum Wikipedia ihn zu den „durch ihren jüdischen Hintergrund geprägten Philosophen“ stellt, also eigentlich zu den jüdischen Theologen. Er schreibt seit längerem hauptsächlich über Politik. – Eine schillernde Figur.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2022 um 07.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49052

Judith Hermann hat, wie sie in ihrer Poetikvorlesung erzählt, in zehn Jahren 1.500 Stunden, dreimal wöchentlich 45 Minuten, auf der Couch „ihres Psychoanalytikers“ verbracht (und sich dabei in ihn verliebt und wieder entliebt). Dabei habe er insgesamt nicht mehr als fünf Sätze geäußert. Eine Stunde dürfte rund 80 € gekostet haben, macht 120.000 € (24.000 € pro Satz).

Schon Freud kassierte ähnlich ab und besprach mit seinem Freund Fliess, wie man die reichen Wiener Jüdinnen möglichst auf Dauer melken könne. Schließlich finanzierten einige wenige Damen den ganzen großbürgerlichen Freudschen Haushalt.

Das war schon immer bekannt, aber warum fallen die Leute heute noch darauf herein?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2022 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49051

„... das Bewusstsein von Kleinkindern in den ersten drei Lebensjahren ist dem von Tieren auffallend ähnlich, wenn nicht gleich, jedenfalls sehr viel ähnlicher als dem von erwachsenen Menschen.“ (Ingo-Wolf Kittel: „Julian Jaynes – ein moderner Blick auf die Mutation vom mythischen zum mentalen Bewußtsein“)

Über das „Bewußtsein“ läßt sich vieles behaupten; das Verhalten von Tieren und dreijährigen Menschen jedenfalls ist völlig verschieden. Kittel stattet den erwachsenen Menschen mit viel „Selbst“ aus: mit der Fähigkeit zu „selbstbestimmtem Handeln auf der Grundlage von Selbstkenntnis und -erkenntnis, zu Selbstverstehen, Selbsteinschätzung und -beurteilung, zu Selbstkritik und Selbstvertrauen, zu einer Selbstsicherheit, aufgrund der Selbstbehauptung nicht auf Kosten anderer, sondern in frei gewählter und abgesprochener Kooperation mit anderen“. Auf dieser Grundlage ist die Zurückweisung jeder naturalistischen (Kittel: „szientistischen“) Sichtweise natürlich sehr leicht. Das Wort selbst ist die Allzweckwaffe des Mentalismus. Man kann diese Redeweisen nicht widerlegen, weil sie zur Bildungssprache gehören, deren Beherrschung man anderfalls verleugnen müßte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2022 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49025

Die „theoretische Neurowissenschaft“ guckt nicht durch Mikroskope, sondern modelliert neuronale Netzwerke mathematisch. Das könnte sie in eine Reihe mit der Astronomie stellen, die ja auch nur noch selten durch Fernrohre guckt. Aber es gibt Unterschiede zwischen Neurologie und Himmelsmechanik. Man kann Planetenbahnen berechnen, auch wenn es die Planeten gar nicht gibt – es ist eine mathematisch sinnvolle Aufgabe. Aber welchen Sinn hat es, die Funktion von Spiegelneuronen mathematisch zu modellieren, wenn sich dann herausstellt, daß es gar keine Spiegelneuronen gibt? Immerhin glaubte Michael Arbib (Mathematiker und Informatiker, zugleich „theoretischer Neurowissenschaftler“) zur Sprachentwicklung, Aphasie usw. einen substantiellen Beitrag zu leisten, nachdem er Rizzolattis Spiegelneuronen-These beigetreten war. Auch viele andere Nichtneurologen haben Bestseller darüber geschrieben, als die Existenz spezieller Spiegelneuronen noch lange nicht feststand; heute ist sie umstrittener als je.
Die Simulation mit Hilfe sogenannter „neuronaler Netzwerke“ mag das gleiche Ergebnis erzeugen wie der Organismus, aber damit ist nichts für dessen wirkliche Funktionsweise gewonnen. Es ist immer der gleiche Irrtum, den ich als Planimeter-Trugschluß besprochen habe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2022 um 04.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#49011

„Whereas infants represent inanimate object motions as initiated on contact, they represent human actions as directed to goals.“ (Elizabeth Spelke: „Infant cognition“. In Robert A. Wilson/Frank C. Keil, Hg.: MIT Encyclopedia of the Cognitive Science. Cambridge, MA 1999: 402–404, S. 403)

„Repräsentieren“ bedeutet in der sogenannten „Kognitionswissenschaft“ alles und nichts. Hier steht es anscheinend für „verstehen, interpretieren“, und da die Babies auch eine „Theorie des Geistes“ entwickeln sollen, lange bevor sie ein Wort sprechen, ist alles möglich. Hirnscans, Nuckelversuche und Blickverfolgung beweisen es dann empirisch. Aus den verschiedenen Reaktionen der Säuglinge wird auf die Existenz zweier verschiedener (angeborener) „Systeme“ geschlossen, was immer das nun wieder ist. In Wirklichkeit beobachten wir nur, daß Kinder schon sehr früh zwischen Hantieren und Kommunizieren unterscheiden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2022 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48947

(Auch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#38957)

Im Juli 2022 soll ein Buch von Lars Chittka erscheinen: The mind of a bee

Most of us are aware of the hive mind—the power of bees as an amazing collective. But do we know how uniquely intelligent bees are as individuals? In The Mind of a Bee, Lars Chittka draws from decades of research, including his own pioneering work, to argue that bees have remarkable cognitive abilities. He shows that they are profoundly smart, have distinct personalities, can recognize flowers and human faces, exhibit basic emotions, count, use simple tools, solve problems, and learn by observing others. They may even possess consciousness.

Taking readers deep into the sensory world of bees, Chittka illustrates how bee brains are unparalleled in the animal kingdom in terms of how much sophisticated material is packed into their tiny nervous systems. He looks at their innate behaviors and the ways their evolution as foragers may have contributed to their keen spatial memory. Chittka also examines the psychological differences between bees and the ethical dilemmas that arise in conservation and laboratory settings because bees feel and think. Throughout, he touches on the fascinating history behind the study of bee behavior.

Exploring an insect whose sensory experiences rival those of humans, The Mind of a Bee reveals the singular abilities of some of the world’s most incredible creatures.

Vom Inhalt gibt ein früherer Beitrag des Verfassers einen Eindruck: Lars Chittka: „Intelligente Bienen“. Deutsches Bienen-Journal 2018/2

Der Verfasser glaubt die Lehre von „einfachen Instinkten“ (Instinkte sind in dieser Literatur immer „einfach“ oder „simpel“, ebenso wie Reflexe) zurückweisen zu müssen. Er zeigt, daß Bienen lernen, also konditioniert werden können, was ja nicht neu ist.
„Instinkte bestimmen sicherlich die Lebensweise der Bienen. Um all ihre Aufgaben erledigen zu können, müssen sie aber auch lernen können und ein gutes Gedächtnis haben.“
Gedächtnis ist überflüssig, da es im Lernen – als dauerhafter Verhaltensänderung – schon inbegriffen ist. Bienen können konditioniert werden, das ist nicht neu.

„Wenn Bienen sich zwischen mehreren Orten hin und her bewegen, sind sie in der Lage, das ‚Problem* des Handlungsreisenden‘ zu lösen: Sie finden die kürzeste Route, auf der jeder Ort nur einmal besucht wird. Jeder, der Erfahrung damit hat, sich in der Natur über längere Strecken ohne Kompass zurechtzufinden, wird bezeugen, dass dies keine triviale Aufgabe ist. Sie verlangt eine hohe Aufmerksamkeit bezüglich Landmarken und Details der Umwelt, manchmal ein aktives Absuchen der Umgebung und eine effiziente Suchstrategie für den Fall, dass man vom Weg abgekommen ist. Bienen zeigen alle diese Verhaltensweisen und können Dutzende visueller Eindrücke im Gehirn abspeichern.“

Der typische Planimeter-Trugschluß: Die Aufgabe wird so formuliert, wie sie sich uns Menschen stellen würde.

Auch die „Lebenseinstellung“ einzelner Bienen aufgrund ihrer Erfahrungen, wie im Bericht von Tina Baier (SZ vom 14.4.22), ist schon vorgezeichnet:

„Diese Beobachtungen zeigen, dass Bienen nicht starr auf Signale aus der Umwelt reagieren. Vielmehr weisen sie gefühlsähnliche Zustände auf, die ihr Verhalten beeinflussen – je nachdem, ob die Biene aufgrund ihrer Erfahrung eher „optimistisch“ oder „pessimistisch“ eingestellt ist.“

Zum Schluß wird erwogen, daß auch einfache Gehirne „bewußtseinsähnliche Phänomene“ erzeugen können.

Die Sensation liegt im Auge des Betrachters. Manche können der Versuchung nicht widerstehen, der nüchternen, peer-reviewten Untersuchung etwas Enthusiastisches für die Menge folgen zu lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2022 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48941

Man sollte meinen, daß ein so gut abgrenzbarer Gegenstand wie der Schwänzeltanz der Honigbiene in nicht-kontroverser Weise erforscht werden könne. Das ist aber nicht der Fall.
Die Forscher sind sich wohl einig, daß es den Schwänzeltanz gibt, aber Tautz und andere bezweifeln die Genauigkeit und/oder Relevanz.
Wenn die Bienen nur in 10 % der Fälle die Information des (sozialen) Schwänzeltanzes nutzen und im übrigen die (individuelle) eigene Erfahrung und andere Hinweise, dann ist es natürlich schwer, die Information im Tanz überhaupt zu entdecken. Nur die Befolgung sichert ja die Deutung gegen den Zufall. (https://en.wikipedia.org/wiki/Waggle_dance) Da hilft auch nicht eine noch so genaue Analyse der Tanzbewegungen.
Man läßt sich aber v. Frischs Lehre ungern ausreden oder auch nur schmälern, zumal sie schon Unterrichtsstoff in der Schule war. Daher die Heftigkeit der Kontroversen. (Vgl. den Schlagabtausch in der Süddeutschen Zeitung 2009 im Anschluß an einen Bericht von Katrin Blawat.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.04.2022 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48934

Neurowahn und Neurobluff: Die Forscher finden mit ihren aufwendigen bildgebenden Verfahren immer, was sie ins Modell hineingesteckt haben. Wenn man die Handlungsplanung mit einer Idee des Ergebnisses beginnen läßt (eine Variante der Blaupausentheorie), wird man eine Region für solche Ideen finden. Man wird Zentren für Latein und für chinesische Zeichen, für Substantive oder Präpositionen, für Tonarten, Farben, Gemüse und Insekten finden – es ist einfach unvermeidlich, daß sich in Hirnscans Unterschiede zeigen, die man dann den hineingesteckten Begriffen zuordnen kann. Aus Kostengründen untersucht man nicht alles, so daß nicht herauskommt, daß es sich selbst ad absurdum führt. An den MPIs bilden sie sich dann ein, die „Verarbeitung“ (processing) von Sprache usw. aufgeklärt zu haben (wie Angela Friederici mal ausdrücklich behauptete).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2022 um 10.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48929

Im Sprachverhalten kommt es zum Beispiel zu Anaphorik: Sprachzeichen, deren Verwendung dadurch begründet ist, daß der Sprecher berücksichtigt, was zuvor gesagt worden ist. Dieses Berücksichtigen ist kein definierbares Verhalten, sondern eine Komponente unter vielen, die den Redefluß steuern. Es ist seinerseits komplex, z. B. auf gesellschaftliche Normen bezogen. Für all dies kann es keinen Ort im Gehirn geben, und kein Hirnscan kann es aufspüren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2022 um 03.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48916

„Musik folgt bestimmten Regeln, ähnlich wie einer Art Grammatik – und das kommt beim Musikhören zum Tragen: Menschen haben die musikalischen Regeln ihres kulturellen Umfelds verinnerlicht und wenden sie beim Musikhören intuitiv an. So gibt es Harmoniefolgen, die unserem Gehirn stimmig erscheinen – und andere, die dem Regelwerk widersprechen. Tatsächlich gelang es den Forschenden, in ihren Experimenten nachzuvollziehen, dass das Gehirn auf ‚Regelverstöße‘, etwa auf unpassende Schlussakkorde, mit veränderter Aktivität reagiert. ‚Interessanterweise ist die Hirnantwort bei Disharmonien vergleichbar mit der, die wir bei grammatikalischen Fehlern in der Sprache beobachten‘.“ (Max Planck Forschung 2/2022)

Die Darstellung wirft einige Fragen auf: Was bedeuten die Anführungszeichen um „Regelverstöße“? Ist die Rede von Regeln nicht wörtlich zu verstehen? Und wenn nicht, was bedeutet es dann, daß die Menschen Regeln „verinnerlicht“ haben und „intuitiv anwenden“? Nach dem Aufkommen von Chomskys Transformationsgrammatik hat man sehr bald versucht, auch die Musik in entsprechenden Regelsystemen zu erfassen. Das Grammatikmodell ist 60 Jahre später aufgegeben und durch ganz andere Modelle ersetzt worden, aber in der Psychologie und auch in der Computerlinguistik haben viele es beibehalten, als sei es immer noch der Stand der Technik. Ferner: Sind Reaktionen des Gehirns auf grammatische und harmonische Verstöße vielleicht auch bei anderen Ereignissen zu beobachten, so daß die Spezifität der Reaktion und der betroffenen Regionen in Frage steht? Enttäuschte Erwartungen rufen auch andere körperliche Reaktionen hervor, es wäre überraschend, wenn dem keine Änderungen in der Hirnaktivität entsprächen. (JEDE Änderung der Versuchsanordnung ruft Änderungen im Hirnscan hervor – das ist die Crux dieser Versuche. Auch die Replizierbarkeit ist ein Problem, das meist unter den Teppich gekehrt wird.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2022 um 19.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48914

Wenn man voraussetzt, daß Sprechen und Musizieren das unbewußte Anwenden von Regeln ist (realistisch gedeutete Chomsky-Psychologie), dann werden Hirnscans zeigen, wo diese Regeln gespeichert sind und wo ihre Anwendung erfolgt. Wenn man schon in die Versuchsanordnung einbaut, daß Handlungsplanung darin besteht, eine Idee oder Zielvorstellung in Muskelbewegungen umzusetzen, dann mag das, wie das Regelbefolgen, begrifflich noch so inkonsistent und geradezu unverständlich erscheinen – die bildgebenden Verfahren werden es lokalisieren. An den Voraussetzungen kann gar nicht mehr gezweifelt werden, jedenfalls nicht aufgrund neurologischer Befunde.

Dagegen verhaltenspsychologisch angefangen: Wenn eine Handlung durch das Handlungsschema (Ankündigungsphase – Einspruch/Zuspruch – Ausführungsphase) definiert ist, also eine im Kern gesellschaftliche Struktur, dann kommt man gar nicht auf den Gedanken, nach einem Ort im Gehirn zu suchen. Daher der kindliche Eindruck der MPG-Forscherinnen, in diesem Fall die Frankfurter Neuro-Ästhetiker um Daniela Sammler.

Gegenderte Texte, öffentliche Bekenntnisse zur richtigen politischen Gesinnung, Wohlverhaltensbeschlüsse können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der wissenschaftliche Ertrag mancher personell stark besetzten Institute überschaubar bleibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2022 um 18.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48913

Jenes Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik erklärt sich solidarisch mit „Black Lives Matter“: https://www.aesthetics.mpg.de/institut/anti-rassismus-statement.html

Ich warte jetzt auf eine Stellungnahme zum Ukraine-Krieg. Die MPG als ganze hat sich schon erklärt: https://www.mpq.mpg.de/6701009/02-solidarity-with-people-in-ukraine
Die Wissenschaftsorganisationen empfehlen, die wissenschaftliche Kooperation mit russischen Partnern einzufrieren.

Was soll man übrigens von Instituten halten, die keine Erklärungen zu diesem oder jenem politischen Thema abgeben? Und stimmen wirklich alle Mitarbeiter zu? Das ist bei der bekannten Meinungsvielfalt der Menschen doch eher unwahrscheinlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2022 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48910

Zum vorigen:

Zu meinen Defiziten gehört, daß ich dem sogenannten "Schunkeln" nichts abgewinnen kann. (Ich hasse es wie die Pest.) Dabei ist es eine neue Variante des Urphänomens Musik/Tanz und höchst interessant. Kommt dieses Erlebnis der Gemeinschaft ohne alkoholische Enthemmung überhaupt vor?

Musik und Tanz sollen ja in "tiefen" Regionen unseres Gehirns verankert sein, andererseits ist es auch bei den nächststehenden Primaten nicht beobachtbar. Das ist anscheinend noch nicht aufgeklärt. Vielleicht gehört es zur typisch menschlichen Hypertrophie des Sozialen, dem auch die Sprache ihre Entstehung verdankt.

Zum Hintergrund William Benzon: "Beethoven’s anvil".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2022 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48909

Zu bildgebenden Verfahren und Musizieren:
„Das spannendste war allerdings, dass bei beiden Anforderungen das Broca-Areal aktiv war. Diese Region im Gehirn ist vielen lediglich als Sprachzentrum bekannt, sie spielt jedoch auch eine Rolle bei der Handlungsplanung – und zwar egal, ob wir einen Satz formulieren, Kaffee kochen oder eben musizieren wollen.“ (Max Planck Forschung 2/2022)

Spannend oder nicht – es ist ein Desaster. In Wirklichkeit sind alle oder jedenfalls sehr viele Regionen des Gehirns bei allen Aktivitäten mehr oder weniger aktiv. Das Verfahren selbst überhöht die relative Aktivität durch einen willkürlich gesetzten Schwellenwert, so daß krasse Unterschiede auf dem bunten Bildschirn erscheinen, wo eigentlich nur minimale bestehen. Außerdem werden sie in der Regel über mehrere Messungen (an verschiedenen Vpn oder derselbe zu verschiedenen Zeiten) gemittelt.
Die spannende Erkenntnis besteht also darin, daß man keine Erkenntnisse über die Zuständigkeit der Regionen für verschiedene Aktivitäten hat.

Die musikalische Aktivität soll wie jede andere Handlung mit einer „Idee“ oder „Vorstellung“ des gewünschten Ergebnisses im „Geist“ beginnen, dann folgt die Ausarbeitung der einzelnen Schrittte usw. – das Handlungsmodell ist geradezu kindlich naiv. Die Frankfurter „empirische Ästhetik“-Vertreterin ist eine Schülerin von Angela Friederici und verfährt ebenso wie diese. Es kommt ihr nicht in den Sinn, daß Ideen, Vorstellungen usw. keine Begriffe sind, die neurologisch ratifiziert werden können.

Aber ein paar Aufsätze darüber veröffentlichen und Geld einwerben – das geht immer. Am Schluß werden noch aufwendigere Versuche mit Computertomographen in Aussicht gestellt. "Hunting ghosts with Geiger counters" – das trifft es.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.04.2022 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48878

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#29807

Singer, Roth sprechen von der „Interpretation“ der Sinnesdaten durch das Gehirn, die dem Verhalten vorhergehen müsse – als wenn es zwei verschiedene Dinge wären. Dagegen: Das Verhalten IST die Interpretation. Die Schlange fängt die Maus; darin sind die Eindrücke von Wärme-, Gesichts-, Gehörs- und Tastsinn „gebunden“. Der Mensch „bindet“ auch durch Sprache; auch das ist ein Verhalten. Es ist unnötig, ein „Verstehen“ und „Wissen“ anzusetzen, das dem Verhalten zugrunde liegt.
Ein Problem entsteht dadurch, daß der Mensch nicht immer wahrnehmbar reagiert, sondern sogar die meiste Zeit nur dasitzt und vor sich hinguckt. Man kann ganze Bücher lesen, ohne erkennbar darauf zu reagieren; vgl. „Superspartaner“ (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1630#48871). Das ist Herders „Besonnenheit“, die uns von den Tieren unterscheidet, jedenfalls graduell.
Das Gehirn ist überwiegend damit beschäftigt, sich selbst zu organisieren; dafür verbraucht es auch die meiste Energie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2022 um 13.14 Uhr  
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Die „höheren kognitiven Leistungen“, nach deren neuronalem Substrat gesucht wird, existieren nur im Auge des Betrachters. Die Wüstenameise findet nach Hause durch Integralrechnung – so würden wir vorgehen. Aber sie macht es ganz gewiß einfacher. Der Schützenfisch leistet sein raffiniertes Jagdverhalten mit nur sechs Neuronen. Die Termiten bauen ihre kunstvollen Bauten nach ganz einfachen Prinzipien. Das Planimeter beweist, wie wenig Berechnung nötig ist.

Zu prüfen wäre also zunächst, ob uns die Evolution irgendwelche Anhaltspunkte für Diskontinuitäten oder Entwicklungssprünge gibt, die uns das In-Die-Welt-Kommen von mentalen Phänomenen erklären könnten, die wir einer anderen Seinskategorie zurechnen als die physiko-chemischen Prozesse im Gehirn. (Wolf Singer in Christian Geyer, Hg.: Hirnforschung und Willensfreiheit. Frankfurt 2004:39)

Die „mentalen Phänomene“ sind historische Konstrukte bestimmter Sprachgemeinschaften und nicht auf dem Weg der Evolution in die Welt gekommen.

Ebenfalls im Frontalhirn liegen die stammesgeschichtlich rezenten Areale, die sogenannten orbito-frontalen Areale, die beim Menschen eine besondere Ausprägung erfahren und für die Einbindung des Individuums in soziale Gefüge verantwortlich sind. Wenn es dort zu Störungen kommt, dann dedifferenziert die Persönlichkeit, die Menschen verlieren ihre moralischen Prinzipien und werden asozial. (Wolf Singer in Christian Geyer, Hg.: Hirnforschung und Willensfreiheit. Frankfurt 2004:41)

Es kann schon sein, daß Störungen diese Wirkungen haben, aber sind in sozialen und kulturspezifischen Begriffen beschrieben, die in einer Untersuchung des Gehirns nichts zu suchen haben. Die Uhr weiß nichts von Stunden und Minuten, Mondphasen und vielleicht noch Horoskopen, die man an ihr ablesen kann. So auch das Frontalhirn und die „moralischen Prinzipien“, für die es notwendig sein mag, aber nicht spezifisch zuständig ist. Der heranwachsende Mensch wird mit Hilfe seiner zerebralen Ausstattung in eine Gesellschaft integriert und zeigt dann ein Verhalten, dem der Philosoph „moralische Prinzipien“ unterstellen kann – das ist aber im Auge des Betrachters und nicht im Frontalhirn.

Die Fragestellungen haben schon rein begrifflich etwas Schiefes, was eine Antwort unmöglich macht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2022 um 03.59 Uhr  
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Die Zusammenlegung der Kräfte – Typ 1 von Hofstätters Gruppenleistungen – besteht in der Synchronisation gemeinschaftlicher Anstrengungen. Abbildungen aus dem alten Orient zeigen, daß jemand in die Hände klatscht; oder man gibt den Rhythmus durch Zurufe vor, oder die Arbeitenden selbst organisieren sich durch Rufe (hau-ruck!) oder Arbeitslieder. Das dürfte zusammen mit dem „social grooming“ (Robin Dunbar) einschließlich Schlafliedern die Entstehung und Entwicklung der Sprache beeinflußt haben. (Beim Schleppen enormer Lasten wurde im alten Orient auch die Androhung schwerster Strafen wie Auspeitschen oder Pfählen als nützlich angesehen.) Ernst Mach („Kultur und Mechanik“) wundert sich auch über die ineffiziente Technik des Transports von Steinblöcken auf Schlitten. Ähnliches erfuhren die europäischen Forschungsreisenden, Missionare und Kolonialbeamten. Sie wunderten sich über den Mangel an arbeitserleichternden Hilfsmitteln und Methoden.

Es ist wohl kaum zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass kein Lebensbedürfniss von ihnen eine solche Menge langwieriger Arbeitsverrichtungen erfordert, als das Bedürfniss des Schmuckes: das Ordnen des Haares, die Bemalung des Körpers, das Tättowieren, die Anfertigung zahlloser Nichtigkeiten, mit denen sie die Gliedmassen verzieren. Und dieselbe Neigung zu künstlerischer Ausgestaltung und Ausschmückung bethätigen sie bei der Anfertigung fast aller Gegenstände dauernden Gebrauchs. Viele von diesen sind spielerische Nachahmungen von Thierfiguren, und wo es das Material irgend gestattet, ist eine Neigung und ein Geschick für bildnerische Behandlung bethätigt, die ebensowohl wegen der Mühseligkeit der Ausführung als wegen der Geduld, die sie erforderte, unser höchstes Erstaunen erregt. Selbst die armseligen nackten Waldvölker Centralbrasiliens haben einen ausserordentlichen Reichthum der Ornamentik an ihren der Zahl nach sehr beschränkten Geräten und Werkzeugen. (Karl Bücher: Arbeit und Rhythmus. 2. Aufl. S. 15)

Die Durchbohrung mancher Schmucksteine dauert zwei Generationen.

Bücher stellt in seinem berühmten Buch auch ein Vorurteil richtig:

Ist unüberwindliche Faulheit der Menschen ältestes Erbtheil, wie konnten sie dann überhaupt sich über die Existenz des früchtesammelnden und wurzelgrabenden Thieres emporheben? Räubervölker fanden nichts zu rauben, wenn nicht andere Völker arbeiteten und Vorräte anlegten.

Seiner Ansicht nach „arbeiten“ die Naturvölker nicht weniger als die „zivilisierten“, nur die Verteilung der Arbeit über die Zeit und die ganze Organisation ist grundverschieden. Er zitiert aus den Expeditionsberichten von Karl von den Steinen.

(Das Buch ist übrigens im Netz lesbar: https://archive.org/details/arbeitundrhythm00bcgoog)

Man muß immer wieder zur älteren ethnographischen Literatur greifen, die noch nicht durch den Filter von Psychoanalyse, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Antikolonialismus, Antirassismus usw. gegangen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2022 um 06.17 Uhr  
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Ich fahre regelmäßig an Tierarztpraxen vorbei, die auch Homöopathie anbieten, genau wie die Humanquacksalber. Paul Enck führt den Effekt der Placebos auf die Beruhigung des Tierhalters zurück. Besonders Pferde sind sehr sensibel.
https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/homoeopathie-wieso-es-einen-placeboeffekt-bei-tieren-gibt-a-974333.html
Die Sache ist schwer zu diskutieren, weil die Anhänger der Homöopathie die üblichen wissenschaftlichen Prüfverfahren zurückweisen. Der Gesetzgeber kam ihnen bisher entgegen, indem er auf den Wirksamkeitsnachweis verzichtete. Die pflegliche Behandlung des Aberglaubens rächt sich (Querdenkerei).

Gestern im Briefkasten: Bettelbriefe werben um Spenden für Haustiere, die aus der Ukraine geflüchtet sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2022 um 06.34 Uhr  
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Auch ein passionierter Reduktionist wird zugestehen, daß wir im Alltag zwischen Seele und Körper, zwischen dem Seelenschmerz und der physischen Migräne haargenau und absolut sicher unterscheiden, genauso wie es Tiere, z. B. Primaten und andere Säugetiere, vielleicht auch Vögel, tun. (...) Placebos haben meßbare Wirkungen im tierischen und menschlichen Gehirn, sie bewirken durch mentale Vorstellungen die Freisetzung von Endorphinen, also von körpereigenen Schmerzmitteln. (Reinhard Brandt: Können Tiere denken? Frankfurt 2009:13)

Die „mentalen Vorstellungen“ sind keine Beobachtungsdaten, sondern vom Philosophen hinzuerfunden. Aus dem Alltag ist bekannt, daß schamvolle Erinnerungen Hautreaktionen (Erröten) hervorrufen, lustvolle Vorstellungen Tumeszenzen. Das sind erklärungsbedürftige Vorgänge, vor denen aber auch ein „passionierter Reduktionist“ nicht kapitulieren muß. Daß Tiere zwischen Seele und Körper unterscheiden, und das auch noch „haargenau und absolut sicher“, ist auch eine gewagte und eigentlich kaum verständliche These. Sind Angst, Ekel usw. seelisch oder körperlich oder beides? Und Wahrnehmungen? Oder ist die Unterscheidung ein obsoletes Mißverständnis? Mit der umstrittenenen Tier-Homöopathie (falls daran gedacht sein sollte) läßt es sich nicht belegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.03.2022 um 05.25 Uhr  
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Ich stelle noch einmal die beiden schon zitierten Stellen nebeneinander, die in mustergültiger Weise vorwegnehmen, was später als Thomas Kuhns Theorie vom „Paradigmenwechsel“ großes Aufsehen erregte und eine immer noch anhaltende wissenschaftstheoretische und -historische Diskussion auslöste:

„Die frühere Auskunft, welche die Arten der Tiere und Pflanzen durch eine von außen formende Intelligenz ursprünglich hervorgebracht werden ließ, ist damit als naturhistorische Theorie endgültig beseitigt, beseitigt nicht durch Widerlegung, sondern wie jede überlebte Theorie beseitigt wird: durch das Dasein der rechtmäßigen Nachfolgerin, der besseren Theorie.“ (Friedrich Paulsen: Einleitung in die Philosophie. 17.-19. Aufl. Stuttgart, Berlin 1907:200; erste Aufl. 1892)

„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vorneherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“ (Max Planck: Wissenschaftliche Selbstbiographie. Leipzig 1948:22)

Es gibt sicher noch mehr Belege für diese Ansicht. Wenn man sich darüber wundert, wieso Kuhn so unorthodox-bahnbrechend wirken konnte, stößt man natürlich auf den inzwischen herrschend gewordenen Falsifikationismus Poppers.

Die lehrbuchmäßige Darstellung ist eben etwas anderes als die tatsächliche Forschung, mit der sich die Wissenssoziologie und nicht die Logik beschäftigt. „Logik der Forschung“ war ein irreführender Titel.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2022 um 07.02 Uhr  
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Gerade die beiläufig, ohne theoretischen Anspruch aufgezählten "Seelenvermögen" (wie man früher sagte und heute in anderen Worten immer noch meint) zeigen, von welchen Selbstverständlichkeiten unsere Kultur ausgeht:

„Denken, Fühlen, Erkennen, Wahrnehmen und Wollen“ (Gerhard Roth/Wolfgang Prinz, Hg.: Kopf-Arbeit. Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Heidelberg, Berlin, Oxford 1996:63)

usw. – beliebig viele Belege, die einander alle sehr ähnlich sind. Die Ethnopsychologie zeigt, daß andere, naturgemäß nicht übersetzbare Inventare möglich sind. Sie erinnert uns daran, wie speziell unsere Konstrukte sind und wie lange es gedauert haben muß, bis die Menschen zu einer solchen Gliederung gekommen sind.

(Ich sehe an dieser Stelle davon ab, daß z. B. "Wollen" immer noch völlig falsch gedeutet wird, nämlich als "mentaler Akt" oder dgl.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2022 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48679

Der als seriös geltende Reclam-Verlag hat auch eine Einführung in die Astrologie von Peter Niehenke (auch als Nacktflitzer von Freiburg bekannt) herausgebracht und sogar noch einmal neu aufgelegt. (Ich habe das Büchlein in meinem Okkultismus-Aufsatz verarbeitet.) Kurse bietet Niehenke bis heute an, wobei ihm zugute kommt, daß er in Physik promoviert ist.
 
 

Kommentar von , verfaßt am 27.02.2022 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48618


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2022 um 15.37 Uhr  
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Ich hatte schon William H. Calvin erwähnt, der wie heute die meisten Neurologen eine "begrenzte Lokalisationstheorie" vertritt, d. h. nicht die spekulativen Hirnkarten wie Galls Phrenologie, aber auch nicht die "Äquipollenz" im Sinne Lashleys. Das sieht dann so aus:

We’ve lately made a lot of progress in locating some aspects of semantics in the brain. Frequently we find verbs in the frontal lobe. Proper names, for some reason, seem to prefer the temporal lobe (its front end; color and tool concepts tend to be found toward the rear of the left temporal lobe). (William H. Calvin: How the brain thinks 1996)
(https://williamcalvin.com/bk8/bk8ch1.htm)
Vgl. auch http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47672

Das kann nicht stimmen. Erstens wäre konsequent weiterzusuchen, mit der gleichen Methode von Stimulus und Hirnscan. Hat man den Sitz von Hunden und Elefanten, Steuerhinterziehung, Klopapier und Violinsonaten untersucht? Man würde zweifellos verschiedene Orte (stärkerer Durchblutung) finden. Außerdem gibt es ja Eigennamen und Verben nicht einfach so außerhalb jeder Verwendung und jeder Aufgabenstellung. Wir abstrahieren die Wortarten aus den Verwendungsarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2022 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48595

Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen (1994)

Aber nur in der Rückschau. Im Ablauf der Ereignisse ist die Lösung immer schon vor dem Problem da. Die Coronaviren stehen nicht vor dem Problem, wie sie sich gegen die Immunität der Menschen durchsetzen könnten, sondern sie mutieren zufällig und entkommen damit der Immunabwehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2022 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48563

Orang-Utans benutzen Steinzeit-Messer

Ohne es je irgendwo gesehen zu haben, kommt einem Affen die Idee, scharfkantige Steine zum Schneiden zu verwenden. Was bedeutet das für die angebliche Überlegenheit des Menschen? (...)
Nach Ansicht der Studienautoren besaß möglicherweise schon der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Orang-Utan, der vor etwa 13 Millionen Jahren lebte, viele jener Fähigkeiten, die erforderlich sind, um Werkzeuge herzustellen und zu benutzen. Dazu zählt auch eine große Innovationskraft, die nach Ansicht von Tennie bis heute nicht nur den Homo sapiens auszeichnet, sondern auch nicht menschliche Primaten wie die Orang-Utans. Die geniale Idee, aus Steinen Werkzeuge herzustellen, kam also nicht aus dem Nichts. Die meisten Voraussetzungen waren wohl schon lange da, als die Steinzeitmenschen vermutlich aufgrund von Umweltveränderungen unter Druck gerieten und sich etwas einfallen lassen mussten, um zusätzliche Nahrungsquellen zu erschließen und auf diese Weise zu überleben.
(SZ 17. 2. 2022)

(Die „Innovationskraft“ ruft nach einem Molière: vis innovativa...) Der letzte Satz zeigt die naive Auffassung von Evolution. Als ob die Steinzeitmenschen vor dem Problem gestanden hätten: Was können wir tun, um zu überleben?
Die berichteten Beobachtungen an Affen leiden am üblichen Fehler: Die jahrelange Konditionierungsgeschichte der Tiere ist nicht dokumentiert. Wie „spontan“ das Verhalten eines Affen wirklich war, der einen scharfen Stein zum Öffnen eines Behälter benutzte, kann man daher gar nicht wissen.
Der ganze Bericht steht unter dem beliebten Motto: Was Tiere AUCH SCHON können. Er will uns staunen machen – fatal für jede wissenschaftliche Unternehmung.

Die Verfasser geben zu, daß der Affe Herstellung und Benutzung des Werkzeugs nicht verband. Er stellte es also gar nicht als Werkzeug her, sondern zufällig. Die Verwendbarkeit wurde ebenfalls zufällig entdeckt – nachdem der Affe eine jahrelange, aber nicht dokumentierte Lerngeschichte im Umgang mit Dingen hinter sich hatte. Unsere Vorfahren hatten keinen „zündenden Einfall“. Evolution ist keine Geschichte von zündenden Einfällen. Auch in der Kulturgeschichte geht es anders zu. Die „Entwicklung“ (Verbesserung) von Steinwerkzeugen zog sich über Tausende von Jahren hin und verdankt sich nicht einem „zündenden Einfall“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2022 um 04.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48561

„Wir verstehen nur, was wir herstellen können.“

Es scheint sich etwas grundsätzlich verändert zu haben, seit wir Werkzeuge benutzen, die wir nicht – oder nicht vollständig – durchschauen. Dazu gehören natürlich Computer. Aber auch die Molekularbiologen schnippeln mit „Scheren“, die sie nicht sehen, an Molekülen herum, die sie nicht sehen.

Aber verstehen kann man auf verschiedene Weise. Wenn wir einen Topf Wasser erhitzen, wissen wir, was wir tun, aber in einem gewissen Sinn verstehen wir nicht, was vor sich geht. Bei der Benutzung einfacher Maschinen wie Hebel oder loser Rollen läßt sich ebenfalls eine Erklärungsebene finden, auf der wir unwissend sind. Verstehen wir die Naturkräfte? Die Physiker würde es eher bezweifeln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2022 um 06.41 Uhr  
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Schimpansen sollen offene Wunden ihrer Genossen mit eigens gefangenen und zerkauten Insekten „behandelt“ haben. (Tobias Deschner vom MPI für evolutionäre Anthropologie und die Kognitionspsychologin Simone Pika)

Die Forscher staunten auch darüber, dass die Schimpansen nicht nur ihre eigenen Wunden, sondern auch die anderer Tiere aus der Gruppe mit den zerdrückten Insekten versahen. «Solche prosozialen Verhaltensweisen für Gruppenmitglieder sind bis jetzt nur sehr selten in nicht-menschlichen Tieren beobachtet worden», sagte Pika. Ob die von den Schimpansen gefangenen Insekten tatsächlich bestimmte, etwa die Wundheilung fördernde Substanzen enthalten, ist bisher unklar. Die Forschenden wollen zur Klärung Reste der genutzten Insekten sammeln und analysieren. (ZEIT 8.2.22)

Warum hat man diese entscheidenden Fragen nicht vor der Veröffentlichung untersucht? Das Verhalten muß doch verstärkt worden sein, entweder im individuellen Lernen oder phylogenetisch. Wie ist die gesamte Wundversorgung der Schimpansen, falls es überhaupt eine gibt? Die Forscher "staunten", und wir sollen auch wieder mal staunen – das verdirbt die Forschung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2022 um 05.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48535

Eine Heilpraktikerin und Impfverweigerin sieht in der Impfpflicht eine „seelische Bedrohung“ für sich selbst und für ihre „Patienten“, weil sie dann ihre Praxis schließen müßte. In der Krankheit selbst sieht sie anscheinend keine Bedrohung. (FAS 13.2.22) Es wäre eine Gelegenheit, diesen Beruf abzuschaffen (wie in Österreich). (Ich höre den Einwand: "Aber mir hat er geholfen!")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2022 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48436

In Literatur und Film („Am Anfang war das Feuer“) werden menschheitsgeschichtliche oder sogar stammesgeschichtliche Vorgänge auf lebensgeschichtliche (biographische) Maße zusammengezogen. Das Aussterben einer Art wird als wirkliches Sterben, als Tod ihres letzten Vertreters dramatisiert. In Wirklichkeit dürfte z. B. der Unterhalt des Feuers und dann erst recht die Kunst des Feuermachens sich über sehr lange Zeiträume entwickelt haben, mit kaum merklichen Veränderungen, die im Nachhinein als technischer Fortschritt erscheinen. Eine Filmvorführung, die zehntausend Jahre dauert, könnten wir jedoch mit noch so viel Popcorn nicht überstehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2022 um 07.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48427

Verhältnismäßig sehr jung sind die Steinkammergräber, von denen eines, das am besten erhaltene Steinkistengrab von Züschen, für uns Schüler ein beliebtes Ziel von Klassenwanderungen war. (Man kann nicht sagen, daß Schulkinder sich dafür besonders interessieren. Hier in Erlangen ist der "Kosbacher Altar" durch eine Nachbildung ersetzt; man ist dort praktisch immer allein.) Immerhin stammen sie aus einer schriftlosen Zeit. Wir wissen daher nicht, was sich die Urheber dabei gedacht haben. Die abstrakten Felszeichnungen stellen vermutlich Ochsengespanne dar, haben aber nichts Kindliches. Sie sind fast so abstrakt wie die ersten Buchstaben (Aleph), vgl. auch das chinesische Schriftzeichen niú "Rind". Wie kommt man darauf, einen Ochsen als Strich mit zwei Hörnern darzustellen? Naiv ist das nicht. Es wirkt auch nicht unbeholfen, sondern zeigt einen sicheren Strich: die Figuren sind offenbar genau so, wie sie sein sollen; ein langer Traditionshintergrund ist zu vermuten, wie bei jeder archaischen Kunst.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Galeriegrab_Züschen_I)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2022 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48424

Fortschritt und dementsprechend auch Primitivität in der Sprachgeschichte sind nicht in den „Strukturen“ zu suchen, die den Linguisten so teuer sind, weil sie sich damit beschäftigen, sondern im Grad des Ausbaus, also in der Entwicklung von Spezialisierungen – Ritualsprachen, Fachsprachen... (Poesie und ihr Gegenteil). Es ist das gleiche wie bei anderen kumulativen kulturellen Erscheinungen, technischen Geräten und Verfahren.
Es geht nicht darum, ob wir glücklicher, besser dran sind als unsere Vorfahren. Wir ernähren uns leichter, bewegen uns schneller voran usw. – in diesem Sinn hat die Entwicklung eine Richtung und ist ein Fortschreiten. (So auch Dawkins)

Die ältesten gegenständlichen Höhlenmalereien, die auf Sulawesi gefunden wurden, sind etwa 45.500 Jahre alt und keiner bestimmten Menschenart zuzuordnen. Geometrische Muster von Neandertalern sind noch viel älter. Vgl.

The ritual preparation of corpses for burial, for example, strongly suggests something akin to a belief in the afterlife, but it is hard to see how anything like a creed could be shared without verbal expression. (Daniel Dennett: Bacteria 261)

Übrigens sieht man neben der gut erkennbaren Abbildung eines Warzenschweins auf Sulawesi auch wieder die Sprühbilder von menschlichen Händen. Diese Technik erlaubt die Herstellung von Abbildern ohne eigentliche Zeichentechnik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.01.2022 um 08.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48389

Medizinische Heilsversprechen in der Werbung für Quacksalberei sind zwar verboten, werden aber mit großer Nachsicht behandelt. In Wirklichkeit handelt es sich um Betrug in großem Umfang.

Darüber hinaus sind aber Versprechungen im außermedizinischen Bereich straflos üblich, die ebenso großen Schaden anrichten. Ich hatte als winzigen Zipfel schon den energetisierten Sand erwähnt, dazu s. hier:
https://www.psiram.com/de/index.php/Plocher

Soll man die Unaufgeklärten um der "Freiheit" willen gewähren lassen? Aber selbst an Aufklärung läßt es der sonst so fürsorgliche Staat fehlen, wohl auch aus Angst vor den Gerichten. Die Medien trauen sich auch nicht. Nur kleine, wenig beachtete Vereine tun das Selbstverständliche, und damit können die Geschäftemacher gut leben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2022 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48359

Es gibt nicht nur kein Großmutter-Neuron, sondern die „Erinnerung an die Großmutter“ ist auch kein abgegrenztes, definierbares Ereignis oder Verhalten. Es gibt kein Verhalten, zu dem man so auffordern könnte: Erinnere dich an die Großmutter! (Denk an die Großmutter!) Es ist sozusagen synsemantisch: ein Bestandteil verschiedener Verhaltensweisen, die mit der Großmutter zu tun haben. Dabei sind auf jeden Fall sehr viele neuronale Verbindungen aktiviert, die das Verhalten so modifizieren, daß die Analyse darin einen Bezug auf die Großmutter feststellt. Mit Geräten wird man diese Vielfalt niemals eindeutig beobachten können. Sie ist überall und nirgends.

Anders gesagt: an etwas denken, sich etwas vorstellen usw. bezeichnen keine bestimmten Verhaltensweisen, sondern sind gewissermaßen adverbiale Bestimmungen. Bei etwas berücksichtigen oder Rücksicht nehmen sieht man es deutlicher: Nimm auf die Großmutter Rücksicht! Der Angesprochene wüßte nicht, was er tun sollte. In Wirklichkeit geht es darum, was immer er tut, so zu tun, daß dabei Rücksicht auf die Großmutter genommen wird. Zum Beispiel gehe ich langsamer oder trage ihr Gepäck oder plane ihren Geburtstag ein usw. – unendlich viele Verhaltensweisen, die entsprechend modifiziert werden können. Es wäre offenbar sinnlos, im Gehirn nach einer Entsprechung dieses Rücksichtnehmens zu suchen.
 
 

Kommentar von Theodor Icker, verfaßt am 06.01.2022 um 08.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48132

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36148

Das philosophische Wesen des Hundes hält auch Emily Bronte in einer alltäglichen Beobachtung fest:

As I spoke, I observed a large dog lying on the sunny grass beneath raise its ears as if about to bark, and then smoothing them back, announce, by a wag of the tail, that some one approached whom it did not consider a stranger. (Wuthering Heights II,1)

Man könnte sagen: Erst hört der Hund die Geräusche nur, dann versteht er sie (ordnet sie ein).

The daydreaming student is hearing the lecture but is not listening. (David C. Palmer)

Es gibt auch ein Reden mit und ohne Bedeutungserfüllung ("Plappern").
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 06.01.2022 um 07.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48130

Das ist doch keine schlechte Nachricht. Dann darf man daraus schließen, daß wir zumindest in vertrauten Situationen wissenschaftlich denken, statt auf subjektive Erfahrungen zu setzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2022 um 07.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48129

„Menschen haben große Probleme damit, sich in neuen, unbekannten Situationen rational zu verhalten. Sie werden von ihren Ängsten, ihren Bedürfnissen und ihren subjektiven Erfahrungen beherrscht. Da kommt Vernunft, etwa wissenschaftliches Denken, kaum gegen an.“

Diese trivialstmögliche wald-und-wiesen-psychologische Erkenntnis wird von der Süddeutschen Zeitung wie eine Preziose weitergereicht. Der Hirnforscher Gerhard Roth hat sie zuerst im SPIEGEL vorgetragen. Er äußert sich oft und gern über alles mögliche, und als Hirnforscher ist er ja auch für alles zuständig. – Warum merken die Journalisten nichts? Das ist mir seit Jahrzehnten ein Rätsel. Ich führe es auf die Nichtigkeit der Psychologie als Wissenschaft zurück, aber vielleicht liegt es einfach an der Übermacht von Wald-und-Wiese (also der "folk psychology"). Die zeitgenössische Erscheinungsform ist die Narrenfreiheit für "Hirnforscher".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2022 um 07.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48100

Die Kreationisten geben sich, was den Ursprung der Sprache angeht, ganz wissenschaftlich, auch wenn man merkt, daß sie mit den referierten Tatsachen nichts Rechtes anzufangen wissen. Schließlich rücken sie aber doch damit heraus, daß Gott dem ersten Menschen die Sprache mitgegeben hat, und alles löst sich auf:

https://appearedtoblogly.files.wordpress.com/2011/05/harrub-brad-adn-et-al-22the-origin-of-language-and-communication22.pdf

Man könnte es für eine abseitige Spinnerei halten, aber viele Millionen glauben es.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.12.2021 um 07.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48077

Zum vorigen:

Verhalten tritt in funktionalen Gruppen auf, „im Set“. Man schaltet um auf Französisch, auf Amtlich, auf ein Register, nicht nur sprachlich. In Gesellschaft ißt man manierlich, statt sich mit einer Stulle auf der Couch zu lümmeln, aber zugleich unterhält man sich gesitteter, schneuzt sich nicht usw. In Ausflugslokalen kann man beobachten, daß die Gäste sogar ein Leberwurstbrot gar zierlich mit Messer und Gabel attackieren, was sie zu Hause niemals tun würden. Das geht mit einer ganzen Gruppe von Verhaltensweisen einher, die das „Skript“ in dieser Situation vorsieht. Subroutinen übernehmen die Einzelheiten, getriggert durch Merkmale der Situation.
Neurosophen sind immer versucht, den funktionalen Einheiten besondere „Module“ im Gehirn zuzuordnen und sie mit Hirnscans zu lokalisieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.12.2021 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48059

Zu jedem Verhalten läßt sich ein „Vermögen“ konstruieren, wie man früher sagte (heute pädagogisch „Kompetenz“, philosophisch „Modul“), und der Neurowahn sucht dann im Gehirn nach Entsprechungen solche Module. Jerry Fodor, der bekannteste Modularitätsphilosoph, stellte sich ausdrücklich in die Tradition der Phrenologie, auch wenn er deren Mängel kannte.

Die „Vermögen“ sind hypostasierte und in das Konstrukt des Geistes projizierte Gruppen von Verhaltensweisen. Wir argumentieren und nutzen dazu logische Strukturen, folglich haben wir einen Verstand usw.

Die bildgebenden Verfahren müssen sehr vorsichtig benutzt werden, sonst findet man überall Bestätigung und kann niemals widerlegt werden. Es ist wohl noch nie vorgekommen, daß für zwei verschiedene Vorgaben genau die gleichen Hirnscan-Bilder gefunden wurden. Daraus wird gefolgert, daß es im Gehirn verschiedene Regionen für Radfahren, Zeichnen, Farben, Substantive, Verben usw. gebe. Nur wenige Forscher scheinen das methodische Problem erkannt zu haben. Die unabwendbare Bestätigung der Theorie ist keine Stärke, sondern eine tödliche Schwäche.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2021 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#48009

Amerikanische Psychologen haben festgestellt, daß zu große Einigkeit in moralischen Fragen gefährlich ist. So heute im Unsinnskasten auf der ersten Seite der SZ (Sebastian Herrmann).

Übrigens ist die Formulierung ungewollt tautologisch, denn in "zu groß" steckt ja die negative Beurteilung schon drin.

Wie kann es sein, daß so etwas nicht nur referiert, sondern sogar auf die erste Seite einer großen Zeitung gehievt wird? Ich würde es nicht immer wieder erwähnen, wenn ich es nicht für bedeutsam hielte, daß unsere Gesellschaft in Sachen Psychologie (und Sprache) alle Maßstäbe in den Wind schlägt. Partielles Irresein...

Auf einen kritischen Artikel über Rudolf Steiner folgte kürzlich die erwartbare Flut von empörten Briefen ehemaliger Waldorf-Schüler usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2021 um 07.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47983

Anders geformte Griffe an Einkaufswagen (ähnlich einer Schubkarre statt der üblichen Querstange) steigern die Einkaufslust um 25 Prozent. Sie werden mit dem Bizeps gesteuert, der Sachen heranzieht, nicht mit dem Trizeps wie die Querstange, der sie wegschiebt.
Das berichtet die SZ auf ihrer ersten Seite in jenem Kasten, der gewöhnlich den psychologischen Schund enthält. Eine Konsum-Boosterung um ein Viertel ist keine Kleinigkeit und könnte die Volkswirtschaft mächtig ankurbeln.

Na, und Trump hat sich boostern lassen, hahaha.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2021 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47924

Zu den Nichtigkeiten aus der psychologischen Forschung, die regelmäßig in der Zeitung abgedruckt werden, gehört auch dies:
Während 63 Prozent der College-Studenten (wer sonst? Und alle in Wilmington, North Carolina...) der Meinung sind, beim ersten Date solle der Mann bezahlen, haben tatsächlich in 80 Prozent der Fälle die Männer bezahlt. Das ist erschütternd.
Immerhin hat die weltbekannte Shanhong Luo ihre Publikationsliste verlängert und ein paar Studentinnen zur Graduierung verholfen.
Die SZ (Sebastian Herrmann) bringt es wie gewohnt im Kasten auf der ersten Seite.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2021 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47881

In der SZ vom 11.12.21 geht es um die Deutung der Unterschriften von bekannten Menschen. Eine Graphologin wird befragt. Sie arbeitet für „Firmen, die sie um Rat fragen, ob diese oder jene Bewerberin (!) für einen Job besser geeignet sei“.

Diese menschenfeindliche und wahrscheinlich verfassungwidrige Praxis ist natürlich völlig haltlos. Die Graphologin beurteilt in diesem Fall die Menschen nicht einmal „verblindet“, sondern unter voller Kenntnis ihrer Identität. Sie glaubt, „dass Olaf Scholz’ Belastbarkeit nicht sehr groß ist“ usw. – der ganze übliche Unsinn.

Graphologie ist meiner Ansicht nach eine Parawissenschaft, während die Astrologie eine Pseudowissenschaft ist. Das Schreiben ist tatsächlich eine menschliche Tätigkeit, in der wie im Gang und der Mimik etwas von der sogenannten Persönlichkeit steckt und herausgelesen werden könnte, wenn es eine Methode gäbe. Aber daran fehlt es eben.

Die Zeitung bleibt leicht ironisch, könnte aber mehr zur Aufklärung beitragen. Die Nachsicht des Publikums mit Quer- und Schrägdenkern ist viel zu groß.

Es soll immer noch Firmen geben, die graphologische Beratung suchen, auch wenn der „handgeschriebene“ Lebenslauf aus der Mode gekommen ist. Graphologen haben ja immer behauptet, die Handschrift könne man nicht verstellen – wie die Hautfarbe, nicht wahr? Damit ist eigentlich alles gesagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2021 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47823

Wie die Washington Post berichtet, hat der Verhaltensforscher Carel ten Cate auf älteren Tonbandaufzeichnungen entdeckt, daß eine australische Moschusente (Lappenruderente) sprechen konnte. Sie sagte nämlich „you bloody fool“. Das ist so unsympathisch wie das ganze Vieh, über dessen Gewohnheiten der Wikipedia-Eintrag Auskunft gibt. Mit dieser Einsicht gewappnet, kann man sich Herrn ten Cate auch selbst ansehen:
https://www.youtube.com/watch?v=IVVN7rVEg7U
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 03.12.2021 um 23.08 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47794

Ich weiß nicht so recht, ob es hier reinpaßt, aber es gibt ja Fachrichtungen, die sich auf sehr bodenständige Weise mit menschlichem Verhalten beschäftigen müssen. Etwa wenn menschliche Kommunikation maschinell simuliert wird, z.B. bei Chatbots. Vermutlich sind da wichtige Grundlagen Firmengeheimnis.

Mit Mimik, Körpersprache und allgemein körperlichen Bewegungsmustern hat man ja schon Erfahrung durch die vielen Animationsfilme. Zur Zeit geht ein Video über neuartige Roboter durchs Netz.
https://youtube.com/watch?v=IPukuYb9xWw
https://youtube.com/watch?v=Yj-fFgff1fU
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.12.2021 um 04.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47776

Ob „Vermögen“ oder „Funktionen“ - die Lehrwerke zur allgemeinen Psychologie sind immer noch im wesentlichen gleich aufgebaut. Ihre Großkapitel sind etwa überschrieben: Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis, Bewußtsein (Aufmerksamkeit), Gefühl (Emotion), Wille (Motivation); Sprache. Vorangestellt wird gern ein Kapitel Neurophysiologie, das mit dem Rest durch eine lockere Lokalisationslehre verbunden ist (mit „bildgebenden Verfahren“ wie EEG und MRT als Brücke). In die Begrifflichkeit ist seit einigen Jahren „Repräsentation“ eingeschleust wie eine Seuche.

Natürlich ist es schwer, von dieser folkpsychologisch geprägten, mehr oder weniger philosophischen Einteilung her auch das Verhalten der Tiere einzubeziehen, und so ist denn die traditionelle Psychologie überraschenderweise wieder zur reinen Menschenkunde geworden. Tiere werden, wenn überhaupt, in der Begrifflichkeit der Humanpsychologie dargestellt („Theory of mind“ bei Schimpansen usw.).

Der verhaltensanalytische Ansatz war und ist ganz anders. Er nimmt sich das Verhalten von Organismen und seine Veränderungen durch Lernen vor. Die Konstrukte der sprachgebundenen Alltagspsychologie werden nicht übernommen, sondern als Explananda mitbehandelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2021 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47752

Narzissten glauben eher an Astrologie. Das haben Forscher der Universität Lund festgestellt, und Sebastian Herrmann berichtet wie üblich darüber auf der ersten Seite der SZ (30.11.21). „Gesteigerte Selbstverliebtheit“ wird selbstverständlich mit einem Satz von Kriterien nach Art der guten alten Persönlichkeitsforschung (früher: Charakterkunde) festgestellt: Neurotizismus usw.

Bei diesen harmlosen Spielereien kommt auffälligerweise immer nur das heraus, was wir uns eh schon gedacht haben... Aber viele traditionelle Psychologen meinen ja wirklich, wir müßten uns in ihren Ergebnissen wiederkennen können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2021 um 06.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47720

Die Pandemie belastet die Psyche der Menschen. (FAS 27.11.21)
= Die Pandemie belastet die Menschen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 23.11.2021 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47684

Schadet es, wenn die Deppen weniger werden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2021 um 06.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47672

Die Aufforderung, einen Gegenstand (meist auf dem Bildschirm) zu benennen, gehört zu den Standardversuchen der Psychologie. Sie gilt als Sprachtest schlechthin, aber eigentlich handelt es sich um ein Verhalten, das ziemlich weit von natürlichem Sprachverhalten entfernt ist und darum auch als metasprachlich bezeichnet wird: Nicht die Verwendung der Wörter, sondern ihre Einführung wird untersucht, noch dazu in der verfremdeten Form einer Fiktion, weil der Versuchsleiter die Bezeichnungen ja schon kennt und der Proband das auch weiß; es besteht also kein Informationsbedürfnis wie bei wirklichem Sprachunterricht oder gar bei wirklichen gegenstandbezogenen Mitteilungen. Das ist der Künstlichkeit einer Prüfungsfrage vergleichbar, die oft zu Unrecht als prototypische Frage behandelt wird.
Als Verhalten gesehen, ist die Bezeichnungsabfrage also eine Art Verstellung oder Simulation. Kurt Goldstein ist auf die Unnatürlichkeit der Bezeichnungsabfrage gestoßen, als er bei Aphatikern feststellte, daß diese Versuchsanordnung ganz andere Ergebnisse hervorbrachte als die natürliche Verwendung der gleichen Testwörter.
Diese Besonderheit wird in neueren Texten gar nicht mehr berücksichtigt.
Der Versuch zeigt in Verbindung mit Elektrostimulation oder bildgebenden Verfahren, daß die Bezeichnungsabfrage „Zentren“ im Gehirn aktiviert, die bei verschiedenen Probanden auffallend verschieden lokalisiert sind. Willam Calvin führt das darauf zurück, daß diese vermeintlichen „Sprachzentren“ evolutionär noch recht jung sind. Aber warum sollte man überhaupt Sprachzentren annehmen? Entsprechende Versuche würden zweifellos Zentren ergeben, die bei Modefragen, beim Klavierspielen usw. besonders aktiviert werden. Man würde deshalb aber keine Mode- und Klavierzentren im Gehirn ansetzen. Daß lokalisierbare Hirnschäden umschriebene Funktionsstörungen auslösen, ist kein Beweis für die Existenz spezifischer Zentren, erst recht nicht bei Verhaltensweisen, die eindeutig der Kultur, also den konditionierten Reaktionen zuzuweisen sind.
Calvin und andere gehen so weit, auch Substantive, Verben usw. im Hirn zu lokalisieren, obwohl die Wortarten nur einzelsprachlich definiert sind (und unsicher genug, wenn man an die Diskussion selbst über gut erforschte Sprachen denkt). Dabei muß man die Befunde nicht einmal anzweifeln: Es wird immer irgendwelche Unterschiede geben, wenn man man mehreren Probanden verschiedene Aufgaben stellt und die Zonen stärkerer Durchblutung mittelt. In Zweifel steht die Spezifizität dieser Reaktionen.
Kürzlich hat man durch bildgebende Verfahren die eigentlich schon sehr alte Vermutung eines Zusammenhangs von Sprechen und manueller Tätigkeit erneuert. Solche Überlappungen muß es logischerweise zwischen vielen Aktivitäten geben, aber was bedeuten sie? Gibt es einen unspezifischen gemeinsamen Nenner zwischen Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick weit voneinander entfernt sind? Voraussetzung für die Bearbeitung solcher Fragen ist die streng naturalistische Beschreibung und Analyse des Verhaltens selbst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2021 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47671

Eine Psychiaterin und Gerichtsgutachterin wird zum Thema „Dummheit“ interviewt, über das sie auch ein Buch geschrieben hat. Sie gibt Allerweltsweisheiten von sich, die zusätzlich dadurch eingetrübt sind, daß sie Dummheit mit Bösartigkeit vermischt. Hitler scheint ihr ein guter Kandidat von Dummheit zu sein, letzten Endes aber nur deshalb, weil er verloren hat. Napoleon erwähnt sie nicht; der hat zwar ebenfalls verloren, aber dumm würde ihn niemand nennen. Eine ganze Seite der Wochenendzeitung als Beleg der Wertlosigkeit dieser „Wissenschaft“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.11.2021 um 16.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47651

In der Sache nicht neu, aber doch ganz nett zu lesen. Die Originalarbeit gibt weitere Quellen an (aber nicht z. B. "Hand und Wort" von Leroi-Gourhan).

Die neurosophischen Schnörkel und das "Kognitive" und "Mentale" muß man natürlich wegstreichen, um den diskutierbaren Kern freizulegen.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 19.11.2021 um 14.33 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47649

Das ist auch hübsch:
https://scinexx.de/news/biowissen/sprache-und-werkzeug-geschick-sind-verknuepft/
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.11.2021 um 05.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47633

Alle natürlichen Arten sind optimal an ihre Nische angepaßt. Wäre diese Fitneß (gemessen am Fortpflanzungserfolg) geringer, würde die Art aussterben; wäre sie höher, würde die Art ihre eigenen Lebensgrundlagen vernichten.

Wanderheuschrecken würden aussterben, wenn sie alles wegfräßen. Sie haben Mittel und Wege gefunden, ihre periodische Übervölkerung zu überleben. Die „Erfahrung“ mit dem Aussterben haben sie logischerweise nicht gemacht, denn es gibt sie ja noch. Ob eine Art überhaupt wegen Übervölkerung aussterben kann, ist umstritten: es müßte ein Kippunkt erreicht werden, hinter dem eine Erholung des Bestands mehr möglich ist. Normalerweise führt die Verknappung von Nahrungsangebot und Lebensraum zu einer Reduzierung mit anschließender Erholung. (Ich habe vor Jahrzehnten mal mit einem bekannten Zoologen [Lorenz-Schüler] darüber diskutiert, der das Aussterben wg. Übervölkerung für möglich hielt.)

Warum haben frühe Affen nicht entdeckt, daß konventionelle Signale weitergegeben werden können? Hätten sie es getan, wären sie irgendwann nicht mehr damit zufrieden gewesen, sich von Ast zu Ast zu schwingen. Sie hätten Fachsprachen entwickelt, die Schrift erfunden, ihr Leben durch Technik und Wissenschaft leichter gemacht, sich exponentiell vermehrt und viele andere Arten ausgerottet, Luft und Wasser vergiftet, gegen Fettleibigkeit und andere Zivilisationskrankheiten kämpfen müssen sowie gegen Klimakrise und Corona und Querdenker.

Die anderen Affen haben einen anderen Weg gewählt, ihr Leben, ihr Zusammenleben und ihre Kommunikation zu vervollkommnen. Getrennte Wege sind zum Beispiel Schimpansen und Menschen mindestens sechs Millionen Jahre lang gegangen. Darum ist es nicht möglich, Schimpansen eine Sprache nach Art der menschlichen beizubringen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2021 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47621

Ich habe das Thema schon mehrmals angesprochen.
„The evolution of language, for example, clearly owes more to drift (memetic drift) than to anything resembling selection.“ (Richard Dawkins: The selfish gene. Oxford 2016:247)

Der Ausdruck Drift ist an die Gendrift in der Evolutionslehre angelehnt und bezeichnet nichtadaptive Veränderungen des Genpools. Dawkins berührt mit seiner Nebenbemerkung die Frage, ob Sprachen im Laufe ihrer Geschichte tatsächlich nur anders, aber nicht „besser“ werden. Sie ist u. a. von Jespersen eingehender behandelt worden („Progress in language“). Mit der Bewertung von Sprachen hat sich auch Georg v. d. Gabelentz beschäftigt, zusammenfassend auch Friedrich Kainz. Ich habe dem Thema meine Dankrede zum Deutschen Sprachpreis gewidmet: „Wie gut ist die deutsche Sprache?“ und dabei unterschieden zwischen der inneren Systemgüte und der Angepaßtheit an äußere Zwecke (dem "Ausbau"). In beiderlei Hinsicht ist es eine schwierige Frage, aber keine von vornherein sinnlose.
Die innere Systemgüte hängt mit der Lernbarkeit zusammen, die äußere mit der Nützlichkeit für Anderssprachige. Das sind aber nur zwei von vielen Aspekten.
Etwas außerhalb der genannten Dichotomie liegen sprachsoziologische Gesichtspunkte. Man hat zum Beispiel gesagt, die rigoros normative Einstellung der Franzosen zu ihrer Sprache mache sie weniger attraktiv für Ausländer als das Englische, bei dem noch das Matthäus-Prinzip hinzukommt („Wer hat, dem wird gegeben“). Wenn man nicht hoffen kann, von französischen Muttersprachlern anerkannt zu werden, lernt man lieber gleich das polyzentrische Englisch. (Ich referiere nur.)
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 13.11.2021 um 15.12 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47591

Cats can track your ‘invisible presence’ using only their ears
https://edition.cnn.com/2021/11/10/world/cats-track-owners-location-voice-scn/index.html

Ein paar Zitate:

A new study out of Japan found that a stationary cat can track its owner’s location using audio cues - specifically, the owner’s voice.

"This time, I investigated whether they map their owner’s position spatially from sounds."

Results from this study demonstrate evidence of socio-spatial cognition in cats, meaning they can mentally picture where others are through cues like sound.

"It is generally believed that cats are not as interested in their owners as dogs are, but it turns out that they were mentally representing the invisible presence of their owners," Takagi said.

The study said this ability to create mental images based on sound and other stimuli indicates complex thinking.

"This is an ability that is the basis of creativity and imagination," Takagi said. "Cats are thought to have a more profound mind than is thought."

Weitere Forschungsperspektiven
"But cats ... may be thinking about many things."
Our feline friends might be more perceptive - and hear more - than we give them credit for. Whether they choose to listen to you is a different story (or study).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.11.2021 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47494

Forscherinnen und Forscher haben durch die Simulation von Prüfungssituationen festgestellt, „wie das Gehirn aufwühlende Ereignisse abspeichert“. (SZ 3.11.21) Dabei haben die Forscherinnen und Forscher erkannt: „Das Gedächtnis ist eigentlich dazu da, um Vorhersagen für die Zukunft zu machen.“ Auch die Amygdala kommt vor, und natürlich Botenstoffe. Diese Erkenntnisse wird man aber nicht abspeichern, dazu wühlen sie zu wenig auf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2021 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47485

Wie die SZ am 2.11.21 berichtet, haben Forscher der Eötvös-Lorand-Universität herausgefunden, daß Hunde „Wörter“ und „Silben“ auch in längeren „Sätzen“ identifizieren können. Da es sich um eine Kunst-„Sprache“ handelt, ist die Rede von Sätzen, Wörtern und Silben in doppelter Hinsicht irreführend. Auch in natürlichen Sprachen erkennen die Tiere keine Wörter usw. Es sind einfach Geräusche. Wie so oft, wirkt es sensationeller, wenn man sprachliches Material benutzt, auch wenn es für die Tiere nicht sprachlich ist.

Ob die Versuche neu sind oder immer noch das alte Material, das die ungarischen Forscher schon seit vielen Jahren auswerten, geht aus dem Bericht nicht hervor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.10.2021 um 06.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47408

Affen erfanden Werkzeuge lange vor den Menschen (WELT 30.4.10)
Das ist Unsinn. Anzunehmen ist, daß die gemeinsamen Vorfahren auch schon Werkzeuge benutzten, wie die heutigen Schimpansen.

Als Handwerker sind Affen mindestens so einfallsreich und geschickt wie Menschen.
Das ist stark übertrieben. Noch nie hat ein Affe z. B. einen Faden in eine Nadel gefädelt. Einfachste Flechtarbeit ist noch nie beobachtet worden. Schimpansen töpfern auch nicht. Mit Feuer können sie gar nicht umgehen. Den rudimentären und seltenen Werkzeuggebrauch lernen einige (nicht alle) im Laufe vieler Jahre, angeregt durch Genossen, aber im wesentlichen nicht durch Nachahmung, sondern am Objekt. Darum hat es auch so lange gedauert, bis der Werkzeuggebrauch bei Affen überhaupt entdeckt (und dann von Jane Goodall gleich stark übertrieben dargestellt) wurde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.10.2021 um 12.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47400

Nicht zu unterschätzen ist selbst in der Wissenschaft (na ja, in der Psychologie halt...) die vorgefaßte Meinung, daß der Mensch oder irgendein anderes Tier nur die unbedingte Ruhe liebt, also ohne besondere "Motivation" am liebsten nur dasitzen will wie Loriots unsterblicher Aktivsitzer (https://www.youtube.com/watch?v=Iuobpte4ndQ).
Diese Ansicht wird sogar dem Behaviorismus unterstellt: Wenn oben kein Groschen in den Automaten geworfen wird, kommt unten nichts raus. Andere brauchen einen "Trieb" oder eine "Libido", damit sich was bewegt. Das hat Gründe in der Alltagserfahrung, aber ist doch ziemlich abstrus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2021 um 04.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47389

As part and parcel of an intellectual revolution in the second year, the child achieves new insight into the minds of itself and others. (Abstract zu Peter Hobsons „The cradle of thought“)
Schon wieder eine Revolution! Tomasello sieht sie im achten oder neunten Monat, Hobson im zweiten Jahr. Lauter Erfindungen, wie der „Geist“ und die vermeintliche Theorie des Kindes dazu. Milliarden von Eltern haben ihre Kinder heranwachsen sehen und nichts davon bemerkt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2021 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47388

Ich habe mir einen Podcast zum Thema fake news, Verschwörungstheorien usw. angehört. Der Kognitionspsychologe redete wie der Mann auf der Straße, nur langweiliger. Er bestätigte aufs neue meine Meinung über die Wertlosigkeit dieser „Wissenschaft“. Die Wissenschaftsjournalistin, die es sonst wohlinformiert mit Drosten und Ciesek zu tun hat, schien selbst frustriert zu sein und versuchte den Mann immer wieder auf etwas Handfestes bringen zu wollen, aber vergeblich. Ab und zu lachte er über seine eigene Witzigkeit, die dem Hörer leider verborgen blieb. (https://www.ndr.de/nachrichten/info/Synapsen-Kopierfehler-im-Kopf,podcastsynapsen200.html)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2021 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47313

Die intimsten Kenner des Kindes, also die eigenen Eltern, haben meist zu wenig Distanz und zu wenig Zeit, sich neben der Betreuung des Kindes noch mit dessen objektiver Erforschung zu beschäftigen. Ihre Notizen sind bestenfalls anekdotisch. Der regelmäßig, aber in größeren Abständen auftauchende Besucher dagegen, der das Kind in einer Langzeitstudie untersucht, hat nicht hinreichend Einblick in das gesamte Familiengeschehen, um es vollständig zu erfassen. Clara und William Stern haben dieses Problem, das auch die Protokollierung der Beobachtungen bestimmt, schon vor langer Zeit erörtert, auch die damals schon möglichen Tonaufnahmen. Seither ist die Videotechnik hinzugekommen, aber vieles, was zwischen Kind und Betreuungsperson geschieht, ist auch damit nur unvollkommen zu erfassen und muß stets auf dem Hintergrund einer Erfahrung interpretiert werden, die nur der Betreuer selbst hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2021 um 03.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47312

Die vor allem auf Chomsky und seine Schule zurückgehende Behauptung, Spracherwerb geschehe „schnell und ohne Anstrengung“, hat wenig Sinn, weil für beides der Vergleichsmaßstab fehlt. Dennoch liest man bis heute Sätze wie: „Children acquire language at breathtaking speed.“ (Daniel Dennett: Kinds of minds. London 1997:195) Wir haben auch längst nicht genau genug untersucht, wie schnell das Kind andere feinmotorische Leistungen erwirbt, darunter auch durchaus kommunikative. Wer Kinder ständig beobachtet, ist auch vom Spracherwerb nicht so überrascht, wie er nach den Thesen der Theoretiker sein müßte: Das erste Wort in seiner noch unvollkommenen Artikulation fügt sich durchaus in die sonstigen Aktivitäten ein, und dann geht es über Monate und Jahre ebenso natürlich weiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2021 um 15.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47300

Vor allem indem man sich eng aneinanderkuschelt!
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 11.10.2021 um 15.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47299

Das ist eigentlich ein interessantes Thema. Wie halten Tiere ihre Körpertemperatur bei Kälte? Wie machen das Pferde, wenn sie regungslos nachts im Schnee stehen? So dick sind Fell und Fettschicht doch nicht. Auch in Afrika kann es nachts sehr kalt werden, je nach Witterung.

Wir modernen Menschen brauchen schon einen gut isolierenden Schlafsack samt Isomatte und bedecken womöglich noch das Gesicht. Bei Regen ist ein Zelt angesagt.

Wie kann man unter solchen Bedingungen auf sein Fell verzichten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2021 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47298

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_nackte_Affe

(Dieses Buch haben wir damals verschlungen!)

Natürlich darf man nicht die heutigen gesellschaftlichen Normen der "zivilisierten" Völker heranziehen. Und natürlich ist es nur eine Spekulation. Aber daß wir das Fell nicht mehr brauchten, weil wir uns am Feuer wärmen konnten, halte ich für Unsinn.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 11.10.2021 um 12.07 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47297

Die deutsche Sprache bräuchte mal ein digitalisierungsfreundliches Update. Erst schrieb ich "erogene Zonen", setzte dann einen Artikel davor und vergaß, die Beugung anzupassen. Sobald man ein bißchen an der Satzstruktur ändert, hängt gleich ein Rattenschwanz aus Suffixen dran.

Naja, lieber erstmal alles durchgendern. Gerechtigkeit geht vor
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 11.10.2021 um 11.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47296

Besonders interessant beim Menschen ist ja die starke intrasexuelle Konkurrenz unter Frauen. Wenn ich spekulieren sollte, handelt es sich beim Fellverlust um ein zufällig entwickeltes Attraktivitätsmerkmal, ähnlich wie die kindlichen Gesichtszüge, die rundere Körperform, die langen Haare.

Vielleicht hat es auf die Männer ein bißchen abgefärbt, weil viele Gene geteilt werden. Männer sind stärker behaart.

Frauen reagieren empfindlicher auf Berührung, allerdings sind die erogene Zonen nicht alle unbehaart.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 11.10.2021 um 11.48 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47294

Daß Grooming Ursache für Fellverlust ist, scheint mir recht spekulativ zu sein. Welche Indizien gibt es dafür? So oft streicheln sich Menschen doch nicht, es findet eigentlich nur im familiären Bereich statt und nur in wenigen Situationen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.10.2021 um 11.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47293

Ja, das leuchtet mir ein. Andererseits, wenn es so viele Wege gibt, ein ganz bestimmtes Ziel zu erreichen, dann ist es recht schwer zu sagen, welchen genauen Zweck ein ganz bestimmter Weg wie der fast komplette Fellverlust wirklich erfüllte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2021 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47291

Bei der sozialen Hautpflege – einer Exaptation (Zweitnutzung, Umfunktionierung) geht es nicht mehr um Hygiene, sondern ums Streicheln und Kuscheln.

Daß andere Primaten ihr Fell auch hätten aufgeben müssen, ist kein gültiges Argument. Manche Schmetterlinge machen sich unsichtbar, andere schrecken durch Augenflecken ab – das wird nicht durch den Hinweis entkräftet, daß andere es anders machen. Es gibt viele Wege des Überlebens. High-speed running in predators co-evolves with high-speed running in their prey. Thick armour co-evolves with weapons and techniques for penetrating it. (Dawkins, Rainbow 232) Hunde hecheln, Elefanten wedeln mit den Ohren, um Wärme abzuführen. Warum machen wir es nicht ebenso? Usw.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.10.2021 um 21.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47290

Wird Körperpflege nicht umso schwieriger, je dichter das Fell ist? Dann wäre doch ein Fellverlust geradezu kontraproduktiv zu Sozialkontakten und zwischenmenschlichen Beziehungen, gegenseitige Körperpflege würde weniger notwendig, verlöre an Bedeutung.
Mit dem Klima dürfte der Fellverlust auch wenig zu tun haben, sonst müßten ja heutige Affenarten in Afrika auch längst ihr Fell verloren haben.

Mit der Entwicklung von Gehirn und Denken lernten die ersten Menschen im Laufe der Zeit immer besser, sich gegen Kälte und mechanische Gefahren zu schützen. Trotz Fell und dicker Hornhaut an den Füßen waren Kleidung und Schuhe sicherlich von Anfang an ein zusätzlicher Vorteil. Andererseits glich die Kleidung immer mehr auch stärkeren Fellverlust aus, der wiederum durch natürliche Auslese aufgrund höherer sexueller Attraktivität gefördert wurde. So wurde der Mensch in den Jahrtausenden immer nackter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2021 um 09.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47289

In der Zeitung ein Bericht über die Erfindung der Fellkleidung: „Schließlich verloren die Menschen bereits vor 1,3 Millionen Jahren ihr Fell, was womöglich mit der Erfindung des Feuers zusammenhing. Dennoch waren sie weiterhin auf Schutz und Wärme angewiesen.“
Die Beherrschung des Feuers seit fast 2 Mill. Jahren kann nicht der Grund gewesen sein. Bis zu beheizten Wohnungen verging noch viel Zeit, in der ein Lagerfeuer gar nichts nützte (außer Essen kochen und Feinde abschrecken). Fellkleidung braucht man nach der Besiedelung kühler Regionen – wenn man das Fell zuvor in wärmeren aufgegeben hat.
Zu vermuten ist eher, daß die nackte Haut die Sozialkontakte und damit die zwischenmenschliche Bindung verstärkte und das gesellschadftliche Zusammenleben intensivierte. Social grooming wäre ein Anknüpfungspunkt bei anderen Primaten. Auf die Distanz dann durch Laute (Ursprung der Sprache nach Robin Dunbar).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2021 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47251

Zum Handicap-Prinzip:

Eigentlich wird nirgendwo erklärt, warum zum Beispiel der Mäusebussard so viel schreit. Angeblich zur Revierabgrenzung, aber das ist schwer zu beweisen. Außerdem sehen die Vögel einander schon von ferne; sie könnten ihr Schreien auf den Fall beschränken, daß ein Konkurrent auftaucht. Das Schreien müßte doch die Mäuse vertreiben, die ja auch sehr gut hören.

Wer die unerträgliche Spannung nicht fürchtet, kann sich hier einklinken:

https://www.youtube.com/watch?v=syiuxNoKVLs
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2021 um 12.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47154

Burkhard Müller kritisiert die neurosophischen Spekulationen in den neuen Büchern von Roth, Prinz und Damasio (SZ 21.9.21). Mit Recht, auch wenn die Kritik ebenso traditionell ist wie die kritisierten Werke. Noch immer treten das Gehirn und das Bewußtsein als zwei Gegenstände auf, deren Beziehung zueinander es zu ermitteln gilt. Es fehlt der naturalistisch-sprachkritische Ansatz.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2021 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47146

Weil die Kindersprache sich nicht "entwickelt", war es auch verfehlt, von einer "Altersmundart" zu sprechen (Berthold Otto, aufgegriffen u. a. von Clara und William Stern und Adolf Busemann). Der Gedanke war, daß das jeweilige Stadium der kindlichen Sprache ein geschlossenes System sei. Dialekte und Sprachen sind in der Tat zu jedem Zeitpunkt relativ geschlossene Systeme, aber die kindlichen Fertigkeiten bleiben immer auf das komplettere Modell bezogen, aus dem sich das Kind Stück um Stück herauszieht. Schon sehr bald "weiß" das Kind auch, daß die Großen es besser können, ob es nun um Sprechen oder andere Fertigkeiten geht. Aber darauf kommt es nicht an. – Aus diesem Grund ist es auch falsch, die frühen Stadien der Menschheit und ihrer mutmaßlichen Sprache mit der Kindheit und ihrer Sprache zu vergleichen. Die kindliche Kultur ist ein Flickenteppich aus Bruchstücken der Erwachsenenkultur, freilich kindgerecht und unter dem Zwang des Sichbehauptens hergerichtet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.09.2021 um 11.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47102

Christoph Bördlein, einer der besten Kenner der Verhaltensanalyse, hat soeben eine weitere Kritik der herkömmlichen Psychologie (am aktuellen Beispiel der Handhygiene) veröffentlicht, auf die ich nachdrücklich hinweise:

https://verhalten.wordpress.com/
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2021 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47059

Ein Kind folgt unbewußt dem Leitsatz "Erwirb eine soziale Identität und innerhalb dieser eine individuelle Identität!" (Wolfgang Klein)

Das ist unklar genug – was soll des unbewußte Befolgen eines Leitsatzes sein, den das Kind auch bewußt nicht formulieren könnte? Aber was soll es überhaupt tun? "Eine soziale Identität entwickeln" ist ja kein definierbares Verhalten. Ich jedenfalls als Erwachsener wüßte nicht, was ich tun sollte, wenn jemand mich dazu aufforderte.

Solcher Unsinn steht in renommierten Handbüchern. (Hannelore Grimm, Hg.: Sprachentwicklung. Göttingen u. a.: Hogrefe 2000 (Enzyklopädie der Psychologie C III, 3), S. 553) )

Es handelt sich um eine Version des Homunkulusmodells: Man nimmt innerhalb des Organismus eine räsonierende Person an.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2021 um 13.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47031

Eine Studie findet deutliche Belege für die alltägliche Diskriminierung von Frauen mit Hidschab in Deutschland.
(...)
Ein Forscherteam der London School of Economics in Großbritannien sowie der Universitäten Pittsburgh und Pennsylvania in den USA hat diese Situation für ein Experiment herbeigeführt, um Erkenntnisse über die Diskriminierung kopftuchtragender Frauen in Deutschland zu gewinnen. (...)
An 26 Bahnhöfen deutscher Großstädte ließen die Forscher Schauspielerinnen telefonieren. Die erste Gruppe der Frauen präsentierte sich als nicht migrantisch, die zweite durch ihr Auftreten und ihre Aussagen über das Leben in Deutschland als migrantisch, die dritte Gruppe trug Hidschab. Alle Frauen sprachen lautstark über eine angebliche Schwester, die nach der Geburt ihrer Kinder wieder arbeiten gehen wolle. Die Aussagen dazu variierten: Einmal kritisierten die Schauspielerinnen die Entscheidung der Schwester scharf, ein andermal bewerteten sie diese positiv, oder aber sie zeigten sich eher neutral.
(SZ 7.9.21)

Usw.
Man braucht nicht weiterzulesen, Schauspielerinnen verkörpern eine Rolle so, wie es dem Klischee entspricht, das ist ihr Job. Unterwiesen werden sie von den Psychologen, die sich dabei als die eigentlichen Rassisten erweisen und an einem bestimmten Ergebnis interessiert sind. Anschließend fallen sie auf ihr eigenes Versuchsdesign herein. Am Ende werden ungehörigerweise noch praktische Forderungen an die deutsche Politik abgeleitet. Zeitungen verbreiten es über die ganze Menschheit.
Bei keinem dieser Experimente, wie man sie tausendmal gelesen hat, wird durch einen Vorversuch festgestellt, wie valide die Simulation ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2021 um 07.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#47025

Bei Tieren scheint das Versteckspiel nicht vorzukommen. Sie verstecken weder sich selbst noch irgendwelche Gegenstände in spielerischer Weise. Hunden „suchen“ aber gern nach dem menschlichen Partner, wenn er sich versteckt hat, ebenso wie sie Gegenstände apportieren, also spielerisch erjagen. Berichte über Versteckspiel bei Ratten bzw. mit Ratten scheinen dem zu widersprechen:

In einem zweiten Versuchsteil übernahm die Ratte die Rolle des Versteckten: Dazu kauerte sich der Mensch geräuschlos neben die offene Box, woraufhin das Tier heraussprang und sich versteckte. Anders als zuvor ging die Ratte jetzt ganz still vor und suchte ihr Versteck mit Bedacht, berichten die Forscher. Sie bevorzugte dabei undurchsichtige vor durchsichtigen Verstecken.(2019, https://www.merkur.de/leben/tiere/haben-ratten-spass-am-versteckspiel-zr-12999364.html, https://www.sueddeutsche.de/wissen/verstecken-ratten-experiment-1.4598378)

Was geschah wirklich?

Sie brachten den Tieren zunächst die grundlegenden Regeln des Spiels bei. Alle sechs Ratten lernten innerhalb von ein bis zwei Wochen, eine versteckte Person zu suchen und zu finden. Fünf der Ratten lernten außerdem, sich selbst zu verstecken und zwischen den Rollen zu wechseln.

Das Suchverhalten der Ratten ist bekannt. Aber die Gleichsetzung ihres Verhaltens mit dem menschlichen Versteckspiel und seinen „Regeln“ ist eine Frage der Interpretation (wobei ich von der Fragwürdigkeit des „Regel“-Begriffs absehe).

Sogar die selbstkritische Bemerkung:

Aufgrund einer ganzen Reihe von Beobachtungen innerhalb unserer Studie haben wir den Eindruck, dass die Ratten spaßeshalber spielen», so Michael Brecht, Mitautor der Studie. Völlig ausschließen können die Wissenschaftler nicht, dass die Tiere nur der Belohnung wegen spielen

ist nicht in Verhaltensbegriffen abgefaßt, so daß eine Einordnung als Konditionierung unmöglich ist. Die Formulierung "nur der Belohnung" wegen läßt auf ein verbreitetes Mißverständnis der Lernpsychologie schließen. Auch das wirkliche Versteckspiel etwa bei Kindern geht mit einer „Belohnung“ (reinforcement) einher. „Spaßeshalber“ und „der Belohnung wegen“ sind kein Gegensatz.

Es folgt noch der übliche Schlenker ins Neurophysiologische, zusätzlich verdorben durch die nicht-ratifizierbare kognitivistische Metaphorik:

Aufzeichnungen der Gehirnaktivität zeigten während des Spielens eine erhöhte Aktivität im präfrontalen Cortex der Ratten. Sie variierte mit den verschiedenen Rollen. Bei Menschen ist dieser Bereich des Gehirns für die soziale Wahrnehmung zuständig und ermöglicht einen gedanklichen Perspektivwechsel.

Hirnaktivitäten variieren mit jedem beliebigen Verhalten. Solche Beglaubigungen werden heute oft angefügt. Sie tragen nichts zur entscheidenden Frage bei, ob Ratten Versteckspiele beherrschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2021 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46941

Schadenfreude, nicht-prosoziale Emotion: am Schaden oder Leid anderer Personen Freude haben; Erscheinungsform der Aggression. (spektrum.de)

Aggression und Schadenfreude (ein unwissenschaftlicher alltagspsychologischer Begriff) haben aber vielleicht doch eine „prosoziale“ (gesellschaftiche) Funktion. Man sollte die Wertung nicht schon in die Definition einbauen, sondern den Gegenstand lieber umfassend untersuchen. Kontrollierte oder gespielte Normverstöße dienen oft der Befestigung der Norm.

Das Lachen aus Schadenfreude ist ein gesellschaftliches Verhalten – warum sollte es "nicht prosozial" sein? Vgl. Jennifer Hofmann/Willibald Ruch: „Gibt es ein Lachen der Schadenfreude?“ (Zeitschrift für Semiotik 37, 2015:55-79) Dieser Aufsatz untersucht die Mimik usw. aufs genaueste, hält sich aber bei den "Emotionen" an die Alltagspsychologie, als seien sie hinreichend bekannt.

Der Wikipedia-Eintrag zur Schadenfreude beschäftigt sich fast nur mit Wilhelm Busch, scheint vom Pädagogen Warwitz zu stammen.

Eine bekannte Stelle aus dem "Grünen Heinrich": Gottfried Keller freut sich über den Tod seines Jugendfeindes, der vom Manesseturm in der Münstergasse abstürzt:
„Der Unglückliche, der sich alles zutraute, wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde die Fahne in aller Stille abnehmen, hatte sich auf das steile hohe Dach hinausbegeben, stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot auf dem Pflaster. – Es durchfuhr mich, als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges weiterging, wohl ein Grauen, verursacht durch den Fall, wie er war; aber ich mag mich durchwühlen, wie ich will, ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder Reue entsinnen, die mich durchzuckt hätte. Meine Gedanken waren und blieben ernst und dunkel; aber das innerste Herz, das sich nicht gebieten läßt, lachte auf und war froh.“ Er analysiert dann seine Gefühle noch etwas genauer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.08.2021 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46933

„Forschende“ haben festgestellt, daß junge Fledermäuse ebenso „brabbeln“ wie Menschenkinder. Eigentlich hat man nur gepulste Laute beobachtet (SZ/dpa 23.8.21). Ob die Analogie zum menschlichen Spracherwerb von Bedeutung ist, bleibt unklar, jedenfalls wird zu Unrecht gesagt, daß die Tiere ihre Sprache ähnlich lernen wie Menschen. Die Bezeichnung als „Silben“ ist nicht gerechtfertigt. Schon die Überschrift ist irreführend: Fledermäuse lernen Sprache wie Kleinkinder. Fledermäuse lernen keine Sprache. – Das Ganze wird zu Unrecht als Beitrag zur Erforschung des menschlichen Spracherwerbs ausgegeben. Wenn schon, dann sollte man bei Schimpansen suchen und nicht bei so weit entfernten Arten.
Übrigens hatte die SZ genau ein Jahr zuvor denselben Quatsch schon einmal gebracht: Fledermäuse benutzen Babysprache (SZ 18.8.21). Und wieder ein Jahr früher, im August 2019, haben die Verfasserinnen schon denselben Anspruch erhoben, mit den Fledermauslauten etwas zur Entwicklung der menschlichen Sprache beitragen zu können (https://www.vbio.de/aktuelles/wie-kommunikation-und-verhalten-von-fledermaeusen-beim-verstaendnis-der-sprachentwicklung-hilft/).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2021 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46819

Dass das Verhalten der sozialen Bonobos der menschlichen Höflichkeit ähnelt, ist für die Forscher besonders spannend. Sie wollen mit anderen Primaten- und Tierarten weiter die Entwicklung sozialer Etikette erforschen. (SZ 13.8.21)

(Es geht um Kontaktaufnahme durch Anschauen, Berührung...)

Voriges Jahr berichtete Der Standard über dieselbe Autorin Raphela Heesen:

Welche Inhalte die Gesten der Bonobos genau bergen, wollen die Forscher in weiteren Studien untersuchen. Sie vermuten aber, dass die Tiere ihre Partner mit ähnlichen Signalen wie "Entschuldigung, ich bin gleich wieder da" oder "Sorry, dass ich dich warten ließ" um Verzeihung bitten.

Titel: Bonobos nehmen eine unterbrochene Arbeit pflichtbewusst wieder auf

Um in die Presse zu kommen, muß man kräftig anthropomorphisieren; allerdings ist die „Forschung“ selbst nicht weit davon entfernt. Die Unterstellung von „sorry“ (bzw. Äquivalenten menschlicher Entschuldigungen) kennen wir aus den Sprachversuchen mit Affen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2021 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46816

Die Psychologin Susanne Wilpers meint, Kinder seien bei „Memory“ im Vorteil, weil ihr Gehirn noch mehr Synapsen habe, die später abgebaut werden. Sie ist keine Neurologin (ihre wenigen Veröffentlichungen sind weit davon entfernt) und hat die Rolle der Synapsen beim Memory-Spiel nicht beobachtet. Ihre Erklärung, die vor einigen Jahren durch die deutschen Zeitungen ging, ist rein spekulativ. Psychologen „wildern“ gern auf dem Gebiet der Neurologie. Wenn sie von "Synapsen" anfangen, braucht man nicht weiterzulesen. Irgendwie wird es mit dem Gehirn zu tun haben – was sonst? Nicht erklärt ist, warum Kinder keine zuverlässigeren Augenzeugen sind usw. Was ist das Spezifische der Memory-Leistung? Wo sind Kinder sonst noch im Vorteil?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2021 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46803

„Primaten können kognitiv mit kleinen Kindern durchaus mithalten. Aber Menschen sind unübertroffen darin, zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen.“ (SZ 9.8.21)

Im Gegenteil. Kinder verhalten sich ganz anders als andere Primaten und sind darum zur Kultur und zur Zusammenarbeit fähig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.08.2021 um 12.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46737

Früher hatten wir nur die Reformitis. Alles sollte immer reformiert werden. Jetzt reichen Reformen nicht mehr, die Wende muß her:

Energiewende, Verkehrswende, ...

Warum immer gleich so radikal?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2021 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46702

(Nachdem ich den letzten Text eingetagen hatte, war der vorletzte plötzlich verschwunden. Ein technisches Problem, das mir seit längerer Zeit Rätsel aufgibt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2021 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46701

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46681

Eines der berühmtesten Experimente, das sich denn auch kein neueres Lehrbuch entgehen läßt, ist das Milgram-Experiment. Hätten wir nicht schon vorher gewußt, daß der Mensch dem Menschen ein Wolf ist (oder noch öfter ein Schwein), wären die Ergebnisse nicht so heftig begrüßt worden. Inzwischen ist davon nicht viel übrig geblieben.

Ob man die anderen Klassiker auch schon umfassend nachgeprüft hat? (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_klassischen_Experimente_in_der_Psychologie)

Zur Zeit müssen die "neurolinguistischen" Erkenntnisse besonders kritisch gesehen werden. Die bunten Bildchen mit den Hirnscans sind ziemlich raffiniert, weil man darüber die windigen Grundlagen vergessen kann.
 
 

Kommentar von , verfaßt am 02.08.2021 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46696


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2021 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46681

Seit kurzem geht ein Thema durch die Wissenschaft, das mich auch schon oft beschäftigt hat. Es ist ein Hauptgrund, warum ich insbesondere Nachrichten aus der Psychologie großenteils nicht mehr lese. Es hat sich nämlich gezeigt, daß unglaublich viele Experimente nicht reproduzierbar sind. Die Ergebnisse waren entweder anekdotisch oder frisiert oder sonstwie methodisch unzulänglich ermittelt.

Bei vielen Befunden, die hier immer wieder mal referiert wurden, wäre eine Fußnote angebracht gewesen: "Soweit reproduzierbar". Immerhin waren wir nie leichtgläubig. Daher mein Motto: "Niedriger hängen!"

Hierzu auch WEIRD people: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1506#22125
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2021 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46680

In den fMRT-Versuchen der Neurolinguisten werden dem Probanden „sprachliche Reize“ geboten, d. h. formal (topographisch) mit Sprachabschnitten übereinstimmende Reize, die aber keine Sprache in Funktion sind, sondern isoliertes Verhalten im Modus des Zitierens, der Simulation (Verstellung). Mehrfache Künstlichkeit. Man sucht dann nach Entsprechungen der Artefakte „semantische Prozesse“, „syntaktische Prozesse“ usw. Das ist so, als suche man im Gehirn der Honigbiene nach Entsprechungen der Sechszahl, die WIR benutzen, um die Waben zu beschreiben, oder nach Fibonacci-Zahlenfolgen im Genom von Kohl und Kiefern.

Haben alle korrekten und alle inkorrekten Fügungen jeweils gleiche Bilder zur Folge? Viele Fragen stellen sich, wenn man das Kapitel Neurolinguistik im Katalog „die Sprache Deutsch“ liest (aus dem Hause Friederici natürlich).

Die bunten Bilder sind die nächste Täuschung. Darüber ist ja schon viel Kritisches geschrieben worden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.08.2021 um 03.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46677

Die Versuche ähneln einander im Aufbau, umstritten ist die Deutung. Nachahmung wird nicht ausgeschlossen, ist aber ihrerseits kein einfacher Begriff.

Skinner hat es für wahrscheinlich gehalten, daß in Gruppen lebende Tiere in der Phylogenese gewissermaßen den Befehl "erlernt" haben: Tu, was die anderen tun! Das kann bei Herden, Schwärmen usw. nützlich sein.

Die Forschung geht dahin, den Begriff Nachahmung in mehrere Varianten aufzuspalten.

Mir kommt es mehr auf die Exklusivität des Vormachens (der lehrhaften Simulation) an.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 01.08.2021 um 00.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46676

Zu http://sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46607

Dann erfanden die Forscher eine einfach zu lösende Aufgabe für die Meisen: Hinter einer Schiebetür, deren linke Hälfte blau und rechte Hälfte rot gefärbt war, befand sich ein Mehlwurm. Die Meisen konnten ihn erreichen, indem sie die Tür an der blauen Seite nach rechts oder an der roten Seite nach links bewegten. Je zwei Meisenmännchen aus jeder der acht Populationen wurden gefangen. Die Repräsentanten von drei Populationen wurden vier Tage lang darauf trainiert, an der roten Seite zu schieben, die von zwei Populationen darauf, an der blauen Seite anzufassen, und die übrigen waren Kontrollen, die gar nicht trainiert wurden. Dann ließ man die Tiere wieder frei und stellte die Futterspender mit den rot-blauen Türen im Wald auf.

Unter den Populationen, in denen das Verhalten "gesät" worden war, verbreitete es sich im Nu. Schon nach fünf Tagen fingen mehr und mehr Meisen an, die Spender zu nutzen, innerhalb von 20 Tagen hatten 80% der Meisen gelernt, die Türchen zu bedienen. Dass dies nicht einfach daran lag, dass die Aufgabe zu einfach war und sie von selbst darauf gekommen waren, bewiesen die Kontrollpopulationen, wo es doppelt so lange dauerte, bis die Spender angenommen wurden und auch nach 20 Tagen noch weniger als die Hälfte der Tiere auf den Trichter mit der Tür gekommen war.

Zudem blieben die Tiere in jeder Population bei der Methode, die "gesät" worden war: Die Kumpanen von Blautürschiebern schoben fast ausschließlich an der blauen Seite, die von Rottürschiebern die rote. Und dabei blieben die Populationen nicht nur über die Zeit - die Präferenz verstärkte sich sogar noch. Es gab durchaus Vögel, die anfänglich aus der Reihe tanzten und die jeweils abweichende Tür schoben - das Ergebnis war ja dasselbe. Fast alle diese Tiere kamen aber nach einiger Zeit "auf Linie". Und Meisen, die in eine andere Population umzogen, passten sich überwiegend den dortigen Gepflogenheiten an. Die Tendenz zur sozialen Nachahmung war so groß, dass sie ihr Verhalten umstellten, obwohl sie keinen Vorteil davon hatten. Und die Präferenz hatte Bestand: Als die Forscher die Türchenspender im folgenden Winter erneut aufstellten, waren nur noch rund 40% der Populationen am Leben und vor Ort. Aber wieder schossen sich die Tiere auf die in ihrer Population gesäte Methode ein.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2021 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46675

Ich hatte mal Russell zitiert: "Evidenz ist der Feind der Wahrheit." Dazu Beispiele. Dawkins zeigt immer wieder, wie viele Tatsachen es gibt, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen.

Alles richtig. Aber wenn man genauer hinsieht, ist es noch interessanter. Die mäeutische Methode des Sokrates bestand darin, dem Dialogpartner die Zustimmung zu etwas abzuringen, was ihm zunächst völlig falsch ("paradox") zu sein schien. Schritt für Schritt akzeptiert er andere Sätze, geleitet vom gesunden Menschenverstand, bis der angezweifelte Anfangssatz zwingend daraus folgt. Zum Beispiel: "Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun." (Zur Sache selbst will ich mich hier natürlich nicht äußern.)

Einstein hat auch in populärer Darstellung die Wahrheit der paradoxesten aller Thesen gezeigt; jeder einzelne Schritt ist mit dem gesunden Menschenverstand nachzuvollziehen. Etwas anderes haben wir ja nicht. Euklids Beweise beruhen alle auf dem gesunden Menschenverstand.

Man sieht daran, daß die Schwäche des gesunden Menschenverstands nur in seinem Mangel an Übersicht besteht. Die Kunst des Forschens und Lehrens besteht darin, diese Übersicht herzustellen: zu zeigen, wie alles zusammenhängt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2021 um 08.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46671

Meltzoff stellt sich den Ablauf so vor:

First-person experience: Infants experience the regular relationship between their own acts and underlying mental states. > Understanding Other Minds: Others who act "like me" have internal states "like me."

Das klingt plausibel, aber zugleich absurd. Wie soll man sich bei Säuglingen oder Kleinkindern die Erfahrung von mentalen Zuständen vorstellen? Das späte kulturelle Konstrukt des Mentalen wird in die Kinder hineinprojiziert. Wenn es begrifflich sparsamer geht, sollte man es versuchen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2021 um 12.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46668

Es wirkt oft so, als gestehe man den Neandertalern nur widerwillig eine Sprache zu, die aber auf jeden Fall anders strukturiert gewesen sei als unsere (welche?). Dafür fehlt jeder Anhaltspunkt; um so befremdlicher der Eifer, mit dem man nach anatomischen Unterschieden sucht, die es begründen könnten. Die Distanzierung erinnert an den „gutturalen“ Charakter, der allen Sprachen außer unserer eigenen zugeschrieben wird.

Im Grunde der gute alte Rassismus, nur daß die „Wilden“ jetzt in eine unverfängliche Vorzeit verlegt werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2021 um 08.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46651

„Vertrauen“ wächst, wenn man einander necken kann. (Man könnte versuchen, das Ganze im begrifflichen Rahmen von Zahavis „Handicap-Prinzip“ darzustellen.) Kleine Kinder, die man scheinbar beißt usw., gewinnen mehr Vertrauen in die Bezugsperson. Sie können sich darauf verlassen, daß ihnen von dieser Seite keine Gefahr droht. Das kann man auch von balgenden Katzen annehmen. Die Kinder testen die Grenzen: was können sie dem Erwachsenen antun, ohne wirklich etwas Unangenehmes zu rikieren? Die Botschaft ist: Wir verstehen einander so gut, daß wir uns Angriffe leisten können. Gespielte Aggression, gespielte Kooperationsverweigerung stabilisieren die Beziehung, sofern sie durchschaubar bleiben (Problem für Autisten!).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2021 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46650

Die Pandemie zeigt im Zeitraffer, wie Evolution funktioniert und was es bedeutet, daß Arten "aussterben". Zu Zeit ist es die Delta-Variante, die innerhalb von Wochen alles dominiert. Die anderen "sterben aus", was kein Sterben im eigentlichen Sinn bedeutet (soweit man bei Viren überhaupt von Leben sprechen kann), sondern einfach einen Vorsprung bei der Reproduktion innerhalb derselben ökologischen Nische (nämlich uns).
So kann es auch mit den Varietäten des Menschen gewesen sein. Es gab allezeit nur sehr wenige Menschen auf der Erde. Da konnte es leicht passieren, daß etwa die Neandertaler über die Jahrtausende hin immer weniger wurden und dann verschwanden, vielleicht nachdem sich manche auch mit anderen Varietäten wie dem Sapiens gepaart hatten. Niemandem wurde über das übliche Maß hinaus Gewalt angetan, sie wurden nicht persönlich ausgetilgt wie die Juden von den Nazis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2021 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46622

Immer wieder wird versucht, eine Ursache des Aussterbens der Neandertaler zu finden. Sie sollen im Vergleich zum Homo sapiens irgendwelche Defizite gehabt haben. Bei einer Art, die mehrere hundertausend Jahre (länger als bisher der „Sapiens sapiens“) existierte, scheinen solche Fragen deplaziert. Beantworten lassen sie sich schon deshalb nicht, weil es sich um ein einzigartiges historisches Ereignis handelt. Frühe Menschen haben Teile der Erde stets nur sehr dünn besiedelt, ein „Aussterben“ war jederzeit möglich; es hätte auch anders kommen können, so daß man in historischer Zeit noch auf Gruppen von Neandertalern hätte stoßen können wie heute noch auf Arten, die es vielleicht bald nicht mehr geben wird, ohne daß man eine spezifische Untüchtigkeit dafür verantwortlich machen könnte.

Trivialliteratur und Spielfilme gaukeln uns „primitive“ Frühmenschen vor, die nicht einmal untereinander ordentlich kommunizieren konnten, sondern mehr oder weniger stammelten. Geisteswissenschaftler verbreiten dieses naive Bild, verbunden mit dem „speziesistischen“ (rassistischen) Selbstbewußtsein der überlebenden und also wohl tüchtigeren Art:

Dieser Homo erectus nun teilte sich vor einer halben Million Jahren in zwei Linien, deren eine, diejenige des Neandertalers, auf die Ausbildung physischer Fertigkeiten in direkter Konkurrenz zur Tierwelt setzte und die lautliche Verständigung auf das Reiz-Reaktionsschema eines rudimentären Repertoires beschränkte: die Lage und Gestalt von Kehlkopf, Schädelbasis und Zunge gestattete nicht mehr. Der Neandertaler starb vor etwa 35000 Jahren aus. Die andere Linie erwies sich als die eigentlich überlebensfähige und zukunftsträchtige, der sogenannte Homo sapiens sapiens vervollkommnete seinen Stimmapparat, die Schädelbasis veränderte sich, der Gaumen erhielt seine Wölbung, die Zunge rundete sich nach hinten. (Gert Ueding: Macht über Marionetten. https://vds-ev.de/wp-content/uploads/2017/02/ag-literarisches_machtmarionetten.pdf)

(Hier kommt noch das Klischee vom „Reiz-Reaktionsschema“ hinzu, das in bezug auf die Neandertaler besonders abwegig ist. Sie unterhielten das Feuer und stellten Werkzeuge und Waffen wie Äxte, Speerspitzen usw. her, destillierten Pech, malten Bilder und bestatteten ihre Toten. Wer dies als Reiz-Reaktions-Verhalten beschreiben kann, möge es tun. Was die Sprachfähigkeit betrifft: gegenüber den Spekulationen zum FOXP2-Gen, zum Bau von Schädel, Kehlkopf, Zungenbein usw. bleibt die überwältigende Tatsache einer weit entwickelten Kultur, die ohne Sprache nicht denkbar ist.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2021 um 04.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46621

Ihr letzter Satz ist interessant, weil er genau das Gegenteil der fundamentalen Überzeugung der "Klassiker" von Wundt bis Titchener besagt. Aber dazwischen liegt eben die ebenso fundamentale Kritik an der Introspektion. Wir verwerfen sie als Methode, nutzen aber nach entsprechender Umdeutung die sprachlichen Auskünfte, die metaphorisch (besser "transgressiv") immer noch als Innenschau modelliert werden, als Verhaltensdaten.

Was die Selbstüberwindung bei Mensch und Tier betrifft, unterliegt sie der allgemeinen Schwierigkeit aller Redeweisen mit "selbst". Ich suche nach einer alternativen, nicht-reflexiven Fassung.

Und zur Katze noch einmal mein Hinweis auf Skinners "An operant analysis of problem solving".
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 26.07.2021 um 21.53 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46620

Tiere müssen sich auch manchmal zu unangenehmen Verhalten überwinden. Etwa eine Katze, die einer Pfütze nicht ausweichen kann und hindurchlaufen muß – die hat aufgrund ihrer geringen Sprachfähigkeit wahrscheinlich nur ein sehr begrenztes Verhaltensrepertoire, das sie "im Kopf" durchspielen kann. Wäre interessant, ob sie in Gedanken zu sich selbst spricht, denn ein bißchen können auch Katzen kommunizieren.

Besonders schwierig zu verstehen ist ja, warum der Mensch sich anders entwickelt hat als die Tiere, warum er diese Komplexität von Sprach- (und Denk)fähigkeit entwickelt hat. Geoffrey Miller vertritt in The Mating Mind (2000) die Hypothese, daß virtuoses Sprechen, Phantasieren, Rhetorikfähigkeiten durch sexuelle Selektion entstanden ist. Reden als Kunst und als Brautwerbung. Intelligenz im wissenschaftlich-technischen Bereich war demnach eher Byproduct und bedurfte in stärkerem Maß einer kulturellen Schärfung. Darum interessieren mich auch Belege für frühe Rhetorikformen, wir hatten das Thema hier mal.

Fundamental schwierig ist natürlich das innere Erleben selbst zu erklären, da es einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht zugänglich ist (jedenfalls nicht aus der Perspektive der ersten Person, um die es ja geht).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.07.2021 um 18.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46619

Sie haben das Problem wieder mal auf den Punkt gebracht. Für mich gibt es nur das Verhalten (und seine Geschichte). "Denken" ist hinzuerfunden, ein Konstrukt, wie ich es nenne, und seine Entstehung ist als Verhalten zu erklären (eine große Aufgabe).

Wenn wir das Verhalten als Handeln modellieren, mit vorhergehender Überlegung und Kosten-Nutzen-Kalkül, dann ist meine Frage, ob man sich selbst ermahnen kann, gegenstandslos. Für die Philosophen von Platon bis Kant war es selbstverständlich, daß man etwas tun kann, was man nicht will – weil es das Bessere ist. Für die Entlarvungspsychologen von Schopenhauer bis Nietzsche und Freud war das Gegenteil richtig: Man tut immer, was man will – letzten Endes! Für mich ist beides sinnlos: alles geschieht, wie es eben geschieht, und ist aus seiner Geschichte zu erklären.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.07.2021 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46618

Mahnen, obwohl es eigentlich nur erinnern, aufrufen bedeutet, hat für mich immer einen Aspekt der Warnung, Drohung (wenn du das nicht/dennoch tust, dann ...). Es ist also typisch menschlich und auch sehr speziell. Es gibt aber viele Situationen, wo man genauso sein Tun abwägen muß, und man wägt es halt so gut man kann. Man tut nicht nur das Angenehmere, sondern manchmal tut man das Unangenehme, weil es andere Vorteile verspricht.
Manches bereitet mehr Lust, mehr Vergnügen, weniger Langeweile, weniger Schmerzen, ist billiger (schmerzt nicht den Geldbeutel), läßt auf zukünftige Vorteile hoffen, Man nimmt jederzeit Nachteile in Kauf, wenn der positive Effekt überwiegt. Nicht nur beim Arzt.

Dieses Abwägen als reines Verhalten zu erklären, fällt mir schwer. Bei Tieren mag das angehen, aber der Mensch denkt, wenn er dazu Zeit hat, bevor er das eine oder andere tut. Es sei denn, man zählt das Denken als Teil des Verhaltens.
 
 

Kommentar von , verfaßt am 26.07.2021 um 05.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46613


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2021 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46607

Australische Kakadus haben gelernt, Mülltonnen zu öffnen, und das verbreitet sich unter ihnen.

Dies interpretieren die Forscher als Beleg für soziales Lernen und die Entwicklung einer neuen Kultur unter den Gelbhaubenkakadus. Die Vögel haben sich also die Technik voneinander abgeschaut und sie auf diese Weise schnell und weiträumig verbreitet. Ein neues Verhalten von Artgenossen zu übernehmen, fällt vor allem sozial lebenden Tieren leicht, die eine jahrelange Entwicklungsphase haben und generell lernfähig sind. All diese Kriterien erfüllen Gelbhaubenkakadus. (SZ 24.7.21)

Die Parallele zu den englischen Meisen und Milchflaschen wird ausdrücklich erwähnt. Gerade an diesen haben sich jedoch die Zweifel und alternativen Erklärungen (von Tomasello und anderen) entzündet. Kurz gesagt: Einer ist auf den Trick gekommen, die anderen werden dadurch auf die „Problemsituation“ aufmerksam und kommen ebenfalls darauf (gleiche Situation, gleiche Lernvoraussetzungen – es ist kein Wunder). Man nennt das „stimulus enhancement“ und kann es leicht mit Nachahmung verwechseln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.07.2021 um 04.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46588

Wie schon Jefferson wußte, als er bestimmte, daß an seiner Universität von Virginia keine Theologie gelehrt werden solle. Neuro-Religionswissenschaft wäre grundsätzlich möglich, ist aber Zukunftsmusik. Bisher ist alles mit "Neuro-" nur brain porn.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.07.2021 um 00.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46587

Wikipedia:
Neurotheologie ist ein Ansatz innerhalb der Neurowissenschaften, religiöses Empfinden und Verhalten mit den Methoden der Neurobiologie zu erforschen.

Das ist ein Widerspruch in sich. Von der Wortbildung her müßte Neurotheologie eigentlich ein Teilgebiet der Theologie sein, hat also von vornherein nichts mit Wissenschaft[lichkeit] zu tun. Theologie steht nicht innerhalb irgendeiner Wissenschaft, sondern außerhalb jeder Wissenschaft, sie ist deren genaues Gegenteil.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2021 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46585

Der bedeutende Autor Matthew Ratcliffe hat sich vor längerer Zeit auch mal die "Neurotheologie" vorgeknöpft und ist zu folgendem Ergebnis gekommen:

This paper raises a number of concerns about the new field of ´neurotheology´, which seeks to investigate the neural correlates of religion and religious experience. I conclude that this area of enquiry is no more credible than the science of, say, ´neuroStevenSeagalology´, which is the study of the neural basis of Steven Seagal film experience. But, if you don´t like Steven Seagal films, pick whatever content you like. My colleague Ben Smith favours ´neurocheeseburgerology´.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2021 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46460

Durch die Medien geht ein Bericht der Universität Sydney: "Angry handbags and happy coffee: Our brains see expressions on faces in everyday objects" usw.

Das ist die gute alte Hypertrophie sozialer Wahrnehmung (Pareidolie wird ja ausdrücklich genannt), ein bißchen neurosophisch aufgepeppt. Natürlich weiß man jetzt nicht, „what the brain is doing when it processes visual signals and interprets them as representations of the human face.“ Die „specialised neural mechanisms“ sind keineswegs durchschaut.

Daß unser Gehirn bei wirklichen und bei vermeintlichen Gesichtern an denselben Stellen stärker durchblutet wird, ist nicht besonders überraschend.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2021 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46369

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#39240 und http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31615

Gegen die Vermenschlichung von Tieren richtet sich eine neue Untersuchung an Dohlen. Die Zeitung titelt: Trösten nur aus Eigennutz (SZ 1.6.21), was aber auch wieder irreführend ist, denn die Experimente haben ergeben, daß solche menschlichen Kategorien fehl am Platz sind. Auch Thomas Bugnyar erkennt das ausdrücklich an.

Vgl. dagegen (unter Berufung auf Bugnyar https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0010605): „Unter Forschern besteht kein Zweifel: Trösten ist alles andere als banal. Es gilt als hohe Form der Empathie. Die Tiere müssen zunächst die Emotionen des Verlierers – seine Niedergeschlagenheit – überhaupt spüren. Daraufhin müssen sie willens und fähig sein, diese Niedergeschlagenheit zu lindern. Dazu braucht es Intelligenz, um sich selbst als eigenständiges Wesen zu begreifen und den anderen als ein vom eigenen Selbst getrenntes Wesen zu erkennen; und schließlich das Talent zum Perspektivwechsel, um sich in den anderen hineinzuversetzen. Diese Qualitäten überprüfen Forscher gemeinhin mit dem Spiegeltest: Erkennen die Tiere ihr eigenes Konterfei, kann als gesichert gelten, dass sie über die notwendige Selbst- und Fremderkenntnis verfügen.“ (SZ 12.8.10)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2021 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46240

Zum Kapitel Neurobluff:

Über die sensorischen Systeme gelangen Informationen in unser Gehirn. Diese werden schließlich zu sinnhaften Objektrepräsentationen verarbeitet, identifiziert, mit Erfahrungen verglichen und mit Emotionen belegt. Das Ergebnis führt dazu, dass Verhalten ggf. motiviert und vor dem Hintergrund antizipierter oder gelernter Verhaltenskonsequenzen umgesetzt wird. Der Begriff «Erleben» bezieht sich somit darauf, wie eine Person ganz konkret Ereignisse, Situationen oder andere Personen für sich selbst wahrnimmt und diese intern repräsentiert.
(https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/erleben)

Das ist alles frei erfunden. Keiner kann sich vorstellen, was dabei im Gehirn passiert. Klingt aber modern und todschick.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2021 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46231

Auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung stehen in einem Kasten fast täglich die neuesten Erkenntnisse der Psychologie. Gestern zum Beispiel „Warum man Andersdenkende oft für schlechtere Menschen hält“. Das geht dann so:

Die Psychologinnen ließen für ihre Studie mehr als 1000 Probanden die Eigenschaften einer Frau beschreiben, die ihnen als Foto vorgelegt und entweder als Trump-Fan oder -Gegnerin vorgestellt wurde.

Usw. – der übliche weltfremde Unsinn, leicht durchzuführen und absolut wasserdicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2021 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46194

Der komplementäre Fehler sieht so aus:

„Sprache ist (...) ein von einem anderen Lebewesen unserer Art für uns intendierter Stimulus. (...) Die sprachliche Response wird von A produziert in der Absicht, daß sie als Stimulus auf B wirkt.“ (Hans Hörmann: Psychologie der Sprache. Berlin 1977:5)

Wenn ich, wie gestern abend, meine Frau frage: Wie heißt nochmal der Autor, der "A rebours" geschrieben hat? – will ich weder den mentalen Zustand meiner Frau verändern noch einen Stimulus setzen, um zu sehen, wie sie darauf reagiert.

(Nebenbei: Hörmann hatte behavioristische Anwandlungen, wie auch Theo Herrmann, aber beide sind bei einem gewissen Eklektizismus stehen geblieben.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2021 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46193

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#37811

Der Grundirrtum besteht also darin, Ausdrücke wie ich weiß, er will usw. als Zuschreibungen "mentaler Zustände" mißzuverstehen oder gar als Teile einer alltäglichen "theory of mind". Beckermann und Millionen andere halten das für eine Analyse, während es in Wirklichkeit eine philosophische Fiktion ist. Es ist der Kern der wiederauferstandenen rationalistischen Psychologie am Leitfaden der Sprache.

Wer das für überholt hält, leidet nicht an einer "Mentalphobie", sondern hat gute Gründe. Sie werden im Triumphgeschrei der Mentalisten ("Mind is back!") gar nicht mehr gehört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2021 um 17.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46175

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#40936

ein spannender Roman, der nach der Ursache des Bösen sucht (Hanser-Verlag über Harry Mulischs Hitler-Roman „Siegfried“)

Von einem Roman würde ich das nicht erwarten, aber bitte schön! Gerade lese ich in der SZ, daß ein besonders "präziser" Roman erschienen sein soll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2021 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#46128

William Kellogg zog 1931 seinen Sohn Donald und die Schimpansin Gua eine Zeitlang gemeinsam und angeblich gleichartig auf. Der Vergleich, wie viele Signale Schimpanse und Kind in der gleichen Zeit zu beantworten gelernt haben, ist schief, erst recht, wenn „Wörter“ gezählt werden.
„Im Alter von 19 Monaten beherrschte Donald nur drei menschliche Wörter. Ein Durchschnittskind hingegen beginnt in diesem Alter schon, Sätze zu bilden. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Experiment abgebrochen und Gua zurück in den Zoo geschickt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/The_Ape_and_the_Child
https://www.nzz.ch/folio/der-schimpanse-im-kinderwagen-ld.1618212

Ein Affe beherrscht keine „menschlichen Wörter“. Wörter sind Elemente von Sätzen mit verschiedenen Funktionen. Davon konnte bei Gua keine Rede sein.
Kelloggs Experiment wird heute kaum noch erwähnt. Die Schilderung wird auch den Anforderungen einer Verhaltensanalyse nicht gerecht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.05.2021 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45981

Eine Definition der Sprache wird angeboten: „a general system for encoding and communicating propositional information by arbitrary, syntactically-concatenated symbols which can provide a translation of anything that anyone can say in a natural language“ (Stevan Harnad/Horst D. Steklis/Jane Lancaster, Hg.: Origins and evolution of language and speech. New York 1976:445)

Wer kann das verstehen? Welche Rolle spielen die „Übersetzung“ und das „Enkodieren“? Was heißt „provide“? Was geht in Wirklichkeit vor? Immerhin glaubt man etwas Bedeutsames gesagt zu haben. Es gibt einfach zu viel Nebel dieser Art.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2021 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45949

Die Sprache als Quell der Seelenkunde (Ludwig Klages)

Der Buchtitel ist das ganze Programm der naiven Psychologie. Äusdrücklich so formuliert schon bei Christian Wolff.

Vgl.:

„Die ganze Eigenart der Psychologie als Wissenschaft liegt darin beschlossen, daß sie ihre ´Gegenstände´ nicht vorfindet, wie etwa die Physiologie Nerven, Blutgefäße und Sehnen, sondern daß sie jene erst durch die Benennung schafft.“ (Peter R. Hofstätter: Vom Leben des Wortes. Wien 1948:8)

Anders gesagt: Das Inventar der traditionellen mentalistischen Psychologie ist ein sprachliches Konstrukt, eine vielleicht nützliche Fiktion.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2021 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45902

Laut Aufmacher der SZ kämpft ein Drittel der Kinder und Jugendlichen wg. Corona mit „psychischen Auffälligkeiten“.
Journalisten geben das kritiklos weiter.
Bibelkundige wissen, daß gleich nach der Erschaffung der Welt der Nachwuchs mit psychischen Auffälligkeiten zu kämpfen hatte.
Ich habe die Belege nicht mehr zur Hand, aber ich glaube mich zu erinnern, daß auch vor Corona ein großer Anteil der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig war. Auch sonst kann man die Menschheit in zwei Gruppen einteilen: Psychologen und psychisch Auffällige.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.05.2021 um 04.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45870

Zum vorigen:

Die "Ortszellen" im Hippocampus einer Ratte sollen gleichsam eine Karte des Raums darstellen, in dem sie trainiert worden ist. Aber was ist mit dem Menschen? Er bewegt sich in vielen Räumen mit schier unendlich vielen Orten. Ein Unzahl von Karten wäre die Folge. Hier stimmt etwas nicht, und zwar nicht nur mit dem Bild der "Karte".

Die Orientierung in Räumen ist eine Abstraktion aus der Bewegungssteuerung, wie das "Wissen" überhaupt aus dem Verhalten abstrahiert ist. Die Speichervorstellung herrscht immer noch und führt in die alten Schwierigkeiten. Weder die Ratte noch der Mensch "wissen", wie der Raum aussieht, in dem sie sich bewegen, sondern sie bewegen sich einfach darin, und daraus entwickelt der naive Psychologe den Begriff des Wissens. Die wirklichen Vorgänge, also die Anpassung der Bewegung an die Umgebung, müssen in anderen Begriffen untersucht werden. Die Orte sind nicht in Ortszellen gespeichert oder repräsentiert, wie die Verlegenheitsformel lautet. Vorstellen kann man sich darunter sowieso nichts ("Orte speichern"?). Die Nobelpreisträger haben nicht das entdeckt, was man ihnen zuschreibt und was sie vielleicht selbst glauben. Das schmälert ihr Verdienst natürlich nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2021 um 05.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45843

Seescheiden legen somit nahe, dass es die Mobilität sein könnte, die Gehirne erforderlich macht. Aber verbinden die Neurowissenschaften nicht mit unserem Gehirn Fähigkeiten, die uns weit komplexer und bedeutsamer erscheinen als die Bewegung: Sprache, Erinnerungsvermögen, ein Konzept von Vergangenheit und Zukunft, die Fähigkeit, Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden und mit anderen zu interagieren, kurzum, all das, was menschliche Persönlichkeiten mit ihren Fähigkeiten und Eigenarten definiert. (Hans-Peter Thier: „Raum und Zeit. Warum sich Bewegung und Geist nur zusammen denken lassen“. FAZ 10.12.14)

Die Neurowissenschaften als naturwissenschaftliche Disziplin sollten von solchen Konstrukten nichts wissen. Bei der Untersuchung von Nerven stößt man nicht auf „ein Konzept von Vergangenheit und Zukunft, die Fähigkeit, Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden“ usw. Der Beitrag enthält auch wieder die Redeweise von „Karten“, „Speicherung“ usw., die naturwissenschaftlich nicht ratifiziert werden kann. Wie „speichert“ man Orte, wer liest die Karten? Und Nervenzellen "erkennen" nichts. Die alten begriffskritischen Bedenken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2021 um 05.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45815

Few subjects excite more curiosity than the mind. Partly this is because mental phenomena are so basic to our own nature. We are creatures that think, experience, feel emotion, and make decisions. Understanding these things is central to our grasp of the kind of being we are. Our mental functioning is also important to what we are individually, since it is mainly in terms of the variations in our mental lives that we develop our sense of our selves, and of each other, as individuals. (David M. Rosenthal, Hg.: The nature of mind. New York/Oxford 1991:3. Auch hier: https://www.davidrosenthal.org/DR-NM-Genl-Intro.pdf)

So beginnt ein recht bekannter Sammelband. Man wundert sich: Die alltagssprachlichen Redeweisen und folkpsychologischen Ausdrücke (Konstrukte) werden ohne weiteres als Ausgangspunkt genutzt, als ob die Existenz der damit bezeichneten „Phänomene“ erwiesen wäre. An die Stelle des „Geistes“ (mind) treten sogleich und dann immer mehr die scheinbar weniger verfänglichen „geistigen (mentalen) Phänomene“. Weniger verfänglich könnte man sie finden, weil sie keine substantielle Seele voraussetzen, kein „Gespenst in der Maschine“ (Ryle). Es bleibt aber die Vorgabe der Alltagssprache und der damit verbundenen folk psychology. Ich nenne das „naive Psychologie“. Der Rest ist gelehrte Verklausulierung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2021 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45809

Wie viele Synapsen im Gehirn einer Taube müssen sich verändert haben, wenn die Taube Pingpong spielen gelernt hat? Sicher mehr als eine („Großmutter-Neuron“), denn schon Lashley hat gezeigt, daß selbst der Verlust großer Teile des Gehirns ein gelerntes Verhalten nicht vollständig aus dem Repertoire eines Tiers tilgt. (Es ging um Labyrinth-Lernen bei Ratten.) Daher stammt das Hologramm-Modell Pribrams, in Fortführung von Lashleys Äquipotenz-Prinzip. Beides darf nicht übertrieben werden (vgl. Hebbs Korrektur an der Theorie seines Lehrers Lashley) – es gibt zweifellos Lokalisationen, aber sie sind nicht so eindeutig, wie man früher oft annahm. Je feiner zum Beispiel die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung eingestellt werden, desto mehr „Zentren“ entdeckt man, die alle mehr oder weniger und auf eine jedenfalls noch nicht genauer bekannte Weise an jedem Verhalten beteiligt sind.
(Die bildgebenden Verfahren werden allerdings u. a. gerade deshalb kritisiert, weil sie meist durch Mittelung aus mehreren Aufnahmen ein Durchschnittsmuster errechnen, das so in keinem einzigen Scan enthalten war und alle feineren Unterschiede einebnet.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2021 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45805

Noch einmal anders formuliert:

„Die Neurolinguistik kombiniert Erkenntnisse aus der Neurologie, insbesondere wie das Gehirn strukturiert ist und wie es arbeitet, mit Erkenntnissen aus der Linguistik, insbesondere wie Sprache strukturiert ist und wie sie funktioniert.“ (Wikipedia)

Die Neurolinguistik verbindet Neurologie und Linguistik meist in der Weise, daß die neuronalen Entsprechungen linguistischer Einheiten wie Sprache, Wort, Satz, Morphologie, Semantik, Phonologie usw. aufgesucht werden sollen. Dabei werden meistens die bildgebenden Verfahren der Computertomographie (i. w. S.) eingesetzt, manchmal auch noch das EEG.
Das Ergebnis ist trivialerweise immer die Lokalisation solcher Einheiten. Dadurch entsteht der Eindruck, die Versuche hätten die neurologische Realität dieser Einheiten bewiesen. Es wird praktisch nie gefragt, wie spezifisch diese Ergebnisse für sprachliche Eingaben sind, also welche nichtsprachlichen Einheiten ähnliche Lokalisationen ergeben hätten.
Eine breite Strömung der Linguistik in der Nachfolge Chomskys arbeitet mit Simulationsverfahren, die sprachliche Gebilde durch nacheinander (seriell, sequentiell) anzuwendende Umformungen „erzeugen“ sollen. Die selbstauferlegten Restriktionen, vor allem die binären Verzweigungen und daß immer nur ein Schritt nach dem anderen erfolgen soll, widersprechen schon deshalb der Realität des Gehirns, weil dort offensichtlich in weitestem Umfang parallele Verarbeitung stattfindet. Konnektionistische Netzwerkmodelle sind allerdings auf dem Papier sehr schwer darzustellen.
Die Sprache ist außerdem eine kulturell, gesellschaftlich, historisch geprägte Verhaltensweise. Solche kulturellen Verhaltensweisen wie Mode, Recht usw., aber auch Lügen, Erpressungen, Steuerhinterziehung spiegeln sich nicht direkt in Gehirn-Modulen wieder.
Der entsprechende Fehler oder Trick ist schon anderswo kritisiert worden: Läßt man Tauben geschriebene Wörter unterscheiden, erhält man Befunde über die Verarbeitung von geschriebenen Wörtern. So konnte Güntürkün mit der sensationalistischen Meldung an die Presse gehen, daß Tauben zwar nicht die englische Sprache, wohl aber die englische Orthographie wenigstens teilweise beherrschen. Er hätte die gleiche Diskriminierungsfähigkeit der Tauben anhand von anderen geometrischen Figuren oder von Klötzchen verschiedener Form erforschen können, aber das Ergebnis wäre kaum über hundert Jahre alte Erkenntnisse hinausgegangen.
Mein Fazit: Es gibt überhaupt noch keine Neurolinguistik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2021 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45762

Ein schönes Beispiel naiver Psychologie:

Some years ago I asked my youngest daughter to imagine the capital letter N, tip it over on its side, and then tell me what she saw in her mind’s eye. She promptly said, "I see a Z!" Her response suggests that she made use of some kind of holistic mental representation and was able to rotate it in order to arrive at the answer. (Paivio: „Neomentalism“. Language 29, 1975:263-291, hier S. 277) (Es folgt die Theorie von Cooper/Shepard)

Die Aufforderung an das Kind ist unter Voraussetzung genau derselben Begrifflichkeit ergangen, die wir eben ausgebildet haben, um Erfahrungen solcher Art auszudrücken. Dann muß zwangsläufig „Vorstellung“ und „mentale Rotation“ herauskommen! Es ist ja hineingesteckt. (In diesem Sinn kritisch auch Pylyshyn)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2021 um 06.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45757

Eine angeborene Sprache wird immer unfaßbarer, je mehr wir erkennen, wie sehr Sprache eigentlich „geschichtlich“ ist, eine allmähliche Anpassung an immer neue Umstände, phylogenetisch, kulturgeschichtlich und individuell-lerngeschichtlich. Die Grundzüge erwerben wir im Kindesalter, aber jeder Tag bringt neue Erweiterungen. Sprechen heißt Sprechenlernen. Wir versuchen es mit jeder Äußerung aufs neue und erfahren dabei Gelingen und Mißlingen. Sprechen ist nicht das Aufsagen von vorhandenen Sätzen, sondern ein Experimentieren „mit Sprache“ (adverbiell verstanden, ohne einen beteiligten Gegenstand „Sprache“). Das ist nicht anders als beim täglichen Hantieren und Fortbewegen: ein ständiges Erkunden der Welt. Unsere „Sprache“ (eine riskante Hypostasierung) ist nie „fertig“, sie ist kein „Werk“, sondern eine „Tätigkeit“ (Humboldt). Sprache ist auch kein „System“, „Zeichensystem“ oder dgl., sondern eben ein Verhalten wie Bergsteigen oder Holzschnitzen. Das Nektarsammeln der Bienen, die Werkzeugherstellung eines Indianervolks sind keine „Systeme“, sondern Verhaltensweisen mit systematischen, d. h. verallgemeinerbaren und daher allgemein beschreibbaren Zügen.

In kuriosen Büchern wie von Roger Liebi sind Schöpfungsglaube und linguistischer Nativismus (Chomsky) so innig verbunden, wie es das kreationistische, nichtevolutionäre Denken verlangt.

Chomskys sonderbare Sprachauffassung scheint auf die jüdische Theologie zurückzugehen. Tatsächlich wird der Zusammenhang in einer sehr interessanten Liste bei Wikipedia angedeutet: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Philosophie. Im Eintrag zu Chomsky selbst ist davon allerdings nicht die Rede, nur die Herkunft wird erwähnt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.04.2021 um 19.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45710

Der Polizist, der den Tod von George Floyd verursacht hat, wurde heute eines "second degree murder" für schuldig befunden.

In den Nachrichten des Ersten wird daraus "Mord", im ZDF "Totschlag" gemacht.

Laut Wikipedia entspricht dem amerikanischen Mord zweiten Grades nach deutschem Recht am ehesten die "Körperverletzung mit Todesfolge", also weder Mord noch Totschlag.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.04.2021 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45706

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44112

Liebis Buch kann man online lesen:

https://www.leseplatz.de/media/pdf/15/14/60/256289.pdf

Liebi stützt sich auch auf Chomsky, der bekanntlich eine evolutionäre Erklärung der Sprache ausschloß. Das wirft ein Licht auf die unausgesprochene Tradition, in der Chomsky steht.

Gelehrsamkeit schützt nicht vor schweren Verirrungen, das macht einen immer wieder ganz baff. Was tun, "ohne den Verstand zu verlieren" (Hubert Schleichert)?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.04.2021 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45677

Noch einmal zum Handicap-Prinzip:

Ich sehe da ein logisches Problem. Die Theorie besagt, daß ein Tier durch eine sozusagen freiwillig gewählte Behinderung gerade seine Stärke (fitness) zur Schau stellt: "Ich bin so stark, daß ich mir eine Schwäche leisten kann." Aber warum dieser Umweg? Es könnte doch seine Stärke auch unverstellt demonstruieren. Wäre das aufwendiger? Ich kann mir die Mathematik dahinter nicht vorstellen. – Der Beutegreifer müßte gewissermaßen von einem solchen Kalkül geleitet werden: "Da ist ein Tier, das behindert, schwach, lahm wirkt; folglich wird es stark und besonders fit sein, so daß es zwecklos ist, hinterherzujagen." – Das dürfte schwer nachzuweisen sein, während Gegenbeispiele zur Hand sind: Löwinnen jagen das schwächste Tier einer Herde usw.

Alternative Deutung: Die Schwanzfedern des Pfaus sind zum Zeichen geworden, das die angebalzte Henne kopulationsbereit macht. (Dieser Mechanismus wird ja nicht bestritten und ist bei allen möglichen Arten belegt.) Nach dem Muster "viel bringt viel" hat sich das Pfauenrad immer prächtiger entwickelt: eine "überoptimale" Darbietung. Das wirkt auch im Experiment: Überoptimale Attrappen (nach dem Ausdruck von Konrad Lorenz) eines Stichlingsweibchens wirken auf das Männchen noch stärker als ein wirkliches trächtiges Weibchen. (Männer fliegen auf virtuelle Wunderweiber noch mehr als auf wirkliche Frauen.)
Das Hinderliche des Pfauenschweifs wäre dann nur eine Nebenwirkung und so austariert, daß sie das Überleben gerade eben nicht verhindert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.04.2021 um 06.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45600

Zur Sache selbst: Eine fast 90jährige Dame hat immer noch gelegentlich einen Albtraum, in dem sie am Tod eines kleinen Jungen schuld ist, der in einem Gartenteich ertrank, während die damals 8jährige auf ihn aufpassen sollte. Der Verstand sagt ihr, daß niemand ein 8jähriges Kind mit einer solchen Aufgabe betraut, und wahrscheinlich war das auch gar nicht der Fall. Die Schuld würde also nicht nur 80 Jahre zurückliegen, sondern wäre außerdem noch eingebildet.

Nach Freud sind alle Träume Wunscherfüllungen. Nun deutet mal schön! Es wird schon klappen, wie es bisher immer geklappt hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.04.2021 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45599

Ob man Gewissensbisse oder Schuldgefühle empfindet, hängt auch davon ab, ob man auf eine Anweisung hin gehandelt hat. Allerdings ganz anders als erwartet, wie ein Experiment zeigt.
(...)

Die Psychologinnen legten ihren Probanden diverse Szenarien zur Bewertung vor. Zum Beispiel sollten sich die Teilnehmer vorstellen, sie müssten die Software eines autonom fahrenden Autos programmieren. Ein reales Problem besteht dabei darin, wie sich die Software im Fall eines unvermeidbaren Unfalls verhalten soll: Was ist oberste Maxime – dass der Fahrer des Autos am Leben bleibt oder dass so wenige Menschen wie möglich zu Schaden kommen? Lenkt die Software den Wagen also zum Beispiel gegen eine Wand und opfert den Fahrer, weil andernfalls zwei Fußgänger getötet worden wären?
(SZ 7.4.21)

Eins von unzähligen Experimenten, mit denen Psychologen die Seiten füllen. Niemand fragt, ob solche Simulationsspiele etwas über das wirkliche Leben aussagen, von dem sie mehrere Stufen entfernt sind. (Daß die Probanden vermutlich wieder Psychologiestudenten waren, braucht man gar nicht zu erwähnen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2021 um 14.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45500

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42966

Der vielseitige Markus Reiter hat schon vor einem Jahr erklärt, daß falsche journalistische Metaphern im Zusammenhang mit Corona die Amygdala verändern und dadurch Angst erzeugen. Es gibt aber auch ganz unmetaphorische Corona-Statistiken, die Angst erregen. Ich kenne übrigens Corona-Metaphern, die sehr beruhigend wirken; man kann sogar daran sterben. Aber mal im Ernst: Metaphern sind doch immer falsch, sonst wären es keine.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2021 um 04.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45497

Zu Kornhuber und Libet (Bereitschaftspotential, Aktualgenese):

Die Anbahnung einer spontanen (nahezu vorgängerfreien) Bewegung, einschließlich sprachlicher Artikulation), dauert etwa eine halbe Sekunde. Die daran anschließenden Bewegungen werden schneller bereitgestellt, weil das Verketten die jeweils möglichen Fortsetzungen bereits voraktiviert (priming und chaining). Entsprechendes gilt für das Verstehen: Oft wird der Anfang einer gehörten Äußerung nicht verstanden, weil dazu eine gewisse Bereitschaft nötig ist, deren Entstehung durch den folgenden Text zwar meistens nachträglich hergestellt wird, so daß wir erst dann erkennen, womit die Äußerung begonnen hat; manchmal wird der Anfang durch das Folgende aber auch verdeckt. Kontextfreie Redeteile wie etwa Eigennamen bei der Vorstellung werden oft nicht richtig verstanden.

Von meinem ersten Besuch in Paris (als Schüler) ist mir noch im Ohr, wie der Kellner unsere Bestellung von zwei Tassen Kaffee in die Küche weitergab: Deux cafés deux! So sicherte er bei einem gewissen Lärmpegel die Übertragung des entscheidenden ersten Wortes. Ähnliche Praktiken gibt es auch in anderen Bereichen, wo kurze Nachrichten korrekt zu übermitteln sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.03.2021 um 05.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45471

Psychologe im Radio über Kinder und Corona. Was er sagt, klingt plausibel, weil es das ist, was ich mir auch schon gedacht habe. Aber warum interviewt man den Psychologen und nicht mich?

Ich lese von „Untersuchungen“ zum Thema. Psychologen haben tausend Eltern telefonisch gefragt, ob sie Verhaltensauffälligkeiten bei ihren Kindern beobachtet haben. Diese Auskünfte sind die „Daten“, mit denen die Akademiker dann die schönsten statistischen Kunststücke anstellen, wie sie es im Grundkurs gelernt haben. Kann wegfallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2021 um 19.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45436

Die Versuche, Tieren Sprache beizubringen, begehen den Fehler, nicht an die natürliche Kommunikation des Tiers anzuknüpfen, sondern an die zirzensische Tradition. Man bringt dem Tier Kunststücke bei und deutet sie dann wohlwollend als die Sprache, die sie bei Menschen wären.

Die arteigene Kommunikation der Tiere erweist sich als praktisch nicht konditionierbar.

Die Entwicklung der menschlichen Sprache dürfte nicht bei manueller Geschicklichkeit angefangen haben, sondern bei dem schon vorhandenen Kommunikationsverhalten.

Wir und unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, haben sich vor 6 Mill. Jahren von einander getrennt. In dieser Zeit haben sie zweifellos ebenso wie wir, aber eben in anderer Richtung, ihre Verhaltensformen, auch ihr Kommunikationsverhalten, weiterentwickelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2021 um 08.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45365

Psychologen haben herausgefunden, daß Menschen oft das Gefühl haben, ein Gespräch habe nicht zum besten Zeitpunkt geendet.
„Dafür baten die Wissenschaftler 252 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die sich vorher nicht oder nur flüchtig kannten, jeweils paarweise in einen Raum. Sie forderten die Probanden auf, sich zwischen einer Minute und 45 Minuten lang zu unterhalten. Anschließend befragten sie beide, zu welchem Zeitpunkt das Gespräch für sie jeweils gut hätte enden können. Oder wie viel länger sie selbst gern noch geredet hätten. Das Ergebnis: Fast die Hälfte aller Teilnehmer hätte sich ein um ein Viertel der Zeit längeres oder kürzeres Gespräch gewünscht, als es tatsächlich stattfand.“ (SZ Wissen 3.3.21)
Man beachte die Künstlichkeit der Situation. (Das erratische Gendern – wie im ganzen Artikel – lasse ich auf sich beruhen.)
Wenn ich mich mit jemandem unterhalten habe und mir das Ganze nicht völlig gleichgültig war, denke ich manchmal noch darüber nach, und mir fällt ein, daß ich noch etwas anderes hätte sagen können; seltener, daß ich zuviel gesagt habe. Das ist alles viel komplizierter. Man muß ja auch unterscheiden, ob man einander nur zufällig getroffen oder absichtlich aufgesucht hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2021 um 08.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45359

Zum vorigen:
Man hat aus den fossilen Schäden den Gehörgang des Neandertalers zu rekonstruieren versucht und daraus wiederum abgeleitet, für welche Frequenzen die Neandertaler besonders empfindlich waren. Welche (von unseren!) Konsonanten konnten sie unterscheiden?

Ich glaube zwar nicht, daß man die Weichteile aus den fossilierten Knochen rekonstruieren kann, aber selbst dann wären zwei grundlegende Erkenntnisse vernachlässigt: Erstens ist die Sprachfähigkeit eine Sache der Steuerung durch das Gehirn und nicht der Anatomie und Physiologie (außer natürlich was den Verlauf der Nerven betrifft, die die Artikulationsorgane steuern). Zweites sind bei den Lebewesen die Hörfähigkeiten auf die eigene Lautproduktion abgestimmt. Das wird auch bei Vormenschen so gewesen sein: Sie konnten besonders gut hören und analysieren, was sie selber sagten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2021 um 06.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45358

Wieder einmal will man aus anatomischen Befunden (nach FOXP2 und Zungenbein ist es jetzt der Gehörgang) ableiten, ob und wie Neandertaler gesprochen haben.

Die Autoren folgern, dass die kulturellen Errungenschaften der Neandertaler mit ihrer Fähigkeit zu sprechen zusammenhängen. Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, wendet jedoch ein, dass die kulturellen Zeugnisse des Neandertalers deutlich bescheidener ausfallen als beim Homo sapiens: "Die Seltenheit symbolischer Objekte von Neandertalern spricht gegen eine menschenähnliche Sprache." Ihrer Ansicht nach haben unsere Verwandten zwar gesprochen, aber wahrscheinlich nicht so ausgeklügelt wie wir. (SZ 2.3.21)

Wahrscheinlich wie Papuas. Primitiv eben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2021 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45304

Jemand hat sinngemäß gesagt: Ein Apparat von der Komplexität des Gehirns kann keine einfachen Lösungen für einfache Aufgaben finden. Wenn das Gehirn die Addition 2 + 2 ausführt, setzen sich Milliarden von Impulsen in Bewegung, und es kommt zu einer Abstimmung in der „Neuronenrepublik“, wobei sich immer wieder der „stärkste Drängler“ durchsetzt, bis aus einer extrem aufwendigen „Stimmenauszählung“ mit größter Wahrscheinlichkeit die makroskopische Muskelbewegung hervorgeht, die wir als Antwort 4 wahrnehmen. Das ist zumindest ein plausibles Modell.

Es soll im Hirn Regionen für Gesichter und für Orte geben. Denen hat man sogar eigene Namen gegeben. Gibt es auch welche für Werkzeuge, Fledermäuse, Universitäten, Zahlen, Gewürze, Yogakurse und Substantive? Jede Versuchsreihe bringt Ergebnisse, und sie gleichen sich nie, wenn man nur genau genug hinsieht. Und man sieht immer so genau hin, daß sich Unterschiede feststellen lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2021 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45296

Das „Sehen eines Hauses“, dessen neurophysiologische Entsprechung mit fMRT gesucht wird (Stephan Schleim: Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung. Hannover 2008:53) gibt es nicht einfach so. Es ist kein definierbares Verhalten, sondern immer Teil eines Verhaltenszusammenhangs, sei es auch eines künstlich isolierten, z. B. die Aufforderung, ein Haus zu betrachten (meist wohl die Abbildung eines Hauses). Ein natürlicher Zusammenhang wäre z. B., wenn jemand während eines Unwetters Schutz sucht und ein Haus sieht oder sich verirrt hat und endlich ein Haus sieht oder im Nebel fährt und ein Haus sieht, dem er ausweichen muß usw. Das Sehen hat wie jedes Verhalten Vorgänger und Nachfolger, Ursachen und Folgen, die dazugehören, wenn man seine Entsprechung im Gehirn untersuchen will.
Etwas spontan tun und dasselbe auf Aufforderung tun (vorführen) ist bekanntlich ganz verschieden, wie man bei Aphasikern sieht.
Ebenso „an Korfu denken“. Geben zwei Versuchsreihen, in denen mehrere Menschen 30mal an Korfu denken und die Ergebnisse gemittelt werden, hinreichend ähnliche Scans, und unterscheiden sie sich hinreichend von den Ergebnissen, die bei „an Grönland denken“ erzeugt werden? Ist dieser Vergleich je angestellt worden? Jemand erzählt vom Urlaub und erinnert sich an Korfu – das ist unabsehbar verschieden von der „Vorstellung“ (was immer das sein mag), die jemand sich macht, wenn man ihn auffordert, sich an Korfu zu erinnern.

Hinzu kommt die Illusion des Vorstellens („ich sehe es genau vor mir“), für das es kein physisches Korrelat geben kann, weil die Selbstauskunft, man denke an ein Haus, an Korfu oder an ein Gesicht und sehe es genau vor sich, nachweislich falsch ist. Richtig wäre die Frage, wie die Illusion im Gehirn entsteht, aber dazu ist sie viel zu schlecht definiert. Besteht sie im Aussprechen? Hat sie Ähnlichkeiten mit einer Halluzination? „Vorstellung“ ist ja Teil der alltagspsychologischen Konstruktion und kein Begriff aus der Verhaltensanalyse. Daß beim Vorstellen teilweise dieselben Hirnregionen aktiviert werden wie beim Wahrnehmen, ist interessant, reicht aber nicht aus, um die Fragen zu beantworten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.02.2021 um 23.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45268

Meine sehr allgemeine Sicht auf den "Beweis" an sich bedeutet natürlich nicht, daß allgemeingültige Sätze (d.h. mit variablen Größen) und das Prinzip der unbedingten Beweispflicht aller Aussagen nicht erst die eigentliche moderne (exakte) Mathematik begründet haben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.02.2021 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45267

Nein, ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied im Beweisen einer ganz konkreten Zahlenrechnung (z.B. 90 = 100 - 10) und einer allgemeineren Aussage (z.B. Satz des Pythagoras). Der Unterschied besteht höchstens quantitativ in der Anzahl der dazu notwendigen Einzelschlüsse.

Beweisen heißt, eine Behauptung aus ausgewählten, früher bewiesenen Sachverhalten (Sätzen) und in sich widerspruchsfreien Grundannahmen durch logische Schlüsse abzuleiten.
Daraus ergibt sich, daß der so bewiesene neue Sachverhalt (Satz) wiederum widerspruchsfrei und gleichwertig (d.h. wahr) zu allen anderen bewiesenen Sätzen ist.

Es hat mit dem Grad der Verallgemeinerung m. E. nichts zu tun, wo wollte man da auch eine Grenze ziehen? Auch der bereits "allgemeine" Satz des Pythagoras läßt sich noch weiter verallgemeinern.
(Man könnte z.B. statt der Quadrate auf den Seiten a, b, c des rechtwinkligen Dreiecks auch Halbkreise, Dreiecke oder Ampelmännchen errichten, Hauptsache alle im gleichen Größenverhältnis a:b:c, dann ist die Flächensumme der beiden kleineren Figuren immer gleich der Fläche der größeren Figur.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2021 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45262

Ich will die Diskussion nicht zu weit treiben und insbesondere die Grundlagendiskussion nicht. Aber erlauben Sie sich da nicht ein Wortspiel mit "Beweis"? Das Nachrechnen an der Kasse ist eine einzelne Anwendung von Rechenregeln, ein mathematischer Beweis soll aber doch gerade die Allgemeingültigkeit zeigen. Ich habe es immer so verstanden, daß gerade in diesem Schritt die Einzigartigkeit der abendländischen Mathematik ("Euklid") gegenüber der orientalischen Feldvermessung usw. bestand.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.02.2021 um 19.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45261

"Mathematiker würden gar nicht Jahre ihres Lebens an den Beweis eines Theorems setzen, wenn sie nicht von dessen Gültigkeit intuitiv überzeugt wären."

Sicher wahr, aber sie würden auch nicht Jahre ihres Lebens daran setzen, wenn sie den Beweis nicht trotz ihrer Intuition für essentiell wichtig hielten. Ohne Beweis ist ein Theorem nun einmal nichts wert, das mußte auch Ramanujan lernen (wie im Film "Die Poesie des Unendlichen" gut dargestellt).

Wir alle liefern ständig Beweise. Jedes Nachrechnen des Wechselgeldes an der Kasse, jede Lösung einer Schulmatheaufgabe ist ein eigener Beweis, der so genau in keinem Lehrbuch steht. Ohne den Lösungsweg als Beweis gibt es keine Punkte. Natürlich werden dabei bekannte Sachverhalte und Verfahren benutzt, die bereits bewiesen sind.

Nicht anders machen es Spitzenmathematiker. Wer irgendwann die Riemannsche Vermutung beweist, wird auch nicht jede Einzelheit neu zeigen. Er setzt ein Puzzle vorhandenen Wissens geschickt zusammen, vielleicht mit wenigen neuen Hilfssätzen, aber vielleicht auch mit einer komplett neuen Theorie.

Was könnte Mathematik mit Psychologie zu tun haben? Bei Psychologie geht es um Menschen. Nash oder Perelman sind bekannte Beispiele von in dieser Hinsicht auffälligen mathematischen Genies. Aber liegt das an der Mathematik? Meiner Meinung nach nicht direkt, aber es könnte mit dem Sprichwort zu tun haben, wonach Genie und Wahnsinn eng beieinander liegen. Auch mathematische Höchstleistungen können nur von Genies erbracht werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2021 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45255

In der Tat war die Riemannsche Vermutung der Anlaß meiner Betrachtung, weil ich in der Nash-Biografie gelesen hatte, daß Nashs fruchtlose Beschäftigung mit dieser "Hilbertschen" Aufgabe nicht wenig zu seinem ersten schizophrenen Aussetzer beigetragen haben soll.

Der neuerdings vorgeschriebenen Schreibweise "riemannsch" entgehen manche durch "Riemann-Vermutung". Dies nur nebenbei.

Mathematiker würden gar nicht Jahre ihres Lebens an den Beweis eines Theorems setzen, wenn sie nicht von dessen Gültigkeit intuitiv überzeugt wären. Natürlich können sie sich irren.

Man muß aber sehr viel wissen, um solche Intuitionen zu haben. Ramanujan war auch dafür bekannt.

In der Geschichte der Menschheit wurde sehr viel Mathematik betrieben, bevor in Griechenland – und anscheinend nur dort – die Idee des "Beweisens" aufkam. Das ist für uns dann der Inbegriff der Mathematik geworden – eine gewisse Verengung des Blicks. In Nasars Nash-Biographie wird auch von großen Mathematikern berichtet, deren Stärke auf der Entdeckung und nicht auf dem Beweisen von Theoremen lag. Das Beweisen überließen sie ihren Schülern, die manchmal, bei aller Verehrung, klar aussprachen, daß im Lehrbuch ihres Meisters kein einziger richtiger Beweis stand...

Übrigens hat keiner von uns je einen Beweis geliefert, nicht wahr? Wir haben immer nur die Beweise aus dem Schulbuch nachgespielt wie klassische Schachpartien.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.02.2021 um 23.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45254

Ein gutes Beispiel wofür? Für eine nützliche Vermutung?

Es könnte sein, daß eines Tages all diese Arbeiten wie ein Luftschloß in sich zusammenfallen. Welchen Nutzen hatte dann die Vermutung außer den, daß man dann weiß, daß sie falsch war?

Es könnte sein, daß die Vermutung eines Tages bewiesen wird. Erst von da an würde sich ihr Nutzen und auch schlagartig der Nutzen aller darauf aufbauenden Arbeiten entfalten, nicht früher.
 
 

Kommentar von , verfaßt am 12.02.2021 um 18.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45253

Guten Tag.
Ein gutes Beispiel ist die Riemannsche Vermutung. Noch ist sie nicht bewiesen, aber Hunderte von mathematischen Arbeiten bauen darauf, daß sie eines Tages bewiesen sein wird (sagt in diesem Vortrag – bei etwa 11:30 – der Hamburger Mathematiker Edmund Weitz).

https://youtu.be/sZhl6PyTflw
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2021 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45252

Offensichtlich reden wir aneinander vorbei. Mir geht es um die Psychologie der Mathematik, Ihnen um die Wissenschaftstheorie. So ungefähr könnte man es erklären.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.02.2021 um 14.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45251

Landvermesser sind nicht unbedingt Mathematiker. Es interessiert sie i. a. nicht, ob die Seiten 3,4,5 tatsächlich genau einen rechten Winkel ergeben, Hauptsache, er ist recht in hinreichender Näherung für ihre Zwecke. (Spezielle Landvermesser wie Gauss haben natürlich gleichzeitig als Mathematiker ein weitergehendes Interesse.)
Einen Architekten interessiert es auch nicht, daß er ein Neuneck nicht mit Zirkel und Lineal konstruieren kann. Er benutzt sowieso einen Winkelmesser. Das ist aber dann keine Mathematik mehr.

Der Satz des Pythagoras war natürlich für verschiedene Anwendungen nicht wertlos. Aber für die Mathematik war er wertlos, solange er nicht bewiesen war.

Jemand hält an einem Theorem fest, das nicht bewiesen ist? Gut, er mag daran glauben, auch Mathematiker haben natürlich Vermutungen. Aber was nützt es ihm? Solange es keinen Beweis gibt, kann er das Theorem zu nichts gebrauchen, jedenfalls nicht als Mathematiker. Für irgendeine Anwendung, bei der es nicht auf einen sehr unwahrscheinlichen Irrtum oder Exaktheit ankommt, vielleicht schon.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2021 um 04.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45247

Ich hatte etwas ganz Einfaches im Sinn. Nehmen Sie den Satz des Pythagoras. Den kann man anwenden, um verschiedene Größen zu berechnen. Euklid beweist ihn, aber er war auch ohne Beweis nicht wertlos. Die ganze Kunst der "Feldvermessung" (= Geometrie) wurde ohne Beweise betrieben.

Ich lese gerade, wie Sie vielleicht bemerkt haben, die Biografie John Nashs und bin dort immer wieder auf Intuitionen mit später nachgeliefertem Beweis gestoßen. Aber eigentlich hatte mein Eintrag nicht mit Mathematik zu tun, sondern mit einer psychologischen und neurologischen Spekulation. Die erwähnten Mathematiker sind nur Beispiele: Jemand hält hartnäckig an einem Theorem fest, obwohl er noch jahrelang keinen Beweis hat. Das paßt nicht recht zu der These, ein mathematischer Satz sei ohne Beweis "nichts wert".

Die Forschung geht bekanntlich nicht so vor, wie es nachher im Lehrbuch steht. Die großen Mathematiker berichten immer wieder, daß ihnen eine bestimmte Lösung einfach besser "gefallen" habe, lange bevor sie den Beweis ihrer Richtigkeit erbringen konnten. Das ist nicht gerade mathematisch ausgedrückt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.02.2021 um 23.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45246

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wovon Sie hier schreiben. Was ist eine "mathematische Regel"? Wozu braucht ein Mathematiker eine "Problemlösung", was meinen Sie damit? Er liefere den Beweis, wenn überhaupt, dann irgendwann, später? Was "gefällt" einem Mathematiker?

Mathematiker stellen Sätze auf und mögen nichts anderes als Sätze mit einem strengen Beweis. Der schönste Satz ist ohne Beweis nichts wert. Solange der nicht erbracht ist, gilt der Satz nicht, mag er noch so "gefällig" sein. Stehen zwei verschiedene Beweise zur Verfügung, dann gilt üblicherweise der kürzere als der elegantere, schönere, aber nicht als der bessere. Grundsätzlich ist einer so gut wie der andere.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2021 um 06.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45242

Wenn wir nach der Standardauffassung einer Regel folgen, zum Beispiel einer mathematischen, dann liegt der sauberen Logik eine schmutzige Wirtschaft zugrunde: Wir bevorzugen ein Verhalten, weil es Lust bereitet, uns besser gefällt (= verstärkt worden ist). Ratiomorph in der Entstehung, rational im Ergebnis und in der gesellschaftlichen Funktion. Der Mathematiker hat sich so in seine Fachwelt eingelebt, daß ihm eine bestimmte Problemlösung eher gefällt als eine andere; den Beweis liefert er später, wenn überhaupt. (Ein Theorem bleibt manchmal jahrhundertelang stehen, bis jemand es beweist. Der Entdecker oder Erfinder hat es „geahnt“ – aber was heißt das eigentlich?) In weniger spezialisierten Bereichen leuchtet das eher ein. Die gierigen Käufer und Verkäufer „berechnen“ die Knappheitsverhältnisse auf einem komplexen Markt. Die Kugeln folgen der Schwerkraft, wenn sie über das Nagelbrett rollen und die Gaußsche Normalverteilung „berechnen“. Der Ballspieler folgt einer Daumen-Heuristik, die Wüstenameise einer Duftspur, beide treiben keine Integralrechnung, auch wenn das Ergebnis so aussieht (Planimeter-Paradox).
Die Synapsen „rechnen“ zwar, nämlich durch Feuern/Nichtfeuern in einem binären Code, aber die Milliarden Synapsen, die jedes Verhalten steuern, überspielen den digitalen Charakter der einzelnen Schalter zugunsten eines Masseneffekts, der durch die Gesellschaft so weit diszipliniert werden kann, daß das Verhalten den Anforderungen der Rationaliät genügt. Tausende von unvernünftigen Tieren bauen einen vernünftigen Computer – und eine vernünftige Sprache, die sich über den Sumpf der wilden Hirnaktivität legt wie eine schwankende Brücke, krumm und schief genug und immer einsturzgefährdet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2021 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45236

Gute Zusammenfassung hier:

https://www.sciencemag.org/news/2019/06/talk-hand-scientists-try-debunk-idea-finger-length-can-reveal-personality-and-health
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2021 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45235

All diese Zusammenhänge sind nicht von vornherein auszuschließen, zumal es meistens um den Testosteron-Spiegel in der Entwicklung des Fötus geht. Nach meiner Definition (in meinem Okkultismusaufsatz) handelt es sich daher um Parawissenschaft und nicht um Pseudowissenschaft. Das ändert aber nichts daran, daß die Methode verfehlt ist und die Ergebnisse höchstwahrscheinlich nichts taugen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.02.2021 um 14.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45234

Und ich dachte immer, die Nasenlänge wäre das eigentlich Verräterische des Mannes.

Aber ernsthaft, auf der anderen Seite scheint es auch wieder nicht ganz so abwegig, daß die Proportionen eines Lebewesens im weiteren Sinne schon mit seiner Gesundheit zu tun haben. Die Maße sollten nicht zu stark vom Mittelwert abweichen, sonst kann etwas nicht stimmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2021 um 14.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45231

Ist Ihnen klar, lieber Herr Riemer, daß wir jetzt praktisch alles über Sie wissen?

"Das eigentliche Studium der Menschheit ist der...Ringfinger." (Frei nach Goethe, bzw. nach Pope)

Bei mir ist rechts der Ringfinger deutlich länger als der Zeigefinger, links sind sie gleich (fürs bloße Auge).

So, und jetzt vergessen wir den Datenschutz!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.02.2021 um 11.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45230

Oh, laut Wikipedia muß man ja noch viel genauer messen, als ich das getan habe. Das kriege ich nicht hin, dazu muß man wohl Anatom sein.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.02.2021 um 10.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45229

Komisch, bei mir sind Zeigefinger und Ringfinger exakt gleich lang, auf den Millimeter, rechts wie links. Muß ich mir Sorgen machen? Was bedeutet dieses Verhältnis von 1:1 nun genau für meine Herzinfarktanfälligkeit oder für meine Potenz?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2021 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45228

Das Beispiel zeigt, wie berechtigt die Klage Skinners in einem seiner als „klassisch“ geltenden Aufsätze war. Er kritisierte die „Flucht in die Statistik“. Statt dringend nötige neue Untersuchungen am Objekt selbst anzustellen, verbringen Psychologen einen großen Teil ihrer Arbeits- und Lebenszeit damit, aus dürftigen Daten statistisch noch etwas herauszuquetschen. Das Ergebnis verschwindet in der Regel sofort in den Archiven, weil es ganz uninteressant ist.
Ich selbst habe mehrmals aus der Nähe miterlebt, wie das funktioniert: Qualifikationsarbeiten gelten eigentlich nur dem Nachweis, daß der Proband die statistischen Methoden beherrscht (obwohl und gerade weil er kein Mathematiker ist und sich bei der Arbeit von Mathematikern helfen ließ, was er aber nicht unbedingt zu erwähnen braucht, weil es sowieso jeder weiß...).

Damit ist natürlich nichts gegen Statistik gesagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2021 um 07.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45227

Mit dem Längenverhältnis von Zeige- und Ringfinger korrelieren (positiv oder negativ)
Herzinfarkt
Brustkrebs
Prostatakrebs
Penislänge
ADHD
Rechtschreibschwäche
Linkshändigkeit
Fruchtbarkeit
Autismus
Asperger
Alkoholismus
Magersucht
Migräne
Stottern
Schizophrenie
Depression
Durchsetzungskraft
Kommunikationsfähigkeit
Neurosen
Potenz
Sportlichkeit
Aggression
Hyperaktivität
Musikalität
Gesichtszüge (wahrgenommene „Männlichkeit“)
sexuelle Orientierung
Polygamieneigung
Handschrift
akademischer Erfolg
mathematische Begabung
Zahlensinn
Ungezogenheit bei Jungen
Kriminalität nach der Pubertät
Risikobereitschaft
Empathie
Kooperationsbereitschaft
Altruismus
künstlerische Begabung

u. v. a.

All das ist wissenschaftlich bewiesen, und die Zeitungen berichten jedes Jahr darüber, so erst kürzlich wieder die Süddeutsche Zeitung.

„Dafür haben die Biologen Martin Cohn und Zhengui Zheng 58 Mäuse vom Stamm CD-1 untersucht und ihre Hinterläufe vermessen. Die hinteren Extremitäten der Nager haben ein ähnliches Zeigefinger zu Ringfinger Verhältnis wie wir Menschen.“ (WELT)

Es ist fast unmöglich zu beweisen, daß zwischen zwei beliebigen Größen keine Korrelation besteht. 134 österreichische Feuerwehrleute oder auch 249 Studenten reichen längst nicht aus. Mäuse wahrscheinlich auch nicht. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Fingerlängenverhältnis)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2021 um 10.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45194

Darüber sind die Meinungen tatsächlich so geteilt wie seit Beginn der Philosophie. Ich habe mich schon mehrmals für den rein sprachwissenschaftlichen Begriff ausgesprochen, der von Walter Porzig formuliert worden ist: "Namen für Satzinhalte", also Substantivierung von Nebensätzen wie: das Alter = "daß jemand alt ist oder wie alt jemand ist". Das ist also eine Bezeichnungstechnik und kein Unterschied in den Dingen (ontologisch).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.02.2021 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45193

Auch darüber, was Abstrakta sind (Kastanienbaum?), kann man vielleicht noch geteilter Meinung sein.
Hängt es vom Blickwinkel ab oder nennt man dies eher ein verallgemeinerndes Konkretum?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.02.2021 um 20.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45188

Man muß also m. E. zwei Arten von Konstrukten unterscheiden. Solche wie der Mittelpunkt eines Landes (auf irgendeine Weise eindeutig definiert), der Schwerpunkt eines konkreten Körpers, die Pole, die Achse oder der Äquator der Erde, die sich auf einen realen Ort der realen Welt beziehen, sind doch etwas anderes als Konstrukte wie die Zahl 4 oder das Abstraktum "Kastanienbaum", die nirgendwo real auffindbar sind.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.02.2021 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45186

Nein, mein Beitrag war ja allgemein gemeint.
Zum Thema Konstrukte paßt, was ich gerade lese, Die Eroberung des Südpols, Roald Amundsen, Edition Erdmann (leider in reformierter Schreibung):

Um 3 Uhr nachmittags ertönte ein gleichzeitiges »Halt!« von allen Schlittenlenkern. Sie hatten ihre Messräder fleißig untersucht und nun standen alle auf der ausgerechneten Entfernung - auf unserm Pol nach dem Besteck.
Das Ziel war erreicht und die Reise zu Ende!
...
So waren wir also unserer Berechnung nach jetzt am Pol. Selbstverständlich wusste jeder von uns wohl, dass wir nicht gerade auf dem Polpunkt standen – das wäre bei der Zeit und den Instrumenten, die wir zur Verfügung hatten, unmöglich festzustellen gewesen. Aber wir waren ihm so nahe, dass die paar Kilometer, die uns möglicherweise noch davon trennten, keine Bedeutung haben konnte [wohl Druckfehler]. Unsere Absicht war, diesen Lagerplatz mit einem Halbmesser von 18,5 Kilometern einzukreisen, ...

Die 18,5 km entsprechen 1/6 Breitengrad bzw. 10 Bogenminuten. Der Polpunkt war natürlich nicht zu sehen, aber trotzdem schreibt Amundsen von ihm nicht, als ob er nur logisch, als Konstrukt existiere, sondern er ist da tatsächlich irgendwo, nur läßt sich der Ort nicht genauer als innerhalb dieses Kreises bestimmen.

Mir scheint, als überschneiden sich hier die Betrachtungen Konstrukt und Realität. Einerseits ist der Südpol natürlich ein menschliches Konstrukt, andererseits läßt sich aber eindeutig (abgesehen von einer gewissen Meßungenauigkeit) der ganz reale Südpol auf der Erde bestimmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2021 um 09.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45185

(Lieber Herr Riemer, vor Ihrem letzten Eintrag habe ich meinen irgendwie verlorengegangenen eigenen wiederhergestellt. Dadurch entsteht nun ein neuer Zusammenhang, hoffentlich nicht allzu störend.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.02.2021 um 08.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45183

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45107

Schon wieder eine "Kränkung"!

Über die aktuelle Situation und die gefühlte Ohnmacht vieler Menschen in der Corona-Pandemie macht sich Hendrick Streeck, Virologe des Uniklinikums Bonn, Gedanken: "Manchmal kommt es mir vor wie die vierte Kränkung der Menschheit. Freud hat das formuliert: Die ersten Kränkungen waren, dass der Mensch doch nicht im Mittelpunkt des Universums steht, dass wir irgendwie vom Affen abstammen und dass wir triebgesteuert sind", sagte Streeck.
"Gerade kränkt uns, dass wir als technologisierte Gesellschaft nicht Herr über dieses kleine Virus werden." Die notwendige Souveränität, mit der Pandemie umzugehen, sei noch nicht erlernt worden
(t-online.de 4.2.21)

Es wird immer komischer. Was hat uns Streeck eigentlich zu sagen? Warum wird er immer wieder gefragt?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.02.2021 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45161

Ich finde die Frage interessant, ob ein Konstrukt existiert (= ob es das Konstrukt gibt). Es geht um den alten Universalienstreit.

M.E. werden in dieser Frage mindestens 2 verschiedene Arten von Existenz bzw. von Existieren vermischt. Zum einen geht es um die objektiv reale Existenz eines materiellen Gegenstandes oder einer materiellen Form, zum andern geht es um "Existenz" im Sinne der Widerspruchsfreiheit von Aussagen.

Beide Arten haben m. E. ihre Berechtigung, und es stört nicht (außer manche Philosophen), für beide das gleiche Wort zu benutzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2021 um 07.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45158

Zu den „Konstrukten“
(http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#37804)
Auch geometrische Figuren haben einen „Schwerpunkt“, obwohl sie nichts wiegen. Deutschland hat einen „Mittelpunkt“. Man kann aber nicht hinfahren, um ihn zu entdecken.

Man kann den Mittelpunkt eines Landes nach unterschiedlichen Methoden festlegen. Es gibt keine wissenschaftliche, von Behörden autorisierte Definition. Die Angabe geographischer Mittelpunkte ist somit eher eine Spielerei. Das lässt viel Raum für unterschiedliche Berechnungen, die zum Teil bemerkenswert voneinander abweichen. Oft haben sie eine touristische Bedeutung, weil kleine Orte aus ihrer Anonymität hervortreten und dem Mittelpunkt ein Denkmal setzen können. (https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelpunkte_Deutschlands)

Das Gravitationszentrum wird ermittelt, aber nicht in dem Sinne entdeckt, daß man feststellt: Es gibt ein Gravitationszentrum (so wie behauptet wird: es gibt ein Unbewußtes). Entdeckt wurde die Möglichkeit, mit Hilfe der Konstruktion „Gravitationszentrum“ gewisse Berechnungen durchzuführen. Man entschließt sich, einen Schwerpunkt anzunehmen.

Gravitationszentrum und Massenschwerpunkt eines Satelliten decken sich übrigens nicht, daher entsteht ein Drehmoment, das ausgeglichen werden muß. Daran sollten Sie denken, wenn Sie längere Zeit im Orbit verweilen und dort Ihre Ruhe haben möchten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2021 um 07.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45156

Die Versuche, Schimpansen eine menschengemachte Sprache beizubringen, sind inzwischen in den Roman abgewandert (T. C. Boyle), wo sie auch hingehören. Leider wird ein Publikum, dem man eingeredet hat, ein Roman „zeige etwas“, auch dies in die falsche Kehle kriegen und die Phantasterei weitertragen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2021 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45130

Auf der ersten Seite des SZ (30.1.21) ein Artikel über die intelligentesten Hunde. Einer habe 250 Wörter verstanden, ein anderer die Namen von 100 Objekten auseinandergehalten, einer gar Sätze mit Präposition, Verb und Objekt verstanden. Nichts davon ist wahr. Es ging immer darum, daß Hunde auf ein (meist akustisches) Signal hin einen Gegenstand herbeiholten. Dabei war es gleichgültig, daß dieses Signal gleichzeitig ein Bestandteil menschlicher Sprache war. Die starre Bindung an eine einzige Funktion verbietet es zusätzlich, von Wörtern, Namen und Sätzen zu sprechen. – Am geringen Niveau dieser verdummenden Berichte aus der Psychologie ändert sich seit Jahrzehnten nichts. Wieder könnte man am Bildungsstand der lesenden Bevölkerung verzweifeln. Gerade in sprachlichen Dingen kann man den Leuten das Blaue vom Himmel erzählen. Das macht sie auch so wehrlos gegen Eingriffe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.01.2021 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45107

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#26126
und http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#31513

Nicht Freud, sondern der Behaviorismus bedeutet die kopernikanische Revolution in der Psychologie, und die „Kränkung“ (im Sinne Freuds) geht so tief, daß noch heute die Abwehr überwiegt. Nicht nur Chomsky will den „Geist“ vor der Naturalisierung retten. Freuds Literatenpsychologie hat niemanden gekränkt, sondern ist sofort mit Begeisterung aufgenommen und zu einer weltweiten Mode geworden. Wie konnte Freud das verkennen? Nur weil er auch Kritiker hatte, gegen die er sich mit einer weltgeschichtlichen Perspektive in Szene setzen wollte?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2021 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45091

Zum Rätsel der „Identifikation“:
https://www.counterpunch.org/2021/01/22/post-covid-we-should-take-a-leaf-out-of-cubas-book-and-abolish-professional-sports/
Diese Philippika gegen den Zuschauersport – die kraftvollste seit Xenophanes, die ich je gelesen habe – kann man gutheißen, ohne sich auf die Kuba-Begeisterung des Verfassers einzulassen.
Die Medien setzen mit ihren Nachrichtensendungen jeden Tag einen Maßstab zur Gliederung des Lebens und des Weltgeschehens. Die Willkürlichkeit der Proportionen wird uns gar nicht mehr bewußt. Der Sport als Unterhaltung und Wirtschaftszweig, zum größten Teil Fußball, gehört immer dazu, ebenso in der Zeitung mit ihrem täglichen Sport-Teil. Ich lege ihn automatisch beiseite wie irgendeine Werbebeilage (auch dies macht eine der vielen Spaltungen unserer Gesellschaft aus). Der Mensch sollte sich ausreichend bewegen, aber darum geht es ja nicht. Beim Zuschauen kann es noch eine gewisse stellvertretende Funktionslust geben, aber Tabellenplätze? Wenn es noch um den eigenen Ehrgeiz ginge, aber es sind ja wildfremde Menschen, denen man zusieht, mit denen man sich aber „identifizieren“ muß, um mit ihnen um Tore und Punkte zu bangen. Diese zwar benannte, aber längst nicht verstandene „Identifikation“ ist das Urphänomen der Massenpsychologie oder Gruppendynamik. Wir sehen wohl, wie es inszeniert wird: Selbst wo der kommerzielle Hintergrund so deutlich ist wie beim Fußball oder gar bei den mit lauter Firmenzeichen beklebten Autorennfahrern, stört er die Identifikation nicht. Beim Amateurfußball konnte man allenfalls denken: das ist einer von uns. Das ist bei eingekauften Fußballstars mit ihren Millionengehältern nicht mehr möglich; hier muß die Etikettierung des Vereins genügen, und selbst der kann einem ausländischen Investor gehören wie irgend eine andere Firma. Das muß man alles ausblenden, um sich in die Zuschauermenge einzugliedern, von der das Geschäft abhängt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2021 um 04.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45080

Die verwirrende Verschiedenheit der Schönheitsideale und „Schönheitspflege“ (einschließlich Schmuck und Kleidung) ist vielleicht ähnlich zu sehen wie die der Sprachen: Alle Menschen haben sie, aber es ist offen, in welcher Form. Der Mensch ist von Natur ein Kulturwesen, aber die Kulturen sind untereinander ganz verschieden.
Vieles erscheint uns als häßliche Verstümmelung, was anderswo heißbegehrter Körperschmuck ist, z. B. die Tellerlippen, Lippenpflöcke usw. (Die Erklärung bei Wikipedia, dergleichen hätte dazu gedient, die Frauen für Sklavenjäger unattraktiv [!] zu machen, ist wohl eine verfehlte Rationalisierung; man kann sich offenbar nicht vorstellen, daß ein Schönheitsideal sich so weit von unserem entfernen kann. Wie könnte aus absichtsvoller Verhäßlichung eine Verschönerung werden? Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Lippenteller)

Es wäre denkbar, daß andere Kulturen die westliche Sitte greller Lippenstifte usw. als barbarische Verirrung ansehen, unsere Kosmetikwerbung als Bilder des Grauens.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2021 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45040

Ornamente zeigen oft eine zu große Regelmäßigkeit, um als Zeichenkandidaten in Erwägung gezogen zu werden. Ein Mäanderband wird daher nicht als Schrift mißdeutet werden. Daß wir solche Muster als Schmuck verwenden und oft auch herstellen, weil wir sie als „schön“ erleben, wird auf verschiedene Weise erklärt. Dabei spielt gerade die redundanzerzeugende Regelmäßigkeit eine Rolle.
Man hat vermutet, daß die Entdeckung einer Ordnung Wohlgefallen hervorruft, weil sie auch sonst die Grundlage unserer Orientierung ist. Die Welt (den „Kosmos“) als geordnet zu erkennen ist ein Elementarbedürfnis. Befreit von vitalen Funktionen, wird die Ordnung spielerisch genutzt und erzeugt.

Zur Gestaltwahrnehmung: Es ist fast unmöglich, die drei Gürtelsterne des Orion nicht als zusammengehörig wahrzunehmen, obwohl die Konstellation (stella = „Stern“) astronomisch gesehen zufällig ist; der mittlere Stern ist weiter entfent als die beiden äußeren, die zu einem offenen Haufen gehören, und mit den anderen hellen Sternen des Orion haben sie physikalisch gar nichts zu tun. Das Muster ist zwar objektiv vorhanden, aber nur aus einer bestimmten Perspektive. Die Deutung als Abbild (Gürtelsterne in der abendländischen Tradition) ist eine Überdeutung der ohnehin schon künstlich erzeugten Gestalt der Dreierreihe.
Andere Kulturen haben die Zufallsverteilung der Sterne am Nachthimmel anders gegliedert und gedeutet. Mangels zugehöriger Karten können wir nur selten nachvollziehen, worauf sich die überlieferten Namen von Sternen und Sternbildern beziehen. Die heute von der Astronomie festgelegte Kartierung des Himmels nach 88 Sternbildern ist vollkommen willkürlich, aber eindeutig und dient rein praktischen Zwecken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2021 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#45026

Sowohl die englische als auch die deutsche Wikipedia definieren das (biologische) „Ornament“ auf widersprüchliche Weise, wenngleich unterschiedlich:

A biological ornament is a characteristic of an animal that appears to serve a decorative function rather than a utilitarian function. Many are secondary sexual characteristics, and others appear on young birds during the period when they are dependent on being fed by their parents. (Weitere Funktionen werden erwähnt.)

Warum sollte man alles „Ornament“ nennen, wenn es für uns zunächst dekorativ aussieht, sich aber doch als funktional herausgestellt hat? Es ist doch biologisch irrelevant, wie weit unsere Unwissenheit zunächst geht. Wirkliche nichtfunktionale Elemente werden nicht angeführt.

Als Ornament bezeichnet man in der Verhaltensbiologie die sexuell selektierten Körpermerkmale von Lebewesen, die bei der Balz eine Rolle spielen.

Diese Einschränkung (abgesehen´von "Verhaltensbiologie", was auch nicht stimmt) widerspricht aber der weiteren Ausführung, die nicht nur Balzsignale umfaßt. Zum Beispiel:

Olfaktorische Ornamente sind in der freien Natur weniger häufig als visuelle oder akustische Ornamente zu beobachten. Der Sender signalisiert jedoch über das Absetzen eines Duftstoffes seine Anwesenheit beziehungsweise sogar seinen Gesundheitszustand.

Das Dekorative wird hier mit Recht nicht erwähnt, aber das zeigt nur, daß „Ornament“ hier nur eine irreführende und überflüssige Ersetzung von „Signal“ ist. Der Hund, der seinen Urin absetzt, „verziert“ doch den Baumstamm nicht.

Zahavis Handicap-Theorie wird zwar erwähnt, nicht aber die Kritik daran. Der deutsche Eintrag ist außerdem bibliographisch sehr mager.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2021 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44956

Zum Babbeln (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=877#23786)

MacNeilage hat immer wieder auf die grundlegende Rolle des Babbelns hingewiesen, das alle Menschenkinder, nicht aber Affen spontan zeigen. Es besteht aus einer rhythmischen, silbisch wirkenden Abfolge von Verschluß und Öffnung, etwa nach dem Muster bababa. Da es vorsprachlich ist, kann man noch nicht im phonologischen Sinn von Konsonant-Vokal-Folge sprechen, aber rein lautphysiologisch läuft es darauf hinaus. Das Kind artikuliert keineswegs alle erdenklichen Laute sämtlicher Sprachen, wie Roman Jakobson ohne eigene Beobachtungsgrundlage postulierte, sondern ein sehr beschränktes Muster. Anscheinend baut aber die von den Erwachsenen erlernte Sprache nicht unmittelbar auf diesem frühen Verhaltensmuster auf. Seine Funktion bleibt unklar.

Der Silbenrhythmus ist möglicherweise im Dienste einer besseren Erkennbarkeit der "zweifachen Gliederung" (Martinet) der Sprache entwickelt. Eine Melodie ohne Takt wäre nicht nur schlechter erkennbar, sondern würde auch bei der Weitergabe alsbald bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. Das ist aber nur meine Hypothese, ich weiß nicht, ob sie anderweitig auch schon vertreten wurde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2021 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44947

Ereignisse wie Berufswechsel usw. werden zuerst im Hippocampus verarbeitet und teilweise gespeichert, dann an die Großhirnrinde weitergeleitet usw. – so ähnlich steht es in der SZ. Der übliche Unsinn. Der Peloponnesische Krieg wird wahrscheinlich in anderen Hirnregionen verarbeitet als der Dreißigjährige Krieg. Noch nie hat man beobachtet, daß zwei verschiedene Gegenstände genau gleiche Ergebnisse im Hirnscan verursachen. Das schließt die Methode praktisch aus.

Das Gehirn kann Biopics und Wirklichkeit nicht trennen (FAS 3.1.21). Auch wenn man den Hirnforscher Güntürkün zitiert, wird daraus keine neurologische Einsicht, es bleibt modisches Neurobabble.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2021 um 09.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44944

Obwohl wir kein nennenswertes Fell mehr haben, das sich bei Bedarf respekteinflößend sträuben könnte, erleben wir in der Gänsehaut noch die Tätigkeit der Muskelfasern an den Haarbälgen – ein Atavismus. Öfter erleben wir die Verwendung des sprachlichen Atavismus haarsträubend. Es gibt Berichte, wonach Menschen in Extremsituationen buchstäblich die Haare zu Berge standen.
Dagegen ist der Familienname Straubhaar (samt Varianten) auf eine dauerhafte Eigenschaft zurückzuführen, die den Übernamen ergeben hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.01.2021 um 07.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44942

Die Schlafforschung hat festgestellt, daß nächtliche Erektionen in keiner Beziehung zum Inhalt gleichzeitiger Träume stehen. Es scheint sich um rein physiologische Vorgänge zu handeln.

Das schreckt allerdings an Freud geschulte Traumdeuter nicht ab. Wenn ein scheinbar völlig unerotischer Trauminhalt berichtet wird, dann liegt das eben an der Traumarbeit, die einen sexuellen und daher anstößigen Gegenstand umgedeutet hat.

Es bleibt natürlich das Paradox, daß wir Inhalte, die wir tagsüber ungeniert bedenken und besprechen, nachts als unmöglich tabuisieren – als seien wir im Schlaf noch die Viktorianer aus Freuds Jugendzeit.

Die unfreiwillige Komik der Psychoanalyse wird selten genutzt, Couch-Witzen zum Trotz. Der gravitätische Stil des Meisters scheint immer noch nachzuwirken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2020 um 12.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44917

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1058#39474 und
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1464#23187 (Bandelow)

"In der Krise übernimmt das Angstgehirn" (Boris Bandelow t-online.de). Dann tun wir so irrationale Dinge wie Klopapier horten. - Aber was ist daran irrational? Das „Angstgehirn“ hat Angstforscher Bandelow natürlich erfunden.

Auch die Philosophen wollen von Corona profitieren:

Die Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP) hat einen Essay-Wettbewerb ausgerufen: »Nachdenken über Corona«. Dieser Band versammelt die Texte der drei Preisträger und die besten Essays aus mehr als 100 Einsendungen. (Reclam 2021)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.12.2020 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44912

Aus dem Spiel zweier Schimpansenkinder wurde Ernst, so daß ein Eingreifen einer der beiden befreundeten Mütter nötig wurde. Da diese Intervention jedoch die Freundschaft belastet hätte, weckte eine der Mütter in dieser Not ein ranghohes Weibchen, das sie durch Gestik zu einer Intervention bei den Kindern bewegen konnte. In dieses soziale Problem waren 5 Individuen involviert!
(https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/problemloesung/53788)

Die Deutung des Schimpansenverhaltens ist allzu wohlwollend (vermenschlichend): Da diese Intervention jedoch die Freundschaft belastet hätte ... - Was bedeutet „Freundschaft“ zwischen Affen? Kann man das nicht operationalisieren?
Das Ganze soll das Konstrukt „Perspektivübernahme“ belegen. Es fehlen sowohl die Phylogenese des Schimpansenverhaltens als auch die Konditionierungsgeschichte. Welche Reize lassen sich als verhaltenssteuernd identifizieren? Woran erkennt der Beobachter, daß aus Spiel Ernst wurde? Wie haben sich die Kinder verhalten, haben sie geschrien usw.? Worin bestand die Gestik, und führt sie regelmäßig zu einer „Intervention“ (welcher?)? Die Darstellung überträgt das Spielplatzverhalten von Menschenkindern und -eltern auf die Affen, ohne darin ein Problem zu sehen.
Die Motivation wird nebenbei deutlich: In dieses soziale Problem waren 5 Individuen involviert!
Das Ausrufezeichen deutet auf den Wunsch des Verfassers, etwas Erstaunliches, nämlich schon Menschliches, herauszustreichen.
Anekdoten dieser Art bevölkern die traditionelle Literatur über Tierverhalten und sind schwer zu beurteilen, um nicht zu sagen wertlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2020 um 10.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44870

„Forscherinnen und Forscher“ haben bei Raben das „Verständnis von Mengen, kausaler Zusammenhänge, aber auch die Fähigkeit zum sozialen Lernen, zur Kommunikation und zum Lesen der Absichten anderer Vögel untersucht.“ (Bericht in der SZ vom 18.12.20) Das sind allerdings keine Forschungsgegenstände, sondern Interpretationen der Ergebnisse, ohne Begründung in mentalistische (anthropomorphisierende) Begriffe gekleidet. Nützlicher wäre die objektive Beschreibung des Verhaltens.
In den Berichten fehlt wieder die Vorgeschichte: das Lernen des Umgangs mit „Werkzeugen“ usw.
Außerdem wird wieder das naturgemäß „erstaunliche“ Verhalten der Raben mit dem von Schimpansen und Menschen verglichen, als sei die „Leistung“, also etwa der Umgang mit „Werkzeugen“, über die Arten hinweg immer die gleiche, ohne Berücksichtung der Spezifität. Man hat ja mit Recht gesagt, die Intelligenz eines Raben bestehe darin, sich wie ein Rabe zu verhalten. Wie ist das besondere Verhalten in das sonstige Verhalten und das gesamte Habitat der Spezies einzuordnen? Vögel, die mit ihrem Schnabel Nester bauen, und Affen, die mit Stöckchen Termiten angeln, sind kaum zu vergleichen, auch wenn manche Bewegungen ähnlich aussehen. Um zu zeigen, was Raben „auch schon“ können, zieht man geradezu zwanghaft andere Tierarten heran. "Die Raben können das, was die Menschenaffen erst als ausgewachsene Tiere können, bereits im Alter von vier Monaten." – Ist es wirklich dasselbe?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.12.2020 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44867

Sie haben ganz recht, mich zart auf die populäre Entstellung des Wallenstein-Zitats aufmerksam zu machen. Richtig hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1507#44213
 
 

Kommentar von Christof Schardt, verfaßt am 16.12.2020 um 01.01 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44865

"Wie er sich räuspert... "
Worauf nehmen Sie damit Bezug?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.12.2020 um 06.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44863

Wie er sich räuspert... Das kann man bei sektenähnlichen „Schulen“ (Adorno, Freud, Heidegger) beobachten, wo die Lehre keine Befreiung vom Jargon überleben würde.

Freud-Schüler René A. Spitz benutzt wie Freud solche Übergangsformeln wie Wir dürfen nun die Behauptung aufstellen... (Nein und Ja 36) Diese Rhetorik trug schon die Freud-Leser von einem Einfall zum nächsten. Das ersetzt nähere Begründungen.

Spitz, der bei Freud selbst eine "Lehranalyse" absolviert hatte und mit dessen Tochter Anna in der Kinderanalyse zusammenarbeitete, geht empirischer vor als Freud, aber die Befunde werden geradezu zwanghaft in dessen hydraulisches Triebmodell eingebaut.

Auch der Orientierungsvorgang im menschlichen Denken erfolgt nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Aber statt der hohen Beträge von Muskelenergie, die für das Handeln notwendig sind, genügt für den Denkvorgang als einem Probehandeln die Verschiebung minimaler Energiebeträge auf den Gedächtnisspuren (Freud, 1911). (Nein und Ja. S. 28)

Solche psychische Energie gibt es nicht, es handelt sich um ein transgressives Konstrukt, eine Fiktion also, deren Nutzen zweifelhaft ist. Modell war vielleicht die (männliche) Erfahrung mit dem Geschlechtsakt und der Refraktärphase danach: als wenn ein Energiespeicher wieder aufgefüllt werden müßte. (Schließlich ist die Psychoanalyse eine Männerphantasie.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2020 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44807

Jetzt habe ich es wiedergefunden: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1103#29483

Daß zwei Klassenkameraden am selben Tag Geburtstag haben, ist zwar auch überraschend, aber die Überraschung ist mehr von der lotteriehaften Art. Es geht um eine begrenzte Grundmenge (365 Tage stehen zur Wahl) und ein wenig Arithmetik. Dagegen ist das Auftreten einer Person im erwähnten Fall an sich schon unwahrscheinlich, ebenso der Gedanke an sie, und das Zusammentreffen beider Ereignisse kommt uns astronomisch unwahrscheinlich vor. (Wenn ich an meine Frau denke und sie im nächsten Augenblick die Treppe herunterkommt, habe ich nicht den Eindruck eines wunderbaren Zufalls.) Die Erklärung ist: Wir denken ständig an sehr vieles, und normalerweise folgt nichts Entsprechendes darauf, so daß die einzelnen Episoden sogleich vergessen werden. Aber unter Tausenden, vielleicht Millionen kommt es dann doch mal zu einem wirklichen Zusammentreffen mit dem Gedachten, und erst dann fällt uns etwas auf. Wenn ich 100.000 Seiten lese, stoße ich eben auf einige Stellen, die ich mir so ähnlich auch gedacht habe, zum Beispiel das Zitat aus Powell. Manchmal lese ich ein Wort in genau derselben Sekunde, in der meine Frau es ausspricht. Auch das ist nicht anders zu erwarten, da ich viel lese und meine Frau viel spricht, aber es fällt mir wirklich auf.

Mir geht es also mehr um die Psychologie des Aberglaubens. Das Beispiel mit den Geburtstagen haken wir gewissermaßen nach kurzem Staunen ab, aber es gibt "Zufälle", die einen geradezu schockieren und dann auch zum Aberglauben führen oder einen solchen enorm bestärken können. Ich habe oft Erzählungen von Verwandten und Bekannten gehört, die von solchen Erlebnissen berichteten, über die sie manchmal ein Leben lang nicht hinwegkommen konnten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 03.12.2020 um 18.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44805

Es geht ja nicht um das Zusammentreffen zweier ganz bestimmter Dinge, das wäre wirklich ein großer Zufall, sondern es geht letztlich um ein beliebiges Zusammentreffen. Das ist dann ähnlich wie beim sog. Geburtstagsparadoxon, die Wahrscheinlichkeit irgendeines Zusammentreffens ist viel größer als erwartet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2020 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44804

Das Phänomen habe ich irgendwo schon besprochen, aber hier ist noch einmal eine schöne literarische Fassung, die ich mal gefunden habe:

Everyone knows the manner in which some specific name will recur several times in quick succession from different quarters; part of that inexplicable magic throughout life that makes us suddenly think of someone before turning a street corner and meeting him, or her, face to face. In the same way, you may be struck, reading a book, by some obscure passage or lines of verse, quoted again, quite unexpectedly, twenty-four hours later. (Anthony Powell)

Gar nicht inexplicable. Wir denken ständig an die verschiedensten Dinge, lesen alles mögliche; es fällt uns aber erst auf, wenn zufällig das gleiche Element kurz darauf ein zweites Mal vorkommt – wie es rein statistisch nicht anders sein kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2020 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44711

(Zur Herstellung eines Faustkeils:)

Nach der Auswahl eines geeigneten Steinbrockens schlug der Steinschläger mit einem anderen Stein kleine Stücke davon ab und löste sorgfältig einen Splitter nach dem anderen ab, bis er eine scharfe Kante erhielt. Dieses Verfahren erforderte Voraussicht und die Fähigkeit zu planen, und mit Hilfe so spärlicher Hinweise lassen sich Rückschlüsse auf die handwerklichen und intellektuellen Fähigkeiten unserer frühen Ahnen gewinnen.
(...)
Warum der Faustkeil so lange das vorherrschende Werkzeug blieb, ist unbekannt (...)

(Knaurs neuer historischer Weltatlas. Augsburg 1999:34, entspricht The Times Atlas of World History)

Mit der Hinzufügung der „intellektuellen Fähigkeiten“ ist nichts gewonnen, denn die bestehen ja in den handwerklichen. Wenn man gelernt hat, wie etwas gemacht wird, braucht man keine Voraussicht oder Planung. Die Hauptsache steckt in dem ungelösten Rätsel, warum die Frühmenschen eine Million Jahre nicht über die primitivste Form eines Werkzeugs hinausgelangten.

(Zu den Frühmenschen von 100.000 bis 10.000:)

Ihren Erfolg verdankten sie ihrer Fähigkeit, sich in ihrer Lebensweise als Jäger und Sammler an unterschiedliche Umgebungen anzupassen. In einigen Regionen gelang die Anpassung so vollkommen, daß ihre Lebensweise sich über Jahrtausende kaum veränderte. (ebd. 35)

Wären sie nicht angepaßt und erfolgreich gewesen, hätten sie nicht überlebt. Ihre Lebensweise änderte sich nicht, obwohl Verbesserungen und Erleichterungen immer möglich sind und dann ja auch irgendwann eintraten. Die Tautologien täuschen über unsere Unwissenheit hinweg.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2020 um 07.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44710

Bei Aristoteles findet man als selbstverständlichen Hintergrund die These, daß die Welt (= die Dinge) und deren Eindrücke in der Seele (= die Vorstellungen und Begriffe) für alle Menschen dieselben seien, die gesprochenen Wörter dafür und die Schriftzeichen aber je nach Konvention verschieden. Kritiker wiesen darauf hin, daß verschiedene Menschen verschiedene Meinungen über die Dinge haben (so Alexander von Aphrodisias nach Zitaten bei anderen Autoren), aber das ist wahrscheinlich kein Widerspruch, im Gegenteil: Damit man verschiedene Meinungen haben kann, müssen die Begriffe die gleichen sein.
Gar nicht erinnern kann ich mich an Stellen, an denen die Verschiedenheit der Meinungen aus der Verschiedenheit der Sprachen hergeleitet würde, also der Humboldtsche Sprachidealismus. Herodot, der mehr als jeder andere seine Landsleute mit den kuriosen Ansichten und Sitten fremder Völker bekannt machte, hätte am ehesten Gelegenheit gehabt, so etwas zu bedenken, aber er sagt nichts dergleichen, interessiert sich auch nicht besonders für die Sprachen, mit denen er in Berührung kam. Seine Bemerkung über skythische Frauennamen habe ich schon erwähnt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2020 um 11.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44669

Noch einmal zum Hippocampus von Londoner Taxifahrern:

Ich verstehe so gut wie nichts von Hirnforschung, aber ich sage mir: Wir lernen im Laufe unseres Lebens Millionen von Einzelheiten. Ein gebürtiger Londoner kennt vielleicht nur ein Hunderstel der Straßen(namen), die ein geprüfte Taxifahrer lernen mußte, bevor das Navi aufkam. Aber er kennt natürlich noch viele andere Orte mit anderen Namen und außerdem die Millionen anderen Dinge, Gesichter, Stimmen, Techniken und Gelehrsames. Sollte ein durchgefallener Taxifahrer sich von einem erfolgreich geprüften so stark unterscheiden, daß man anatomische Unterschiede im (winzigen!) Hippocampus messen kann? Außerdem: Die Schädelkapsel wächst nicht mit; wenn einige Nerven wachsen, müssen andere schrumpfen. Welche Defizite zeigt ein Pianist, der 200 Stunden Klaviermusik auswendig spielen kann, oder ein Pandit, der den ganzen Veda samt Kommentaren im Kopf hat? Das müßte sich doch beobachten lassen, wenn man Unterschiede zwischen den Gehirnen von Studenten beobachten kann, die Oldowan-Faustkeile machen können, und solchen, die es bis zu Acheuléen-Faustkeilen gebracht haben.
(Meine Einwände klingen vielleicht so, als wollte ich mich über gewisser Forscher lustig machen, aber das ist nicht meine Schuld; ich karikiere nichts.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2020 um 04.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44664

Die Evolutions-Neurologie und Experimentelle Archäologie erforschen den Zusammenhang zwischen Werkzeugintelligenz und Sprachursprung. Dazu viele Arbeiten von Dietrich Stout und anderen.

Beim Anfertigen eines schönen Faustkeils beteiligen sich auch einige derselben Hirngebiete wie bei einem Oldowan-Werkzeug. Doch nun ist in der präfrontalen Hirnrinde auch die rechte untere Stirnhirnwindung aktiv.

Weil im Kernspin der Proband stillhalten muß, hat man ersatzweise das Betrachten und innere Nachvollziehen der Werkzeugherstellung im Film genutzt. Zugrunde liegt die Erkenntnis, daß beim Betrachten einer Handlung die gleichen Hirnregionen aktiv sind wie beim tatsächlichen Ausführen:

Und wenn der Film die Anfertigung von Werkzeugen des späten Acheuléen zeigte, war zusätzlich die rechte untere Stirnhirnwindung aktiv.

Das Ganze ist höchst unglaubwürdig. Die Unterschiede zwischen wirklichem Handeln und dessen Beobachtung bei anderen müssen so gering sein, daß sie die Unterschiede zwischen den Durchblutungsmustern bei der Anfertigung von Oldowan- vs. Acheuléen-Faustkeilen nicht zudecken. Das ist sehr unwahrscheinlich. Die wirkliche Ausführung einer Fertigkeit ist in einen übergreifenden Handlungszusammenhang eingebettet und ganz anders motiviert als die experimentelle Nachbildung der bloßen „Topographie“. Der Unterschied ist so groß, daß z. B. Aphatiker ein bestimmtes Wort im Zusammenhang verwenden, aber nicht isoliert aussprechen können (wie Kurt Goldstein gezeigt hat).

Es wird wieder einmal nicht untersucht, wie spezifisch die Erregungsmuster sind – die ja außerdem aus Messungen bei mehreren Personen gemittelt werden. Bei welchen anderen Tätigkeiten bzw. Beobachtungen treten ähnliche Muster auf? (Die Deutung der Pupillenerweiterung durch E. Hess und andere verlor an Glaubwürdigkeit, als man entdeckte, bei wie vielen ganz verschiedenen Gelegenheiten die gleiche Reaktion eintrat.)
Die abgebildeten Hirnregionen mit stärkerer Durchblutung sind vergleichsweise riesig, und wie üblich wird aus den Abbildungen nicht ersichtlich, daß andere Regionen keineswegs unbeteiligt sind, sondern nur minimal weniger angeregt.
Außerdem wird nicht bedacht, daß der Steinzeitmensch die Werkzeuge in einem ganz anderen, für uns nicht mehr rekonstruierbaren Kontext herstellte: andere Motivation, soziale Ordnung, Formen der Anleitung usw., vielleicht eine zugehörige Mythologie und begleitende magische Vorstellungen. (Ein Schwirrholz oder ein Didgeridoo wird handwerklich angefertigt und kann trotzdem mit übernatürlicher Deutung ausgestattet sein. Waffen werden überall auf der Welt „gesegnet“, mit Jagdzauber belegt usw. Die Werkzeugintelligenz ist nicht klar getrennt von der sozialen oder soziomorphen.)
Auf die anatomischen Befunde der Vergrößerung bestimmter Nervenstränge nach einigen Übungsstunden gehe ich nicht noch einmal ein. Es wird angenommen, daß diese individuellen Veränderungen, die natürlich an sich nicht vererbt werden, einen Selektionsdruck ausübten, der dann tatsächlich zu einer erblichen Veränderung in Richtung dieser Anpassung führte: Wer an sich schon die vorteilhaften anatomischen Züge mitbrachte, vererbte sie an die erfolgreichere Nachkommenschaft.

All das ist hoch spekulativ; man denkt an die angeblich vergrößerten Hirnregionen der Londoner Taxifahrer mit und ohne Examen... Es scheint aber kaum Kritik zu geben, die hübschen Bilder von Faustkeilen und Hirnscans füllen populäre Zeitschriften („Spektrum“) und Sonntagszeitungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.10.2020 um 08.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44580

Statt traditionell zu sagen, Sprache drücke Gedanken, aus, sagt man heute, sie drücke aus oder repräsentiere „thought structures“ - womit man mehr zu sagen scheint, aber in Wirklichkeit weiß man weniger als zuvor. Denn jeder weiß zwar, was Gedanken sind (ein alltagspsychologischer Ausdruck, der zur Geschäftsordnung der Alltagssprache gehört); aber was der künstliche Ausdruck „gedankliche/mentale Strukturen“ (und auch „repräsentieren“) bedeuten könnte, ist mehr als unklar.
Von dieser Art ist vieles in der „kognitiven“ Psychologiie und Linguistik. Nur weil es auf der Spielwiese folgenlos bleibt, wird es kaum kritisiert (vergleichbar theologischen Streitereien, bei denen die Irrelevanz sprichwörtlich ist).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2020 um 19.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44416

Ein Zeichen ist etwas, was für etwas anderes steht, auf das es hinweist, das es andeutet oder bedeutet, d. h. im geistigen Prozeß des Auffassenden die Vorstellung oder den Begriff eben jenes anderen hervorruft. (Friedrich Kainz in Gottfried Arnold: Die Sprache und ihre Störungen. Wien, New York 1970:36)

Die Nebensätze hängen alle vom ersten ab, spezifizieren also nur das „Stehen für etwas“. Dieses Hauptmerkmal wird mitsamt seinen – wohl als paraphrasierende Synonymenschar zu verstehenden – Explikationen psychologisch gedeutet als Hervorrufen einer Vorstellung oder eines Begriffs im Geist des Zeichenempfängers. Man darf annehmen, daß die gleiche Vorstellung oder der gleiche Begriff nach dieser Theorie bereits im Geist des Zeichengebers vorhanden war.
Die Auffassung ist also im wesentlichen die gleiche wie schon zur Zeit des Aristoteles (De interpr. 16), nur verunklart durch den begrifflichen Schutt von Jahrtausenden. Für etwas stehen, auf etwas hinweisen, etwas andeuten, etwas bedeuten – das sind ja ganz verschiedene Beziehungen oder Modelle, die man nicht einfach anhäufen kann, als seien sie Umschreibungen desselben Sachverhalts.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2020 um 04.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44387

Während ich mich als Nichtbiologe und mathematischer Schwachmatikus mit Zahavis Handicap-Prinzip beschäftigte, das ja ein wesentlicher Beitrag zur biologischen Semantik (samt kulturhistorischen Weiterungen) sein will, kamen mir immer mehr Zweifel, vor allem wegen der hochspekulativen und oft unglaubhaften Beispiele. Nun sehe ich, daß jüngst ein besonders gründlicher kritischer Aufsatz erschienen ist, den man lesen sollte, schon weil er auch Alan Grafens Modellrechnungen ins rechte Licht rückt:

https://doi.org/10.1111/brv.12563

John Maynard Smith ist ja verstorben, und ob Richard Dawkins, der sich immerhin nur vorsichtig zustimmend geäußert hatte, sich noch mit der fundamentalen Kritik auseinandersetzen wird, bleibt abzuwarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2020 um 06.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44376

Fortsetzung des vorigen:

Die erste Form des ungemein wichtigen Verstellungsverhaltens ist das Guck-guck-Spiel (Peekaboo; s. Wikipedia zu beidem). Es dient aber nicht dem Einüben der „Objektkonstanz“, wie Piaget und Bruner allzu intellektualistisch meinten, sondern der Bewältigung der Angst vor dem Verlassenwerden. Die Mutter versteckt daher keine beliebigen Gegenstände, sondern sich selbst, sei es auch nur partiell durch Bedecken der eigenen Augen, dann auch der Augen des Säuglings durch ein Tuch usw. Das Kind übernimmt dieses Spiel etwas später. Die Zeit zwischen „Verschwinden“ und Wiederauftauchen darf am Anfang nicht zu lang sein, wächst aber an. Die Erleichterung des Kindes ist sehr deutlich, sie äußert sich in ausgelassener Freude. Auch die Freude an der eigenen Kraft, eine längere Zeitspanne des „Verlassenseins“ auszuhalten, ist zu beobachten. Die Permanenz anderer Gegenstände kommt hinzu, ist aber nicht so wichtig wie die der beiden Personen der ursprünglichen Dyade.
Dieses Spiel schafft, mentalistisch gesprochen, die Zuversicht, daß die Mutter (oder wer auch immer) wiederkommen wird, auch wenn sie im wirklichen Leben, z. B. nach dem Abliefern in der Kita, länger wegbleibt.
Verstellung ist das A und O. Volker Sommer hätte sein Buch nicht „Lob der Lüge“ nennen sollen, sondern „Lob der Verstellung“. Leider wird „pretend play“ usw. heute fast immer mit dem mentalistischen Überbau der Theory of mind, des Mind reading, des False belief usw. befrachtet, was eine objektive Analyse erschwert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2020 um 08.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44372

Was sich liebt, das neckt sich. Doch scherzhaftes Necken ist nicht nur bei Verliebten und Freunden üblich. Erste Ansätze dieses Verhaltens finden sich bereits bei Kleinkindern. Jetzt weisen amerikanische und deutsche Anthropologen in einem Übersichtsartikel des Fachblatts Biology Letters darauf hin, dass vergleichbare Aktivitäten auch bei Menschenaffen vorkommen. Das Verhalten könnte sich im Lauf der Evolution als vorteilhaft entwickelt haben, da es soziale Bindungen innerhalb einer Gruppe stärkt. Freundschaftliches Necken setzt komplexe kognitive Fähigkeiten voraus, die es ermöglichen, sich in andere hineinzuversetzen und deren Erwartungen und Reaktionen vorauszusehen. Die Forscher vermuten darin auch einen der Ursprünge des Humors, der damit nicht nur dem Menschen eigen wäre.
"Wir präsentieren Hinweise darauf, dass auch Menschenaffen die drei Formen des spielerischen Neckens praktizieren, die bei Kindern noch vor dem Spracherwerb zu erkennen sind", schreiben die Wissenschaftler um Erica Cartmill von der University of California in Los Angeles. Diese drei Verhaltensweisen sind zum einen das Anbieten und wieder Zurückziehen eines Gegenstands, die provokative Zuwiderhandlung sowie das mutwillige Stören der Tätigkeit eines anderen. Dabei bewegt sich die Aktivität des Handelnden auf einem schmalen Grat zwischen Aggression und Spiel, erzeugt aber positive Emotionen bei beiden Beteiligten.
(SZ 24.9.20)

Aus der Originalarbeit:

Crucially, recent research demonstrated that apes are also capable of ´mind-reading´ abilities that require a simultaneous representation of two conflicting views of the world: one’s own (correct) perspective and the (incorrect) perspective of another individual. Hence, great apes are not only sensitive to what other individuals intend to do and what they know, but they also have some understanding of others’ beliefs, even when these beliefs conflict with reality (also see [77–79] for similar findings on false belief attribution in young children). (https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rsbl.2020.0370)

Der metaphorische Charakter dieser Darstellung wird anscheinend gar nicht mehr gesehen, so sehr hat man sich an die kognitivistische Redeweise gewöhnt. Das Ganze wird gleich für die „Theory of mind“ vereinnahmt. Auch Tieren wird eine solche Theorie des Geistes samt Beliefs, Sichhineinversetzen (Perspektivübernahme) usw. zugeschrieben, also kulturell begründete sprachliche Konstrukte bestimmter Menschengruppen. Die objektive Erforschung des Verstellungsverhaltens, dessen Unterart das Necken ist, ist auf dieser Grundlage nicht möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.09.2020 um 12.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44361

Ich habe die Pupillometrie erwähnt, an die sich Zahavi unkritisch anschließt.
Das Buch von Eckhard H. Hess („Das sprechende Auge“, orig. „The Tell-Tale Eye“) ist ein weiteres Beispiel jener Sorte von populärwissenschaftlichen Werken, die eine wirkliche oder vermeintliche Entdeckung sogleich mit weit ausgreifenden Folgerungen verbinden und sich dabei übernehmen, weil sie allzu viel erklären wollen und dabei die empirischen Grundlagen hinter sich lassen. Die These ist oft mit einem griffigen Schlagwort verbunden und verbreitet sich unter der gebildeten fachfremden Bevölkerung, wo sie sich dann einige Jahrzehnte als vermeintlich unbezweifelbare Wahrheit hält. Die Pupillenreaktion sollte nicht nur die (u. U. verschwiegene, verdrängte) geschlechtliche Orientierung verraten, sondern auch an die Stelle des Lügendetektors treten usw. Die Theorie war – wie der Aggressionstrieb, das Handicap-Prinzip, die Spiegelneuronen, die Mem-Theorie – zu schön, um wahr zu sein. Sieht man einige Zeit später in der Forschungsliteratur nach, was übriggeblieben ist, findet man außer einem Körnchen Wahrheit nicht viel. Die Pupillen weiten sich bei den verschiedensten Anlässen, die nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Wahrscheinlich ist es die Begleiterscheinung einer anderen unwillkürlichen Reaktion ohne Zeichencharakter. Deutlich wahrnehmbar ist sie ohnehin nur bei den 10 Prozent der Menschen mit hellen Augen (wahrscheinlich ein sehr junges Merkmal).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2020 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44278

„Menschenbild ist ein in der philosophischen Anthropologie gebräuchlicher Begriff für die Vorstellung, die jemand vom Wesen des Menschen hat.“ (Wikipedia)
Niemand hat eine Vorstellung vom Wesen des Menschen. Wir haben kein „Menschenbild“, weil die verschiedenen lokalen Problemlösungen nie zu einem System zusammengeführt werden (was weder möglich wäre noch nötig ist). Die Bibliographie zum Wikipedia-Artikel (vermutlich weitgehend von Herrn Fahrenberg) sagt alles! Es ist ein beliebiges Sammelsurium. Das kann nicht anders sein. Auch das Inhaltsverzeichnis von Detlev Ganten (Hg.): Was ist der Mensch? – ein wüstes Durcheinander. Vgl. das Marburger interdisziplinäre Projekt „Menschenbilder“, dort das Verzeichnis der Veröffentlichungen. Jeder tut, was er schon immer getan hat, und bringt es unter den neuen Titel eines geförderten Projekts. Sammelbände belegen, daß Experten verschiedener Fächer aneinander vorbeireden. Das ist auf vielen Gebieten so und hängt mit der Verfügbarkeit von „Projekt“-Mitteln zusammen, kurzatmigen Unternehmungen im Namen der modischen Interdisziplinarität.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2020 um 04.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44264

Die Erkenntnis eines Psychologieprofessors, daß der Mund-Nasen-Schutz die untere Hälfte des Gesichts verdeckt, hat es auf die erste Seite der SZ gebracht. Es ist dort ein wenig anders ausgedrückt, aber das ist der Kern.

Die sichtbar bleibende Augenpartie ist für Mimik nur halb so gut wie der Mund, wer hätte das gedacht! Und was wird aus dem Vermummungsgebot? Die Chinesen arbeiten schon an Gesichtserkennung trotz Maske. Unsere Polizei ist noch nicht so weit, statt dessen nutzt sie die Gästelisten der Restaurants für die Fahndung, die darum zur Hälfte gefälscht sind. Usw., das übliche Wettrüsten der Evolution.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.08.2020 um 17.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44191

Diese faule "Neutralität" hat mich zeitlebens geärgert, sie bereitet auch den Boden, auf dem die "Merchants of doubt" ihre Geschäfte betreiben. Das Schlüsselwort ist "umstritten".
Auch wenn etwas erwiesenermaßen völlig indiskutabel ist, finden diese Leute irgendwo eine Quelle, die es ihnen erlaubt, es "umstritten" zu nennen. Viele Menschen glauben, das sei die wissenschaftliche Methode, aber deren Verfahren, mit Hypothesen zu arbeiten, ist etwas ganz anderes.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.08.2020 um 17.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44190

Forscherinnen und Experten, die sich wissenschaftlich mit dem Weltraum beschäftigen, zweifeln an der Astrologie.
(MM, 24.8.20, S. 5)

Kein ernstzunehmender Wissenschaftler "zweifelt" an Astrologie, sondern alle sagen, daß Astrologie Humbug ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 24.08.2020 um 13.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44180

Der Hinweis auf eine Anzahl ist überflüssig, denn er suggeriert, man wisse etwas über die Größe oder sogar das Aussehen eines Engramms, oder es sei so etwas wie die kleinste Speichereinheit und die einzelnen Engramme ließen sich gegeneinander abgrenzen und abzählen. Das ist natürlich alles Spekulation. Insofern das Wort Engramm vorbesetzt ist durch so etwas, wäre es schlecht geeignet. Ich würde es (zusammen mit den "Milliarden") höchstens in dem Sinne verstehen, daß der Mensch sehr viel Information verschiedenster Art (Wissen, motorische Fertigkeiten) auf kleinstem Raum speichert, bzw. daß die Speicherung in einer z. Z. noch ganz unbekannten Weise erfolgt, die wir eben noch nichz genauer als mit "Eindrücken" von Reizen (im Sinne der bloßen wörtlichen Bedeutung von "Engramm") beschreiben können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.08.2020 um 11.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44179

„Die Gesamtheit aller Engramme – es sind Milliarden – ergibt das Gedächtnis.“ (Wikipedia)
Das sind die Milliarden (oder Trilliarden? Egal) Verhaltensweisen, zu denen das Gehirn die Dispositionen enthält. Wozu sollte man dafür den traditionell belasteten Begriff „Engramm“ verwenden? Davon haben die meisten ja auch Abstand genommen. In englischen Eintrag „Engram“ werden Konstrukte wie „deklaratives Gedächtnis“ erwähnt, die aus anderen Gründen kritikwürdig sind. Mit der Engramm-Theorie ist fast immer die Theorie von Repräsentationen o. ä. verbunden, also einer Art Speicherung von enzyklopädischem Wissen. Mit Recht wird in diesem Zusammenhang das „Großmutter-Neuron“ erwähnt, das es natürlich nicht geben kann. (Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36984 und die Fortsetzung.)

Die Fähigkeit, ohne Hinsehen einen Schnürsenkel zu binden; das Umschalten auf Französisch, wenn man einen Franzosen vor sich hat; Ironie richtig zu verstehen; ein Lied spontan zu transponieren – all das sollen Engramme sein. Was bringt es? Man kann danach weder suchen, noch wird man etwas finden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.08.2020 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44178

Sie haben natürlich meiner Frage in Ihrem letzten Absatz schon vorgebeugt. Aber welches Wissen bildet man sich ein, wenn man ganz allgemein von Reizeindrücken (Engrammen) oder von Gedächtnis spricht? Allgemeiner kann man es m. E. kaum formulieren. Damit ist noch gar nichts über die genaue Funktionsweise des Gedächtnisses gesagt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 23.08.2020 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44177

Andererseits – wieso sollte man diese Spuren oder Veränderungen im Gehirn nicht Engramme und in ihrer Gesamtheit Gedächtnis nennen?
Wenn etwas existiert, spielt es doch keine Rolle, welchen Namen man ihm gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.08.2020 um 07.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44176

„Bei jeder Handlung und jeder Situation greift das Gehirn auf Engramme zurück.“ (Wikipedia) = Das Gehirn ist durch Lernen verändert.

Natürlich verändert sich der Organismus durch Lernen, sonst würde er sich ja danach nicht anders verhalten (wie es zur Definition des Lernens gehört), und insbesondere das Gehirn (wie wir heute wissen). Aber warum sollte man das außerdem noch Gedächtnis nennen? Man kann nachsehen, welche Regionen besonders beteiligt sind, aber „Engramme“ wird man nie finden.

Es geht nicht nur um harmlose Metaphern, sondern um ein verkehrt angelegte Begrifflichkeit und um eingebildetes Wissen (Neurosophie). Wenn man in Wirklichkeit gar nichts Näheres weiß, sollte man es auch nicht so ausdrücken, als wüßte man es.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.08.2020 um 18.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44154

Das stimmt natürlich. Auch Mythen über die Entstehung der Welt sind solche Modelle und hängen in der von Ihnen beschriebenen Weise mit der wirklichen Welt zusammen und sind außerdem Teil von dieser. Mehr will ich auch gar nicht sagen. Ich hätte streng genommen nicht von zwei Welten reden sollen, an die ich ja auch gar nicht glaube.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.08.2020 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44153

Andererseits ist die "konstruierte Welt" keine, die mit der physischen, wirklichen Welt gar nichts zu tun hätte, sondern es gibt eine Entsprechung. Der Mensch versucht, die wirkliche Welt bestmöglich zu erkennen und zu beschreiben. Seine "konstruierte Welt" würde ohne die wirkliche gar nicht existieren, sie hängt von ihr ab.

Deshalb möchte ich hierbei eigentlich nicht von zwei verschiedenen Welten sprechen, sondern davon, daß der Mensch sich ein nicht ganz adäquates Abbild der einen wirklichen Welt schafft. Dieses Abbild wird letztlich auch zum Bestandteil der einen wirklichen Welt.
 
 

Kommentar von Thedodor Ickler, verfaßt am 20.08.2020 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44152

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36216

Die konstruierte Welt, in der es die "Über"-Beziehung gibt (Aboutness, Referenz...), ist nicht dieselbe wie die, in der es Gehirne gibt, also nicht die physische Welt, die einzige wirkliche.

Wer über Wärme spricht, spricht nicht "eigentlich" über die Brownsche Molekularbewegung. Man kann höchstens sagen, daß sein Sprachverhalten u. a. von der Molekularbewegung gesteuert wird. Das ist aber eine ganz andere Sicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.08.2020 um 19.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44119

Was auch immer gegen eine "Sprachevolution" vorgebracht wird, also gegen eine spezielle Art der "allmählichen Aufwärtsentwicklung", die Kritiker werden wohl wissen, was genau sie damit meinen, aber sie stellen ja sogar diesen allgemeineren Begriff in Frage.

In diesem Tagebuch geht es im Zusammenhang mit Jespersen oft darum, daß eine "komplexere" Sprache eigentlich die primitivere sei. Es kommt aber auch wieder darauf an, was man unter Komplexität versteht. Ist eine Sprache komplexer, wenn sie z.B. ein kompliziertes Flexionssystem hat, oder ist sie umso komplexer, je mehr Ausdrucksmöglichkeiten (incl. Wortschatz und gesamter Grammatik) sie überhaupt hat? Ich halte es eher mit dem letzteren.

Nun kann man sich ja trefflich darüber streiten, wie primitiv oder "komplex" die Sprachen der Jäger und Sammler waren. Aber es spielt doch überhaupt keine Rolle, wann genau die menschliche Sprache den heutigen Wortschatz und Grad an Ausdrucksmöglichkeiten erreichte. Vielleicht war es schon lange vor der Steinzeit, ganz egal! Fest steht doch, daß es irgendwann mit wenigen Tierlauten anfing, mit einer Kommunikation, die völlig zweifelsfrei viel primitiver als die heutigen Sprachen waren, richtig? Nach Wittgenstein korrelieren die Grenzen der Sprache mit denen der Welt, und die baut der Mensch in seiner Geschichte immer mehr aus. Die Sprache wird immer leistungsfähiger.

Also muß es irgendwann eine zwischenmenschliche Verständigung gegeben haben, die schon komplexer als Tierlaute, aber nur halb so komplex wie die heutige war. Jedes Zwischenstadium an Primitivität und Komplexität muß es zwangsläufig gegeben haben, wenn wir den in meinem letzten Beitrag geschilderten Fall ausschließen wollen.

Deshalb ist die allgemeine Frage nach einer "allmählichen Aufwärtsentwicklung" der Sprachen völlig überflüssig, die Antwort darauf selbstverständlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2020 um 14.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44115

Mir ist ohnehin nicht klar, gegen wen sich die Thesen richten. Es gab sicherlich Versuche, Darwins Gedanken auf kulturelle Erscheinungen und besonders Sprache anzuwenden, und die "Mem"-Theorie hat auch noch solche Züge. Der ständige Wandel der Sprachen ist ja unübersehbar, aber "Evolution" fügt doch noch etwas mehr hinzu.
Über die Frage eines "Fortschritts" in der Sprachgeschichte haben wir ja schon gesprochen (Jespersen: Progress in language), aber selbst das muß man nicht evolutionär sehen.
Die Stammbäume, die man im 19. Jahrhundert entwickelte, um die Sprachverwandtschaft darzustellen, sind nicht unbedingt evolutionär zu lesen, sondern eher so wie die Stemmata der Textüberlieferung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.08.2020 um 11.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44113

Wie stellen die sich das vor? Ein paar Jahrtausende hat der Mensch den aufrechten Gang eingeübt und nichts als "Uh, uh" oder "Aaah" gesagt, und plötzlich steht eines Morgens der Vater auf und sagt: "Guten Morgen! Ulla, komm, mach uns jetzt erst mal einen Kaffee"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2020 um 11.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44112

Aus der evangelikalen Ecke kommt dies:

Roger Liebi: Herkunft und Entwicklung der Sprachen

Linguistik kontra Evolution
Weltweit werden heute über 7000 verschiedene Sprachen (ohne Dialekte) gesprochen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, sich durch artikulierte Laute differenziert auszudrücken. Im Tierreich gibt es dazu keine Parallelen.
Diese Feststellungen wecken Fragen: Woher kommen die Sprachen? Hat es eine Sprachevolution von Urlauten bis hin zu modernen Sprachen gegeben? Sind die ältesten Sprachen der Welt primitiver als moderne Sprachen des 21. Jahrhunderts? Sind Sprachen von Eingeborenen im Vergleich zu den Sprachen des Abendlandes „unterentwickelt“? Kann man in den Sprachen, deren Geschichte über Jahrtausende hinweg dokumentiert ist, eine allmähliche Aufwärtsentwicklung feststellen? Der Autor zeigt: Die dokumentierten Fakten der Sprachwissenschaft widersprechen einer Sprachentwicklung im Sinne der Evolutionslehre. Die Geschichte von der Sprachverwirrung in Babel ist kein Mythos. Sie muss von der Linguistik ernst genommen werden.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2020 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44071

Schon Hahnemann litt darunter, daß seine Zeitgenossen das "Verschütteln" einfach als "Verdünnen" bezeichneten, was es ja in jeder Hinsicht auch ist. Die magische Handlung des Verschüttelns kommt allein durch die sprachliche Umhüllung zustande. Dazu gehört aber – noch viel wichtiger – die Rede vom "Potenzieren": Durch das Verdünnen wird die vermeintliche Arznei immer mächtiger. Aber:

Homöopathische Arzneimittel haben keine Nebenwirkungen. (https://www.netdoktor.de/homoeopathie/mercurius-solubilis/)

Wie kann das sein?

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) empfiehlt bei der Selbstbehandlung für alle homöopathischen Medikamente die Potenz C12.(https://www.homoeopathie-online.info/mercurius-solubilis-quecksilber/)

C12:

Entspräche etwa einem Tropfen im Volumen des Atlantiks
Bei dieser Potenz enthalten in einem idealisierenden Gedankenexperiment nur etwa die Hälfte aller 1-Liter-Flaschen D24-Lösung ein Molekül einer einmolaren Urtinktur; dementsprechend wird ab hier bei weiterer Zugabe von Lösungsmittel nicht mehr verdünnt, sondern Lösungsmittel mit Lösungsmittel gemischt.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Potenzieren_(Homöopathie)#Beispielverdünnungen)

Warum solche Mittel, wenn sie keine Nebenwirkungen haben, nur in Apotheken verkauft werden dürfen, ist nicht klar. Vielleicht dient es ebenfalls zur Erhöhung der Magie. Erstaunlich bleibt, daß akademisch ausgebildete Ärzte und Apotheker mitmachen. Der Gesamtumsatz ist nicht so bedeutend, aber ein Zubrot nimmt man gern mit, auch wenn man dafür seine Seele verkaufen muß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2020 um 05.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44063

Die Handschrifterkennung durch Google-Software soll Fortschritte machen. Leider wird auch geich wieder eine Verknüpfung zur Parawissenschaft der Graphologie hergestellt.

Dabei fällt mir auf, daß heute bei Bewerbungsschreiben kaum noch handschriftliche Lebensläufe verlangt werden, wie es früher die Regel war. Das ist ein erfreuliches Zeichen zunehmender Rationalität.

Wenn der Empfänger Ihrer Bewerbung Sie also quasi um eine handschriftliche Probe bittet, arbeitet dieser aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem Schriftexperten (Grafologen) zusammen.

Ein Grafologe ist darauf spezialisiert, die Handschrift zu analysieren und daraus Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Bewerbers zu ziehen, die Rede ist hier von einem grafologischen Gutachten. Allgemein sagt man beispielsweise, dass eine nach links geneigte Handschrift ein Zeichen von Selbstbezogenheit ist. Kein gutes Zeichen für einen Arbeitgeber, der sich eine harmonische Zusammenarbeit unter seinen Arbeitnehmern wünscht. Allerdings kommen Grafologen in der Regel erst in der letzten Runde des Auswahlprozesses zum Einsatz, also für die Spitzenkandidaten einer zu besetzenden Position.

(https://www.die-bewerbungsschreiber.de/handschriftlicher-lebenslauf)

Man sieht hier die ganze Fragwürdigkeit. Naturgemäß ist bei einer Bewerberauswahl die Unsicherheit groß, und man greift nach jedem Strohhalm, der sie verringert. Dabei fällt man immer wieder auf die Alltagspsychologie zurück ("Selbstbezogenheit").

Es geht aber zurück.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2020 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44062

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#39250

Erst 2020 beendet Baden-Württemberg die Förderung der Freiburger Spökenkiekerei aus Steuermitteln. Eine Klage gegen das Land wäre längst fällig gewesen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.08.2020 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44053

Vielleicht habe ich anderswo schon erwähnt, daß der blinde Fleck in unserem Auge erst überraschend spät entdeckt worden ist (1660). (Bald darauf sollen französische Adlige ihn ungemein spaßig zum gegenseitigen "Köpfen" genutzt haben, bevor ihre Köpfe dann wirklich rollten.)

Überraschend, weil der bekannte Versuch eigentlich sehr leicht zu machen ist. Trotzdem gibt es keine antiken Berichte.

Die Erklärung aus der Anatomie des Auges ist auch nicht schwer.

Jeder kennt wohl die Tatsache, daß wir ein kleines blaues Licht besser – oder überhaupt nur – gegen den Rand des Gesichtsfeldes hin sehen. Das beruht darauf, daß im Zentralbereich der Fovea keine Zäpfchen vom S-Typ sind, die für Blau zuständig wären. Das ist also viel schwerer zu entdecken und zu erklären. Man braucht schon für das Phänomen selbst ein reines Spektralblau, das es abgesehen von Prismenversuchen in der Umgebung unserer Vorfahren nicht gab. (Der Regenbogen kommt kaum in Betracht.)

(Gedanken im Behandlungszimmer beim Blick auf ein blaues Kontrollämpchen; es ist immer wieder verblüffend.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.08.2020 um 22.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44042

Die Äffin mußte sogar noch mehr „Schachzüge“ machen, denn ein Schlüsselbund hat normalerweise mehrere Schlüssel. Sie mußte also zunächst gelernt haben, daß nur ein bestimmter Schlüssel paßt, nicht irgendeiner, und sie mußte dann beobachtet und sich gemerkt haben, welcher Schlüssel es ist.

Ist es überhaupt glaubwürdig, daß Käfige mit wertvollen Tieren nur mit einem einfachen Vierkant-„Schlüssel“ (ähnlich wie unsere städtischen Müllbehälter) gesichert werden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2020 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#44039

Anekdoten über schlaue Tiere werden beim Weitererzählen ausgeschmückt und immer unglaubhafter.

Eine Schimpansin aus Chicago hat nämlich eine Leistung erbracht, die durchaus eine Art Schach mit dem Vorausbedenken mehrerer Züge beinhaltet. DRÖSCHER (1981, S.127) beschreibt den Vorfall so:
„Als der Tierpfleger den Käfig der Schimpansin „Katanga“ betrat, war die sonst so Unnahbare die Freundlichkeit in Person. Sie schmuste mit ihm und erbettelte das Schlüsselbund. Doch statt damit zu spielen, setzte sich „Katanga“ nachdenklich in eine Ecke, schaute den Vierkantschlüssel, der zu ihrer Tür passte, lange an und betastete ihn von allen Seiten. Am anderen Morgen war sie verschwunden. Die Käfigtür stand offen.
Wie der Ausbruch möglich war, zeigte ein Indiz: Im Türschloss steckte noch ein „Dietrich“, ein Vierkant aus Holz, genau passend zurechtgeschnitzt von den Zähnen der Schimpansin.
Bemühen wir nochmals die Analogie zum Schachspiel, dann lauten die Züge - anthropomorph ausgedrückt: - „Wenn ich nett bin, gibt mir der Wärter die Schlüssel. Dann präge ich mir die Form ein, schnitze den Vierkant und breche über Nacht aus“.

(Jürgen Tausch in Kerstin Höner/Maike Looss /Rainer Müller: Naturwissenschaften im Unterricht - Wahrnehmung und Konstruktion. 2006: 44)
Lit: Dröscher, Vitus „Was Tiere alles denken“. In: HÖR ZU (1981) Nr. 8, S. 127-128.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2020 um 13.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43994

Neue Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern der Universität von Nebraska stärken die Annahme, dass das Coronavirus auch durch kleinste Tröpfchen in der Luft übertragen wird. Die Untersuchungen zeigen auch, dass der Erreger lange in der Luft überlebt – und dass der bisher empfohlene Abstand von 1,5 Metern womöglich nicht ausreicht.

Usw., schön für die "Merchants of doubt". Aber wer hat denn je angenommen, daß Abstand und Maske absoluten Schutz bieten? Das ist jedenfalls nie die Grundlage der sinnvollen und hochwirksamen Verhaltensmpfehlungen gewesen, die jetzt durch Dummheit und Wurschtigkeit durchlöchert werden, so daß es zu dem viel schwereren zweiten "Lockdown" kommen muß. Sie nennen es "feiern"... Ist die Menschheit noch zu retten?

Zu jedem Bericht über Corona melden sich im Forum der WELT umgehend fast ausschließlich Corona-“Skeptiker“ und Verschwörungstheoretiker in großer Zahl. Es sind wohl dieselben, die sich auch als Klimawandel-“Skeptiker“ betätigen. Ich habe schon auf die verdächtige Gleichförmigkeit der treudeutschen Pseudonyme hingewiesen; ob die Redaktion schon mal überprüft hat, aus welcher Ecke das kommt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2020 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43992

Man wundert sich, wie viele Wahrheiten aus unseren Biologiebüchern nach einiger Zeit in Frage gestellt werden: der Schwänzeltanz der Bienen, die Funktion des roten Flecks am Unterschnabel der Möwe, die Merkwelt der Zecke (Buttersäure), die Prägung der Küken, die Beißhemmung der Hunde, das Kindchenschema, der Stichlingsbauch und andere „Angeborene Auslösemechanismen“. Vieles scheint nicht replizierbar zu sein und wird heute als gehobene Bauernweisheit dargestellt. Manches wird rehabilitiert, das gibt dann wieder eine Veröffentlichung.

In der Sprachwissenschaft dauert die Reinigung von Chomskyschen Mythen schon Jahrzehnte. Das ist aber gar nichts gegen die Psychoanalyse und die Homöopathie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2020 um 05.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43991

„Daß das Selbstgespräch ein richtiges Gespräch ist, macht uns gerade auf die merkwürdige Tatsache aufmerksam, daß zwei Seelen in unserer Brust wohnen können.“ (Walter Porzig: Das Wunder der Sprache. 6. Aufl. Bern 1975:96)

In Wirklichkeit fehlt dem „Selbstgespräch“, wie es auch im Folgenden beschrieben wird, alles Wesentliche einer solchen gespaltenen Persönlichkeit. Es ähnelt weit eher einem Vorsichhinsprechen und Probeformulieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2020 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43950

Viele Psychologen wollen von Behaviorismus nichts wissen, glauben aber an das „Belohnungssystem“ im Gehirn. Angeblich führt Pornokonsum zu einer Verkleinerung des Nucleus caudatus usw. Der Eintrag https://en.wikipedia.org/wiki/Reward_system bei Wikipedia hat keine deutsche Entsprechung. Umgekehrt gibt es keinen englischen Eintrag, der „Mentales Training“ entspricht (im deutschen findet man ein Sammelsurium, das auf eine wenig gefestigte Theorie deutet).
Alle Experten streichen die Bedeutung ihres Spezialgebietes heraus, indem sie möglichst hohe Zahlen von Betroffenen angeben. So auch die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS). Eigentlich sollten wir den ganzen Tag im Wartezimmer verschiedener Fachärzte sitzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2020 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43938

Fabelhafte Berichte über kulturelle Weitergabe von Fischfangtechniken bei Delphinen werden von sämtlichen Medien kritiklos weitergegeben.
https://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2020/Delfine-Shelling.html

Die in freier Wildbahn beobachteten Ereignisse waren allerdings extrem selten. Man freut sich aber immer, wenn ein Wunsch erfüllt wird, sei es auch seltener als Weihnachten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2020 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43902

Yoga, Meditation und Achtsamkeit besänftigen das Ego? Im Gegenteil: Sie befeuern den eigenen Geltungsdrang. (SZ 11.7.20)

Das haben Psychologen jetzt herausgefunden. Immer derselbe Quatsch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2020 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43898

Sich mit Floskeln wie "Das packst du!" anzuspornen, gilt als eine der heiligen Kühe der Motivationstrainer. Auf diese Weise, so heißt es, erreicht man seine Ziele leichter und rascher. Dem widerspricht allerdings ein Forscherteam um Dolores Albarracin nach einer Studie von 2010.
Gemeinsam mit ihren Kollegen Ibrahim Senay und Kenji Noguchi kam die Psychologin vielmehr zu dem Schluss: Statt allein auf bestätigende Anfeuerung zu setzen, sei es oft erfolgversprechender, sich auch Fragen zu stellen, etwa: "Packe ich das?"
Die Wissenschaftler hatten rund 50 junge Probanden in ihr Labor bestellt. Alle sollten unter Zeitdruck aus zehn Wörtern jeweils andere Wörter bilden, so genannte Anagramme. Zuvor hatten sie sich entweder eine Minute lang fragen sollen, ob sie das schaffen würden – oder sich ebenso lange zureden, dass es kein Problem sei. In einem zweiten Versuch wurde den Probanden vorgegaukelt, man wolle ihre Handschrift analysieren. Dafür mussten sie die folgenden Wörter und Kurzsätze wiederholt aufschreiben: "will I?" (werde ich?), "I will" (ich werde), "I" (ich) und "will" (werde).
Sich selbst Mut zuzusprechen oder ironische Bemerkungen zu machen, kann in Stresssituationen entlastend wirken.
Anschließend folgte wiederum die Anagramm-Aufgabe. In beiden Experimenten schnitten jene Probanden deutlich besser bei der Problemlösung ab, die sich die Frage stellten, ob mündlich oder schriftlich. Die Art der Formulierung beeinflusste demnach, welche Gedanken und Handlungsimpulse daraus erwuchsen.
In einem dritten Test wollte das Team wissen, ob die Frage (statt einer Anfeuerung) die Motivation der Studienteilnehmer erhöhte. Wieder wurden sie mit den Worten und Kurzsätzen "vorbereitet" – und dann gefragt, wie viel Sport sie in der kommenden Woche treiben wollten. Mit einem standardisierten Text prüften die Forscher schließlich die Motivationslage. Auch hier zeigte sich: Wer sich die Frage gestellt hatte, war eher gewillt, das Vorhaben zu verwirklichen.
"Geht es um spezifische Aufgaben, ist diese Frageform als Motivationstechnik besser geeignet, um das Ziel zu erreichen", erklärt Albarracin. In "fragenden" Selbstgesprächen führten sich die Betreffenden vermutlich eher vor Augen, warum es sich lohnt, sich für die jeweilige Sache einzusetzen. Wer sich seine persönlichen Gründe klarmacht, profitiert davon.

http://www.spektrum.de/news/schweigen-ist-silber-reden-ist-gold/1130042

Es gibt Millionen Texte dieser Art. Oft schließen sie mit praktischen Ratschlägen, so windig die Untersuchungen auch sein mögen. Ich halte das alles für wertlos und sogar schädlich. Die nicht-operationalisierte Begrifflichkeit würde allein schon genügen, das Ganze in den Müll zu treten. Nach den Standards der geschlossenen Gesellschaft amerikanischer Psychologen (die zugleich weltweit gelten) ist die Wertlosigkeit nicht zu entdecken. Man findet bloß, daß es zu jedem Ergebnis einige Zeit später einen gegenteiligen Befund gibt, aber das stört nicht weiter, sondern belegt nur die Lebendigkeit der Forschung. „Weitere Untersuchungen sind nötig“, Geld fließt. Erstaunlich, wie geduldig das Publikum es hinnimmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2020 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43892

Eines dieser typischen psychologischen Experimente: Richter würden ein um 50% verschiedenes Strafmaß verhängen, je nach dem Ausgang eines vorgeschalteten Würfelspiels, das mit der Sache nichts zu tun hat. So berichtet es Daniel Kahneman, der überhaupt Hunderte von Versuchen referiert, von denen manche sich inzwischen als unhaltbar oder gefälscht herausgestellt haben. Hier geht es um den „anchoring effect“ (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ankereffekt). Diesen Effekt gibt es anscheinend, aber die Versuche sind trotzdem windig, weil weit entfernt von der Lebenswirklichkeit, in der noch vieles andere eine Rolle spielt. Die Frage der Replizierbarkeit wird praktisch nie aufgeworfen. Auch die Lehrbücher der Psychologie sind voll davon. In Zeitschriften und sogar Tageszeitungen wird dann berichtet, daß nach neuesten Untersuchungen der bekannte Effekt XY in Wirklichkeit nicht nachweisbar ist (wieder je eine Nummer auf der Publikationsliste).
Wahr ist: Wenn ein Paar Schuhe zum Schnäppchenpreis von 199 statt 299 € angeboten wird, kaufen es viele, obwohl es anderswo regulär nur 129 kosten würde.
Ihren schönsten Sieg feierte schon die antike Rhetorik, wenn der Gerichtsredner es schaffte, einen Freispruch für den Mörder und ein Todesurteil für den Unschuldigen zu erwirken. Kleines groß und Großes klein erscheinen zu lassen und aus Schwarz Weiß zu machen – das war das Programm und ist es geblieben. Die Apologeten behaupten bis heute, diese Kunst sei moralisch indifferent, es komme auf den jeweiligen Zweck an, aber die Rigoristen (Platon, Kant) halten es an sich für verwerflich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.07.2020 um 12.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43849

Scientists first discovered that dogs are excellent at imitating their owners in 2006. (http://news.sciencemag.org/2013/07/your-dog-copycat)

Berichte über Nachahmung bei Hunden gab es schon lange vorher, aber auch Kritik an der Deutung anekdotischer Zeugnisse. Andererseits: Wenn es so eindeutig wäre, hätte Hunderte von Millionen Hundehaltern es bemerken müssen. Dafür sind die Berichte dann wieder überraschend selten.

Schopenhauer glaubte, daß sein Hund ("Atman"!) die Kausalität durchschaute, nämlich die Mechanik der Gardinenschnur. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2020 um 12.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43830

Noch zu Kahneman (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#40748)

Ich hatte mir besonders zu den Priming-Experimenten lauter Fragezeichen an den Rand gemalt, weil ich dieser Art von Berichten grundsätzlich nicht glaube.

Nun sehe ich, daß Kritik sogar im englischen Wikipedia-Eintrag zum Buch verzeichnet ist:

https://replicationindex.com/2017/02/02/reconstruction-of-a-train-wreck-how-priming-research-went-of-the-rails/

https://slate.com/technology/2016/12/kahneman-and-tversky-researched-the-science-of-error-and-still-made-errors.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2020 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43791

Sign languages are not just simplified or distorted versions of spoken language, but whole new languages that emerge wherever groups of deaf people come together. They are languages in their own right with gestures and facial expressions that take on the grammatical functions of word endings, word orders or inflexion. (Susan Blackmore: The meme machine 87f.)

Gebärdensprachen „emergieren“ nicht unter Taubstummen. Sie werden ihnen beigebracht, und wenn man es daran fehlen läßt, vegetieren sie als Dorfidioten dahin. Gebärdensprachen sind auch nicht autonom, sondern bauen auf Lautsprachem und deren jahrtausendelanger Geschichte auf.

Blackmore sagt übrigens auch:

Although languages may vary considerably in the size of their vocabularies, they do not differ much in the complexity of their grammar. Hunter-gatherers and remote tribal groups have languages just as complex as modern industrial English or Japanese.

Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=719#22963

Blackmore vertritt einen Nativismus strengster Chomsky-Observanz, dabei orientiert sie sich wie Dawkins an Pinkers „Language instinct“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.06.2020 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43786

In "Crazy like us" beschreibt Ethan Watters, wie nach dem Tsunami Heuschreckenschwärme von westlichen Psychologen über Sri Lanka herfielen, um gegen die erwarteten, aber nicht eintretenden "Posttraumatic Stress Disorders" (nach dem DSM) zu helfen. Sie hatten nicht verstanden, daß es anderswo ganz andere Techniken der Krisenbewältigung geben könnte. Schon die ganze westliche Auffassung vom radikal-privaten (subjektiven) "Psychischen" ist nicht universal. (Außerdem das übliche Durcheinander, weil die Vertreter der NGOs einander auf die Füße traten, die Landessprachen nicht verstanden usw.)

Übrigens sehr lesenswertes Buch, gut geschrieben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2020 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43698

Es wird behauptet, daß Affen die künstliche Gebärden-„Sprache“, die ihnen Menschen beigebracht haben, an ihre Kinder weitergeben, aber wie das vor sich gehen soll, ist nicht näher beschrieben. Anscheinend nimmt man Nachahmung an, aber kein Vormachen. Sprachunterricht ohne Vormachen ist überhaupt kein Unterricht. Und wenn die Jungen die Alten nachahmen, warum ahmen dann nicht überhaupt die Affen die Menschen nach, so daß das jahrelange Training entfallen könnte? Das sind überflüssige Fragen, weil es seither ohnehin still geworden ist. Wenn ein Affe überhaupt nur ein Dutzend Gebärden gelernt hat, die man bei wohlwollender Interpretation wiedererkennt, läßt sich aus allen beliebigen Kombinationen dieser Zeichen ein Sinn erschließen – zumal bei der großzügigen „Bedeutung“, die der Mensch diesen Gebärden zuschreibt. So sind die phantastischen Dialoge zustande gekommen, die Fouts beschreibt und Leichtgläubige wie Dieter Zimmer oder Volker Sommer referieren. Naive Sprachauffassung ohne Sinn für das Historisch-Kulturelle der vermeintlich einfachen Bedeutungen. Es ist nicht möglich, daß ein Affen die Bedeutung „ungezogen“ usw. kennt. Diese Paarung von Form und Bedeutung ist ganz naiv menschlich. Die Sprechakte Entschuldigung usw. werden Schimpansen zugeschrieben, ohne daß man die Kulturgebundenheit überhaupt bemerkte. Abstrakta wie „Geruch“ (= daß/wie etwas riecht) soll der Affen vom Konkretum „Blume“ unterschieden haben - das kann nur einem ganz naiven Beobachter einfallen. All das von Tieren, die sonst ganz unzivilisiert auf den Teppich defäzieren usw.

-
Hirnscans sollen zeigen, daß schon Säuglinge die Abweichung von einer grammatischen Regel bemerken. Ich kenne die Einzelheiten nicht, stelle aber einige Fragen.
Schon die Annahme, daß Sprechen und Verstehen im Befolgen von Regeln bestehen, ist sehr fragwürdig. Was Regeln sind, bevor sie sprachlich ausformuliert werden, ist schwer zu verstehen. Diesen Einwand gegen die Chomskysche Sprachphilosophie lasse ich auf sich beruhen. Anlage und Interpretation von Experimenten sind aber wahrscheinlich durch die mentalistischen Vorannahmen beeinflußt.
Aber wir wissen, daß auch erwachsene Muttersprachler „Regelverstöße“ weder beim eigenen Sprechen noch beim Hören immer bemerken. „aus aller Herrn Länder“ und „abgebrochener Student“ (oder auch Lessings „nicht ohne Mißfallen“ und andere Negationsknoten), den "falschen" Appositionsdativ usw. nehmen sie hin, und es ist nicht anzunehmen, da Hirnscans etwas anderes zeigen.
Ferner: Wie wurden die abweichenden Sätze gesprochen? Eine sinnvolle Intonation überspielt Konstruktionsfehler, und eine unnatürliche Intonation kann selbst grammatisch einwandfreie Gebilde befremdlich klingen lassen. Darüber erfahren wir nichts.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2020 um 16.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43655

Zufällig stoße ich auf den Thuja-Menschen, den die Homöopathie so beschreibt:

Leitsymptome

Geringe Selbstachtung und Gefühl von Wertlosigkeit
Fühlt sich unattraktiv
verbringt viel Zeit, sein Aussehen zu perfektionieren
Zweifel, "dazu zu passen"
Gefühl, "andere würden mich nicht mögen, wenn sie mich wirklich kennen würden"
Einsamkeit und Traurigkeit wegen des Gefühls, anders zu sein
Verschlossenheit bis zum Lügen (in Bezug auf die Lebensumstände)
fixe Ideen oder Wahnvorstellungen: etwas Lebendiges sei im Bauch; schwanger zu sein; er sei zerbrechlich oder aus Glas
beim Reden werden die letzten Worte des Satzes gemurmelt
Reizbarkeit und hastige Wesensart oder Milde und Traurigkeit
Augenbrauen sind dünn oder verschwinden auf der seitlichen Hälfte
bemerkenswert glatte Gesichtshaut, ebenmäßige Züge, keine Spuren von emotionaler Belastung - oder plötzlich über Nacht um Jahre gealtert
Gesichtshaut wie geölt oder gefettet
Warzen oder Tumore in Gesicht oder auf den Augenlidern
Warzenartige u. pilzartige Wucherungen auf Haut und Schleimhaut
Warzen an Händen und Fingern
Kondylome an den Genitalien
Folgen und Erkrankungen nach Pocken- oder anderen Impfungen
geteilter Urinstrahl
Schweiß stinkend, ölig, süßlich oder sauer; nur an unbedeckten Stellen; an einzelnen Körperteilen; überall, außer am Kopf
Entzündung der Schleimhäute mit dicker, gelblicher oder grünlicher stinkender Absonderung (Urogenitaltrakt)
Karies der Zahnwurzel bei intakter Krone
Träume von Fallen
schläft auf der linken Seite
Kopfschmerzen links, Stirn oder Schläfe
< nachts, um 3 Uhr; um 15 Uhr; durch Kälte; nasses Wetter; Bettwärme; Ruhe; Fett und Zwiebeln
> durch Bewegung; durch Druck und Berührung


Ich bin wohl keiner, denn ich schlafe auf der rechten Seite, träume nicht von Fallen, mein Urinstrahl ist nicht geteilt (?), und grünlicher stinkender Ausfluß ist auch nicht dabei.

Aber mal im Ernst: Kann man über eine solche Wissenschaft noch diskutieren? Die Methode hatte ich anderswo schon beschrieben: Alles, was jemand irgendwo dazu aufgeschrieben hat, wird kompiliert, nichts je aufgegeben, und das Ergebnis ist der "Kent".

Thuja ist bekanntlich sehr giftig, aber wenn in den Globuli nix mehr drin ist, schaden sie auch nicht weiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.05.2020 um 16.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43597

Warum unsere Psyche uns Corona unterschätzen lässt (Welt 14.5.20)

= Warum wir Corona unterschätzen
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2020 um 11.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43562

Die folgende Hervorbringung heutiger Psychologie sagt mehr über sich selbst als über ihren Gegenstand:

The Personality of a Nonperson: Gauging the Inner Skinner.
Overskeid G, Grønnerød C, Simonton DK
Perspect Psychol Sci. 2012 Mar;7(2):187-97. doi: 10.1177/1745691611434212. Epub 2012 Mar 9.

Abstract
B. F. Skinner is consistently rated as one of the most important figures in the history of psychology. Much has been said about his character, some of it strongly negative. Yet little is known about what kind of man he really was. Drawing on information from published sources, archival material, and people who knew him, we used "blind" raters to assess Skinner´s score on the Big Five personality factors. We found that Skinner was a highly conscientious man and highly open to experience. He was also somewhat neurotic and somewhat extraverted but neither agreeable nor disagreeable. The resulting personality profile was compared with meta-analytic results concerning scientists versus nonscientists, creative scientists versus noncreative scientists, and artists versus nonartists. In general, Skinner’s personality profile was consistent with findings regarding those of other notable scientists.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2020 um 08.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43503

Wenn man Probanden verschiedene Aufgaben stellt, werden sich im Hirnscan immer verschiedene Erregungsmuster zeigen. Das ist trivial. Nicht trivial ist die Deutung. Wenn man schon in die Beschreibung einfließen läßt, daß die eine Aufgabe mit Hilfe einer „Theory of mind“ gelöst wird und die andere nicht, dann glaubt man im Hirn den Sitz einer Theory of mind zu beobachten. Das ist nicht wesentlich verschieden vom Aufspüren eines „Gottes-Neurons“ usw. (vgl. S. F. Faux: „Cognitive neuroscience from a behavioral perspective: A critique of chasing ghosts with Geiger counters“. The Behavior Analyst 25, 2002:161-173.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.04.2020 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43475

Wenn man an die "Theory of mind" glaubt und auch überzeugt ist, daß das kleine Kind eine solche ToM ausbildet, dann kann man sie natürlich auch in Hirnscans aufspüren. Verschiedene Aufgaben sind mit Erregungen in verschiedenen Hirnregionen verbunden, das ist vollkommen trivial.
Ich wundere mich immer wieder, daß die Forscher diese Falle nicht erkennen. Sie wissen buchstäblich nicht, was sie tun, wenn sie vor ihren bunten Bildern sitzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.04.2020 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43471

Ein schönes Stück naive mentalistische Neurosophie kann man hier sehen:
https://www.mpg.de/14559563/0305-nepf-113272-das-gehirn-besitzt-zwei-systeme-um-sich-in-andere-hineinzuversetzen

Die Rede vom "Sichhineinversetzen" und von der "Perspektivübernahme" ist anscheinend gar nicht als Metapher durchschaut. Das Verhalten wird folglich nicht als solches beschrieben, sondern innerhalb derselben Metaphorik, die man in das Kind hineinredet. Die Hirnscans können daran nichts mehr ändern. Da findet sich immer etwas, wenn Kinder älter werden und mit verschiedenen Aufgaben konfrontiert werden.

Immerhin glauben die Forscher endlich ein starkes Gegenargument gegen die Datierung der False-belief-Test-Leistungen überwunden zu haben. Denn schon sehr kleine Kinder, die den Test noch lange nicht bestehen, lernen es, ein Bilderbuch andersherum zu halten, damit ihr Gegenüber es betrachten kann. Sie lernen es wirklich, aber dazu muß man nicht die blumige Rede vom Sichhineinversetzen bemühen, die nichts erklärt, sondern nur schon vertraut klingt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2020 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43461

„Our brain constructs models of the external world.“ (Bruce Hood: The self illusion. London 2011:XI)

Was soll denn das heißen? Wir lernen, uns in der Welt zurechtzufinden, z. B. auf Treppen die richtigen Bewegungen der Beine und Füße zu machen. Ich finde auch im Dunkeln den Lichtschalter und weiß nach dem Aufwachen, wo ich meine Brille hingelegt habe. Dazu braucht man kein Modell anzunehmen (das ja auch irgendwer benutzen müßte).

Das eigentliche, beobachtbare Verhalten des Organismus kann nicht durch ein im wesentlichen gleichartiges, aber unbeobachtbares, erfundenes „inneres“ Verhalten der Gehirns (oder im Gehirn) erklärt werden. (Homunkulus)

Wie bei den „Karten“ (Londoner Straßennetz im Hippokampus von Taxifahrern...) hat niemand die geringste Ahnung, wie solche Modelle im Hirn aussehen könnten. Es ist einfach nur ein zu weit gehender Begriff für irgendwelche Veränderungen, die das entsprechend veränderte Verhalten steuern.
„We are our brains“ – auch das ist sinnlos, weil es die Redeweisen vermischt. So wird „wir“ nicht gebraucht. Man kann nicht entdecken, daß „wir“ eigentlich das Gehirn bezeichnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2020 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43419

Zu den Termiten in http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31617

The termites only follow the principle of placing their clay balls where the smell is strongest. The physical laws of the environment then lead to the development of the complex hill. (Peter Gärdenfors: How homo became sapiens. Oxford 2010:185)

No termite has the foggiest idea of what a termite mound should look like. None of them has anything like a picture or plan of a mud church in its brain or in its DNA. (Richard Dawkins)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2020 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43391

Um ein Objekt wiederzuerkennen, müssen nacheinander zwei Prozesse ablaufen: Zuerst sucht das Gehirn im Gedächtnis, ob der Gegenstand oder die Szene schon irgendwo abgespeichert ist.
(https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/wie-ein-deja-vu-entsteht/)

So so, das Gehirn sucht im Gedächtnis. Neurobabble ohne Sinn.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2020 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43286

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#37355

Wenn ich recht sehe, ist aus dem Eintrag der deutschen (aber nicht der englischen) Wikipedia über den Jenseitsreisenden Eben Alexander alles Kritische entfernt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2020 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43140

Amazon: Make Money As A Life Coach: How to Become a Life Coach and Attract Your First Paying Client (Make Money From Home, Band 5) von Sally Miller und Melissa Ricker

Die Käufer sind zufrieden. (Es gibt noch mehr Bände von Sally Miller in der gleichen Reihe. Sie ist wahrscheinlich all das nicht, wozu sie anleitet, aber das ist natürlich auch eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.)

Anleitungen zum Coaching: Dutzende von „strengths“ werden in Begriffen einer Wald-und-Wiesen-Psychologie aufgezählt, ohne den Versuch einer Operationalisierung, und das rhetorische Umgehen damit soll Erfolg bringen, der aber nicht spezifisch auf das Coaching zurückgeführt werden kann, falls er überhaupt eintritt.
Banalitäten werden mit der größten Selbstgewißheit vortragen, als seien es tiefe Weisheiten. Es erinnert an die Kurgäste, die mit Andacht Wasser schlürfen. Es kommt wie bei den Globuli auf den Glauben an, nicht auf die Substanz. Die "Talente" der Coaching-Szene sind immer noch die antiken Tugenden, nur mit ein wenig zeitgeistigem Psycho-Babble aufgepeppt.
Wenige werden zugeben, daß es keinen Erfolg gehabt hat, wo sie doch so viel Geld dafür ausgegeben haben. Und die Unternehmen möchten sich nicht nachsagen lassen, sie hätten nichts für die "Mitarbeiterentwicklung" getan (so heißt das wirklich).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.03.2020 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43118

Irgendwie scheint mir das Verständnis für die "mechanische Datenverarbeitung" verlorengegangen zu sein. Die Löcher in Lochkarten und Lochstreifen steuerten mechanische Abtaststößel. Schlaue Leute konnten die Lochkombinationen direkt lesen. Wichtig waren die Umschaltzeichen für Buchstaben oder Zahlen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.03.2020 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43117

Bei dem Wort Information denke ich in sehr allgemeinem Sinne etwa an das gleiche wie bei Wissen. Je nachdem, wie Information gespeichert wird, analog (wie z. B. auf einer alten Schallplatte) oder mittels Zeichen (wie bei Barcode oder Lochkarte), kann die Semiotik wohl eine Rolle spielen, aber einen Gegensatz oder Doppeldeutigkeit sehe ich in dem Wort Information nicht.

Warum sagen Sie, ich „verliere mich“ in meinen Überlegungen? Ich argumentiere mit Form und Substanz, aber ich verliere mich doch nicht darin.

Ich sage nicht, Zwischenräume seien nichts, sondern ganz im Gegenteil, ich sage, sie können eine Information sein.
Ich frage eher rhetorisch, woraus sie bestehen, und die Antwort „aus nichts“ soll darauf hinweisen, daß es dabei nicht um Stoffliches, sondern ausschließlich um die äußere Form geht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2020 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43116

Ich erinnere an die Zweideutigkeit von Information. Der wahrscheinlichkeitstheoretische oder nachrichtentechnische Begriff hat so gut wie nichts mit dem semiotischen ("Sinn", "Bedeutung") zu tun. Die Löcher in einer Lochkarte steuern z. B. den mechanischen Webstuhl, allerdings zusammen mit ihrer Umgebung, ohne die sie eben keine Löcher wären. Dazu braucht man sich nicht in Überlegungen über Form und Substanz zu verlieren. Der Lattenzaun hält Hunde fern und läßt Katzen durch. Die Latten bestehen aus Holz, aber woraus die Zwischenräume bestehen, ist wohl keine sinnvolle Frage. Zwischenräume sind nicht nichts.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.03.2020 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43115

Morgenstern wollte ja nur hindurchschauen. Aber wenn man die Latten beispielsweise so anordnet wie bei einem der heute üblichen Barcodes, dann kann jeder Gartenbesitzer in seinem Zaun eine Willkommensbotschaft oder auch „Vorsicht, bissiger Hund“ verschlüsseln und jeder Besucher kann es mit seinem Smartphone lesen. Früher hat man mit Löchern in Lochkarten Daten gespeichert, und noch früher hat man Kerben in ein Kerbholz geschnitten. Woraus bestehen die Kerben, Löcher, Zwischenräume? Aus nichts. Ganz recht, es geht nur um den Abstand voneinander, um die (An-)Ordnung, Sortierung, nicht um den stofflichen Inhalt, sondern nur um die äußere Form. In der Form steckt die Information. Jede Information läßt sich in der Konsequenz auf die Form zurückführen.

Meiner Ansicht nach ist das menschliche Bewußtsein nichts anderes als ein lebender Informationsspeicher, in ständiger innerer Bewegung begriffen. In irgendeiner Art und Weise, biochemisch oder wie auch immer, wird darin Information als Gedanken verarbeitet. Da Information nicht anders als über die materielle Form gespeichert werden kann, kann man theoretisch jeden Gedanken von außen sehen und lesen. Das heißt aber nicht, daß ich an die praktische Möglichkeit glaube, daß man jemals Gedanken von außen vollständig lesen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2020 um 06.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43113

Ich gebe mir Mühe, all das NICHT zu verstehen...

Verhält sich der Körper zum Geist wie die Latte zum Zwischenraum in Morgensterns Lattenzaun? Daß es den Zwischenraum gibt, ist nur die substantivierende Paraphrase dafür, daß die Latten einen Abstand voneinander haben. Ich kann mit dem Gegensatz materiell-immateriell nichts anfangen. Folglich weiß ich auch nicht, was damit gemeint ist, wenn jemand etwas als materiell bezeichnet. Worin soll das Unterscheidende bestehen? Manche Dinge gibt es und andere nicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.03.2020 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43112

zu #43105:

Ich glaube auch nicht an Wunder, jedoch ebenso wenig an den Kategorienfehler.

Der Gedanke ist Teil der körperlichen Welt!

Das ist er, genauso wie die immateriellen Lücken im Lattenzaun ein sichtbarer Teil des Zauns sind. Erst unterhalb der allgemeinsten Ebene der einen, einheitlich materiellen Welt unterscheiden wir zwischen Inhalt und Form, d.h. zwischen Stofflichem und Geistigem.

Prinzipiell können wir Mentales (z.B. Gedanken, Willen u.a.) als materielle Form also von außen erkennen. Ob wir dazu praktisch jemals in der Lage sein werden, kann man natürlich bezweifeln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2020 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43106

Man kann sich kein allgemeines Dreieck vorstellen (George Berkeley), es gibt ja auch keins in der Wirklichkeit, das man wahrnehmen könnte. Aber die Merkmalsdetektoren könnten durch eine Schwellenwertveränderung so eingestellt werden, daß wir ein Dreieck leichter erkennen, wenn es uns unter lauter verschiedenen Figuren begegnet. So etwas muß beim Suchen vor sich gehen. Das Ensemble von voreingestellten Detektoren (wozu auch motorische Komponenten gehören können, etwa das „Bewegungsgefühl“ beim Suchen einer Treppe) liefert noch keine Wahrnehmung oder Vorstellung, sondern nur deren unanschauliche Vorgestalt. Das ist natürlich nur eine funktionale Beschreibung, keine physiologische. Wie die Merkmalsdetektoren verwirklicht sind, ist eine empirische Frage. (Das ist wie bei einem Schaltbild: Da kann ein Symbol für einen Gleichrichter stehen, aber wie er technisch verwirklicht ist, bleibt zunächst offen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2020 um 03.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43105

Ich führe den Willen nicht ad absurdum, sondern rechtfertige ihn gegen die Deterministen wie Roth und andere Hirnforscher. Unsere Dialoge, der eigentliche Ort, wo vom Willen gesprochen werden kann, sind eine unbestreitbare Wirklichkeit, und solange wir daran teilnehmen, kann uns kein Hirnforscher ausreden, daß wir einen Willen haben und daß er "frei" ist, d. h. durch Argumente bestimmt und umgestimmt werden kann. Das gehört, wie gesagt, zum Begriff des Willens schon dazu.

Aber schon lange vor den Hirnforschern (die natürlich wieder mal ihre Kompetenz überschreiten) haben Philosophen durch Überspannung des Freiheitsbegriffs den Willen in Frage gestellt, so daß sie am Ende einen Determinismus behaupten, aber nicht leben konnten. Sogar die Quantenphysik haben sie herangezogen... Eine Unbestimmtheit unseres Verhaltens auf quantenphysikalischer Ebene hätte freilich nichts mehr mit dem Freiheitsbegriff zu tun, wie ihn jedermann sinnvollerweise versteht.

Soweit also meine Verteidigung des Willens und der Willensfreiheit. Auf einem anderen Blatt steht die Betrachtung des gesamten menschlichen Verhaltens aus naturalistischer Sicht. Da ist natürlich alles "determiniert"; wir glauben ja nicht an Wunder.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer , verfaßt am 06.03.2020 um 23.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43104

Philosophen stellen die Frage, ob der Mensch in seinem Handeln fremdgesteuert ist, oder ob er selbstbestimmt handelt. Dies ist, nur etwas anders ausgedrückt, die Frage nach der Freiheit des Willens.

Meines Erachtens ist diese Frage wichtig und legitim, und man wird ihr nicht gerecht, wenn man die Existenz des Willens überhaupt anzweifelt. Sollten wir etwa alle nur willenlose, fremdgesteuerte Roboter sein?

Man muß also doch letztlich etwas genauer sagen können, was der menschliche Willen ist, als nur ein bloßes umgangssprachliches Hilfskonstrukt, dessen Handlungsschema (Ankündigung - möglicher Einspruch/Zuspruch - Ausführung) aus dem Deliberationsdialog stammt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer , verfaßt am 05.03.2020 um 21.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43095

Wenn ich den Willen im Rahmen der Deliberation betrachte, gibt es eigentlich zu keinem Zeitpunkt den endgültigen Willen, sondern die angekündigte Handlung kann jederzeit bis zur Ausführung geändert, umentschieden, neu bedacht und wieder geändert werden. Mithin entspricht jeder Zeitpunkt einer Handlung dem augenblicklichen Willen. Letztlich kann man genausogut sagen, es gibt gar keinen Willen, oder der Willen ist immer identisch mit der Tat. Beides macht natürlich die Rede von einem freien Willen überflüssig.

Ich frage mich aber, ob man dem wissenschaftlichen Anspruch wirklich gerecht wird, wenn man den Willen auf diese Art sozusagen ad absurdum führt. Was zwingt uns diesen Deliberationsdialog auf? Ist der Willen nicht vielmehr ein in die Zukunft und auf ein bestimmtes Handlungsziel gerichteter Gedanke, der sich nicht nur auf den Augenblick beschränkt? Als Gedanke hat der Willen eine materielle Grundlage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2020 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43088

Wie Sie mit Recht sagen, handelt es sich nach meiner Ansicht um einen Kategorienfehler. Wie anderswo dargelegt, stammt das Handlungsschema aus dem Deliberationsdialog, und dorthin gehört auch der Begriff des "Willens" mit allen seinen synonymen Weiterungen. Die philosophische Diskussion nimmt ihn heraus und diskutiert ihn in einer überspannten Form, die jede Antwort unmöglich macht.

Das Handlungschema (Ankündigung – möglicher Einspruch/Zuspruch – Ausführung) hat schon rein begrifflich überhaupt nichts mit Physiologie usw. zu tun und kann nicht in eine kausale oder sonstige reale Beziehung dazu gesetzt werden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer , verfaßt am 04.03.2020 um 20.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43086

Der Autor meint wohl, daß das Bewußtsein nur makroskopisches Handeln steuert. Hingegen sei das Bewußtsein den unbewußt ablaufenden biochemischen Prozessen im Gehirn hilflos ausgeliefert. Somit hinge der Willen letztlich von unbewußten Vorgängen ab, er sei eine Illusion. Der Mensch bemerke nicht, daß er von Faktoren außerhalb seines Bewußtseins gesteuert wird.

Bei dieser Argumentation wird aber nicht berücksichtigt, daß es durch das Denken auch Rückwirkungen auf die biochemischen Prozesse geben kann, sogar geben muß.

Ich weiß, Sie sehen darin einen Kategorienfehler. Wie kann ein Gedanke, also ein immaterielles Konstrukt, irgendeinen Einfluß auf ein materielles Objekt haben?

Aber nach meiner Auffassung gibt es diesen Kategorienfehler nicht. Für mich ist ein Gedanke eine lebendige Information. Information ist durchaus an Materie gebunden, sie besteht in der Form der Materie. Lebende Information wie das Bewußtsein ist die sich laufend verändernde Form lebender Materie. Zwischen beiden besteht eine wechselseitige Abhängigkeit und Beeinflussung. Der Mensch steuert seine Handlungen mit seinem Bewußtsein, er hat einen freien Willen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2020 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43085

Editorial
Im Alltag scheint es zumeist so, als handelten wir souverän. Doch spielen biochemische Prozesse im Gehirn eine entscheidende Rolle.
(„Hirnforschung“, Aus Politik und Zeitgeschichte 44/45, 2008)

„Doch“? Wo ist denn da ein Gegensatz? (Das Essen schmeckt mir, doch in meiner Nase finden chemische Vorgänge statt.)

(Auch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#31454)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2020 um 06.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43037

Anderson und Lightfoot schreiben in ihr Buch „The Language Organ“:

Dedicated to the memory of Victoria Fromkin, who was way ahead of us in the investigation of language as an aspect of the mind/brain

So reden sie alle und betrügen sich selbst und andere. Die Zeichenfolge mind/brain ist die größte Unverschämtheit dieser „Kognitionswissenschaftler“, wie sie sich nach Chomsky nennen. Lightfoot treibt gar „cognitive physiology“!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.02.2020 um 05.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43035

Humans have a folk psychology, without question. (Kristin Andrews: „Critter Psychology: On the Possibility of Nonhuman Animal Folk Psychology“. In: Daniel D. Hutto, Matthew Ratcliffe, Hg.: Folk Psychology Re-Assessed. Dordrecht 2007:191-209, S. 191)

Das habe ich auch lange angenommen. Inzwischen sehe ich es anders: Bei Bedarf (in einer bestimmten philosophischen Tradition) werden aus bestimmten Redeweisen Bruchstücke einer Psychologie abgeleitet. Es gibt zwar redensartliche Verbindungen wie Leib und Seele, Körper und Geist, aber sie fügen sich nicht zu einer halbwegs konsistenten Theorie des Geistes.

Wenn ich mich mit meiner Frau unterhalte, nehme ich zwar nicht an, daß sie eine Maschine ist. Ich nehme aber auch nicht an, daß sie keine Maschine ist. Die Frage stellt sich normalerweise nicht, folglich tue ich nichts dergleichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2020 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43000

„Inzwischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass jede Form von Erkenntnis und Beobachtung theoriegeleitet ist.“ (Vera und Ansgar Nünning: Grundkurz anglistisch-amerikanistische Literaturwissenschaft. Stuttgart 2005:22)

So zu reden war vor Jahrzehnten in Mode, klang auch sehr aufgeklärt. Es ist die übliche Fehldeutung der tatsächlichen Voraussetzungen eines Verhaltens als Annahmen, die der sich Verhaltende macht und die man als "Theorie" deuten konnte. Tiere und kleine Kinder hätten demnach auch Theorien, die ihnen Beobachtungen und Erkentnisse ermöglichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2020 um 08.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42996

Ich "suche" in der Hosentasche nach dem Hausschlüssel. Ein mentalistischer Beobachter würde sagen, daß ich "glaube", der Schlüssel sei in der Tasche. Man könnte also einen "mentalen Zustand" unterstellen.

In Wirklichkeit ist das alles unnötig und erklärt nichts. Erst wenn man mich unterbräche und fragte, ob ich so etwas glaube, wird das Glauben als eine Phase des Verhaltensablaufs konstruiert. Vorher existiert es nicht etwa unausgesprochen, sondern überhaupt nicht. Das ist aber keine Tatsachenfrage, sondern eine sprachkritische. (Wie bei den Planeten, die den Keplerschen Gesetzen "folgen".)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2020 um 08.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42983

Was der andere sehen kann, berücksichtige ich, indem ich die Konstellation Gegenstand-Auge-Personen als Stimulus berücksichtige. Das ist kompliziert und wird ja auch erst spät gelernt, aber warum sollte es nicht gelernt werden können? Alle Kinder spielen Verstecken. Zuerst „glauben sie“, daß man sie nicht sieht, wenn sie sich die Augen zuhalten.
Kinder können lernen, daß man ein Bild oder Buch umdrehen muß, damit der andere es erkennen kann. Ebenso können sie ohne eine geheimnisvolle (metaphorische) Perspektivenübernahme lernen, was ein anderer sehen kann und was nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2020 um 07.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42982

Michael Tomasello:

Die grundlegende Tatsache besteht also darin, daß Menschen die Fähigkeit besitzen, ihre kognitiven Ressourcen in einer Weise zu bündeln, die anderen Tierarten abgeht. Dementsprechend haben Tomasello, Kuger und Ratner (1993) das menschliche kulturelle Lernen von weiter verbreiteten Formen des sozialen Lernens unterschieden und drei Grundtypen identifiziert: Imitationslernen, Lernen durch Unterricht und Lernen durch Zusammenarbeit. Diese drei Typen kulturellen Lernens werden durch eine einzige besondere Form sozialer Kognition ermöglicht, nämlich durch die Fähigkeit einzelner Organismen, ihre Artgenossen als ihnen ähnliche Wesen zu verstehen, die ein intentionales und geistiges Leben haben wie sie selbst. Dieses Verständnis ermöglicht es ihnen, sich in die geistige Welt einer anderen Person hineinzuversetzen, so daß sie nicht nur vom anderen, sondern auch durch den anderen lernen können.

Tomasello setzt also seinerseits diese naive Psychologie voraus; auch er glaubt an ein geistiges Leben. Das Hineinversetzen ist außerdem eine Metapher, die nicht aufgelöst wird. Noble kritisiert mit Recht:

Tomasello et al. (1993) talk about “perspective taking” as being central to the ability to truly imitate another. In neither of these cases do the authors go any further than labelling the phenomenon; we are left in the dark as to just how identification or perspective taking might be achieved. (Jason Noble/Peter M. Todd: „Imitation or something simpler? Modelling simple mechanisms for social information processing“, eprints.soton.ac.uk/265263/1/imitationBook.pdf)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2020 um 21.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42980

Übrigens im gleichen Artikel auch "Gewalt verbreitende Videos" und "gewaltverherrlichende Ideologie".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.02.2020 um 21.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42979

Ja, so im "Feuilleton". Ein paar Seiten danach, im Teil "Unternehmen" der gleichen Ausgabe, offenbart die FAZ anhand des Hasses auch ihre orthographischen Fähigkeiten. Da finden wir einerseits die "Diskussion um Hass verbreitende Inhalte", andererseits im gleichen Artikel "auch hasserfüllte Kommentare".

Mit dem Haß (ich kann das Wort bald nicht mehr hören) ist es wie mit der "Nachhaltigkeit". Deren Anbeter meinen damit ja nicht die nachhaltige Zerstörung der Umwelt um Tschernobyl und Fukushima. Wenn das nicht nachhaltig war, was dann? Und die Heuchler, die den allgemein anwachsenden "Hass im Netz" (FAZ) beklagen, lassen ihrem eigenen Haß auf Andersdenkende freien Lauf. Immer gib ihm, Haß ist geil!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.02.2020 um 08.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42978

In der FAZ spricht ein Psychoanalytiker über Gott und die Welt oder vielmehr über Liebe und Haß und alles andere. Homer, Freud, die Rolling Stones, Freud, Goethe, Freud, Konfuzius und buddhistische "Rituale", Freud usw. – alles wie seit 100 Jahren gewohnt, nur die "Achtsamkeit" ist hinzugekommen. Die Literatenpsychologie ist unverwüstlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2020 um 09.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42968

Die "Dekade der Hirnforschung" liegt schon etwas zurück. Ich kann den wissenschaftlichen Ertrag nicht beurteilen, aber für die nichtexistente Neurolinguistik ist nicht viel dabei herausgekommen, ansonsten eine Flut von "Neuro"-Scharlatanerie.
Meine kritische Haltung stimmt (natürlich) mit der von Christoph Bördlein überein, der es im Anschluß an J. Bowers am Beispiel der Neurodidaktik sehr klar ausgedrückt hat:

Christoph Bördlein: Neurowissenschaftliche Pädagogik? (https://verhalten.wordpress.com/)

Zu Bowers gab es Kritik und eine ausführliche Replik, alles in der Psychological Review. Siehe http://www.scalab.cnrs.fr/images/bowers.response.PsyReview.pdf

Die Hirnforschung oder Neuroscience usw. kann keine "Leitwissenschaft" sein, weil sie eine begriffliche Kluft überspringt, statt sie zu schließen. Solange von Leib und Seele, Körper und Geist die Rede ist (unter welcher Camouflage auch immer), geht es nicht weiter. Zuerst muß der Geist naturalisiert werden. Die Verhaltensanalyse ist die Leitwissenschaft. Bördlein gibt eine gute Einführung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2020 um 06.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42966

Reclam hat ein Werk des Neurorhetorikers, Schreibtrainers usw. Markus Reiter herausgebracht: Gehirn. Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#23285

Ein lehr- und hilfreiches, dabei amüsantes Buch über das Gehirn und alles, was dazugehört – kann das sein? Aber selbstverständlich: Kurzweilig offeriert Markus Reiter Grundlagenwissen über Neuronen, Synapsen, Hirnareale, Altern, Intelligenz, Täuschung und Fehlschlüsse oder über Amygdala und Hippocampus. Nebenbei gibt es Empfehlungen für hirnstärkende Drinks (»Mix Dir Deinen Neuro-Cocktail mit den beliebtesten Neurotransmittern!«) sowie Tipps, wie man sein Gehirn möglichst lebendig hält (»Der Dreiklang fürs Gehirn: Laufen. Lieben. Lernen«), oder darüber, wie man Fehler beim Lernen vermeidet. Reiter verspricht: »Wenn Sie lesen, vernetzen Ihre Gehirnzellen sich neu – und dabei werden Sie schlauer.« Was will man mehr?

"offerieren" ist unfreiwillig treffend. Man assoziiert die richtige Branche. Aber was denkt sich ein Verlag dabei, der doch mal als seriös gelten konnte?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2020 um 17.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42899

Noch einmal zu den Ameisen, über die Diemut Klärner in der FAZ berichtet (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42837):

Wenn ein Ameisenvolk eine neue Wohnung sucht, schwärmen normalerweise aber mehrere Kundschafterinnen aus. Sobald so eine Ameise eine potentielle Bleibe inspiziert hat, läuft sie zum Nest zurück, um anderen den Weg zu zeigen. Dabei agiert sie umso eifriger, je besser das gefundene Quartier ihren Vorstellungen entspricht.

Das geht nun wirklich nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2020 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42848

Die Alltagspsychologie (folk psychology) ist ein in die Gemeinsprache eingebautes Konstrukt, das ich darum nicht als metaphorisch bezeichne, weil es die nichtmetaphorische Bezeichnung gar nicht gibt. Es ist eine bestimmte Verständigungstechnik.
Auch zu Herrn Riemers Bedenken, die ich sehr gut verstehe, wir sprechen ja dieselbe deutsche Sprache: Ich kann nur immer wieder auf meinen langen Text über Intentionalität und Sprache verweisen, aber ich werde mich in Zukunft bemühen, meine naturalistische Auffassung mit Engelszungen genauer auszuführen. Nur nicht hier und heute. (Mein übernächstes Buch ist seit Jahrzehnten in Arbeit.)
Einige meiner Leser haben seither tatsächlich Skinners "Verbal Behavior" gelesen und bereuen es nicht...

Man kann dieselbe deutsche Sprache sprechen und trotzdem theoretisch astronomisch weit voneinander entfernt sein. Zum Glück gibt es die "Rakete zu den Planetenräumen".
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2020 um 01.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42847

Entscheidung ist ein metaphorischer Begriff ähnlich wie Entzweiung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.01.2020 um 23.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42846

Gibt es ein Problem mit dem Wort "Reflex"?
Sie sagen:
"Tiere entscheiden sich nicht, sondern etwas entscheidet sich für sie."
Genau das meine ich auch mit "Reflex", eine unbewußte, automatische Handlung oder Bewegung.

Eine nicht reflexhafte Handlung/Bewegung ist eine nicht erzwungene Handlung/Bewegung, also eine, bei der der Ausführende mehrere Optionen und somit eine Wahl hat. Er kann sich entscheiden. An welcher Stelle kommt hier ein Dialog ins Spiel?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.01.2020 um 22.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42845

Muß ich denn ausdrücklich dazusagen, "ich entscheide mich für A", damit mein Tun anerkanntermaßen auf einer Entscheidung beruht?

Kann ich nicht einfach wortlos A tun, um zu beweisen, daß ich mich für A entschieden habe?

Mir leuchtet es nicht ein, daß Wahl, Entscheidung, auch Wille, nur mittels eines Dialogs erklärbar oder definierbar sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2020 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42840

Es geht mir wie bisher um die Begrifflichkeit. Wo nicht im Dialog eine Entscheidungssituation konstituiert wird, ist es nicht sinnvoll, von Entscheidungen zu sprechen. (Von "Reflexen" habe ich übrigens hier so wenig wie anderswo gesprochen, ich gebrauche das Wort nie, aber das ist hier gleichgültig.)

Natürlich besteht das Ziel letzten Endes darin, auch das Konstituieren einer Entscheidungssituation naturalistisch "aufzulösen": Auf das Sprechen, Diskutieren, Argumentieren, Handlungkoordinieren usw. sind gelerntes Verhalten. In einer Verhaltenslehre kommen dann mentalistische (folkpsychologische) Begriffe nicht mehr vor.

Bei Ameisen sind wir uns wohl einig, das muß mir im Augenblick genügen.

Vgl. übrigens meine Bemerkungen zu Randolf Menzel und seinen Bienen, u.a. hier:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#29787

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1432#41629

An die Wolfskinder glaube ich nicht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.01.2020 um 14.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42839

Wie ist das, wenn ein Mensch von Geburt an völlig isoliert aufwächst? Solche "Wolfskinder" soll es ja schon gegeben haben. Er kann nicht sprechen und versteht keine Sprache. Mit seiner angeborenen Intelligenz sollte er aber in der Lage sein zu wählen, einen besimmten Willen zu verfolgen.
Genau dasselbe würde ich auch höheren Tieren zugestehen. Eine Ameise könnte wohl völlig reflexgesteuert sein, aber bei höheren Tieren kann ich mir nicht vorstellen, daß sie nicht auch wählen und eigene Entscheidungen treffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2020 um 10.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42837

Kürzlich gingen neue Untersuchungen zum Verhalten von Ameisen durch die Presse. Ein Aufsatz von Diemut Klärner in der FAZ ist inzwischen online. Hier ein Zitat aus dem Abstract der Originalarbeit:

The study of rational choice in humans and other animals... (Takao Sasaki, Benjamin Stott, Stephen C. Pratt: „Rational time investment during collective decision making in Temnothorax ants“)

Also eigentlich bei sprachfähigen und nichtsprachfähigen Lebewesen. Die entscheidende Frage ist aber gerade, ob diese beiden Gruppen von Lebewesen mit denselben Begriffen beschrieben werden dürfen.

„Wahl“, „Entscheidung“ usw. sind Begriffe, die aus dem Dialogverhalten stammen, und sie gehören in die Sichtweise und folk psychology der Teilnehmenden. Diese entwerfen sprachlich ein Handlungsszenario, in dem es stets mehrere Optionen gibt. Das Für und Wider kann im Deliberationsdialog erörtert werden. Welche Entsprechung das in einer sprachlosen Welt haben könnte, ist unklar. Ameisen und andere Insekten folgen zum Beispiel Geruchsgradienten und anderen Signalen, aber dieses „Folgen“ hat nichts mit dem Befolgen eines Gebotes oder Beschlusses zu tun. Tiere entscheiden sich nicht, sondern etwas entscheidet sich für sie. Man muß sich hier vor Äquivokationen und Anthropomorphismen hüten. (Eigentlich Soziomorphismen, denn Beratungsdialoge und Entscheidungen sind gesellschaftliche Vorgänge, wie die Sprache selbst.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2020 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42765

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42246

Es ist geradezu ein Kennzeichen der älteren Literatur, daß sie den unvermeidlichen Schluß vom Körperbau auf den Charakter (um es in einem bekannten Begriffspaar auszudrücken) in aller Unschuld zu weit treibt. Seite um Seite wurden mit Schilderungen der hohen, edlen Gestalt und Haltung, des feinen Gesichts usw. gefüllt.

Noch im 19. Jahrhundert lesen wir von Augen, aus denen Phantasie, Klugheit und Treue sprachen usw.

Da wußte man doch immer gleich, woran man war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2020 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42709

Die Windräder sind zerstörerisch
Die Evolution hat uns so geschaffen, dass der Blick auf den Horizont uns glücklich macht. Windkraft zerstört Horizonte. Dank Windkraft leben Bürger wie mitten in einem Kraftwerk, depressiv und nervös unter rotierenden Stahlmonstern. Windkraft ist Gewalt!
(Dushan Wegner)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.12.2019 um 08.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42653

Weihnachten mit den Schwiegereltern kann zu einer Veränderung der Darmflora und dadurch zu Depressionen führen. 24 Versuchspersonen, in zwei Gruppen geteilt. Keine Kontrollgruppe, keine Verblindung, Weitere Forschungen sind nötig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.12.2019 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42528

FAZ am 5.12.19 über chinesische Gehirnwäsche:

„Aus kognitionswissenschaftlicher Sicht stehen hinter den weitgehend unbewussten Denk- und Handlungsschemata des Menschen synaptische Signalbahnen im Gehirn, die durch ständige Wiederholung zustande kommen und die umso stabiler sind, je stärker die die Lernprozesse begleitenden Emotionen sind. Die Umerziehung in Xinjiang scheint das gezielt zu nutzen.“ (usw.)

So wird es wohl sein. Man weiß nichts, aber solche neurosophischen Phrasen kann man risikolos dreschen. Das ist eben Kognitionswissenschaft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2019 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42494

Wenn jemand behauptet, eine Methode zur Effizienzsteigerung gefunden zu haben, dann gibt es auch Unternehmen, die ihm das abkaufen. Unspezifische Erfolge und Placebo-Effekte bestätigen eine Zeitlang die Wirksamkeit, bis zur nächsten Mode.
Das erwünschte Verhalten wird nicht objektiv und operationalisierbar beschrieben, sondern mit werthaften Begriffen und in der Sprache einer zeitgemäßen Wald-und-Wiesen-Psychologie (besonders der Charakterologie), was wegen seiner Nähe zum gesunden Menschenverstand immer sehr überzeugend wirkt. Wenn man den wohlmeinenden Psychoterror der Gruppensitzungen durchgestanden hat, fühlt man sich schon ziemlich gestärkt.
Mali-Kämpfer werden bei ihrer Rückkehr „sophrologisch“ behandelt, um ins Zivilleben integriert werden zu können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2019 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42363

Satzbau einer Sprache beeinflusst das Denken

Die eigene Muttersprache hat einen starken Einfluss auf das Denken. Sie beeinflusst die Art, wie wir Informationen verarbeiten, speichern und abrufen. Viele Studien widmen sich dem Zusammenhang. Auf den Einfluss der sogenannten Verzweigungsrichtung einer Sprache hat sich jetzt ein interdisziplinäres Forscherteam aus Psychologen, Linguisten und Biologen am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie konzentriert.
"Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass sich Sprecher linksverzweigter Sprachen bei verbalen und nicht verbalen Arbeitsgedächtnisaufgaben besser an anfängliche Reize erinnern können", sagte Forscher Alejandro Sanchez-Amaro, derzeit in der Abteilung für Kognitionswissenschaft an der University of California, San Diego, laut einer Mitteilung des Instituts.
Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch sind demnach typische Rechtsverzweigungssprachen (RB). Der Satzkopf steht normalerweise an erster Stelle, zum Beispiel "die Frau" oder "der Mann". Dahinter – also gewissermaßen rechts vom Kopf – folgt eine Abfolge von Modifikatoren, die zusätzliche Informationen liefern. Im Gegensatz dazu gehen in Linksverzweigungssprachen (LB-Sprachen) wie Japanisch, Türkisch oder Finnisch Modifikatoren im Allgemeinen den Köpfen voran.

Linksverzweigte Sprachen: Satzaussagen lange ungewiss
Um herauszufinden, wie sich die Verzweigungsrichtung einer Sprache auf das Denken der Befragten auswirkt, sind die internationalen Forscherinnen und Forscher in acht verschiedene Sprachkulturen gereist. Vor Ort haben sie Gedächtnistests durchgeführt. Dabei mussten ihre Probandinnen und Probanden Wörter, Zahlen und räumliche Stimuli verarbeiten.
Die bessere Erinnerung an zurückliegende Reize bei Personen mit linksverzweigten Muttersprachen erklärt sich Forscher Sanchez Amaro damit, dass das Verstehen von Sätzen in LB-Sprachen in Echtzeit sehr stark davon abhängt, sich Informationen zu merken, die am Anfang stehen, was in RB-Sprachen nicht der Fall sei.
In RB-Sprachen könnten Sprecher Informationen dagegen in der Reihenfolge verarbeiten, in der sie im Satz vorkommen. Die Satzköpfe werden zuerst angezeigt und Modifikatoren beeinflussen Satzanalyse-Entscheidungen nur selten.
Im Gegensatz dazu könnten LB-Strukturen bis zum Ende sehr vieldeutig sein, da am Satzanfang stehende Modifikatoren oft erst nach der Analyse des Satzkopfes eine klare Bedeutung bekämen. Daher müssten LB-Sprecher möglicherweise am Anfang eines Satzes stehende Modifikatoren im Arbeitsgedächtnis behalten, bis der Kopf zum Verständnis des Satzes hinzugezogen werde.
Die Tatsache, dass Verzweigungsrichtung und Wortreihenfolge mit einem solch grundlegenden kognitiven Prozess wie dem Gedächtnis verknüpft sein könnten, eröffne neue Möglichkeiten für die psycholinguistische Forschung. Insgesamt gibt es laut Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie derzeit weltweit mehr als 7.000 gesprochene Sprachen.

(Forschung und Lehre 6.2.2019)
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Forscher, die das Deutsche so falsch darstellen, werden wohl kaum etwas über die linguistische Relativität herausfinden.
Außerdem: Wäre der Einfluß der Syntax auf das Denken wirklich „stark“, hätte man ihn über die Jahrhunderte wohl kaum übersehen – bei so vielen Millionen von Probanden. Denken und Erinnern werden sicher durch andere, kulturelle Einflüsse stärker geprägt, frühes Auswendiglernen (indische Gedächtnisakrobatik) usw. Dazu dürften auch die Gewohnheiten der Schriftkultur gehören. Humanistisches Papierdeutsch gegen britische Parlamentsrhetorik usw. Wie will man das herausrechnen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.10.2019 um 04.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42330

Zu Rumpelstilzchen:

(Märchenforscher) „vermuten – hinter dem offenkundigen Motiv des Lächerlichen – immer wieder einen Narzissmus um Geld und Ehe.“ (Wikipedia)

Die Abschnitte Psychoanalyse und Analytische Psychologie sind besonders wild. So hat man vor Jahren drauflosspekuliert, wobei jeder jedem widerspricht. Aber das Männchen ist meistens der Penis. Es erinnert mich an meine Lektüre der völlig enthemmten psychoanalytischen Zeitschrift Imago vor 50 Jahren.

Stark auch der Abschnitt Antisemitismusforschung! Das Männchen ist der Jude usw.

Ab in den Giftschrank!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2019 um 05.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42317

Die Azteken glaubten, daß ohne ihre blutigen Menschenopfer die Sonne nicht aufgehen würde. Dawkins wundert sich, daß sie das nie getestet haben. So ist es aber mit vielen Zwangshandlungen. Ein Test wäre viel zu riskant, verbietet sich aus ethischen Gründen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2019 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42246

Zur Erstveröffentlichung einer frühen Nietzsche-Fotografie (FAZ 16.10.19) bemerkt der Sammler, die vollen Lippen verrieten eine „gewisse Sinnlichkeit“. Diese recht verbreitete Deutung voller Lippen scheint die Pathognomik in die Physiognomik zu übertragen: Wenn man „streng“ ist, preßt man die Lippen zusammen, das wirkt wie das Gegenteil einer Kußschnute. Ähnlich wird ein stark ausgebildetes Kinn wie ein vorgeschobenes wahrgenommen und als „willensstark“ gedeutet.
Bei manchen Menschen kerbt sich die gewohnheitsmäßige Mimik tatsächlich ein und wird physiognomisch (heruntergezogene Mundwinkel, dagegen Lachfältchen), aber im wesentlichen ist alles vererbt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2019 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42156

Die Apotheken sollten verpflichtet werden, eine Liste aller wirkungslosen Medikamente auszuhängen. Das wäre wichtiger als der lächerliche Hinweis, man solle seinen Arzt oder Apotheker bzw. seine Ärztin oder Apothekerin fragen, würde allerdings das Geschäft um mehrere Milliarden schädigen, wird also nicht geschehen. Auch jene Apothekerin, die keine homöopathischen „Medikamente“ mehr verkauft, wird ein Einzelfall bleiben.

Was ich in Apotheken manchmal an „Beratung“ mitanhören muß, läßt meinen Blutdruck in gefährliche Höhen steigen. Und dabei spreche ich noch gar nicht von erst jüngst widerlegten Theorien („freie Radikale“ usw.). Einmal hatte ich besonders lange zu warten, weil meine Bedienung fast eine halbe Stunde brauchte, um mir eine Tüte Lindenblüten (also mal keine Beutelchen) abzupacken. Am schwersten war es offenbar, den Kasten mit den (vermutlich überalterten, nicht mehr DAB-konformen) Blüten überhaupt zu finden – und dann den Preis dazu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.09.2019 um 04.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42152

Bei „Weltbild“ kann man Edelsteine erwerben, auch Herze, Kreuzchen oder kleine Engel aus Bergkristall usw., dazu Literatur über deren heilende Kräfte. Man kann damit auch Wasser energetisieren.

Die FAZ schreibt eindeutiger als früher, daß Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirkt, aber die Leserbriefredaktion arbeitet dem entgegen, indem sie eine vertrauensselige Zuschrift nach der anderen veröffentlicht. Es erinnert an Victor Hugos Bemerkung über Dorfschullehrer und Pfarrer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2019 um 05.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42147

Manche Okkultisten erzählen offenherzig, wie sie zu ihrem Erwerbszweig gekommen sind. Sie wissen auch, wie man sich am Rande der Legalität einrichtet.

https://www.geistheiler-sananda.net/heiler-sananda/

Dazu https://blog.gwup.net/2015/07/03/multi-medium-sananda-erst-als-finanzmakler-jetzt-als-geistheiler-auf-bauernfang/

Der Künstlername eines Geistheilers sollte möglichst viele a enthalten, dann sieht es irgendwie indisch aus. In Sananda schwingt außerdem lateinisches Sanitätswesen mit, das ist auch nicht schlecht. Eine Zahnpasta könnte man Sanadent nennen. (Ich schlage spaßeshalber nach und sehe, daß es das schon gibt, wenn auch nicht als Zahnpasta. Ich hätte es mir denken können, denn das Dutzend einschlägiger altsprachlicher Bausteine muß schon in jeder denkbaren Kombination genutzt worden sein.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2019 um 05.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#42143

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41972

Die „Akademie für Potentialentfaltung“ scheint bisher mehr in der Vorstellung Gerald Hüthers zu existieren. Auch zwei Jahre nach ihrer Gründung wird sie auf der Website vorwiegend im Futur dargestellt.
Er veröffentlicht weiter seine Bücher über Kindererziehung und Gesellschaft, die von den Medien als Werke eines „Hirnforschers“ usw. vorgestellt werden.
Sein neuester Auftritt hier: https://www.wuerde-und-demokratie.eu/veranstaltung/
Auch der abgehalfterte Christian Wulff ist dabei. (Eintritt 25 Euro)

Die famose Website des Event-Veranstalters ist auch orthographisch bemerkenswert:

Veränderung stellt Altbewährtes in Frage. Deckt Altgedientes und Wertvolles auf, das abgelegt, verworfen oder zu Bewahren lohnt. Sie bringt Bewegung und wirbelt Staub auf. Vernebelt die Sicht. Verunsichert und kann Menschen, die Angst vor Veränderung haben, in Panik versetzen. Strukturen lösen sich auf, noch bevor sich Neue zeigen. Woher die Zuversicht, den Mut und den Halt nehmen?

Typisch für Leute, die sich perfekt mit Webdesign auskennen, aber weniger mit Inhalt und Sprache.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2019 um 08.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41987

„Jeweils zwölf Männer und zwölf Frauen mussten sich im Magnetresonanztomografen in einem virtuellen Irrgarten zurechtfinden und von einem Ort im Irrgarten ausgehend den Ausgang finden. Wie sich zeigte, führte die Lösung der gleichen Aufgabe bei Männern und Frauen zum Teil zur Aktivierung unterschiedlicher Bereiche des Gehirns: Während es bei Männern zur Aktivierung des linken Hippocampus kam, wurde bei Frauen das rechte Frontalhirn aktiviert.“ (Manfred Spitzer in Das Magazin. Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen)

Das ist doch äußerst unwahrscheinlich.

Die methodische Kritik überlasse ich Neurologen, die den ganzen Bericht kennen, aber vorab muß man doch wohl sagen, daß Männer und Frauen nicht so verschieden sein können wie Hunde und Tintenfische.

Wenn bei einer so geringen Zahl von Probanden auch noch "zum Teil" so verschiedene Regionen "aktiviert" (soll heißen: "stärker aktiviert") werden, kann man daraus nicht solche weitreichenden Deutungen ableiten.

Es kommt hinzu, was man bei allen Versuchsanordnungen dieser Art einwenden muß: Die Probanden befinden sich nicht wirklich in einem Irrgarten, aus dem sie herausfinden müßten, und Irrgärten sind an sich auch schon Spielformen, also Simulationen von wirklichen Orientierungsaufgaben. Im Versuch wird das Ganze nochmals simuliert, nämlich ins „Virtuelle“ verschoben. Mit dieser doppelten Verstellung sind die Probanden konfrontiert, aber dieser eigentliche Charakter der Aufgabe scheint den Veranstaltern nicht klar zu sein. Falls es wirklich Unterschiede im Durchblutungsmuster zwischen Männern und Frauen gab, könnten sie zum Beispiel darauf zurückzuführen sein, daß die einen sich etwas stärker auf die Simulation einließen als die anderen, das Spiel ernster nahmen... Der Versuch hätte also etwas ganz anderes gemessen als behauptet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2019 um 07.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41986

Natürlich werden grammatische Schnitzer schneller erkannt als semantische Abweichungen. Die Spielräume der Grammatik sind viel enger als die der Semantik. Man kann und muß immer versuchen, doch noch einen Sinn in den Text zu bringen. (Dies als Kritik an der "Neurolinguistin" Angela Friederici.)

Ausnahmen sind die gut versteckten Grammatikfehler, auf die ich schon an vielen Stellen eingegangen bin, sozusagen grammatische Vexierbilder (mehrfache Verneinungen, Verschachtelungen usw., siehe "Kopfrechnen").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2019 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41972

Aus einem Interview mit Gerald Hüther:
Was genau hat die Würde mit dem Gehirn zu tun?

Wenn Sie Personen, die eine solche Würdevorstellung entwickelt haben, in einen funktionellen Kernspintomographen legen und ihnen per Videobrille Szenen würdelosen Verhaltens zeigen, so werden Sie Aktivierungsmuster im Gehirn nachweisen können, die sich deutlich von denen unterscheiden, die sich im Gehirn von Personen nachweisen lassen, die keine klare Vorstellung von menschlicher Würde haben. Das ist aber eigentlich banal und macht nur deutlich, dass jemand, dem die menschliche Würde etwas bedeutet, Würdelosigkeiten anders wahrnimmt und anders verarbeitet als jemand, dem das völlig egal ist.

Wie wird die Vorstellung eigener Würde im Gehirn verankert?

Mit der Fähigkeit, zu spüren, ob die Art, wie jemand mit uns umgeht, gut und hilfreich für unsere weitere Entwicklung ist, kommen wir alle bereits auf die Welt. Jedes Neugeborene hat ein Empfinden dafür, wie es sein müsste und meldet sich lauthals, wenn es nicht so ist.

Und was passiert später?

Aus diesem frühen Empfinden kann eine zunehmend klarere Vorstellung entwickelt und in Form neuronaler Verschaltungsmuster im Gehirn verankert werden, wenn ein Heranwachsender die Erfahrung eigener Würde machen kann, als Subjekt gesehen und wertgeschätzt und nicht zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen oder Maßnahmen anderer gemacht zu werden. Wenn es dann noch gelingt, diese Vorstellung auf die Ebene des Bewusstseins zu heben, kann der betreffende Mensch sich seiner eigenen Würde und der Würde anderer, auch anderer Lebewesen bewusst werden.


Es gibt also keinen Zusammenhang zwischen Würde und Gehirn, und der „renommierte Hirnforscher“ fabuliert einfach drauflos über „neuronale Verschaltungsmuster“ usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.08.2019 um 06.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41970

Gerald Hüther, laut Amazon einer der renommiertesten Hirnforscher Deutschlands, hat ein Buch über "Würde" geschrieben. Die Gemeinde ("verifizierter Kauf") findet es toll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2019 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41963

Zum vorigen und zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#38725

Ein großer Fehler ist es, die aktive Bewegung als "absichtlich" zu bezeichnen. Wenn ich also (mit Helmholtz, s.u.) mit dem Finger gegen den Augapfel drücke, scheint sich die Umgebung zu verschieben; wenn ich aktiv umherblicke, tritt dieser Effekt nicht ein, die Augenbewegung wird mit der Wahrnehmung "verrechnet". Das geschieht aber auch bei automatischen, reflexartigen Eigenbewegungen. Absichtlichkeit (Intentionalität) liegt auf einer ganz anderen Ebene.

In der künstlichen Situation, wo ein Zug auf dem Nebengleis abzufahren scheint (oder ist es der eigene?), fehlt mir der Schlüssel, Eigen- und Fremdbewegung zu unterscheiden.

Wenn mir nach Eigenrotation schwindlig wird, "verrechnet" der Körper die passive Wahrnehmung des Vestibularorgans mit der nichtvorhandenen Bewegung der Umgebung, und sie scheint sich zu drehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.08.2019 um 08.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41959

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#38725
und
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36748:

Peter Godfrey-Smith wendet Begriffe wie Efferenzkopie und Reafferenz auf Psychologisches wie „Vergleichen“ an, während es in Wirklichkeit ein physiologisches Schaltschema ist (v. Holst/Mittelstaedt scheint ihm unbekannt zu sein.). Das entspricht dem populären Begriff der Rückkopplung. Der metaphorische Charakter dieser Verwendung wird nicht durchschaut:

Now let’s apply all this to the case of speech. Everyone wants their words to come out as planned, and speech is a very complex action. In speech, the creation of an efference copy enables you to compare your spoken words to an inner image of them; this can be used to work out whether the sounds “came out right.” As we say things out loud, we also register, internally, the sounds of whatwe meant to say, and we can then tell if the words came out incorrectly. Ordinary speech involves, in the background, a kind of internal quasi-saying and quasi-hearing. (Peter Godfrey-Smith: Other minds. The octopus and the evolution of intelligent life. London 2018:145)

Also: Ich (als Person) höre mich innerlich sprechen, vergleiche das mit dem, was ich sagen wollte, und korrigiere mich gegebenenfalls. – Das ist weit von der physiologischen Reafferenz entfernt und müßte als Verhalten seinerseits erklärt werden.

Zur Kritik allgemein vgl. John S. Kennedy: The New Anthropomorphism. London 1992

Ich weiß nicht, wie weit die postulierte Schleife inzwischen neurologisch nachgewiesen werden kann, aber der Vergleich eines Textstücks mit dem, was der Sprecher wollte, ist sehr weit von einer neurologischen Verifikation entfernt.

Die „Verrechnung“ ist ein physikalisch-chemischer Vorgang und kann nicht in Handlungsbegriffen wie „Vergleichen“ beschrieben werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2019 um 19.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41897

Zum Frankfurter ICE-Mord an einem Kind:

Was könnte also das Motiv sein? Christian Lüdke, Kriminalexperte und Kinder- und Jugendpsychotherapeut aus Essen, sagt: Man könne natürlich nur spekulieren, aber oft entwickelten sich solche Taten aus Frust, Wut, Angst oder dem Gefühl, alles verloren zu haben, sagt er. "Das führt zu einem Ohnmachtsgefühl. Durch die Gewaltausübung verwandelt sich diese Ohnmacht in ein Gefühl der Allmacht." (n.tv 30.7.19)
Durch das Interview verwandelt sich die Unwissenheit in eine zitierbare Spekulation.

Kleiner Trost in dieser furchtbaren Sache: Der Täter war kein Merkel-Gast. Trotzdem:

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sprach von einer abscheulichen Tat. Zugleich setzte Weidel die Tatsache, dass ein Afrikaner die Tat beging, in Verbindung zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. „Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!“, schrieb sie bei Twitter. Parteivize Georg Pazderski äußerte sich ähnlich.
Ein anderer Parteigenosse schrieb, das Blut des Kindes klebe an Merkels Händen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.07.2019 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41891

Hätten Sie’s gewußt?

Bei Fridays for Furture (sic) seien die gut Gebildeten überrepräsentiert, auch bei den Eltern. Sie sei eine Politisierung einer Minderheit, eben nicht ein Phänomen einer ganzen Generation, so der Soziologe Dieter Rucht im Dlf. Das Besondere sei, dass die Teilnehmer im Durchschnitt sehr jung seien. (DLF 28.7.19)

Ja, wenn wir unsere Soziologen nicht hätten! Dann müßten wir alle Trivialiäten selbst aussprechen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2019 um 15.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41830

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41823

Wie wechseln doch in der für das homerische Menschenbild so wichtigen Eingangsszene des 20. Gesanges der Odyssee phrên, thymos, kradiê und êtor, ohne daß wir scharfe Trennungslinien ziehen dürften! (Albin Lesky, anders transkribiert)

Das sind die Probleme, die sich aus der Synonymik ergeben. Nicht nur in fremden Kontexten werden Synonyme teils unterschieden, teils auswechselbar gebraucht. Bei uns ist es nicht anders.

Andere Probleme stammen aus der Inkommensurabilität der mentalen Konstrukte:

Hermann Fränkel hat für den homerischen Menschen die wichtige Feststellung gemacht, daß an ihm Körperliches und Seelisches nicht in unserem Sinne geschieden werden.

„Die Arme sind ebenso gut ein Organ des Menschen, nicht des Körpers, wie der thymos (das Organ der Erregungen) ein Organ des Menschen, nicht der Seele ist.“ (Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums. München 1993:85)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.07.2019 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41829

Forscher haben festgestellt, daß Prokrastination in den Genen liegt, allerdings nur bei Frauen. Und es ist auch nicht die Prokrastination selbst, sondern eine erhöhte Dopaminproduktion. Ach so!

Voriges Jahr hatte die Bochumer Gruppe um Güntürkün allerdings gemeldet, daß Prokrastinierer eine vergrößerte Amygdala haben und weniger Verbindungen zum dorsalen anterioren cingulären Kortex.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2019 um 08.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41823

Unzählige Arbeiten beschäftigen sich mit Themen wie „göttliche und menschliche Motivation im homerischen Epos“ – so der Titel einer bekannten Abhandlung. Es wird kaum gesehen, daß der Begriff „Motivation“ in einen bestimmten Zusammenhang gehört, der keineswegs übergeschichtlich und allgemein verbreitet war und ist. Aus diesem Grund spüren wir ein Unbehagen bei der Lektüre solcher Texte: sie scheinen irgendwie am Gegenstand vorbeizugehen. Die „folkpsychologischen“ Konstrukte verschiedener Kulturen sind weder miteinander kompatibel noch ineinander übersetzbar; das ist oft festgestellt worden. Sie sind aber auch in sich nicht stimmig, weil sie ihren Zweck in der Bewältigung lokaler Kommunikationsaufgaben erfüllen und ihre Urheber und Nutzer nie das Bedürfnis hatten, sie in ein widerspruchsfreies System zu bringen. Die „psychologischen“ Begriffe (wie wir sagen) der alten Inder, der Griechen, aber auch unsere eigenen werden manchmal gegeneinander abgesetzt, manchmal aber auch ununterscheidbar gleichgesetzt.

Menschen und Götter arbeiten bei Homer gegeneinander, miteinander, ineinander mit unterschiedlichen Gewichtungen. Es wird nicht als widersprüchlich empfunden, wenn jemand etwas mit göttlicher Unterstützung „von sich aus“ (automatos) tut.
Es wird auch nicht als problematisch angesehen, daß im Neuen Testament jeder Handelnde seine eigenen Gründe hat, zugleich aber handelt, „damit erfüllt werde, was geschrieben steht“, nämlich im Alten Testament. (Als sie ihn gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, damit erfüllt werde, was gesagt ist durch den Propheten: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen“.)
 
 

Kommentar von R. H., verfaßt am 05.07.2019 um 20.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41813

Allerdings schon im Grimm: Ich habe keine Idee, was das geben soll. (DWb 1877)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 05.07.2019 um 08.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41812

Am Rande: das Wort Idee wird zunehmend im englischen Sinne gebraucht. "Ich habe bis heute keine Idee, wer von meinen Vorgängern im Amt wohl jemals Zeit hatte, Fernsehen zu gucken." (Robert Habeck, Wer wagt, beginnt)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.07.2019 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41811

Das Wort "Idee" ist doppeldeutig, deshalb hätte ich es in meinem letzten Beitrag hier besser weggelassen. Es wird einerseits für geistige Konstrukte gebraucht, die nicht real existieren. Dennoch sagt man, sie "existieren" oder "existieren nicht", wenn sie bestimmte logische Bedingungen erfüllen oder nicht. So "existiert" in diesem Sinne die Zahl 9 oder der Äquator, hingegen "existiert nicht" eine quadratische Primzahl. Da es mit dem Begriff der realen Existenz nicht kollidiert (diese geistigen Konstrukte, egal ob logisch "existent" oder nicht, sie existieren sowieso alle nicht real), braucht man für diesen rein logischen Existenzbegriff normalerweise keine besondere Markierung wie etwa Anführungsstriche. Wenn es darauf ankommt, muß man reale und logische Existenz aber unterscheiden.

Andererseits wird das Wort "Idee" auch für die Speicherung der Beschreibung/Bedingungen eines solchen Konstrukts verwendet. In dieser Form handelt es sich um Information, die z. B. in einem Buch als Bild/Text oder im Gehirn als Gedanke/Wissen gespeichert ist. Egal, ob das Konstrukt logisch "existiert" oder nicht, die im Buch oder im Gehirn darüber gespeicherte Information existiert immer real als materielle Struktur/Ordnung.

Information kann nur gespeichert sein. Es gibt keine Information (Daten, Wissen, ...), die nirgendwo gespeichert wäre.

Ich möchte Information mal etwas salopp mit Löchern im Käse vergleichen. Niemand kann sagen, wie das Loch im Käse schmeckt, denn man ißt immer nur den Käse, nie das Loch. Dennoch existiert das Loch ganz real, man kann es sehen, es hat seinen genau bestimmten Platz im Raum, es besteht in einer materiellen Form. Man kann aber nicht den Käse aufessen und nur das Loch übriglassen. Das alles geht genau analog zum Begriff der Information.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.06.2019 um 23.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41775

Beim Wiederlesen meines Beitrags bemerke ich, daß ich das Wort "Idee" nicht einheitlich verwendet habe. Einmal setze ich es den "Konstrukten" gleich, so wie ich glaube, daß sie von Prof. Ickler gemeint sind, ein andermal spreche ich von der real gespeicherten Idee gewissermaßen als der gespeicherten Realisierung dieses Konstrukts.

Ich glaube aber, daß im Zusammenhang meines Beitrags trotzdem jeweils völlig klar ist, was gemeint ist. An der genauen Formulierung müßte ich noch etwas feilen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.06.2019 um 23.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41774

Mathematiker fragen z.B.: "Existiert" eine natürliche Zahl größer als 8 und kleiner als 10? Und sie antworten: Ja, so eine Zahl "existiert", es ist die Zahl 9.

Nun weiß natürlich fast schon jedes Kind, daß man das ganze Universum nach der angeblich "existierenden" Zahl 9 absuchen kann ohne je irgendein materielles Objekt zu finden, das als Zahl 9 zu identifizieren wäre. Es gibt also offenbar zwei ganz verschiedene Arten oder Bedeutungen von "Existenz".

Die eine möchte ich mal "reale Existenz" nennen, sie bezieht sich auf materielle Objekte und auf Strukturen von materiellen Objekten. Beide sind im Universum tatsächlich auffindbar und konkret lokalisierbar. Die andere ist eine "ideelle Existenz", das sind Dinge, die selbst nicht existieren, sie sind nur "Konstrukte", d.h. von ihnen existieren real nur die Ideen. Mathematiker sprechen von "Existenz" ihrer Konstrukte, wenn diese bestimmte logische Bedingungen erfüllen. Ein logischer Widerspruch bedeutet "Nichtexistenz" der betreffenden Idee bzw. des Konstrukts.

Noch einmal: Ideen existieren real, sie sind mit Information oder einer bestimmten Struktur oder Ordnung von Materie gleichzusetzen! Jeder kennt die perspektivische Täuschung einer im Kreis verlaufenden Treppe, auf der man anscheinend ständig treppauf gehen kann, aber immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrt. Der Verstand sagt, so etwas kann nicht real existieren. Richtig. Aber die Idee davon existiert real, als reale Abbildung oder wie hier als Beschreibung.

Ich sagte schon, daß die Zahl 9 nicht real existiert. Sie ist genauso ein "Konstrukt" wie der Äquator oder die Bevölkerungspyramide oder der "Baum" als Abstraktum. Was haben wir aber, wenn ein Computer in seinem elektromagnetischen Speicher auf einem Byte die Zahl 9 abspeichert?
Das geht so (D-duale, X-hexadezimale Darstellung):
D(00001001) = X(09) (als Integer-Zahl)
D(00111001) = X(39) (als ASCII-Zeichen)
D(10011100) = X(9C) (als gepackte Dezimalzahl)
Hier wird nicht die Zahl 9 an sich gespeichert, sondern die Idee, die Information über die Zahl 9.
Diese Speicherung der Information "9" ist natürlich kein Konstrukt wie die Zahl 9 selbst. Die Speicherstruktur im Computer existiert real!

Deshalb, lieber Prof. Ickler, kann ich Ihnen nicht folgen, wenn Sie das (Langzeit)Gedächtnis, also gespeicherte Information, in eine Reihe mit Konstrukten wie dem Äquator oder der Bevölkerungspyramide setzen. Letztere sind tatsächlich Konstrukte, Ideen, aber das Gedächtnis ist eine materielle (biologische) Struktur, also etwas real Existierendes, das hat sich niemand nur ausgedacht. Das Gedächtnis, Bewußtsein usw. sind keine bloßen Konstrukte. Sie existieren real, genau wie jede Information real (als materielle Ordnung) existiert.

Sie sagen, Sie wüßten nicht, "wie Informationsspeicher über sich selbst reflektieren können". Das weiß ich natürlich auch nicht, aber die aktuelle Frage ist doch nicht, wie sie das können, sondern ob sie das können. Und diese Frage ist für mich eigentlich gar keine, genauso wie wir fraglos Information in uns speichern. Denn genau das tun wir hier gerade, wir sprechen über und mithilfe der in uns gespeicherten Information, wir reflektieren darüber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2019 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41770

Ergänzend will ich noch ein Zitat von Bruno Snell in Erinnerung rufen, das ich an zwei Stellen wiedergegeben habe:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#38783

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1546#26795

– dazu den dortigen Zusammenhang.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2019 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41769

Lieber Herr Riemer, wenn ich auf Ihren letzten Eintrag in diesem Strang nicht gleich geantwortet habe, dann nicht, weil ich ihn nicht gelesen hätte. Vielmehr habe ich - das wird Sie nach all den Jahren nicht überraschen - Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Das Bewußtsein als Form lebender Materie – so hat auch Aristoteles gesprochen (natürlich sagte er Seele, das Wort Bewußtsein ist ja neuzeitlich), aber verstehen kann ich so etwas nicht.
Ich weiß auch nicht, wie Informationsspeicher über sich selbst reflektieren können usw.
"Konstrukte" sind für mich (oft nützliche) Fiktionen, die eine bestimmte Funktion in der menschlichen Verständigung haben, ganz ähnlich wie wissenschaftliche Konstrukte in der wissenschaftlichen Kommunikation. Ich behaupte also (wie schon oft gesagt) weder, daß es das Bewußtsein gibt noch daß es das Bewußtsein nicht gibt. Die Existenzfrage hat bei Konstrukten keinen Sinn. (Gibt es den Äquator, die Bevölkerungspyramide, das Langzeitgedächtnis usw.?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.06.2019 um 11.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41768

„In München-Obergiesing hat ein Mann mit Wolfsmaske ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt und ist seitdem auf der Flucht. Der Psychologe Dr. Stephan Lermer (70) erklärt im Interview, wie der Sexualstraftäter tickt.“ (Merkur 27.6.19)

Er redet drauflos, wie es jeder beliebige könnte, der ebenfalls nichts weiß. Ob die interviewenden Journalisten wirklich nichts merken? Oder tun sie nur so?

„Dr. Stephan Lermer leitet das Institut für Persönlichkeit und Kommunikation“ (ein privates Unternehmen). Er tritt auch als Glücksforscher auf. „Dabei bezieht er sich auf Albert Schweitzer, wonach glückliche Menschen erfolgreicher sind.“

Wir haben uns als Schüler einer Albert-Schweitzer-Schule auch mit dem Meister beschäftigt, aber diese Lehre ist mir nicht in Erinnerung, war wohl nicht zentral.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 22.06.2019 um 14.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41741

Seele ist mir zu sehr religiös behaftet. Sie wiegt "21 Gramm" (Filmtitel) und löst sich nach dem Tod vom Körper, um in einer Seelenwelt ("Himmel") selbständig weiterzuleben. Ich finde es schade, daß in letzter Zeit alle möglichen Religionen wieder mehr Zulauf zu gewinnen scheinen. Oder trügt mich mein Empfinden, weil es in dieser Hinsicht in der DDR vernünftiger zuging? War der Westen schon immer so wundergläubig? Ich denke, durch den Wegfall der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Konfrontation von Kapitalismus und Kommunismus haben religiöse Auseinandersetzungen an Bedeutung gewonnen, und dadurch werden Religionen mehr beachtet, obwohl durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt eigentlich die Vernunft zunehmen sollte.

Ich würde statt Seele eher Bewußtsein sagen. Das Bewußtsein ist die Eigenschaft lebender Materie, lebende Informationsspeicher und -verarbeiter zu erzeugen, die über sich selbst reflektieren können, was man Selbstbewußtsein nennt. Es ist nicht materiell, sondern eine Form oder Struktur von (lebender) Materie, d.h. an lebende Materie gebunden.

Das Verhältnis von menschlichem Körper zu seinem Bewußtsein ist etwa das gleiche wie das eines Buches zum Roman, der darin steht. Verschwindet das Buch, ist auch der Roman weg. Der Roman kann nur durch das Buch existieren. Nichtsdestotrotz existiert beides real, das Buch wie auch der Roman. Das Buch ist ein realer materieller Gegenstand, der Roman ist eine reale Form eines materiellen Gegenstandes.

So verstehe ich den Dualismus, natürlich nicht als kopulatives Mit- oder Nebeneinander von Körperlichem und Geistigem auf der gleichen Ebene, sondern als zwei reale Gegebenheiten, von denen die eine, die Formseite, von der andern, der materiellen Seite abhängig ist.

Insofern kann ich im Bewußtsein auch nicht einfach ein bloßes "Konstrukt" sehen. Ein Konstrukt wäre für mich etwas, das es nur als Idee, aber nicht als reale Form gibt. Das Bewußtsein ist jedoch real, es ist eine real existierende, lebende Struktur lebender Materie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2019 um 05.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41740

Das Gegenstück zu diesem "kopulativen Dualismus" ist der ebenso falsche Monismus: "Das Mentale IST (in Wirklichkeit) das Körperliche", "der Geist ist das Gehirn" usw. Wenn man sich auf die Redeweise von Geist, Bewußtsein, Erlebnis usw. eingelassen hat, kann man sie nicht naturalistisch "korrigieren". Man kann ja auch andere Kulturhervorbringungen nicht "korrigieren", die antike Tragödie, die Barockmusik...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2019 um 06.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41729

Schnittstelle zwischen Psyche und Soma (Ulrike Ehlert u. a.: Biopsychologie. Stuttgart 2013:21) klingt modern und schick, ist aber auch nichts anderes als die gute alte Verbindung zwischen Leib und Seele und verdeckt die unveränderte Hilflosigkeit der Neurosophen. Hört das denn niemals auf?

Es gibt den Körper, und es gibt die Seele, aber es gibt nicht den Körper UND die Seele. (Gegenstände und Konstrukte können nicht kopulativ zu einem Bestandssystem vereinigt werden.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2019 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41726

Putzerfische scheinen den Spiegeltest zu bestehen: Sie versuchen, Flecken von ihrer Haut zu entfernen, die sie nur im Spiegel sehen können. (https://www.mpg.de/12699780/putzerfische-selbst-bewusstsein)

Nun diskutieren die Forscher, ob das ein Beweis für „Selbstbewußtsein“ ist oder ob man den Spiegeltest neu interpretieren muß, um dieser unliebsamen Konsequenz zu entgehen. Das zeigt, wie wenig die Funktion von solchen mentalistischen Konstrukten verstanden ist. Es ist keine empirisch entscheidbare Frage, ob ein Organismus „Selbstbewußtsein“ („Bewußtsein“ usw.) hat. Solche Begriffe sind Hilfsmittel, mit denen wir uns untereinander verständigen, und empirisch untersuchen kann man allenfalls diesen Sprachgebrauch.

(Ob der Spiegeltest korrekt durchgeführt ist, lasse ich außer Betracht.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2019 um 15.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41711

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41086

Allen Bedenken zum Trotz gibt auch das neueste Heft von Max Planck Forschung die abenteuerliche Theorie unkritisch wieder.

Ich wollte noch nachtragen, daß die meisten griechischen Dialekte den Laut v aufgegeben haben, während andere ihn noch schrieben (Digamma) und er auch bei Homer usw. noch positionsbildend nachwirkt.

Der erste Haupteinwand bleibt, daß wir in zeitlichen Dimensionen, die für anatomische Veränderungen des Menschengeschlechts (!) in Betracht kommen, nichts über die Phonetik unserer Vorfahren wissen. Der zweite bezieht sich auf die Teile der Menschheit, die nicht mit Messer und Gabel essen. Man müßte sich auf Menschen vor Erfindung des Feuers und des Garens stützen, aber dann fällt der phonetische Teil erst recht weg.

Zu ähnlichem Unsinn vom Max Planck Institut s. schon hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#27885
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.06.2019 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41703

Manchmal reagieren wir logisch, manchmal unlogisch. Daraus folgt nicht, daß es in unserem Geist zwei „Systeme“ gibt, für logisches bzw. unlogisches Verhalten. Es sind Unterschiede im Grad der Diszipliniertheit des Verhaltens („spanische Stiefel“). Die Ausübung der logischen Funktionen kann unlogisch sein. Die demokratischen Mehrheitsbeschlüsse unseres Nervensystems führen zu aristokratischen Machtsprüchen der „Vernunft“. Die wahrheitswertige Entschiedenheit der motorischen Exekutive stellt sich erst unter den gesellschaftlichen Anforderungen ein.

Am Ende der Aktualgenese steht die saubere Entscheidung: Muskelkontraktion oder nicht (alles oder nichts). Aber der Weg dahin ist schmuddelig: die Neuronenrepublik stimmt ab.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2019 um 04.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41679

Wollen ist selten mit einer Ankündigung verbunden. Es geht darum, daß das ganze Konzept des Willens im Rahmen eines "Sprachspiels" entstanden ist, das aus Ankündigung – Zuspruch/Einspruch – Ausführung/Unterlassung besteht. Wo dies grundsätzlich nicht möglich ist (mangels Sprache), kann auch nicht sinnvoll von Wollen gesprochen werden.

Jenes "Sprachspiel" nenne ich Deliberationsdialog. Nachträglich rekonstruieren wir es, etwa vor Gericht, wenn überlegt wird, ob der Beschuldigte auch anders hätte handeln können ("Rechtfertigungsdialog").

Die "Ursituation" ist also gewissermaßen:

Was hast du vor? – Ich gehe ein Bier trinken. – Tu’s nicht!

Ich bin immer wieder darauf zurückgekommen und halte diese Erklärung der "Intentionalität" für richtig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.06.2019 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41678

zu #41661:

Ich frage mich, ob Wollen wirklich immer mit einer Ankündigung verbunden sein muß. Ist es wirklich nur eine Verständigungstechnik, ist es nur sinnvoll zum Zweck der Kommunikation?

Kann ich nicht meinen Willen auch einfach für mich behalten? Das Kind muß nicht unbedingt "Orange" sagen, trotzdem kann es die Orange auf dem Tisch vermissen.

Daß Wollen an sich kein Verhalten ist, ist mir klar. Aber es ist doch ein gedanklicher Vorgang, vielleicht ein Gefühl zu nennen. Gedanken, Gefühle, sind nun wieder von außen nicht beobachtbar, nicht objektiv nachweisbar. Andererseits kann man Wollen m. E. nicht aufs sprachliche Verhalten beziehen. Wenn ich will, kann sogar das Gegenteil von dem ankündigen, was ich will.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.06.2019 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41676

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41640

OECD: Understanding the Brain: The Birth of a Learning Science. OECD 2002.

Fremdsprachen sollen möglichst früh erlernt werden, weil der Beginn nach dem 13. oder 14. Lebensjahr unbefriedigende Ergebnisse zeitigt (51). Diese alte Erfahrung wird hier als Folgerung aus Hirnscans dargestellt, die gezeigt hätten, daß beim späten Grammatiklernen größere Teile des Gehirns (nicht nur dessen linke, sondern auch die rechte Hälfte [?]) aktiviert werden.
Das ist aber eine unvollständige und scheinhafte Begründung, die nicht plausibel wäre ohne die längst feststehende Erfahrung und Überzeugung vom Nutzen des Frühbeginns. (Die OECD gibt das an anderer Stelle auch zu: „This enlightening publication is essential reading for all those involved in education as parents, teachers, researchers, policy makers and learners. It may confirm and illuminate what they already know from experience, but there will be surprises too.“ (http://www.oecd.org/education/ceri/centreforeducationalresearchandinnovationceri-brainandlearning.htm) – Überraschendes habe ich allerdings nicht gefunden. Durchgehend werden alltägliche oder psychologische Erfahrungen in eine lose Verbindung mit Nerven und Gehirnen gebracht, der wirklichen Einsicht weit vorausgreifend.
Das Werk ist ein krasses Beispiel von Neurobluff. Von „birth of a learning science“ kann keine Rede sein. Man hat sich dreimal zu „Foren“ getroffen (New York, Granada, Tokio, jedesmal unter dem Titel „Brain mechanisms and...“), aber außer Spesen ist nichts gewesen. Es scheint denn auch nichts weiter erfolgt zu sein, und um diese Veröffentlichung ist es still geworden.
Inzwischen arbeitet eine bescheidenere Hirnforschung daran, die wirklichen „Brain mechanisms“ aufzudecken, ist sich aber der enormen Schwierigkeiten bewußt. Nur in der populären Literatur wird zum Beispiel noch schlicht behauptet, die „Emotionen“ hätten ihren Sitz im limbischen System, das logische Denken im Neocortex usw.

(Auf diese Schrift beruft sich wiederum eine weitere Unternehmung der OECD: The Neuroscience of Mathematical Cognition and Learning.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.06.2019 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41663

Lieber Prof. Ickler, Sie haben recht, meine Einschränkung auf "sinnvolle" Änderungen ist unnötig. Ich wollte es nur nicht "speichern" nennen, wenn gar keine Information beteiligt ist, aber im Grunde ist auch eine rein zufällige (sinnlose) Änderung eine Speicherung der aktuellen materiellen Struktur.

M. E. wird der Ausdruck "speichern" (von Ideen, Information, nichtmateriellen Dingen) nur deshalb von "ändern" unterschieden, weil mit "speichern" gemeinhin eine länger anhaltende Änderung gemeint ist. Um die Dauer geht es hier auch nicht. Es gibt zweifellos sehr stabile Änderungen (=Speicherungen). In einem lebenden Organismus muß man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß Gespeichertes sich periodisch oder permanent erneuert.

"In that sense, there is none at all in the brain."
Wieso nicht? Ich finde, das entspricht genau dem menschlichen Gehirn. Unser Wissen umfaßt u. a. auch enzyklopädische Fakten.
Wir haben hier zwei verschiedene Ebenen. Auch in der dicksten Encyclopedia Britannica findet man keine Information über sie (das dem Leser vorliegende Buch) selbst. In der Enzyklopädie steht nicht, daß sie auf Seite 100 ein Eselsohr und auf Seite 200 einen Fettfleck hat (sie "weiß" es nicht), was der Betrachter jedoch leicht feststellen kann, selbst wenn er nicht lesen kann. Ebenso sieht der Chirurg Dinge über das Gehirn, die der Träger des Gehirns nicht weiß/wußte (z. B. einen Tumor). Daß der Chirurg kein gespeichertes Wissen des Trägers sehen kann, liegt an seinen begrenzten Möglichkeiten, er kann es eben (vielleicht noch) nicht lesen. Das ist aber kein Beweis dafür, daß kein Wissen gespeichert ist.

Was mich so sicher macht, daß es doch gespeichert ist, sein muß, das ist einfach der Fakt, daß ich heute noch weiß, was ich gestern getan habe. Woher kommt dieses Wissen, diese Information, wenn es nicht (z. B. in Form von irgendwelchen eingefrästen Spuren, wie ein Flußbett im Gebirge) gespeichert ist?

Eigentlich sagen Sie es selbst so, Sie bestreiten nur, daß diese wie auch immer gearteten Spuren genau der gesuchte Speicher sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2019 um 06.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41661

Du kannst  t h u n  was du  w i l l s t :  aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes  w o l l e n  und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine. (Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Freiheit des Willens. Hamburg 1978:58-59)

Das wird oft zu der Frage verkürzt: Kann ich wollen, was ich will? Darauf folgt heute gewöhnlich eine Diskussion neurophysiologischer Versuche (Kornhuber, Libet).

So wird aber der Begriff wollen nicht gebraucht. Mit dem allgemeinen Determinimus ist die einzig gerechtfertigte Verwendung durchaus vereinbar. Die besten Beweise der Determiniertheit ändern nichts am Gebrauch von wollen – im Rahmen des Deliberationsdialogs, in dem er entstanden ist und außerhalb dessen er seinen Sinn verliert.

Wollen ist kein Verhalten, kann nicht angeordnet und nicht verboten werden.

Goethe erweist sich als waschechter Behaviorist, wenn er das Nichtverhalten "Wollen" in das Verhalten "Ankündigen" überführt (s. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587). Das ist der Weg der Naturalisierung: von der Erlebnisrede zur Verhaltensbeschreibung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.06.2019 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41659

Lieber Herr Riemer, mit dieser Ausweitung des Begriffs "Speicher" bin ich natürlich nicht einverstanden, ganz abgesehen davon, daß Sie zuletzt auch noch die Einschränkung "sinnvoll" einbauen. Auch Ihre Verwendung von "Information" findet ich nicht vertretbar.

Schon mal zitiert:

„A great deal of information is amassed in the Encyclopedia Britannica. In that sense, there is none at all in the brain. Much information can be derived from a slice through a tree trunk, or from a geological specimen. And no doubt too from a dissection of a brain. But that is not information which the brain has. Nor is it written in the brain, let alone in ‘the language of the brain’, any more than the information ‘in’ the tree trunk about the severity of winters in the 1930s is written in arboreal patois.“ (Peter Hacker: „Languages, Minds and Brains“ In: Colin Blakemore/Susan Greenfield (Hg.): Mindwaves. Thoughts on Intelligence, Identity and Consciousness. Oxford 1987: 485-505, S. 492f.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.06.2019 um 22.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41657

Ganz kurz gesagt:

Speichern (von Information) ist sinnvolles Ändern (der Materiestruktur).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer , verfaßt am 09.06.2019 um 21.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41656

Die Ansichten sind offensichtlich nicht vereinbar, aber ich möchte meine gern danebenstellen.

Natürlich speichern Lebewesen im „Gedächtnis“ (ich nenne den Speicher jetzt einmal so, ohne zu wissen, wo er genau steckt und wie er funktioniert, das spielt ja hier keine Rolle) keine Kopien von den Dingen und Tätigkeiten. Aber es ist möglich, Abbilder der Dinge und Beschreibungen der Tätigkeiten zu speichern, so auch Verhaltensmodelle. Wenn das alles grundsätzlich speicherbar ist, wieso dann nicht auch im Gedächtnis eines Lebewesens?

Meiner Ansicht nach ist alles Wissen und Können, kognitive und motorische Fähigkeiten, alle Reflexe im allgemeinsten Sinne Information. Information ist eine bestimmte Ordnung, Reihenfolge, Struktur der Materie. Da wird natürlich nicht „etwas“ im Sinne eines materiellen Dinges gespeichert, sondern die Anordnung der Materie wird verändert. So ist jede Informationsspeicherung eigentlich eine Veränderung der Struktur der Materie.

Natürlich gibt es rein zufällige Veränderungen, die zu keiner sinnvollen Information führen. Aber Veränderungen können, absichtlich oder unabsichtlich herbeigeführt, eine Information speichern.

Das heißt, ich bin sehr wohl der Meinung, daß, abgesehen von zufälligen (sinnlosen) Veränderungen, letztlich Informationsspeicherung und Veränderung dasselbe ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2019 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41655

Mit "Speichern" sagt man mehr als mit "Verändern", und zwar zuviel. Es wird nichts gespeichert, vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1616#36291
Das ist auch kein Streit um Worte (oder Metaphern), Die Probleme, die sich mit dem Speichermodell ergeben (physische Realisierung, Abruf usw.), sind unlösbar.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.06.2019 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41654

Übrigens, ich habe die ganze Zeit überlegt, wie dieses Spiel bei uns im Erzgebirge ging. In diesem Moment ist es mir wieder eingefallen:

Grashalm: „Dos is a Baam.“
abstreifen: „Dos is a Busch.“
.......: „Un dos krichste in de Gusch.“
 
 

Kommentar von Manfred Riemer , verfaßt am 09.06.2019 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41653

Ich finde die Frage seltsam. Es muß ja gespeichert sein. Ich würde statt dessen fragen: Wie kann es NICHT gespeichert sein? Wäre es nicht gespeichert (beispielsweise wie in Ihrem Bild vom Gebirge in Form eines Flußbettes), woher sollte dann plötzlich die Erinnerung kommen? Das einmal gefräste Flußbett (Name des Spiels) war wohl durch lange Nichtbenutzung zunächst leicht verschüttet, also nicht sofort präsent, aber es war noch vorhanden und ist nun wieder freigelegt und nachgespurt worden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2019 um 11.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41652

Gestern fiel mir beim Wandern nicht ein, wie wir als Kinder das Spiel nannten, bei dem man mit Daumen und Zeigefinger von bestimmten Wildgräsern die unreifen Fruchtstände nach oben abstreift und dann ein "Sträußchen" davon herzeigt. Heute fiel es mir plötzlich ein: "Hühnchen oder Hähnchen?" Im Internet überwiegend: "Hahn oder Henne?" (Wortfolge nach dem Gesetz der wachsenden Glieder) (http://tiergezwitscher.de/hahn-oder-henne/)

Wie kann etwas so lange in meinem Gehirn "gespeichert" sein? Solange das niemand erklären kann, sollen die Neurosophen still sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.06.2019 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41640

OECD: Understanding the Brain: The Birth of a Learning Science

(https://www.oecd-ilibrary.org/education/understanding-the-brain-the-birth-of-a-learning-science_9789264029132-en)

Wie kommt die OECD dazu, bestimmte Thesen und Meinungen in dieser Weise zu kanonisieren und damit gleichsam der Fachdiskussion zu entziehen? (Die deutsche Fassung, mit einem Geleitwort von Manfred Spitzer – wem sonst! – ist nicht mehr im Handel.)

Zu den Hintergründen:

Bruno della Chiesa (* 7. Juli 1962) ist ein Linguist italienischer, französischer und deutscher Herkunft, der sich selbst als „engagierten Kosmopoliten“ bezeichnet. Er lehrt an der Harvard University und wird als einer der Hauptgründer der Neurodidaktik (educational neuroscience) betrachtet. Zudem ist er dafür bekannt, die Ausdrücke „Neuromythos“ (2002) und „Neuro-Piraten“ (2013) geprägt zu haben, und hat die Theorien zum „Motivationsvortex“ (2007) und zu den „Tesserakten im Gehirn“ (2008)[7] aufgestellt. Er hat außerdem das internationale Science Fiction Festival Utopiales gegründet.
(...)
Anfang 1999 nahm er eine Stelle als Projektmanager im Zentrum für Forschung und Innovation im Bildungswesen (Centre for Educational Research and Innovation, CERI) der OECD an. Sein Projekt „Lernwissenschaften und Gehirnforschung“ (1999–2008), das unter Anreiz von Jarl Bengtsson gegründet wurde, hat über 300 Experten aus 26 Ländern zusammengebracht und zur Entstehung von Initiativen geführt, die einen transdisziplinären Ansatz der Neurodidaktik entwickeln, zunächst in Nordamerika, Asien und Europa und schließlich weltweit. Während dieser Zeit begann er, mit Kurt W. Fischer und Howard Gardner an der Harvard-Universität zusammenzuarbeiten. Von 2007 bis 2012 entwickelte er – zwischen Cambridge (Massachusetts, USA), Ulm und Paris (Frankreich) – ein umstrittenes Projekt zu Sprachen und Kulturen im Zeitalter der Globalisierung, ohne jedoch die Neurowissenschaften aufzugeben. Zahlreiche tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten philosophischer Natur bezüglich der Ziele und Ausrichtungen dieses Projektes, sowie bezüglich interner Politik und Strukturen führten 2012 zu seinem Ausscheiden aus der Organisation.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_della_Chiesa)

Auch der Europarat wurde schon von weitgehend unbekannten Autoren benutzt, ihre Ansichten mit vergleichsweise unbeschränkten Ressourcen flächendeckend zu verbreiten. Die OECD treibt es besonders wüst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.05.2019 um 04.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41588

The study of perceptual consciousness must begin with an adequate phenomenology of perceptual experience. The aim of this book is to bring together new writings of philosophers and cognitive scientists that respond to the need for a better phenomenology of perceptual experience. (Alva Noé: Vorwort zu „Is the visual world a grand illusion?“ J. of consciousness studies 9, 5-6, 2002)

Mit einem solchen Beginn ist schon viel vorentschieden. Der Verfasser hat mit dem „Erleben“ von vornherein den Joker der Qualia in der Hand: Die schönste naturwissenschaftliche Analyse der Wahrnehmung kann nicht erklären, wie die Erlebnisqualität zustande kommt. Im Grunde wird die Introspektion mit dem Erleben als primärem Datum wiederbelebt. Die Kritiker stehen seit hundert Jahren bereit.
An der Möglichkeit einer „Phänomenologie“ und deren sprachlicher Darstellung zweifelt der Verfasser nicht, wird also einer sprachkritischen Analyse solcher Redeweisen nicht gewogen sein.

Für William James war der Bewußtseinsstrom eine unbezweifelbare Tatsache und der Ausgangspunkt der ganzen Psychologie. Neuere wie Susan Blackmore stellen es strikt in Abrede. Ihre eigenen unbezweifelbaren Tatsachen werden ebenfalls nicht von Dauer sein, insbesondere unter dem Angriff der Sprachanalyse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2019 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41564

How does the honeybee form and update the cognitive map based on experience? How
does the cognitive map interact with other navigational capacities, such as dead reckoning and route following? How does the cognitive map figure in the honeybee’s path-planning? So far, these questions remain unanswered. (Rescorla)

Die „Karte“ in irgendeinem uns vertrauten Sinn setzt einen Kartenleser voraus, bei der Biene also eine innere Apicula (die aber, wie der Homunkulus, bemerkenswerterweise die Kulturtechnik des Kartenlesens beherrscht...). Wenn man das nicht will, muß man die „Karte“ als Metapher verstehen, die nichts erklärt und keinen Streit lohnt, wie Menzel ihn mit anderen Bienenforschern austrägt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.05.2019 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41561

Der Bienenforscher Randolf Menzel nimmt ohne weitere Diskussion an, daß auch der Mensch über einen magnetischen Sinn verfüge, der sich trainieren lasse und bei australischen Aborigines so stark entwickelt sei, daß er wesentlich zu ihrer Orientierung beitrage.

Soweit ich weiß und etwa bei Wikipedia sehe, ist ein solcher Sinn sehr umstritten und eigentlich bisher nicht nachgewiesen.

Die "kognitiven Karten", die Menzel ebenfalls den Bienen zuschreibt, führen begrifflich in Schwierigkeiten, worauf ich schon hingewiesen habe. Menzel führt Verhalten von Bienen an, das man nicht ohne die Annahme einer kognitiven Karte erklären könne. Kann man es denn mit einer solchen Annahme erklären?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.05.2019 um 11.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41544

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#39088

Nach Karl Eibl baut die Lust an Kunst und Dichtung Streß ab und stärkt damit die Immunabwehr, schützt also vor Infektionskrankheiten. Das müßte sich epidemiologisch nachweisen lassen, vielleicht sogar experimentell. Allerdings ist nicht klar, ob unsere heutige Ästhetik viel mit dem Ursprung der Kunst zu tun hat. Haben die Ritualgegenstände oder die Höhlenbilder der Steinzeit Streß abgebaut? Wir wissen es nicht.
Die Herauslösung der Kunst aus durchaus funktionalen Zusammenhängen (Religion als Teil der Lebenspraxis) wäre zu untersuchen, geht vielleicht nicht tief. Wenn wir heute von Kunst sprechen, beziehen wir Duchamps Urinal und Manzonis „Künstlerscheiße in Dosen“ ein, die als eine Art Metakunst die moderne Kunstreligion und den kommerziellen Kunstbetrieb voraussetzen und kommentieren. Aber das ist viel zu künstlich, um irgend etwas mit dem anthropologischen Ursprung der Kunst zu tun zu haben. Wie stressig waren die „Kunstwerke“ (Moai) der Osterinsel? Danach sollte man wohl gar nicht fragen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2019 um 04.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41502

Um lange Läufe durchzuhalten, reicht es nicht, nur den Körper zu trainieren, man muss auch die Psyche vorbereiten. (FAS 19.5.19)

Die Seele ist pseudowissenschaftlich ein wenig verfremdet (es geht mit „mental“ weiter), aber im wesentlichen wird tagtäglich das herkömmliche Modell von Leib und Seele weitergeführt (wie auch die ständige Rubrik überschrieben ist). Religiöse Implikationen sind aufgegeben. Auf dieser Basis sind sich die Menschen dann einig und bezahlen auch Fachleute, die sich um den Körper oder die Seele oder auch um beides kümmern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2019 um 16.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#41499

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#40617

Die Metapher vom „artgeschichtlichen Gedächtnis“ (Gerhard Roth/Wolfgang Prinz (Hg.): Kopf-Arbeit. Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Heidelberg, Berlin, Oxford 1996:359) im Sinne von Lorenz usw. ist überflüssig und irreführend. Am besten an den Schützenfischen zu zeigen, wo man die Funktionsweise einer Handvoll Neuronen kaum als artgeschichtliches Gedächtnis bezeichnen würde. Noch weniger die Chemotaxis der Kleinstlebewesen.
Übrigens auch interessant: Die Flagellaten führen Suchbewegungen aus, weil die Brownsche Molekula