zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Zum vorherigen / nächsten Tagebucheintrag

Zu den Kommentaren zu diesem Tagebucheintrag | einen Kommentar dazu schreiben


19.05.2010
 

Ökumenischer Kirchentag
Damit Ihr Hoffnung habt

Offiziell wird die Anrede im Motto "Damit ihr Hoffnung habt" klein geschrieben, aber man konnte viele Abweichungen sehen. So auch auf einer offiziösen Ansichtskarte (zwei Münchner Kirchen: Theatiner und St. Matthäus): "Damit Ihr Hoffnung habt".

Auf diesem Gebiet herrscht eine große Verwirrung. Wir haben schon gesehen, daß z. B. in Comics heute oft das Anrede-du groß geschrieben wird, obwohl es ja keine Briefanrede ist.

Die Reformer haben die Höflichkeitsgroßschreibung in Briefen zähneknirschend wiederzugelassen, etwa nach dem Motto:
Wenn ihr unbedingt höflich sein wollt, auch wenn ihr den Briefpartner gut kennt, dann schreibt es in Gottes Namen groß!
Wie ich insbesondere Herrn Gallmann kenne, habe ich damit seine Meinung ziemlich treffend wiedergegeben.



Diesen Beitrag drucken.

Kommentare zu »Ökumenischer Kirchentag«
Kommentar schreiben | neueste Kommentare zuoberst anzeigen | nach oben

Kommentar von J. Hohenembs, verfaßt am 25.05.2010 um 01.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16255

Theorie und Praxis folgten schon in der Zeit vor der Reform der blödsinnigen Regel, im Brief – und nur im Brief – das Du großzuschreiben. Mit Brief war ausschließlich das mit einer Marke versehene und per Post versandte Übermittlungsschreiben gemeint.
Das einzig Vernünftige hingegen wäre gewesen und ist die Unterscheidung nach einer direkten Ansprache einer oder mehrerer bestimmter Personen.
Alle Lehrer aller Schul- und Hochschulstufen folgten aber stur der Briefregel und schrieben das Du etwa in ihren Anmerkungen unter Prüfungsbögen stets klein, obwohl damit genau der eine Schreiber der Arbeit direkt und sogar höchstpersönlich angesprochen wurde. Was für ein Duden-Unsinn!
Im Beispiel des Kirchentages sind beide Varianten möglich und daher richtig, abhängig von der Interpretation des Ihr.
 
 

Kommentar von Y.N., verfaßt am 25.05.2010 um 19.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16260

Im Anhang eines noch in diesem Jahr erschienenen
Deutsch-Japanischen Wörterbuchs ist ein fiktiver Geburtstagsglückwunsch zu finden, der lautet:

Lieber Peter,
die herzlichsten Glückwünsche zu deinem Geburtstag
sendet Dir
Deine Kyoko
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2010 um 09.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16261

Hier muß ich den alten Duden gegen Herrn Hohenembs etwas in Schutz nehmen und zitiere deshalb aus meinem alten Kommentar zum letzten nichtreformierten Duden von 1991:

»R 71 Das Anredepronomen in Briefen wird groß geschrieben.

Dies gilt auch für die entsprechenden besitzanzeigenden Pronomen u. ä.
Liebe Silke,
ich hoffe, daß es Dir und Euch allen gutgeht und daß Du Deine Ferien an der See angenehm verlebst ...
Dasselbe gilt auch in feierlichen Aufrufen und Erlassen, Grabinschriften, Widmungen, Mitteilungen des Lehrers an einen Schüler unter Schularbeiten, auf Fragebogen, bei schriftlichen Prüfungsaufgaben usw.
Die Erde möge Dir leicht sein. Dieses Buch sei Dir als Dank für treue Freundschaft gewidmet. Immerhin hast Du Dir Mühe gegeben, deshalb: noch ausreichend.
Bei der Wiedergabe von Reden, Dialogen u. ä., in Protokollen, Prospekten, Lehrbüchern u. ä. wird jedoch k l e i n geschrieben.
Liebe Freunde! Ich habe euch heute zusammengerufen ... Lies die Sätze langsam vor. Wo machst du eine Pause?«

Kommentar:
Wann immer es sich um eine wirkliche Anrede von Person zu Person handelt, wird groß geschrieben. Man spricht mit Recht von Höflichkeitsgroßschreibung, denn jede Anrede ist ein potentiell lästiger Eingriff in die Privatsphäre. Das Gebot der Höflichkeit entfällt natürlich, wenn überhaupt keine echte Beziehung vorliegt oder gestiftet werden soll. – In Lehrbüchern usw. liegt nur eine konventionelle Darstellungsweise vor; der Verfasser kennt den Leser nicht und bleibt auch selbst als Person ganz im Hintergrund. Der anführende Gebrauch wie bei der „Wiedergabe von Reden“ usw. kommt ohnehin nicht in Betracht. Bei „Mitteilungen des Lehrers“ unter Schülerarbeiten kann die Anlehnung an die Briefgewohnheiten ein stilistisches bzw. pädagogisches Mittel sein. Das gilt auch für Werbetexte, die gewissermaßen metaphorisch von der Höflichkeitsgroßschreibung Gebrauch machen. Die Regel hätte auch ohne Bezug auf die Textsorte Brief formuliert werden können: Jede wirkliche (nicht bloß angeführte oder als Darstellungstechnik benutzte) pronominale Anrede wird durch Höflichkeitsgroßschreibung gekennzeichnet.
In Gebet- und Gesangbüchern findet man die Anrede Gottes auch klein geschrieben, weil die Beziehung zu Gott ohnehin jenseits aller menschlichen Rücksichtnahme liegt. In entgegengesetzter Richtung liegt die Anrede von Tieren, die jedoch nie in direktem Gebrauch zu Papier gebracht wird, da Tiere nicht lesen können.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.05.2010 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16262

»Das Gebot der Höflichkeit entfällt natürlich, wenn überhaupt keine echte Beziehung vorliegt oder gestiftet werden soll.«

Ist die Kundenbeziehung »echt«? Kann der Werbetexter wissen, ob eine solche überhaupt zustande kommt? Entscheidend ist doch die unmittelbare Anrede – ob im Brief, in der Werbung oder im Kommentar zur Klassenarbeit. »Bild Dir Deine Meinung«, damit ist keine konkrete Person angesprochen und keine persönliche Beziehung angebahnt, aber die Großschreibung ist respektvoll und mildert die Schroffheit des Imperativs ab.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.05.2010 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16263

Mir war in diesem Zusammenhang der Text aufgefallen, den Herr Wagner aus anderem Grund ins Diskussionsforum 144#6421 gestellt hat:

"Ich rate allen, die zu mir kommen: Nimm den Test genau so ernst wie alle anderen Schritte Deiner Bewerbung" usw. (siehe hier). Darin halte ich die Großschreibung der Pronomen für unangebracht, denn es handelt sich nicht um eine unmittelbare Anrede.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.05.2010 um 13.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16264

Vollendete Haarspalterei. Übrigens aus einer Zeit stammend, als das Du als Anrede unter Unbekannten noch gänzlich verpönt war.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 29.05.2010 um 19.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16273

Und wenn man sowieso keine Ahnung hat, worum was bei Pronomen geht, dann eben für Schulkinder ach so vorbildlich der Welt.de "Beziehungstipps von 1913: Was tun wenn Sie mit anderen Typen ausgeht?" und "WELT ONLINE veröffentlicht die Kapitel zum Thema Eifersucht. Lesen sie hier, was die Autorin damals den Männern empfahl."
 
 

Kommentar von Markus Frisch, verfaßt am 04.06.2010 um 19.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#16292

Wie ist das eigentlich bei reflexivem Gebrauch:

"Kannst Du Dich noch erinnern"

Da ist das "Dich" doch keine direkte Anrede mehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2011 um 09.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#18393

Im Vorwort zum neuen Jugendkatechismus "Youcat" (!) redet der Papst die Jugendlichen mit Du an und schreibt das Pronomen in allen Formen groß, obwohl es sich nicht um einen Brief handelt.

Die Rheinische Post bescheinigt dem Werk eine "junge Sprache", was immer das sein mag. Das Beispiel ("Königin des Himmels") macht die Problematik deutlich. Man kann sich eine Probeseite im Internet ansehen und dann selbst urteilen. Allerdings geht es auch dort ausschließlich um Marienverehrung, einen besonders heiklen Punkt für die jugendgerechte Darstellung.

Vor langer Zeit war ich einmal zu einer Tagung über Sprachprobleme der christlichen Verkündigung eingeladen, obwohl mich das Thema nicht gerade existentiell beschäftigt. Mein Eindruck war, daß es letzten Endes um die Inhalte geht, nicht um vermeintliche Modernisierungskrisen der Sprache und auch nicht um die Kluft zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Liest man nun das Vorwort des Papstes, stößt man als "Fachfremder" zuerst wieder auf die zwei Konstanten in den jüngeren Äußerungen Josef Ratzingers: Das Zweite Vaticanum hat die Katholiken verunsichert, und das eigentliche Opfer des sexuellen Mißbrauchs ist die Kirche (wie ja auch Mosebach sagt). Wie gesagt: es sind die Inhalte, da kann die Sprache sich noch so jugendlich geben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.07.2013 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1307#23582

In einem Interview wird der Vorsitzende des Rates der EKD mit Herr Ratsvorsitzender angeredet.
Aus meiner protestantischen Erziehung und als Leser der Lutherschen Reformationsschriften erinnere ich mich, daß die evangelische Kirche zwar eine Verwaltung, aber keinen Klerus hat. Deshalb finde ich es auch immer wieder befremdlich, wenn von evangelischen "Würdenträgern" die Rede ist, die bei vielen Gelegenheiten neben ihren vermeintlich katholischen "Amtskollegen" auftreten. Solche Würdenträger kann es doch gar nicht geben. Friedrich Wilhelm Graf hat in seinem Buch "Kirchendämmerung" auf den Drang der evangelischen Amtsverwalter hingewiesen, sich schon in der Kleidung und auch sonst wieder an den katholischen Klerus anzugleichen. Die Sprache der Kirche selbst und der Zeitungen in Berichten darüber schwankt eigentümlich zwischen protestantischer Nüchternheit und der alten Magie der apostolischen Sukzession. Herr Ratsvorsitzender ist lächerlich. Es handelt sich um Herrn Schneider.

Im Interview selbst versucht Schneider das EKD-Papier zur Homosexualität zu rechtfertigen. Da jeder weiß, daß die Bibel die Homosexualität verurteilt (besonders scharf im AT), verfällt Schneider darauf, in der Erzählung von David und Jonathan die Andeutung einer Gegenposition zu suchen. So kann man aber mit Texten nicht umgehen. Zur Bibel in gerechter Sprache ist es da nicht weit. Von der Ehe zur Familie überzugehen und diese dann im Sinne des heutigen Zeitgeistes zu interpretieren ist nur ein billiger Trick. Legt ihr's nicht aus, so legt was unter ...
 
 

nach oben


Ihr Kommentar: Sie können diesen Beitrag kommentieren. Füllen Sie dazu die mit * versehenen Felder aus und klicken Sie auf „Kommentar eintragen“.

Sie können in Ihrem Kommentar fett und/oder kursiv schreiben: [b]Kommentar[/b] ergibt Kommentar, [i]Kommentar[/i] ergibt Kommentar. Mit der Eingabetaste („Enter“) erzwingen Sie einen Zeilenumbruch. Ein doppelter Bindestrich (- -) wird in einen Gedankenstrich (–), ein doppeltes Komma (,,) bzw. ein doppelter Akut (´´) werden in typographische Anführungszeichen („ bzw. “) umgewandelt, ferner werden >> bzw. << durch die entsprechenden französischen Anführungszeichen » bzw. « ersetzt.

Bitte beziehen Sie sich nach Möglichkeit auf die Ausgangsmeldung.
Für sonstige Diskussionen steht Ihnen unser Diskussionsforum zur Verfügung.
* Ihr Name:
E-Mail:
(Wenn Sie eine E-Mail-Adresse angeben, wird diese angezeigt, damit andere mit Ihnen Kontakt aufnehmen können.)
* Kommentar:
* Spamschutz: refresh Image CAPTCHA Image
  Bitte tragen Sie die Zeichenfolge in das Feld rechts ein. Falls Sie Schwierigkeiten haben, sie zu erkennen, können Sie sich mit einem Klick auf die grünen Pfeile eine andere Zeichenfolge vorgeben lassen.
  TESTBETRIEB; das funktioniert noch nicht! Bitte wählen Sie zur Kommentareingabe wieder die neuesten Kommentare zuoberst aus.


Zurück zur vorherigen Seite | zur Tagebuchübersicht


© 2004–2018: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM