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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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15.07.2006
 

Nickeligkeiten
Umgangs- oder Standardsprache?

Die FAZ gebrauchte vor kurzem das Wort „Nickeligkeiten“.
Seither hat sie zwei Leserbriefe gedruckt, die sich darüber beschweren, daß eine so seriöse Zeitung ein Wort benutzt, das „im Standarddeutschen nicht vorhanden“ sei.
Was wäre aus unserer Sprache geworden, wenn sie sich nicht ständig aus Umgangssprache und Mundart ergänzte? Ganz Schlaue behaupten ja auch, wenn ein Wort nicht im Duden stehe (womit sie den Rechtschreibduden meinen), existiere es nicht und dürfe nicht gebraucht werden. Die Nickeligkeiten stehen aber zufällig sogar schon im Duden.
Man wundert sich, aus was für Anlässen erwachsene Menschen richtige Schreibebriefe abschicken.



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Kommentare zu »Nickeligkeiten«
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Kommentar von David Weiers, verfaßt am 15.07.2006 um 11.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4823

"Ganz Schlaue behaupten ja auch, wenn ein Wort nicht im Duden stehe (womit sie den Rechtschreibduden meinen), existiere es nicht und dürfe nicht gebraucht werden."

Genau! Was der Führer (wahlweise auch: der Duden, das amtliche Regelwerk, die Bundesregierung, der Kontrollausschuß der regionalen Verbände der sozialistischen Kekskrümel-Auszähl-Kolloquien) sagt, ist immer richtig!
Man muß natürlich hierzulande IMMER und ÜBERALL, in SÄMTLICHEN Bereichen des privaten Lebens und erst recht des öffentlichen Lebens eine Legitimierung haben, ansonsten leben wir wieder im Nationalsozialismus (wahlweise auch: im Kaiserreich, in der Steinzeit, im Mittelalter), oder schlimmer noch: im Land der Dichter und Selbstdenker!
Wäre ja nicht auszudenken, was passiert, wenn da auf einmal die Bildung Einzug hält... da könnte ja dann jeder kommen und einfach so denken! Und am Ende auch noch selbständig! Dann geht am Ende noch die ganze schöne Schmalspurdoktrin flöten – welch grausige Vorstellung!
Das geht natürlich nicht!
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.07.2006 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4825

Das wirklich Gefährliche an der deutschen Sprache sind ihre Wortbildungsmöglichkeiten. Besonders gefährlich sind die "Okkasionellen Wortbildungen", denn sie könnten sich festigen und dann als "Lexeme" im Wortschatz gespeichert und sogar "lexikalisiert" werden. Von Staats wegen hilft dagegen nur "quod non est in actis, non est in mundo".
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 15.07.2006 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4836

Wiederholend und zusammenfassend: Die angepeilten Benutzer jedes Dudens wollen nicht zuerst richtig schreiben, was sie auf dem Herzen haben, sondern erstmal und vor allem nichts falsch machen. Daher sind auch so viele Anfragen zur "Rechtschreibung" (und sogar zur "richtigen Aussprache"!) eigentlich Stilfragen. Aber daß es bei der orthographischen Schreibung des Luther-Wortes, das in den Bibeln dann schon lange durch "Kot" ersetzt worden ist, nur darum geht, ob es am Silbengelenk mit einem, zwei oder gar drei "s" oder vielleicht doch noch mit Eszett geschrieben wird und wo denn das Silbengelenk in diesem Wort und in Silben wie "ion" nun eigentlich oder vielleicht sei, das können unsere immer getreuen Hörigen eben nicht mal selbst vermuten, — genauso wie es auch ja die gebildeten Kultusminister im vorbildlichen Interesse der "großen" Wörterbuchverlage und dem der eigenen Machtfülle nicht können.
 
 

Kommentar von Christian F. Langewische, verfaßt am 24.07.2006 um 04.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4958

Die FAZ sollte lieber endlich einmal Stellung beziehen, ob sie sich ab dem 1. August der Gleichschaltung anschließt oder ob sie weiterhin standhaft bleibt.
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 24.07.2006 um 09.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4960

--> Herrn Langewiesche zur Beruhigung

Sehr geehrter Herr xxx,

es stimmt nicht. Wir nehmen uns auf jeden Fall Zeit, die neuen Wörterbücher genau zu studieren und werden frühestens am Jahresende eine Entscheidung treffen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Günther Nonnenmacher

i.A. M*** H***
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Telefon (069) 75 91 - 14 61
Telefax (069) 75 91 - 22 99
E-Mail: xxx@faz.de

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH
Hellerhofstraße 2 - 4
60327 Frankfurt
www.faz.net
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 24.07.2006 um 09.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4961

Der Inhalt des Schreibens scheint mir allerdings unbegreiflich. Was will man machen, die Wörterbücher gründlich prüfen? Wesentlich gründlicher vielleicht als Prof. Ickler (oder meinetwegen auch die Wörterbuchredaktionen selbst)?

Verständlicherweise will man wohl erst einmal Zeit gewinnen. Wieviel? Warum? Vielleicht gibt es ein wesentliches Geschäft, das bis zum Jahresende unter Dach und Fach sein wird, welches durch falsche Bewegung an der Rechtschreibfront gefährdet werden könnte (z.B. merkbare Abo-Kündigungen).
 
 

Kommentar von Christian F. Langewische, verfaßt am 24.07.2006 um 13.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4963

@Ballistol:

Zunächst einmal: Mein Nachname schreibt sich "Langewische". :-)

Ich danke Ihnen für die Veröffentlichung dieses Schreibens, aber die Antwort von Herrn Dr. Nonnenmacher klingt für mich dennoch eher nach "aufgeschoben, aber nicht aufgehoben".

Wozu dieses Spiel auf Zeit?
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 24.07.2006 um 14.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4964

Entschuldigen Sie den Fehler in der Schreibung Ihres Namens; ich hielt Sie für den Inhaber des gleichnamigen Verlags-Trusts in Königstein ("Die Blauen Bücher").

Eine Exegese der FAZ-Antwort steht mir nicht an, ich habe sie nur weitergeleitet und sie liegt mir als Email natürlich mit allen Serverdaten vor und ist also nachprüfbar.

Ich vermute, daß die Gerüchte um die FAZ-Umstellung stimmten und die FAZ es sich aufgrund der dräuenden schwarzen Wolken nochmal überlegt hat. Das stimmt mich sehr verdrießlich, denn wenn Aktivisten die FAZ mit drei n.t.-Meldungen zu solch einem Umdenken bewegen können, dann kann es die andere Seite erst recht, denn deren bayerisches Schlachtschiff reist ja persönlich von Hafen zu Hafen. Eine zauderliche FAZ wäre nicht mehr als ein Spielball in wechselnden Winden.

Jedenfalls scheint die FAZ beim Anblick des Regenbogendudens nicht eben vor Entzücken mit der Zunge geschnalzt zu haben -- das wiederum sollte uns frohgemut machen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.07.2006 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4966

Was bitte sind n.t.-Meldungen?
 
 

Kommentar von Ballistol, verfaßt am 24.07.2006 um 16.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4968

n. t. = non testatum (nicht bezeugt). Daraus entwickelte sich das Wort "Ente" für ungesicherte Zeitungsmeldungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2013 um 16.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#23690

Rheintöchters Klage im Hühnerstall (Überschrift FAZ 17.7.13)

Im Internet findet man noch weitere, aber seltene Belege für diesen merkwürdigen Genitiv.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.11.2023 um 12.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#52066

Fast schöner als in echt
Heidelberg: Eine App macht den Schlossgarten neu erfahrbar.
(MM, 31.10.23, S. 16)

"In echt"? Müssen sich als seriös verstehende Zeitungen wirklich jeden Slang-Ausdruck übernehmen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2024 um 07.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#53047

Zur "Zeitungente" (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=554#4968) vgl. den inzwischen ausgebauten Eintrag https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitungsente.
 
 

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