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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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10.03.2007
 

Sieg des Besseren
Allmählich geht es bei den Zeitungen wieder aufwärts

Aber sogar in der "Elternzeitschrift" des bayerischen Kultusministeriums finden sich herkömmliche Schreibweisen, durchgehend z. B. "allgemeinbildend", aber auch "als nächstes" und ähnliche, eigentlich verbotene Formen.

Die Süddeutsche Zeitung füllte gestern eine ganze Seite mit Äußerungen bekannter Schriftsteller über ihre ersten Bücher – kein einziger Text in Reformschreibung. Heute bringt die Zeitung eine Seite vom verstorbenen Robert Gernhardt, natürlich in seiner herkömmlichen Rechtschreibung.

Zu Gernhardt fällt mir noch etwas ein, sozusagen das Schlußwort zum Thema "Vergleichen". Vor ein paar Tagen wurde ja schon wieder über Leute berichtet, die sich über diverse Vergleiche erregt haben (ich habe schon wieder vergessen, wer wen womit verglichen hatte), und heute vergleicht Christian Nürnberger Herrn Söder mit einem Schwein ("wie eine Wildsau"). In solchen Fällen pflegt man in meiner Familie das bekannte Gedicht Gernhardts zu zitieren, das aber vielleicht doch noch nicht jeder kennt:

Das Gleichnis

Wie wenn da einer, und er hielte
Ein früh gereiftes Kind, das schielte,
Hoch in den Himmel und er bäte:
„Du hörst jetzt auf den Namen Käthe!“ –
Wär’ dieser nicht dem Elch vergleichbar,
Der tief im Sumpf und unerreichbar,
Nach Wurzeln, Halmen, Stauden sucht
Und dabei stumm den Tag verflucht,
An dem er dieser Erde Licht ...
Nein? Nicht vergleichbar? Na, dann nicht!


Na, und zum Schluß noch ein Satz des Philosophen Donald Davidson:
"Everything is like everything, and in endless ways."



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Kommentare zu »Sieg des Besseren«
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Kommentar von Thomas Roediger, verfaßt am 10.03.2007 um 10.25 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7935

Arschglattes im Stakkato

Die Verlags- und Agenturwelt, letztlich mein Dasein als Juror lehren mich eines anderen: Das Ausmaß ist schlimmer und unumkehrbar.

Beobachtungen:

Es gibt praktisch niemanden mehr in der Generation der unter 30jährigen, der die "alte" Rechtschreibung schreibt (diese betrachten das auch eher als Kuriosität, als etwas Überholtes, Weltfremdes).

Die Führungskräfte in den Verlags- und Agenturhäusern werden stetig jünger, meine Generation (die jenseits von gut und böse) wurde da schon beträchtlich ausgedünnt, um das mal gelinde zu formulieren. Mit einhergehend der Rechtschreibwandel.

Meine Kollegen kommen – nebenbei bemerkt – im Alltag mit den Unzulänglichkeiten der Reformschreibung (wohlgemerkt: der "neuesten" Rechtschreibung) gut zurecht, für sie gibt es mittlerweile keine (parallele) "alte" Rechtschreibung mehr.

Auch ist Rechtschreibung kein Kriterium bei der Auswahl von Texten in unserer Jury – denn "das hätte doch bitteschön mit der Qualität der Texte ja wohl wirklich nichts zu tun!"

Je interessanter die eingereichten Texte geschrieben sind, desto akribischer sind sie in der neuen Rechtschreibung (meist 1996er) geschrieben.
Übrigens werden die eingereichten Texte immer austauschbarer, glatter und gefälliger (Titel natürlich stets marktstrategisch im Genitiv usw.). Experiment und Neugierde, gar die Musikalität eines Textes? Pustekuchen! Da wurde mir schon mal die Kompetenz in der Jury abgesprochen – ein Text abstrakt und musikalisch! Als käme wer von einem anderen Stern.

Und das Netzwerk schrumpft dahin:
Der Verband der Lektoren schreibt in was weiß ich für einer Mischorthographie, die Typographische Gesellschaft München gibt neuerdings sogar Kurse in nämlicher (!), die Gesellschaft der Bibliophilen drucken in gediegener Hausorthographie und die unzähligen Schreibwerkstätten in der virtuellen wie der realen Welt wetteifern durch die Bank in neuer, neuester und allerneuester Schreibe.

"Textdesign" also nach wie vor in aller Munde.

PS: Kein Beitrag ohne Schmankerl!
Kleines (rein fiktives) Duett aus der Germanistenecke:

- "Konkrete Poesie vom Feinsten!"
- "Bitte, was? Ach so, die spinnerten 68er!"
 
 

Kommentar von Adelung, verfaßt am 10.03.2007 um 11.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7936

Herr Roediger hat insofern recht, als die junge Generation tatsächlich so etwas wie eine "alte" Rechtschreibung gar nicht mehr kennt. Für die junge Generation ist es eine absolute Selbstverständlichkeit, von "Flussschifffahrt" oder gar "Fluss-Schiff-Fahrt" zu sprechen - sie verlieren überhaupt gar keinen Gedanken daran, daß "Flußschiffahrt" vielleicht doch besser sein könnte.

Und ein ebensolcher Fakt - Herr Roediger hat es gesagt - ist, daß ebendiese junge Generation nun mal die nachkommende ist. Diejenigen, die heute noch die "alte" Schreibung kennen, sterben aus. Diejenigen, die die alte Schreibung als besser erachten, sterben damit einhergehend auch aus.

Insofern mag es, was ich auch ab und an sehe, durchaus vorkommen, daß so mancher Text in "alter" Schreibung verfaßt werden mag - die Jugend aber schreibt solche Texte nicht, und der Jugend gehört nun mal alleinig der Zukunft. Und damit auch der "Reformorthografie"?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.03.2007 um 13.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7937

Der F.A.Z. zufolge hat Martin Walser schon vor Jahrzehnten Tagebuch in Neuschrieb geführt.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 10.03.2007 um 17.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7939

Und wer hat die Schrift von Walser entziffert?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.03.2007 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7941

Wir sollten die "alte" oder "bewährte" oder "herkömmliche" Rechtschreibung in die "bessere" Rechtschreibung umbenennen, denn das ist sie ja in jeder Hinsicht wirklich.
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 10.03.2007 um 19.46 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7942

Es gibt praktisch niemanden mehr in der Generation der unter 30jährigen, der die "alte" Rechtschreibung schreibt.

Ich melde mich da mal als Gegenbeispiel zu Wort:

Ich habe noch nie einen reformierten Satz geschrieben und werde mir auch fürs Referendariat so einiges einfallen lassen, um es nicht tun zu müssen. So weit lasse ich es nicht kommen, daß ich diesen Mist auch noch vor Kindern mitmache, denn das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren: Schülern wissentlich Unsinn einzutrichtern ist in meinen Augen Betrug. Und in diesem unseren Lande ist das Gewissen immer noch die letzte Instanz, nicht wahr?

"Reformvermeidungsstrategien" lassen sich finden, zumal aufgeweckte Schüler durchaus Irr- und Schwachsinn der Reform erkennen. Wenn man ihnen dann den richtigen Strohhalm gibt, packen sie gerne zu und schreiben (auch gegen andere Lehrer und Zentralabitur!) unreformiert.
Überdies habe ich auch schon vereinzelt gehört, daß es Lehrer gibt, denen es egal ist, ob "dass" oder "daß" geschrieben wird; "de jure" müßten sie zwar dieses als Fehler werten und jenes vorschreiben, de facto tun sie es aber nicht.
Vielleicht wird man von so etwas in Zukunft ja noch öfter hören...

Finanziell schlechtgestellte Schulen, die keine neuen Bücher anschaffen können, präsentieren ihren Schülern weiterhin anständige Orthographie. Und viele Lektüren werden in unreformierten Ausgaben (z.B. von Diogenes) angeschafft.
Nein, man kann dem Nachwuchs in Gänze die bessere Rechtschreibung nicht vorenthalten, da haben sich die doch so weltverbessernden Reformtreiber ziemlich verrechnet: es geht einfach nicht. Und mit jedem Schüler, dem man außerhalb der Schule (z.B. im Rahmen von Nachhilfe) mal anständig deutsche Rechtschreibung und Grammatik erklärt, und der von sich aus dann darauf achtet, sukzessive "unreformierter" zu schreiben, entgeht dem Netz der kultusministeriellen Spinne ein weiteres potentielles Indoktrinierungsopfer.

Und auch wenn das alles zu wenig zu sein scheint, auch wenn kurzfristig Orthographie eine immer untergeordnetere Rolle für die breite Masse spielen wird, wenn im dumpfen Geblubber des immer stärker faulenden Mainstream-Sumpfes selbstherrliche Schreiberlinge der nur noch auf dem Papier existenten freien Presse aber auch mit jedem Satz ihre sprachliche Inkompetenz jeden Tag aufs neue unter Beweis stellen werden, dann wird sich so die bessere Rechtschreibung doch automatisch in kulturschaffenden Kreisen um so nachhaltiger manifestieren können, was sich wiederum langfristig bemerkbar machen wird, denn das, was sich gegenüber jedem Einfluß erfolgreich behaupten kann, wird überdauern. Und eine Rechtschreibung, die so instabil ist, daß sie alle paar Jahre neu amtlich festgesetzt werden muß, wird schon einmal nicht zu den "kulturellen Errungenschaften" zählen, die die Zeit überdauern werden.
Die ganze Rechtschreibreform ist dann vergeblich wieder und wieder wiedergekäut und schlußendlich für die Tonne ausgekotzt worden (man verzeihe mir den Ausdruck).

Auch habe ich den Eindruck, daß mir in letzter Zeit vor allem auf Verpackungen und in Prospekten immer häufiger das ß wieder begegnet: in "Walnuß", "Muskatnuß", "Genuß" usw.
Und wenn in überregionalen Zeitungen großflächig die Reform ausgespart wird, dann sollte das doch zuversichtlich stimmen, oder nicht?
Totgesagte leben eben länger – also lassen wir die ganzen Reformfutzis und Kinderführungsparagraphenreiter doch ruhig ihre geistigen Aborte in die klaffenden Mäuler des (ohnehin) ideologisch übersättigten volkspädagogischen Detritus werfen; irgendwann werden selbst sie nicht umhinkönnen einzusehen, daß ihre Umtriebigkeiten doch nur null und nichtig sind, denn Kultur läßt sich nicht am Reißbrett planen, Kultur braucht keine Diktate der Obrigkeit.
 
 

Kommentar von H. Maturrat, verfaßt am 10.03.2007 um 21.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7943

Wie konfus es im Blätterwald bzw. in den Redaktionen mitunter zugeht, zeigt auch folgender Artikel der Rheinischen Post. Am Ende des Artikels heißt es: "Es bleibt beim Tolpatsch." Trotzdem tauchen in der Überschrift und im Artikel die dümmlichen Schreibweisen "Tollpatsch" auf (Link):

Was die Welt bewegt
Woher stammt der Begriff Tollpatsch?
VON DIETER THIERBACH
Als Tollpatsch vom Dienst stolpert Jerry Lewis durch seine zahlreichen Filme und die eigene Fernsehshow. Auch Pierre Richard, bekannt als großer Blonder mit dem schwarzen Schuh, erhebt die Tollpatschigkeit zum Markenzeichen.

Der umgangssprachliche Begriff für einen ungeschickten Menschen diente ursprünglich als Spottname für ungarische Infanteristen des 17. Jahrhunderts: Talp heißt auf ungarisch „Sohle, Fuß“ und talpas (sprich talpasch) bedeutet „breitfüßig“. So sollen ungarische Soldaten früher statt festem Schuhwerk breite, an den Fuß geschnürte Sohlen getragen haben, die ihnen die Bewegungsabläufe erschwerten. Demzufolge war der Tollpatsch zunächst lediglich ein „ungeschickt und schwerfällig gehender Mensch“, also jemand, der über seine eigenen Beine stolpert.

Als Tolpatz tritt das Wort 1698 erstmals im Deutschen auf, dann wurde ihm die Ähnlichkeit mit toll und Tölpel zum Verhängnis. Die Rechtschreibreform hat die falsche Schreibung Tollpatsch (statt korrekt Tolpatsch) legalisiert und zur einzig zulässigen Version erklärt. Den Gegnern dieser Reform gilt diese seither als eines der Paradebeispiele für ihre Fehlerhaftigkeit. Die Reformer verweisen zur Begründung ihrer Fehlentscheidung auf die so genannten Volks-Etymologien. Ihrer Ansicht nach haben sich irrtümliche Herleitungen eingebürgert, so dass nun falsche Schreibweisen zu folgen hätten.

Wir halten derartige Begründungen jedoch für unsinnig, dass wir hier dem reformierten Regelwerk nicht folgen mögen. Es bleibt beim Tolpatsch.

 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 11.03.2007 um 09.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7945

Germanist:
"Wir sollten die 'alte' oder 'bewährte' oder 'herkömmliche' Rechtschreibung in die 'bessere' Rechtschreibung umbenennen, denn das ist sie ja in jeder Hinsicht wirklich."

Dem möchte ich zustimmen. Die Vokabeln "alt" und "herkömmlich" taugen nicht. Wer etwas "altes" verkaufen möchte, muß es neu verpacken und mit entsprechenden Begriffen versehen. Die Linken machen das seit Jahrzehnten mit Erfolg.
 
 

Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 11.03.2007 um 11.16 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7946

An der Verwendung solch unsinniger Bezeichnungen wie "alte" oder "bewährte" oder "herkömmliche" Rechtschreibung im Gegensatz zur "neuen" oder "falschen" oder "reformierten" "Rechtschreibung" tragen die "Reform"-Gegner leider eine kleine Mitschuld:
Rechtschreibung im wissenschaftlich-deskriptiven Sinne ist nicht "alt", denn sie wird ja weiter benutzt, und "bewährt" ist sie ohnehin, eben weil sie 'recht' ist. 'Neu' ist die "Rechtschreibung" deshalb nicht, weil sie keine 'Rechtschreibung' ist: Sie ist einfach nur 'neu' und laut Bundesverfassungsgericht auf die Schulen beschränkt, als eine 'Schulschreibung'.
Wir sollten deshalb von "Rechtschreibung" im Gegensatz zur ("zwangsreformierten") "Schulschreibung" sprechen bzw. schreiben.
 
 

Kommentar von MB, verfaßt am 11.03.2007 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7947

Das Bessere ist der Feind des Guten und der Todfeind des Gutgemeinten. Bekanntlich war die Reformschreibung gut gemeint, konnte aber diesem Anspruch nicht gerecht werden. Darüber ist ja nun unendlich viel geschrieben worden, doch hilfreich für die Argumentation wäre eine knappe Gegenüberstellung von etwa 10 Beispielen, die deutlich machen, was besser war und nun schlechter ist, jeweils mit Begründung. Aber wirklich nur ganz kurz, da die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, bei den meisten Zeitgenossen kaum noch vorhanden ist. Existiert so etwas schon?
 
 

Kommentar von E. Linkisch, verfaßt am 11.03.2007 um 12.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7948

Gestern las man in der Papierausgabe der FAZ: "Doch Frau Merkels Ehrgeiz fand so viel Beifall, dass Chirac, der wohl als (vermutlich) scheidender Präsident seinen Abgang nicht mit einem europapolitischen Eklat besiegeln wollte, den Weg zum Gipfel-Erfolg frei machte", die online-Ausgabe schreibt dagegen freimachte - beides revidiert reformiert - nur: welche der beiden Schreibungen ist die klassische? Herr Ickler hat hier wiederholt darauf hingewiesen, daß zur Bedeutungsdifferenzierung kontraintuitiv getrennt geschriebene Verbzusatzkonstruktionen eine Dudenmarotte waren, die vor 1996 unsere Rechtschreibung unnötig verkomplizierte. Ein Blick in die ersten Reformwörterbücher zeigt, daß die Neuregelung keineswegs den orthographischen Eiertanz aus der Welt geschafft hatte.
Das Beispiel führt übrigens vor Augen, daß "idiomatisiert" und "metaphorisch gebraucht" nicht ein und dieselbe Sache sind. So schwierig ist auch die "neueste" Rechtschreibung. Vielleicht sollte man die blamablen Begleitumstände der Neureglung ganz beiseiteschieben (sic!) und den gegenwärtigen Zustand der deutschen Rechtschreibung versuchsweise wie ein Ergebnis spontaner Entwicklungen betrachten. Dann könnte man sich nämlich unaufgeregt Gedanken darüber machen, welche Schreibungen wirklich die besseren sind. Es würden wohl nicht immer die aus dem Mannheimer Hinterstübchen sein. Noch ein Satz aus der gestrigen FAZ: "Wenn der Reduzierung des Kohlendioxids wirklich die absolute Priorität gilt, dann ist es schlicht inkonsequent, die derzeit stärkste emissionsarme Kraftquelle, die Nuklearenergie, beiseitezuschieben. Das ist nicht die klassische Schreibung. Sind aber diejenigen - jung oder alt - von allen guten Geistern verlassen, die so etwas nun ebenfalls zusammenschreiben? (s.o.)
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 11.03.2007 um 12.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7949

Existiert so etwas schon?

Ja. Aber der Reformeiferer als solcher fängt sofort an, der heißgeliebten Reform unter aber auch wirklich jedem Gesichtspunkt und möglichst medienwirksam das absolut Beste zu konstatieren, wenn man ihm seine Spinnereien auch nur ansatzweise austreiben möchte. Dazu wirft er munter Korrelation und Ursache durcheinander, mißt die zu diskutierenden Sachverhalte gegeneinander an mindestens zehn verschiedenen Maßstäben (soviel also zum Vergleichen) und widerspricht sich vermutlich in jedem Satz bis zu dreimal selbst.
Man braucht ein Dutzend Weise, um einen einzigen Idioten zu widerlegen.
Und wenn dieser Idiot seinen Unsinn auch noch in Buchform veröffentlicht, muß man bald schon ein Regalbrett voll seriöser Literatur inhalieren, um den Blödsinn ins Grab zu pressen.
Viele machen sich diese Mühe eben nicht, weil sie es vielleicht auch gar nicht können; es fehlt hier eben auch an Vorbildung, und das ist das Perfide an der ganzen Reform: bei Kindern anzusetzen, die so vieles erst einmal annehmen, ohne es zu hinterfragen. Und Lobbyisten nutzen auf ihre Art die z.T. ja auch nur natürliche Unwissenheit der breiten Masse aus. Was dabei herauskommt, sehen wir ja jeden Tag aufs neue.
Schwer zu sagen also, ob Aufklärungskampagnen nutzen, wenn man nicht genau weiß, ob für sie ausreichend fruchtbarer Boden vorhanden ist.

Und Altes neu verpackt zu verkaufen, das ist eine Taktik, die nicht nur "die Linken" seit Jahrzehnten beherrschen, Frau Pfeiffer-Stolz, das können "die Rechten" genauso gut. In dieser Hinsicht geben sich politische Lager generell nicht viel: wenn es um ideologische Verblendung und vor allem ums eigene Überleben geht, sind sie alle gleich.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 11.03.2007 um 13.19 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7951

Die von Hans-Jürgen Martin vorgeschlagene Gegenüberstellung von "Rechtschreibung" und "Schulschreibung" hat einiges für sich, denn sie macht die Beschränkung und minimale Reichweite der Schulschreibung fest, mit der nur in der Schule staatsmachtlich verdummt werden darf.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.03.2007 um 13.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7952

Dann eben "die allerbeste deutsche Rechtschreibung", engl. "the very best German orthography".
 
 

Kommentar von MB, verfaßt am 11.03.2007 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7954

Existiert so etwas schon?

Ja. ...


Und wo bitte? Eine solche Gegenüberstellung bzw. ein Verweis darauf sollte auf der Hauptseite dieses Forums plaziert werden. Es ist notwendig, klar und deutlich darzustellen, welche Rechtschreibung besser ist und warum. Diese Seite würde durch eine solche Information auch für die nicht regelmäßigen Besucher wertvoller. Das Bessere siegt nicht von allein, sondern nur, wenn man über das Bessere informiert und für das Bessere wirbt.
 
 

Kommentar von E. Linkisch, verfaßt am 11.03.2007 um 23.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7957

Die letzte Dudenrechtschreibung von 1991 war "amtlich" und deshalb für den weisungsgebundenen Schreibgebrauch verpflichtend, gleiches gilt für die Reformschreibungen von 1996, 2004 und 2006. Davon abweichende Rechtschreibwörterbücher erschienen 1954 ff. (Mackensen im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache [im Bertelsmann Verlag]) und 1999 ff. (Ickler aufgrund empirischer Erhebungen des tatsächlichen Schreibgebrauchs [im Leibniz Verlag/Dräger]). Beiden blieb die amtliche Anerkennung versagt, ihr Einfluß auf den privaten Schreibgebrauch war/ist vermutlich gering. Da die traditionelle Dudenrechtschreibung und die von den Reformern kreierte zum größten Teil übereinstimmen und nur in Teilbereichen voneinander abweichen, herrscht in der Schreibpraxis der Eindruck einer weiterhin einheitlichen Rechtschreibung vor. Bezeichnenderweise unterscheiden sich "alt" und "reformiert" fast ausschließlich durch die lediglich typographisch relevante Funktionsbestimmung von "ß" und "ss". Es ist davon auszugehen, daß anstößige Neuschreibungen wie "Gräuel" und "behände" in dem Augenblick verschwinden werden, wenn sie nicht mehr im Mittelpunkt eines verfehlten Rechtschreibunterrichts stehen. Die Hoffnung ist nicht unberechtigt, daß sowohl die früheren Dudenspitzfindigkeiten wie die Mißgriffe der Reformer in einer längeren Periode ohne beständige Gängelei von selbst verschwinden werden. Da die Funktionstüchtigkeit der deutschen Rechtschreibung nicht gefährdet ist, kommt es auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht an.
 
 

Kommentar von R. H., verfaßt am 12.03.2007 um 00.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7958

Ob hier nicht wieder der Große Relativierer Helmut Jochems zugange ist, diesmal als "E. Linkisch"?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.03.2007 um 00.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7959

Wer sonst?
 
 

Kommentar von Kelkin, verfaßt am 12.03.2007 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7961

Immer wieder beobachte ich eine Getrenntschreibung, die von den Reformern so wohl nicht vorgesehen war, sich aber in den Medien einnistet: Noch nie gab es so viel 'Grund zum Zähne knirschen', 'Anlass zum Trauer bekunden', wenn auch, um Frau Merkel zu zitieren, 'Zeit zum Blumen kaufen' bleibt.

Keine Ahnung, was daraus werden soll, wenn man das dekliniert: Dann, wenn diese Schreibweise von den findigen Wörterbuch-Redaktörichten abgesegnete wird, bricht sie wirklich an, die 'Zeit des Zähne knirschens', des 'Trauer bekundens' und des 'Blumen kaufens'.
 
 

Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 12.03.2007 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7965

Bei der Suche nach dem Übeltäter sollte man die Herren Krüger und Ossner nicht übersehen (www.rcs-krueger.de/RS2020.htm) oder selbst Herrn Ickler. Letzterer schrieb am 25. 3. 2006:

»In der „Zusammenfassung der wichtigsten Vorschläge des Rats für deutsche Rechtschreibung“ heißt es zur „Schreibung von Adjektiv + Verb: Die vorgeschlagene Hauptänderung besteht darin, dass bei einer neuen, idiomatisierten Gesamtbedeutung generell Zusammenschreibung eintritt.“ Damit ist die als geboten erkannte „Freigabe“ durch Wiedereinführung und Radikalisierung einer alten Duden-Marotte aufgeweicht und ins Gegenteil verkehrt. Das Ergebnis ist ein immenser Nachschlagebedarf, der die Neuregelung unbeherrschbar macht.«

und am 28. 8. 2005:

»Wir haben eine Universalorthographie, in der alles aufgelistet wird, was irgendwo in einem versteckten Winkel unseres Hauses der Sprache ein vergessenes Mauerblümchendasein führt. Die Kompetenz der Schreiber richtet sich jedoch auf einen Wortschatzausschnitt, der für sie relevant ist. In einem Rechtschreibwörterbuch für Menschen wie du und ich würden so manche alte Spitzfindigkeit und neue Ungereimtheit fehlen. Ich habe in meinem langen Leben noch nie Business mit "ß" geschrieben, und "belemmert" und "schneuzen" überhaupt nicht. Amtliche Rechtschreibregelungen gehen natürlich ebenfalls von der Vorstellung einer Universalorthographie aus und sorgen so dafür, daß sich die Auseinandersetzung darüber im Nebulösen verliert, statt dem Gros der Schreiber in ihrer amtlich verordneten Rechtschreibnot zu helfen.«

Am 10. 10. 2005 fand Prof. Ickler sogar ein gutes Wort für den "Großen Relativierer":

»Wieder einmal muß ich, nein will ich Herrn Jochems recht geben. Die Dudenspitzfindigkeiten kann nur ermessen, wer sich einmal ausgiebig damit beschäftigt hat. Der alte Duden ist aber für mich sowieso nie eine Größe gewesen, auf die ich viele Worte verwendet hätte. Als Bezugsmaß habe ich ihn ja auch von vornherein ausgeschieden und mich ganz und gar auf den Usus berufen, und den habe ich, wie ich nicht ohne aufgefrischte Autoreneitelkeit bemerke, bei gegebener Zeitknappheit gar nicht schlecht erfaßt. Das zeigt sich gerade an den Fällen "zuhause" und "umso", die Herr Jochems sehr richtig als besonders gute Beispiele anführt.
Aber auch die Tüfteleien der Neuregelung sind kraß, wenn man z. B. an das Gewirr um "zu Schanden" usw. denkt, wo einem ja nach wenigen Zeilen voller ungleich behandelter Beispiele der Kopf schwirrt.«

Wer die "deutsche Rechtschreibung" von der "Schulrechtschreibung" abheben will, muß sagen, wo man sie findet. Nenne niemand Prof. Icklers Normale deutsche Rechtschreibung, denn sie führt bekanntlich vor, wie man einfühlsam und traditionsbewußt die deutsche Rechtschreibmisere hätte beenden können. Wer so etwas vorschlägt, setzt sich zwischen alle Stühle – wie der "Große Relativierer".
 
 

Kommentar von A. Berger, verfaßt am 12.03.2007 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7966

Zur von Kelkin beobachteten Getrenntschreibung:

Es gibt witzigerweise ein Unternehmen, das "Hörbücher zum Sprachen lernen" vertreibt. Da drängt sich fast der Gedanke auf, die Verfasser sollten selbst erst einmal mit dem Deutschlernen beginnen.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 12.03.2007 um 17.36 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7967

Ein paar Jahre mehr oder weniger

Aus göttlicher Perspektive mag das irrelevant sein. Aus niederer / profaner Perspektive der Pragmatik, so dem im Handlungsnot Stehenden helfen will, eher nicht. Im Text von Herrn Jochems wird in einem gewissen Rundumschlag vorgegangen, denn Details oder Ebenen der graphemischen Konvention des Deutschen und ihrer Weiterungen gelten in ihm als gegenstandslos. (Damit ist der Text prototypisch für die Texte aller Erhabenen über dem Irdischen - meist weit weg von Schrieb, Druck, Verlag und Lehre.)

Es ist - was sich nachlesen läßt - einfach nicht wahr, daß Theodor Ickler neben der vorhandenen und der schülergerechtigen Pädagogen-Schreibung eine dritte installiert hat oder auch nur wollte. Der Ansatz und der vorliegende Vollzug der Idee von Ickler besteht in der Anerkennung der Notwendigkeit, die von der Schreibtradition seit Jahrzehnten überholten Fisimatenten und Widersprüche aus dem "Duden" zu entfernen, was die von Ideologen angekochte und nur ein Desaster versprechende Reform unnötig macht. Alle ihr zugedachten Prädikate von "abstrus" bis "hirnrissig" erlangen erst volle Gültigkeit vor dem Hintergrund der Schreibtradition und dem - ja keineswegs verheimlichten Reparaturvorschlag - von Theodor Ickler.

Die revolutionäre Wahrnehmungsverweigerung wollte es anders. Die "Reform" wurde unter Mißachtung der Schreibtradition, die sie mit dem petrifikativen "Duden" gemeinsam hat, als eine völlig "neue" - oder wohlklingender "revolutionaire" - Schreibung installiert. Und bis heute weiß niemand, wessen Masturbation sie im einzelnen und insgesamt gedient hat. Den Kleinen in der Untersexta gewiß nicht.

Herr Jochems gerät in seinem Text an den Grund der hier sattsam gehabten Diskussion zum "Vergleichen". Wenn Jochems meint, Theodor Ickler unter die "Relativierer" bringen zu dürfen, dann müßte er wenigstens sagen, was denn die Relate des Realtivierers sind. Womit wir in die höchst vergeistigten oder auch bestens aufgeweichten Relationssphären aufgestiegen und ganz profan beim sprichwörtlichen Storch wären, wo auf einem Bein steht, aber zween solcher hat (Dialektik!).
 
 

Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 12.03.2007 um 18.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7969

Zehn Jahre Rechtschreibreform
Eine Schlußbilanz


Daß die deutsche Rechtschreibung schwieriger ist als die unserer europäischen Nachbarn, war den Menschen hierzulande seit vielen Jahrzehnten bewußt, und ebenso lange weckten immer wieder Ankündigungen die Hoffnung, mit einer Rechtschreibreform könne das mit einem Schlage anders werden. Da neben den "Wenigschreibern" besonders die Schreibanfänger in den Schulen mit unseren traditionellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, versprachen die deutschen Kultusminister 1955 eine solche vereinfachende Neuregelung und lösten ihr Wort 2006 endgültig ein: Nun stehen "alte" und "neue" Rechtschreibung nebeneinander. Wenn man den Unterschied anhand der Rechtschreibpraxis solcher überregionaler Zeitungen überprüft, die sich erst kürzlich auf die letzte Version der Rechtschreibreform umgestellt haben, macht man eine ernüchternde Entdeckung: Außer der jetzt vermehrten Verwendung von "ss" findet sich in den meisten Texten höchst selten eine "Reformschreibung". Aufgegeben ist in der Tat der traditionelle deutsche Usus, im Silbenauslaut das "ß" pauschal nach kurzem oder langem Vokal zu verwenden. Eigentlich müßte man hier von einem Fortschritt sprechen. "ß" und "ss" sind in ihren Aufgaben jetzt deutlicher unterschieden als früher, und die Schweizer Lösung, nämlich die völlige "ß"-Losigkeit, wurde vermieden. Freilich ist damit die alte Misere wohl kaum aus der Welt geschafft, und kein Vernünftiger wird in dem jetzigen Zustand ein sinnvolles Ergebnis des langen und erbitterten Rechtschreibstreits sehen.

Dabei sollte jeder für sprachliche Phänomene Sensibilierte in der Lage sein, sich die Besonderheiten der verschiedenen Aspekte unserer Rechtschreibung bewußtzumachen und ihre Problembereiche zu erkennen. Jede Orthographie gibt primär die Wortstämme und sonstigen Morpheme der betreffenden Sprache mit graphischen Mitteln unterscheidbar wieder. Diese Schreibungen haben eine lange Geschichte und sind nicht immer konsequent, bewirken aber, daß über längere Zeiträume hinweg die Texte lesbar bleiben. Die Reformer hatten nicht den Ehrgeiz, daran etwas gegen den Willen der Deutschschreibenden zu ändern. Eine Handvoll Neuschreibungen, die gegen diesen Konsens verstoßen, werden allein wegen ihrer Lächerlichkeit nicht in den Schreibgebrauch eindringen und bald schon aus den Wörterbüchern verschwinden. Das betrifft freilich nicht solche Fälle, in denen sich die Schreiber bei abweichenden Schreibungen etwas denken. Wer "nummerieren", "überschwänglich" oder "aufwändig" schreibt, kann dafür gute Gründe nennen. Niemand sollte nur deshalb Einwände erheben, weil die übermütigen Reformer solche Schreibungen zur Norm machen wollten. Damit fällt das Wort, das die Diskussion der letzten zehn Jahre auf den Holzweg geführt hat. Die Reformer verlangten die Übernahme auch ausgesprochener Absurditäten, weil eine Rechtschreibung einheitlich sein müsse. Die Kritiker bestanden im Gegenzug auf dem Verbleiben bei der Dudenschreibung mit allen ihren Ungereimtheiten, weil sie angeblich die deutsche Schreibtradition widerspiegele. Was heute als "Beliebigkeitsschreibung" abgetan wird, ist in Wirklichkeit die Überwindung der zuletzt anachronistischen Starrheit in der Rechtschreibregelung und wird in nicht allzu ferner Zukunft eine neue Konvergenz begründen, die zwar die neuen Freiräume etwas einengen, aber nicht aufheben wird.

Davon sind besonders die beiden Bereiche unserer Rechtschreibung betroffen, in denen die Entwicklungen nicht abgeschlossen sind und die sich sogar als nicht abschließbar erweisen – die Groß- und Kleinschreibung wie auch die Getrennt- und Zusammenschreibung. Das barocke Aussehen moderner deutscher Texte hat bekanntlich seinen Grund darin, daß bei uns und nirgendwo sonst Substantive mit einem großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden. Da durch Vorsetzen des Artikels auch Wörter anderer Klassen syntaktisch die Eigenschaften von Substantiven annehmen, also substantiviert werden, hat sich die Großschreibung ein beachtliches Areal erobert. Ginge es nur nach der Grundregel, wären die Schwierigkeiten gering. Die deutsche Rechtschreibung leistet sich jedoch den Luxus, zum Zwecke der Bedeutungsdifferenzierung von der grundsätzlichen Großschreibung der Substantive und Substantivierungen abzuweichen. Selbst hiergegen wäre nichts einzuwenden, wenn es dem Schreiber überlassen bliebe, dergleichen Finessen zu beachten oder zu ignorieren. Die kontextuelle Variation hätte jedoch auf keinen Fall zur Norm erhoben werden dürfen, schon gar nicht für eine Rechtschreibung, die von den unterschiedlichsten Schreibern und zu den unterschiedlichsten Zwecken sinnvoll und kompetent verwendet werden möchte. Jetzt wird der Einwand erhoben, die Großschreibung im Deutschen sei dabei, sich von der grammatischen zu einer textsemantischen Begründung fortzuentwickeln. Auch hier sollten die Apologeten der "klassischen" deutschen Rechtschreibung einsehen, daß keinem Angehörigen der Schreibgemeinschaft ein Phänomen verpflichtend gemacht werden kann, das gerade erst von einigen Fachkundigen entdeckt worden ist.

Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sieht es ähnlich aus. Selbst akademisch gebildeten Schreibern ist es unbekannt, daß "Zusammensetzung" und "Univerbierung" ("Zusammenrückung") im Deutschen keineswegs gleichartige Erscheinungen sind und deshalb in ihren Auswirkungen auf die Rechtschreibung getrennt zu betrachten sind. Zwar gilt der allgemeine Grundsatz, daß Zusammensetzungen lautlich an ihrer zentrierenden Betonung zu erkennen und deshalb zusammenzuschreiben sind. Die meisten Verbzusatzkonstruktionen verhalten sich als Univerbierungen ebenso, aber es gelten doch viele zusätzliche Bedingungen, die zum Teil noch nicht in aller Deutlichkeit erkannt und beschrieben sind. Daß der Duden zuletzt zur Bedeutungsunterscheidung sogar kontraintuitive Schreibungen zur Norm erhob, hat der Rechtschreibreform den Weg geebnet. Zum Glück hat die keineswegs beabsichtigte neue "Beliebkeit" auch in diesem Bereich zu einer Entkrampfung geführt, die für die später zu erwartende maßvolle Konvergenz nur Gutes verheißt.

Was sonst noch in den letzten zehn Jahren Gegenstand heftigen Streites war, entpuppt sich in der Schreibpraxis als derart peripher, daß darauf zurückzukommen nicht lohnt. Mit einer Ausnahme vielleicht: Wer von Deutschschreibern des 21. Jahrhunderts erwartet, daß sie bei der Worttrennung am Zeilenende in zusammengesetzten Fremdwörtern aus dem Griechischen die Kompositionsfuge erkennen und beachten, lebt in einer anderen Welt.

In den letzten zehn Jahren gaben besonders die Zweijahresberichte der Zwischenstaatlichen Kommission Veranlassung, den jeweiligen Stand des Unternehmens in "Zwischenbilanzen" kritisch darzustellen. Jetzt wäre wohl eine "Schlußbilanz" fällig, doch mit dem Gedanken mag sich niemand anfreunden. Die beiden Seiten in der Auseinandersetzung haben bisher munter aneinander vorbeigeredet, und dabei wird es wohl bleiben. Die eigentlich Betroffenen hören schon lange nicht mehr hin – warum sollten sie es auch, denn die Folgenlosigkeit des überschwenglich angekündigten und mit Verbissenheit durchgesetzten angeblichen Reformvorhabens ist offensichtlich. Was die Reformer und die sie unterstützenden und protegierenden Politiker erreicht haben, war ohnehin nicht beabsichtigt. Am Ende muß man ihnen jedoch dankbar sein, daß sie ein Klima geschaffen haben, in dem später einmal vernünftiger die Probleme mit der deutschen Rechtschreibung angegangen werden können.
 
 

Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 13.03.2007 um 08.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7971

Daß die Redaktion von "Schrift & Rede" nun auch Pseudonyme verteilt, ist ein Novum. Etwas anderes ist die Zensorentätigkeit von Christoph Schatte. Der Name taucht am 25. September 2006 zum erstenmal im Rahmen der Kritik an der Rechtschreibreform auf. Natürlich gibt es auch hier die Gnade der späten Geburt, und dabei kann es schon mal passieren, daß längst vergebene Ehrenbürgerschaften unbekannt sind. Zur Erinnerung rücke ich hier ein, war vor fast genau fünf Jahren auf den "Seiten für Rechtschreibung" zu lesen stand:

Henning Upmeyer am 5.2.2002:"Wer ist Prof. Dr. Helmut Jochems? Ich bin nicht vom Fach, aber ich finde seine Beiträge hervorragend."

Darauf Theodor Ickler einen Tag später: "Er lebe hoch! Helmut Jochems ist emeritierter Englisch-Didaktiker an der Universität Siegen und kennt nicht nur den dortigen Reformbrutkasten sehr gut, sondern beherrscht auch mehrere Sprachen und ist überhaupt der Klügste von uns allen. Die einzige Schwäche, die man ihm leider nachsagen muß: Er stellt sein Licht gern unter den Scheffel; aus lauter Bescheidenheit tritt er sogar unter Pseudonymen auf. Ich verdanke ihm sehr viel, und deshalb nehme ich die Gelegenheit gern wahr, hier einmal ein öffentliches Vivat! auf ihn auszubringen!"

Sic transit gloria mundi.
 
 

Kommentar von Red., verfaßt am 13.03.2007 um 10.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7973

Wir vergeben keine Pseudonyme, sondern heben sie auf, wenn die Umstände es erfordern.
 
 

Kommentar von Martin Gerdes, verfaßt am 13.03.2007 um 10.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7974

> Zehn Jahre Rechtschreibreform
> Eine Schlußbilanz

Ich sehe und lese tagtäglich einen Trümmerhaufen in real existierenden Medien. "Schlußbilanz" suggeriert mir etwas wie "Abschluß", sogar "erfolgreicher Abschluß". Beides kann ich nicht sehen. Meines Erachtens treffend wäre die Bezeichnung "(verlassene) Bauruine".

> Daß die deutsche Rechtschreibung schwieriger ist
> als die unserer europäischen Nachbarn,

... als Beispiel möchte ich hier mal die Schreibung des Französischen oder des Englischen nennen ...

> war den Menschen hierzulande seit vielen Jahrzehnten bewußt,

Eigentlich nicht. Die Behauptung stimmt ja auch nicht. Ich glaube, daß Deutsch leichter zu schreiben ist als Englisch, und doch ist Englisch Weltsprache geworden.

> Wer "nummerieren", "überschwänglich" oder "aufwändig"
> schreibt, kann dafür gute Gründe nennen.

Wer "nummerieren" oder "überschwänglich" schreibt, kann dafür vielleicht gute Gründe nennen.

Wer allerdings "aufwändig" schreibt, muß sich die Frage gefallen lassen, ob die Familienähnlichkeit zum "Aufwand" die Schaffung einer Ausnahme rechtfertigt.

> Niemand sollte nur deshalb Einwände erheben, weil die
> übermütigen Reformer solche Schreibungen zur Norm
> machen wollten.

Warum denn nicht?

> Die Reformer verlangten die Übernahme auch
> ausgesprochener Absurditäten, weil eine Rechtschreibung
> einheitlich sein müsse.

Sie verlangen es noch.

> Die Kritiker bestanden im Gegenzug auf dem Verbleiben
> bei der Dudenschreibung mit allen ihren Ungereimtheiten,

Wer hat denn das behauptet? Die Dudenschreibung war jedem Schreibkompetenten bisher ziemlich wumpe, und zwar genau dieser Spitzfindigkeiten wegen. Wer hat denn "Schmant" geschrieben, wie es der Duden verlangte und noch immer verlangt?

> Was sonst noch in den letzten zehn Jahren Gegenstand
> heftigen Streites war, entpuppt sich in der Schreibpraxis
> als derart peripher, daß darauf zurückzukommen nicht lohnt.

Daß Sie dieser Auffassung sind, haben Sie schon mehrfach dargestellt. Ich bin ausdrücklich nicht dieser Meinung. Ich stimme Ihnen zwar zu, daß man nicht um einzelne Schreibungen streiten sollte, und zwar gerade dann nicht, wenn man darauf abhebt, daß die Sprache "sich" weiterentwickle. Diesem "Sich"-Weiterentwickeln diametral entgegengesetzt aber ist die Praxis verschiedener Medien, bei den sog. "Kotau-Wörtern" nur die "neu eingeführten" Schreibungen zuzulassen und sie einem Autor ggf. gewaltsam in seinen Text zu drücken. Dies sind namentlich "aufwändig", "selbstständig" und "Potenziale".

> Mit einer Ausnahme vielleicht: Wer von Deutschschreibern
> des 21. Jahrhunderts erwartet, daß sie bei der
> Worttrennung am Zeilenende in zusammengesetzten
> Fremdwörtern aus dem Griechischen die
> Kompositionsfuge erkennen und beachten, lebt in
> einer anderen Welt.

Immerhin könnten sie die Wortfuge in Wörtern lateinischen Ursprungs erkennen und Trennungen wie "Ins-tanz", "Kons-tanz", "Des-tillation" und "Res-taurant" unterlassen. Sie meinen, es könnte schlimmer kommen? Klar. Manche Leute trennen "Rest-riktion" und befinden sich selbst mit dieser Trennung auf dem Boden der Neuregelung.

> In den letzten zehn Jahren gaben besonders die
> Zweijahresberichte der Zwischenstaatlichen
> Kommission Veranlassung, den jeweiligen Stand
> des Unternehmens in "Zwischenbilanzen" kritisch
> darzustellen.

Eigentlich nicht. Man kann von Überzeugungstätern ja auch nur in Grenzen Selbstreflexion erwarten.

> Jetzt wäre wohl eine "Schlußbilanz" fällig,
> doch mit dem Gedanken mag sich niemand
> anfreunden.

Und da meinten Sie dann, die Lücke füllen zu müssen?

> Die beiden Seiten in der Auseinandersetzung
> haben bisher munter aneinander vorbeigeredet,
> und dabei wird es wohl bleiben.

Erstaunlich ist das nicht, zu einem Gespräch gehört schließlich wesentlich der Wille, es überhaupt führen zu wollen.

> Die eigentlich Betroffenen hören schon lange
> nicht mehr hin – warum sollten sie es auch,
> denn die Folgenlosigkeit des überschwenglich
> angekündigten und mit Verbissenheit
> durchgesetzten angeblichen Reformvorhabens
> ist offensichtlich.

Das Reformvorhaben hatte keine Folgen? Sie müssen auf einer anderen Welt leben. Ich lese die Folgen der BRaZ alle Tage.

> Was die Reformer und die sie unterstützenden
> und protegierenden Politiker erreicht haben,
> war ohnehin nicht beabsichtigt.

Selbstverständlich war das beabsichtigt: Die Ministerialbürokratie wollte demonstrieren, daß sie – und nicht das Volk – hier im Lande das Sagen hat und daß sie im Bedarfsfall ihren Willen auch gegen den erklärten Willen der Betroffenen durchsetzen kann. Man kommt nicht umhin festzustellen, daß dieses Vorhaben geglückt ist. Doch – um welchen Preis?

> Am Ende muß man ihnen jedoch dankbar sein,
> daß sie ein Klima geschaffen haben, in dem
> später einmal vernünftiger die Probleme mit
> der deutschen Rechtschreibung angegangen
> werden können.

Dankbar? Ich soll einer wildgewordenen Ministerialbürokratie dankbar dafür sein, daß sie jegliche demokratische Gepflogenheit außer acht läßt und in einem Bereich, der sie überhaupt nichts angeht, tief in mein Leben eingreift? Ich glaube, eher nicht.

Offiziell ist das Thema Rechtschreibreform durch; der Schaden ist angerichtet und die Täter haben sich verpißt oder sie werden es demnächst tun. Der Duden hat seine Lobbymacht wiedergewonnen und wird für die kommenden Jahrzehnte im internen Zirkel festlegen, wie man das Deutsche zu schreiben hat. Das ist ähnlich wie früher, aber nicht gleich: Die bisher zurückhaltende Attitüde hat er nämlich abgelegt, wie man in der 24. Auflage sieht. In der näheren Zukunft dürfte er deutlich selbstbewußter und offener als früher Festlegungen nach eigenem Gusto treffen und sie auch durchsetzen.

Ich rechne damit, daß "der Staat", der sich gerade mit einem letzen unversöhnlichen Statement aus der Regelung der Rechtschreibung zurückgezogen hat, das Thema in meiner Lebenszeit offiziell nicht mehr anfassen wird, sondern dem Duden freie Hand läßt.

Daß ein Weg zu einem "vernünftigen" Umgang mit Rechtschreibproblemen bereitet worden wäre, sehe ich eigentlich nicht.
 
 

Kommentar von B. Eversberg, verfaßt am 13.03.2007 um 11.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7975

"Eine knappe Gegenüberstellung von 10 Beispielen" wurde vorgeschlagen. Wessen Aufmerksamkeit man damit wirklich noch erreichen kann, weiß ich auch nicht, aber einen knappen Entwurf ist es mir allemal noch wert. Hier ist er:
http://www.allegro-c.de/formate/peinlich.htm
Titel "Rechtschreibreform, na klar, aber Peinlichkeiten vermeiden!" und Motto "Freiheit zur Eleganz"
Zur Wahl der Beispiele dürfen gern noch Vorschläge geäußert werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2007 um 11.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7976

Was mich betrifft, bleibt es beim "Vivat!" Dessenungeachtet stimme ich nicht in allen Punkten mit Herrn Jochems überein (GKS, Silbentrennung, Heyse). Auch bei den orthographisch angeblich leichteren Nachbarsprachen müßte man differenzieren: Polnisch ja, Französisch nein. Die Kultusminister haben auch nichts "eingelöst", denn den gegenwärtigen, für manche vielleicht erfreulichen Zustand haben sie ja nie gewollt. Und "endgültig" ist auch nichts.
Da ich den alten Duden auch immer kritisiert habe, oft gegen die Ansicht mancher Mitstreiter, habe ich mir nichts vorzuwerfen. Darf ich mir einbilden, daß die Antworten und Lösungen, die mir (vor allem in meinem Regelwerk und Wörterverzeichnis) zu einigen traditionellen Problemen der deutschen Rechtschreibung eingefallen sind, ziemlich gut sind? Wer sie recht versteht, wird nicht bestreiten, daß sie leichter zu lernen und anzuwenden sind als die staatliche Alt- und Neuschreibung – und dabei ändern sie nicht einmal das Aussehen der Texte, wie wir sie gewohnt sind.
 
 

Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 13.03.2007 um 11.46 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7977

Sehr geehrter Herr Professor Jochems,
Ihr Ruhm ist sicher nicht vergangen, und Ihre hohe Kompetenz und Intelligenz wird niemand in Abrede stellen. Nur Ihren - fachlich wohlbegründeten - Schlußfolgerungen kann nicht jeder uneingeschränkt folgen.
Zum Beispiel haben Sie gerade nochmals eine graduelle Verbesserung bezüglich ss/ß durch die Reform konstatiert - aus Ihrer fachdidaktischer Sicht (das kann ich nicht beurteilen) wird das sicher logisch sein.

Nur bin ich mir - als Dilettant - eben völlig sicher, daß die jetzige Regel ganz einfach qualitativ schlechter ist - aus Gründen der Erkennbarkeit, Ästhetik und Schreibökonomie. (Gerade hat mir eine Schweizer Politiker und hoher Verwaltungsbeamter für meine "Eszett-Seite" gedankt - er hat jetzt diese "Adelungsche" Schreibweise erst erlernt und fand meine Hinweise dazu hilfreich. Warum hat er sich dieser Mühe unterzogen? Weil er den Gewinn an Qualität erkannt hat!)

Und Dankbarkeit gegenüber den Reformern? Bei jeder Dissertation, die ich zur Begutachtung erhalte, bekomme ich die Verheerungen, die die Reformer angerichtet haben, schmerzlich vor Augen geführt. Da hält sich meine Dankbarkeit in engen Grenzen.

Gut gefallen hat mir Professor Icklers Bienenwabenbeispiel: Da bildet sich aus Gründen, sagen wir, der Ökonomie eine Form aus, die auch ästhetisch höchsten Ansprüchen genügt - man muß gar keinen Winkelmesser anlegen, um das zu erkennen. Die Form ist von höchster Qualität; sie ist geradezu ideal.
Und ganz ähnlich hat sich in der Schreibpraxis der letzten 100 Jahre teilweise eine Qualität herausgemendelt, die noch lange nicht von der Sprachwissenschaft vollständig erfaßt ist (zu der es demzufolge auch keine ausformulierten Regeln gibt), die stellenweise nahezu "ideal" ist. (Und deren Harmonie erkennbar und übernehmbar ist, ohne erst "einen Winkelmesser anzulegen".)

Und ich behaupte jetzt einmal ganz frech, daß das im Grunde bei Ihnen nicht anders ist. Sonst würden Sie die graduellen Verbesserungen der ss-Schreibung ja vielleicht für sich übernehmen. (Bitte, tun Sie's nicht!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2007 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7978

Heyse macht das Leben schwerer, daran kann gar kein Zweifel sein. Der oberflächlichen Logizität stehen oft genannte andere Aspekte gegenüber und verderben die Bilanz. Aus studentischen Klausuren:
"dass heißt, das die Regeln ...
....ein Konstrukt, dass als eingebauter Lehrplan bezeichnet wird ...
dass Endergebnis...
Außsprache ..."
Ich habe spaßeshalber mal "dass Endergebnis" bei Google eingegeben und empfehle diesen Versuch hier ausdrücklich ...
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 13.03.2007 um 12.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7979

Mir ist nicht bewußt, wann und wie ich ohne mein Zutun in eine Zensorenrolle (803#7971) geraten bin, und dies obendrein im Kontext irgendwelcher Pseudonyme. Ich bevorzuge das offene Visier.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2007 um 12.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7980

Ich finde den gegenwärtigen Zustand der Orthographie (sowohl der amtlichen Norm als auch der tatsächlichen Anwendung in Zeitungen usw.) nicht liberal, sondern rückständig und unnötig verworren, aber das mag man anders sehen können. Jedenfalls war er nicht beabsichtigt, und das "Liberale" ist insofern kein Verdienst der Urheber. Diese seien zur Erinnerung noch einmal zitiert, weil ihr markiger Ausspruch hier lange nicht mehr erwähnt worden ist:

„Ohne unbescheiden sein zu wollen, glauben wir, dass eine Reform der deutschen Rechtschreibung noch nie so gründlich vorbereitet gewesen ist.“ (Gerhard Augst und Gerhard Stickel am 9. Oktober 1995 an alle deutschen Ministerpräsidenten)

Die Nachbereitung dauert inzwischen fast ebenso lange wie die Vorbereitung … Und sie wird weitergehen, da helfen alle Beschwörungen des "Schlussstrichs" nichts.
 
 

Kommentar von Helmut Jochems, verfaßt am 13.03.2007 um 12.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7984

Herzlichen Dank für den doppelten Zuspruch, der sich wohltuend von dem auf "Schrift & Rede", inzwischen üblich Gewordenen abhebt. Daß wir das bisher Erreichte ausschließlich Professor Ickler verdanken, habe ich hier häufiger in Erinnerung gebracht. Hoffentlich sind die so selbstsicheren Mitdiskutanten ebenfalls eifrige Benutzer seines Wörterbuchs und seines Regelwerks. Sie schaffen nämlich Freiräume, deren Existenz Kenner und Praktizierer der "alten" Dudenfestschreibungen zu Toleranz gegenüber ungewöhnlichen, aber nicht sinnlosen Andersschreibungen veranlassen sollte. Schwierige Rechtschreibungen sind meiner Meinung nach nicht solche, deren Wortbilder jeweils jedes für sich zu lernen sind. Die vielen Sonderbedingungen, die bei uns das kontextabhängige Spiel mit der GKS und der GZS bestimmen, machen dagegen Schreibanfängern und Wenigschreibern das Leben schwer. Ich verachte keinen meiner gleichaltrigen Freunde, der jetzt "dass" schreibt. Wenn die FAZ (wie heute in ihrem ersten Leitartikel) weiterhin "Quentchen" schreibt, erfreut das meinen ästhetischen Sinn. In einem Brief eines Enkelkindes würde ich aber an "Quäntchen" keinen Anstoß nehmen. Nachträglich muß man bedauern, daß die Kultusminister vor 1996 nicht Professor Ickler mit der Ausarbeitung von Vorschlägen für eine maßvolle Rechtschreibreform beauftragt haben. Endgültig ist aber auch jetzt nichts. Die Jüngeren werden es wohl noch erleben, wie die Zeit vieles – wenn auch nicht alles – wieder in Ordnung bringt.
 
 

Kommentar von Marconi Emz, verfaßt am 13.03.2007 um 14.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7989

Was "dass Endergebnis" und dergleichen betrifft, kommt es noch viel schöner (die Beispiele aus diversen Internetforen habe ich der Einfachheit halber aneinandergereiht):

... stimmt bei den iq test im fernseher wirklich dass ergebniss? – Der Rechner verwendet die Gleiche Promillerechnung wie die Polizei, was bedeutet das dass Ergebniss der höchstmögliche Alkoholpegel ist, ... – da nach 16wochen die achse eh vollkommen geplättet ist kann man ruhig nocvh 8wochen dran hängen, dass ergebniss wird damit klar noch bessr bzw. richtig ... – Er hat sich mühe gegeben und dass Ergebniss kann sich echt sehen lassen Das nächste mal wird er sich schon an die Regeln halten ... – Dass ganze soll auch wieder block weise geschen und dass ergebniss des ... – ... rechnet man das mal auf eine zeit von 5 jahren hoch ist selbst unter der vorraussetzung, daß man mit jeder kur weniger zunimmt, daß ergebniss respektabel. ...

Kultusminister und Rechtschreibreformer haben die Tür ins Freiheitsreich der sprachlichen Debilität seit 1996 weit aufgestoßen ("Liebe Unterprivilegierte, ab jetzt dürft, ja müßt ihr von Amtes wegen schlechtes Deutsch schreiben!"), und das Volk tritt – derart von ganz oben herzlich ermuntert – gerne und reichlich ein. Ihre Hoffnungen, geschätzter Herr Jochems, sind, wie ich anhand der häufigen Lektüre im Internet (Foren und Online-Zeitungsartikel) fürchten muß, leider vergebens.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 13.03.2007 um 14.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7990

Zum Kommentar von MB von vorgestern (#7954):

»Existiert so etwas schon?

Ja. ...

Und wo bitte?«

Es ist vielleicht nicht genau das, woran Sie gedacht haben, sollte dem aber sehr nahe kommen: http://www.schriftdeutsch.de/ortregel.htm
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.03.2007 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7991

Als die Reform vorbereitet und durchgesetzt wurde, war noch nicht recht absehbar, wie leicht es Hinz & Kunz bald werden würde, ihre mangelhafte Sprachfertigkeit für jedermann ganz basisliberal auszustellen. Es handelt sich (wenn das Selbstzitat gestattet ist) um Regeln aus der Tintenkillerzeit. Ihr Scheitern erweist sich gerade in der Schreibpraxis derer, für die sie gemacht waren.
 
 

Kommentar von B. Eversberg, verfaßt am 13.03.2007 um 14.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7992

Es gibt keine Internet-Vergleichsdaten von vor 1996. Wir haben zudem im Web Kategorien von Texten, die es vor 1996 gar nicht gab, und man stolpert über Auslassungen von Leuten, von denen man früher nie eine Zeile gesehen hätte. Als Indikator für einen Wandel der orthographischen Kompetenz ist das Internet daher nur begrenzt tauglich. Für einen Wandel zum Schlechteren gibt es aber genügend andere Indikatoren, die nur nicht so leicht zu messen sind. Aussagekräftig wären Quer- und Längsschnittuntersuchungen in Schulen und Berufsgruppen – aber wer macht sowas? Die Kultusminister?
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 13.03.2007 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7993

Suchen Sie bei Google auch mal nach

"ich denke, das das"

und

"ich denke, das dass"
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.03.2007 um 15.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7994

Nein, die Kultusminister machen's nicht, weil sie das Ergebnis fürchten. Eine Erfolgskontrolle ist nie vorgesehen gewesen.

Wahrscheinlich haben sich die orthographischen Fertigkeiten der weniger Gebildeten durch die Reform verschlechtert, aber sie hätten sich auch ohne Reform verschlechtert. Jedenfalls deuten die Vergleichszahlen der Handelskammern, von denen gelegentlich zu hören ist, auf einen kontinuierlichen Niveauverlust hin, ebenso die von Uwe Grund ausgewerteten Studien.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.03.2007 um 16.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7996

Ganz so schlimm ist es mit den griechischen und lateinischen Vorsilben auch nicht: Für meine Enkelin habe ich mal die im Deutschen gebräuchlichsten lateinischen und griechischen Präfixe aufgelistet; ich komme auf 28 lateinische und 50 griechische. Es ist beherrschbar. Es ist doch ein Vorteil, wenn auch jemand, der nicht die Chance hatte, ein Gymnasium zu besuchen, im Bewerbungsschreiben anführen kann: "Ich kann lateinische und griechische Fremdwörter analysieren."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2007 um 17.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7997

Bei lateinischen und griechischen Fremdwörtern geht es selbstverständlich nicht darum, altsprachliche Kenntnisse ("humanistische Bildung") zur Schau zu stellen. Mein Hauptargument für die morphologische Trennung war seit je dies: Die altsprachlichen Wortbildungselemente sind zum selbstverständlichen und ungemein produktiven Bestandteil der sogenannten Fremdwortbildung geworden, d.h. sie sind so ungefähr der produktivste Teil der deutschen Wortbildung überhaupt. Weil nun diejeingen, die es überhaupt betrifft, tagtäglich mit Elementen wie "mikro-" und "para-" wirtschaften, wäre es widersinnig, wenn sie ihre Kenntnis durch barbarische Trennungen verleugneten. Die Schreibkraft muß also gegebenenfalls lernen, die Wörter so zu trennen, wie die Ärztin oder der Theologe sie gedruckt zu sehen wünscht. Bisher galt das als zumutbar und klappte auch sehr gut. Seit die Wörterbücher zurückrudern, dürfte es auch mit dem Trennprogramm recht gut funktionieren. Bei ganz alltäglichen Wörtern wie Chirurg oder Episode kann man davon absehen; so war es ja auch teilweise bereits nach dem alten Duden.
Einige Jahre lang galt es nun als unzumutbar, die "Ausnahmeregel" zu lernen, daß einzelne Anfangsbuchstaben nicht abgetrennt werden. Diese "Ausnahme" hat der Rechtschreibrat wiedereingeführt - gegen den erbitterten Widerstand von Ratsmitgliedern wie Ulrike Steiner (ÖWB). Was ist daraus geworden, wer trauert der famosen Neuregelung noch nach? ("Vokale stehen auch allein - das finden sie besonders fein.") Vorbei und verweht. Das kann auch mit anderen zweifelhaften Errungenschaften geschehen. Zusammensetzungen werden nach ihren Bestandteilen getrennt, nicht wahr? Also "Mikro-skop" und nicht anders. Warten wir's ab!
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 13.03.2007 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#7999

Liberal? Wäre die sog. Rechtschreibreform ein Schritt zu mehr Liberalität, dann müßte auch die herkömmliche Rechtschreibung toleriert werden. Wir wissen, daß dies nicht so ist – im Gegenteil, bis vor kurzem wurden Abtrünnige verhöhnt und sogar verfolgt wie Ketzer – vor allem im pädagogischen Dunstkreis.
Liberal ist eben nur der Mißbrauch eines Wortes. Hier wie überall auf der politischen Bühne tritt der Zwang getarnt als "Freiheit" auf.
 
 

Kommentar von Adelung, verfaßt am 13.03.2007 um 17.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8000

Heute hatte ich wieder Deutschunterricht bei einer eigentlich sehr intelligenten und sprachlich hochbegabten Frau, die jedoch unverständlicherweise eine absolute Anhängerin der Schlechtschreibreform ist. Widerspruch duldet sie nicht. Als wir in einem älteren Text ein "daß" stehen hatten, wurden wir von ihr sofort aufgefordert, dieses auszubessern, und zwar mit den Worten: "Als moderne Menschen wissen wir, daß man 'dass' mit ss schreibt - wir sagen ja nicht 'daaaß'."

Als ich versuchte, mir ihr ein kurzes Gespräch über die Reformen der Rechtschreibreform zu führen, blockte sie mit den Worten ab, daß es von nun ab keine Änderungen mehr gebe und die bisherigen Reformreformen nur daher rührten, weil "einige alte Männer den Fortschritt nicht anerkennen" könnten und deshalb auf die "Wiedereinführung dieser antiquarischen Schreibweisen" bestanden hätten.

Traurig, so etwas mit anhören zu müssen.

Ansonsten möchte ich noch anfügen, daß ich besonders gespannt bin auf die Entwicklung der ß-Schreibung. Es scheint so, als hätte überhaupt niemand Interesse an der Wiederbelebung der Adelungschen ß-Schreibung. Es scheint fast so, als würde die ganze Republik diesem Pseudoargument der Aussprache, das für Heyse zu sprechen scheint, absoluten Glauben schenken und keinerlei Interesse daran haben, diese "logische Regel" aufzugeben. Diese Tatsache ist ebenso schmerzlich wie die obenerwähnte Begebenheit.
 
 

Kommentar von D. Bohlen, verfaßt am 13.03.2007 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8001

Typischer Fall von unreflektierter Reformeuphorie. Daß das "dass" ein alter Hut ist und die Reform maßgeblich von alten Männern betrieben wurde, weiß die Dame wohl nicht. Es reicht das positiv besetzte Wörtchen "neu", und die sich fortschrittlich wähnende mündige Bürgerin glaubt alles. Davon kann man lernen: Das "daß" braucht ein paar junge Mädels, die es als den letzten orthographischen Schrei anpreisen. Adelung-Sisters, wo seid ihr?
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 13.03.2007 um 18.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8002

> "Als moderne Menschen wissen wir, daß man 'dass' mit ss schreibt - wir sagen ja nicht 'daaaß'.

Deswegen ist es ja so erfreulich, wenn sich ein paar von den jungen Leuten nicht alles sagen lassen. Viele von den Älteren - so wohl auch besagte Lehrerin - schreiben ja nicht zuletzt deshalb in einer der neuen Rechtschreibung nicht unähnlichen Orthographie, um nicht als von gestern zu gelten. Woher sonst ihre Berufung auf die Modernität - statt etwa auf die Lesbarkeit?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 13.03.2007 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8003

Zu #8000, "wir sagen ja nicht 'daaaß'": Da haben wir nicht nur die Vorschreiberei der Schreibung von oben, wir haben eben auch die vorgeschriebene Aussprache. Und was ist dann nun mit den Sprachgebieten, wo das neutrale "das" mit Vokallängung gesprochen wird, bis hin zum Diphthong in "doas"? Manche Leute sind eben nicht glücklich, wenn sie sich nicht an eine simplifizierende Regelung halten können; die Wirklichkeit gilt nicht. Naja, auf "öfter mal was Neues" fallen, die sich um jeden Preis "als moderne Menschen" geben, halt immer wieder herein; trotz Intelligenz und hoher Begabung schreiten sie eben fort in ihren Fortschritt und wissen genau, was kommt. Moderne Menschen, die nicht wissen, "daß man 'dass' mit ss schreibt", gibt's ja nicht; Widerspruch ist also Unsinn. Wie sagte hier doch MB (#7947) aufgrund richtiger Beobachtung: "die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, [ist] bei den meisten Zeitgenossen kaum noch vorhanden"; modern sein ist genug. Wenn jedoch Leute, weil sie wirklich etwas mehr von der Verschriftung des Deutschen verstehen, "unmodern" geschimpft werden können, darf ich auch eigentlich sehr intelligente und sprachlich hochbegabte Unterrichtende "unbedarft" nennen. Auf diese Weise kommt wenigstens zu Recht keine Diskussion des Problems mit dem Schreiben des Deutschen heute zustande, aus der die nächste Generation etwas lernen könnte.
 
 

Kommentar von AH, verfaßt am 13.03.2007 um 20.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8005

Aus: "Kommentierte Beispielfälle zur Notenbildung im Zentralabitur" (Herausgeber: MSW NRW =Ministerium für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen. Februar 2007.)
Legende: EK: Erstkorrektur, ZK: Zweitkorrektur; NP: Notenpunkte.
Kommentar zu Beispiel 1: "Somit ergibt sich aus den übereinstimmenden Notenurteilen, [!] die abschließende Note: 11 Punkte."
Beispiel 5: "Die EK nimmt keine Absenkung, die ZK eine um einen NP." [!]
Beispiel 7: "Die Bewertungen der Prüfungsarbeit nach EK und ZK führen aufgrund unterschiedlicher Punktsummen und unterschiedlicher Absenkung aufgrund [!] zu Notenurteilen (11 NP und 7 NP), die sich um vier Notenpunkte von einander [!] unterscheiden. Gemäß § 34 Abs. 2 Nr. 2 zu einer Drittkorrektur." [!]
So etwas kommt von den Instanzen, die sich endgültige Urteile über Abiturleistungen, insbesondere in Sachen Sprachrichtigkeit und Stil anmaßen. Gewiß kann man einwenden, daß hier Flüchtigkeiten vorliegen. Nur wird diese Toleranz von 3 dicken Fehlern im letzten Satz auch den Abiturienten zugestanden werden? Müssen sie mehr können als das Schulministerium, von dem man vorbildliche Texte erwartet? Übrigens rechnen alle Beispiele nur Notenabsenkungen des ZK vor (bis zu 2 Notenpunkte wegen "gehäufter Verstöße" gegen die Sprachrichtigkeit). Daß eine Zweitkorrektur auch besser bewerten könnte, scheint nicht denkbar zu sein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.03.2007 um 22.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8006

Als ich Schüler war, fanden wir vieles, was die Lehrer sagten, altmodisch und weltfremd und sahen manches aus Prinzip anders; das ist das Vorrecht der Jugend. Jetzt muß das "ß" zu "aus Prinzip anders" und "hipp" werden. Slogan z.B.: "ß ist einfach schöner als ss".
 
 

Kommentar von Kaum Jemand, verfaßt am 14.03.2007 um 08.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8007

Wie schön, daß Robert Gernhard mittlerweile auch das Kulturbürgertum erfreut. Mein erster Kontakt mit seinem Werk war in den mittleren 70er Jahren.

Der Habicht fraß die Wanderratte
Nachdem er sie geschändet hatte.

Eine noch kleinere Fabel! Der Mensch ist wohl das einzige Raubtier - außer aus Sicht der Maus die Katze - welches sein Opfer vor der Vernichtung schändet.

Der Hahbicht frass die Wander Ratte
nach dem er sie geschendet hatte.
 
 

Kommentar von K.Bochem, verfaßt am 14.03.2007 um 23.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8017

zu Martin Gerdes #7974, Helmut Jochems #7969 u.a.
in Sachen "Schlußbilanz"

Alle Achtung für die Mühe, die Sie sich gegeben haben, Herr Gerdes! Wirklich! Ich war drauf und dran, ähnliches zu antworten. Habe dann jedoch darauf verzichtet, weil ich den Eindruck hatte, da hat jemand geschrieben, der nicht so recht weiß, ob er was will oder vielleicht wollen soll und deshalb ziemlich konzeptlos herumstochert - und da klären Diskussionen und Gespräche bekanntlich nichts.
Warum ich jetzt doch schreibe? Ich möchte einerseits Beiträge in Sachen "Schlußbilanz" wie den von Herrn Gerdes unterstützen und andererseits zur Sprache bringen: Mir mißfällt die Art und Weise, wie hier nach und nach auf einmal nicht mehr das gelten soll, was geschrieben steht, sondern Titel und Verdienste aus dem Ärmel gezogen werden - als ob das jemand, der hier wirklich was zu sagen hat, nötig hätte. Das deklassiert ein öffentliches Forum, das meines Erachtens davon leben sollte, daß man ohne Ansehen der Person beim Wort genommen werden kann und wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.03.2007 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8018

Aus der "Süddeutschen" fiel ein Magazin mit dem Titel "Innovate!" heraus, ich hielt es zuerst für das katholische Gegenstück zu "Chrismon", aber dann merkte ich, daß man den Titel englisch aussprechen soll, es ist eine Werbeschrift der Industrie (Thyssen, Roche u. a.). Sorgfältig gestaltet, auch die Rechtschreibung auf dem neuesten Stand (sogenannte, kennenlernen usw.). Aber dann eben doch wieder: "Bild gebende Verfahren". Das werden wir so bald nicht wieder los, es steckt wahrscheinlich für längere Zeit in den Rechtschreibprogrammen.
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 15.03.2007 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8019

Bei einem abendlichen Streifzug durch Erlangen gestern abend sah ich große Plakatwände, auf denen der Bau der ERLANGEN ARCADEN verkündet wird. Zwei Plakate fielen mir besonders ins Auge:

Immer etwas los und laufend etwas anderes.
sowie
Einkaufsspaß für groß und klein, für jung und alt.

Manche Vorschriften der Reform wollen offensichtlich irgendwie nicht ankommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2007 um 07.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8035

Die SZ vom 17..3.07 hat einen Sonderteil über die Anna Amalia Bibliothek und die von der Zeitung dazu herausgegebene Buchreihe. Während die Bibliothek laut Titelseite „aufwendig“ restauriert wurde, ist die Buchreihe „aufwändig“ ausgestattet, und auch Bibliotheksdirektor Knoche spricht von der „aufwändigen“ Arbeit, andererseits von der „300jährigen“ Geschichte. Der Dichter Hafis ist „wieder zu entdecken“, heißt es in der Werbung für einen der neuen Bände.
In derselben Wochenendbeilage berichtet der Schriftsteller Nicol Ljubic, wie seine unverkauften Bücher zu „Dämmmaterial“ „zerhexelt“ werden – wohl ein unbeabsichtigtes Wortspiel.
Viele Schriftsteller haben sich „vollaufen“ lassen.

Außerdem eine Erzählung von Arno Geiger in herkömmlicher Rechtschreibung. Durch diese nun schon seit Jahren praktizierte Weise, allwöchentlich das Bessere vorzuführen, erzielt die SZ auch einen gewissen Effekt: Man wird ständig daran erinnert, daß es nun eine Zweiklassenorthographie gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.03.2007 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8062

Nicht nur in der Süddeutschen Zeitung lese ich heute mehrmals "des weiteren", sondern auch auf der Internetseite der KMK steht es so, in Kleinschreibung (Stellungnahme zum Gutachten des Unesco-Beauftragten). Das ist recht bemerkenswert, denn die Verbindung mit dem Artikel ist ja eigentlich idiotensicher und gefiel daher den Volksschullehrern schon im 19. Jahrhundert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2007 um 16.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8079

Der ganzseitige Beitrag in bewährter Rechtschreibung, den die Süddeutsche Zeitung heute abdruckt, ist von Michael Krüger.
Gibt es noch eine andere große Zeitung, die sich traut, so regelmäßig (praktisch jede Woche) die bessere Rechtschreibung vorzuführen? Man muß es immerhin anerkennen, so jammervoll die Sache an sich auch sein mag.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.03.2007 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8080

Sicher nicht. Ein Beitrag Wolf Biermanns in der Zeit vor einigen Wochen war eine große Ausnahme.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.03.2007 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8124

Aus der "Süddeutschen":

Der ganzseitige Text in klassischer Rechtschreibung ist am 31.3.07 eine übersetzte (!) Erzählung von Cees Nooteboom.

Im Feuilleton findet man "schnellebig", außerdem "in acht nehmen".

Die Reform hat bekanntlich die wirklich schwierigen Wörter im Deutschen gar nicht angetastet. So erklärt sich der "Fliespulli" (ebenfalls in der SZ vom 31.3.2007).

"schiefgelaufen" (ebd.) war 2004 noch getrennt zu schreiben, seit 2006 wieder zusammen, und so macht die Zeitung es auch.

Mit dem ss wird es nie klappen, daher "dass Ende der Saurier" (SZ vom 29.3.2007)

 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 31.03.2007 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8126

Auf faz.net liest man unter der Überschrift „Rheinschiffahrt wieder freigegeben“, daß „Europas wichtigste Wasserstraße am Freitagabend wieder für die Schifffahrt freigegeben worden" sei.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 03.04.2007 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#8139

Aufwärts?

Zum Teil versuchen die Geschäfte, mit dem Absatz von Zigarren, denen eine gewisse Renaissance nachgesagt wird, so wie mit teuren Zubehörartikeln wie Humidoren einen Ausgleich für das rückläufige Zigarettengeschäft zu finden.

faz.net, 3.4.2007

[Im gleichen Artikel (Christian Siedenbiedel, „Tabakhändler unter Druck“): „Eckhardt geht noch davon aus, das jemand anderes den Laden wieder eröffnen wird.“ Red.]
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2008 um 06.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#13351

Die Süddeutsche Zeitung bringt in ihrer Wochenendausgabe heute wieder eine ganzseitige Erzählung in herkömmlicher Rechtschreibung, ebenso wie eine Woche zuvor. Unternehmen wie Manufactum (s. Diskussionsforum) zeigen, daß es durchaus möglich ist, die bessere Orthographie als Werbeargument einzusetzen. Vielleicht schließen sich weitere an.

Von der gestrigen Sitzung des Rechtschreibrates werden wir wohl so wenig erfahren wie von der vorigen. Man duckt sich weg. Auch nicht schlecht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2015 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#28262

"Ich betrachte die Rechtschreibreform der Jahre 1996 bis 2006 in ihren inhaltlichen Festlegungen und der Art ihrer politischen Durchsetzung als ein Symptom sprachlichen und kulturellen Niedergangs. Das Buch orientiert sich daher an den vor dieser Reform gültigen Regeln; die Lesbarkeit ist dadurch in keiner Weise gefährdet. Dem Verlag danke ich für die Bereitschaft, meinem ausdrücklichen Wunsch nach Verwendung der alten Rechtschreibung nachzukommen." (Karlheinz Spindler: Höhere Mathematik. Frankfurt: Harry Deutsch 2010)

Einem solchen Buch vertraut man sich gern an.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 06.03.2015 um 09.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#28263

Ich habe vor einiger Zeit Akteneinsicht in bezug auf eine Verwaltungsmaßnahme, von der ich als Anlieger betroffen war, beantragt und auch erhalten. Was dort zu lesen war, ist kaum faßbar. Nach heutigen Schulmaßstäben müßte man den Großteil der beteiligten Beamten als Legastheniker einstufen, denn die RSR hat offenbar die sprachliche Intuition und damit die Rechtschreibkompetenz bis in die Grundfesten erschüttert.

Egal, ob es sich um GZS, GKS, ss/ß oder Kommasetzung handelt: es herrscht das totale Chaos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.03.2015 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#28268

Die Monatsschrift "Osteuropa" bringt auch historische Zitate in Reformschreibung. Vertrauenswürdig ist das nicht gerade.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 12.03.2015 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#28300

In der DLF-Sendung "Querköpfe" wurde gestern abend eine Sammlung von Loriot-Texten vorgestellt. (Vicco von Bülow: Loriot – Der ganz offene Brief – 115 ungewöhnliche Mitteilungen; Hoffmann und Campe). Autor Stephan Göritz vermerkte dazu ungefähr: "Was würde Loriot dazu sagen, daß der Verlag seine Texte in die ihm so verhaßte Reformierte Schreibweise umgeschrieben hat?"
 
 

Kommentar von Aronaftis, verfaßt am 12.03.2015 um 21.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#28305

Loriot sprach in bezug auf die RSR davon, "sich grunzend zu verständigen".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.11.2018 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#40136

Auf ausdrücklichen Wunsch des Autors erscheint dieses Buch in unreformierter Rechtschreibung.

(Bernulf Kanitscheider: Kleine Philosophie der Mathematik. Stuttgart:Hirzel 2017)
 
 

Kommentar von Frank Daubner, verfaßt am 20.11.2018 um 23.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=803#40137

Bei Steiner in Stuttgart wird man gefragt, ob man "alt" oder "neu" wolle, um das entsprechende (gut funktionierende) Trennprogramm zu verwenden und auch die Werbetexte demgemäß zu schreiben.
 
 

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