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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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11.02.2010
 

Kein „Absentiv“ im Deutschen
Für eine sparsamere Grammatik

Seit einigen Jahren wird eine sprachliche Erscheinung diskutiert, der man den sprechenden Namen „Absentiv“ gegeben hat. Die Absentivkonstruktion besteht aus

Subjekt + Verb sein (finit) + Handlungsverb (Infinitiv) (König 2009:42)

Ein Beispiel wäre Hans ist einkaufen

Eine maximale Beschreibung des „Absentivs“ sieht etwa so aus:
„i. Morphosyntax
a) Es liegt das Verb sein sowie ein weiteres Handlungsverb vor, wobei das Subjekt in jedem Fall mit sein kongruiert.
b) Es dürfen nicht obligatorisch Elemente wie weg, (weg)gegangen und Ähnliches vorkommen, die auf lexikalischer Ebene Abwesenheit signalisieren.

ii.Semantik
a) Die im Subjekt kodierte Person X hat sich vom Ausgangsort als dem deiktischen Zentrum entfernt und ist abwesend, d. h. auch nicht in Sichtweite.
b) Grund der Abwesenheit von X ist eine im Handlungsverb kodierte Tätigkeit an einem anderen Ort.
c) Grundsätzlich wird angenommen, dass X nach einer der Tätigkeit angemessenen zeitlichen Abwesenheit wieder zurückkehrt.
d) Diese Tätigkeit wird von X regelmäßig durchgeführt (z. B. als Hobby).”
(Vogel 2007:253, ähnlich in Hentschel/Vogel 2010)

Die Bestimmung i.b) (die auf de Groot zurückgeht) ist ungenau: Zwar enthält die Absentivkonstruktion definitionsgemäß kein Partizip wie gegangen, aber ein solches würde die Abwesenheit – im Gegensatz zu weg – nicht „lexikalisch signalisieren“. Jemand kann gegangen sein, ohne weggegangen zu sein; gehen bedeutet an sich nicht 'sich entfernen', sondern wird nur in gewissen Zusammenhängen (wenn nichts anderes erwähnt ist) so verstanden.

Wichtiger ist die Frage, ob die Konstruktion tatsächlich Abwesenheit ausdrückt. König faßt die vorherrschende Ansicht zusammen, „dass die Abwesenheit den Kern der Absentivsemantik bildet“ (König 2009:65). Weiter führt sie aus:

Peter ist pokern. - Dieser Satz sagt aus, dass Peter sich zum Sprechzeitpunkt vom Topikort entfernt aufhält und dass der Grund für seine Abwesenheit das Pokern ist, dem Peter nachgeht (bzw. im Begriff ist nachzugehen oder bis eben nachgegangen ist).“ Derselbe Gedanke wird noch mehrmals ausgedrückt und stimmt mit der Auffassung anderer Autoren überein. Auch Metzlers Lexikon Sprache z. B. definiert den Absentiv als „Ausdruck der Abwesenheit der vom Subj. bezeichneten Person, im Dt. ausgedrückt durch eine Prädikativkonstruktion mit dem Inf. eines Handlungsverbs, z. B. Clemens ist einkaufen, Jenny ist schwimmen.“ (Glück 2005:7)

Der Begriff „Topikort“ ist in der Sprachwissenschaft ungebräuchlich und bleibt auch recht vage: „Beim Topikort handelt es sich typischerweise um einen Ort, an dem die fragliche Person normalerweise anzutreffen ist bzw. an welchem ihre Anwesenheit innerhalb des Diskurses zu erwarten ist.“ (König 2009:42) Damit wird immerhin Vogels Festlegung auf das „deiktische Zentrum“, also wohl den Ort des Gesprächs (so versteht es auch Abraham: „the speaker's place“), relativiert – eine, wie sich zeigen wird, notwendige Korrektur.

Auf die Frage Wo ist Hans? kann zwar mit Hans ist einkaufen geantwortet werden. Genau genommen ist es aber keine direkte Antwort. Denn aus der Aussage, daß sich jemand zu einer Tätigkeit begeben hat, muß man erst schließen, daß er nicht anwesend sein kann. Dazu ist aber die weitere Voraussetzung erforderlich, daß die betreffende Tätigkeit nicht am selben Ort ausgeübt werden kann. So auch, wenn ein Anrufer meine Frau sprechen will und ich antworte Meine Frau ist einkaufen. König drückt sich also ungenau aus:
„Da es demnach offenbar zwei Möglichkeiten gibt, die Frage Wo ist XY? zu verstehen, gibt es auch zwei Möglichkeiten, auf diese zu antworten. Diese Möglichkeiten sind der Lokativ (im ersten Fall) und der Absentiv (im zweiten).“
Vielmehr ist die erste Anwort direkt, die zweite indirekt. Auch Abraham versteht die Abwesenheit als „impliziert“, also nicht direkt ausgedrückt. Ich war schon lange nicht mehr Tennis spielen klingt natürlicher als Ich war schon lange nicht mehr Klavier spielen. Es ist eben nicht selbstverständlich, daß man sich zum Klavierspielen an einen anderen Ort begeben muß. (Wer freilich über das Internet einkauft oder bei einem Direktvertreiber, der ins Haus kommt, geht nicht einkaufen und ist nicht einkaufen. Regional sagt man einholen, worin das Fortgehen und Zurückkommen deutlicher enthalten ist. Einkauf ist ein abstrakterer Begriff, der sich auch allein auf die geschäftliche Transaktion beziehen kann.)

Geradezu gewaltsam wirkt die Abwesenheitsdeutung bei Sätzen wie Ganz Breslau scheint hier einkaufen zu sein.
Hier wird ja gerade die Anwesenheit kommentiert. Die Anwesenheit an einem Ort impliziert zwar die Abwesenheit von einem anderen, aber eine solche Erklärung ähnelt allzu sehr dem Muster „lucus a non lucendo“.

Gegen die Abwesenheitsdeutung spricht noch folgendes: Gerade im paradigmatischen Fall, dem „Absentiv“ als Antwort auf die Frage Wo ist er?, kann die Antwort nicht die Abwesenheit ausdrücken, denn diese ist dem Fragenden ja bekannt, sie war die Voraussetzung seiner Frage.

Abraham legt die Konstruktion definitorisch auf „Abwesenheit“ fest und schließt deshalb die erste und zweite Person aus, weil Sprecher und Hörer nicht außerhalb der Kommunikationssituation sein können. Wenn man aber die Konstruktion „Subjekt + Verb sein (finit) + Handlungsverb (Infinitiv)“ unvoreingenommen untersuchen will, darf man sich nicht auf jene Verwendungsweisen beschränken, die einer vorgefaßten Ansicht über ihre Funktion entsprechen.
Auch König wendet sich gegen Abrahams Einschränkung:
„In der heutigen Zeit ist aber dank moderner Kommunikationsmittel vieles möglich, auch ein Absentiv in der ersten Person im Präsens. Der Satz Ich bin einkaufen klingt als Antwort auf die Frage „Wo bist du?“ übers Handy ganz passabel. Während ich dies sage, bin ich im Normalfall für die Person am anderen Ende der Telefonverbindung abwesend. Hier sieht man, dass technischer Fortschritt auch neue grammatische Möglichkeiten mit sich bringen kann.“
Allerdings ist die grammatische Möglichkeit nicht neu, denn Bin einkaufen ist die klassische Botschaft, die man schriftlich auf dem Küchentisch hinterläßt.

König weist selbst darauf hin, daß der „Absentiv“ nicht nur auf eine Frage wie Wo ist er? antwortet, sondern auch in Erzählungen und anderen Texten auftritt:
„Gestern, als ich in Saida arbeiten war, kam ein libanesischer Geheimdienstler und fragte, was ich hier tue“, beginnt er zu erzählen. (Beispiel von König)
Weitere Beispiele (aus dem Internet) machen vollends deutlich, daß es nicht immer darum geht, Abwesenheit von einem Bezugsort auszudrücken:
Als ich gerade nach langer Zeit mal wieder bei Rewe einkaufen war, kam mir im Gang die Verkäuferin entgegen, schaute mich von oben bis unten an, lächelte und sagte Hallo.
Der Flyer lag ironischerweise in einer Zoohandlung aus, in der ich gerade einkaufen war.
Nein, ich habe diese Creme probiert, weil ich gerade einkaufen war und mal was Neues ausprobieren wollte.
Immer wenn ich einkaufen bin, bringe ich meinen beiden Kaninchen etwas mit.
Hier waren wir schon oft essen.
Immer wenn wir essen sind und ich meine Lammpfanne ess - schüttelt es ihn!
Ich war unterschreiben, eigentlich war das Thema ja durch, bis die neue Regierung in Bayern wieder "kippen musste".
(Es geht um das Volksbegehren zum Rauchverbot)
Ich geb's öffentlich zu: Ich war unterschreiben. (ebenso)
Ich war Blut spenden.
Wie oft bist du schon Blut spenden gewesen?


Zwar implizieren alle Beispiele, daß der Betreffende sich anderswohin begeben hat, um die genannte Tätigkeit auszuüben, aber die Abwesenheit ist nicht der eigentliche Inhalt der Aussage.

Beispiele wie ich war unterschreiben widersprechen auch der Ansicht, daß es sich beim Infinitiv um ein „duratives“ Verb handeln müsse. Nicht einmal die eigene Aktivität des Subjekts ist erforderlich:
Das Mädchen war Haare schneiden. Ich war Blut abnehmen. (vom Patienten geäußert)

Die Dudengrammatik behauptet: „Sein bildet mit dem Infinitiv intransitiver Tätigkeitsverben 'absentive' (lat. 'abwesend') Verbalkomplexe (Krause 2002:23): Frida ist wieder schwimmen.“ (Dudengrammatik 2005:434)
Die Verben können aber auch transitiv sein: Frieda ist Blut spenden, Haare schneiden, Schuhe kaufen, Tennis spielen, Bücher ausleihen, Kaffee holen, Pilze sammeln.

Daß die Person nach beendeter Tätigkeit an den Ausgangsort zurückkehrt, ist nicht zwingend, läßt sich aber vermuten, denn wenn die Tätigkeit der Grund für die Ortsveränderung war, dann wird die Person sich danach wohl wieder am früheren Ort befinden.

Zu der Annahme, es handele sich um eine wiederkehrende Tätigkeit, könnte man aufgrund folgender Überlegung gelangen: Es muß sich um eine übliche Tätigkeit handeln, sonst wäre dem Hörer nicht klar, warum man ihretwegen den Ort wechseln sollte. Eine außergewöhnliche oder sehr abstrakt umschriebene Tätigkeit wäre als Begründung weniger verständlich: sie ist kneten, auswandern, Stellung nehmen, Berufung einlegen usw. Die üblichste Tätigkeit, die heute eine Fortbewegung aus dem gewohnten Raum motiviert, ist anscheinend das Einkaufen; nach einer Erhebung von König ist einkaufen das mit Abstand häufigste Verb in Absentivkonstruktionen. Die Gewöhnlichkeit der Handlung kann mit regelmäßiger Wiederholung zusammenhängen, aber das ist nicht zwingend, vgl. die Beispiele mit unterschreiben oder Blut spenden.

Auf hobbymäßig betriebenes Verhalten oder ähnliche Zusatzbedingungen schließlich deutet gar nichts hin.


Sucht man nach einer Gemeinsamkeit sämtlicher Beispiele, die nicht vorab auf „Abwesenheit“ festgelegt ist, so stößt man auf den finalen Infinitiv. Er geht wahrscheinlich auf den Akkusativ eines Verbalsubstantivs zurück. In der älteren Sprache war er verbreiteter, heute wird das finale Verhältnis oft durch die Präposition zu oder eine Konstruktion mit um zu verdeutlicht.
„...it gradually became more common to place before the infinitive the preposition zu or later also um zu, which brought out the idea of purpose more clearly.“ (Curme 1922/1964:275)

Es sind zwei Fälle zu unterscheiden:
1. Der freie finale Infinitiv ohne zu ist heute recht selten. Weder in Eisenbergs Zusammenstellung der Infinitivkonstruktionen (1999:339) noch im Handbuch der deutschen Wortarten (Hoffmann 2007) wird er erwähnt. Immerhin kommt er vor:
Aber meistens sitze ich natürlich im italienischen Eiscafé Teenager beobachten. (Eckhard Henscheid: Geht in Ordnung – Sowieso – Genau. Frankfurt 1979:20)

2. Der Infinitiv nach Verben der Fortbewegung.
Recht häufig ist der reine Infinitiv nach Verben der Fortbewegung. Eisenberg schreibt:
„Semantisch kommt der Typ 1b [Egon geht schwimmen] einem finalen Adverbial nahe. Der Vergleich von Karl fährt Milch holen mit dem finalen Infinitiv Karl fährt, um Milch zu holen zeigt aber, daß nicht Finalität im engeren Sinne vorliegt. Finalität ist eine Relation zwischen voneinander getrennten Sachverhalten. Eine solche Trennung ist bei Karl fährt Milch holen nicht gegeben.“ (Eisenberg 1999:341)
Der Beispielsatz ist so gewählt, daß zumindest in einer bestimmten Lesart die Getrenntheit der beiden Sachverhalte nicht deutlich wird, weil das Fahren als Teil des Holens verstanden werden kann (s. o. zu einholen). Vgl. aber Karl fährt in die Stadt Milch holen. Hier lassen sich die beiden Sachverhalte leichter trennen: Karl fährt in die Stadt, und zwar Milch holen. Nur bei spazierengehen sind die Sachverhalte eindeutig nicht getrennt, denn man geht nicht, um dann zu spazieren, sondern macht einen Spaziergang, wie es bezeichnenderweise heißt. Das Verb gehen legt „troponymisch“ die Art des Spazierens im Unterschied zu fahren, reiten usw. fest.

„Eine alte Verwendung des Inf. ist die nach Verben der Bewegung zur Bezeichnung des Zieles, wovon sich Reste erhalten haben. So nach gehen. Allgemein üblich sind schlafen, baden gehen. Bei betteln und spazieren gehen denkt man jetzt nicht mehr an das Ausgehen zu einem Zwecke, sondern an den Verlauf des Bettelns und Spazierens.“ (Paul 1920, Bd. IV:95)
Im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform war darauf hinzuweisen, daß kennenlernen, spazierengehen usw. im Gegensatz zu schwimmen lernen, schwimmen gehen keine zwei getrennten Sachverhalte (mehr) bedeuten (woraus freilich nicht folgt, daß es sich um Komposita handeln müsse, und die konventionelle Schreibweise ist wiederum etwas anderes).
Gerade die Abwertung des Fortbewegungsverbs ist die Voraussetzung seiner Ersetzung durch sein:
Karl ist in die Stadt Milch holen.
Es kommt auf das Ziel an, nicht auf die Fortbewegungsweise. Regional kennt man das Allerweltsverb machen in dieser Funktion: Er macht über die Grenze.

Der als „Absentiv“ beschriebene Fall wurde traditionell als elliptische Konstruktion verstanden. Weggefallen wäre demnach das Partizip II eines Fortbewegungsverbs wie gegangen. Diese Erklärung vertritt im wesentlichen auch noch Werner Abraham und weist darauf hin, daß die Fortbewegungsverben typischerweise ihr Perfekt mit sein bilden. (Bei Abraham wird das fortgefallene Verb zum „silent trigger“. Der Lehre von solchen stummen Kategorien schließe ich mich nicht an.) Man braucht sich nicht auf gehen festzulegen, die Synonyme haben denselben Effekt, vgl.
Er ist zu Schiff nach Frankreich (gegangen, gefahren, gesegelt ...) (Schiller) Stefenson ist nach Amerika hinüber. (Paul Keller: Ferien vom Ich. Berlin 1915:367)
Mit einem harmlosen Psychologismus könnte man sagen, dem Sprecher schwebe allgemein eine Ortsveränderung vor und führe zur Wahl des Hilfsverbs sein.
Die große Unsicherheit hinsichtlich der Groß- und Kleinschreibung (viele Belege für Ich bin Blutspenden, Skifahren [gegangen]) deutet auf den empfundenen Substantivcharakter des finalen Infinitivs hin.

Die Zielangabe kann auch mehrfach gesetzt werden, wobei die erste durch die zweite präzisiert wird:
Er fährt nach Frankfurt die Messe besuchen.

Zumindest ein Teil der „absentiven“ Konstruktionen fügt sich damit in das allgemeinere Muster der Nichtsetzung von Fortbewegungsverben bei Richtungsangaben: ich muß zur Arbeit, sie darf in die Schule usw. Es ist besser, hier von „Nichtsetzung“ zu sprechen, um sich nicht auf den problematischen Ellipsenbegriff festlegen zu müssen. Blatz schreibt zwar: „Ziemlich veraltet ist der finale Infinitiv nach sein = gegangen sein, z. B. (...) Er ist jagen.“ (Blatz 1900:569) Aber auch diese Umschreibung muß nicht im Sinne einer elliptischen Deutung verstanden werden. Vgl. noch:
„In Verbindungen von Hilfszeitwörtern mit Bewegungsverb kann dieses erspart werden, so daß äußerlich betrachtet der Inf. nach sein, wollen usw. steht.“ (Behaghel 1924:317)

Zwischen räumlichem Ziel und Handlungsziel oder -zweck läßt sich kaum unterscheiden, sie ist in die Stadt und sie ist einkaufen sind parallel gebaut. „Die verbale Ergänzung bezeichnet bei den Bewegungsverben eine Art abstrakte Richtungsbestimmung (...).“ (Eisenberg 1999:340) Durch das Fehlen eines Fortbewegungsverbs scheint der finale Infinitiv nun vom Verb sein regiert zu werden, wie Behaghel sagt. Eine Ersetzung der kohärenten Konstruktion durch den satzwertigen finalen Angabesatz (um einzukaufen) kommt nicht in Betracht. Die semantisch nächstliegende Umschreibung wäre wohl: sie ist zum Einkaufen. Weil es in solchen Fällen eine gewisse Bedeutungsnähe zum „Progressiv“ (sie ist am Einkaufen) gibt, kehrt in der kurzen Tradition der Absentiv-Diskussion der Vergleich von Absentiv und Progressiv ständig wieder. Dabei scheint die wirkliche oder vermeintliche Entsprechung zur englischen -ing-Form eine Rolle gespielt zu haben (vgl. Krause 2002). Im Deutschen gibt es keinen Grund, die beiden Konstruktionen in einen engeren Zusammenhang zu bringen, da sie sich gerade hinsichtlich der Finalität unterscheiden. Wenn jemand sich irgendwo befindet oder sich dorthin begeben hat, um etwas Bestimmtes zu tun, so wird man beim Fehlen weiterer Informationen schließen, daß er gerade dabei ist, es zu tun. Das ist aber nicht die Bedeutung der Konstruktion, sondern allenfalls eine aufhebbare Implikation.
Nicht immer führt die Hinzufügung von gegangen zu bedeutungsgleichen Ausdrücken: Waren Sie schon Blut spenden? vs. Waren Sie schon Blut spenden gegangen? Bei Ortsangaben kommt sie gar nicht in Betracht: Ich bin in der Stadt einkaufen. Auch hier versagt daher die „elliptische“ Erklärung. Für den finalen Infinitiv bedeuten diese statischen Konstruktionen aber kein Problem.


Zusammenfassung:

1. Der reine finale Infinitiv drückt in selten gewordenen Fällen den Zweck einer Handlung aus – heute wohl nur noch nach Ausdrücken der Fortbewegung und des Aufenthalts: Er fährt (nach Frankfurt) die Messe besuchen. Er sitzt im Café Teenager beobachten.
2. Angaben von Ziel und Zweck kommen auch ohne Fortbewegungsverb mit sein vor: Er ist in die Schule/Er ist einkaufen. Es ist richtig, diese Verwendung des Verbs sein in die Wörterbücher aufzunehmen, aber nicht als „absentives sein“. Auch die „Konstruktionsgrammatik“ zu bemühen ist überflüssig. Anders als König meine ich, daß die Konstruktion sich sehr wohl „unter eine andere, bereits bestehende Konstruktion subsumieren lässt“ (König 2009:65). Die Bedeutungskomponente der „Abwesenheit“ ist ein vorhersagbarer Nebeneffekt des finalen Infinitivs in einigen seiner Verwendungen.

Literatur:

Abraham, Werner (2008): „Absentive arguments on the Absentive: An exercise in silent syntax. Grammatical category or just pragmatic inference?“ In: Language Typology and Universals (STUF) 61/4:358-374.
Behaghel, Otto (1924): Deutsche Syntax. Band II. Heidelberg.
Blatz, Friedrich (1900): Neuhochdeutsche Grammatik. Zweiter Band: Satzlehre (Syntax). Karlsruhe.
Curme, George O. (1922/1964): A Grammar of the German Language. Rev. Edition. New York.
de Groot, Casper (2000): „The absentive“. In: Östen Dahl (Hg.): Tense and aspect in the languages of Europe. Berlin/New York:693-719.
Duden (2005): Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Hrg. von der Dudenredaktion. Mannheim u. a.
Eisenberg, Peter (1999): Grundriß der deutschen Grammatik II: Der Satz. Stuttgart.
Glück, Helmut (Hg.) (2005): Metzler Lexikon Sprache. 3. Aufl. Stuttgart.
Hentschel, Elke/Vogel, Petra M. (Hg.) (2010): Deutsche Morphologie. Berlin.
Hoffmann, Ludger (Hg.) (2007): Handbuch der deutschen Wortarten. Berlin.
König, Svenja (2009): „Alle sind Deutschland … außer Fritz Eckenga – der ist einkaufen! Der Absentiv in der deutschen Gegenwartssprache“. In: Winkler, Edeltraud (Hg.): Konstruktionelle Varianz bei Verben (= OPAL-Sonderheft 4/2009):42-74.
Krause, Olaf (2002): Progressiv im Deutschen: Eine empirische Untersuchung im Kontrast mit Niederländisch und Englisch. Tübingen.
Vogel, Petra M. (2007): „Anna ist essen! Neue Überlegungen zum Absentiv in den europäischen Sprachen mit einem Exkurs zum Deutschen“. In: Geist, Ljudmila/Rothstein, Björn (Hg.): Kopulaverben und Kopulasätze: Intersprachliche und Intrasprachliche Aspekte. Tübingen:253-284.



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Kommentare zu »Kein „Absentiv“ im Deutschen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.02.2017 um 04.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#34593

Es ist dann ohne Abschluß von der Schule.

Sie ist längst aus dem Haus.


Wenn man irgendwohin ist, kann man nicht gleichzeitig dort sein, wo man vorher gewesen ist; das ist das ganze Geheimnis des „Absentivs“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2016 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#33367

An dem verhängnisvollen Abend vor einem Jahr war er laut den Gerichtsunterlagen mit seiner Ehefrau und einem Verwandten zunächst Essen gewesen und hatte danach noch mit Freunden Alkohol getrunken. (faz.net 23.9.6)

Wenn man Pleite gehen kann, kann man auch Essen gewesen sein. Vielleicht ist er Glasnudeln gewesen, denn es geht um den Schenker-Chef, der in Singapur einsitzen muß, weil er im Suff gegen einen Taxifahrer gewalttätig geworden ist. Erinnern kann er sich nicht – „Absentiv“ hat hier also noch eine zweite Bedeutung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.07.2016 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#32906

Merkel war Pommes essen. (Focus 24.7.16)

Das ist nicht einmal "absentiv", denn auf die Abwesenheit kommt es gar nicht an, wie der Zusammenhang bestätigt:

Da macht es Schlagzeilen, wenn sich Merkel einmal wie ein ganz normaler Mensch verhält - und das auch noch öffentlich. Wie beim EU-Gipfel im Februar in Brüssel: Merkel war Pommes essen. Manchen Bürgern ist sie damit näher gekommen als mit dem ganzen Gipfel zur Flüchtlingspolitik und dem damals erst drohenden - und inzwischen beschlossenen Ausstieg - der Briten aus der Europäischen Union.


 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2016 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#32694

Die Präposition ohne steht mit Akkkusativ, unter dem Einfluß des Antonyms mit auch schon lange mit Dativ, wie man an ohnedem sieht. Adverbial nachgestellt mit Genitiv: Zweifels ohne, dann zusammengezogen.

Scherzhaft: Weiter kommt man ohne ihr.

Ernsthaft: Sie entsprechen immer Verb-End-Strukturen ohne overtem Subjekt. (Angelika Wöllstein in: Hélène Vinckel-Roisin (Hg.): Das Nachfeld im Deutschen. Theorie und Empirie. Berlin u.a. 2015:119)

(Ich habe die Beobachtung hier eingerückt, weil Wöllstein wieder vom Absentiv handelt, schwer verständlich und mit selbstgemachten Beispielsätzen nebst selbstverliehenen Sternchen – obwohl der Sammelband "Empirie" verspricht. Aber Generativisten halten ja die Erforschung der eigenen Sprachkompetenz für Empirie...)
 
 

Kommentar von Claus K., verfaßt am 15.07.2014 um 00.39 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#26333

Was ich in der ganzen Debatte um den Absentiv vermisse, sind Auseinandersetzungen damit, inwiefern überhaupt Kriterien der Grammatikalisierung zutreffen (etwa nach Lehmann).

Unter dem Gesichtspunkt der "Bedeutungsentleerung" stellt sich die Situation für mich nämlich schnell recht deutlich dar:

*Er fährt nach Frankfut die Messe besuchen: ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie er fährt, und dann die Messe besucht.
*Er sitzt im Café Teenager beobachten: auch da sehe ich, wie er dasitzt und die Teenager mustert
*Ich sehe ihn kommen: ich sehe ihn und er kommt
*Ich lasse ihn die Katze streicheln: jemand anderes darf die Katze streicheln, ich erlaube es.

Dies ist bei "Er ist einkaufen" anders: ich sehe, wie jemand das Haus verlassen hat, einkauft und danach wiederkommt. Das ist ein komplexer Zusammenhang, der mit ganzen drei Wörtern ausgedrückt wird. Der Fokus liegt auf dem infiniten Verb, "sein" spielt eine untergeordnete Rolle und dient nur dazu, die Konstruktion herzustellen. Deswegen merkt man auch, dass "Er ist neben mir am Tisch Suppe essen" schlicht ungrammatisch ist, das ist wie "Ich werde vor zwei Wochen arbeiten" oder "Ich habe morgen ins Kino gegangen".

Zweitens haben wir bei den anderen Beispielen eine weitreichende Wahlfreiheit hinsichtlich des finiten Verbs: ich fahre, laufe, schwebe, fliege, teleportiere, gleite, radle usw. usf. nach Frankfurt. Er sitzt, hockt, steht, fläzt, flackt, gammelt, lungert usw. usf.

Das geht mit der bestrittenen Absentivkonstruktion nicht: das finite Verb muss "sein" heißen.

Die Absentiv-Konstruktion unter bestehende Infinitiv-Konstruktionen subsumieren zu wollen, muss scheitern, da sie viel stärkeren Zwängen unterliegt, aber auch mehr ausdrückt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.08.2013 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#23834

Angelika Wöllstein kommt in dem genannten Aufsatz mit großem Aufwand (den ich hier nicht kommentieren will) zu sehr ähnlichen Ergebnissen wie ich. Da ist es natürlich geschickt, meine Argumente nicht im einzelnen zu referieren, sondern nur pauschal als "bemerkenswert" zu kennzeichnen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2013 um 16.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#23799

Das Neueste zum Absentiv steht hier:

www1.ids-mannheim.de/fileadmin/gra/neuerOrdner/Woellstein_Absentiv_Festschrift_Olsen.pdf

Zu meinem Eintrag auf dieser Website sagt die Verfasserin, sie finde meinen Hinweis "bemerkenswert", aber warum?
 
 

Kommentar von YN, verfaßt am 30.12.2010 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17655

Kurz vor dem Jahreswechsel ist mir eine Schnapsidee eingefallen. Danach könnte dem "Absentiv" sein Platz im deutschen Verbalsystem etwa wie folgt zugewiesen werden:

Ingressiv: Er geht Haare schneiden
Resultativ: Er ist Haare schneiden

Ingressiv: Er kommt Haare schneiden
Resultativ: Er ist hier Haare schneiden

Vergleichbares kann man über die entsprechenden Passivkonstruktionen und Funktionsverbgefüge sagen:

Ingressiv: Ihm werden die Haare geschnitten
Resultativ: Ihm sind die Haare geschnitten

Ingressiv: Er bekommt die Haare geschnitten.
Resultativ: Er hat die Haare geschnitten

Ingressiv: Der Haarschnitt geht aus der Mode.
Resultativ: Der Haarschnitt ist aus der Mode.

Ingressiv: Der Haarschnitt kommt in Mode.
Resultativ: Der Haarschnitt ist in Mode.

Hoffentlich ist der Einfall nicht so absurd wie die Rechtschreibreform.
Ein glückliches Neujahr wünsche ich Ihnen allen!
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 05.12.2010 um 22.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17453

Lieber Herr Nakayama,

vielen Dank für Ihren neuen Beitrag. Ich finde Ihre Beiträge immer wieder interessant und erleuchtend.

Ihr Beispiel (c) ist tatsächlich ein starkes Argument gegen die Annahme einer Ellipse. Allerdings hat die Aussage Sie ist einkaufen eine nicht ausdrückliche Bedeutung der Abwesenheit. Man könnte vielleicht sagen, daß die ausführlichere Aussage Sie ist einkaufen gegangen diese Bedeutung explizit ausdrückt, was aber, wie in Ihrem Beispiel (c), nicht immer möglich ist.

Ich habe übrigens das Gefühl, daß womöglich ein kleines Mißverständnis aufgetreten sein könnte. Meine Verwendung des Worts angemessen bezog sich alleine auf ein Beispiel einer bestimmten hypothetischen Antwort auf eine bestimmte Frage. Daß ich Ihre Beiträge in diesem Forum für weit mehr als nur angemessen halte, versteht sich hoffentlich von selbst.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.12.2010 um 12.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17405

Verben der Wahrnehmung wie hören und sehen werden auch als Modalverben mit dem reinen Infinitiv gebraucht.
Die Sprachentwicklung scheint davon jetzt auch Verben der Bewegung wie gehen, kommen, fahren zu erfassen.
Die Hochsprache wurde schon immer von der Umgangssprache beeinflußt.
 
 

Kommentar von YN, verfaßt am 04.12.2010 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17402

Lieber Herr Achenbach,
vielen Dank für Ihren Kommentar.
Ich versuche, Ihnen möglichst angemessen zu antworten.

1. Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Das Urteil, daß der Satz Ich bin einkaufen gekommen nicht ‚grammatisch‘ ist, stützt sich deswegen nur auf Beurteilungen zweier deutscher Bekannten. Die eine Informantin findet den Satz inakzeptabel, der andere findet ihn nicht standardsprachlich, wenn nicht gar unmöglich. Erben (1972: 301 Anm. 309) bemerkt sinngemäß, kommen mit reinem Infinitiv in Niemand kam sie besuchen folge möglicherweise dem Muster von gehen und sei hochsprachlich noch nicht sehr verbreitet. Vielleicht hat sich inzwischen die Sprache entwickelt und die Konstruktion hat sich mehr verbreitet, was Herr Germanist auch bestätigt. Mir scheint immerhin, daß nicht so bekömmlich und gängig ist wie .
Ob inakzeptabel oder akzeptabel, das ändert aber nicht so sehr an meiner Feststellung, daß (synchronisch) unmöglich durch Reduzierung von Perfektsätzen mit abgeleitet werden kann, denn sie verhalten sich grammatisch anders.
(a) Bei gehen/kommen-Perfekt kann die Implikation des andauernden Nachzustands durch einen entsprechenden Zusatz aufgehoben werden, während dies bei sein+Infinitiv im Präsens ausgeschlossen ist:
Sie ist einkaufen gegangen/gekommen, aber dann ist sie wieder zurückgekommen/weggegangen.
* Sie ist einkaufen, aber dann kam er zurück / aber dann ging sie wieder weg.
(b) gehen/kommen-Perfekt ist mit vergangenheitsbezogenes Adverbial verträglich, sein-Infinitiv im Präsens dagegen nicht und hat sogar eine eigenständige Perfektform:
Sie ist gestern einkaufen gegangen/gekommen.
.* Sie ist gestern einkaufen. (Aber: Sie ist gestern einkaufen gewesen)
(c) gehen/kommen-Perfekt ist im Unterschied zu sein+Infinitiv schlecht mit dauerzustandbezogenes Adverbial verträglich:
*Sie ist immer noch / seit heute früh einkaufen gegangen/gekommen.
Sie ist immer noch / seit heute früh einkaufen.
Wenn beide Konstruktionen sich so verschieden verhalten, darf ich wohl daraus schließen, daß sie nicht in Ableitungsrelationen stehen, oder?

2. Ich wohne in einer Vorstadt von Tokyo. Zum Zentrum fahre ich nur wochentags. Ausnahmsweise gehe ich an einem Wochenende ins prächtige Einkaufsviertel Ginza einkaufen. Während meines Einkaufsbummels bekomme ich Durst und gehe in ein chickes Café und genieße Tee und Kuchen, den Preis kann man dabei vergessen. Diese selige Zeit wird durch eine Frage meines Kollegen unterbrochen, der zufällig auch im Café ist: „Was machst du denn hier?“ Wenn ich darauf antworten würde, wenn auch lächelnd: „Ich trinke Tee und esse Kuchen“, wäre das keine angemessene Antwort. Statt dessen würde ich antworten: „Ich bin hier einkaufen“.

Hoffentlich war das eine angemessene Antwort.
(Tut mir leid, daß ich objektsprachliche Ausdrücke hier nicht kursiv zu schreiben weiß, das ist sicher unangemessen.)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.12.2010 um 13.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17390

Am Telefon kann man sagen. "Kommen Sie die Heizung reparieren?"
Der Handwerker kann sagen: "Ich komme die Heizung reparieren."
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 03.12.2010 um 02.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17389

Lieber Herr Nakayama,

woraus schließen Sie, daß Ich bin einkaufen gekommen "grammatisch falsch" sei? Ich kann daran grammatisch nichts aussetzen.

Dagegen sind diese Antwort und (vielleicht erst recht) die Antwort Ich bin gekommen, um einzukaufen "kontextuell unangemessen", da keine Antwort auf die Frage. Denn damit sagt er/sie ja gar nicht, was er/sie "hier macht", sondern nur mit welcher Absicht er/sie gekommen ist: "Ich bin gekommen, um einzukaufen, habe aber lieber ein Stück Kuchen gegessen."

Wenn Sie sagen, die -Konstruktion bezeichne "nur den Grund der Ab- bzw. Anwesenheit", dann ist auch Ich bin einkaufen keine angemessene Antwort, da damit ja nicht gesagt wäre, was er/sie tatsächlich tut.

Woraus schließen Sie ferner, daß die -Konstruktion "keine durch das Weglassen von Bewegungsverben entstande elliptische Konstruktion" sei? Es mag sein, daß es sich nicht "beweisen" läßt, daß es sich um eine elliptische Konstruktion handelt; ebensowenig läßt es sich aber beweisen, daß es sich nicht um eine elliptische Konstruktion handelt.

Gerade wenn Sie sagen, daß die -Konstruktion "nur" den Grund der Ab- bzw. Anwesenheit bezeichne, dann ist der Satz(?) Ich bin einkaufen ja eigentlich schon deshalb elliptisch, weil daraus ja gar nicht hervorgeht, ob es sich um eine An- oder Abwesenheit handelt.

Richtiger wäre wohl zu sagen, daß Ich bin einkaufen entweder eine Ab- oder Anwesenheit (was aber wegen der Ellipse nur aus dem Zusammenhang zu erschließen ist), sowie auch die damit verbundene Absicht ausdrückt.
 
 

Kommentar von YN, verfaßt am 02.12.2010 um 20.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17387

Nach allem, was ich hier erläutert bekam und was ich selber beobachtet habe, wage ich nun folgendes festzustellen:

Kann ich mit Julia sprechen?
1. a) Tut mir leid, sie ist in den Park spazieren gegangen.
b) Ja, sie ist in den Park spazieren gegangen, sie ist aber
inzwischen wieder da.

2. a) Tut mir leid, sie ist in den Park spazierengehen.
b) *Ja, sie ist in den Park spazierengehen, ist aber
inzwischen wieder da.

3. a) Tut mir leid, sie ist in den Park.
b) *Ja, sie ist in den Park, sie ist aber inzwischen wieder da.

4. a) Tut mir leid, sie ist im Park spazieren(gehen).
b) *Ja, sie ist im Park spazieren(gehen), sie ist aber
inzwischen wieder da.

Was machst du hier?
1. a) *Ich bin einkaufen gegangen,
b) *Ich bin gegangen, um einzukaufen.
(beides grammatisch möglich, aber kontextuell
unangemessen)

2. a) *Ich bin einkaufen gekommen. (grammatisch falsch)
b) Ich bin gekommen, um einzukaufen.

3. Ich bin einkaufen.

Aus diesen Beobachtungen schließe ich:
(1) -Konstruktion wie 'Sie ist spazierengehen'
oder 'Ich bin einkaufen' sind keine durch das Weglassen von
Bewegungsverben entstande elliptische Konstruktion
(2) -Konstruktion fungiert sowohl "absentiv" als auch "präsentiv". Sie bezeichnet nur den Grund der Ab- bzw. Anwesenheit der betreffenden Person.

Diese Konstruktion kann im übrigen nicht oder kaum mit sog. achievement-Prädikaten gebildet werden:
a) Julia ist schlafen. (state)
b) Julia ist einen Job suchen. (activity)
Julia ist in Amerika reisen.
c) Julia ist den Montblanc besteigen. (accomplishment:
telisch und durativ)
d) *Julia ist einschlafen. (achievement: telisch und punktuell)
?Julia ist einen Job finden.
*Julia ist nach Amerika abreisen.
*Julia ist auf dem Montblanc ankommen.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 29.11.2010 um 21.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17368

M. E. kann man auf die Frage "Kann ich mit Julia sprechen?" u. a. antworten:

Tut mir leid,
sie ist in den Park spazierengegangen. (sie ist weg)
sie ist in dem Park spazierengegangen. (möglicherweise ist sie schon wieder zurück, sehen tue ich sie aber nicht)

sie ist in den Park(,) spazierengehen. (sie ist weg)
sie ist in dem Park spazierengehen. (sie ist weg)

sie ist in den Park(,) spazieren.
sie ist in dem Park spazieren.

sie ist Gemüse einholen gegangen.
sie ist Gemüse einholen.

sie ist einen Job suchen.
sie ist einen Job finden (falls sie eine Jobbörse besucht, wo man sich einen Job aussuchen und ihn so finden kann)

sie ist sich hinlegen. (umgangssprachlich, kurz bevor die Frage gestellt wurde, ging sie weg, um sich hinzulegen)
sie ist sich hinlegen gegangen.

sie ist nach Amerika(,) reisen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.11.2010 um 17.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17365

Meine letzte Frage kommt mir im nachhinein etwas provokativ vor, wofür ich mich entschuldigen möchte. Ich wollte nur mein Problem auf den Punkt bringen. Ich hielt das grammatische Muster früher für unvollständig, aber, wie schon gesagt, ich will mir diese für mich neue Sichtweise gern zu eigen machen.

Daß man einen Satz oder Ausdruck nicht nur grammatisch beurteilen soll, finde ich so selbstverständlich, daß ich es in der Diskussion immer voraussetzte und es mir deshalb nur auf die grammatische Frage ankam.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2010 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17364

Herr Achenbach hat völlig richtig darauf hingewiesen, daß man einen Ausdruck aus verschiedenen Gründen für kaum akzeptabel halten kann. Das haben auch die Generativisten meist übersehen.
Bei "reisen" kommt es wohl hauptsächlich daher, daß das Reisen keine vorübergehende, wohlumrissene Tätigkeit ist wie Einkaufen – normalerweise (siehe Haupteintrag mit weiteren Beispielen)! Aber unter gewissen Umständen kommt gerade dies doch in Betracht.
Und Schillers "Er ist zu Schiff nach Frankreich" halte ich selbstverständlich für einen rundum korrekten Satz, nicht weil er von Schiller ist, sondern weil er ein seit langem übliches grammatisches Muster erfüllt.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 29.11.2010 um 13.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17362

Die Einkaufsauskunft würde ich schriftlich mit Komma wiedergeben: "Sie ist zu Karstadt, einkaufen." Nach diesem Muster ist dann auch "Sie ist nach Amerika, reisen" und sogar "Sie ist in den Park, spazieren" akzeptabel.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 29.11.2010 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17361

"Sie ist zu Karstadt einkaufen" ist eine unvollendete Handlung,weil nicht sicher ist, ob sie dort wirklich etwas kauft.

"Sie ist nach Amerika reisen" ist eine vollendete Handlung, weil Amerika als Ziel der Reise verstanden wird.

"Sie ist nach Amerika studieren" ist eine unvollendete Handlung, weil nicht klar ist, ob sie das Studium dort abschließt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.11.2010 um 10.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17360

Entschuldigung, Herr Achenbach sagt nicht "grammatisch richtig, weil realistisch", er sagt "erlaubt, weil realistisch". Ich habe aber den Eindruck, daß Sie, lieber Prof. Ickler, jede realistische Dialogantwort auch als grammatisch vollständigen Satz betrachten?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.11.2010 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17359

Ich hatte tatsächlich Ihr "unrealistisch" als "grammatisch falsch" mißverstanden und danke Ihnen für die Klarstellung, lieber Herr Achenbach. Allerdings bin ich von Anfang an immer davon ausgegangen, daß es hier vor allem um Grammatik geht. Alles andere hängt ja, wie Prof. Ickler schon sagte, von den womöglich sehr "ausgefallenen Bedingungen" ab.

Ich muß zugeben, daß mich aber auch Prof. Icklers letzter Beitrag verwirrt. Man kann natürlich mündlich vieles formulieren, was zwar gutes Deutsch, aber nicht unbedingt ein grammatisch vollständiger deutscher Satz ist. Auch Schillers Stücke bestehen ja hauptsächlich aus Dialogen. Man kann auf die Frage "Kann ich mit Julia sprechen?" auch in einwandfreiem Deutsch antworten "Nicht zu Hause". Ich dachte aber, es geht hier vor allem darum, was zwar nicht unbedingt guter Stil, aber zumindest vollständige deutsche Sätze sind. Wenn ich nun Ihre letzten Beispiele sehe, lieber Prof. Ickler ("Dem Leben zuliebe." ...), zweifle ich doch wieder daran, ob Sie z.B. Schillers "Er ist zu Schiff nach Frankreich." für einen grammatisch richtigen, vollständigen deutschen Satz (weil "realistisch", wie Herr Achenbach sagt) oder nur für eine im Dialog mögliche, grammatisch korrekte Kurzformel halten.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 29.11.2010 um 02.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17358

Lieber Herr Riemer,

ich habe bewußt den Satz Sie ist nach Amerika reisen als "unrealistisch" bezeichnet, weil ich glaube, daß sich niemand so ausdrücken würde. Ich glaube klargemacht zu haben, daß damit keine Aussage darüber, ob dieser Satz "grammatisch (oder sonstwie) richtig" ist, verbunden ist.

Ich sehe auch keinen "Struktur"-Unterschied.

Die Sätze

Sie ist zu Karstadt einkaufen
und
Sie ist nach Amerika reisen

haben doch haargenau dieselbe "Struktur".

Nach Prof. Ickler könnte man sie wie folgt umformulieren:

Sie ist zu Karstadt gegangen, um dort einzukaufen
und
Sie ist nach Amerika gegangen, um dort zu reisen.

Den letzten Satz halte ich für ebenso "unrealistisch". Sonst könnte man ja auch nach Amerika reisen, um dort zu reisen. Glauben Sie ernsthaft, daß jemand das so sagen würde? Man kann nach Amerika gehen, um das Land zu bereisen, um im Land umherzureisen, um dort zu studieren oder um Graceland zu besichtigen, aber nicht um dort zu reisen. Eigentlich dreht es sich also die Verwendung des Worts reisen und nicht um die allgemeine Frage des Absentativ. Das habe ich bei meinem letzten Beitrag noch nicht so erkannt.

Wenn aber YN fragt, ob man auf die Frage "Kann ich mit Julia sprechen?" mit sie ist nach Amerika reisen antworten könne, dann ist meine Antwort nach wie vor nein. Das "stimmt mit meinem Sprachgefühl" nicht überein.

Worauf ich in meinem Beitrag hauptsächlich hinauswollte, ist aber, daß man aus derartigen Antworten nicht schließen kann, ein Ausdruck sei grammatisch falsch. Daß ein Satz mit dem Sprachgefühl nicht übereinstimmt, kann ganz verschiedene Gründe haben.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.11.2010 um 14.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17355

Herr Achenbach hält den Satz
Sie ist nach Amerika reisen.
für völlig unrealistisch, weil er ihm, so wie ich anfangs auch, die gleiche Struktur gibt wie
Sie ist einkaufen.

Prof. Ickler interpretiert ihn aber so wie z.B.
Sie ist nach Amerika studieren.

Der letzte Satz ist eindeutig strukturiert, bei reisen kommt die Doppeldeutigkeit daher, weil man sowohl nach Amerika reisen wie auch (in Amerika) reisen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2010 um 09.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17353

Man wundert sich oft, daß manche für unmöglich gehaltenen Konstruktionen unter ausgefallenen Bedingungen dann doch vorkommen, aber so ist die Sprache.

Mit "Ellipsen" sind die Sprachwissenschaftler vorsichtig. Bei Ellipsen sollte man erwarten, daß das Ausgelassene sich ergänzen läßt, aber wenn eine ganze Schar möglicher Ergänzungen sich anbietet (hier die Fortbewegungsverben), dann wird es kritisch.
Es gibt übrigens zahlreiche Beispiele für Kasus, die irgendwie elliptisch anmuten, aber keine bestimmte Ergänzung durch regierende Verben fordern:

Dem Leben zuliebe. (Werbung für die Deutsche Krebshilfe)
Wie du mir, so ich dir.
Jedem das Seine. (suum cuique)
Wer - wen? (Lenin)
Jeden Schlüssel (Werbetafel in einem Eisenwarengeschäft)
Dem deutschen Volke. (Inschrift am Reichstag)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.11.2010 um 01.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17352

Die Frage von YN, dessen tiefgehende Kenntnis deutscher Idiomatik ich bewundere, bezog sich auf Frage und Antwort "Kann ich mit Julia sprechen? Tut mir leid, sie ist ...".

In diesem Zusammenhang drückt etwa die Antwort "Tut mir leid, Sie ist einkaufen [gegangen]" aus, daß Julia vorübergehend (kurzzeitig) für eine bestimmte Tätigkeit (Einkaufen) abwesend ist.

Sätze wie "Sie ist einkaufen" lassen sich - in diesem Zusammenhang - grundsätzlich als Ellipsen für "Sie ist einkaufen gegangen" interpretieren.

Deshalb halte ich die Antworten "Sie ist nach Amerika reisen", "Sie ist nach Amerika auswandern" usw. für völlig unrealistisch und die Urteile der deutschen Freunde in diesem Sinne für ganz richtig, weil es sich nicht um eine kurzzeitig vorübergehende Abwesenheit handelt.

Bei den anderen Wendungen spielen weitere Faktoren eine Rolle. So würde man, außer in besonderen Fällen, nie "in dem Park spazieren", sondern nur "im Park spazieren" sagen. Außerdem würde man hier nicht "spazierengegangen" schreiben, sondern "spazieren gegangen". Grundsätzlich könnte man auch "spazierengehen gegangen" sagen, was man aber aus naheliegenden Gründen nicht tut.

Ansonsten sind diese Beispiele nicht zu beanstanden. Ähnlich: "Sie ist bei/zu Karstadt einkaufen [gegangen]." Ebensowenig ist "Sie ist Gemüse einkaufen [gegangen]" zu beanstanden.

Bei Job suchen/finden halte ich die Antworten der deutschen Freunde für treffend. Man kann "gerade einen Job suchen", aber nicht "gerade einen Job finden". Man kann aber durchaus "[ins Arbeitsamt, um] einen Job [zu] finden[,] gehen".

Bei "sich hinlegen" sind an sich beide Ausdrücke unrealistisch. Eine normalere Ausdrucksweise wäre "Tut mir leid, sie hat sich hingelegt". Immerhin ist "sie ist sich hinlegen gegangen" um einen Hauch plausibler, weil hier der Gedanke der Ortsveränderung hineinspielt: Sie liegt nicht im Salon auf der Couch, sondern ist ins Schlafzimmer in die oberen Etage gegangen.

Hier spielen also grammatische, semantische, idiomatische und kontextuelle Dinge eine Rolle.

Eben deshalb kann man von einem Muttersprachler nicht verlangen, auf eine Frage "ist der Satz 'x' grammatisch richtig" mit ja oder nein zu antworten. Er kann allenfalls antworten "das würde ich so sagen" oder "das würde ich nicht so sagen".
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.11.2010 um 21.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17351

Aus den Beispielen von N Y ersieht man deutlich, daß die umgangssprachliche Form "ist + Infinitiv" höchstens bei imperfektiven Verben, d.h. solchen, die eine unvollendete Handlung beschreiben, zulässig ist, aber nicht bei perfektiven Verben, d.h. solchen, die eine abgeschlossene Handlung beschreiben. Imperfektive Verben können durch bestimmte Präfixe zu perfektiven gemacht werden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.11.2010 um 18.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17350

Lieber Herr Nakayama,
wenn Sie nun registrieren, daß die Meinungen auseinandergehen, dann werden Sie diese hoffentlich auch entsprechend wichten. Ich habe nur als Laie nach meinem persönlichen Sprachgefühl geurteilt.
Ich kenne natürlich die hier diskutierten Fälle, umgangssprachlich kommen sie oft vor. Mündlich wird gern abgekürzt, es wird nicht unbedingt immer in vollständigen Sätzen gesprochen, deshalb gibt es wohl einen großen Übergangsbereich zwischen guten, grammatisch richtigen Sätzen und mündlicher, abkürzender Sprechweise.
Was diesen Bereich betrifft, so habe ich wohl eine zu restriktive Auffassung (wenigstens nicht ganz so restriktiv wie Ihre deutsche Bekannnte) und bin gern bereit dazuzulernen. Ihre Fragen und Prof. Icklers Kommentare haben mir dabei geholfen, vielen Dank.

Ihre letzten drei Beispiele klingen für mich auch noch ungewöhnlicher als Sie ist nach Amerika (reisen)., aber nachdem ich gerade erst begonnen habe, mich an diesen Satz zu gewöhnen, möchte ich zu den letzten Variationen lieber noch nichts Definitives sagen.
 
 

Kommentar von YN, verfaßt am 27.11.2010 um 16.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17349

Vielen Dank für sehr aufschlußreiche Diskussionen. Beim Satz:

Sie ist nach Amerika reisen

scheinen die Meinungen auseinanderzugehen. Aber der Satz scheint mir viel besser zu sein als folgende Sätze:

Sie ist nach Amerika abreisen.
Sie ist nach Amerika verreisen.
Sie ist nach Amerika auswandern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2010 um 16.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17347

Nein, Sie ist nach Amerika usw. sind ganz in Ordnung, das war es gerade, was unter "Absentiv" erörtert wurde. (Schiller: "Er ist zu Schiff nach Frankreich.")
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.11.2010 um 12.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17345

Wenn man diese beiden Sätze akzeptiert:
Sie ist in den Park spazieren.
Sie ist nach Amerika reisen.,

heißt das dann nicht, daß man auch die folgenden anerkennt?
Sie ist in den Park.
Sie ist nach Amerika.

Diese bedeuten dann einfach, daß sie sich an den betreffenden Ort begeben hat. Zugegeben, formal grammatisch ist daran eigentlich nichts auszusetzen, aber ich hätte nicht gedacht, daß man so etwas einfach als Stilfrage abtun kann. Mir klingen diese Sätze unvollständig, irgendwie unzulänglicher als
Sie ist im Park.
Sie ist in Amerika.

Erweitern kann man diese Sätze, glaube ich, noch weniger, oder?
Sie ist täglich in den Park (spazieren).
Sie ist oft nach Amerika (reisen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.11.2010 um 10.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17344

Mit kleinen stilistischen Verbesserungen halte ich für möglich, also interpretierbar und möglicherweise auch belegbar (obwohl überwiegend mündlich, wie Herr Markner schon gesagt hat):

Sie ist in den Park spazieren = Sie ist in den Park gegangen, um dort zu spazieren (aber kaum im Sinne von: Sie ist gegangen, um in den Park zu spazieren)
Sie ist im Park spazieren = Sie ist im Park, um dort zu spazieren.

(Beide Fälle leiden daran, daß man "spazieren" ohne "gehen" usw. kaum noch sagt.)

Sie ist nach Amerika reisen = Sie ist nach Amerika gegangen, um dort zu reisen, also wie: Sie ist nach Amerika Graceland besichtigen.

Sie ist Gemüse einholen (wie von Herrn Markner erklärt, kein Problem mit dem Regionalismus).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.11.2010 um 01.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17343

Einen weiteren Sternchensatz muß ich von meiner letzten Bemerkung doch noch ausnehmen, d.h. auch dieser Satz hat nach meinem Gefühl das Sternchen absolut verdient, geht also in keinem Zusammenhang:
*Sie ist in den Park spazieren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.11.2010 um 01.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17341

Sie ist in dem Park spazierengegangen.
ist ein völlig richtiger deutscher Satz, aber keine passende Antwort auf die Frage. Er bedeutet, daß sie vor einiger Zeit im Park spazierengehen war, läßt aber offen, ob sie schon zurück oder woanders ist. Die Frage war aber gerade, was sie jetzt tut und ob sie jetzt zu sprechen ist. Eine passende Antwort wäre:
Sie ist in dem Park spazierengehen.

Sie ist in den Park spazierengegangen.
kann man kaum schreiben, denn es würde bedeuten, daß der Weg zum und in den Park ihr Spaziergang war. Gemeint ist aber statt dessen, daß sie irgendwie zum Park gelangt ist, um darin spazierenzugehen, d.h. sie ist tatsächlich in den Park gegangen, um dort zu spazieren. Meiner Meinung nach muß man in diesem speziellen Fall auch nach herkömmlicher Rechtschreibung getrennt schreiben:
Sie ist in den Park spazieren gegangen.
Im allgemeinen glaube ich, daß der Ausdruck spazierengehen selten mit einer Richtungsangabe (in den Park) zusammenpaßt.

Das Wort finden, so wie es hier zweimal benutzt wird, ist meiner Ansicht nach ein Amerikanismus. In der Werbung hört man das heute oft, "Finden Sie dies, finden Sie das, ...", auf deutsch muß es richtig "suchen" heißen. Man kann "finden" nicht befehlen und nicht erzwingen. Ob man tatsächlich etwas findet, weiß man erst am Ende der Suche. In der Werbung möchte man sich natürlich optimistischer ausdrücken, aber so geht es halt nicht.

Sie ist nach Amerika reisen.
klingt für mein Gefühl sehr ungewöhnlich, den würde ich als einzigen Satz von allen (auch von denen mit Sternchen) unter gar keinen Umständen für möglich halten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.11.2010 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17339

einholen für einkaufen ist ein (mitteldeutscher?) Regionalismus, die Konstruktion ist aber auf jeden Fall in Ordnung.

sie ist einen Job suchen, sie ist einen Job finden gegangen und sie ist sich hinlegen gegangen ist alles nicht gerade guter Stil, aber würde mündlich wohl durchgehen.
 
 

Kommentar von YN, verfaßt am 26.11.2010 um 17.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17338

Nach Befund meiner deutschen Bekannten sind die mit Sternchen markierten Sätze inakzektabel. Stimmt das mit Ihrem Sprachgefühl überein?

Kann man auf die Frage "Kann ich mit Julia sprechen?" wie folgt antworten?

Tut mir leid,
sie ist in den/*dem Park spazierengegangen.
sie ist in *den/*dem Park spazieren.

sie ist Gemüse einholen gegangen.
*sie ist Gemüse einholen.

sie ist einen Job suchen.
*sie ist einen Job finden.
(aber ok: Sie ist einen Job finden gegangen.)

*sie ist sich hinlegen.
sie is sich hinlegen gegangen.

*sie ist nach Amerika reisen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.02.2010 um 07.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15744

Mein Haupteintrag "Kein 'Absentiv' im Deutschen" ist jetzt durch einen verbesserten Text ersetzt. Die bisherigen Diskussionsbeiträge werden davon kaum berührt, außer daß das Beispiel mit "Breslau" jetzt im Haupttext steht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2010 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15735

Mir ist natürlich klar, daß der "Absentiv" nie wieder aus den Handbüchern zur deutschen Grammatik verschwinden wird. So ist Vogels in meinem Text zitierte Darstellung auch gleich in das Handbuch "Deutsche Morphologie" übernommen, das sie selbst zusammen mit Elke Hentschel herausgegeben hat (de Gruyter 2010), wie man der Vorschau entnehmen kann:
http://www.amazon.de/gp/reader/3110185628/ref=sib_dp_ptu#reader-page

Vogel behauptet sogar, in deutschen Grammatiken mit Ausnahme der Dudengrammatik von 2005 sei die Konstruktion nicht beachtet worden. Ich wiederhole noch einmal die Stelle aus Blatz (1900:569): "Ziemlich verbreitet ist der finale Infinitiv nach sein = gegangen sein, z. B. (...) Er ist jagen." Natürlich war Blatz nicht so naiv, darin einen "Absentiv" zu sehen, sondern er hat die Sache sofort richtig eingeordnet. Auch in Behaghels Deutscher Syntax (II:317) wird die Sache erwähnt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.02.2010 um 20.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15729

Auf Ungarisch bin ich nur gekommen, weil man fast zwangsläufig, sozusagen als eines der Paradebeispiele, darauf stößt, wenn man im Internet nach "Absentiv" sucht. Also ich denke schon, daß das ungarische "sein" auch eine Kopula ist, nicht nur ein Existenzverb, z.B. sagt man
(en) éhes vagyok = (ich) hungrig bin,
(te) tanár vagy = (du) Lehrer bist usw.,
ein kleiner Unterschied ist nur, daß die 3. Pers. Sing. Präs. (van = ist) unter bestimmten Bedingungen weggelassen wird.

Wegen dieser Ähnlichkeiten, auch mit nachfolgendem Infinitiv, die mich dann auch am ungarischen Absentiv zweifeln lassen, liegt ja der Verdacht nahe, daß es ihn vielleicht überhaupt nirgendwo gibt. Zumindest müßte man dann bei den in Frage kommenden Sprachen irgendeinen diesbezüglichen Unterschied zum Deutschen feststellen können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.02.2010 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15724

Das Problem beginnt schon mit dem Vergleichen. Ungarisch hat ein Verbum substantivum (van), aber keine Kopula, nicht wahr? Also gibt es schon mal keine genaue Entsprechung zu sein. Im Russischen und im Türkischen sieht es wieder anders aus. Ich wollte in meinem Aufsatz nicht bissig sein, aber eine der zitierten Verfasserinnen vergleicht 36 europäische Sprachen auf die Absentivkonstruktion hin. Was ich davon halte, brauche ich wohl nicht zu sagen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.02.2010 um 15.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15722

Mich wundert ja, daß in diesem Punkt, also bei den Konstruktionen mit sein + Infinitiv, das Deutsche mehr Ähnlichkeit mit so einer ausgefallenen Sprache wie z.B. Ungarisch hat als mit Englisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2010 um 12.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15720

Alle sind anwesend drückt nach dieser Logik Abwesenheit aus, denn wenn sie hier anwesend sind, sind sie anderswo abwesend ...
(Lucus a non lucendo.)
Ich wollte sagen, daß der finale Infinitiv weder mit Anwesenheit noch mit Abwesenheit etwas zu tun hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.02.2010 um 11.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15719

Es leuchtet mir völlig ein, daß die Abwesenheit in diesen Infinitivkonstruktionen nicht das Wesentliche ist, sondern ggf. aus der Semantik hervorgeht.
Genau das Letztere ist aber m.E. in dem Beispiel Breslau der Fall. Natürlich drückt dieser Satz (zwar nicht aufgrund der grammatischen Konstruktion) aus, daß (scheinbar) ganz Breslau einkaufen, also abwesend (vom normalen Aufenthaltsort), ist! An anderer Stelle (siehe z.B. kranklachen) argumentieren Sie ja auch ähnlich, lieber Prof. Ickler, daß durch die Übertreibung die eigentliche Bedeutung nicht aufgehoben wird.

Was mich noch interessieren würde:
Ist der sog. Absentiv nun generell ein überflüssiger Begriff, oder kann er in anderen Sprachen, wo es ein entsprechendes Hilfverb sein gibt, doch einen Sinn haben? Falls ja, wodurch müßte sich dann dort die Konstruktion sein + Infinitiv vom Deutschen unterscheiden?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2010 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#15717

Hier ist noch ein hübsches Beispiel aus dem Internet:

Ganz Breslau scheint hier einkaufen zu sein.

Nach den Absentivtheoretikern drückt dieser Satz die Abwesenheit von ganz Breslau aus ...
 
 

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