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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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04.09.2013
 

Denkzettel
Semiotischer Imperialismus

Feinsinnige Unterscheidung zwischen Massenvernichtungswaffen

„Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob Menschen durch Giftgas getötet werden oder durch konventionelle Waffen. Giftgas ist ein Massenvernichtungsmittel. Sicher, auch Bomben und Geschosse töten massenweise Menschen. Das geschieht gerade in Syrien. Doch sie sind nicht als Massenvernichtungsmittel konzipiert worden. Giftgas allerdings schon. Dieses Kampfmittel ist dazu entwickelt worden, alles Menschliche auszulöschen, egal ob es Soldaten oder Zivilisten sind. Es ist ein Instrument des Terrors. Der Einsatz von Giftgas ist aus gutem Grunde durch eine Reihe von internationalen Abkommen verboten. (...) Vor allem aber verletzt der Einsatz von Giftgas einen symbolischen Raum. Wer es in welchem Konflikt auch immer gebraucht, behandelt Menschen wie Ungeziefer. Wer es einsetzt, hat den Gipfel der Unmenschlichkeit erreicht.“ (Ulrich Ladurner ZEIT 3.9.13)
Es ist auch davon die Rede, daß die USA dem syrischen Präsidenten einen „Denkzettel“ verpassen wollen, ohne ihn aus dem Amt zu bomben. Die Franzosen wollen „Syrien bestrafen“. Alles wegen des Giftgaseinsatzes (der nach wie vor nicht eindeutig als Assads Tat nachgewiesen ist).
Viele Leser der ZEIT protestieren gegen die Argumentation, erinnern an Napalm, Dresden usw.
Ein Denkzettel ist ein Kommunikationsmittel. Darauf weist auch die These von der Verletzung des „symbolischen Raums“ hin. Folglich sind Sprachwissenschaftler gefragt. In der Tat kennen wir uns mit dem „semiotischen Imperialismus“ einigermaßen aus. Da schlechterdings alles über seine physische Wirksamkeit hinaus auch als „bedeutsam“ in irgend einer Hinsicht angesehen werden kann, liegt es nahe, eine semiotische Betrachtungsweise darauf anzuwenden. Besonders die vom Menschen hergestellten Dinge und von ihm gestalteten Prozesse erschöpfen sich selten in einer physischen Funktionalität, sondern sind von Hause aus auch als „Botschaften“ zu verstehen. Daß sie überhaupt vorkommen und wie sie im einzelnen beschaffen sind, läßt deutende Schlüsse zu. Man erkennt schließlich außer Zeichen überhaupt keine Wirklichkeit mehr an. Das zeichnet sich schon bei Peirce ab. Ludwig von Bertalanffy schließt an seine bekannte These von der Bedeutung „symbolischer Aktivitäten“ als Merkmal des Menschen die überspitzte Behauptung an, der Mensch lebe „in einer Welt nicht der Dinge, sondern der Symbole von Dingen.“ („Symbolismus und Anthropogenese“. In: Bernhard Rensch (Hg.): Handgebrauch und Verständigung bei Affen und Frühmenschen. Bern, Stuttgart 1968:131-148. S. 134) Er erwähnt Banknoten, Wörter usw., fährt aber dann fort:
„Die Gegenstände des menschlichen Lebens, vom Kühlschrank zur Stadt und zur Atombombe, sind Materialisationen symbolischer Systeme.“
Durch ihre Atombombenabwürfe haben die Amerikaner den Japanern sicher auch etwas zu verstehen gegeben, aber die rein physische Wirkung ist ebenfalls eine Tatsache, die man darüber nicht vergessen darf. Wir leben gewiß in einer Welt von Symbolen, aber eben auch in einer Welt der Dinge, von denen wir leben und an denen wir schließlich auch sterben.
Ich habe als Kind noch die ausgebrannten Häuser in Kassel gesehen, und die Erzählungen der Augenzeugen von nächtlichen Phosphorbomben (brennende Menschen auf den Straßen) haben sich mir für immer eingeprägt. Wenn man der ZEIT folgt, gibt Giftgas den Menschen zu verstehen, daß man sie als Ungeziefer betrachtet, während normale Bomben sie als Personen achten... Kurzum: Ich kann der „symbolischen“ Deutung von Giftgas nicht folgen. Das sind schöngeistige Kopfgeburten aus Redaktionsstuben. Die Unterstellung, andere Vernichtungsmittel würden nicht Soldaten und Zivilisten gleichermaßen treffen, ist ebenfalls indiskutabel.
Der in Aussicht gestellte Denkzettel, der Assad nicht stürzen soll, könnte ja wohl nur darin bestehen, daß ein Teil von Damaskus in Schutt und Asche gelegt wird. Wie sollen die Syrer diese Mitteilung verstehen? Dazu ist wohl ein Merkblatt nötig, das man gleichzeitig abwerfen sollte.



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Kommentare zu »Denkzettel«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2016 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#31319

Wer hätte gedacht, daß Lego-Steine einen Fall von dual use liefern könnten! Die Firma will ihren Konflikt mit Ai Wei-wei jetzt beilegen. Er hatte das subversive Potential der Plastikteile entdeckt.

Ich habe übrigens an Kindern beobachten können, daß die Erweiterung des Programms über die weißen und roten Quader hinaus keinen entsprechenden Gewinn an Spielnutzen gebracht hat. Mein Klassenlehrer baute in der weiß-roten Zeit (um 1962) mit seinem Söhnchen phantasievolle Bauwerke, fotografierte sie, bekam vom Hersteller als Lohn neue Bausteine usw., so daß bereits ein riesiger Vorrat zusammengekommen war. (Gruß nach Kassel!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.01.2016 um 10.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#31192

Zum "dual use" noch eine Erinnerung an meine glorreiche Zeit, als es stank und zischte. Für meine Experimente mit dem Kosmos-Chemiekasten erwarb ich in der Drogerie auch Natriumhydrogencarbonat ("Natriumbicarbonat", vielleicht habe ich sogar die Summenformel hergesagt!). Heute würde man vielleicht die Polizei rufen. Harmloser ist Backpulver aus dem Supermarkt, weil die beigemischten Säuerungsmittel usw. es für die Herstellung von Crack ungeeignet machen. (Das weiß ich aber nur von Wikipedia, Gott bewahre!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.09.2013 um 15.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24061

Die FAZ erzählt auch Schreckliches über die Chemikalien, die zum "dualen" Gebrauch bestimmt seien usw. Ich bin kein Chemiker (obwohl Chemie mein Lieblingsfach war), aber soviel ich sehe, handelt es sich um sehr einfache Verbindungen (HF usw.), die in der Tat Grundstoffe für unzählige Produkte sind und im übrigen sicher auch in Syrien selbst hergestellt werden könnten. Das gilt ja auch für die Ausgangsstoffe der Düngemittelproduktion, aus denen man auch Sprengstoffe machen kann. Die Medien spielen hier wohl mit der Unwissenheit der meisten Leute (und ihrer eigenen?).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.09.2013 um 18.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24053

Klingt irgendwie alles nach Zahnpasta. Bekommt Putin jetzt eigentlich auch diesen Nobelpreis? Im Unterschied zu Obama hat er ja was vorzuweisen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 18.09.2013 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24052

Furchtbar! Früher haben wir uns ja wenigstens noch neutral verhalten und bei Kriegen beide Seiten beliefert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2013 um 16.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24050

Mit Schaudern lesen wir, daß Deutschland Chemikalien an Syrien geliefert hat, aus denen man das Giftgas Sarin herstellen kann. Sie haben so entsetzliche Namen wie Fluorwasserstoff, Natriumfluorid und Ammoniumhydrogenfluorid.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2013 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24009

Ach so! Ich hätte nachsehen müssen, statt mich auf Erinnerungen an Legenden aus meiner Kindheit zu verlassen.
 
 

Kommentar von Marco Niemz, verfaßt am 10.09.2013 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24007

@ Herrn Ickler: Ich muss Sie enttäuschen, was die edlen Regeln des Waidhandwerks angeht. Von den Hochsitzen aus darf seit jeher auf das Wild geschossen werden. Dazu Wikipedia (im Artikel "Hochsitz"): "Der Hochsitz dient dem Jäger als Deckung und Witterungsschutz bei der Jagd. Er ermöglicht zum einen ein noch sichereres Schießen: Die Waffe kann sicher auf- oder angelegt werden, und durch die Höhe des Hochsitzes wird der im größeren Winkel beschossene Erdboden in der Regel wirksamer als Kugelfang fungieren können."
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.09.2013 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24005

Ich muß mich korrigieren, die Unterscheidung mit Hilfe der GKS nach den Bedeutungen ein paar Hundert bzw. ein paar hundert leuchtet mir sehr wohl ein, nur scheint die GKS wegen der Wahl der Beispiele im früheren Duden auch von diesen abzuhängen.

Das Problem ist, daß reformiert wieder mal alles beliebig ist. Es wird nicht erklärt, wofür ein paar hundert und wofür ein paar Hundert steht.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.09.2013 um 01.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24004

zu #23992: ein paar Hundert Opfer

Der herkömmliche Duden unterscheidet:
einige hundert Menschen
einige Hundert Büroklammern (Packungen von je hundert Stück)

Mir leuchtet eine solche Unterscheidung nicht ein. Ich kann mir auch einige hundert Büroklammern vorstellen, ohne an Hunderterpackungen zu denken, und es könnte viele Hundert Menschen geben, die in Gruppen zu je 100 versammelt, aufgelistet oder aufgebahrt sind. Das heißt, herkömmlich ging eigentlich beides, auch wenn es der Duden nicht explizit geschrieben hat.

Der reformierte Duden von 1996 schrieb nun (fett für Rotdruck):
ein paar hundert oder Hundert
einige hundert oder Hundert Büroklammern
ein paar hundert oder Hundert Bäume

Ich finde, der Rotdruck ist in keinem Fall gerechtfertigt, das war alles schon früher möglich. Aber wegen des Rotdrucks sieht man heute fast nur noch die Schreibweise wie ein paar Hundert Opfer, obwohl man nach wie vor auch ein paar hundert Opfer schreiben darf.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 08.09.2013 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24002

Der SPIEGEL saß zwar in Bonn nicht mit am Kabinettstisch, trotzdem stimmte es meistens, was er bzw. der jeweilige Informant aus dem Kabinett berichtet hat. – Aber die Kritik stimmt schon, meine Formulierung war verkürzt. Genauer wäre gewesen: Laut der Darstellung des SPIEGEL spricht dafür sehr viel.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.09.2013 um 00.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#24001

Der Spiegel saß also, wie einst schon in Bonn, mit bei Assad am Kabinettstisch.

Unterschieden wird zwischen Hoch- und Niederwild, ob edles Wild (von Hesse oder überhaupt) als Synonym für Hochwild gebraucht wird, müßte man sich genauer ansehen.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.09.2013 um 08.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23999

Eigentlich muß ich mich korrigieren: Ulrich Ladurner hat mit der Qualifizierung der C-Waffen als "Massenvernichtungswaffen" nämlich nicht unrecht. Traditionell werden C-Waffen zu den typischen Massenvernichtungswaffen gezählt ("ABC-Waffen"). Diese Unterscheidung tritt in Syrien aus zwei Gründen nicht deutlich hervor. Erstens sind dort durch konventionelle Waffen schon so viele Opfer entstanden, daß die Zahl der C-Waffen-Opfer sich dagegen klein ausnimmt. Deshalb hat das Regime auch den Einsatz der C-Waffen hinausgezögert (laut SPIEGEL). Zweitens hat Assad laut SPIEGEL versucht, C-Waffen zunächst im kleinen Maßstab einzusetzen und den Einsatz schrittweise zu steigern, um die Weltöffentlichkeit allmählich daran zu gewöhnen beziehungsweise um jeweils deren Reaktion zu testen. Ein stärkerer Einsatz wurde jeweils angestrebt.

Deshalb kann die "rote Linie" nicht allein, wie vorher dargestellt, am Vergleich einzelner Bomben dieses und jenes Typs erkannt werden. Es geht nicht nur um die bisherigen Opfer in Syrien, sondern auch um die künftigen Opfer, auch um die möglichen Opfer von Diktatoren in anderen Staaten, die einen mit dieser Strategie erfolgreichen Assad nachahmen könnten, und überhaupt um die Verbannung von C-Waffen aus der Kriegführung. Leider ist es nicht möglich, einfach die C-Waffen-Vorräte aus der Luft zu vernichten, sonst wäre das die richtige Maßnahme, auf die man sich schnell verständigen könnte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2013 um 05.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23997

Man müßte einmal die ganze Redeweise über Waffen und über das Töten untersuchen. Herr Wrase hat schon gesagt, was ich mir auch denke. Zweikampf, Mann gegen Mann, eine Chance für den Gegner... Inzwischen sind Waffen und Methoden aufgekommen, die solche archaischen Gedankenverbindungen obsolet machen. Jeder von uns kann beim Spazierengehen durch eine aus heiterem Himmel kommende Rakete getötet werden, falls er sich einem Geheimdienst als möglicher Terrorist verdächtig gemacht hat. Ein Gerichtsverfahren ist nicht mehr nötig – an diesen Gedanken werden wir sei einigen Jahren gewöhnt. Darüber staune ich am meisten. Wer es technisch kann, darf es tun, in jedem Land der Erde, natürlich nur zur Abwehr einer allerdings sehr abstrakt bleibenden Gefahr.

Haben nicht auch die Jäger noch Regeln, denen die fiktive Gewährung einer Chance für das Wild zugrunde liegt? Ich kenne mich da gar nicht aus, glaube aber zu wissen, daß zum Beispiel das Schießen vom Hochsitz aus nicht zulässig ist.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine Beobachtung loswerden, die ich vor einigen Wochen gemacht habe. Da stieß ich in der Zeitung auf den Ausdruck edles Wild, zitiert nach Hermann Hesse. Ich nehme an, daß bei uns Rehe und Hirsche, aber weder Wildschweine noch Kaninchen edel sind. Aber es sind nicht die Tiere selbst, sondern der soziale Rang der Jäger, dem das Attribut eigentlich gilt, nicht wahr? Die alten Privilegien des Adels bei der "Hochwild"-Jagd.

Hier hüpfen die unedlen Kaninchen durch die Dünen, und auf den Wegen ziehen unedle barocke Pferde die Wagen, während edle geritten werden.

Übrigens paßt edles Wild zu Hermann Hesse, so konventionell und geschmacksunsicher.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.09.2013 um 23.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23996

Nachtrag: Ich weiß nicht, ob meine Frage als Fortsetzung einer perversen Debatte empfunden wird. Falls das jemand so bewertet, möchte ich mich bei ihm entschuldigen. Andererseits fragt sich im Moment die ganze Welt, ob es diese "rote Linie" gibt, also inwiefern chemische Waffen eine noch schlechtere Qualität haben als konventionelle Vernichtungswaffen. Die Frage bewegt sehr viele Menschen und die Weltpolitik.

Meiner Meinung nach hat der ZEIT-Autor in dem zititerten Stück Text zwei wesentliche Fehler gemacht. Erstens, wie von Professor Ickler schon besprochen, mit der Verschiebung weg von der Realität in den symbolischen Raum, sogar noch mit der Einleitung "Vor allem" – als sei das Symbolische das Wichtigste. Das ist natürlich absurd. Zweitens mit der Behauptung, Giftgas sei immer ein Massenvernichtungsmittel gewesen, mechanische Geschosse ursprünglich nicht. Abgesehen von der inhaltlichen Fragwürdigkeit: Auf die Zahl der möglichen Opfer kommt es meiner Meinung nach bei dieser Frage nicht an. (Die Zahl der Giftgasopfer ist in Syrien ja auch nur ein kleiner Bruchteil aller bisherigen Opfer, dennoch haben erst sie die Weltgemeinschaft mobilisiert.) Ich habe versucht, dem zwei andere Erklärungen entgegenzustellen: die Heimtücke des Gases und die Tatsache, daß das Gift jeden in der Nachbarschaft tötet, während andere Waffen gezielt gegen feindliche Kämpfer oder auch gegen Material eingesetzt werden können.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.09.2013 um 16.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23995

Ich möchte die naive Frage stellen, worauf dann eigentlich die besondere Scheußlichkeit beruht, die man dem Einsatz von chemischen Waffen zuschreibt. Kann man das erklären, auch ohne die spezifisch deutsche Sichtweise (Völkermord in den Gaskammern, deshalb besonders intensive Verdammung)? Gibt es dafür objektive Anhaltspunkte?

Ganz nüchtern betrachtet müßte es gleich schlimm sein, ob ein Diktator tausend Bürger seines Landes mit C-Waffen tötet oder mit konventionellen Bomben oder einzeln durch Heckenschützen. Die Hinrichtung in einer Gaskammer gilt ja im Vergleich zur Erschießung auch nicht als besonders pervers. Ich vermute, daß das gesteigerte Entsetzen mit folgenden Assoziationen zu tun hat.

Heckenschützen erinnern entfernt noch an den Kampf Mann gegen Mann. Schon beim Boxkampf wird der Gegner mechanisch geschädigt und kann bei verheerenden Schlägen den Tod erleiden. Über den bewaffneten Nahkampf ist es dann nur noch ein Schritt zur Fernwaffe. Heckenschützen brauchen eine Art Geschicklichkeit: Sie müssen gut zielen und für die eigene Deckung sorgen, auch das erinnert noch an den guten alten Zweikampf, und diesen halten wir sozusagen für die natürliche Art des Krieges. Bomben sind sehr viel unfairer: Der Schütze hat nicht viel zu befürchten. Aber es geht immer noch, wie in Urzeiten, um mechanische Gewalt. Das ermöglicht die Assoziation, man könnte wie ehedem durch genug Fitness oder Deckung dem Treffer im Prinzip standhalten. Dagegen erscheint Giftgas wie die reine Heimtücke. Es ist unsichtbar, es kriecht um Mauern herum. Wenn man atmet, ist man schon tot. Auch kluge und starke Kämpfer haben keine Chance. Ist es diese Unnatürlichkeit der Waffe, die unseren Widerwillen auslöst?

Aber auch ein objektiver Gesichtspunkt fällt mir auf: Gegen wen richtet sich die Waffe? Heckenschützen versuchen normalerweise die Kämpfer der Gegenseite zu töten (wie auch die Artillerie im Feld); sie schonen meistens die Zivilisten. Konventionelle Bomben sind zumindest auch dazu geeignet, die Panzer und die Infrastruktur des Feindes zu zerstören, also nicht unbedingt die Menschen zu töten. Chemiewaffen taugen nur dazu, flächendeckend Menschen zu töten. (Das erinnert dann wieder an die Gaskammern.)

Insgesamt könnte es eine Mischung aus irrationalen und objektiven Gründen sein, die den besonderen Ekel vor Chemiewaffen auslösen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.09.2013 um 04.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23992

Nachbemerkung: Mit den "paar Hundert Opfern" kann ich mich orthographisch nicht anfreunden. Ich kann es nicht beweisen, aber die "paar Hundert" scheinen mir nicht der Plural von "das Hundert" zu sein (unflektiert wie "drei Faß").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.09.2013 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23985

Mir ist das scheinbar moralische, in Wirklichkeit (ebenso) zynische Gerede solcher Redakteure zuwider. Ich will das Aufrechnen auch nicht weitertreiben, das Ganze ist eben verfahren und todtraurig. Gestern fand ich in der FAZ noch einen Satz von Günther Nonnenmacher, dem ich sonst nicht immer zustimmen kann: "Warum ändern gerade jetzt, nachdem mehr als hunderttausend Menschen auf konventionelle Art und Weise umgebracht wurden, ohne dass der Westen eingegriffen hätte, ein paar Hundert Giftgas-Opfer die Lage?" Usw. Also immerhin kein Nachplappern der Propaganda ("rote Linie") wie in der ZEIT und anderswo.
 
 

Kommentar von rjb, verfaßt am 04.09.2013 um 21.09 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23984

Herr Mahlmann - "sechs Millionen Leute in drei Jahren umzubringen" geht auch nach der Methode, die z.B. in Ruanda angewendet wurde. Sechs Millionen Leute in drei Jahren so umzubringen, daß die nichtbetroffene Bevölkerung zu 99,9 Prozent das Geschehen ignorieren kann, aber nicht.

Woher der Autor des ZEIT-Artikels zu wissen vermeint, als was Bomben konzipiert wurden, ist mir unklar. Aber irgendwann wurden sie nicht nur konzipert, sondern auch hergestellt und eingesetzt. Und die Schöngeister der damaligen Zeit konnten sich, nehme ich an, in ganz entsprechender Weise über die, in ihren Augen, relative Inhumanität dieser damals neuartigen Massenvernichtungswaffen gegenüber dem vorher gepflegten Gemetzel im edlen Zweikampfe ereifern, wie heutige Schöngeister über Bomben versus Giftgas.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 04.09.2013 um 20.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23983

Wenn man die Tötungsrate der Einsatzgruppen sieht, bleibt die kaum dahinter zurück, aber lassen wir diese makabre Debatte, die ja schon wieder weitab der Sprachforschung verläuft!

 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 04.09.2013 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23982

Sie weisen auf das Entscheidende hin und ziehen den falschen Schluß, Herr Strowitzki.
Um sechs Millionen Leute in drei Jahren umzubringen, braucht man genau die Organisation, auf die Sie hinweisen. Das ist das Wesentliche des Holocausts, nicht der eigentliche Tötungsakt. Und genau deshalb wäre der Holocaust eben nicht menschlicher geworden ohne Gaskammern.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 04.09.2013 um 17.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23980

"Wäre der Holocaust menschlicher gewesen, ..."? In gewisser Weise ja. Auch wenn, wie im Baltikum, oder durch ukrainische Hiwis, die Menschen mit Eisenstangen erschlagen wurden, ist das noch immer der ganz klassische Mord, auch als Massenmord. Das Ungeheuerliche an der "Endlösung" ist die kalte, industrielle Organisation mit Todesfabriken, dazu einem Referat 4B4 im RSHA und der eigenen Zuggattung der Da-Züge, die die Menschen dafür durch ganz Europa karrten. Das hat die Menschheit, auch wenn ihre Geschichte voll ist von Grausamkeiten, noch nicht gesehen. Aber gewiß, die einen sind so tot wie die anderen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 04.09.2013 um 16.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23979

Der Unterschied zwischen Massenvernichtungswaffen und Waffen, die Massen vernichten, liegt in der Deutungshoheit derer, die sie verwenden. Wer für die "gute Sache" kämpft, darf dafür auch "Böses" tun. Rechterdings hätte auch Bomber Harris in Nürnberg vor dem Richter stehen müssen; er war jedoch ein "Guter", und England hat den Krieg gewonnen.

Wäre der Holocaust menschlicher gewesen, wenn jeder einzelne Jude per Fallbeil getötet worden wäre statt durch übervolle Gaskammern?
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 04.09.2013 um 14.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1578#23978

Habe heute früh (noch etwas schläfrig und daher mit halbem Ohr) in den Radionachrichten gehört, die USA debattierten über eine zulässige Höchstzahl von zivilen Opfern bei ihrem geplanten Bombardement. Netter Denkzettel.
 
 

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