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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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28.07.2007
 

Das große Lamento
Die ZEIT beklagt den Sprachverfall

Die ZEIT hat am 26.7.07 einen Sonderteil über die deutschen Sprache.
Dabei geht es teils um die Geltung des Deutschen unter den Sprachen der Welt, insbesondere um das Vordringen der Weltsprache Englisch, teils um „Sprachverfall“, besonders Anglizismen und anderes Kauderwelsch. Jens Jessen schreibt – offenbar ohne parodistische Absicht –: „Der Geist eines ridikülen Marketings, der in der Managersprache steckt, will Exklusivität, die elitäre Anmutung eines arkanen Wissensvorsprungs.“
Wie viele deutsche Muttersprachler kennen das Wort arkan? Warum ridikül?
Die Rechtschreibreform wird natürlich mit keiner Silbe erwähnt. Jens Jessen fragt: „Was hat der englische Genitiv-Apostroph in Susi's Häkelstudio zu suchen?“ Nun, den hat die Rechtschreibreform uns beschert, der sich die ZEIT mit Stolz und früher als andere in die Arme geworfen hat.

Die Sprachkritik wird auf Kritik an PowerPoint-Darbietungen ausgedehnt. Aber selbst hier schwingt dieselbe Amerikagläubigkeit mit, die auch zur Übernahme englischer Brocken führt: „Über die Ausdrucksweise der PowerPoint-Präsentationen wird in den USA längst gespottet.“ (Jessen) Auch bei uns wird darüber gespottet, aber das Argument gewinnt seine Schlagkraft offenbar erst dann, wenn man auf das stets führende Amerika verweisen kann.
Dieter E. Zimmer gibt sich liberal: „(Wer Sprachbewusstsein besitzt), weiß, dass das Perfektpartizip von winken bis vor etwa dreißig Jahren hochsprachlich einzig gewinkt hieß und gewunken zunächst ein Scherz war, eine Analogie zu gestunken, aber wenn die Sprachgemeinschaft heute auf gewunken besteht, wird er sich dem nicht widersetzen.“
Die starke Konjugation ist kein Scherz der letzten Jahrzehnte, sondern begann im Mittelalter und herrscht weithin in den Dialekten. Die Ablösung der angeblich „hochsprachlichen“ Formen (über deren Festlegung sich Zimmer wenig kümmert) muß im Zusammenhang mit dem Vordringen von süddeutschen Eigenheiten gesehen werden. Das kulturelle Schwergewicht verlagert sich in Deutschland eben allmählich auf Süddeutschland.

Zimmer zitiert ein wirres Internetgeschreibsel und kommentiert: „Dieses Internetdeutsch missbraucht die Sprache, indem es ihre expressiven und kommunikativen Möglichkeiten weit unterschreitet.“ Was mag das bedeuten? In Wirklichkeit läßt uns das Internet vieles lesen, was früher allenfalls gesprochen wurde und mit der mündlichen Rede verweht war, bevor jemand es auf die Goldwaage der „expressiven und kommunikativen Möglichkeiten“ legen konnte.
Manche Fremdwörter heißt Zimmer willkommen, weil sie ausdrücken, „wofür Deutsch bisher gar keinen Ausdruck hatte, oder keinen so klaren und knappen (Scan, scannen); wo sie eine semantische Nuance hereinbringen, die ihre Wörterbuchübersetzung nicht hat (Team ist eben nicht dasselbe wie Mannschaft oder Belegschaft); wo sie der semantischen Bereicherung dienen (Kid ist nicht dasselbe wie Kind).“
Das Argument, es sei „nicht dasselbe“, ist schon von Eduard Engel ad absurdum geführt worden, wobei er sich auch auf Lessings bekannten Satz beziehen konnte: „Was die Leser fürs erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen.“ Absurd ist es, weil kein Wort einer Sprache dasselbe bedeutet wie ein Wort einer anderen Sprache und es somit geboten wäre, die Vokabulare aller anderen Sprachen um der „semantischen Nuance“ willen in die eigene zu übernehmen. Wie schaffen es die Angelsachsen bloß, ohne die deutschen Wörter Mannschaft, Belegschaft auszukommen? Wie hilflos waren wir, bevor wir die Kids übernahmen? Das Scannen hieß seit je Abtasten, und dabei hätte es bleiben können; die technische Neubedeutung hätte sich zwanglos ergeben, wie bei so vielen anderen Wörtern (z. B. einlesen).

Claus Leggewie spricht von „lateinisch parlierenden Gelehrten des Mittelalters“. Wieso parlieren? Das ist doch gerade kein Latein. Besser Josef Joffe: „im 18.Jahrhundert wurde Französisch 'parliert'“. Dann allerdings leitet er Bluse von blouson her (statt einfach von blouse) und mausetot von mort si tôt – was eine Etymologie vom Schlage jenes visitez ma tente (Fisimatenten) sein dürfte.
Die Wendung wer Sprachbewusstsein besitzt verwendet Zimmer mehrmals. Nie würde er einfach haben sagen, es muß das übergewichtige besitzen sein.



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Kommentare zu »Das große Lamento«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2018 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#40046

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24743

Wie ich zufällig sehe, ist Gerhard von Harscher, mit dem ich eine Zeitlang wegen der Rechtschreibreform korrespondiert habe, vor einigen Monaten mit 97 Jahren verstorben. Wahrlich ein Original!

http://www.stundenschau.de/astrosuche/alle_daten.php?id=13381
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2018 um 04.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#39716

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#29360

Der Linienrichter hat kein Abseits „gewunken“. Und wenn Sie noch so sehr mit der Fahne wedeln: Das Verb „winken“ ist ein schwaches Verb und flektiert als winken, winkte, gewinkt und nicht als „winken, wank, gewunken“. (Peter Schmachthagen, Hamburger Abendblatt 2.10.18)

Dabei wird er bleiben bis an sein seliges Ende.

Bei Google ist gewunken viermal so häufig wie gewinkt. Bald werden alle es immer falsch machen.

Wie die Sprachmeisterer sich die Sprachgeschichte vorstellen, wird auch an einem unscheinbaren Adverb erkennbar:

Die Zahl der Verben, die durch ein Genitivobjekt ergänzt werden, ist relativ klein und nimmt leider weiter ab. (ebd.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2017 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#37021

Die Bundesregierung verweist mit arroganter Selbstgefälligkeit darauf, dass so viele Schulabgänger studierten wie nie zuvor. Nur können diese Studenten kaum noch fehlerfrei schreiben, was man nach der Reform der Reform der Rechtschreibreform aber nicht nur ihnen allein anlasten kann. Ich weigere mich auch konsequent, die Dreifachkonsonanten zu benutzen, sondern folge darin der alten Schreibweise. (Vera Lengsfeld http://www.achgut.com/artikel/bildungskatastrophe_live)

Nun, diese Heldin schreibt durchweg reformiert, zu Dreifachkonsonanten(buchstaben) war in ihrem Text keine Gelegenheit. Die Studentenzahlen steigen seit 1950 stetig (von 6% zur Zeit meines Studienbeginns). Wann und wo die Bundesregierung mit „arroganter Selbstgefälligkeit“ auf diesen Sachverhalt verwiesen hat, für den sie ja nicht verantwortlich ist, weiß ich nicht, und die Übertreibungskünstlerin könnte es wohl auch nicht sagen. Die Anekdoten, die sie sonst noch erzählt, sind eben Anekdoten, beweisen nichts, unterhalten aber den Stammtisch ganz gut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2015 um 05.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#30834

Aber es gibt doch gar keine trennbaren Verben und daher auch keine abgetrennten Verbteile.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.12.2015 um 22.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#30830

Man kann Sätze mit "trennbaren Verben" durchaus so formulieren, daß der abgetrennte Verbteil näher an das übrige Verb heranrückt und manchmal diesem sogar unmittelbar folgt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.12.2015 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#30827

Im Englischen scheinen die beiden ganz unterschiedlichen Sprachfamilien "ingeni..." (geistreich usw.) und "ingenu..." (harmlos, einfältig) durcheinandergekommen zu sein. In den neulateinischen Sprachen wird das genau unterschieden. Eine Stolperfalle für Englischsprecher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2015 um 12.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#30826

In der ZEIT (online) stand gestern ein übellauniger Artikel der Amerikanerin Elvia Wilk über die deutsche Sprache, die wegen ihrer Schwierigkeit als Ausgrenzungsmittel zur Abwehr Fremder geeignet sei usw. Die Verfasserin zitiert Mark Twain und versucht ihm nachzueifern, aber ohne Witz. Sie scheint auch nach 5 Jahren Berlin nicht den richtigen Umgang gefunden zu haben.
Interessant ist für uns nur das alte Klischee:

"Ich muss Ihnen gegenüber, meinen lieben deutschen Lesern, vermutlich nicht wiederholen, wie schwierig es ist, Verben zu memorieren, die sich halbieren und ans entgegengesetzte Ende eines Satzes fliehen..."

Opfer einer falschen Didaktik, wieder einmal. Ich habe allerdings Hunderte oder gar Tausende von ausländischen Studenten kennengelernt, die das Deutsche sehr gut gelernt haben. Um einen Satz von Gauger abzuwandeln: Vielleicht braucht man im Deutschen etwas länger als im Englischen oder Spanischen, bis man zu jenem Punkt gelangt, an dem alle Sprachen schwer werden. Meine Frau kann sich aber schon ganz gut mit jenen jungen Männern unterhalten, die im Sommer hierher gekommen sind, ohne ein Wort Deutsch zu kennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.09.2015 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#29963

Ein "Arbeitskreis Linguistische Sprachkritik" möchte stärker wahrgenommen werden. Er hat auch eine "Aachener Erklärung" herausgebracht, die aber auch niemand kennt. Sie ist in schönstem Bürokratendeutsch abgefaßt und natürlich politisch korrekt: http://www.ak-sprachkritik.de/aachener_erklaerung.htm

Wenn sich gebildete Laien anmaßen, etwas Sprachkritisches zu äußern, verstehen die Herren Linguisten keinen Spaß:
http://www.ak-sprachkritik.de/offener_brief.htm

Übrigens versteht der beiläufig erwähnte Wolf Schneider ziemlich viel von Sprache, wie ich bei aller Kritik doch mal sagen möchte. Aber er hat Erfolg, das verzeiht man ihm nicht so leicht.

(Wo waren die Herrschaften, als die Rechtschreibreform verhängt wurde? Am liebsten würden sie wohl die noch zu schaffenden Lehrstühle für linguistische Sprachkritik besetzen, ein für allemal.)

Die "Erklärung" kann man nicht lesen, ohne in Trübsinn zu verfallen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.07.2015 um 11.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#29361

Nächster Kandidat: kreischen, krisch, gekrischen (in Analogie zu ähnlich klingenden Verben).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2015 um 07.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#29360

Eine Woche später tritt Schmachthagen noch einmal nach und beweist durch seine Formulierungen nur, daß er fest auf dem Boden seiner eigenen Sprachgewohnheiten steht und sich nicht vorstellen kann, wie normal gewunken in anderen Teilen des Sprachgebietes ist. Er spottet über jene Mitmenschen, die immer dann, wenn er eine schöne feste Norm aufstellt, in die Kiste der "Umgangssprache" greifen und Gegenbeispiele hervorholen. Obwohl sonst dudengläubig, rügt er aus der Festung seines persönlichen Sprachgefühls heraus sogar den Duden, wenn der etwas "Falsches" aufnimmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2015 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#29308

Nach zwei Jahren findet es der Hamburger Schmachthagen wieder mal an der Zeit, die Form "gewunken" (samt Uralt-Scherz "geblunken") durchs Dorf zu jagen. (30.6.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.09.2014 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#26881

In der WamS klagt der Gesamtschullehrer und Schriftsteller Ralph Gehrke sehr pauschal über den „Rechtschreibmurks“ heutiger Schüler: „Kaum jemand fällt heute noch durchs Abitur, weil es an der Rechtschreibung hapert.“ (Das wollen wir doch aber alle nicht, oder?) Die Rechtschreibreformen werden erwähnt, aber den Hauptschuldigen sieht Gehrke in den elektronischen Medien. Der Beitrag ist ziemlich überflüssig. (http://www.welt.de/132687927)
 
 

Kommentar von Theodor ickler, verfaßt am 14.08.2014 um 09.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#26536

Luise. „Hätten Sie sich eigentlicher ausgedrückt, so hätten wir nicht gestritten.“
Der Alte. „Aber auch nicht gesprochen. Verwirrungen und Mißverständnisse sind die Quellen des tätigen Lebens und der Unterhaltung.“

-

Das hat der Alte mal wieder gut gesagt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2014 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#26189

„Die grotesken Formen, die der Purismus zu den Zeiten der Hochkonjunktur des Nationalgedankens annahm, nach 1870, 1914 und vor allem nach 1933, war eine Belastung sprachkritischer Bemühungen seit 1945.“ (Nachwort von Uwe Pörksen und Jürgen Schiewe in ihrer Reclam-Ausgabe von Leibniz: Unvorgreifliche Gedanken usw., Stuttgart 1983:108)

-

Die Erzählung vom radikalen Purismus der Nazis klingt sehr überzeugend.

An derselben Stelle: „Das Institut für deutsche Sprache in Mannheim und die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung sind die im übrigen wichtigsten Anwälte der Sprachkritik.“
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 05.06.2014 um 18.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25960

Schmachthagen redet keinem norddeutschen Hochdeutsch das Wort, sondern irgendwelchem zusammengeklaubten Mist, den er für richtiges Deutsch hält. Die Besserwisserei ist auch nicht norddeutsch, sondern halbgebildete Prahlerei.

Bei uns heißt es z. B. "winken, winkte, gewunken". Ich sage schon mal "blinken, blinkte, geblunken" und werde stets verstanden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.06.2014 um 13.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25958

Wenn Sprach-Beckmesser wie Herr Schmachthagen das norddeutsche Hochdeutsch als das allein richtige bezeichnen, erreichen sie nur, daß die Österreicher für ihr Österreichisches Hochdeutsch den Kampf aufnehmen. Heute in spiegel-online.de: "Österreich kämpft gegen deutschländisches Deutsch". Es sind nicht nur einige andere Vokabeln, sondern andere Wortbildungen und andere Verb-Konjugationen. Manches was in (Nord-)Deutschland als "umgangssprachlich" bezeichnet wird, gilt in Österreich als offizielle "Variante". Es ist ein interessantes Gebiet.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 03.06.2014 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25949

Schmachthagen zitiert Twain, schafft es aber nicht einmal, als Zwerg auf den Schultern eines Riesen zu stehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2014 um 04.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25939

So ist es! Und noch seltsamer als der Dünkel gegenüber der "Quantität", also dem "Usus tyrannus", den schon der kluge Horaz über alles stellte, ist die Annahme, es habe etwas mit der "Qualität" des Deutschen zu tun, wenn man auf der schwachen Konjugation von winken bestehe. Wenn es etwas gibt, was für die Qualität der deutschen Sprache gleichültig ist, dann doch wohl die Konjugation eines einzelnen Verbs. Das würde sicher auch Schmachthagen einsehen, wenn er nur einen Augenblick nachdächte. Ich habe die Sache mit Mark Twain zitiert, um zu zeigen, daß er das versäumt hat.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.06.2014 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25938

Was ich an Herrn Schmachthagens Aussage wirklich für bedenklich halte, ist sein Satz von "der Quantität des falschen Gebrauchs". Auf Deutsch heißt das doch: Wie die Mehrheit spricht, ist nicht maßgebend (wörtlich genommen), sondern maßgebend ist, was er für Qualität hält. Das ist doch das Rechtschreib-Reformer-Denken von 1996, welches die Entwicklung der Deutschen Sprache für falsch hielt und welcher Entwicklung "entgegengesteuert werden muß". Also hier das dumme Volk, dort die Sprach-Aristokraten (wörtlich "die Besten", in Wirklichkeit die "Besserwisser"). Ihm scheint die Einsicht zu fehlen, daß Sprache sich weiterentwickeln darf, auch wenn es irgendwelchen Puristen nicht paßt. Es gibt nun mal ein norddeutsches und ein süddeutsches Hochdeutsch. Müssen wir erst für die Gleichberechtigung des süddeutschen Hochdeutsch auf die Barrikaden gehen? Wir haben doch keinen "Einheitsstaat" wie z.B. die Franzosen, die ganz Frankreich mit Staatsgewalt den Dialekt der Ile de France aufgezwungen haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2014 um 04.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25933

Peter Schmachthagen schreibt am 27.5.14:

"Als Elisa ging, hat sie mir zum Abschied zugewunken", schrieb Fritzchen in einem Aufsatz über seine Erlebnisse während der großen Ferien, und der Schmerz über die Vergänglichkeit einer ersten, vollkommen harmlosen Kinderliebe ließ dem Zehnjährigen nicht nur die Augen feucht werden, sondern ihn auch zu einer vermeintlich hochsprachlichen und "erwachsenen" Grammatik greifen. Er griff daneben, das Verb lautet winken, winkte, gewinkt (bestimmt!) und nicht "winken, wank, gewunken". Gewisse Formen, die zur Qualität unserer Muttersprache beitragen, sollten wir nicht der Quantität des falschen Gebrauchs opfern – selbst wenn sogar der Duden in letzter Zeit an dieser Stelle wankte.

Er scheint also die ablautenden Formen für eine Art Hyperkorrektheit und Vornehmtuerei zu halten, wahrscheinlich aus seiner norddeutschen Sicht.
Er fährt dann fort:

Die Konjugation (Beugung) der deutschen Verben ist nicht einfach. Ein bekannter Schriftsteller drückte das einmal so aus: "Wenn der literarisch gebildete Deutsche sich in einen Satz stürzt, sieht man nichts mehr von ihm, bis er auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans mit dem Verb zwischen den Zähnen wieder auftaucht."

– ohne zu bemerken, daß Mark Twain hier gar nicht von der Beugung, sondern von der Wortstellung spricht.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.03.2014 um 18.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25353

Man sehe bei Wikipedia nach, wieviele völlig verschiedene "Momente" es schon gibt. Neue sollten nicht erfunden werden, außer sie würden ganz genau erklärt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2014 um 09.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#25347

Nicht der umgangssprachlich formulierende Mann auf der Straße, wohl aber der Gebildete an seinem Schreibtisch muß aufpassen, daß er die Substantivgruppe, wie sie sich im Deutschen nun mal entwickelt hat, nicht bis zur Unverständlichkeit überlastet:

die Reihenfolge, in der das mit den durch die inventorische Forschung gefundenen Stoffmomenten geschieht (Gert Ueding: Rhetorik des Schreibens. Königstein 1985:105)

Das ist natürlich monströs, besonders in einem Buch, das praktisch zum guten Schreiben anleiten will. Thomas Bernhard bei seinen Tiraden zu folgen bereitet hingegen die Lust der sprachlichen Selbstgeißelung:

Sie hätten noch immer mit der von dem von ihm, Koller, heraufbeschworenen Zwischenfall, daß ihm nämlich die Krückstöcke zu Boden gefallen waren und sie sie hatte aufheben müssen, hervorgerufenen Langsamkeit ihre Suppe ausgelöffelt. (Die Billigesser. Frankfurt 1980:33)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 13.01.2014 um 17.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24837

Ergänzungen und Berichtigungen zu den Intensiva:
brutzeln ist Intensivum zu brodeln.
Die Bildung der Intensiva überschneidet sich mit den Kausativa. beizen ist kausativ zu beißen wie reizen zu reißen. (reizen = machen, daß etwas aufreißt)
Affektivisch verschärft sind auch Kurznamen wie Hinz, Heinz = Heinrich, Kunz = K(u)onrad, Fritz = Friedrich.
Lautlich einfacher und direkter als die Grasmücke, aber semantisch verwickelter ist schmücken zu schmiegen (Das Kleid schmiegt sich an den Körper –> es schmückt –> es sieht gut aus)
Weitere Beispiele:
schlitzen zu schleißen, schliß
schlüpfen zu schliefen (Schluff, Schlucht/Schluft)
spritzen zu sprießen (sprützen, altengl. spryttan = "keimen, austreiben")
tropfen zu triefen, troff
Unklar ist, ob schützen zu schießen, schoß, Schuß (Schütze!) oder zu schütten (Schütz = "Stauwehr"!) gehört, evtl. eine Vermengung von beidem.
(By the way: Der Mehrzahlbegriff beide kennt den Singular beides!)

Man sieht, daß Intensiva in allen Ablautstufen auftreten können.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.01.2014 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24816

"vermißt" – sehr schön doppeldeutig.
Im Film "Planlos durch das Weltall" ("Galaxy Quest") gibt es, als running gag, das Ritual, die Faust an die Schläfe zu halten und zu sagen "Bei Graptas Hammer, du wirst gerächt werden." Etwas schräg könnte man auch nehmen:
Der Gärtner steht, den Rechen in der Hand, vor dem Rasen und sagt: "Bei Graptas Hammer, du wirst gerecht werden." Oder ein Seelsorger (nichtchristlich) sagt zu seinem sündigen Schäflein: "Bei Graptas Hammer, du wirst gerecht werden."
Man sieht auch, daß man letztlich nicht den Mehrdeutigkeiten entkommt, dazu ist unser Lautinventar zu klein.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 10.01.2014 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24815

Die "expressive Konsonantenverschärfung" ist in der Tat ein häufiges Mittel, um Intensiva zu bilden. Im etymologischen Wörterbuch findet man das bei den jeweiligen Stichwörtern, in den Grammatiken eher nicht. Die Wortbildungslehre bleibt dort ja meist sehr unterbelichtet. (Die Grammatiker fühlen sich dafür nicht zuständig.)
Die Zusammenhänge sind allerdings durch die verschiedenen (alt- und frühneu-)hochdeutschen Lautverschiebungen und auch durch semantische Weiterentwicklungen oft verdunkelt:
ätzen zu essen (engl. eat/ate)
beizen zu beißen (bitan, engl. bite)
hetzen zu hassen (engl. hate, das Wild hassen = eigtl. = "jagen, treiben")
ritzen zu reißen (writan, engl. write, vgl. auch Reißbrett)
schnitzen zu schneiden,schnitt
schwitzen zu schweißen (="Flüssigkeit absondern", so noch jägersprachl., engl. sweat)
aber auch
Viech und Vieh
krächzen und krähen
henken zu hängen
schwenken kausativ zu schwingen
stecken zu stechen
smucken zu schmiegen (daher Grasmücke < Gras-Smucke)
zucken zu ziehen,zog,Zug (dazu dann die Diminutive zücken, zuckeln)
zeigen zu zeihen
Freihändig nicht sicher bin ich bei
rupfen zu raufen (die Raufe für das Vieh)
brutzeln zu braten
schwatzen/schwätzen ggü. rheinischem schwade

So schlimm steht es übrigens um den Iltis nicht. Ich habe vor einiger Zeit noch einen im Wald gesehen.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 09.01.2014 um 21.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24809

Noch einmal zu "verratzen". Ich bitte um Hilfe, ggf. auch um Korrektur oder Belehrung. Ich meine nämlich, irgendwann von irgendwoher die Information bekommen zu haben, daß Verben, die auf "-etzen, -itzen" oder ähnlich enden, sehr häufig (gewiß nicht immer) eigentlich Intensiva anderslautender Verben sind. Die Quelle dieser Information finde ich leider beim besten Willen nicht mehr.
Zum Beispiel ist es ja gut vorstellbar, daß das Wort "knarzen" (bei Grimm "knarrazen") das Intensivum zu "knarren" ist. Nebenbei sei erwähnt, daß es im Bairischen eine Reihe solcher Wörter gibt: "himmitzen" (wetterleuchten), "juhetzen" (jauchzen, jubilieren), "gagetzen" (gackern, im übertragenen Sinn: kichern) u.s.w.
Könnte dann nicht "verratzen" auf ähnliche Weise mit "verraten" verbunden sein?

Noch etwas nebenbei: Mit dem "Ratz" (m!), der in diesem Zusammenhang hier auch schon zur Sprache kam, ist heute im Bairischen die Ratte gemeint. Ursprünglich aber bezeichnete das Wort ein ganz anderes Tier, nämlich den Iltis - daher auch das Wort "Wasserratz". Doch das weiß heute kaum jemand mehr. Und der Iltis, der ist ausgestorben.
 
 

Kommentar von Duden online, verfaßt am 09.01.2014 um 21.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24808

Wendungen, Redensarten, Sprichwörter
verratzt sein (umgangssprachlich; in einer schwierigen, aussichtslosen Lage, verloren sein: wenn ich in der nächsten Klassenarbeit keine Drei schreibe, bin ich verratzt)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.01.2014 um 20.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24807

Schwierig ist die Unterscheidung bei "er vermißt seinen Garten"; von "vermessen" oder von "vermissen"? Vielleicht gibt es noch andere Doppeldeutigkeiten.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 09.01.2014 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24806

Ein anderer Grund für Wechsel der Konjugation läßt sich ausmachen: Vermeidung von mißverständlichen Dopplungen.
rächen – roch – gerochen kollidiert mit riechen,
triefen – troff – getroffen mit treffen.
Ein Satz wie Der Freund, er wird gerochen gerät leicht in Gefahr, erheiternd statt erhaben zu wirken. In beiden Fällen weicht das seltenere Verb auf die schwache Konjugation aus.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 09.01.2014 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24803

Auch Duden kennt verratzt als "ugs." für "hilflos, verloren". So kenne ich den Ausdruck auch, etwa im Sinne von verlaufen, verirrt: "Jetzt sind wir völlig verratzt".
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 09.01.2014 um 00.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24796

Joachim Wiese: Kleines Berlin-Brandenburger Wörterbuch, Reclam Leipzig, 1996, S. 123 bzw. 92:

verratzt präd. Adj. ›verloren‹ dann bin ick verratzt Berlin; da ha ick mir völlig verratzt, d.h. verlaufen, verfahren, ebd.; nu biste verratzt östl. Nlaus. – Wohl zu > Ratze.

Ratze f. 1 ›Ratte‹ Berlin und mmärk.; Vergleiche: er schläft wie ʾne Ratze Frankfurt; er schnorkt wie ʾne Ratze östl. Mmark. 2 ›Fehlwurf beim Kegeln‹ > Ratte. – In der Bedeutung 1 etym. zu mhd. ratz(e).

Sigmund A. Wolf: Deutsche Gaunersprache – Wörterbuch des Rotwelschen, Helmut-Buske-Verlag Hamburg, 1993, unveränderter Nachdruck der 2. Auflage von 1985, S. 263 bzw. 262:

ratzen […] laufen, eilen […].

ratschen […] spielen (Karten, Würfel usw.) […] Verratzen verlieren, verraten […] verratzt verloren, verraten […]; eigentlich: verspielt. […] – Spielratze m eifriger Spieler: 1925 berl. ist Tautologie. Die odt. Form Spielratz m ist die ursprüngliche und richtige; auch die heute öfters gebrauchte Form Spielratte f hat nichts mit Ratte f zu tun, sondern ist eigentlich die ndt. Form von Spielratze f. Vgl. DWB X, I 2414, wo auch die heute gängige sinnlose Deutung auf dt. Ratte f berechtigt nicht erwähnt wird.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.01.2014 um 21.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24795

Da sitzt sie nun bei Wasserratzen,
Muß Wassernickels Glatze kratzen,
(Wilhelm Busch, "Die beiden Schwestern")
Mit den Wasserratzen dürften wohl Wasserratten gemeint sein.

ratzekahl – angeblich von radikal, umgedeutet zu Ratze + kahl
Ratzefummel – Radiergummi

Andere mögliche Zusammenhänge für Ratze, ratzen:
Ratsche, rasseln, kratzen, ritzen
Also evtl. lautmalerischer Gebrauch.
 
 

Kommentar von Paul Westrich, verfaßt am 08.01.2014 um 19.21 Uhr  
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#24793
"wachecht" ist gut (LOL). ich solle wirklich wacher sein, wenn ich eine Antwort schreibe und vor dem Absenden nochmals durchlesen. Gemeint war natürlich "waschecht".
 
 

Kommentar von Paul Westrich, verfaßt am 08.01.2014 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24793

ad #24787
Lieber R.M.
Mein Wörterbuch der pfälzischen Umgangssprache aus dem Jahr 1984 (Autor: Alfred Schrom) gibt für verazzt (sic!) an: "verleumdet". Das scheint mir als wachechtem Pfälzer zutreffend zu sein, jedenfalls aus meiner Erinnerung, auch wenn ich nicht mehr in der Pfalz wohne.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2014 um 12.03 Uhr  
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Das sind sehr gewagte Vermutungen, die man nicht ad hoc aufstellen sollte. Was blinken betrifft, auf dessen niederdeutsche bzw. niederländische Herkunft R. M. schon hingewiesen hat (so verstehe ich es jedenfalls), so kann es ohne weiteres in die hochfrequente dritte Ablautreihe geraten sein, ohne daß man den Wunsch nach Vermeidung schließender Doppelkonsonanz verantwortlich machen müßte. Mir fällt im Augenblick überhaupt kein Beispiel ein, daß ein Verb aus euphonischen Gründen die Konjugationsklasse gewechselt hätte. Auch Vokalepenthese müßte systematischer untersucht werden, der Hinweis auf ostslawische Lautgesetze ist wenig hilfreich.
Als Scherzbildungen sind viele starke Verben aufzufassen, so ist mir auch schwiff bekannt geworden, während das von uns scherzhaft gebrauchte gespiesen regional ganz normal geworden ist. Die großen Grammatiken haben jede Menge weitere Beispiele.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.01.2014 um 11.27 Uhr  
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Lieber Herr Chnela, Ihre Bezeichnung "Modulation der Sprachmelodie" scheint mir ein wesentlicher Grund für die Abweichungen des Bairischen als gesprochener Sprache vom Hochdeutschen als geschriebener Sprache zu sein. Ähnlich wie beim ostslawischen Vollaut scheint es Abneigungen gegen das Zusammentreffen bestimmter Konsonanten und gegen das Schließen eines Satzes mit einem harten Konsonanten zu geben, sodaß ein Vokal eingeschoben wird, wobei ng und nk als ein Konsonant gelten, oder ein starkes Partizip Perfekt gebildet wird wie geblunken statt geblinkt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.01.2014 um 03.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24787

Laut Pfälzischem Wörterbuch ist jemand verratzt, wenn er viele Schmisse abbekommen hat. Oder doch ein Wortspiel auf verrat(t)en – (Ratz = Ratte)?
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 07.01.2014 um 23.54 Uhr   Mail an
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Zitat: "...und daß im Bairischen die starken Verben nahezu alle eine schwache Konjunktivform angenommen haben..."

Lieber Germanist, das ist sogar noch etwas komlexer. Es gibt eine Reihe von Verben, bei denen drei (!) verschiedenene Formen des Konjunktivs II möglich sind. Dazu gehören z.B. gehen und stehen.
Gehen: Möglich sind in der ersten Person Sg. i gàng, i gehad und i gàngad. Die letzte Form ist gewissermaßen eine Mischung aus schwach und stark gebildetem Konjunktiv. (Wir verwenden diese unterschiedlichen Formen weniger zur Bedeutungsdifferenzierung, als vielmehr zur Modulation der Sprachmelodie!)

So sehr ich Merkle und seine "Bairische Grammatik" schätze - die starken Formen des Konjunktivs sind immer noch auf dem Land lebendig! Allerdings - und das hat Merkle bereits erkannt - ihre Verwendung nimmt ab. Es ist (wie immer mit einer sterbenden Sprache) so: Die Jungen verstehen es noch, sprechen aber nicht mehr so.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.01.2014 um 22.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24785

Zum bairischen Konjunktiv sagt Ludwig Merkle (Bairische Grammatik), daß in der hochdeutschen Gebrauchssprache der un-umschriebene (starke) Konjunktiv gekünstelt, altmodisch und komisch wirkt und daß im Bairischen die starken Verben nahezu alle eine schwache Konjunktivform angenommen haben, sodaß eine unzumutbar gespreizte Rede nicht entstehen kann. Der Konjunktiv wird aus dem Stamm und der Endung -àd gebildet oder kann zumindest so gebildet werden, gleichgültig, ob es sich um hochdeutsch starke oder schwache Verben handelt.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 07.01.2014 um 21.59 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24784

Um Ihre Anmerkung aufzugreifen, lieber Herr Strowitzki, es gibt (oder gab) bei uns in Südbayern einen lustigen Zweizeiler aus der Schülersprache, der den mit Ablaut gebildeten Konjunktiv ins Extrem treibt.

Bois no ràng und schnieb, dàs da Dreeg aufspràtz,
Dàs as Schuihaus vagàng, und da Lehra varàtz!


Wörtliche Übersetzung ins Standarddeutsche:
Wenn es nur regnete und schneite, daß der Dreck aufspritzte,
Daß das Schulhaus verginge, und der Lehrer...
(ja, was?)

"Verratzen" ist ein Verb aus der Schülersprache etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts. Es wurde in meiner Gegend recht häufig verwendet und bedeutete etwa so viel wie untergehen, versinken, verschwinden, geliefert sein ("Wenn ich in der nächsten Schulaufgabe einen Fünfer schreib, dann bin ich verratzt!").
Von den im Zweizeiler verwendeten Konjunktiven sind nur zwei grammatisch richtig: schnieb und vagàng. Die anderen (ràng, aufspràtz, varàtz) sind Spaßbildungen ähnlich dem von Ihnen zitierten "schwiff". Dazu muß gesagt werden, daß der Konjunktiv allgemein in bairischer Rede sehr gern verwendet wird - und so ist der Vers eben ein Spiel mit dieser Form. Der Konjunktiv von verratzen müßte allerdings richtig heißen varatzad (mit einfachem a als Stammvokal, nicht mit dem überhellen, nasalen à), die anderen beiden hießen richtig rengad und aufspritzad.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 07.01.2014 um 20.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24782

Ein Kabarettist sagte kürzlich "Ich schwiff ab". Wie gesagt, Kabarett, muß man nicht ganz bierernst nehmen. Aber jeder versteht es, weil die Bildung der ablautenden Verbformen im Sprachbewußtsein verankert ist.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 07.01.2014 um 09.18 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24772

Die stark gebeugten Formen verschwinden auch bei uns nach und nach. Kein Dialektsprecher wird sich daran stören, wenn man gschneibd sagt oder dawischd. Vor allem in den Städten vermischt sich das alte Bairisch immer mehr mit der gemeindeutschen Umgangssprache. Ich kann nur für Oberbayern sprechen, nehme aber an, daß es in anderen Teilen Altbayerns kaum anders sein wird. Bei der Landbevölkerung ist, unabhängig von Regionen, hauptsächlich ein Generationenunterschied zu beobachten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.01.2014 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24770

Beim Adjektiv verwunschen haben wir auch im Standarddeutschen eine starke Form, mit Bedeutungsdifferenzierung. In Bayern hört man auch oft geschneibt, ich weiß aber nicht, ob stark und schwach regional differenziert sind. Der Labial zeigt verblüffenderweise die Verwandtschaft mit Nivea an!
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 06.01.2014 um 21.50 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24768

Vielleicht interessiert es: Eine Auflistung der Verben, die im Bairischen abweichend vom Schriftdeutschen stark gebeugt werden. Letzteres ist erkennbar am Partizip Perfekt und ggf. am Konjunktiv II. Angegeben in der Reihenfolge Infinitiv, Konj. II, PP.

erwischen - dawischn, dawischad, dawuschn
fürchten - feachdn, feachdad, gfoachdn
läuten - laiddn, laiddad, gliddn
niesen - niaßn, niaßad, gnoßn
scheuen - scheicha, scheichad, gschiecha
schneien - schneim, schnieb (schneibad), gschniem
schneuzen - schneizn, schneizad, gschnizn
winken - wingga, winggad, gwungga
wünschen - winschn, winschad, gwunschn
zünden - zinddn, zundd (zinddad), zunddn

Anmerkung: "dd" und "gg" bezeichnen Konsonanten, die phonetisch zwischen d und t, bzw. g und k liegen. Sie kommen so in der deutschen Hochsprache nicht vor.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.01.2014 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24756

Niederländisch: blinken (glänzen), blonk, geblonken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2014 um 05.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24753

Mit dieser vieldiskutierten "Tmesis" verhält es sich komplizierter; ich erwähne nur weniges.

Wir haben zunächst eine Menge alte Beispiele wie:
thar diu erda ligit ûfe (Otfrid)
da din herze inne swebt (Hartmann: Iwein) usw.

„Ursprünglich war die Verbindung zwischen den beiden Gliedern des Präpositionaladverbs loser als jetzt, und da(r) wurde noch oft von der Präposition getrennt.“ (Ingerid Dal)

Paul, Dt. Grammatik III, § 136:

„Die enge Beziehung zwischen Pron. und pronominalem Adv. zeigt sich besonders in einer Eigenheit, die den westgerm. Dialekten gemein ist. Statt einer Präp. mit Dat. oder Akk. der Pronomina das und was wird eine Verbindung der dazu gehörigen Ortsadverbien mit dem der Präp. entsprechenden Adverbium verwendet, also z. B. danach statt nach dem. So gebraucht werden die präpositionellen Adverbia an, auf, aus, bei, durch, ein, in (mhd. inne), für, gegen, hinter, mit, nach, neben, ob, über, unter, um, von, vor, wider, zu, zwischen, mhd. auch ab. Im Ahd. wird der Dat. durch dâr und wâr vertreten, der Akk. durch dara und wara. Im Mhd. ist der Unterschied zunächst durch die Lautentwicklung (vgl. II, § 228) darauf beschränkt, daß der Dat. langes, der Akk. kurzes a hatte. Frühzeitig aber scheint sich eine Ausgleichung vollzogen zu haben, indem die Vokallänge verallgemeinert ist. Deshalb ist dann auch im Nhd. durchgängig woran, worauf etc.eingetreten, auch wo die Beziehung auf eine Richtung geht. Nur warum, wo es gleichbedeutend mit weshalb ist, hat sich als Fortsetzung von ahd. wara umbi erhalten, während sonst worum eingetreten ist.“

Die Umgangssprache hält den älteren Gebrauch fest.

Behaghel Dt. Syntax IV 249:

„Das Gesetz von der Zusammenstellung des Zusammengehörigen kann zusammenstoßen mit dem Gesetz, daß das Wichtigere später stehen soll:
A. es können die lokalen Präpositionaladverbien, sowie her und hin, von da und wo getrennt werden:
Anm. Der dadurch entstehenden Spannung kann abgeholfen werden durch Wiederholung des Adverbs: Aufklärung I,161, 31 da werde ich wenig darzu raten können; so in süddeutschen Mundarten allgemein: da find ich nichts dabei.“

Es handelt sich also um starke Topikalisierung und anschließende "Reparatur".

„Die Trennung der Präpositionaladverbia ist heute im Norden noch lebendig: da finde ich nichts bei.

Die Erklärung: da ist anaphorisch, steht daher am Eingang, wo ist als Fragewort an den Satzeingang gebannt, die Präpositionaladverbia sowie her und hin dagegen sind notwendige, wichtige Bestimmungen des Verbs, drängen daher gegen das Ende.“

Außerdem sind noch Beispiele wie Wo denkst du hin? zu bedenken, das sich kaum auf Wohin denkst du? zurückführen läßt.

Krasse Beispiele für nachträgliche Einrenkung oder Verdeutlichung nach starker Topikalisierung finden sich bei Gerhart Hauptmann, der damit die schlesische Mundart wiedergibt.

Es sind auch Beispiele zu berücksichtigen, die anaphorische Wirkung der Präposition auch ohne pronominales Element belegen:

Schlanke, langhaarige Mädchen, die ein bisschen tanzen, gar nichts gegen zu sagen! (SZ 17.5.11) Irgendwo stößt man immer gegen. usw.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.01.2014 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24752

Die Süddeutschen haben mit starkem oder schwachen Präteritum (früher Imperfekt) keine Probleme, weil sie es nicht benutzen.
Dafür dringt von Norden die (bisher nur gesprochene) Trennung der zusammengesetzten Präpositionen vor. ("Da haben wir kein Problem mit. Da können wir nichts für.") Irgendwann wird sie in die Schriftsprache übernommen.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 04.01.2014 um 14.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24747

Sprachlich bin ich ein Westfale; das mag aus süddeutscher Sicht jedoch schon norddeutsch genug sein. Bei uns heißt es landläufig "winken – winkte – gewunken". Auch "blinken – blinkte – geblunken" ruft kein Unverständnis, nicht einmal Verwunderung hervor.

Übrigens merke ich gerade, daß die (nicht deaktivierbare) Rechtschreibprüfung am Mac "gewunken" nicht beanstandet – anders als "daß" usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2014 um 07.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#24743

Gewunken wird in Zeitungen heutzutage ungefähr gleich häufig verwendet wie gewinkt, wobei die normierende Literatur einen gewissen Druck zugunsten der schwachen Konjugation ausüben dürfte.

"Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht nachdrücklich genug darauf hinweisen, dass es sich bei winken um ein schwaches (!) Verb handelt: winken – winkte – gewinkt und nicht etwa "winken, wank, gewunken"! Sie haben Ihrer Schwiegermutter zugewinkt und nicht zugewunken. Wenn Ihnen das Winken in einem solchen Augenblick auch schwerfällt, sollten Sie es trotzdem mit der richtigen Grammatik tun." (Peter Schmachthagen. Hamburger Abendblatt 10.12.13)

Schmachthagen ist Norddeutscher, ebenso der Astrologe, Pianist usw. Gerhard von Harscher, der sich vor einigen Jahren in der Deutschen Sprachwelt im gleichen Sinne äußerte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.06.2013 um 04.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#23447

Bücher wie "Richtiges und gutes Deutsch" (Duden Band 9) beschäftigen sich mit Unsicherheiten des Sprachgebrauchs und können daher als Quellen gelesen werden, aus denen die Bereiche aktuellen Sprachwandels hervorgehen. So hat man ja auch ältere Werke benutzt. Wenn ein römischer Autor "Claudius, nicht Clodius" vorschreibt, dann sehen wir, daß offenbar die neuere Aussprache mit o bereits verbreitet war, auch wenn die Orthographie sie meistens noch nicht verriet.

Karl Gustaf Andresen ist einer jener sehr erfolgreichen Autoren, die vor über hundert Jahren alles mögliche als falsch beanstandeten, was wir heute ohne Bedenken benutzen. Sein Werk "Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit" scheint mir auch weniger als der noch bekanntere Wustmann ("Sprachdummheiten") von logischem Räsonnieren geprägt, sondern durchaus am "Usus tyrannus" orientiert, wie auch das Vorwort zeigt. Hermann Paul schätzte es und verwies öfter darauf.

Aber schon ein späterer Bearbeiter distanzierte sich in Fußnoten von manchem Urteil. Er findet nicht „tadelhaft“: Ärztetag, Gepflogenheit, Baselkenner. Manchmal steckt regionale Beschränktheit hinter solchen Urteilen, aber im allgemeinen zeigen sie den Sprachwandel an, und das ist schon deshalb interessant, weil es doch verhältnismäßig schnell gegangen zu sein scheint.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2012 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#22179

Zehetmair hat in einem dpa-Interview einen halbautomatischen Text über den Sprachverfall durch SMS, Twitter usw. generiert. Sprachwissenschaftler widersprechen, der Verein Deutsche Sprache e.V. stimmt zu. Mehr ist darüber nicht zu sagen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.11.2012 um 16.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21926

Naturwissenschaftler würden unter Sprachreflexion das verstehen, was vom Sprach-Lernenden zum Sprach-Lehrer zurückkommt und auch einen Reflexionsfaktor definieren. Aber Geisteswissenschaftler verstehen darunter wahrscheinlich wieder etwas völlig anderes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2012 um 05.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21925

„Sprachpflege ist die Förderung des Sprachvermögens und der Sprachreflexion bei möglichst vielen Sprechern einer Sprache auf möglichst hohem phonetischen, lexikalischen, grammatischen und stilistischen Niveau.“ (Armin Burkhardt in Jürgen Schiewe, Hg.: Sprachkritik und Sprachkultur. Bremen 2011:99)

Klingt gut, solange man nicht nachdenkt. Was ist ein hohes Niveau in solchen Dingen? Was ist zum Beispiel Sprachreflexion auf hohem phonetischem Niveau? Was ist überhaupt Sprachreflexion, die ja auch in der Schule geübt werden soll?

(Das genannte Buch ist übrigens nicht lesenswert, ein verspätet herausgebrachter Tagungsband mit viel Leerlauf.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 09.11.2012 um 19.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21891

Herr Wrase hat recht: die Deutschen hatten nie Schwierigkeiten, alles zu sagen, was sie mitteilen wollten. Die Frage ist nur, was kompetenzgeschulte Jahrgänge künftig noch mitzuteilen haben. Vielleicht reicht ihnen dafür Deutsch light.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.11.2012 um 15.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21889

2011 ist ein Roman von Andrea Camillieri in deutscher Übersetzung mit dem Titel Das süße Antlitz des Todes herauskommen. Ist das nun cool oder schwul?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 09.11.2012 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21888

Die meisten dieser alten Wörter kenne ich seit frühester Kindheit, denn sie kommen z. B. in Grimms Märchen oft vor. Aber wer liest die heute noch?
Danke für den Hinweis, lieber Germanist. Ich kenne das russische 'lizo', bin aber bisher nicht auf die Idee gekommen, daß das etwas mit Antlitz zu tun hat. Manch solcher Hinweis im Sprachunterricht hätte gut als Eselsbrücke beim Vokabellernen helfen können.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 09.11.2012 um 13.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21887

"Antlitz" ist eines von zahlreichen Beispielen, daß viele alte deutschen Wörter in slawischen Sprachen heute noch enthalten sind, hier als "lic" oder "lice" für Gesicht. Zugrunde liegt hier ein im Deutschen untergegangenes Verb blicken, sehen, im altisländischen als "lita" blicken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2012 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21886

Genau das ist das Problem: Der Zweck eines Wörterbuchs ist oft auch den Machern unklar, oder sie wollen es jedem recht machen, so daß es sich besser verkauft. Spezialwörterbücher wie z. B. etymologische oder reine Aussprachewörterbücher sind ziemlich unproblematisch. Aber wir wissen ja, daß in Deutschland das bescheidenste aller Wörterbücher, das orthographische, sich im Laufe der Zeit zu einem Universalnachschlagewerk entwickelt hat, das naturgemäß nicht über ein sehr bescheidenes Niveau hinauskommen konnte, aber gleichwohl den Anspruch der Deutschen an ein Wörterbuch entscheidend geprägt hat. Viele Menschen unterscheiden nicht zwischen Sprach- und Sachlexikon, benutzen also den Duden als Konversationslexikon. In manchen Wörterbüchern wird angegeben, wie und wo ein bestimmter Fisch lebt, bei "Wasser" die Siedetemperatur usw.

Nachdem vor dreißig Jahren der Plan eines großen deutschen Wörterbuchs gescheitert ist, haben sich die Aussichten auf eine befriedigende Gesamtaufnahme des deutschen Wortschatzs hoffnungslos verschlechtert, denn die deutsche Sprache ist so weit in Gebrauchssphären aufgesplittert, daß ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, wie man eine repräsentative Darstellung angehen könnte.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 09.11.2012 um 08.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21885

Welche Arten von Begriffen in Wörterbüchern verzeichnet sind, hängt doch vor allem vom Zweck des Wörterbuches ab. Jedenfalls sollten Begriffe, die heute nicht oder kaum mehr verwendet werden, entsprechend gekennzeichnet sein.

Allgemein betrachtet, finde ich Ausmustern aber unerfreulich, da Wörterbücher (für mich) eigentlich nur zwei Zwecke haben: einmal die Schreibung schwieriger oder seltener Wörter belegen und zweitens die Bedeutung von Wörtern erklären, die man nicht kennt. Und nicht kennen tut man seltene und veraltende Wörter. Die überwiegende Menge der verzeichneten Wörter ist doch eigentlich Füllstoff, bei ihnen ist Bedeutung und Schreibung jedermann klar, sie werden niemals nachgeschlagen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.11.2012 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21883

Nun, es geht ja um den aktiven Gebrauch dieser Wörter, also letzten Endes um die Hervorbringung von "gehobenen" Texten, nicht um das Verständnis älterer Texte. Was deren Lektüre betrifft, so bin ich natürlich immer auf der Seite der historischen und philologischen "Bildung" und gar nicht glücklich über die Entwicklung, die seit den siebziger Jahren mit dem "erweiterten Textbegriff" (oder auch "Literaturbegriff") den Deutschunterricht auf Gegenwarts- und Gebrauchstexte verpflichtet hat. Es ist nicht unmöglich, bei Schülern Interesse für Werbetexte und anderes "pragmatisches" Zeug zu wecken, aber es ist sehr schwer, viel schwerer, als sie für "Michael Kohlhaas" oder "Nathan der Weise" zu begeistern. Ich will damit sagen, daß ein gebildeter Mensch die historische Tiefe und damit auch die ältere Sprache kennen sollte.

Ich habe viele Deutschbücher der letzten Jahrzehnte genauer kennengelernt und finde sie durchweg äußerst langweilig. Gefälligste Aufmachung, aber kein bißchen Leseanreiz. Dasselbe gilt für die Einführungsbücher im Germanistikstudium.

Die radikale Gegenwartsverhaftetheit der Rechtschreibreformer (symbolisiert in der Kanonisierung der "synchronen etymologischen Kompetenz" = Volksetymologie) hatten wir schon besprochen. Das IDS verkündete ja seinerzeit, kein Schüler brauche etwas zu lesen, was älter als fünf Jahre ist oder so ähnlich. Mit der Dudenredaktion haben einige Kritiker (z. B. Harald Weinrich und ich) gestritten, wieviel historische Literatursprache in die größeren Wörterbücher aufgenommen werden sollte.

Kurzum: Man sollte Antlitz kennen, aber man kann es nicht mehr verwenden. Das bringt uns aber nicht in Ausdrucksnot.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.11.2012 um 01.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21882

Nicht die Wörter als solche gilt es zu »retten«, sondern die unannotierte Verständlichkeit älterer Textzeugnisse.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 09.11.2012 um 00.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21881

Lieber Prof. Ickler,

vielen Dank für die Erläuterung. Meine Verständnisschwierigkeit beruhte wohl darauf, daß dieser Bereich veralterter oder veralternder deutscher Wörter in Ihrem Ausgangsbeitrag „Das große Lamento“ gar nicht angesprochen wurde.

Ich stimme Ihnen ja zu, daß es wohl vergeblich ist, sich gegen den Verlust veraltender Wörter stemmen zu wollen. Andererseits kann ich bei einigen solcher Wörter eine gewisse Wehmut nicht ganz unterdrücken. Geht damit nicht doch auf der Klaviatur der deutschen Sprache ein Register gehobener Rede verloren?

Ich lese gerne alte Bücher, weil ich mich von den heutigen Modewörtern, unnötigen Fremdwörtern und Anglizismen erholen und zugleich Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit erweitern möchte. Zugegeben stoße ich dabei auch auf heute zu Recht vergessene Fremdwörter. Aber auch das ist ja lehrreich. Dabei braucht man nicht einmal sehr weit zurückzugehen. Vor einiger Zeit druckte die FAZ einen Spendenaufruf des damaligen Bundespräsidenten Heuß ab. Ich war beeindruckt von der zugleich einfachen und gehobenen Sprache, zudem ohne ein einziges Fremdwort. Ich habe mich gefragt, ob es heute wohl in den Staatskanzleien noch jemanden gibt, der so etwas verfassen kann.

Von den von Ihnen genannten Wörtern sind immerhin Antlitz und harren in festen Redewendungen, Harm zumindest als Stammsilbe noch erhalten. Hoffart ist allerdings vermutlich rettungslos verloren, wird aber von einem halbwegs gebildeten Publikum noch verstanden. Vielleicht deshalb hat sich der Duden 2006 nur zur Kennzeichnung „veraltend“ durchringen können. Auf Duden.de steht allerdings nur noch „gehoben abwertend“ (wie im Großen Wörterbuch).
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 08.11.2012 um 10.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21876

Ich frage mich, ob man im Wörterbuch nicht auch verstaubte wissenschaftliche Begriffe als veraltet kennzeichnen sollte. Kürzlich begegnete mir der Ausdruck Idioplasma. Den verwendet heute kein Genetiker, kein Biologe, kein Arzt, es sei denn in einem wissenschaftshistorischen Exkurs. Bei Wikipedia gibt es genau einen Beleg, passenderweise im Artikel über den Schöpfer dieses Ausdrucks, Carl Wilhelm von Nägeli. Idioplasma steht im Duden, als sei das ein ganz normales Fremdwort. (Aus heutiger Sicht ist der Begriff ganz falsch, denn die Erbinformationen sind nicht im Plasma der Zelle enthalten, sondern im Zellkern.) Möglicherweise geht die Wörterbuchredaktion davon aus, daß es immer Wissenschaftler geben wird, die sich mit den Konzepten ihrer Vorvorgänger beschäftigen. Wenn das der Maßstab ist, können Fachbegriffe gar nicht aussterben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2012 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21875

Vielen Dank für die bibliographische Korrektur, Herr Achenbach. Mir war ein uralter Zettelkasten aus meiner Studentenzeit in die Hände gefallen, aber man sollte immer noch mal nachprüfen, ob die Zitate korrekt sind.
Das Lamento hatte ich nicht weiter expliziert, weil wir es schon so oft hatten. Es gibt ja inzwischen eine wachsende Literatur zu "bedrohten" Wörtern. (Eine sehr leichte Art, Geld zu machen, man braucht bloß zu kompilieren, was in den größeren Wörterbüchern noch nicht getilgt ist.)
Sprachpfleger wie der verstorbene Uwe Förster (GfdS) wollte Antlitz, Hoffart, harren, Harm usw. retten oder wiederbeleben - aber wozu? Die Liebhaberei für alte Handwerke kann ich noch eher verstehen als die für veraltete Ausdrucksweisen, mit denen man sich und anderen das Leben schwer macht.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 08.11.2012 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21874

Das große Lamento lautet: "Wie schrecklich, in der Sprache geht etwas verloren!" Die Klage wird so oft erhoben, daß man allein schon deshalb geneigt ist, sie für berechtigt zu halten. Die beste Antwort lautet: "Es geht nichts verloren, weil der Ersatz schon längst da ist." Was ist daran schwer zu verstehen?

Man kann es auch so sagen: Seit dem Althochdeutschen sind viele Wörter und Formen aus unserer Sprache verschwunden. Aber die Deutschen hatten nie Schwierigkeiten, alles zu sagen, was sie mitteilen wollten. Es war offenbar immer genug Wortschatz und genug Grammatik vorhanden.

Ich kann mich hier verständlich äußern. Das ist besser, als wenn ich althochdeutsch schriebe (das kann ich auch gar nicht). Wenn ich nur Althochdeutsch zur Verfügung hätte, könnte ich vieles gar nicht ausdrücken, was ich heutzutage sagen will, auch wenn alle meine Gesprächspartner oder Leser des Althochdeutschen mächtig wären.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.11.2012 um 21.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21873

Das Zitat von Wilhelm Scherer steht erst in der 2. Auflage (1878) auf S. XV, in der 1. Auflage auf S. XI.

Aber inwiefern ist diese Einsicht "die beste Antwort auf das große Lamento"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.11.2012 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21861

„Der Ersatz ist vor dem Verluste da und wird Ursache des Verlustes.“ (Wilhelm Scherer: Zur Geschichte der deutschen Sprache. Berlin 1868:XV)

Neue Ausdrucksmöglichkeiten helfen nicht dem Verfall der alten ab, sondern führen ihn herbei. Auch diese unvergängliche Einsicht war also im 19. Jahrhundert schon geläufig. Sie ist die beste Antwort auf das große Lamento.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.09.2012 um 23.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21441

Spanisch la coca = der Kokastrauch; la cola = der Leim. (Nur am Anfang wurde der Saft der Koka-Pflanze verwendet; er enthält Kokain)
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 11.09.2012 um 20.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21439

(Coca) Cola – die oder das?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2012 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21437

Wo finden sich denn heute noch Texte die auch nur annähernd der alten oder neuen (pfui) Rechtschreibung genüge tun? (Leserbrief zu "Teilweise eklatante Rechtschreibfehler und mangelhafte Grammatik")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.09.2012 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#21365

An der Universität Kassel zum Beispiel wendet sich das Lehrgebiet "Deutsch als Fremd- und Zweitsprache" mittlerweile auch an deutsche Muttersprachler. Auch deutsche Studenten haben Schwierigkeiten beim Verstehen und Verfassen von wissenschaftlichen Texten.

Allerdings wird hier wie überall nicht berücksichtigt, daß die deutsche Wissenschaftsprosa oft unnötig kompliziert und gewohnheitsmäßig aufgedunsen ist.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 27.09.2011 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19255

Siehe dazu hier.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 27.09.2011 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19254

Die Form "gewunken" ist auch am Niederrhein ganz selbstverständlich. Man hört nichts anderes, und das ist keine Übertreibung. Vgl. im übrigen niederländisch "geschonken".
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.09.2011 um 13.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19253

Mein Hinweis auf die geographische Lage Frankfurts war auch entsprechend polemisch gemeint. Es handelt sich bei dem Text zwar um ein Interview, aber dennoch sollte er in der Zeitung in Hochdeutsch abgefaßt sein. Genau aus diesem Grund bin ich auch über das Partizip gestolpert.

Mein hier an anderer Stelle (siehe hier) gegebener Hinweis auf die starke Präteritumsform von "fragen" hat dort vor allem metrische Gründe. Die schwache Verbform ("fragte") hat nämlich schlicht und einfach eine Silbe mehr. Und die von Herrn Ludwig schon mehrfach angesprochene Stelle bei Storm konnte ich nicht finden. Ich habe spaßeshalber mal bei www.zeno.org nach "frug" gesucht. Unter den Belegstellen findet man viel Fontane, Freytag, Gerstäcker, Auerbach, Gotthelf, Eichendorff, aber Goethe beispielsweise fast nur in den Gesprächen. Für das Partizip "gewunken" finden sich (der Würzburger Dauthendey gebraucht die Form des Reimes wegen) nur süddeutsche, österreichische und schweizerische Autoren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.09.2011 um 10.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19252

Ja, kann man, aber nur im Süddeutschen, weil es hochdeutsch nun mal nicht so heißt. Außerdem, es bringt nicht viel, denn auch im Hochdeutschen ergibt sich der Sinn normalerweise ohne weiteres aus dem Kontext.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.09.2011 um 22.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19251

Mit haben und sein kann man die gleichlautenden Perfektformen von gestehen und stehen sehr praktisch auseinanderhalten: Der Beschuldigte hat gestanden, also ein Geständnis abgelegt; der Fahrgast ist gestanden, weil kein Sitzplatz frei war.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 25.09.2011 um 23.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19250

Ein Bayer hat im Gefängnis gesessen und ist auf einem Stuhl gesessen. Deswegen kommt "hat gesessen" seltener vor. Das bairische Sprachgebiet umfaßt auch Österreich, auch wenn dort manches regional unterschiedlich ausgesprochen wird..
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 25.09.2011 um 19.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19249

"Nun liegt Frankfurt freilich in Süddeutschland, was die Form erklären mag." Ich weiß zwar nicht die Verteilung der Form "gewunken", aber wir haben nun mal das häufig verwendete Perfektpartizip "getrunken", und "gesunken" und "gestunken" üben wohl auch ihren Einfluß aus, und das eben schon seit Jahrhunderten. Die Imperfektformen dieser und ähnlicher Verben (finden, singen, gelingen, usw.) werden nicht so häufig verwendet und hemmen deshalb wohl weniger die Neubildung einer starken Form "gewunken". (Interessant ist deshalb, wieso die Imperfektform "frug" aufgekommen und auch von großen Autoren verwendet worden ist, obwohl's doch kein wohl *gefragen gibt.)

Noch zum süddeutschen Sprachgebiet: Dort mag man — wie ich die Leute da kenne — tatsächlich lokale Eigenheiten eher im Hochsprachlichen einer Gegend akzeptieren als im sprachlich formelleren (?) Norddeutschland, — bilden süddeutsch doch auch die Verben "stehen", "liegen" und "sitzen" zusätzlich zu "sein" und "bleiben" ihre Perfektzeiten anerkanntermaßen mit sein und nicht mit haben. Und wie letztere sind jene ganz bestimmt keine "Verben des Wechsels von Ort oder Zustand". Das von Ickler angesprochene "kulturelle Schwergewicht verlagert sich in Deutschland eben allmählich auf Süddeutschland." Hierzu rechne ich auch das (christliche) "Samstag" verglichen mit dem (doch noch heidnischen) "Sonnabend" (wer weiß denn all sowas heutzutage noch?), wenn auch hier z.B. auf Fahrplänen die Abkürzung "Sa." hochwillkommen ist, kommt doch mit "So." bei der bestmöglichen Kürze nicht mehr die geringste Zweideutigkeit auf.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 25.09.2011 um 18.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#19248

Das von Zimmer angesprochene Partizip "gewunken" findet sich heute auch in der Netzausgabe der FAZ:

Herr Präsident Voßkuhle, das Bundesverfassungsgericht hat die Euro-Rettungspakete durchgewunken. Hatten Sie Angst vor den Finanzmärkten?

www.faz.net

Nun liegt Frankfurt freilich in Süddeutschland, was die Form erklären mag.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2010 um 16.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16543

Man muß eben zwischen einer (hier: volkstümlichen) phonetischen Transkription und einer Transliteration unterscheiden.
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 17.07.2010 um 10.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16542

Nicht Dhmotikí, sondern Dimotikí! Der Lautwert des neugr. Buchstabens H,h > ´ita ist "i". Die Partei heisst Néa Dimokratía und nicht Dhimokratía. Wer sich mit Neugriechisch befasst, lernt, dass das Lautzeichen für den Buchstaben Delta (lateinisch "d") wie ein stimmhaftes th in englisch "that" auszusprechen ist. Einer phonetischen Kruecke mit "Dh" bedarf es also nicht.

Kopie aus Griechenland Zeitung (www.Griechenland.net):

"Der Vorsitzende der konservativen Partei Nea Dimokratia, Antonis Samaras, sagte dem Stadtoberhaupt am Donnerstag seine Unterstützung zu. Samaras besuchte das Stadtzentrum..."
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.07.2010 um 17.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16537

deutsch "Dämon" ist altgr. "daimoon".
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 16.07.2010 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16536

Gibt es da eine etymologische Verbindung zum Wort ''Dämon''?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.07.2010 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16535

Langenscheidts Taschenwörterbuch Griechisch: im deutschen Vorwort "Dhimotiki", im griechischen Vorwort "dämotikä";
Im Griechischen Wörterverzeichnis "dämotikä", im deutschen unter Volkssprache "dämotikä".

Langenscheidts Praktisches Lehrbuch Neugriechisch: im Vorwort "Dhimotiki".

Die deutsche Schreibweise "Dhmotiki" halte ich für irreführend, weil das Wort ja von Volk = (eingedeutscht) demos, griech. dämos kommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2010 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16533

Das dh soll offenbar die spirantisierte Aussprache andeuten. Was soll man sonst machen?
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 16.07.2010 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16532

Zu Germanist #16479
Lieber Germanist, Sie haben sich mal ueber die im Neugriechischen verwirrend vielen Schreibweisen für den Laut i "beklagt".
Sie schreiben für die Volkssprache "Dhimotiki". Da ist ein "i" zuviel drin. "Dhmotikh"( "h" steht fuer den Buchstaben H (´ita) des gr.Alphabets ) ist eigentlich ein substantivierter Adjektiv, denn es heisst; dhmotikh glossa, auf deutsch: Volkssprache.
"Dhmos" ist das Volk und "glossa" heisst Sprache.
Ihre Schreibweise wuerde in deutsch eigentlich die Aussprache "Diimotiki" verlangen.
Warum in vielen Lexika "Dhimotiki" steht, ist mir schleierhaft.
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 08.07.2010 um 21.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16487

Zu Herrn Riemer, # 16481
vgl. ## 15917,15918,15921,15923 in diesem Strang.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2010 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16482

In deutschen Großstädten werden viele Sprachen gesprochen.
In deutschen Großstädten werden viele Sprachen wild durcheinander gesprochen.

Zweimal derselbe Sachverhalt, in verschiedener Tonlage beschrieben. Ich wüßte nicht, warum ich mich der zweiten anschließen sollte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.07.2010 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16481

Sehr schön, ich wollte schon fragen, was der Satz bedeutet. Nun bin ich dafür umso neugieriger, was er mit Sprachverfall zu tun hat?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.07.2010 um 14.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16479

Danke für den Hinweis. In Dhimotiki müßte es kardia heißen, weil Akk. fem. = Nom. Es ist wie Altgriech., nur fehlen dazu wohl die Artikel.
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 08.07.2010 um 11.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16478

Ja, Germanist, "Wein erfreut...", wobei "erfreut" noch etwas einfach ausgedrückt ist. Der Wortstamm euf (u für y, f für phi)findet sich in unserem deutschen, aus dem Griechischen übernommenen Wort
[i)Euphorie[/i]. Man könnte also dichterich frei übersetzen: Wein erheitert das Gemüt des Menschen.
kardian, d für Delta ist Akk.Katharevousa.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.07.2010 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16477

"Der Wein erfreut das Herz des Menschen"
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 07.07.2010 um 19.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16474

O ´oinos und der Sprachverfall; Nachlese, weil gerade hier in Griechenland entdeckt.


ΟΙΝΟΣ ΕΥΦΡΑΙΝΕΙ ΚΑΡΔΙΑΝ ΑΝΘΡΩΠΟΥ

[auszusprechen: ´inos effr´äni karth´ian anthr´opu]

Inschrift einer Keramik (Hausschmuck) mit bemalten Weintrauben am Zweig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2010 um 11.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16322

In den letzten Tagen wieder mal in den Klassikern der Sprachkritik und Sprachpflege von einst geblättert: Andresen (Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit), Matthias (Sprachleben und Sprachschäden), Wustmann (Sprachdummheiten). Soweit ich sehe, haben die Deutschen sich nichts davon zu Herzen genommen. Folglich müßten die damals angekündigten Sprachschäden eingetreten, müßte das Deutsche katastrophal heruntergekommen sein. Aber davon ist nichts zu spüren, wenn wir z. B. gehobene Zeitungen lesen wie etwa die "Deutsche Sprachwelt" (aber sogar die taz ist nicht so sehr verschieden).
Der Wustmann ist ebenso oft gelobt wie verdammt worden, aber heute erzeugt er nur noch mitleidiges Gähnen, und das gilt für die anderen auch. Sprachkritische Erregung, so kann man folgern, hat immer schon verloren, es ist nur eine Frage der Zeit.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 16.04.2010 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16063

Vgl. http://www.merriam-webster.com/dictionary/fan (1) und (3)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.04.2010 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16062

Das "deutsche" Wort "Fan" ist ein typisches Beispiel dafür, wie von Wörtern aus anderen Sprachen nur eine von mehreren Bedeutungen übernommen wird: "Fan" ist im Englischen 1.) Fächer, Ventilator; 2.) Fanatiker, Liebhaber, Bastler. Weiß jemand, wie es zu dieser Aufspaltung gekommen ist? Ein Techniker denkt bei "Fan" zuerst an Strahltriebwerke, wo es die erste Stufe oder der Vorverdichter ist und bei denen es auch den "Turbofan" gibt; den gibt es meines Wissens nicht bei den gemeinen "Fans".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2010 um 09.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#16061

Natürlich hat Steinfelds Kritik wiederum Kritiker aus den Reihen der Sprachschützer auf den Plan gerufen. Prof. Dr. Martin Doehlemann gibt ein Beispiel für die Verflachung des Deutschen in den Medien:

„Angesichts der unaufhörlichen Verwendung des Wortes 'Fan' können wir uns fragen, wie viele deutsche Worte in all ihren feinen Schattierungen dadurch weitgehend verdrängt werden.“ (Leserbrief SZ 16.4.10)

Aber der Fan entspricht dem Star, und der Kult um Stars ist ein wesentlicher Zug der medialen Massenkultur, auch der Promi gehört noch dazu. Lohnt es sich, hier Verfeinerungen anzubringen? Die Synonyma Verehrer, Anhänger, Bewunderer sind durchaus noch in Gebrauch, wo sie hinpassen. Aber der Rummel, der sich um die Prominenten dreht (buchstäblich dreht, denn sie sind prominent, weil sie prominent sind), findet hier durchaus die angemessene Sprachform.

Doehlemann hat sich anderswo ausführlicher geäußert:

www.vds-ev.de/literatur/texte/doehlemann.pdf

Die Lehnübersetzungen aus dem Englischen, die Doehlemann dort beklagt, schließen sich an noch viel mehr Lehnübersetzungen aus dem Lateinischen an, aus denen die deutsche Sprache weitgehend besteht. Als Gegenbilder beschwört er Goethe, Keller, Thomas Mann – aber das sind keine Muster für die heutige Sachprosa, und was die Schriftsteller betrifft, so hat Steinfeld ja gerade einige Könner aus der Gegenwartsliteratur genannt.

Übrigens: Doehlemanns Leserbrief ist in genau derselben Sprache abgefaßt wie die ganze SZ – wo ist da ein Ausdrucksmangel, eine Verflachung?

Das Bemäkeln einzelner Wörter (immer bei den anderen!) ist langweilig. Jeder möge an seiner eigenen Ausdrucksweise arbeiten, da hat er genug zu tun.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.04.2010 um 11.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15937

Das wohlklingendste und verständlichste Italienisch habe ich auf dem Prager Altstädter Ring vor der Rathausuhr von einer Reisegruppe gehört. Es war ein Genuß.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 07.04.2010 um 08.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15936

Man kann den dramatischen oder apokalyptischen Ton kritikwürdig finden, aber ansonsten trifft die Feststellung von Thomas Paulwitz zu, daß in Deutschland (jedenfalls in den Großstädten) viele Fremdsprachen wild durcheinander gesprochen zu hören sind. Das erinnert zuweilen an die babylonische Sprachverwirrung, ganz richtig. Auch daß die Werbung vom Englischen durchtränkt ist, stimmt. Sprachwissenschaftler halten das für harmlos oder spannend, der Normalbürger ist verwirrt. Es wäre verwunderlich, wenn diese Zustände niemanden stören würden. Man sollte denen, die den Wirrwarr der Sprachen unerquicklich finden, nicht gleich eine schlechte Gesinnung unterstellen. Umgekehrt könnte auch ein Mensch, der die Sprachenvielfalt auf engem Raum klasse findet, ein Halunke sein :-)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.04.2010 um 01.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15935

Ich sehe auch nicht, warum man sich von den ausdrücklich "zur Diskussion gestellten" 10 Thesen distanzieren sollte. Sie kommen mir ebenso harmlos wie wenig aussagekräftig vor.

Allerdings sehe ich darin auch nicht gerade eine Musterbeispiel für "gutes Deutsch". Da geht es um das "Humanum", "Defizite in der Sprachkompetenz" und in der "Sozialkompetenz", um die "Selbstdefinition" des "Individuums" oder um "kulturelle Identität" – alles schwammige oder abgegriffene Wörter/Begriffe.

Dagegen ist der Aufsatz von Wolfgang Klein in einem unprätentiösen, eingängigen Deutsch geschrieben, der einem Publikum von hochgebildeten Laien vollkommen angemessen und für jedermann angenehm zu lesen ist.

Seine Ausführungen zur Rechtschreibung kranken allerdings hauptsächlich daran, daß sie sich ausschließlich mit der Lautschreibung (Laut-Buchstaben-Zuordnung) befassen. Die Lautschreibung ist aber der Teil der Rechtschreibung, der am stärksten auf reiner Konvention beruht. Ob man nun "Kaiser" oder "Keiser" schreibt, ist ja tatsächlich gleichgültig. Das verführt zu der Annahme, daß Rechtschreibung insgesamt pure Konvention, Gewohnheit und deshalb einer vertieften Behandlung nicht wert sei. Wer sich nicht näher mit diesem Gegenstand befaßt, bleibt leicht diesem Vorurteil verhaftet.
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 06.04.2010 um 23.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15934

Inzwischen habe ich die 10 Thesen von Hern Heuermann nochmals nachgelesen und kann nicht erkennen, wieso man sich davon distanzieren müßte. Ich weiß auch nicht, wieso es schlimm sein soll, über eine Verflachung der Sprache nachzudenken – stellt ja auch die RSR eine behördlich angeordnete Verflachung dar, wenn der (Schrift-)Sprache ihre Differenzierungsmöglichkeiten genommen werden, worüber wir in diesem Forum uns nun seit Jahren ärgern. Das schlechte Vorbild der Medien, die diesen Unsinn mitmachen, ruft ja ständig neue Unsinnigkeiten in der Schreibung hervor. Daran kann man sehen, wie "Vorbilder" wirken. Warum soll es bei schlechtem Sprechen und Schreiben und mangelhaftem Deutsch (um das mal so vereinfacht und im Bewußtsein dessen zu sagen, daß es DEN Qualitätsmaßstab nicht gibt) anders sein?
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 06.04.2010 um 09.21 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15928

Es ist richtig, daß wir nicht so geübt sind im Distanzieren wie Theodor Ickler. Meiner Ansicht nach halten solche Rituale und Schubladisierungen allerdings eher davon ab, sich geistig mit etwas auseinanderzusetzen.

Die zehn Thesen des Anglisten Prof. Hartmut Heuermann zu „Sprachkultur und Sprachverfall“, die in der Deutschen Sprachwelt zur Diskussion gestellt wurden, können hier nachgelesen werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2010 um 08.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15927

Der Standpunkt der "Deutschen Sprachwelt" (und der "Jungen Freiheit", wo Paulwitz eine ständige Kolumne hat) ist bekannt, es kommt nicht darauf an, ob ein Referent genau dieselben Wörter benutzt. Der apokalyptische Ton, den Paulwitz gern anschlägt, läßt sich vielfach belegen; auch folgendes hat er vorgetragen:
"Türkisch, Serbisch, Arabisch, wild durcheinander palavert und getaucht in das grelle Licht engleutscher Leuchtreklame – Deutsche Innenstädte erwecken immer stärker den Eindruck, als ob eine babylonische Sprachverwirrung, die bekanntlich eine Strafe Gottes war, in unserem Lande Einzug gehalten hätte. Die zu hohe Zahl nicht integrierter Ausländer in Deutschland ist eine Folge der Identitätskrise der Deutschen." usw.
Im übrigen hat die Sprachwelt "Zehn Thesen über Sprachkultur und Sprachverfall" veröffentlicht und sich nicht davon distanziert.
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 06.04.2010 um 08.38 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15926

Ich kann nur raten: am besten mehr als die Überschrift lesen und sich nicht auf Steinfelds verzerrende und diffamierende Darstellung verlassen. Das Deutschlandradio hat sich bereits bei mir entschuldigt, weil es in einer Presseschau ungeprüft die fehlerhafte Steinfeldsche Darstellung übernommen hatte.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.04.2010 um 22.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15925

Thomas Paulwitz: »Wird Deutsch zur Affensprache? Forscher sagen eine starke Verflachung unserer Sprache voraus«, in: Deutsche Sprachwelt Nr. 39, 2010, S. 1. – Glück gehabt, das Deutsche verfällt also nicht, sondern verflacht bloß.
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 05.04.2010 um 19.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15924

Herr Ickler kann beruhigt sein. In der Deutschen Sprachwelt wurde nicht "der Verfall der deutschen Sprache beschworen". Statt dessen hat Steinfeld mehrmals falsch zitiert. Ich bin gespannt, ob die SZ die Richtigstellung abdruckt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2010 um 16.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15923

Völlig richtig. Wobei noch zu beachten ist, daß unsere griechische Schulaussprache (z. B. gerade bei Leukas) ja weder der heutigen noch irgendeiner anderen Stufe der griechischen Sprachgeschichte entspricht. Ich selbst könnte auch keinen neugriechischen Satz formulieren, obwohl ich in altgriechischen Stilübungen ziemlich gut war. (Für Außenstehende: Dabei übersetzt man deutsche Texte ins Altgriechische, auf den ersten Blick eine sinnlose Anstrengung, die aber den vernünftigen Zweck hat, sich mit einem ausgewählten Dialekt, hier dem Attischen, völlig vertraut zu machen. Im Lateinstudium entspricht dem die Einarbeitung ins klassische Latein.)

Der Vergleich mit dem Althochdeutschen war mir auch schon eingefallen, er mag hinsichtlich der "Entfernung" zutreffen, aber in anderer Hinsicht natürlich nicht, weil das Althochdeutsche nicht die bildungssprachliche Großmutter, sozusagen die Katharevousa des Neuhochdeutschen ist. Wir hatten, anders gesagt, nie eine entsprechende Diglossie wie die sprichwörtliche der Griechen.

Herr Markner hat selbstverständlich auch recht, die Nichtmehrbenutzung einer Sprache ist bei Klein nicht als "Sprachverfall" ins Auge gefaßt. Er deutet bloß an, die Ausbreitung des Englischen könnte mit dessen Qualität zusammenhängen. Diesen Gedanken will ich aber nicht diskutieren, weil mir dazu nichts Gescheites einfällt.
 
 

Kommentar von Robert Roth, verfaßt am 05.04.2010 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15921

Lieber Germanist,
"z.B. ist 'oinos' für Wein unbekannt, man sagt 'krasi'." Das muß ich korrigieren. "to krasí" ist gemeinhin der vom Faß ausgeschenkte Landwein, während ein Flaschenwein – so auch die Etikettbezeichnung – in aller Regel "o oínos" ist, also ein in ganz Griechenland gebräuchlicher und verstandener Begriff, nachzulesen in jedem Wörterbuch und erst recht zu hören. Ein teurer Rombola aus Keffalloniá ist niemals ein krasí. Den oinológos (inológos) ("Weindoktor"/chemisch) kennt auch jeder, sowie die oinopoieío (inopiío), die Weinkelterei. Zur Feier des Tages (Pasxa; x für "chi") stand auf unserem Mittagstisch gerade eine Flasche Pírgos (Schloß) Clauss von Axaía Clauss, Patra: Topikós Oínos Plagiés... Es war die letzte, sonst hätte ich Ihnen eine geschickt.

Wenn Sie den von Ihnen vorgeschlagenen Begriff "Griechische Volkssprache" zurückübersetzen, sind Sie bei der Dimotikí, im Gegensatz zur Katharévousa. Die Entwicklung zur heutigen Dimotiki hat im Zuge der Befreiungsbewegung Griechenlands einen annähernd zweihundert Jahre langen Sprachenstreit hinter sich, die letzten Vereinfachungen, die Reduzierung der verwirrenden drei Tonzeichen auf eins liegt erst zwei oder drei Jahrzehnte zurück. Und wie Herr Ickler sagt, sind die zunächst verwirrend vielen Zeichen für das i ein reiner Lernprozeß, ich hab’s persönlich erfahren.

Ich möchte auch nicht von einem Sprachverfall sprechen. Als ich vor ca. 40 Jahren einen älteren Kollegen, Altsprachler, bat, mir einen oder zwei Sätze für eine weihnachtliche Grußkarte zu formulieren, war die Antwort: tut mit leid, Herr Roth, das kann ich nicht; das ist ein Unterschied wie etwa das Althochdeutsche zum heutigen.
Inwieweit das zutrifft, vermag ich nicht zu beurteilen. Haben wir etwa auch einen "Sprachverfall"?
Auffallend ist beim Umgang mit Griechen der erstaunliche Wissensstand über ihre Geschichte, ebenso die Mythologie. In vielen Fällen wird dabei schon mal altgriechisch zitiert.
Die Aussprache des Neugriechischen scheint übrigens bei deutschen Altphilologen verbreitet auf Kritik zu stoßen. Gerade habe ich in einer wissenschaftlichen Schriftenreihe im Klappentext von der Insel "Leukas" gelesen. Auf meine "Beanstandung", zu neuzeitlichen Erkenntnissen gehörten doch auch die neuzeitlichen Toponyme und nicht die antiken, schrieb mir der Professor: "Die Insel Lefkas ist im deutschen Sprachgebrauch allenthalben als Leukas bekannt. Das gilt übrigens nicht nur für die alten, sondern auch noch immer für die neuen (Diercke-)Schulatlanten. In internationalen Beiträgen verwenden wir, wie Sie sicherlich den entsprechenden Artikeln des Buches und der weiterführenden Literatur entnommen haben, den Begriff Lefkada".
Offenbar gilt eine solche Praxis nicht im Falle der bekannten indischen Stadt Bombay, die vor ca. 15 Jahren in Mumbai umbenannt wurde und fleißig in Presse pp. jetzt so zitiert wird.
Da manche Straßenkartenhersteller die Namen abschreiben, führt das dazu, daß man mitunter vergeblich die Straße nach Leukas erfragt und nur den hilflosen griechischen Augenaufschlag erntet.

Mir scheint bezüglich des Neugriechischen bei manchem Altphilologen eine gewisse Reminiszenz (Lamento), vielleicht auch – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – ein Hauch aus elitärer Warte mitzuschwingen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.04.2010 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15920

Wolfgang Klein erinnert richtigerweise daran, daß »Sprache« immer schon eine Abstraktion aus dem Sprachgebrauch ist. Er kommt jedoch nicht darauf zu sprechen, daß eine Sprache, die außer Gebrauch gerät, verfällt – weil dies seiner Prämisse zuwiderlaufen würde, daß jede Rede vom Sprachverfall wahnhaft sei. Wie steht es aber mit dem Huronischen, auf das Klein, über Adelung, verweist? Es ist ausgestorben, und zwar sicherlich vollständiger als das Lateinische.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2010 um 07.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15918

Das sind Schwierigkeiten beim Schreibenlernen – genau von derselben Art wie die sprichwörtlichen vielen Schreibweisen des Französischen für den Laut o. Vielleicht braucht man dort also eine Rechtschreibreform, aber mit Verständigungsproblemen im mündlichen Gebrauch des Griechischen hat es nichts zu tun. Ich habe noch nie beobachtet, daß Griechen im Gespräch die Schrift zu Hilfe nehmen mußten.

Was Reinhard Markner über Sprache und Sprachgebrauch bemerkt hat, findet man ungefähr auch in einem Vortrag von Wolfgang Klein, Der Wahn vom Sprachverfall (PDF-Datei).

Die ursprüngliche Fassung steht hier und ist voller Rechtschreibfehler, vor allem bei der s-Schreibung, sicher eine Folge der damals schon virulenten Reformverwirrung. Diese Transkription enthält auch eine platte Stellungnahme zur Rechtschreibreform, für die sich der Verfasser ausdrücklich nicht interessiert. Das hat er klugerweise dann gestrichen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.04.2010 um 19.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15917

Tatsächlich sollte man "Neugriechisch" nicht so nennen, sondern "Griechische Volkssprache". Die vielen klassisch-griechischen Fremdwörter in den übrigen europäischen Sprachen werden von Griechen ohne Altgriechisch-Kenntnisse nicht verstanden, weil sie dafür andere Wörter benutzen, z.B. ist "oinos" für Wein unbekannt, man sagt "krasi", was eigentlich Mischung bedeutet. Um sich unter gesprochenem "Neugriechisch" Wörter vorstellen zu können, muß man zuerst deren Schreibweisen kennen, z.B. die vielen Schreibweisen für den Laut [i], weil I, H, Y, OI, EI, YI [i] gesprochen werden. Dies jedenfalls halte ich für eine Verschlechterung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2010 um 17.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15916

Kurioser Maßstab. Immerhin haben im 19. Jahrhundert viele so gedacht, auch die Begründer der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft: Der "Verfall" der Flexionssuffixe als Niedergang der Sprache überhaupt ...
Das heutige Griechisch ist eine Sprache wie jede andere, niemand würde an ihm irgendwelche Verfallsspuren bemerken, wenn er nicht zuvor Altgriechisch gelernt hätte und sich dadurch zu einem unangebrachten Vergleich einzelner Züge veranlaßt sähe.
Eher passend ist der Fortschrittsgedanke, wie etwa bei Otto Jespersen ausgesprochen. Vor allem die durchrationalisierten Fachsprachen sind hinzugekommen, während auf der Verlustseite die Sache nicht so klar ist.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.04.2010 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15915

Das klassische Beispiel eines Sprachverfalls ist die Entwicklung des Altgriechischen (welches aus mehreren Dialekten bestand) über das Bibelgriechisch (des Neuen Testaments) und das byzantinische Mittelgriechisch (welches im Altkirchenslawischen abgebildet ist) zum heutigen Neugriechisch (welches zu lernen einem Kenner des Altgriechischen graust).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.04.2010 um 14.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15914

Was verfällt, ist doch nicht so sehr die Sprache »an sich« (was immer das sein mag) als die Fertigkeit, sich ihrer zu bedienen. In diesem Sinne kann man schon sagen, daß das Lateinische, obwohl als Umgangssprache ohnehin ausgestorben, noch weiter im Verfall begriffen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2010 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#15913

Thomas Steinfeld kritisiert einen Beitrag von Thomas Paulwitz in dessen Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt". Anscheinend wird dort der Verfall der deutschen Sprache beschworen, gar ihr "Verflachen" zur "Affensprache". Ich habe es nicht gelesen und werde es auch nicht lesen.
Da ich (nicht als einziger) hier manchmal die übertriebene und oft auch ziemlich falsche Verwendung von Fremdwörtern kritisiere, muß ich wohl ab und zu auch sagen, daß ich mir solche Kritik nicht zu eigen mache. Auch deshalb, weil ich vor Jahren die Frage, wie "gut" eine Sprache ist, ausdrücklich aus der Tabuzone herausgeholt habe.
Gibt es überhaupt Beispiele für den "Verfall" und das "Verflachen" von Kultursprachen? Und anders gefragt: Hat jemand unter uns Schwierigkeiten, auf deutsch zu sagen, was er sagen will?
Es sind wohl immer die anderen, deren Sprachverhalten manchen Leuten nicht paßt.
 
 

Kommentar von Inge Müncher, verfaßt am 01.08.2007 um 22.37 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9878

In den Kulturnachrichten von Deutschlandradio und bei Ad-Hoc-News wird uns mitgeteilt, was der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger über die Rechtschreibschwierigkeiten von Schülern gesagt haben sollte:

Deutschlandradio:
Die Fehlerquote sei nicht gesenkt worden,..............95 %würden gar nicht in den Bereichen gemacht, in denen es Änderungen gegeben habe. Hauptfehlerquellen seien dagegen weiter die Groß- und Kleinschreibung sowie die Schreibung von lang und kurz gesprochenen Vokalen. In einigen Bereichen hat die Reform aber offenbar doch etwas gebracht. So soll es mehr Sicherheit bei der so genannten S-Schreibung und bei der Komma-Setzung geben.

Ad-Hoc-News:
95 Prozent der Fehler würden gar nicht in den Bereichen gemacht, in denen es Änderungen gegeben hat,...........Die Hauptfehlerquellen seien weiter die Groß- und Kleinschreibung sowie die Dehnung und Schärfung von Vokalen. .........Mehr Sicherheit gebe es durch die neuen Regeln zudem bei der so genannten S-Schreibung und der Kommasetzung.

Was hat Heinz-Peter Meidinger wirklich gesagt?

Die Journalisten scheinen hier nicht einmal die s-Regel der neuen Rechtschreibung zu kennen und übermitteln kritiklos, die Schüler hätten Schwierigkeiten, lange und kurze Vokale richtig zu schreiben oder könnten nicht die Vokale dehnen oder schärfen!! Wie sollte wohl ein geschärfter Vokal aussehen??

Es geht aber wohl darum, daß Schüler schwer erkennen, ob ein betonter Vokal kurz oder lang sei vor einem stimmlosen (scharfen) s-Laut, dazu mit ss- oder ß-Stammwort, um zu entscheiden, ob ss oder ß zu schreiben sei. Daß die Schüler aber trotz dieser Schwierigkeiten mehr Sicherheit in der s-Schreibung haben würden, ist ja wohl nicht möglich!!
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 29.07.2007 um 13.06 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9832

Umbrüche (sprachliche)

Der Text von Thomas Groß (von R.M. - 880#9820 - treffend "IdS-Hofberichterstattung in der F.A.Z." genannt) enthält weniger Bedenkenswertes als Bedenkliches:

"Aber noch immer ist ungewiss, ob die Studentenbewegung die Selbstinszenierung einer kleinen Gruppe war, die nur durch die Unterstützung der Medien einen größeren Anschein bekam, oder ob sie als der Beginn weitreichender kultureller und politischer Veränderungen zu verstehen ist."

Wieso? Heidrum Kämper weiß es bereits. Es war das Zweite, d.h. ein Umbruch. Groß fährt seine eigene Frage über Bord werfend fort:

"Heidrun Kämper hatte zuvor den ersten Einschnitt in der Nachkriegs-Sprachgeschichte untersucht: Die unmittelbare Nachkriegszeit beleuchtete die Linguistin unter dem Begriff „Schulddiskurs“. Wie in den ersten Nachkriegsjahren über Schuld gesprochen und geschrieben wurde - das zeigt, dass auch damals Sprachgeschichte „Umbruchsgeschichte“ war. [...] Noch vor diesem Umbruch liegen die als weitere Forschungsgegenstände avisierten [anvisierten - ?] Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sowie der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahr 1933. Wenn sie dann auch noch die sprachlichen Umbrüche der Wiedervereinigung analysierte, wäre der linguistische Beitrag zur Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts vollständig."

Bisher analysiert sind also lediglich der "Umbruch" nach dem Zweiten Weltkrieg und der von 1968. Im großen Rundumschlag sind dann die Zusammenbrüche des Kaiserreichs, des Ditten Reichs, des Honecker-Teilreichs und das Sprachgetrommel der 68er gleichwertige Zäsuren ("Umbrüche" wessen?). Eine halbwegs bei Sinnen gebliebene Zeitgeschichte gerät angesichts solcher Perspektive ins Grübeln.
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 29.07.2007 um 12.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9831

Wieso sich ausgerechnet Jens Jessen über solche Petitessen wie Apostrophe aufregt? http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=278#982
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 28.07.2007 um 18.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9825

Welcher Reformstufe sind eigentlich diese überaus albernen Großschreibungen wie "seit Langem, vor Kurzem, bei Weitem, des Weiteren, im Übrigen, er hat sich auf das Beste amüsiert, es wurde aufs Intensivste geprobt" etc. zu verdanken? In dieser Hinsicht hatte nach meiner Ansicht der "alte" Duden eine durchaus sinnvolle und einfache Regel, die eigentlich nur in Worte faßte, was auch der "normale" Schreiber so empfand.
Wenn berichtet wird, daß Politiker X etwas "vor Kurzem" oder "noch vor Kurzem" gesagt hat, hat das danach offenbar auch Herr Kurzem gesagt. Ähnlich der historische Herr Langem. (Seit Lessing wissen wir ...; seit Langem ist es rechtliche Gepflogenheit ...)
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 28.07.2007 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9824

Zu den wenigen Ausnahmen bei den Medien scheint tatsächlich auch der SPIEGEL zu gehören. Ich lese gerade ein Spiegel Special, in dem offenbar wirklich nur noch die Heyse-Scheibung verwendet wird. Ansonsten heißt es "selbständig", "aufwendig", "hierzulande" usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2007 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9822

Eckinger stellt sich bedingungslos auf die Seite der Kultusminister, wo er schon immer gestanden hat - deshalb hat man ihn ja in den Rechtschreibrat berufen. Für Eckinger wie seinerzeit für Heinz Durner muß es eine besondere Wonne sein, so innig mit dem obersten Dienstherrn übereinzustimmen.
Zimmer hat seine Seite in der ZEIT erkennbar lustlos heruntergespult. Übrigens hat er nichts dagegen, daß in seinem Text "Kons-truktion" getrennt wird. Die ZEIT schreibt nicht nur durchgehend "selbstständig", wo sie sich vor der Reform nicht getraut hat, diese von ihr offenbar für besser gehaltene Wortbildung zu verwenden, sie schreibt auch stets "seit Langem", "vor Kurzem", obwohl sie das nicht "müßte", und erkennt offenbar nicht das Archaische, Rückständige an solcher Großschreibung.

Zimmer gibt übrigens auch einen längeren Beleg für das verblasene Deutsch von Parteiprogrammen, aber selbstverständlich wählt er die FDP als Zielscheibe und nicht etwa die SPD, denn die ZEIT ist ja ein SPD-Blatt. Übrigens ist es kein Zufall, daß auch die am IDS in Mannheim gepflegte politische Sprachkritik immer nur Kritik an der Politik der Unionsparteien ist.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.07.2007 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9821

Zur deutschlandweiten Verbreitung der im Ruhrgebiet schon länger üblichen Verlaufsform, was man gerade "am Tun ist", hat Jürgen von Manger mit seinen Fernsehauftritten als Adolf Tegtmeier wesentlich beigetragen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.07.2007 um 15.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9820

Währenddessen kann Thomas Groß seine IdS-Hofberichterstattung in der F.A.Z. fortsetzen: „,Haschischrebellen' wollten das ,Smoke-in'“ (27. 7. 2007). So erfahren wir: „Zumindest Begriffe wie ,Happening', ,Sit-in' oder ,Protest' stehen nicht im luftleeren Raum – das bestätigt die Linguistik."
 
 

Kommentar von Protest, verfaßt am 28.07.2007 um 14.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9819

Sehr geehrter Herr Eckinger,
angesichts Ihrer Presseveröffentlichung vom gestrigen Tage muß ich folgendes sagen: Als unser VBE-Bundesvorsitzender und Mitglied des RS-Rates hätte ich von Ihnen erwartet, daß Sie die allseits bekannten und sogar für einen "Sprachlaien" erkennbaren kritischen Fragen in Sachen RSR nach vorne gebracht oder mit einem Austritt die Konsequenzen gezogen und ein Signal gesetzt hätten. Für Germanisten und Deutschlehrer ist das in weiten Teilen lesefeindliche Festschreiben schriftlicher Formen nicht hinnehmbar. Vor allen Dingen hätte ich auf keinen Fall erwartet, daß ein VBE-Vorsitzender gegen die Interessen studierter Deutschlehrer öffentlich agiert - der Deutschlehrer, die nun endgültig als Beamte offensichtlich Sinn- und Entwicklungswidriges gegen besseres (ernsthaft studiertes!) Wissen unterrichten und benoten müssen. - Ich kann unter diesen Umständen den VBE nicht mehr mit meinen Beiträgen unterstützen. - Mit freundlichen Grüßen ( ... )
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 28.07.2007 um 14.29 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9818

Der sprachgewaltige Sprachgebrauchsdiagnostiker Dieter E. Zimmer sollte gefragt werden, was er mit „Dieses Internetdeutsch missbraucht die Sprache, indem es ihre expressiven und kommunikativen Möglichkeiten weit unterschreitet“ meinte. Wollte er vielleicht kundtun, daß dieses Deutsch seine Möglichkeiten nicht ausschöpft oder gar brachliegen läßt? Dann hätte er es sagen sollen. So mißbraucht er die Sprache zwar nicht (Lob!), aber er verbiegt sie (Tadel!).

Hat Dieter E. Zimmer von seinen Wasserträgern aufwendige Erhebungen in Korpora oder gar im Freiburger Korpus machen lassen, die ihn todsicher sein lassen, "daß das Perfektpartizip von winken bis vor etwa dreißig Jahren hochsprachlich einzig gewinkt hieß und gewunken ein Scherz war"? Und wieso hängt Zimmer immer noch an "hochsprachlich". Ist "standardsprachlich" nicht hinreichend für seine – sagen wir – liberalen Gefilde?
 
 

Kommentar von Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V., verfaßt am 28.07.2007 um 14.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9817

Ein Jahr Rechtschreibreform: Bilanz positiv
Berlin, 27.07.2007

Ein Jahr nach Einführung der Rechtschreibreform zeigt sich der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger sehr zufrieden. "Die Umsetzung der Reform verläuft ohne Probleme. Wir haben sehr positive Rückmeldungen aus den Schulen", so Eckinger, der als offizieller Vertreter der deutschen Lehrerorganisationen Mitglied des Rechtschreibrates ist.

Seine Hoffnungen vom vorigen Jahr hätten sich bestätigt, unterstreicht Eckinger. "Seit der Einführung der deutschen Rechtschreibung in der Fassung von 2006 am 1. August vorigen Jahres ist in den Schulen aller Bundesländer die Situation wieder vergleichbar. Die Verunsicherung von Schülern, Eltern und Lehrern gehört der Vergangenheit an." Eckinger betont weiter, es sei auch eine große Unterstützung, dass sich die Medien bis auf wenige Ausnahmen der Reform angeschlossen hätten.

Die weitere Arbeit des Rechtschreibrates werde sich nun auf noch offene Themen wie die Schreibung von Fremdwörtern sowie auf die Sprachbeobachtung konzentrieren, informiert Ludwig Eckinger.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 28.07.2007 um 13.05 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9816

Politiker gerieren sich sprachlich besonders gern mit dieses, so etwa: Ich sage Ihnen zunächst dieses: "bla bla bla". Diese Stelzenden wissen nicht, daß dieses eine Anapher ist, und keine Katapher. Das die Sprache nicht mißbrauchende Volk redet nicht so, sondern nur Politiker, die weder ihr noch diesem dienen, sondern allein sich selbst.

Neben Politikern lieben auch Wissenschaftler (unter ihnen leider viele Philologen) den stelzigen Ausdruck eine Eigenschaft besitzen besonders. Sprachambitionierte oder gar Sprach- und Landpfleger müßten eigentlich wissen, daß das, was jemand (etwas?) besitzt, disponibel ist wie jeder Besitz. Bisher gibt es aber immer noch keinen Trödelmarkt für Eigenschaften, sondern nur den Jahrmarkt der Eitelkeiten. Womit wir beim Thema wären.
 
 

Kommentar von David Weiers, verfaßt am 28.07.2007 um 12.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=880#9814

Apropos übergewichtig: Mir fällt dabei der auffallend häufige Gebrauch der Demonstrativpronomen dies, dieser, diese, dieses und des Relativpronomens welcher, welche, welches an Stellen ein, an denen ein einfaches und simples der, die, das (oder auch ein ihn, sie usw.) eigentlich schon genügt hätte bzw. dringend nötig gewesen wäre, um nicht Sätze zu bauen, deren Struktur komplett unklar ist.
Mitunter tragen solche Konstrukte gewaltig zur Erheiterung bei:
"Bitte lassen Sie Taschen und Rucksäcke in Ihren Fahrzeugen, oder bewahren Sie diese in den dafür vorgesehenen Schließfächern auf."

Im Original heißt es zwar nur in Ihrem Fahrzeug, aber das macht die Sache nicht weniger albern; man baut sich einfach immer einen Fehler in den Satz, solange man an dem diese festhält.

Ich werde das Gefühl nicht los, daß man sich vom Gebrauch möglichst vieler Demonstrativpronomen eine "stilistische Anhebung" verspricht.
Ich finde es unerträglich. Und es greift um sich wie die Pest.

Sehen das andere hier vielleicht ähnlich? Ich brauche da mal ’was Zuspruch, sonst habe ich ständig den Eindruck, daß ich in meinem Umfeld der einzige Mensch bin, dem so etwas auffällt. Und das ließe ja Rückschlüsse zu …
 
 

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