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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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01.03.2008
 

Selbstständig
Gespaltene Gesellschaft

Nach meiner Beobachtung wird die Umstellung von selbständig zu selbstständig fast ausschließlich von Leuten betrieben, die damit die Reformschreibung um jeden Preis durchsetzen wollen. Es sind amtliche und quasiamtliche Texte, Lehrbücher usw.
Das besonders Peinliche daran ist, daß all diese Herrschaften erst jetzt wagen, die offenbar für besser gehaltene Wortbildung zu benutzen, während sie vorher irrigerweise glaubten, sie sei "verboten", – und sich auch tatsächlich so verhielten. Das habe ich vor zehn Jahren "Putativgehorsam" genannt. Die Zeitungen machen nicht mit. Ebenso steht es mit der feministischen Sprachverhunzung. Bei der täglichen Zeitungslektüre wird man sie kaum antreffen, aber in Fachliteratur, amtlichen Texten und jeder Art von Gremienprosa feiert sie wahre Orgien, ohne Rücksicht auf Verluste, denn Lesbarkeit ist dort kein Kriterium. Alles in allem wird hier eine sanfte Sprachdiktatur ausgeübt. Man will uns "auf die Sprünge helfen" – um es einmal in der unnachahmlichen Weise des Börsenblatts zu formulieren. Hoffen wir, daß die Zeitungen siegen.



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Kommentare zu »Selbstständig«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 24.12.2017 um 23.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#37387

Smetanas Alle meine Entchen kämen als Fall musikalischer Hochstapelei in Frage.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2017 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#37374

Noch zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#23228

Johannes Gross bemerkte mal, daß bei Bernard Buffet die Fälschungen oft besser seien als die Originale. Andererseits sei es kaum begreiflich, wie jemand auf manche Fälschungen wirklich großer Kunst hereinfallen konnte. An anderer Stelle sagt er, daß es Hochstapelei auf allen möglichen Gebieten gebe, aber kaum in der Musik. Ob das stimmt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.12.2016 um 03.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#33996

Duden empfiehlt nun mal selbstständig, verselbststständigen (obwohl es sich nicht im eine orthographische Variante handelt, folglich hier gar nichts zu empfehlen ist), und nun müssen auch alle Beiträger der Dudengrammatik so tun, als sprächen sie so. Fremdschämen ist unvermeidlich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.04.2014 um 08.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#25645

Kann man sich vorstellen, daß professionelle Lexikographen in allen ihren Wörterbüchern das Wort "selbständig" durch "selbstständig" ersetzen? Daß sie, obwohl zumindest einige von ihnen wissen, daß der Unterschied nichts mit Rechtschreibung zu tun hat, dennoch die längere Wortbildung als Schreibvariante empfehlen? Das kann man sich natürlich nicht vorstellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2013 um 10.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#24705

Unser Mitstreiter Theo Grunden ist ein besonders genauer Leser und hat im neuen "Gotteslob" Wunderliches gefunden:
http://www.lokalkompass.de/hamminkeln/kultur/teuflisches-im-gotteslob-d380814.html

(Sigmar Salzburg hat es auch hier schon eingestellt:
http://nachrichtenbrett.de/Forum/neueste_Eintraege.php)

Lesenswert!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.05.2013 um 07.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#23228

Zum Buffet noch eine wilde Assoziation: In der Schule erzählte uns der Kunstlehrer, daß er zeitweise zusammen mit Bernard Buffet studiert habe. Dieser habe später eine gewisse Manier entwickelt, und der Kunsthändler, der ihn unter Vertrag hatte, verbot ihm, jemals anders zu malen als eben nach dieser leicht erkennbaren Art. So produzierte Buffet eben Tausende seiner sauerkitschigen Bilder, die zeitweise Höchstpreise erzielten, später ins Bodenlose stürzten und heute nur noch in Möbelgeschäften herumhängen. Am Montmartre gibt es auch noch Maler, die den Touristen etwas in dieser Art anzudrehen versuchen. An diese Geschichte muß ich oft denken, wenn von Höchstpreisen für zeitgenössische Kunst berichtet wird.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.02.2013 um 21.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#22561

Hier der vollständige Wikipedia-Artikel Detachement (Hervorhebungen von mir):

Ein Detachement ist eine kleinere Truppenabteilung, die aus dem Verband eines größeren Heerkörpers zur Lösung einer selbständigen Kriegsaufgabe abgezweigt ist. Mit dem Begriff Detachement ist meist der Umstand verknüpft, dass das betreffende Truppenkorps wegen der selbstständigen Aufgabe aus Abteilungen verschiedener Waffengattungen zusammengesetzt ist.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 11.05.2012 um 22.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#20696

Selbständig oder selbstständig?

Ein Beitrag von Theo Grunden (!) im Lokalkompaß.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 08.05.2011 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#18614

Die Handhabung von selbständig und selbstständig bei den Nachrichtenagenturen ist etwas rätselhaft. In der betreffenden Wörterliste führen sie nicht nur selbstständig, sondern nehmen die Schreibung auch als Beispiel zur Erläuterung der Darstellungsweise:

»Die Agenturen haben in den Wörterbüchern diejenigen Wörter erhoben, zu denen von Duden oder von Wahrig Schreibempfehlungen gegeben werden. Aus dieser Liste haben sie etwa 1500 Beispiel-Wörter ausgewählt, um die Agenturschreibweisen zu dokumentieren. Der Übersichtlichkeit zuliebe verzichten sie dabei auf Ableitungen derselben Schreibentscheidung (da „selbstständig“ in der Liste steht, ergeben sich „Selbstständigkeit“ und „der Unselbstständige“ von selbst).« (www.die-nachrichtenagenturen.de)

Tatsächlich schreiben zumindest die Agenturen dpa und AP jedoch in 98 Prozent der Fälle "selbständig". Da zugleich in den Zeitungsredaktionen "selbstständig" weiterhin stark verbreitet ist, kann es sich eigentlich nur um das Ergebnis einer nachträglichen agenturinternen Anweisung handeln. Falls sein Verfasser die vermeintliche Empfehlung der Nachrichtenagenturen direkt bei diesen abgefragt haben sollte, wäre dies eine Erklärung für die Behauptung in dem Wikipedia-Artikel.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 08.05.2011 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#18612

Und wann und wo hat der Rechtschreibrat selbständig »empfohlen«? Im Wörterverzeichnis findet sich zwar der Eintrag »selbständig, selbstständig«, aber in den Benutzungshinweisen heißt es eindeutig: »Der Fettdruck der streng alphabetisch geordneten Stichwörter dient nur als Lesehilfe und bringt keine Wertung gegenüber den zugeordneten orthografischen und lexikalischen Varianten zum Ausdruck.«
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 08.05.2011 um 15.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#18611

Im Wikipedia-Artikel "Selbständigkeit (beruflich)" heißt es einleitend im Abschnitt "Schreibweise":

Das bis dahin schriftsprachlich selten gebrauchte Synonym Selbstständigkeit ist seit 1996, als es im Rahmen der Rechtschreibreform in das amtliche Wörterverzeichnis aufgenommen wurde, weit verbreitet. Es entspricht weder den Gesetzestexten noch den Empfehlungen des Rechtschreibrates noch den Richtlinien der deutschen Nachrichtenagenturen.

Die letzte Behauptung verstehe ich nicht. Die Liste der Nachrichtenagenturen enthält doch den Eintrag selbstständig. Ist das ein Irrtum von Wikipedia?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 23.09.2009 um 09.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#15004

Zu "Ich bilde mir sogar ein, überhaupt nur "Büfee" gehört zu haben." (#15002): Ich würde das gleiche sagen. Eine Aussprache mit [t] wäre nicht mal durchs Englische beeinflußt; denn auch da ist das "t" nicht gesprochen. — Übrigens verweist auch das Pons Großwörterbuch mit "Buffet, Büffet [by'fei] (esp Aus) [...] siehe Büfett" auf "Büfett" als (eine Art) Haupteintrag. Wenn aber "Schanktisch", engl. "counter", mit "Büfett" gemeint ist (und nicht das "kalte Buffet/Büffet" oder das im Wohn- oder sogar Eßzmmer, die Anrichte also), dann könnte mir doch vorstellen, "Büfett" schon gehört zu haben. Diese Aussprache mag vielleicht über den "Büfettier" [byf_'tie:] und das Schankgewerbe ins Deutsche gekommen sein.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.09.2009 um 07.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#15003

Korrektur ...

Das Ickler-Wörterbuch stellt die drei Schreibweisen nicht als austauschbar dar, sondern verweist bei jeder Variante mit kursiv s. a. (= siehe auch) auf die beiden anderen. Das bedeutet laut den Benutzungshinweisen, daß es sich jeweils um anderslautende Wörter handelt.

Man kann nun sagen, daß der Verweis zwischen Buffet und Büffet stattdessen a. (= auch) für "bloße Schreibvarianten" lauten sollte. Das gilt aber nur für Deutschland. In der Schweiz liegt die Betonung bei Buffet üblicherweise auf der ersten Silbe, dort ist Buffet anderslautend als Buffet oder Büffet in den beiden anderen Ländern. Buffet ist also sozusagen partiell oder umständehalber anderslautend als Büffet. Das kommt mir aber allzu fein gesponnen vor, solange kein Hinweis auf die Schweiz dasteht. Die verschiedene Aussprache ist nämlich nicht mit der verschiedenen Schreibung verbunden, sondern nur von der Region abhängig. Ich empfehle eine Änderung nach folgendem Muster:

Buffet, das; a. Büffet, s. a. Büfett
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 23.09.2009 um 01.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#15002

Ein ähnlicher Fall – auf Duden-Mist gewachsen:
Buffet, Büffet, Büfett

Ärgerlich an der Aufdrängung von selbstständig finde ich vor allem den Gesichtspunkt der Aussprache. Die Schreibung unterstellt, daß man das Wort als "selbstständig" ausspricht bzw. hört – höchst unrealistisch, außer vielleicht neuerdings bei Nachrichtensprechern. Entweder nötigt also die Schreibung dem Sprecher eine mühsame Artikulation auf, oder sie steht als Vorwurf da ("Du hast wieder schlampig gesprochen"), wenn er wie üblich "selbständig" von sich gibt. Umgekehrt ist das Argument natürlich noch handfester: Wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß die übliche Aussprache "selbständig" ist, dann ist dieses ganze Aufheben um die neue Schreibweise selbstständig einfach nur störend und lächerlich.

Einen ähnlich dummen Fehler hat sich der Duden allerdings schon vor der Reform geleistet, nämlich bei Buffet.

Ich gebe zunächst wieder, wie aus meiner Sicht ein gutes Wörterbuch den Fall behandelt hätte, dann gehe ich auf Duden, die Reform und Ickler ein.

Die bei weitem überwiegende Aussprache ist "Büfee". Dem entspricht die deutlich überwiegende Schreibweise Buffet – sowie als Nebenvariante die moderate Eindeutschung Büffet. Letztere finde ich berechtigt und einwandfrei, denn das Wort ist ebenso eingebürgert wie etwa Büro. Daß auf das deutsche ü die französische Schreibung ...et folgt, ist unproblematisch. Man denke an die durchaus plausible Normschreibung Porträt, bei der der deutsche Umlautbuchstabe und das französische ...t sogar gemeinsam einen einzigen Laut abbilden.

Daneben gibt es – meiner Einschätzung nach sehr selten – eine eingedeutschte Lautung "Büfett", zu der die Schreibung Büfett gehört.

Im Wörterbuch wären also diese drei aufzuführen. Buffet zusammen mit Büffet, am besten mit Angabe der Aussprache und Hinweis auf die Dominanz von Buffet. Und als separater Eintrag Büfett, am besten mit Angabe der Aussprache und einem Hinweis auf die Seltenheit.

Vor der Reform hatte der Duden immerhin alle drei Varianten verzeichnet. Absurd aber, daß bei Buffet, Büffet nichts weiter steht als der Verweis auf den ausführlichen Eintrag Büfett, so als sei dies die Norm in Aussprache und Schreibung! Das stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Unter Büfett werden dann auch die beiden anderen Schreibungen aufgeführt. Buffet folgt unmittelbar auf Büfett, nur durch ein Komma getrennt, und ist damit wenigstens an dieser Stelle als einigermaßen gleichberechtigt dargestellt; freilich wiederum nicht als Hauptvariante. Weiter behauptet Duden 1991, Büffet sei "österr.", so als sei die Schreibung nicht auf bundesdeutschem Gebiet anzutreffen.

Das Wörterverzeichnis der Reformer führt an: Büfett, Buffet österr., schweiz. und entsprechend drei Zeilen weiter: Buffet österr., schweiz., Büfett. Dem entspricht die Behauptung, in Deutschland gebe es nur die Aussprache "Büfett"; nur in Österreich und der Schweiz gebe es die Aussprache "Büfee". Das ist noch abwegiger als die Darstellung im Duden 1991.

Diese Vorgabe setzen alle reformierten Ausgaben des Duden wie folgt um: Büffet wird seit 1996 reformgetreu unterschlagen. Unter Buffet steht wie zuvor nur der Verweis auf den Haupteintrag Büfett. Nach diesem Stichwort, wieder durch Komma getrennt, taucht Buffet auf. Duden erlaubt sich die halbherzige, aber wichtige Abweichung vom amtlichen Wörterverzeichnis, Buffet nicht als "österr., schweiz." zu kennzeichnen, sondern als "bes. österr. u. schweiz.". Es wird also anerkannt, daß die Schreibung Buffet auch in Deutschland existiert – und damit der entsprechende Klang des Wortes.

Das Ickler-Wörterbuch macht es besser, indem es alle drei Schreibungen aufführt, ohne die unrealistischen Angaben zu den drei Ländern. Nutzerfreundlich wäre zwar die Kennzeichnung der Hauptvariante, aber solche Angaben enthält dieses Wörterbuch nicht. Ebenso nützlich wäre die Zusammenfassung von Buffet und Büffet in Opposition zu Büfett mit Hinweis auf die Aussprache. Stattdessen werden die drei Schreibungen als austauschbar präsentiert, was sie angesichts der verschiedenen Lautung nicht sind.

Zusammenfassung:
Am Duden sowie an der Reform ist die völlig unrealistische Behauptung zu bemängeln, Büfett sei in Deutschland die Hauptvariante beziehungsweise laut Reform-Urtext sogar die einzig zulässige Schreibweise. Das trifft weder auf die Schreibung noch auf die zugehörige Aussprache zu. Ich bilde mir sogar ein, überhaupt nur "Büfee" gehört zu haben. Frage in die Runde: Irre ich mich da? Ist jemandem die Lautung "Büfett" geläufig oder gar vertraut?
 
 

Kommentar von Paul Westrich, verfaßt am 19.06.2009 um 14.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14651

Nun hat sich auch der Deutschlandfunk angepaßt:
"Seit rund 200 Jahren gehört Grönland zu Dänemark, doch an diesem Wochenende gewinnt die größte Insel der Welt ein großes Stück Selbstständigkeit zurück."
Heute auf http://www.dradio.de/
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 11.06.2009 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14613

Zu #14612 noch ein "Testsieger" jetzt aus Welt.de von heute hinzugefügt: "Freiberufler bis 55 J.? [/] Testsieger Private Krankenkasse ab 59 € für Freiberufler + Selbständige unter 55 Jahre." (Und in #14612 natürlich "Annonce". Auch ich lese nicht bei allem so Korrektur, wie sich's gehörte. [Aber ich verwende auch keinen Spellcheck.])
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 10.06.2009 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14612

Zu id=979#14532: Diese Testsieger in der Welt.de lesen hier wohl doch mit! Vor ein paar Tagen fand ich in der betr. Announce alle möglichen "stst" wieder eingesetzt. Dafür jetzt aber was da zu Zusammen- und Auseinanderschreibung: "Testsieger Berufsunfähigkeits Versicherung ab nur 10,94 Euro mtl.!" Na, dann korrigiert mal schön da bei der Welt.de. s-Genitiv bei weiblichen Hauptwörtern wie zu Großmutters Zeiten?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 08.06.2009 um 07.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14603

Wenn man allerdings den "Duden Korrektor" verwendet und ihn auf "Dudenempfehlungen" einstellt, dann moniert er jedes selbständig. Der "Duden Korrektor" erspart nicht nur das eigene Denken, sondern auch die eigene Hausorthographie. Da hatte Herr Höher ursprünglich schon recht.
So werden es wohl inzwischen viele machen, was manch ein selbstständig erklären dürfte. Für aufwändig wird man allerdings andere Gründe suchen müssen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 07.06.2009 um 14.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14601

Daß es mit gutem Willen und Durchsetzungsstärke auch bei V & R noch möglich ist, ein Buch in der normalen Rechtschreibung zu veröffentlichen, hat Klaus Große Kracht 2005 mit Die zankende Zunft gezeigt. Teilansicht bei Google Books.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 07.06.2009 um 12.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14600

Vielen Dank für die Ergebnisse Ihres Tests, Herr Westrich. Ich nehme beim Reformschrieb immer gerne Desinteresse oder Dummheit als Hauptursache für Textverhunzungen an. Und unterstelle damit so etwas wie verminderte Schuldfähigkeit, ohne das jetzt juristisch belegen oder gar ausdiskutieren zu wollen.

Ich muß mich aber belehren lassen und zur Kenntnis nehmen, daß wohl doch weitaus mehr Arglist dahintersteckt als ich wahrhaben wollte. Leben und lernen! Das gilt natürlich auch für mich. Dann hat der Verlag sein Renommee also nicht leichtfertig, sondern bewußt und gezielt verspielt. Ein weiterer Grund für mich, bei meiner Entscheidung zu bleiben, keine Bücher mehr von Vandenhoeck zu kaufen.
 
 

Kommentar von Paul Westrich, verfaßt am 07.06.2009 um 12.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14599

"Das mit dem verdoppelten 'st' erledigt der Kollege Computer und das Gehirn bleibt zu Hause in der Schublade."
Ich habe zum Testen die beiden Wörter "selbständig" und "selbstständig" in Dokumente der folgenden Programme eingegeben: Word XP, Word 2007, WordPerfect X4, Indesign CS4. Keines der Programme, obwohl auf Rechtschreibung 2006 gezielt eingestellt, hat die Schreibung von selbständig moniert. Im Thesaurus von Word 2007 finden sich beide Wörter.
Was schließe ich daraus? Der Verlag muß wohl durch "Suchen und Ersetzen" selbständig durch selbstständig ersetzt haben. Und hierzu mußte das Gehirn ja wohl eingeschaltet sein. Also: Gezielte Absicht.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 07.06.2009 um 11.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14598

Früher war Vandenhoeck mal ein wichtiger wissenschaftlicher Verlag, der v.a. Wichtiges für die Geisteswissenschaften geleistet hat. Ich nenne nur die Reihen "Palaestra" und die "Kleine Vandenhoeck-Reihe". Aber das ist leider lange her. Produziert (im handwerklichen Sinne) und verlegt wird jetzt bestenfalls noch Mittelmaß.

Deshalb erübrigt sich auch das Nachfragen in Göttingen, was man sich dort bei der Verhunzung eines Buches gedacht hat. Nämlich gar nichts, weil man vermutlich gar nicht mehr selbständig (selbst ständig) denken kann. Das mit dem verdoppelten "st" erledigt der Kollege Computer und das Gehirn bleibt zu Hause in der Schublade.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.06.2009 um 06.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14597

In "Wortbildung fürs Examen" (Altmann/Kemmerling) zum Beispiel ist in der zweiten Auflage jedes "selbständig" der ersten durch "selbstständig" ersetzt. Warum nur? Ich bin sicher, daß es nicht auf die Verfasser zurückgeht, sondern auf den Verlag (Vandenhoeck, der das Buch vom Westdeutschen Verlag übernommen hat). Dort sitzen offenbar Leute, die das vermeintlich Neue für besser - oder opportuner - halten. Man sollte sie mal fragen, was sie sich eigentlich dabei denken.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 05.06.2009 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14577

Auch keine bei nicht-alveolaren Konsonanten vor "stst": Probststraße, Jagststeig (und ich erfinde hier mal dazu: Rumststadion, Holststeg/Holztsteg). Es ist nicht irgend*ein* Konsonant, der die "getrennte Aussprache" von "stst" erschwert (Germanist in #14563), sondern ein alveolarer. Die Zunge da in kürzestem Zeitraum gleich dreimal separat an die Alveolen zu bringen, verlangt schon einige Akrobatik, die Gott sei Dank zum Verständnis des Gemeinten normalerweise nicht nötig ist. — Bei "selbst ständig" und "selbstständig" trägt zusätzlich zur Pause auch die Intonation zur Unterscheidung der Bedeutung bei. Wir haben hier nicht ganz dasselbe wie bei englisch "nitrate" und "night rate" (beides benutzt genau die gleichen Laute!), aber etwas sehr ähnliches. Unsere Diskussion geht jedoch, meine ich, darum, zu welchem Grade das erste "t" in unseren "stst" gesprochen wird, d.h., ob die Zunge da die Alveolen zu einem stimmlosen Explosivlaut berührt oder nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2009 um 06.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14574

Wie ich es gemeint habe, geht ja schon daraus hervor, daß ich meine Mutter als Beleg angeführt habe, die als Normalbürgerin einfach ein Opfer der in Deutschland allerdings wohl besonders verbreiteten normativen Sprachvermittlung war und in aller Unschuld den "Duden" (den es allerdings in unserem Haus gar nicht gab) für den Maßstab der Sprachrichtigkeit hielt. Wie ich anderswo schon mal berichtet habe, war sie in ihren Briefen bemerkenswert rechtschreibsicher, wahrscheinlich, weil sie sowohl eine aufmerksame Schülerin (Mittelschule) als auch eine lebenslange Leserin war.

Ein Vorwurf ist jedoch den Leuten zu machen, die es besser wissen müßten. Wenn Germanisten also seit 1996 urplötzlich "selbstständig" schreiben, möchte ich ihnen schon mehrere Fragen stellen: Warum habt ihr es denn vorher nicht geschrieben? Warum glaubt ihr es jetzt schreiben zu sollen? Glaubt ihr, daß es etwas mit der Rechtschreibung ihrer Neuregelung zu tun hat?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.06.2009 um 23.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14573

Keine Ausspracheprobleme bei Vokal vor "stst": Raststätte, Kleiststraße, Poststation usw.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.06.2009 um 22.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14572

Apropos Bedeutungsunterschied:
Du brauchst mich nicht daran zu erinnern; ich muß selbst ständig daran denken.
Du brauchst mich nicht daran zu erinnern; ich muß selbstständig daran denken.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.06.2009 um 21.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14569

Die umgefallene FAZ/FAS schreibt ja trotz allem regelmäßig selbständig. Zum Beispiel kommt dieses Wort (incl. Substantivierungen) in dem Artikel "Vom Hörsaal in den Chefsessel" vom 21./22.2.2009, in dem es um Existenzgründungen von Hochschulabsolventen geht, insgesamt 13mal vor. selbstständig kommt darin nicht vor.

Deshalb hat es mich überrascht, und ich kann mir bis heute keinen Reim darauf machen, weshalb innerhalb des Artikels eine davon unabhängige Info-Spalte über Preise und Gründerstipendien eingeschoben wurde mit der Überschrift "Selbst und ständig". Wollte die Zeitung damit irgendetwas ausdrücken?
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 04.06.2009 um 18.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14568

Th. Ickler (#14552): »Den Glauben, man dürfe die etwas neuere Wortbildung nicht verwenden (...), diesen Glauben also nenne ich Putativgehorsam und sehe seine direkte Fortsetzung in dem genau entsprechenden neuen Irrglauben, nun sei die jüngere Wortbildung endlich "zugelassen" oder sogar "geboten".«

Wer sich weder mit den Hintergründen der Reform noch denen der Wortbildung beschäftigt hat (was für einen Grund hätte man als "Normalbürger", das zu tun?), wer also vor der Reform "Rechtschreibung" mit "Duden" gleichgesetzt hat (was für einen Grund hätte man als "Normalbürger" gehabt, das nicht zu tun?), wird diesen "Eingriff" der Reform nicht anders als eine "Wiederzulassung" wahrnehmen können – und ihn gutheißen, und wird evtl. sogar dazu tendieren, daraufhin die Reform positiv zu bewerten.
Denn gerade weil in früheren Jahren dem selbstständig so sehr der Garaus gemacht wurde, wird dessen nun "beschlossene" Richtigkeit intensiver wahrgenommen als andere Teile der Reform. Möglicherweise ist das eines der wenigen Details der Reform, die allgemeine Bekanntheit erreicht haben. (Ich habe das nicht recherchiert: Gibt es schon eine Umfrage vom Typ "Was wissen Sie von der Rechtschreibreform, was hat die Reform gebracht?"; ist bekannt, was außer der geänderten s-Laut-Schreibung allgemein von der Reform "angekommen" ist? Diese Frage sollte aber [wie evtl. die beiden obigen "Normalbürger"-Fragen] besser nicht hier, sondern im Forum diskutiert werden.)

Daher muß man aufpassen: Ein bestimmtes Verhalten (vollkommen berechtigterweise) Putativgehorsam zu nennen, darf nicht zu einem Vorwurf geraten (und war so vermutlich auch nicht gemeint; vgl. aber K. Achenbach in #14538). Aber selbst wenn eine solche Feststellung nur als Analyse der Fakten gemeint ist, hat sie doch wegen "...gehorsam" für den, auf den sie sich bezieht, einen negativen Beigeschmack. Insofern beschreibt sie zwar die Situation richtig, ist aber in der Auseinandersetzung mit Reformbefürwortern nicht hilfreich, sondern ggfs. sogar kontraproduktiv.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2009 um 17.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14567

Ich spreche ziemlich genau so wie Herr Achenbach – wenn ich der Selbstbeobachtung trauen darf.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 04.06.2009 um 15.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14565

Aufs *Kunstück* hatte Herr Achenbach ja schon hingewiesen, und zusätzlich zum Konsonanten unseres Germanisten könnte auch die mögliche Verwechslung mit Mißstück ein Antrieb sein, selbige zu vermeiden. Aber wo's klar ist, daß Miststück gemeint ist, wir aber das nicht besonders *deutlich* hervorheben, sprechen mein einer Austauschstudent und ich — Zweifel an der Selbstbeobachtung hin, Zweifel an der Selbstbobachtung her — jedenfalls im normalen Gespräch keinen stimmlosen Explosivlaut zwischen dem [s] und dem [sch].
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 04.06.2009 um 15.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14564

Da wäre auch noch das Kunstück zu erwähnen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.06.2009 um 14.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14563

Möglicherweise erschwert ein Konsonant vor "stst" deren getrennte Aussprache, denn bei "Miststück" ist es kein Problem.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 04.06.2009 um 10.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14562

Herrn Bluhmes Einwand zeigt sehr schön, wie zumindest eine unnatürliche Aussprache eine andere Bedeutung in den Vordergrund schieben kann, die gar nicht beabsichtigt ist. Bei /selbstständig/ beide [t] zu sprechen, geht tatsächlich ziemlich schlecht ohne eine neue (und möglichen unziemlichen Sinn stiftende) Pause zwischen den beiden "st".
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 04.06.2009 um 10.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14561

Lieber Herr Achenbach, Sie argumentieren richtig, wenn Sie sagen: "Ich glaube, daß ein Deutscher ein Wort wie selbständig/selbstständig gar nicht lesen, schreiben oder verstehen kann, ohne es instinktiv – und sei es volksetymologisch – in seine mutmaßlichen Bestandteile zu zerlegen." Und Sie beobachten sehr gut, daß auch "selbstständig" seine eigene Aussprache hat. Das hatte ich nicht gesehen, — und auch nicht so gehört, weil ich nicht genau hingehört habe (trotz einiger Schulung in Phonetik und Phonemik). Und Icklers Mutter hatte also (auch ohne einige Schulung in Phonetik und Phonemik) durchaus recht, wenn sie meinte, "'selbstständig' dürfe man nicht *sagen* [Betonung von mir], das sei kein richtiges Deutsch"; schließlich sprechen wir ja normalerweise nicht, wie's das Silbenklatschen zur Erlernung der Worttrennung am Zeilenende uns eintrichtert. Wie sie und Sie schreibe auch ich ganz natürlich "selbständig"; ich sehe aber das Problem durch Ihren Hinweis jetzt besser. Vielen Dank. Auf jeden Fall aber sehe ich — wie Sie ja auch — zur vorgeschriebenen "Umstellung von *selbständig* zu *selbstständig*" keinen Grund.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 04.06.2009 um 10.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14560

Lieber Herr Achenbach,

wenn ich das Wort "selbstständig" lese oder höre denke ich bei dem Wortbestandteil "ständig" an "fortwährend". Obschon ich Freiberufler bin, mache ich aber nichts "ständig selbst". Bei "selbständig" empfinde ich "ständig" als von "stehen" abgeleitet – und das trifft die Sache: Ich stehe für mich selbst und meine Arbeit!
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 04.06.2009 um 09.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14558

Lieber Herr Ludwig,
was die Aussprache von selbständig/selbstständig anbetrifft, stimme ich weder (wie häufig) mit Nerius noch (was ganz selten ist) mit Ihnen überein.
Wie sprechen Sie denn Kunststück aus? Sagen Sie Kun-stück? Außer bei bewußt sehr deutlicher Artikulation sagt wohl keiner Kunst-stück. Ich glaube aber – bei allem Vorbehalt gegen Selbstbeobachtung – eher so etwas wie Kuns-stück zu sagen, wobei das s und das sch je nach Sprechsituation mehr oder weniger ineinander übergehen.
Und selbst wenn ich selbständig schreibe, so glaube ich mich gelegentlich dabei zu ertappen, so etwas wie selbs-ständig zu sagen. Ich glaube, daß ein Deutscher ein Wort wie selbständig/selbstständig gar nicht lesen, schreiben oder verstehen kann, ohne es instinktiv – und sei es volksetymologisch – in seine mutmaßlichen Bestandteile zu zerlegen. Und selb- ist heutzutage kein produktiver Bestandteil. Deshalb glaube ich, daß die allermeisten Deutschen hier bewußt oder unbewußt den Bestandteil selbst- wahrnehmen, auch wenn sie ihn nicht voll artikulieren, genauso wie jeder in Kunststück den Bestandteil Kunst- erkennt, selbst wenn er ihn nicht so ausspricht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2009 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14556

Beide Wortbildungen sind mehrere Jahrhunderte alt, keine von beiden könnte heute von einem Deutschen geschaffen werden, weil die Grundlage, der "Selbstand", längst verschwunden ist. Insofern ist auch das Argument der fehlenden Produktivität nicht sehr überzeugend. Es ist ganz eindeutig die offenkundig verfehlte Argumentation der normativen Lexikographen, die dem guten alten "selbstständig" den Garaus gemacht hat – in der Sprache der "Gebildeten". Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß meine Mutter, die keine formale höhere Bildung hatte, der Meinung war, "selbstständig" dürfe man nicht sagen, das sei kein richtiges Deutsch. Das kann nur auf die Schullehrer zurückgehen, die jene Lehre als gesunkenes Kulturgut weitergegeben hatten.
Auf den Eintrag im Grimmschen Wörterbuch war wohl schon hingewiesen worden, das Werk wird hier ungewöhnlich argumentativ – und besserwisserisch.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 03.06.2009 um 20.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14554

"Nerius nimmt an, daß auch 'selbstständig' nicht anders gesprochen werde als 'selbständig'." Ich auch. Wenn man die Gedächtnisstützen zur eigenen Schreibung verwendet — "was von selber steht" und "was von selbst steht" —, kann man sehen, daß bei letzterem beim normalen Sprechen (also nicht beim bewußt betonend Sprechen) das "st" von "selbst" nicht gesprochen wird. Aber gerade deshalb ist die Schreibung mit einfachem "st" in /selbständig/ vorzuziehen (zur Schreibökonomie kommt hier das von der gesprochenen Sprache her Richtige, während die Schreibung mit zwei "st" bestendalls was von der Idee her Richtiges in Feld führen kann und dann aber besonderer Belehrung bedarf).
"Heutzutage werden Ableitungen mit *selb-* nicht mehr gebildet": Mir reichen jedoch die häufig verwendetn "selber", "selbiger" und "derselbe". Insofern sehe ich doch bei denen, die heute "selbstständig" schreiben, besondere Reformhörigkeit. Leute, die normal sprechen, bilden mit ihrer Aussprache kein "selbstständig". Diese Schreibung muß man ihnen erst gesondert beibiegen. Und wenn sie dabei nicht selber mitdenken, dann benutzen sie sie halt putativgehorsam.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2009 um 18.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14553

Die guten alten Schelllackplatten sind analogisch. (Hans Jürgen Heringer: Interkulturelle Kommunikation. Tübingen 2004:87)

Schelllack ist auch so ein Fall.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.06.2009 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14552

Das geht am Kern der Sache vorbei, nämlich an der Tatsache, daß es sich hier gar nicht um alternative Schreibweisen handelt, sondern um unterschiedlich gebildete Wörter. Daher hatte weder der alte Duden etwas zu verbieten noch die Reform etwas zuzulassen. Den Glauben, man dürfe die etwas neuere Wortbildung nicht verwenden (weil, wie schon oft nachgewiesen, ein unsinniger Gelehrtenstreit, fernab von der tatsächlichen Sprachverwendung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts so entschieden zu haben schien und die meisten Wörterbücher sich dieser frei erfundenen Normierung anschlossen), diesen Glauben also nenne ich Putativgehorsam und sehe seine direkte Fortsetzung in dem genau entsprechenden neuen Irrglauben, nun sei die jüngere Wortbildung endlich "zugelassen" oder sogar "geboten".
Die Reformer setzten noch eins drauf, indem sie unhistorisch behaupteten, ein "st" sei zwecks Ausspracheerleichterung weggefallen (Sitta & Gallmann)! Nerius nimmt an, daß auch "selbstständig" nicht anders gesprochen werde als "selbständig".

Das Schmähliche an der skurrilen Geschichte ist für mich die Unterwürfigkeit, die sich im Auskosten der eingebildeten neuen Freiheit gegen die ebenso eingebildete frühere Beschränkung ("Was nicht im Duden steht, gibt es nicht!") offenbart. Wie gesagt, immer unter der Voraussetzung, daß es gar nicht Rechtschreibung geht, auch wenn sogar die Dudenredaktion das nicht auseinanderhalten konnte und kann (wie der vierfarbige Duden zeigt)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 02.06.2009 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14538

Ich möchte auf den Ausgangsbeitrag zurückkommen:
Ich sehe nicht recht ein, warum man denen, die selbständig bis 1996 so schrieben, wie es ausschließlich im Duden stand, einen "Putativgehorsam" vorwerfen sollte. Das war im 20. Jahrhundert nun einmal die weitaus überwiegende, also die übliche Schreibung. Daran ändert nichts, daß vorher auch selbstständig geschrieben wurde (so auch das Grimmsche und das Adelungsche Wörterbuch).
Und wenn man selbständig und selbstständig als gleichberechtigte (Wort-)Varianten ansieht, was ist dann daran auszusetzen, daß die RSR beide ausdrücklich zugelassen hat?

Heutzutage werden Ableitungen mit selb- nicht mehr gebildet (selbander und selbdritt sind veraltet). Deshalb ist die Schreibung selbstständig heute sehr naheliegend und ist bestimmt auch vor der RSR häufig vorgekommen.
Daher sehe ich ich auch keinen Anlaß, denen, die heute – aus welchen Gründen auch immer – selbstständig schreiben, besondere Reformhörigkeit vorzuwerfen.

Ich selbst ziehe selbständig aus Gründen der Ästhetik und der Schreibökonomie vor. Wie es andere halten, ist mir ziemlich gleichgültig. Es gibt in der RSR Schlimmeres, über das man sich aufregen kann.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 30.05.2009 um 08.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14532

Anzeige bei Welt.de vor einigen Tagen:
"Beruflich Selbständig? // Testsieger Private Krankenkasse für alle Selbstständigen ab nur 59,- Euro!"
Als ich eben das Zitat noch einmal nachschlug, fand ich den Text abgeändert zu:
"Selbständig? bis 55 J.? // Testsieger Private Krankenkasse ab 59 € für Freiberufler + Selbständige unter 55 Jahre."
Die haben offenbar gemerkt, daß kein Mensch da zwei "st" ausspricht.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 30.05.2009 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14531

Ob die Pflege der Kultur im Sinne des AsKI e.V. auch die Pflege der Sprache umfaßt, scheint mir fraglich. Jedenfalls hat sich der Verein bei seinem Netzauftritt nicht viel Mühe mit der Sprache gemacht.

Der AsKI e.V. ist ein 1967 auf Initiative des Bundesinnenministers gegründeter Verbund von derzeit 35 national und international angesehenen, selbständigen Kultur- und Forschungsinstituten, die durch eine wertvolle Sammlung in besonderem Maße die Qualität und Vielfalt des kulturellen Deutschland repräsentieren.

Besteht die Mitgliedschaft teils aus Kulturinstituten und teils aus Forschungsinstituten, oder sind die Mitglieder Kultur- und Forschungsinstitute zugleich?
Gibt es eine Sammlung oder mehrere?

Der AsKI e.V. sieht sich berufen, "gesamtstaatliche Aufgaben" wahrzunehmen. Dazu gehören auch Ausstellungen von mehreren Mitgliedsinstituten initiierte oder getragene Gemeinschaftsausstellungen an wechselnden Orten.
Fehlt da nicht irgendwo ein Genitiv?

Wie es sich heutzutage für jeden Verein gehört, gibt der AsKI e.V. einen "Newsletter" heraus. Jeder Newsletter wird von einem "Editorial" eingeleitet. Natürlich gibt es auch – wie könnte es anders sein – einen "AsKI-Shop".
 
 

Kommentar von Rominte van Thiel, verfaßt am 28.05.2009 um 10.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14519

Schon die alten Dudenausgaben empfahlen, Trennungen zu vermeiden, die zwar den Regeln entsprechen, aber den Lesefluß stören. Als ein Beispiel wurde Spargel-der erwähnt. Ich glaube mich auch zu erinnern, Drucker-zeugnis gelesen zu haben (vielleicht ebenfalls schon zu Schulzeiten und wahrscheinlich gar nicht im Duden). Insofern hat Herr Z. nur Ahnungslosigkeit bewiesen. Sicher wußten es die altgedienten Schriftsetzer schon besser.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 28.05.2009 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14518

Mit dem Beispiel "Urin-stinkt" wurden wir zu meiner Schulzeit – also weit vor der Reform – dazu angehalten, mit Verstand zu trennen und nicht mechanisch.
Gelegenheit, das Wort zu schreiben, gab's nicht; gelesen habe ich es wohl auch nie.
Heute hat sich das Problem wohl erübrigt, weil "Urins-tinkt" getrennt wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2009 um 16.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14517

Doch, die Trennung Urin-stinkt habe ich schon öfter gefunden, aber in den einschlägigen Kontexten hat sich mich nicht gestört, ich hätte sie vielleicht ohne den Reformhintergrund gar nicht als Besonderheit bemerkt. Ich habe sie auch nicht der Aufzeichnung wert gefunden. Es gibt ja noch zahlreiche solche Sachen, die inzwischen von Spaßvögeln zusammengestellt worden sind.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.05.2009 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14516

Wo Sie gerade wieder Zehetmairs "stinkenden Urin" erwähnen, interessiert mich tatsächlich seit Jahren, ob es für diese groteske Trennung ernsthafte Belege gibt. Oder war das nur viel Rauch so ganz ohne Feuer?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.05.2009 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14515

Der Bindestrich dürfte der Vermeidung des "Urins" gesetzt sein. (Was uns wieder zu Zehetmair führt, der in jeder Pressekonferenz seinen verfehlten "Urinstinkt" anzubringen pflegte.)
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 26.05.2009 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14513

So ist es – wobei sich die Organisation sogar mit Bindestrich schreibt (was das große I in der Abkürzung erklärt): "Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V. - AsKI " (siehe http://www.aski.org/).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.05.2009 um 12.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#14510

Mehrere Zeitungen drucken heute folgende Falschmeldung nach:

"Bonn (dpa) - Der Sammler Udo Brandhorst erhält die diesjährige «Maecenas-Ehrung». Mit der undotierten Auszeichnung des Bonner Arbeitskreises selbstständiger [!] Kulturinstitute (AsKI) wird kulturelles Mäzenatentum ausgezeichnet."

Der Arbeitskreis hat sich meines Wissen nicht umbenannt.
 
 

Kommentar von Kelkin, verfaßt am 17.03.2008 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11697

An b.eversberg: "...aber dass wird mann in Kauff nehmen unnd dann überhauppt alle Konnsonannten nach kurrzen Vokkalen verrdoppelln. Da gäb's dann enndlichch keinn Verrtun mehr."
Ja ja, beschwören auch wir die "Vorrsehung"...
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 12.03.2008 um 00.23 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11637

Zum Beitrag von N. Lohse (979#11594) sei angemerkt, daß (zumindest) im StGB schon vor Jahren die Institution der Unzurechnungsfähigkeit durch die der Schuldunfähigkeit ersetzt wurde.

Übernehmen wir dieses Substitut in das Nachdenken über die vorgefundenen Verschriftungen und die Bewußtseinslage ihrer Autoren, dürfen wir ihnen – dank der "Reform" – Schuldunfähigkeit zugestehen, ohne wegen einer Verbalinjurie verklagt zu werden. Der biblische Umkehrschluß von N. Lohse wird damit zudem zwingend.
 
 

Kommentar von Urs Baerlein, verfaßt am 06.03.2008 um 20.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11613

In der Auslage eines spanischen Souvenirladens amuesierte mich neulich ein zweisprachiges Schildchen unter dem Modell eines Segelschiffs: "pintado y hecho a mano" (also etwa: handbemalt und handgefertigt), darunter "Gemaelde und Tatsache von Hand". Wie der Inhaber mir heute auf Anfrage stolz bestaetigte, verdankt sich die Uebersetzung seinem Rechner.

Uebrigens fuehrte kein Geringerer als J.L. Borges schon vor Jahrzehnten, lange bevor Computer in Schwang kamen, den Nachweis, dasz automatische Uebersetzungsprogramme nicht funktionieren koennen, und zwar in einer kleinen Studie mit dem Titel "Die Bibliothek von Babel". Allerdings hat er dort, wie bei ihm ueblich, und zum Leidwesen nicht nur des Pentagons, es dem Leser selbst ueberlassen, die Pointe herauszufinden. Sie lautet ungefaehr: Woher sollen in dem irrsinnigen Universum eines unendlichen Zeichenkombinatoriums ueberhaupt die Leute (in diesem Fall gar: Programme) kommen, die zwischen sinnvollen und sinnlosen Aussagen zu unterscheiden vermoegen?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.03.2008 um 18.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11612

Mit nur noch ss statt ß hätten wir plötzlich Doppelkonsonanten nach langen Vokalen: Spass, Spässe, Sosse, Blösse, Fuss, Füsse usw., was unserem bisherigem System gänzlich widerspricht und Erstkläßlern das Lesen- und Schreibenlernen sehr erschweren würde.

Wenn Rechtschreibkorrekturprogramme Wortgruppen nicht als syntaktische Einheiten erkennen können, ist für sie leichte Lesbarkeit wichtiger als leichte Schreibbarkeit und Bedeutungsunterscheidung durch Getrennt- oder Zusammenschreibung funktionsnotwendig. Wenn auch angeblich für den Schreiber das Lesen nicht so wichtig ist, muß doch sein Korrekturprogramm den Text mitlesen und verstehen können. Es stehen folglich immer stärker werdende wirtschaftliche Interessen hinter dem leichten Leseverstehen von Texten. Das Schlagwort muß also heißen: "Für die normale, bessere Rechtschreibung sind Korrekturprogramme leichter zu erstellen und arbeiten fehlerfreier." Auf die Anforderungen von Maschinen, zu denen ich auch Programme zähle, und deren Kosten wird stets mehr Rücksicht genommen als auf die Bedürfnisse von Menschen.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 06.03.2008 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11611

Heute, in einer E-Mail vom Arzt:

Termin ist verschoben, allerdings geht es am 24.04 nur noch um 12.00. Ist dass so in Ordnung?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.03.2008 um 14.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11610

Bei der Popularität bei gleichzeitiger Sinnfreiheit der Losung: "Nach kurzem Vokal ss, nach langem und Diphthong ß" kann ich mir durchaus – wenn auch mit Schaudern – vorstellen, daß sich bei Abschaffung des ß diese Formel etabliert: "Bei stimmhaftem S-Laut s, sonst ss".
Daß das verheerende Folgen hat, erkennen nur jene, die auch heute schon merken, daß "desshalb" und "Außland" falsch sind.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 06.03.2008 um 10.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11609

"Weit eher wird, fürchte ich ganz nüchtern, das ß gänzlich abgeschafft werden ..." (b. eversberg)

Das steht zu befürchten. Aber, die Reformfreunde sollten sich keine Hoffnung machen: dieser Schritt wird am Chaos kaum etwas ändern. Allenfalls das Problem das/dass wäre dann gelöst. (Wobei unklar ist, welche Folgen das nach sich zieht.) Die Frage "ss" oder "s" bliebe jedoch bestehen. Und sie wäre eine immersprudelnde Quelle der Irrtümer. Selbst auf die Gefahr hin, erneut Widerspruch zu erregen: der Schweizer Weg funktioniert, jedoch er funktioniert auf dem Hintergrund der klassischen Schreibweise mit ß.

Menschliches Handeln in allen kulturellen Bereichen basiert auf Organisationsformen und Regeln, die dem Handelnden selten ins Bewußtsein steigen. Wir wissen zu wenig! Die Anmaßung von Wissen aber (Friedrich August von Hayek, Nobelpreisträger) führt zu grotesken Erscheinungen, und meist sind sie mit Zerstörung natürlich gewachsener, evolutionärer Institutionen verbunden. Was die Rechtschreibung betrifft, so zehrt die Schweizer ß-lose Schreibung vom noch vorhandenen Guthaben der Adelungschen Regelung. Das Vorhandensein von tragenden Fundamenten unter der sichtbaren Oberfläche des Daseins erkennen wir in der Regel erst dann, wenn durch den Einsturz von einzelnen Säulen Verluste drohen.

Natürlich ist es möglich, das ß abzuschaffen. Doch da es eine Lücke in die evolutionär gewordene Ordnung reißt, werden gewisse, unvorhersehbare schriftliche (und sprachliche) Veränderungen eintreten, bis allmählich eine neue Ordnung entsteht, die tragfähig ist. Das kann sehr lange dauern. Die kurzschlüssige Denkweise der Reformer bezieht diese Folgen sicher nicht in ihr Denkmuster mit ein. Wie heißt es so schön in der Arzneiwerbung? Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker ... Nur: die wissen es auch nicht. Niemand kann in die Zukunft schauen, zu vielfältig sind die Lebenserscheinungen, zu überraschend deren Synergien.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 06.03.2008 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11608

Eine große Hilfe wäre es schon, wenn in den Office-Programmen die Rechtschreibprüfung nach bewährter Rechtschreibung möglich bliebe – incl. Grammatik.
Hier wurde an anderer Stelle berichtet, in der neuesten Version könne man nicht mehr die neue Rechtschreibung abschalten. Ist das tatsächlich so?
Im aktuellen Open Office kann man sich nach wie vor entscheiden.

Ich hoffe noch immer auf ein Programm, das auf Knopfdruck Texte in die alte Rechtschreibung konvertiert. Ich habe mir zum Hausgebrauch ein Makro geschrieben, mit dem ich zumindest Heyse und einzelne Begriffe erwische, aber spätestens bei der GZS und der GKS versagt es, und ich muß manuell verändern.

Was Rechtschreibprogramme im allgemeinen angeht, ist die Syntaxprüfung sicher das wesentlichste, und auch ich bin sicher, daß sich dann die bewährte Rechtschreibung als vorteilhaft erweisen würde; öffentlich behandelt und auch Gegenstand der Programmierer wird aber nur die neue sein.

Wie kläglich der Stand der Dinge ist, macht für mich immer wieder folgendes Beispiel deutlich: "Das Haus, das das Kind bewohnt." Hier mokiert Word eine Wortwiederholung und empfiehlt, das erste "das" durch "welches" zu ersetzen.
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 06.03.2008 um 09.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11607

"Weder ein Projekt der KMK noch Mannheim könnte es schaffen." In der Tat, die bestimmt nicht.

Wenn es jemand schafft, wird das ein Einzeltäter sein, der einen völlig unkonventionellen Ansatz gewählt hat. Insofern war mein Hinweis mit dem Latein schon ernst gemeint.
 
 

Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 06.03.2008 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11605

Um syntaktische Satzanalyse bemüht sich die Forschung weltweit seit Jahrzehnten, ist sie doch eine Voraussetzung für maschinelles Übersetzen. Wohl jeder denkbare Ansatz ist immer wieder mit immer neuem Elan und hohem Einsatz probiert worden. Denn daran besteht höchstes Interesse mit großen Gewinnerwartungen. Zuerst hat sich schon in den 50er Jahren das Pentagon stark engagiert und Millionen verpulvert. Die besten, motiviertesten Entwickler sitzen momentan bei Google. Die Qualität der Ergebnisse kann sich jeder anschauen.
Was sagt uns das? Es ist nicht leicht. Und die Reform hat es schwerer gemacht, nicht leichter.
Momentan also immer noch blanke Spekulation, wie es denn wäre, wenn wir sowas hätten. Weder ein Projekt der KMK noch Mannheim könnte es schaffen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.03.2008 um 22.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11603

Ich glaube, es fehlt an einer genauen und vollständigen Beschreibung, was das Korrekturprogramm können soll. Wie Glasreiniger schreibt, ist die syntaktische Satzanalyse das Wichtigste. Das Programm sollte bei Mehrdeutigkeiten, statt einfach Korrekturen vorzunehmen, nur fragen, was gemeint ist. Solche Pflichtenhefte können wohl nur spezialisierte Sprachwissenschaftler anfertigen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.03.2008 um 19.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11602

Vielleicht sollten sich die Reformer nächstes Mal lieber doch nicht nach den Schulkindern, sondern nach den Computerprogrammen richten.
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 05.03.2008 um 14.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11601

Unter einer guten Software verstehe ich eine, die gute Ergebnisse liefert, keineswegs eine, deren Funktion darin besteht, das eigene Denkvermögen zu beschädigen. Der Hinweis auf Übersetzungsprogramme zeigt eine Möglichkeit, wie eine gute Programmunterstützung arbeiten müßte: Das Programm müßte zu erkennen geben, wie es die Vorlage syntaktisch analysiert und verstanden zu haben meint. So wie im guten alten Lateinunterricht.
 
 

Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 05.03.2008 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11600

Ja, die falschen Getrenntschreibungen gehören zu den ganz schwierigen Fällen für die Software, da wird kaum ein Fehler erkannt. Auch für die automatische Übersetzung sind die eins der großen Probleme, Sie können ja mal versuchen, beim Google-Translator:

http://translate.google.com/translate_t?langpair=de|en

solche Sätze einzugeben, um sich ein Bild zu machen.
Die klassischen Schreibungen machen buchstäblich mehr Sinn.
Außerdem: Ob es erstrebenswert ist, eine wirklich gute Software zu haben, und der dann blind zu vertrauen, weiß ich nicht. Die Folgen für das Lern- und Denkvermögen, wenn diese Kulturtechnik nicht mehr gründlich gelernt wird, sind schwer einzuschätzen.
 
 

Kommentar von K.W., verfaßt am 05.03.2008 um 14.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11599

Hier mal zwei Beispiele aus meiner journalistischen Praxis als freie Mitarbeiterin einer Kölner Tageszeitung.
1.) In einem Konzertbericht schrieb ich letzte Woche:

"Dann machte sich S. P. peu à peu selbständig und beschritt musizierend den Seitengang."

Die Redaktion machte allen Ernstes daraus:

"Dann machte sich S. P. peu à peu "selbstständig" und beschritt musizierend den Seitengang."

2.) Als ich neulich eine 102jährige alte Dame im Seniorenzentrum besuchte, über die ich schon letztes Jahr zum 101jährigen Geburtstag ein Porträt verfaßt hatte, rief sie, mich wiedererkennend, fröhlich: "Ich bin noch ganz die alte!" Später zu Hause dachte ich, ob ich vielleicht mit diesem Zitat den Text eröffnen sollte, doch dann fiel mir ein, daß die Redaktion daraus vielleicht "ich bin noch ganz die Alte" machen könnte, was ja einigermaßen uncharmant wäre, also habe ich dieses Zitat tunlichst weggelassen.

Aus der Redaktionspraxis kann ich nur sagen, daß die sogenannte Rechtschreibhilfe keine Hilfe ist, sondern regelrecht was Terroristisches hat. Besonders schmerzlich: "Selbstgemacht" etwa wird (wie "sogenannt") bei uns als falsch unterkringelt, aber falsche Auseinanderschreibungen wie "zurück kehren" erkennt das Rechtschreibprogramm natürlich nicht. Und genau von solchen Fehlern wimmelt es täglich in unserer Zeitung.
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 05.03.2008 um 14.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11598

Lieber Herr Eversberg, genau darin, daß bessere Softwarelösungen andere Voraussetzungen benötigen, bestände ja die Chance.

Eine Software, die vollständige deutsche Sätze richtig analysierte und daraus Fehlerkorrekturen vorschlagen könnte, wäre ein schwer schlagbares Argument für diese Schreibweisen.
 
 

Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 05.03.2008 um 13.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11597

Wesentlich bessere Software kann man kaum entwickeln, weil viele Schreibweisen, nur als Wort oder Phrase betrachtet (wie es ein Programm tut), orthographisch richtig sind, im Kontext aber falsch.
In diesem Text hat der Duden-Korrektor die grünen Wörter, allesamt fehlerhaft, in keiner Einstellung erkannt.
Es ist die Natur der Sache, daß Fehler in den Bereichen GKS und GZS in Reformtexten noch schwieriger algorithmisch zu erkennen sind als in unreformierten. Sehr viel Hoffnung in neue Software würde ich also nicht setzen.
Mannheim wird ja ums Verrecken keinen Klassik-Duden rausbringen, aber eine Klassik-Variante oder Literaturvariante in den Korrektor einbauen, das wäre noch was, womit sie ein nicht ganz kleines Marktsegment besetzen könnten, das jetzt verwaist ist – oder immer noch mit Word und dessen "alter" Einstellung arbeitet.
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 05.03.2008 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11596

"Richtig" ist das, was das Rechtschreibprogramm im Rechner für richtig hält.
Der sog. "Duden Korrektor" und die normale Rechtschreibprüfung in Word nebst Varianten sind die Lehrmeister der Gelegenheitsschreiber und orthographisch Desinteressierten.
Wer etwas ändern will, muß somit solche Programme schreiben.
 
 

Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 05.03.2008 um 12.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11595

Duden hat mit den 5 Varianten erreicht, daß keine davon beherrschbar ist, jedenfalls nicht ohne erheblichen Lernaufwand. Auf die Software kann man sich nicht verlassen, sie läßt, wie ich testweise gezeigt habe, allzuviele Fehler in jeder der Varianten durchgehen, und zwar viele Fehler, die überhaupt erst systembedingt entstehen.
Von selber wird sich nichts bessern können, zumal das Lernen beim Lesen ja nicht mehr funktioniert. Die Qualität der Druckerzeugnisse kann auf Dauer wohl nur noch schlechter werden, je mehr die Kenntnisse erodieren oder sich gar nicht erst ausbilden. Handlungsbedarf sieht gleichwohl keiner von denen, die ihn sehen müßten und handeln könnten. Sie feiern das Gelingen.
 
 

Kommentar von N. Lohse, verfaßt am 05.03.2008 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11594

Ich kann Herrn Icklers Beobachtung vollauf bestätigen, daß die aggressive Reformschreibung (selbstständig) vornehmlich in amtlichen oder halbamtlichen und insbesondere in didaktischen Texten gepflegt wird. Und wie Herr Eversberg schreibt, der in der Tat "lächerlich magere Rest" der Reform wird gleichwohl noch lange wie ein Stachel im Fleisch all derjenigen sitzen, denen Genauigkeit und Präzision der Maßstab für den sprachlichen Ausdruck ist.

Beim Blick auf die Masse der Publikationen könnte man den Eindruck gewinnen, daß sich die Lage allmählich ausdifferenziert in harte und weniger harte Reformschreibungen. Ich zweifle aber, ob das wirklich ein Differenzierungsprozeß ist und sich daraus gar ein Trend ableiten läßt. Einstweilen scheint mit eher frohgemute Verwirrung zu herrschen, bei der man zwischen Zufall und Absicht, bewußter Entscheidung oder willenloser Unterwerfung unters Rechtschreibprogramm gar nicht mehr unterscheiden kann. Würde man den Autoren unterstellen, sie hätten genau das sagen wollen, was da in ihren Texten geschrieben steht, dann müßte man, zumindest fallweise, an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Da letzteres aber nicht erlaubt ist, bleibt nur der Umkehrschluß, daß sie tatsächlich nicht wissen (wollen), was sie tun.
 
 

Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 05.03.2008 um 09.01 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11590

Simply the best!

Klug und gedanklich selbständig ist gewiß der Literarturwissenschaftler Professor Wolfgang Frühwald, der (u.a.) mehrjährige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Er schreibt (im FAZ-Forum zu Walsers neuem Goethe-Roman):

In einer Gesellschaft, in der Fragen, Probleme und Sorgen des Alters und des Alterns zunehmend mehr und wichtiger werden, ist Goethe eine hochaktuelle Romanfigur. Sein Leben gehört zu den best erforschten und dokumentierten Biographien der Geschichte und ist dabei in vielen grundlegenden Erfahrungen des Alterns geradezu zeitlos exemplarisch.

Das ist ihm bestimmt nicht von der FAZ hineinredigiert worden (das wäre dann schon eher bei "hochaktuelle" geschehen); der versehentliche Versuch der Neueinführung des Wörtchens "best" in die deutsche Sprache wäre Frühwald ohne die Verheerungen durch die Wogen der zeitgenössischen Rechtschreibumformungen bestimmt nicht unterlaufen.
 
 

Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 04.03.2008 um 20.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11589

Bei weiterer Lektüre stolpert man im Buch von Precht doch noch
über einige Klöpse:
der Erste, das Gleiche, hatte vollkommen Recht, viel versprechender Ausgangspunkt, fest geschriebene Erwartung, allgemein gültig, kennen lernen, Erfolg versprechender und billiger. Auch Stängel, potenziell, platziert.
"naheliegend" kommt mal getrennt vor und mal zusammen, man findet aber nur "selbständig" und auch ein As.
Ansonsten sitzt die s-Regel aber, da kann man nicht meckern, es kommt auch kein falsches dass oder das vor und keine Übergeneralisierung.

Ganz sicher ist Precht und sind viele Autoren kluger Bücher klug genug, die Zweitklassigkeit der ihnen aufgezwungenen Orthographie zu erkennen – wenn sie es denn wollten, aber sie kümmern sich wohl einfach nicht drum. Haben sie ja früher auch nicht tun müssen – warum jetzt, wo man sowieso kaum noch sein Pensum schafft?
Wo aber weithin kein Problemempfinden ist, wird nichts passieren. Verbesserungen sind nur noch in ganz kleinen Schritten zu erwarten, wenn überhaupt. Man muß von irreparablen Schäden ausgehen.
Weit eher wird, fürchte ich ganz nüchtern, das ß gänzlich abgeschafft werden und die vermeintliche Regel "ss nach kurzem Vokal und Diphtong" durch Abbschaffunng der Aussnahmen zu einer eisernen errhoben, wass zurr Follge hätte, dass ess auch kein "das" mehr gäbe, aber dass wird mann in Kauff nehmen unnd dann überhauppt alle Konnsonannten nach kurrzen Vokkalen verrdoppelln. Da gäb's dann enndlichch keinn Verrtun mehr.
 
 

Kommentar von b.eversberg, verfaßt am 03.03.2008 um 19.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11586

Man findet unter den Neuerscheinungen solche, die Mißmut erregen ob ihres Reform-Übereifers, man findet aber auch solche, die zwar am ss gleich als "reformiert" erkennbar, darüber hinaus aber recht unauffällig sind, wie z.B. "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" von Richard David Precht. Auf den ersten 200 Seiten fielen mir nur ca. 10 deutliche Reformschreibweisen auf, alle weniger aufdringlich als "selbstständig". Die fälschlich so genannte "s-Regel" (warum eigentlich, statt korrekt "ss-Regel"?) mögen wohl die meisten als Geschmacksfrage abtun, sie bleibt gleichwohl Signal und Signet der mutwilligen Beschädigung einer Kulturleistung, und sie allein ermöglicht den barbarischen Akt einer Bücheraussonderung. Wer sich damit abfindet, möge sich klar dazu bekennen, zum ss. Na prima, weitermachen!
Der bisweilen also lächerlich magere Rest ist trotzdem nicht leichthin verschmerzbar, weil er ja überflüssig ist und vorbei an Sachverstand und Mehrheitswillen in die Welt gewuchtet, und weil das breite Spektrum der realen Umsetzung (fünf Duden-Geschmacksrichtungen, Herr im Himmel!) eine in 100 Jahren erreichte Einheitlichkeit ohne Not zerstört hat und Ärger und Zwietracht gesät, wo es vorher keine gab.
 
 

Kommentar von Wolfgang Scheuermann, verfaßt am 03.03.2008 um 08.32 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11585

Dieser Tage erscheint ein medizinisches Lehrbuch, zu dem ich einen eigenständigen Teil beizutragen hatte.
Natürlich habe ich mich dazu durchgängig der modernen Rechtschreibung bedient. Im Verlauf bekam ich mein Manuskript wieder, grobschlächtig und inkonsistent "reformiert". Ich rief den Lektor an und wurde von ihm belehrt, in der Zeit der elektronischen Medien könne man nicht mehr wirklich von einem Manuskript sprechen. Ich sagte ihm, ich wolle meinen Buchteil in traditioneller Rechtschreibung gedruckt haben – ich hätte natürlich auch nichts dagegen, daß darauf im Buch deutlich verwiesen würde, daß dies nur auf meinen ausdrücklichen Wunsch geschehe – das sei ja auch eine nicht ganz selten geübte Praxis. (Das Buch erscheint im Rahmen einer Reihe, die durchgängig reformiert zu sein versucht.)
Er meinte, dann solle ich alles ändern, was ich wolle, ich solle aber die automatische Registrierung von Änderungen einschalten, damit er einen Überblick habe.
In der Folge schrieb er mir, er habe sich selbst jahrelang über die Rechtschreibreform geärgert, aber die neuen Regeln zur ß/ss-Schreibung, die seien doch nur eine beliebige Konvention, und überhaupt könne er jedem Autor beliebig viele Fehler nachweisen, da sei das Beharren auf den alten Schreibweisen überzogen. (Bei mir ist ihm dieser Fehlernachweis aber offenbar nicht gelungen.)

In meiner Antwort habe ich die m.E. besten Argumente zusammengetragen, warum die herkömmliche ß/ss-Schreibung qualitativ deutlich überlegen ist, es sich also nicht um eine beliebige Konvention handele.
Darauf erhielt ich keine Antwort. Zuletzt schrieb er an den Herausgeber des Bandes, meine Bitte könne nicht erfüllt werden, aber mein "Manuskript" enthielt zu diesem Zeitpunkt bis auf Heyse kaum noch Reformanteile. Die habe ich dann herauskorrigiert, weiß aber nicht, was auf dem Wege bis zur Drucklegung noch passiert sein mag.

"Imprimatur" bedeutete früher etwas wesentlich anderes.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 02.03.2008 um 19.52 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11583

Allein daß die Reformer ihr retortengezeugtes Sprachugeheuerchen selbst nicht verwenden, läßt fragen, wozu sie es eigentlich in die Welt gesetzt haben. Doch nicht etwa allein, um den Umsatz von Gebißhaftmitteln zu steigern?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.03.2008 um 12.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11581

Ich sehe sehr oft das Wort selbständig, kann auch bestätigen, daß es in Zeitungen, sogar im Mannheimer Morgen, oft vorkommt.
Aber auch hier, wo ich's gerade gesehen habe, Werbung im Yahoo-Messenger:
"PRIVATE KRANKENVERSICHERUNG - Für Selbständige ab €59.- mtl."
Für dieses Wort ist mir eigentlich nicht bange.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 01.03.2008 um 08.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=979#11578

Im Fall von selbstständig tritt bei Reformschreibern eine Übereifrigkeit zur geänderten Schreibung auf, die vielfach auch bei anderen Reformschreibungen beobachtbar ist.
Selbst die Autoren des amtlichen Regelwerks verwenden in ihren erklärenden Texten stets die Formulierung selbständig, nur im Wörterverzeichnis wird selbstständig als Alternative zu selbständig genannt.
 
 

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