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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 30.11.2025 um 07.13 Uhr verfaßt.

Die Hirnforschung zeigt uns zunächst anatomische und physiologische Tatsachen des Gehirns und der Nervenzellen, aber dann kommt eine große Lücke, weil die Leistungen des Organismus bis hin zu Sprache und „Bewußtsein“ („Geist“) nicht direkt damit in Verbindung gebracht werden können. Die Lücke wird mit theoretischen Modellen wie logischen Rekonstruktionen, formalen Schaltkreisen und Computersimulationen mehr schlecht als recht überbrückt. Nur so ist es möglich, daß Tausende von Linguisten und anderen Geisteswissenschaftlern sich plötzlich zu Kognitionsforschern wandeln und sich in einer der Neuro-Bindestrich-Disziplinen vernehmen lassen.
(Ich muß oft grinsen, wenn ich wieder mal auf einen alten Bekannten aus der Sprachwissenschaft stoße, von dem ich genau weiß, daß er von Neurologie so wenig versteht wie ich, der aber jetzt als Kognitionsforscher auftritt und über Neuro-Irgendwas schreibt.)


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 30.11.2025 um 07.00 Uhr verfaßt.

Leonie Seng (Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Hans J. Markowitsch) erklärt:

Menschen mit Capgras-​Syndrom glauben, ihnen nahestehende Personen seien durch Doppelgänger ersetzt worden. Hirnforscher können erklären, wie es zu der unheimlichen Störung kommt.
(https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/truegerische-wahrnehmung/welt-der-doppelgaenger)

Da sind wir aber gespannt. Natürlich geschieht nichts dergleichen. Wie bei Prosopagnosie werden nur bestimmte Hirnregionen als zuständig erkannt, weil ihre Verletzung mit den Symptomen einhergeht. Auf diesem Niveau befinden sich auch die angeblichen Erklärungen der Sprachfähigkeit usw. - Referiert wird Ramachandrans bekannte These:

Ramachandran erklärt, ein Betroffener sehe deshalb zwar beispielsweise seine Mutter, könne dieses Bild aber nicht mit den üblichen Gefühlen für sie in Verbindung bringen: “Er sagt dann: Weil ich nichts für sie empfinde, kann das nicht meine Mutter sein, sondern eine merkwürdige Frau, die so tut, als wäre sie meine Mutter.”

Das Verhalten, nahestehende Menschen für Doppelgänger zu erklären, ist so komplex, daß es zunächst in seine wahren Bestandteile analysiert werden müßte, bevor man nach neuronalen Ursachen sucht. Das ist das gleiche wie bei Sprache und vielen anderen Verhaltensweisen.

Was ändert sich, abgesehen von den hochkomplexen sprachlichen Kommentaren des Patienten, im Verhalten eines Menschen, wenn er seine Verwandten und manchmal sich selbst für Doppelgänger der irgendwie entführten Personen hält und erklärt?

Wie genau das Capgras-Syndrom entsteht, muss noch weiter erforscht werden. Forscher wie Haydn Ellis sehen darin letztlich jedoch nichts anderes als eine Rationalisierungsstrategie. Aus der richtigen Beurteilung der visuellen Information – “Das ist meine Mutter” – und der mangelnden emotionalen Bestätigung – “Es fühlt sich nicht an, als wäre es meine Mutter” – entsteht ein Widerspruch, den das Gehirn auszugleichen und logisch darzustellen versucht. Man könnte das Capgras-Syndrom darum auch als Schutzmechanismus des Gehirns deuten, das versucht, die Differenz von Gedächtnis und Erleben wieder in Einklang zu bringen. (Ebd.)

Man weiß also praktisch noch gar nichts Genaues – im Gegensatz zur Ankündigung im Vorspann.
Sprechen ist an sich schon sehr komplex und nicht direkt mit neurologischen Erkenntnissen in Verbindung zu bringen: Wir wissen bei weitem nicht, wie das Sprachverhalten vom Gehirn gesteuert wird. Erst recht gilt das für ein Verhalten, das wir als die kulturell geprägte Leistung „eine vertraute Person für einen Doppelgänger erklären“ definieren. Die populären Bücher von Sacks, Ramachandran und anderen haben dem Publikum suggeriert, hier handele es sich um Hirnforschung. Es ist aber nur neurosophisch verkleidete Psychologie.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 17.39 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#56709

Terry Landau reproduziert die bekannten verpixelten, dennoch erkennbaren Porträts bekannter Gesichter. Dabei geht es jedoch gar nicht um Gesichtserkennung, sondern um die Erkennung dieser ikonischen Bilder: Lincoln auf dem bekanntesten Foto, die Mona Lisa usw. Der Versuch würde auch mit Bildern des Eiffelturms funktionieren.

Landau gibt auch die Beobachtung wieder, daß Lincoln nie lacht. Dazu muß man allerdings bedenken, daß in den frühen Jahren der Fotografie kaum jemand lachend abgebildet wurde. Vgl. die Bildnisse Bismarcks, Disraelis usw.
-


Manfred Riemer zu »Zahlenblind«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 12.56 Uhr verfaßt.

Unter dem Titel "Wie sicher ist der Türkei-Urlaub?" schreibt der Mannheimer Morgen heute auf Seite 32:

Wegen hoher Steuern werden Spirituosen häufig mit billigem Methanol statt des üblichen Methylalkohols hergestellt. Schon geringe Mengen Methanol können tödlich sein.

In der Türkei soll Methylalkohol bei der Spirituosenherstellung üblich sein?
Wikipedia: "Methylalkohol ist der Trivialname für Methanol [...]."


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 08.33 Uhr verfaßt.

Die SZ schwadroniert auf einer ganzen Seite über die emotionale Intelligenz von Friedrich Merz:
„Nach dem Modell des US-Psychologen Daniel Goleman besteht emotionale Intelligenz aus Kompetenzen wie Selbstwahrnehmung, Selbstregulation, Motivation, Empathie und sozialen Fähigkeiten.“ (29.11.25)
Usw., lauter uralte volkspsychologische Begriffe in modischer Verkleidung. Man sollte es kaum glauben, daß Psychologie wieder oder immer noch auf diesem Niveau betrieben wird, als wäre nichts gewesen.
Zur Sache selbst will ich nichts sagen, der ganze Aufwand hat damit nichts zu tun.


Theodor Ickler zu »Delirium«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 05.47 Uhr verfaßt.

Noch einmal zu "Emergenz":

"Unter Emergenzen versteht man qualitativ neue Eigenschaften, die auftauchen, wenn man von einer tieferen Seinsstufe zu einer Stufe höherer Komplexität aufsteigt. Emergenzen sind nicht voraussehbar aufgrund unseres Wissens über die unteren Stufen. (...) ‚Leben‘ ist eine emergente Eigenschaft der Zelle (nicht aber ihrer Bestandteile); ‚Bewußtsein‘ ist eine emergente Eigenschaft von Organismen mit einem hoch entwickelten Zentralnervensystem; ‚Freiheit‘ ist eine emergente Eigenschaft des Menschen als eines selbstverantwortlichen, moralischen Subjekts."

(Hans Mohr in Heinz-Dieter Ebbinghaus/Gerhard Vollmer, Hg.: Denken unterwegs. Stuttgart 1992:68)

Hier sind zwei Probleme vermischt. Das erste ist der gute alte Grundsatz: Ein System ist mehr als die Summe seiner Teile. Das habe ich in seiner Banalität schon besprochen. Es stimmt nicht, daß man die Eigenschaften des Systems nicht aus den Eigenschaften seiner Bestandteile voraussehen kann. Wenn ich die Zahnräder kenne, weiß ich genau, welche Übersetzungen mit einem daraus bestehenden Getriebe möglich sind usw. Ein Chemiker kann auch die Eigenschaften von Kochsalz vorhersagen (beliebtes Beispiel aus dem 19. Jahrhundert).

Das zweite Problem ist ganz anders: Wenn es Bewußtsein gar nicht als Gegenstand NEBEN dem Körper gibt, entfällt auch das Emergieren.


Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 04.20 Uhr verfaßt.

Im Laufe der Jahre hat sich ungeplant ergeben, daß die feministische Sprachmanipulation zwei einander widersprechende Strategien verfolgt: Die gänzliche Abschaffung des generischen Maskulinums und das Geltenlassen neben gegenderten Formen. Beides kann nicht gelingen, aber auf absehbare Zeit haben wir es mit schwerfälligen und widerwärtigen Texten zu tun, besonder bei "unfreien" Texten (wie ich es schon bei der Rechtschreibreform genannt habe). Der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum Beispiel kann sich alles leisten, weil er seine Produkte nicht verkaufen muß; die Einnahmen fließen ja völlig unabhängig von der Nachfrage.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 04.14 Uhr verfaßt.

Trump verspricht seinen Landsleuten, die Einkommensteuer ganz abzuschaffen und die Haushaltslücke mit Zolleinnahmen zu schließen. Man kann sich leicht ausrechnen, wer davon profitiert und wer die Zeche zahlt.

Dagegen ist dies eine Bagatelle:

„Ausländische Touristinnen und Touristen müssen sich ab dem kommenden Jahr bei einem Besuch in vielen der großen US-Nationalparks – wie Yellowstone, Yosemite oder dem Grand Canyon – auf deutlich höhere Kosten einstellen. Ab Januar fällt in den elf beliebtesten Parks pro Person eine Extragebühr von 100 US-Dollar (rund 86 Euro) zusätzlich zum normalen Eintritt an, wie das Innenministerium und die Nationalparkverwaltung mitteilten.“ (tagesschau.de 26.11.25)

Darüber klagen allerdings die Hoteliers, weil viele Touristen wegbleiben. DOGE hatte schon das Personal der Nationalparks ausgedünnt, was zu Schließungen führte. Der volkswirtschaftliche Schaden ist noch nicht absehbar. So hängt alles zusammen, wie bei der Zollpolitik.

Der Tagesschautext gendert übrigens alles, was nicht niet- und nagelfest ist, außer „Amerikaner“.


Theodor Ickler zu »Intentionalität und Sprache«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2025 um 04.07 Uhr verfaßt.

Meldung: KI-Pionier Yann LeCun verläßt Meta, weil er Zweifel wegen der Sprachfixiertheit der Simulation hat.
Er kritisiert den Ansatz von Chat GPT, die künstliche Intelligenz über die Analyse riesiger Datenmengen und deep learning zu entwickeln: ‚Maschinelles Lernen ist Mist‘. (Wikipedia)

Die Bedenken erinnern an Searles „Chinesisch-Zimmer“; ich brauche die Diskussion darüber nicht zu wiederholen.

Ich weiß und verstehe nicht viel davon, aber mir scheint, daß Maschinen erst dann „verstehen“, wenn sie wie wir die Not des Überlebens kennen, ihnen also ein „Sein zum Tode“ eingepflanzt werden kann – oder eine Art Äquivalent dazu. Die Bedeutung von etwas ist letzten Endes immer die Bedeutsamkeit für das Leben, Erkenntnis ist Anpassung, Anpassung setzt Selektionsdruck voraus.


Manfred Riemer zu »Verständlichkeit«
Dieser Kommentar wurde am 28.11.2025 um 23.29 Uhr verfaßt.

Da der Kommentar #56710 anonym ist und sich auf einen Eintrag von mir bezieht, möchte ich klarstellen, daß ich #56710 nicht geschrieben habe.
(Die aktuellen wissenschaftlichen Festlegungen zu Temperatureinheiten sind auf Wikipedia unter Kelvin gut beschrieben.)


zu »Verständlichkeit«
Dieser Kommentar wurde am 28.11.2025 um 19.34 Uhr verfaßt.

Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1217#45352
Grad (grd bzw. deg) ist offiziell sogar vorgeschrieben: lt. der 7. Resolution des 9th CGPM (General Conference on Weights and Measures) heißt es in der Fußnote 3: "To indicate a temperature interval or difference, rather than a temperature, the word "degree" in full, or the abbreviation "deg" must be used."
https://www.bipm.org/en/committees/cg/cgpm/9-1948/resolution-7


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 28.11.2025 um 13.13 Uhr verfaßt.

Über Prosopagnosie heißt es: „Tragischerweise ist in einigen Fällen die Beeinträchtigung so schwer, daß die Patienten im Spiegel ihr eigenes Gesicht nicht mehr erkennen können.“ (Terry Landau: Von Angesicht zu Angesicht. Reinbek 1995:72)

Nun, das eigene Gesicht und sich selbst erkennt man überhaupt schwerer als andere. Die Gründe liegen auf der Hand.


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