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Karl Hainbuch zu »Geschichtspolitik«
Dieser Kommentar wurde am 04.02.2012 um 19.53 Uhr verfaßt.
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Der Teufel steckt im Detail. Diese Weisheit dürfte den hier Mitlesenden bekannt sein. Die zu verifizierende These, z.B: mit Heyse wird alles ganz einfach, ist leicht formuliert, doch dann fängt die Arbeit im vergleichsweise stillen Arbeitszimmer erst an. Wissenschaftler kennen das.
Schwieriger haben es Juristen. Das neue, mit ihrer Hilfe formulierte Gesetz muß sich sogleich in der rauhen Wirklichkeit bewähren. Die üblichen Gutachten zur Folgenabschätzung können nur beraten.
Das Leugnen eines Völkermordes ist verboten und steht künftig unter Strafe.
Doch nicht nur, wann genau fängt der Völkermord an, sondern auch: Wann fängt das Leugnen an? – Leugnet der Journalist Fritjof Meyer den Holocaust, wenn er in der u.a. von Süßmuth herausgegebenen Zeitschrift „Osteuropa“ behauptet, die Zahl der in Auschwitz zu beklagenden Opfer seien nicht nur nicht 4 Mio, wie anfangs geglaubt, auch nicht 1,5 Mio, wie heute offizielle Geschichtsschreibung, sondern „nur“ ca. 500.000?
Hier wird es für den Richter knifflig. Er muß sich die Frage stellen, welche Folgen die Revision im Detail hat.
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Germanist zu »Donauschrift«
Dieser Kommentar wurde am 04.02.2012 um 12.33 Uhr verfaßt.
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Die Finnen gehören zu den ältesten Einwanderern Europas. Sie kamen gleich nach der letzten großen Eiszeit und siedelten in den eisfreien Gebieten auch im heutigen Nordwestrussland. Nach ihnen kamen die Balten (Indoeuropäer), die die Finnen zurückdrängten, und noch später die Slawen, die die Finnen aus dem heutigen Nordwestrussland verdrängten. Der Name "Rus" ist die finnische Bezeichnung für die schwedischen Wikinger, die von Norden her das heutige europäische Russland eroberten. Der Name "Rurikiden" stammt von altnordisch "Roderik", dem Gründer der Nowgoroder Rus, von wo aus die Kiewer Rus gegründet wurde.
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Theodor Ickler zu »Aufgelesen«
Dieser Kommentar wurde am 03.02.2012 um 17.45 Uhr verfaßt.
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Auf besagtem Erlanger Schlossplatz findet zur Zeit der Lichtmeßmarkt statt, so steht es auf den Plakaten.
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Manfred Riemer zu »Donauschrift«
Dieser Kommentar wurde am 03.02.2012 um 15.19 Uhr verfaßt.
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Harald Haarmann, Weltgeschichte der Sprachen, Verlag C. H. Beck, München 2006 (in bewährter Rechtschreibung):
"Die Inari-Saamen haben ihren Namen vom Inari-See im Osten der finnischen Provinz Lappi (Lappland). Ihr Siedlungsgebiet liegt nördlich des Polarkreises, wo im Winter monatelang sonnenlose Dunkelheit herrscht."
Dieser Satz könnte auch aus dem "Lexikon der populären Irrtümer" von Walter Krämer stammen. Ich habe gerade im finnischen Lappland nicht weit von Inari ein paar Wochen Urlaub verbracht und sah dort Mitte Januar die Sonne gegen halb elf auf- und halb drei untergehen (OEZ). Zusammen mit der zweimal rund zweistündigen Dämmerung, die zur Hälfte noch fast taghell ist, kann man sagen, daß es Mitte Januar (und entsprechend Anfang Dezember) täglich schon 6 Stunden taghell ist. Es ist ja auch klar, denn von 0 Stunden (Winteranfang) am Polarkreis bis 12 Stunden (Tagundnachtgleiche) dauert es 13 Wochen, also steigt jede Woche die Sonne rund eine Stunde am Tag länger über den Horizont, jeden Tag 8 Minuten länger. Selbst am Nordkap ist es an den wenigen Tagen um Weihnachten herum, an denen die Sonne gar nicht auftaucht, wegen der langen Dämmerung mindestens 2 Stunden über Mittag fast taghell. Wirklich monatelange Dunkelheit gibt es etwa ab Spitzbergen.
Ich fand es faszinierend, in der Weltgeschichte der Sprachen von den vielfältigen Verflechtungen der Sprachforschung mit den anderen Wissenschaften zu lesen. Letztlich spiegelt sich ja die ganze Menschheits- und Kulturgeschichte in der Sprachentwicklung wider.
Haarmann erwähnt 21 verschiedene Ausdrücke des Inari-Saamischen für verschiedene Schneeformen als Beispiel dafür, wie durch Kultur und Klima der Wortschatz einer Sprache beeinflußt wird. Niemand sortiert aber die Sprachen der Welt nach der Anzahl der Wörter für Schnee, sondern bei der Systematisierung der Sprachen geht es meist um Grammatik: Sind es synthetische oder analytische Sprachen, sind sie eher isolierend, agglutinierend oder flektierend, wie ist die Wortstellung im Satz (SVO, SOV, ...), haben Substantive Genera usw. Oder es geht um lautliche Kriterien: Vokalharmonie, Tonhöhen, werden Schnalzlaute verwendet usw. Leider fand ich kaum etwas darüber, inwiefern solche grammatischen oder lautlichen Unterschiede auch kulturell bedingt sind oder ob und welche spezifischen Vorteile sie bringen.
Ist es z.B. nur eine Sache des Zufalls und von Kriegen und Völkerwanderungen, wenn sich in Europa agglutinierende Sprachen eher im Norden/Osten gesammelt haben, flektierende dagegen eher im Süden/Westen? Flektierende sind außerdem zumindest in Europa in der Mehrzahl, aber das Englische scheint sich, was die Grammatik betrifft, dem isolierenden Chinesischen anzunähern. Hatten vielleicht die Chinesen schon immer die "bessere", irgendwie effektivere Sprache?
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Theodor Ickler zu »Unwort des Jahres«
Dieser Kommentar wurde am 02.02.2012 um 10.32 Uhr verfaßt.
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In Stuttgart wurde ein Parkplatzmörder verurteilt.
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Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 02.02.2012 um 10.22 Uhr verfaßt.
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Was in den letzten drei Jahren an neuen Erkenntnissen über die Broca- und Wernicke-Region bekannt geworden ist, wirft so ziemlich alles über den Haufen, was die Neurolinguisten wieder und wieder behauptet haben. Allein schon die Nachrichten der letzten Tage, wonach das Wernicke-Zentrum um drei Zentimeter verschoben werden muß (eine riesige Entfernung im Gehirn), wäre, wenn es zutrifft, eine Katastrophe! Und dabei glaubten die betrogenen Betrüger mit ihren bildgebenden Verfahren schon genau sagen zu können, welche Untergruppe von Substantiven in welchen Gehirnteilen verarbeitet werden ...
Man sollte immer erwägen, daß die Sprachfähigkeit womöglich keine einheitliche Funktion und daher auch nicht Gegenstand evolutionärer Selektion gewesen ist, daß vielmehr unterschiedliche Fertigkeiten sich zu verschiedenen "Zwecken" entwickelt haben, die dann in den Dienst der durch und durch kulturellen und historischen Sprache gestellt wurden und werden (Exaptation). Wenn das annähernd richtig ist, wird deutlicher, wonach die Neurologen eigentlich zu suchen haben. Wenn also bestimmte sprachliche Teilbereiche gestört erscheinen, sollte man erst einmal fragen: Was ist noch gestört? Und wo ist dies wiederum überwiegend zu lokalisieren? Das war übrigens schon einmal Stand der Forschung, bevor es durch die blendenden Fortschitte des Neuroimaging verdeckt wurde. (Heute behaupten Neurolinguisten wie Angela Friederici, die Verarbeitung der Sprache im Gehirn sei nun aufgeklärt, weshalb man sich jetzt der Musik zuwenden wolle ...)
So ist ja auch der Wirbel um das FOXP2-Gen wieder abgeflaut, nachdem die Wissenschaft sich erstens über die Natur dieses Gens (Transkriptionsgen) und zweitens über die Fülle von damit einhergehenden nichtsprachlichen Beeinträchtigungen klar geworden war. (Mit den Spiegelneuronen wird es genauso enden.)
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Manfred Riemer zu »Kind meiner Zeit«
Dieser Kommentar wurde am 02.02.2012 um 10.12 Uhr verfaßt.
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So eindeutig ist die Bedeutung der Präpositionen wohl nicht. Bei einem Zitat "von mir nach Mayer" würde ich denken, Mayer ist nicht wörtlich zitiert worden, sondern sinngemäß, von "mir" abgewandelt.
Deutlicher wird die Mehrdeutigkeit bei Mayers Photo. Wenn ich ihn abbilde und es dann als "Photo von mir nach Mayer" bezeichne – das geht nicht. Sogar "ein Photo von mir von Mayer" wäre klarer, obwohl es wegen der Wiederholung nicht gut klingt.
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Theodor Ickler zu »Verständlichkeit«
Dieser Kommentar wurde am 02.02.2012 um 10.09 Uhr verfaßt.
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Mangels Alternativen hat sich der Antrag der SPD (in der "leichten" Fassung") die schon bestehende "Leichte Sprache" zu eigen gemacht. Sie ist bei allem lobenswerten guten Willen leider sprachwissenschaftlich ziemlich unbedarft. Das müssen wir Sprachwissenschaftler uns zurechnen lassen, wir haben da etwas versäumt. Hier noch einige weitere Beobachtungen:
Bundes-Tag, SPD-Bundes-Tags-Fraktion, Aus-Schreibung (Dann macht die Bundes-Regierung eine Aus-Schreibung)
Nicht aufgelöst werden u. a. Deutschland, gleichberechtigt, Freizeit, Lernschwierigkeiten, Museumswärterin oder Museumswärter, Denkmal, Bauwerk.
Wer ist so behindert, daß er das Wort Bundestag nicht überblickt und Bundes-Tag nötig hat (es aber auch nicht für einen besonderen Tag hält)? Je näher er an der Normalität steht, desto eher wird er Bundes-Tag mißverstehen.
Warum wird der Begriff Fraktion eingeführt und erklärt und nicht einfach weggelassen? Nicht erklärt sind: Projekt, Kommunikation, Barriere, Information, Text, Broschüre
„Informationen ist ein schweres Wort. Die Abkürzung dafür ist Infos. In diesem Text wird das Wort Infos benutzt.“
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Fr. Schmidt zu »Kind meiner Zeit«
Dieser Kommentar wurde am 02.02.2012 um 05.07 Uhr verfaßt.
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Ist von nicht ein unpassendes Verhältniswort in bezug auf Zitat?
Zitiere ich Mayer, so stammt das Zitat doch von mir, allenfalls das Original von Mayer.
Demnach wäre doch eine Bezeichnung als "ein Zitat von mir nach Mayer" geeigneter, um das Verhältnis zwischen Ziterendem und Zitiertem auszudrücken.
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Erich Virch zu »Spannend«
Dieser Kommentar wurde am 01.02.2012 um 20.08 Uhr verfaßt.
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Zum Stichwort Erfindung wäre noch zu ergänzen, daß sich derzeit ständig irgendwer oder irgendwas selbst neu erfindet. Der Gedanke, daß Modewörter meist wieder in der Versenkung verschwinden, ist wohltuend. Selbst die unlängst noch allgegenwärtigen Innovationen scheinen auf dem Rückzug zu sein, die penetranten Paradigmenwechsel und Ichsachmas der Ära Schröder sind bereits vergessen.
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Theodor Ickler zu »Verständlichkeit«
Dieser Kommentar wurde am 01.02.2012 um 10.36 Uhr verfaßt.
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Zum Text des SPD-Antrags in leichter Sprache könnte man sagen, was auch früher schon zu bemerken war: Erstens führt die grundsätzliche Bindestrich-Schreibung sämtlicher Zusammensetzungen natürlich zu einer starken Verfremdung gegenüber der normalen Schriftsprache, wodurch die Behinderten niemals an diese herangeführt werden können:Schau-Spieler usw.
Zweitens wird die politische (hier feministische) Korrektheit durchweg beibehalten, obwohl sie zugegebenermaßen die Lesbarkeit beeinträchtigt: Filme-Macherinnen und Filme-Macher, Politikerinnen und Politiker, Bürgerinnen und Bürger, Schau-Spielerinnen und Schau-Spieler, Ärztinnen und Ärzte usw.
Drittens: Warum wird zum Beispiel der Ausdruck Barriere, barriere-frei beibehalten? Hindernis genügt doch, und man könnte von einfachem oder leichtem Zugang statt von barriere-freiem sprechen.
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F.A.Z., 27.06.2007, Nr. 146 / Seite N3 zu »Spannend«
Dieser Kommentar wurde am 01.02.2012 um 10.22 Uhr verfaßt.
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Verschwindende Modewörter
Das Spannende
Wenn man es schon gar nicht mehr erwartet, dann passiert es doch noch. Dass Begriffe oder Wörter sich verabschieden, die man sorgfältig vermieden hat. Was nicht leicht ist, denn das gebrandmarkte Wort brennt in uns natürlich nur darauf, freigelassen zu werden, auch gegen unseren Willen. Ein Beispiel: Es gibt im Leben eines jeden seriösen Forschers den Moment, da er Michel Foucault recht geben muss. In kleinen Dingen meist, aber immerhin. Einem Kollegen geschah es, dass er in einem Seminar über Raumfragen Foucault total demoliert hatte und einen Tag später mit denselben Studenten in Bremen auf den Wallanlagen stand und im Blick auf dieses merkwürdige Naturimplantat im urbanen Gewebe, angesichts von Schwanenteich und Windmühle sich nicht mehr helfen konnte und einfach sagen musste: Das ist eine Heterotopie.
Wir begleiten aber im Moment einen anderen Begriff hinaus. Nicht das Wort "spannend", um etwaige Hoffnungen gleich zu enttäuschen. Dem prophezeien wir ein langes Leben, denn noch steigt es immer weiter auf: aus der Sphäre des Smalltalks auf Kongressen oder am Institutskopierer in die veröffentlichte Buchkritik: "Abgesehen davon, dass die hier versammelten Aufsätze sehr lesenswert, teilweise auch spannend sind . . .", und wenn es so weitergeht, dann hat sich das virusartige Wort auch in unseren Haupttexten festgesetzt. Spannend an "spannend" finden wir eigentlich nur zwei Fragen: warum es sich bei der weiblichen Akademikerschaft einer so viel höheren Beliebtheit erfreut als bei der männlichen und was nach spannend kommt und ob wir das noch erleben?
Ein vergleichbar steiler Superlativ war einmal, in den historischen Zeiten der fünfziger und sechziger Jahre, "intensiv". Intensiv ist dann abgewandert in den Therapie-Bereich ("Bauch, Beine, Po intensiv"), der zusammen mit dem Unterhaltungssektor, welcher das Wort "spannend" gespendet hat, ein großes fruchtbares Biotop darstellt, in das solche Wörter zurückkehren, um sich zu restaurieren und die Kraft zu laden, die sie brauchen, um uns erneut zu nerven.
Aus dem Wortfeld "intensiv" taucht nun immer häufiger der Begriff Intensität auf. "Intensitäten des Öffentlichen" hieß eine Veranstaltung, die kürzlich in der Gebläsehalle in Duisburg stattfand, und die Vorlesungsreihe "Intensitäten" der Universität Potsdam stellt mit Themen wie "Fußball als Leidenschaft: die WM, Costa Rica und die Kulturwissenschaften" unter Beweis, dass Intensität und Spannung nahe beieinander liegen (auch etymologisch) und vor allem, dass größere Umorientierungen auf den Gebieten Methode und Inhalt überhaupt nicht erforderlich sind.
Es könnte übrigens sein, dass das Wortfeld "intensiv" gar nicht im Gesundheits-, Sport- und Fitness-Sektor warmgehalten wurde, sondern als Bastard aus dem aktuellen Flirt der Geisteswissenschaften mit den Naturwissenschaften hervorgegangen ist. Ist das der Fall, dann können wir uns darauf gefasst machen, dass ein weiterer Begriff aus diesem terminologischen Spektrum falsch verwendet wird. Dass Quantensprung in der Physik so ziemlich genau das Gegenteil von dem bedeutet, was vor allem Politiker ("kostenlose Kita-Plätze sind Quantensprung") darunter verstehen, das ist oft, aber folgenlos gesagt worden. Bei Intensität verhält es sich so, dass der schicke Terminus in der Physik dummerweise nicht das bedeutet, was man automatisch vermutet: Größe, Stärke, Wirksamkeit, sondern einen Energiefluss, genauer, die Energie pro Zeit pro Fläche.
Also noch einmal: Welcher Begriff soll das sein, der nur noch matt blinkt? "Konstruktion", gesteigert: "soziale Konstruktion" hat unserer Wahrnehmung nach eindeutig den lange gehaltenen Zenith überschritten. Zwei Gründe bieten sich an. Erstens zeigen sich die Passiv-Nutzer konstruktivistischer Arbeiten zunehmend mit deren defizitären Anspruch-Leistung-Verhältnis unzufrieden. Die Herausforderung, Menschenwerk als Menschenwerk zu enttarnen, rechtfertigt nicht den intransigenten Ton, die bräsige Unfehlbarkeit von Arbeiten, die schon im Titel (The social construction of . . .) das Ergebnis vorwegnehmen und etwaige Einwände gleich ersticken. Kein Wunder, wenn der Neodarwinismus, eine noch größere Plage, sein klobiges Haupt immer kecker erhebt.
Dass Konstruktion schwächelt, hat aber vor allem seinen Grund darin, dass der Begriff zunehmend gegen das leichtere "Erfindung" ausgetauscht wird. Was hat man in letzter Zeit nicht alles erfunden oder als erfunden konstruiert? Das Ich, die Liebe, die Gegenwartskunst, der Himmel, Indien, der Literaturbetrieb, der Blick, das Unbekannte, die Stadt, die Sommerfrische, die amerikanische Malerei . . . Unser Lieblingstitel auf dieser Liste: "Wachgeküsst. Die Erfindung Dortmunds im 19. Jahrhundert". Erfindung ist ein weicheres Wort als Konstruktion. Es bewahrt dessen dogmatischen Kern (alles ist gemacht, nichts geworden; alles ist erfunden, nichts wurde entdeckt), aber es unterhält zugleich intensive und therapeutisch wirksame Beziehungen zu Schlüsselbegriffen wie Kreativität. Wie dünn der Überzug des neuen "Soft Constructivism" jedoch noch ist, das machte der "Spiegel" vor kurzem ungewollt deutlich: "Die Erfindung der Deutschen", titelte er und bewies dann mit der Unterzeile, dass er nichts verstanden hatte. Sie lautete und hätte so auch im neunzehnten Jahrhundert lauten können: "Wie wir wurden, was wir sind." Wolfgang Kemp
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