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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 16.48 Uhr verfaßt.

Ja, so denken viele, aber ich bin mit Herrn Achenbach der Meinung, daß das keinen rechten Sinn hat. Die Tatsache, die der Satz des Pythagoras ausdrückt, gab es schon immer, aber den "Satz"? Was soll das bedeuten?

Nur in der Philosophie der Mathematik wird das noch ernsthaft diskutiert. Wir der Lehrsatz entdeckt oder erfunden? Der Sachverhalt wird entdeckt, sein sprachlicher Ausdruck wird erfunden.

Nach Skinner (und Ickler) ist Mathematik ein menschliches Sprachverhalten und eine Art gemeinschaftliche Anpassung an die Welt, wie sie ist - wie die Logik. (Aber ich weiß, und wir haben es hier schon einmal diskutiert, daß es andere Auffassungen gibt. Allerdings haben solche Differenzen auf die mathematische Praxis keine Ausrkungen.)


Manfred Riemer zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 16.39 Uhr verfaßt.

Gibt es den Satz des Pythagoras erst seit Pythagoras oder schon seit zum ersten Mal ein Mensch einen Baumstamm senkrecht auf einen anderen setzte, es kannte ihn nur noch niemand, oder doch schon seit dem Urknall, es war nur noch niemand da, der ihn hätte kennen können?
Ich meine das letztere.


Klaus Achenbach zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 14.57 Uhr verfaßt.

Vor einer Millarde Jahren gab es noch überhaupt keine "Propositionen", die wahr oder falsch hätten sein können. Was ist dazu mehr zu sagen?


Theodor Ickler zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 10.57 Uhr verfaßt.

Ja, sicher, das meine ich ja auch. Aber der Idealismus oder Platonismus war für den Mathematiker Frege sehr verlockend. Lassen wir den "Satz" (scheinbar) weg, dann könnte man sagen: Schon bevor es Menschen gab, war es wahr, daß das Quadrat über der Hypotenuse gleich der Summe der Quadrate über den Katheten war/ist... Aber was bedeutet das eigentlich?

Zu Wittgenstein: Das ist ja nur eine Erläuterung, der Boxer oder seine Abbildung ist natürlich kein Satzradikal, ein Begriff, der hier eingeführt wird (der Grund meines Zitats).

Ich glaube, die Analogie ist so: Was der Mann in Boxhaltung gerade tut, ist offen, solange man die Geschichte drumherum nicht kennt. Bei Sätzen muß man das Sprachspiel kennen, in das sie eingebettet sind.
Skinner unterscheidet zwischen Topographie (Form) und Funktion

Man könnte rekonstruieren: Die Verbindung von Satzradikal und Satzmodus nch Stenius ist dieselbe wie die zwischen künstlich herausgeschnittenem Ausdruck und Sprachspiel.

Und die "Anthropologie" des Herausschneidens ist das Verstellungsspiel.


Manfred Riemer zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 10.41 Uhr verfaßt.

Wir wissen, daß sich vor einer Milliarde Jahren schon die Erde um die Sonne gedreht hat, aber der Satz "Die Erde dreht sich um die Sonne" war damals noch nicht wahr, weil noch niemand ihn gesagt hat - ist das nicht bloße Wortklauberei?


Manfred Riemer zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 09.59 Uhr verfaßt.

Das Bild des Boxers ist aber erst recht nicht satzförmig. Also ist nicht die Umschreibung "das Rennen von Lola" kein zutreffendes Satzradikal, sondern die Erklärung von Wikipedia, das Satzradikal sei eine Beschreibung in Satztypen, ist falsch. Verstehe ich das richtig?


Theodor Ickler zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 06.08 Uhr verfaßt.

Die Erde lief schon um die Sonne, als noch keine Menschen es erkannt hatten. Aber daraus folgt nicht, daß die Proposition, die das „ausdrückt“, schon wahr war. Die Proposition ist ein menschliches Verhalten unter der Steuerung von Faktoren wie – in diesem Fall – dem Lauf der Erde um die Sonne. Dieses Verhalten hat es nicht gegeben, als es noch keine Menschen gab.
Der Mensch erkennt den Lauf der Erde, nicht die in einem Ideenreich existierende Proposition, sondern diese ist seine Reaktion darauf. (Auch gegen Spaemanns kindischen „Gottesbeweis aus der Grammatik“.)

Aus Wikipedia:

Unter einem Satzradikal versteht man in der Sprechakttheorie die gemeinsame Beschreibung eines Sachverhaltes (Proposition) in verschiedenen Satztypen mit gleichem lexikalischem Inhalt, d. h. denselben Lexemen mit derselben syntaktischen Verknüpfung. Das Gegenstück zu diesem Begriff ist der Satzmodus, etwa: Frage- (oder Interrogativ), Aussage- (oder Deklarativ) oder Aufforderungssatz (oder Imperativ). Das Begriffspaar Satzradikal/Satzmodus stammt von dem finnischen Philosophen Erik Stenius, der sich dabei auf eine Begriffsbildung von Ludwig Wittgenstein beziehtm [s.u.]. Die entsprechende theoretische Unterscheidung geht auf Gottlob Frege zurück. Während im Satzradikal der wahrheitsfunktionale Inhalt eines Satzes oder seine Proposition wiedergegeben wird – man kann sie in einer wahrheitswertfunktionalen Semantik erfassen – zeigt der Modus eines Satzes den jeweiligen Typ oder was der Fall ist des Sprechaktes an.
Beispielsweise enthalten die Sätze:
Lola rennt.
Rennt Lola?
Lola, renn!
als gemeinsames Satzradikal (der deskriptive Gehalt der Versprachlichung) „das Rennen von Lola“, ausgedrückt durch die Lexeme „Lola“ und „rennen“ sowie ihre Verknüpfung als Subjekt (hier auch Agens) und Prädikat. Sie unterscheiden sich jedoch im Satzmodus (Modus, der den Sinn des Satzes bestimmt): Im ersten Fall handelt es sich um einen Aussagesatz, im zweiten um einen Fragesatz, im dritten um einen Aufforderungssatz.


(Die nominalisierende Umschreibung „das Rennen von Lola“ ist nicht richtig, da nicht satzförmig; sie widerspricht ja auch der Erklärung.)

Die Herauslösung eines Satzes, der nur angeführt, nicht behauptet wird, ist ein Fall von Verstellung. Man tut so, als sage man etwas aus, meint es aber nicht, sondern führt es nur vor. - So läßt sich der Platonismus der heute weithin herrschenden Fregeschen Theorie naturalisieren.

Denken wir uns ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden, um jemand mitzuteilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort und dort gestanden hat; oder etc. etc. Man könnte dieses Bild (chemisch gesprochen) ein Satzradikal nennen. Ähnlich dachte sich wohl Frege die »Annahme«. (Wittgenstein PU 22)

Vgl. auch Skinner:

Diese Beschäftigung mit der Form hat nicht zu einer zufriedenstellenden Behandlung des Inhalts unseres Denkens geführt, aber die „Tatsachen“, „Propositionen“ und andere „Bezugsgrößen von Aussagen“ werden durch die steuernden Variablen angemessen repräsentiert. (VB 451) (usw.)



Theodor Ickler zu »Valenz«
Dieser Kommentar wurde am 19.02.2018 um 03.31 Uhr verfaßt.

Hans Mommsen lobt den Verzicht, die Vorgänge zu dramatisieren. (FAZ 29.11.02)

Der SPD-Parteichef erklärt darin den Verzicht, in die Regierung einzutreten. (NZZ 9.2.18)

Das Korrelat darauf fehlt meinem Eindruck nach immer häufiger.


Theodor Ickler zu »Abfall für alle«
Dieser Kommentar wurde am 18.02.2018 um 06.09 Uhr verfaßt.

Klaus Deterding: Mithilfe Ihrer Mithilfe, Herr Minister!: Die Spätfolgen der Rechtschreibreform für die deutsche Sprache und Literatur. Berlin 2017.

Meine Amazon-Rezension:

Aus der Zeit gefallen

Der Verfasser kritisiert und verspottet viele einzelne Reformschreibweisen, teils mit Recht, teils ohne, aber durchweg unsystematisch und seinem subjektiven Geschmack folgend. Schwerer fällt ins Gewicht, daß er nur verschiedene Dudenausgaben heranzieht, deren Verbindlichkeit ja aufgehoben ist, und weder die Arbeit der zwischenstaatlichen Kommission noch die des Rates für deutsche Rechtschreibung zur Kenntnis nimmt. Daß es eine über 20 Jahre anhaltende fachliche Diskussion zu diesem Gegenstand gibt, wird nirgendwo erkennbar. Hinzu kommen viele Fehler im einzelnen.



Theodor Ickler zu »Heilige Texte«
Dieser Kommentar wurde am 18.02.2018 um 06.02 Uhr verfaßt.

Gestern druckte die FAZ einen langen Leserbrief des Bamberger Emeritus für Psychologie Dietrich Dörner ab. Das hätte sie dem verdienten Mann nicht antun sollen, denn aus dem wirren Gerede wird man nicht klug. Es sollten nach Platon die herrschen, die es ungern und nur als Pflichterfüllung tun. Und die Moral der Bhagavadgita wird zitiert, vg. aber http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#27634

Auch Merkel wird irgendwie kritisiert, obwohl man ihr die genannten disqualifizierenden Eigenschaften gerade nicht nachzusagen pflegt: Dummheit und Verfallenheit an Leidenschaften (Nägelkauen zählt nicht). Belegte, aber aus dem Zusammenhang gerissene Zitate vieler Geistesgrößen imponieren dem oberflächlichen Leser.




Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 18.02.2018 um 05.47 Uhr verfaßt.

Brauchen wir den Import von Sozialhilfeempfängern? (Broder in der „Welt“)
Natürlich nicht. Kein Land kommt zu der Einsicht, daß es zu wenige Sozialhilfeempfänger hat. Politik kann so einfach sein.


Theodor Ickler zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 18.02.2018 um 05.05 Uhr verfaßt.

Das logische Verhältnis von Vormachen, Nachmachen, Verstellung muß geklärt werden. (Ich meine hier immer das lehrende Vormachen: Zeigen, wie es geht; vgl. "Homo docens".)

Vormachen konnte evolutionär oder kulturell (das bleibt noch zu untersuchen) nur seligiert werden, wo es Nachmachen gibt. Sonst würde es gleichsam wirkungslos verpuffen.

Das Vormachen ist eine Art von Verstellung. Wenn ich dem Kind zeige, wie man Schuhe bindet oder Buchstaben malt, tue ich selbst nur so, als bände ich Schuhe oder schriebe Buchstaben, aber dieses Verhalten ist aus seinem funktionalen Zusammenhang herausgelöst und wird nur vorgeführt. Verstellungsspiel, Pretence play ist bekanntlich bei höheren Tieren allgegenwärtig, erst recht beim Menschen (ab etwa 8 Monaten, wie hier schon vielfach erörtert). Aber nur beim Menschen wird es "in den Dienst" des Lehrens gestellt. Also ein Fall von Exaptation: Umfunktionieren einer anderweitig entstandenen Verhaltensweise.
Zum lehrenden Vormachen gehört, um es noch einmal zu sagen, die Rückkoppelung: Ich beobachte, wie weit das Kind mit dem Nachmachen ist, und forme sein Verhalten durch weiteres Vormachen und entsprechende Hinweise (Shaping).

Wir müssen ganz runter zu den Elementen des Verhaltens, dürfen uns nicht vom kulturellen Überbau der akkumulierten Fertigkeiten und Artefakte blenden lassen.


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