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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Delirium«
Dieser Kommentar wurde am 04.10.2026 um 07.01 Uhr verfaßt.

„Wir reden über etwas, denken über etwas nach, haben Gedanken über etwas.
Gedanken sind mentale Zustände, folglich gibt es Zustände über etwas.“

So reden sie alle, die Vertreter einer Philosophie des Geistes: Searle, Dennett, Beckermann, Tetens usw. Ich halte es für vollkommen verrückt, und Sie wahrscheinlich auch, wenn Sie es so nackt formuliert vor sich haben und nicht im Sprachnebel philosophischer Verfremdung („Intentionalität“, „Proposition“ usw.).
Nach mentalistisch-metaphysischer Auffassung richtet sich die Rede auf die Gegenstände, nach naturalistisch-behavioristischer wird sie (u. a.) von den Gegenständen gesteuert.
Vergleiche: Nach antiker Auffassung strebt der fallende Stein zur Erde als seinem natürlichen Ort, nach moderner wird er von der Erde angezogen.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 04.10.2026 um 04.25 Uhr verfaßt.

Synonymische Hauptregel: Wenn Wörter verschieden konstruiert werden, gehören sie zu verschiedenen semantischen Klassen, also denken an – nachdenken über, sprechen von – sprechen über.
Umgekehrt gilt nicht, daß gleiche Konstruktion gleiche Kategorien bedeutet; es gibt nicht sehr viele Konstruktionen, so daß mit umfassender Polysemie zu rechnen ist. Darum gehören vielleicht nicht alle Verben zusammen, die den Akkusativ regieren. Eine einzige Kasusbedeutung ist vielleicht nicht möglich oder zu nichtssagend, auch wenn wir zu den wenigen Kasus die verbregierten Präpositionen (Präpositionalobjekte) hinzunehmen. Man sollte keinem Phantom "Kasusbedeutung" nachjagen.


Theodor Ickler zu »Kognitivismus«
Dieser Kommentar wurde am 04.10.2026 um 04.11 Uhr verfaßt.

Wer sich mit den sogenannten psychischen Phänomenen beschäftigen will und sie für Tatsachen hält, schwimmt im Mainstream und kann sich auf eine mächtige Tradition berufen. Von Begriffskririk nicht angekränkelt, kann er sich pudelwohl fühlen. Es gibt ja nicht nur eingebildete Krankheiten, sondern auch eingebildete Gesundheit.

Ich lese gerade Donald Griffin. Bedeutender Zoologe, aber völlig naiver Philosoph – und von einer traditionell mentalistischen Selbstgewißheit, um die man ihn fast beneiden könnte. Natürlich ist sein Bild vom Naturalismus oder Behaviorismus grundverkehrt, daher die billige Polemik.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 04.10.2026 um 03.54 Uhr verfaßt.

Aus dem Küchenradio kommt eine einschläfernde Rede zum Kohltag. Mir fällt zuerst nur die Rhetorik auf, der getragene Ton wie beim Volkstrauertag. Ich hatte fast vergessen, wie Steinmeier redet: mit sekundenlangen Pausen zwischen den Satzgliedern, wie jemand, der sich für sehr bedeutend hält, obwohl er nur eine Floskel an die andere reiht („Ärmel hochkrempeln“ usw.), dazwischen immer wieder solche Sätze wie „Dies ist meine Überzeugung“, obwohl jeder hören kann, daß es nicht seine Überzeugung ist, sondern nur Papier vom Redenschreiber.

Das alles ist offensichtlich, und glücklicherweise macht man sich in dieser Republik, zu der ich mich bekenne, keiner Majestätsbeleidigung schuldig, wenn man solche Auftritte beschämend und schädlich nennt.

(Was die Volkstrauertage betrifft, so habe ich schon als Schüler am Radio mitgeschrieben und meine Abneigung gegen die Rhetorik kultiviert. Diese Abneigung, die bei mir geradezu pathologisches Ausmaß angenommen hat, war für meine ganze Entwicklung ziemlich wichtig, wie ich heute erkenne. Haß macht blind, aber manchmal auch scharfsichtig. Hier ist es der Haß auf leere Worte – so auch auf die vermeintlichen Gewißheiten der Folk psychology. Oder die vermeintlichen Gewißheiten der Okkultisten und Gottesschwätzer.)


Manfred Riemer zu »Kognitivismus«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 20.16 Uhr verfaßt.

Wenn die behavioristische Kritik sich nicht auf Tatsachenfragen bezieht, was macht dann jemand (wie z. B. ich), der sich eben gerade für die Tatsachen interessiert?


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 17.05 Uhr verfaßt.

Die Rechtsradikalen behaupten:

„3. Oktober: Nicht alle wollten die deutsche Wiedervereinigung
Besonders grundsätzlich war die Ablehnung bei Teilen der westdeutschen Grünen.
Der Grünen-Abgeordnete Gerald Häfner erklärte noch im Juni 1989 im Bundestag:
‚Wir GRÜNEN wollen keine Wiedervereinigung.‘“ (Tichy 3.10.26)

Das ist natürlich nicht richtig. Gerald Häfner (auf dessen Einladung wir später den Bundestag in Sachen Rechtschreibreform besuchten) lehnte die von Kohl u. a. gewählte Form der Wiedervereinigung durch Beitritt nach Art. 23 GG ab und plädierte für eine verfassungsgebende Versammlung und gesamtdeutsche Volksabstimmung nach Art. 146. Darüber hat er auch veröffentlicht. – Viele glauben heute, das wäre besser gewesen – übrigens auch unter den Beiträgern und Lesern von „Tichy“!


Theodor Ickler zu »Kognitivismus«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 12.55 Uhr verfaßt.

Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Stimmungen usw. – dieser ganze Begriffsapparat der folk psychology (der modernen westlichen wohlgemerkt) dient UNSERER Orientierung in der Welt und der Gesellschaft von Menschen. Es ist nicht anzunehmen, daß er auf Tiere übertragen werden kann. Die haben ihre eigenen Verfahren. Das ist der tiefste Einwand gegen die Vermenschlichung von Tieren, wie sie etwa von Donald Griffin vertreten wird, um nur einen der prominentesten Kognitivisten zu nennen. Diese verstehen nicht, daß die behavioristische Kritik sich nicht auf eine Tatsachenfrage bezieht (ob Tiere Bewußtsein usw. haben), sondern begriffskritisch ist.


Theodor Ickler zu »PISA«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 12.28 Uhr verfaßt.

"Bayerns Plan gegen das Pisa-Debakel: In den nächsten Jahren sollen insgesamt sechs zusätzliche Unterrichtsstunden eingeführt werden. Darunter sind die Fächer Mathematik, Deutsch, Sport und Musik."

Leider testet PISA nicht auf Religion. Da wären die bayerischen Grundschüler bestimmt Spitze – bei so viel kompetenzorientiertem Religionsunterricht!


Wolfram Metz zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 10.51 Uhr verfaßt.

Grammatisch unsauber, aber doch elegant und einst allgemein akzeptiert (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#41256). Siehe dazu auch noch mal http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#46114 und http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#46115.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 05.16 Uhr verfaßt.

Die nicht ganz hingerichtete Amerikanerin wird jetzt nach allen Regeln der medizinischen Kunst wiederhergestellt, damit man sie möglichst gesund noch einmal richtig töten kann. In diesen Zusammenhang gehört auch die sprichwörtliche Henkersmahlzeit.

Das erinnert an Opferrituale verschiedener Religionen: Das zu opfernde Tier muß vollkommen makellos sein, wird ein Jahr lang verwöhnt usw. Ob es da nicht doch einen Zusammenhang gibt?

Seltsam ist auch der Widerspruch zwischen der höchstmöglichen Bestrafung und der "Humanisierung" der Todesstrafe. Eigentlich käme es doch darauf an, den Delinquenten so qualvoll und langsam wie möglich und natürlich öffentlich sterben zu lassen. Damit wäre der Abschreckung ebenso wie dem Vergeltungsbedürfnis am besten Rechnung getragen.


Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 04.18 Uhr verfaßt.

„Eralp wäre (...) eine von zwei Länderchefs mit Migrationshintergrund.“ (SZ 2.10.26)

Caesar non supra grammaticos? Das war einmal.


Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 03.10.2026 um 03.34 Uhr verfaßt.

Juristenvereine, die am generischen Maskulinum ("Rechtslehrer") im Vereinstitel festhalten, sind eine seltene Ausnahmen, und die Entscheidung fiel mal wieder knapp aus. Die Mehrheit war für eine Änderung im Sinne der feministischen Verirrung. Man kann nur den Kopf schütteln über die sprachliche Unbildung auch bei Menschen, die sonst als besonders scharfsinnig gelten.


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