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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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10.10.2010
 

Überflüssige Wörter
Es gibt zu viele Wörter, vor allem Fremdwörter

»Überflüssige Wörter gibt es nicht, und zwar aus zwei Gründen: zum einen weil für Sprecher und Schreiber aus ihrer Sicht kein von ihnen benutztes Wort überflüssig ist, zum anderen weil Sprachen so gut wie keine völlig synonymen Wörter enthalten: Kids und Kinder bzw. Event und Ereignis haben selbstverständlich unterschiedliche Bedeutungen. Diese Beispiele zeigen, dass es Anglizismengegnern häufig an sprachlichem Differenzierungsvermögen fehlt.« (Rudolf Hoberg im FAZ-Lesesaal Forum)

1. Zwischen zwei Wörtern ist immer noch ein drittes denkbar, das eine weitere Bedeutungsnuance beisteuert.
2. Kein englisches oder französisches oder russisches Wort entspricht genau einem deutschen; daher könnte man den gesamten Wortschatz dieser und anderer Sprachen ins Deutsche entlehnen.
3. Das Ausdrucksvermögen beruht nur zum kleinen Teil auf der Menge der verwendeten Vokabeln. "Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge". (Schopenhauer, ein Autor von nicht geringem Ausdrucksvermögen)
4. Wenn wir zufällig das eine oder andere Fremdwort (Kid, Event) gar nicht hätten, würden wir auch keine Lücke empfinden, sondern uns einfach anders ausdrücken. Darauf hat schon Eduard Engel hingewiesen. Der muttersprachliche Wortschatz hat keine Lücken – oder unendlich viele!
5. Wie schon Lessing an einer berühmten Stelle gesagt hat, gewöhnen sich die Leute bald daran, unter einem übersetzten Ausdruck genau das zu verstehen, was der Übersetzer und seine Vorlage damit gemeint haben. (Es ging um „Empfindsame Reise“ nach „Sentimental Journey“.)
6. Dies ist kein Plädoyer für Fremdwörter, sondern ein Einwand gegen das Hobergsche Argument. Ich selbst kann auf overte, gemergte und kausierte Sachverhalte (alles belegt!) und viele andere Wörter verzichten und mußte mir trotzdem noch nie mangelhaftes Ausdrucksvermögen vorwerfen lassen.



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Kommentare zu »Überflüssige Wörter«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 13.09.2017 um 11.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#36207

Genese wird wohl aus dem Französischen übernommen sein, aber niemand spricht es so aus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2017 um 09.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#36206

Unter den überflüssigen Wörtern gebührt wohl Phänomen der erste Platz. Das Buch "Phänomen Honigbiene" handelt bestimmt von Honigbienen. Man kann sich leicht eine Übersicht über Buchtitel mit Phänomen als überflüssigem Zusatz verschaffen, oder vielmehr über das Phänomen Buchtitel mit dem Zusatz "Phänomen".
Die deutschen Entsprechung wäre sofort als lächerlich zu durchschauen: Erscheinung Honigbiene; das kommt denn auch nicht vor, höchstens manchmal mit Genitiv.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2017 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#35981

Dazu ttp://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#16893

Genese hab ich auch in meiner Sammlung:

um die Genese der Steinerschen Pädagogik und ihre historische Verortung zu verstehen ... (SZ 26.2.11)

= um die Entstehung der Steinerschen Pädagogik und ihren Platz in der Geschichte zu verstehen
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.08.2017 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#35979

Kommt natürlich noch hinzu, daß es Genese heißen müßte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2017 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#35978

Nochmals zu Genesis:

Die Geltung einer Norm ist unabhängig von ihrer Genesis. (FAZ 20.11.00)

Hier haben wir das Grundproblem in seiner reinsten Form. Der Verfasser hat das schöne deutsche Wort Geltung verwendet, und der geübte Leser erwartet als unter Philosophen längst gewohntes Gegenstück Entstehung. Aber dann reitet den Verfasser der Teufel, und er greift zum fremdwörtlichen Ersatz. Warum tut er das? Er kann sich nicht darauf hinausreden, daß ihm das normale deutsche Wort gerade nicht eingefallen wäre.

In der Schule passiert das wohl noch nicht, wohl aber an der Universität, und man läßt es durchgehen, statt den Studenten zur Rede zu stellen, bis er mit roten Ohren davonzieht und es nie wieder tut. Diese Aufgabe könnte auch der Chefredakteur übernehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2017 um 17.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#35495

Man hat darauf hingewiesen, daß die Germanen manche lateinischen Wörter gewiß zusammen mit der Sache entlehnt haben, Kulturgegenständen, die sie vor der Begegnung mit den Römern nicht kannten: Mauer, Ziegel, Pflaster, Kreide, Öl, Flasche, Seide, Wein, Esel. Aber Käse, Mühle, Insel, Fenster, kurz, mager? Hier ist eher anzunehmen, daß sie die heimischen Wörter zugunsten der prestigehaltigen fremden aufgegeben haben, wie wir es heute noch tun.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.06.2017 um 15.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#35425

Dröhnendes Schweigen wird beim erstenmal recht geistreich gewirkt haben. Heute macht man sich damit unmöglich. Goggle hat rund 10.000 Belege.
Der Überdruß interessiert mich ebenso sehr wie die Ausbreitung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2017 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#35049

Der Bundespräsident muss damit rechnen, dass jede seiner Gesten akribisch genau beobachtet wird. (Handelsblatt 5.6.17 über Steinmeier in Israel)

Akribisch heißt "genau", die Verdoppelung setzt voraus, daß der Sprecher das im Augenblick nicht weiß. Ebenso:

Mayer hat mit akribischer Genauigkeit die Folgen des Krieges rekonstruiert.
(Jürgen Schiewe: Sprachenwechsel – Funktionswandel – Austausch der Denkstile. Tübingen 1996:174)

Es gibt viele solche Stellen, auch mit anderen Wörtern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.12.2016 um 05.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#33978

Katharina Walgenbach/Gabriele Dietze/Antje Hornscheidt/Kerstin Palm (Hg.):
Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen 2007.

(Zweite Auflage: Lann statt Antje)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2016 um 13.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#33861

"Reformation reloaded" im Klassenzimmer

Erstmals haben Historiker und Theologen gemeinsam an Bausteinen für den Schulunterricht gearbeitet. Herausgekommen dabei ist "Reformation reloaded", ein kostenloses multimediales Themenpaket zur Reformation. Margot Käßmann erzählt im Video, was Reformation heute für uns bedeutet.


Auch dieser Unterricht muß natürlich kompetenzorientiert sein. Hier sind einige Kompetenzen: http://www.reformation-reloaded.net/rr/modul_6-1_didaktik.asp?mm=30

(Aus derselben Quelle:
"Luther goes into the World!" – Unter diesem Motto entfaltet das Unterrichtsmaterial die weltweite Wirkung der Reformation.) (http://www.impuls-reformation.de/detail/Material_2015_Paket_Luther-goes-into-the-world.asp?bURL=Index.asp&mm=0)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2016 um 17.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#32766

Aus Marketingtexten, die ich in großer Zahl durchgesehen habe, weiß ich, daß kaum eine überflüssige Zutat so häufig kommt wie proaktiv. Es ist frei von Inhalt, schadet aber auch nicht. Aus der Nachbargemeinde erfahre ich gerade:

Viele der 700 Haushalte, die den Fragebogen ausgefüllt haben, äußerten dabei den Wunsch nach einem zweiten Supermarkt. Das möchte die Gemeinde nun proaktiv unterstützen, schließlich soll möglichst viel Kaufkraft im Ort bleiben. (nordbayern.de 3.6.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.12.2015 um 08.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#30727

Die sanitären Verhältnisse sind desolat bis trostlos. (Heribert Prantl über Flüchtlingslager, SZ 26.11.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2015 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#30527

Das ist nur eine Frage der Lobbyarbeit, wie so manches sonst Unbegreifliche.
(Und der Unaufgeklärtheit natürlich – das ist ja gerade das, was mich am meisten interessiert.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.11.2015 um 09.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#30526

Die Krankenkassen halten Psychoanalyse aber für eine medizinische Dienstleistung, im Unterschied etwa zur Telephonseelsorge.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2015 um 08.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#30525

Laienanalyse bezieht sich auf Nichtmediziner unter den Psychoanalytikern, aber „Laien“ sind sie nur in bzeug auf die Medizin, nicht auf die Psychoanalyse, die nichts mit Medizin zu tun hat. Freuds Schriften sind offensichtlich keine medizinischen Fachtexte. Das hat er selbst in seiner bekannten Arbeit zur Frage der Laienanalyse ebenso gesehen. Der Ausdruck ist also irreführend; man spricht ja auch nicht von Laiendachdeckerei, wenn der Dachdecker nicht Sinologie studiert hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2015 um 05.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#29930

Dialogprozess wird auch weitere zwei Jahre später, wie man leicht ergoogeln kann, fast nur im Zusammenhang mit der Bischofskonferenz gebraucht. Die Kirche kann es nicht lassen, auch die einfachsten Dinge in eine Sondersprache zu kleiden (im Heute, das Woraufhin unseres Daseins), so daß sie sich nicht zu wundern braucht, wenn die Leute ihr nicht mehr zuhören. Ähnlich beansprucht die Kirche ein eigenes Arbeitsrecht, als ob Beschäftigungsverhältnisse innerhalb ihrer Organisation etwas ganz Eigentümliches, Unvergleichbares wären. Nicht von dieser Welt eben. Das war eine Zeitlang vorteilhaft, wendet sich aber heute gegen sie. Selbst ihre Siege, wie kürzlich vor dem Bundesarbeitsgericht, sind Pyrrhussiege, weil sie die Entfremdung verstärken.
 
 

Kommentar von Leo Pold, verfaßt am 08.09.2015 um 12.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#29867

Es gibt überflüssige Wörter, aber auch fehlende. Darunter auch solche, die ganz gewiß nicht in die Sprachgemeinschaft lanciert werden. Es fehlt ein Wort für: nicht mehr demütigbar. Das fehlende Wort soll einen Geisteszustand bezeichnen, in dem Demütigungen nicht mehr wahrgenommen werden. Es soll die Hornhaut fühlbar machen, die generationenlange und sich steigernde Demütigungen in der Seele erzeugen. Vergleichbar der Hornhaut, die sich die immer wieder auf dieselbe Stelle niedergehende Peitsche schafft und die ihre Hiebe erträglich macht.

Mein Vorschlag: masosurd.
 
 

Kommentar von Theodoe Ickler, verfaßt am 07.09.2015 um 03.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#29859

Das berühmte sokratische Diktum vom Nichtwissen ist der Nucleus liberalen Denkens. (FAS 6.9.15)

= Der berühmte Satz des Sokrates vom Nichtwissen ist der Kern freiheitlichen Denkens.
 
 

Kommentar von Theodor ickler, verfaßt am 23.07.2015 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#29531

Der Country-Musiker war ein Multi-Instrumentalist, er spielte Schlagzeug, Gitarre, Piano und Bass. (Spiegel 21.7.15)

= Der Country-Musiker spielte mehrere Instrumente: Schlagzeug, Gitarre, Piano und Bass.

= Der Country-Musiker spielte Schlagzeug, Gitarre, Klavier und Bass.

(Man sieht ja, daß es mehrere Instrumente sind. Aber die Versuchung, das Wort Multi-Instrumentalist hinzuwerfen, ist groß. Man kann der Geistesmechanik unserer Journalisten richtig zusehen. Das Ergebnis ist unerfreulich.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2015 um 07.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#29301

Wörter wie ich, kommen, gehen usw. gehören zum Kernwortschatz und können nicht definiert werden, oder vielmehr: die Definition ist komplexer als das zu definierende Wort, sie geschieht also durch ein ignotum (eigentlich notum) per ignotius. Die zitierte Erstfassung aus Wikipedia war der pseudowissenschaftliche Versuch, ich aufzupeppen, und konnte nicht gutgehen. Das gilt natürlich nicht für Begriffe von "Ich", die sich irgend jemand in einer Theorie (wie der Psychoanalyse) ausgedacht hat. Da kann er dann hineinlegen, was er für richtig hält.
Die Literatur wimmelt von bombastischen Umschreibungen des Selbstverständlichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2015 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#29298

Zufällig sehe ich, daß der fette Satz, den ich hier zitiert habe, im Zuge der Genderung abgespeckt worden ist: "Ich ist ein Personalpronomen, mit dem die aussagende Person auf sich selbst verweist."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2015 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#28781

Insgesamt koagieren drei Ebenen miteinander. (Sprachwissenschaft 22,4/1997:405)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2015 um 14.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#28559

"Lichtenberg reloaded! Eine Hommage" (Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.04.2015 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#28531

Das erwähnte starten breitet sich aus, der Staatsanwalt startet Ermittlungen usw. Ich verstehe ein wenig die Beweggründe (Motive): Beginnen ist gehoben, anfangen ist unangenehm zweiteilig. Wahrscheinlich nicht rückgängig zu machen.

Wie Eduard Engel erkannte, verhinderte das Vorhandensein der Fremdwörter die Ausbildung deutscher Bezeichnungen. Man mußte deshalb "eindeutschen", also übersetzen, statt frisch ans Werk zu gehen und mit Bordmitteln weiterzuarbeiten. Aber wenn wir die deutschen Wörter schon haben, gibt es keine Entschuldigung mehr, sie nicht zu gebrauchen. Ich sage das natürlich nicht aus Patriotismus, sondern weil es zu einer besseren Prosa führt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.04.2015 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#28530

Noch einmal zu Kontext. Dieses Wort halte ich für notwendig, den übertragenen Gebrauch allerdings nicht, da würde ich Zusammenhang, Umgebung, Situation usw. benutzen. Was mir in der Sprachwissenschaft nicht gefällt, ist der Kotext, womit die sprachliche Umgebung im Unterschied zur Situation (Situationskontext) bezeichnet werden soll. Aber eben deswegen: wir haben ja schon Situation, und für alles zusammen Umgebung.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.01.2015 um 01.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#27778

Was bedeutet das Wort vogeltechnisch? Geht es um eine bestimmte Flugtechnik oder etwas in der Art? Weit gefehlt:

Vogeltechnisch bleibt in Baden-Württembergs Gärten alles beim Alten. Die große Wintervogelzählung des Naturschutzbundes Nabu im Südwesten ergab nach ersten Erkenntnissen einen Wert von sieben Hausperlingen[!] pro Garten.
(MM, 12.01.2015, S. 13)

-technisch ist ein Allerweltssuffix zum Desubstantivieren geworden.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 11.11.2014 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#27308

Zum 9. November berichtet der Generalanzeiger über die ersten Reaktionen auf den Fall der Mauer damals in Bonn. Angeblich „sinniert“ die damalige Ministerin für innerdeutsche Beziehungen „über die eigene Überflüssigkeit“. Zugleich „verfolgt“ der Ständige Vertreter der DDR angeblich „ganz ähnliche Gedanken, mutmaßlich emotional anders konnotiert“.

In normalem Deutsch hatte er also ähnliche Gedanken, aber ganz andere Gefühle.

Der wohl aus dem Englischen übernommene Fachbegriff Konnotation breitet sich nach meinem Eindruck in letzter Zeit zunehmend auch im Allgemeindeutschen aus. Früher sprach man eher von Beiklang, Nebenbedeutung oder von Assoziationen.

Können aber Gedanken Konnotationen haben? Bisher glaubte ich, nur Wörter, vielleicht auch Begriffe hätten Konnotationen.

Schließlich: „verfolgt“ man wirklich Gedanken oder wird man nicht eher von ihnen verfolgt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2014 um 04.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#27034

Manchmal stoßen wir in älteren Stilratgebern auf eine Kritik an "Modewörtern", die wir nicht mehr nachempfinden können, und dann wird uns der Sprachwandel bewußt. Es ist noch nicht lange her, daß der Sprachpsychologe Friedrich Kainz aufwendig (statt kostspielig) und pausenlos (statt ununterbrochen) als Modewörter kritisierte (Über die Sprachverführung des Denkens. Berlin 1972:68).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2014 um 17.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26822

Ich ist ein Personalpronomen, mit dem der Aussagenden (!) auf die eigene separate individuelle Identität verweist. (Wikipedia „Ich“)

Ich übersetze: Mit ich meint der Sprecher sich selbst.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 12.09.2014 um 23.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26727

Ob da immer ein Komma zwischen die "sehr" gesetzt werden sollte, ist sehr, sehr schwer zu entscheiden. Ich setze eins, denn das erste "sehr" ist nicht adverbial zum zweiten aufzufassen, meine ich. Wenn wir auch keine richtige Aufzählung haben, - wir haben jedenfalls eine Art Aufzählung. Das zeigt auch die Intonation, - die dann auch die Zusammenschreibung ausschließt. Kommen allerdings bei ein und demselben Sprecher "auf ein sehr zehn sehrsehr" (ich hab's nicht gehört, glaube Herrn Riemer aber [#26723], und ist deshalb das zweite "sehr" im Laufe der Zeit auch noch schon etwas abgeschliffen), dann könnten sowohl sehr sehr als auch sogar sehrsehr durchaus auch ganz ganz neue adverbiale Ausdrücke sein.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 12.09.2014 um 21.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26726

Zu #26164 mit den "200 Bedeutungen [von] to put im OED": Engl. "put" steht ja mit unserem "putzen" zusammen, und wie, das stand mir immer wieder vor meinem geistigen Auge, wenn ich in den Anfängerklassen zur Auflockerung das Jennerwein-Lied singen ließ, in dem es so schön von jenem Georg „Girgl“ Jennerwein (*1848 in Haid bei Holzkirchen; †6. November 1877 am Rinnerspitz in den Schlierseer Bergen) heißt: "Er wurde weggeputzt von dieser Erd'." Und was den "feigen Jager" da betrifft, der meinte sicher, daß diese Erd' nach seinem Schuß "von hinten" (denn Girgl stellte sich ja nicht zum offnen Kampfe, sondern lief weg) doch etwas sauberer war.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.09.2014 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26725

Umgangssprachig ist "Vielen vielen Dank!" schon länger üblich.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 12.09.2014 um 15.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26724

Sehr sehr gut beobachtet. Das ist die Sprache von Leuten, die nie so richtig aus der Adoleszenz herauskommen und es »sehr sehr toll« finden, wenn Apple einen neuen Fernsprecher auf den Markt bringt. Wie das geschrieben wird, ist natürlich eine eher theoretische Frage, aber das Komma zu setzen ist kaum möglich.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.09.2014 um 13.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26723

Mir fällt in letzter Zeit vor allem im mündlichen Sprachgebrauch immer öfter die überflüssige Verdoppelung von sehr und ganz auf. Es wäre ja nicht weiter tragisch und auch nicht so überflüssig, wenn das nur gelegentlich zur Verstärkung geschähe. Aber bei vielen scheint dieses sehrsehr oder ganzganz schon zu einer nicht mehr beherrschbaren Angewohnheit geworden zu sein, sie kennen (oder besser können) kaum noch das einzelne Wort. Ich hab's nicht gezählt, aber wenn ich Radio oder Fernsehen höre (keine vorgelesenen Texte, sondern z. B. Interviews), dann kommt es mir vor, als kämen auf ein sehr zehn sehrsehr.

Schriftlich, was nicht so oft vorkommt, stehen beide Wörter noch auseinander, da ist das Bewußtsein über das einzelne sehr oder ganz noch vorhanden. Meist werden sie mit, seltener ohne Komma geschrieben. Ich hielte aber eigentlich die Schreibung ohne Komma für logischer, denn sehr, sehr ist keine Aufzählung, sondern das eine sollte das andere ursprünglich verstärken. Also ist das Komma auch überflüssig?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2014 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26717

Um noch einmal auf die Undefinierbarkeit von "Hilfsmittel" oder "Hindernis" zurückzukommen:

Ein Hilfsmittel ist ein regelmäßig oder improvisiert eingesetztes, materielles oder immaterielles Instrument bzw. eine Handhabe zur Arbeitserleichterung oder Erreichung eines bestimmten Ziels.Hilfsmittel werden verwendet oder hinzugezogen, um – im Sinne eines Werkzeugs bzw. Katalysators – eine Sache leichter, schneller oder besser erledigen zu können. Die Bezeichnung "Vehikel" ist bildungssprachlich üblich für etwas, was als Mittel dazu dient, anderes wirksam werden zu lassen oder zu ermöglichen. (Wikipedia)

Weil man nicht recht weiß, was man sagen soll, führt man Kriterien wie "regelmäßig eingesetzt" (oder nicht), "materiell" (oder nicht) ein, nur um gleich festzustellen, daß sie irrelevant sind, weil sie ebenso gut zutreffen wie nicht zutreffen können. Alles übrige ist von der selben hilflosen Art. In "Instrument", "Werkzeug", "Katalysator" ist die elementarere Bedeutung von "Hilfsmittel" nur verkapselt: notum per ignotius.

Man müßte ganz anders herangehen. Wir könnten naturalistisch erklären, wann man von "wollen" spricht (das habe ich anderswo schon versucht). Es geht um das Endverhalten in einer Kette von konditionierten Verhaltensweisen. Die Taube wird durch Futter belohnt. Wir konditionieren sie so, daß sie eine Runde Pingpong spielt, bevor sie ihre Belohnung erhält. Das Pingpongspielen ist für sie ein Hilfsmittel...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2014 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26164

Wie so oft sind die verschiedenen Bedeutungen größtenteils oder sogar vollständig ableitbar oder durch Familienähnlichkeit (historisch: durch eine gemeinsame Herkunft) miteinander verbunden, jedenfalls für deutsche Muttersprachler. Eine andere Frage ist, ob auch ein Ausländer darauf, nun ja, kommen würde. Und welcher Ausländer. So gibt es denn Wörter des Kernwortschatzes, die über 200 Bedeutungen haben (z. B. to put im OED - ich habe aber jetzt nicht nachgesehen).

Die Dudenangaben sind natürlich diskutierbar. Sind "wie sind wir auf dieses Thema gekommen?" und "wie kommst du darauf?" wirklich verschiedenen Bedeutungsgruppen zuzuordnen?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.06.2014 um 17.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26163

Sind das wirklich alles unterschiedliche Bedeutungen? Wenn man zu Punkt 8 ("in einen Zustand, eine Verfassung, eine bestimmte Lage geraten") noch räumliche und zeitliche Bestimmungen hinzunimmt, drückt das doch schon fast alles aus, oder?

Dagegen ist das deiktische Merkmal von kommen - (her)kommen im Gegensatz zu (weg)gehen - gar nicht genannt, gerade das fände ich aber am wichtigsten.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.06.2014 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26162

Apropos kommen im Wörterbuch definieren: Duden online verzeichnet 21 Bedeutungen (oder eher: Arten der Anwendung), mit Unterpunkten sind es 29. Und das sind noch nicht alle. Die Bedeutung von komm wie in dem Kommentar ach komm ist nicht enthalten.

Neu war für mich Nr. 19: "(von Säuglingen) zur Einnahme einer Mahlzeit aufwachen". Da sieht man, wie wichtig das Wort kommen ist. Sonst müßte man sagen: "Die Kleine ist heute nacht dreimal zur Einnahme einer Mahlzeit aufgewacht."
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.06.2014 um 12.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26160

Sie haben das Problem unnachahmlich klar dargestellt, lieber Herr Ickler. Es kommt bei Wikipedia noch eines hinzu: Wer über Hilfsmittel etwas erfahren will, will so gut wie immer etwas über die medizinischen Hilfsmittel erfahren. Er sollte also bei Eingabe dieses Suchbegriffs beim entsprechenden Inhalt landen. Stattdessen landet er bei dieser dämlichen Null-Seite "Hilfsmittel" und muß erst den Umweg über den Begriffsklärungshinweis ganz oben nehmen.

Deshalb wäre es tatsächlich besser, einen einzigen Artikel "Hilfsmittel" zu haben, auch wenn darin nur eine von ungefähr drei Bedeutungen behandelt wird. Man muss nur ebendies in der Einleitung klarstellen: "Dieser Artikel beschäftigt sich nur mit Hilfsmitteln im Sinne von ..."

Der unergonomische Zugang zur relevanten Information ist in diesem Fall so auffällig, daß ich wetten würde (mit mäßigem Einsatz), daß eine Zusammenlegung früher oder später stattfinden wird.

Diese Hobby-Lexikographen bei Wikipedia haben eine Tendenz zur Übersystematisierung und zum zwanghaften Definieren und Hin-und-her-Verweisen. Die Orientierung am Leserinteresse und eine flexible Handhabung der Systematik je nach Einzelfall ist nicht ihre Stärke.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 26.06.2014 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26156

Imponiersprache dürfte u. a. auch eine Art Verselbständigung der Vermeidung von Wortwiederholungen sein. Wer im Kopf gewohnt ist, immerzu auch nach passenden Synonymen zu kramen, der tut das vermutlich auch, wenn es überhaupt nichts zu vermeiden gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2014 um 08.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26153

Unser altes Thema, lieber Herr Wrase. Manche Wörterbücher wollen die "Bedeutung" angeben und dann gleich für alle Wörter. Das wird beim Kern- und Grundwortschatz zum Problem, weil jede Definition komplizierter ist als das Definiendum (notum per ignotius...). Das sieht man bei "kommen" oder "gehen" und vielen anderen Wörtern: Wer sie nicht versteht, versteht die Definition erst recht nicht. Damit habe ich die Frage aufgeworfen, für wen man überhaupt definiert.
Der Versuch bei Wikipedia hat mehrere Schwächen, angefangen mit den vielen "oder" zwischen den definierenden Merkmalen, die dadurch als irrelevant gekennzeichnet sind. (Das erinnert mich übrigens an die schon anderswo erwähnten Bestimmungen über das Genus von alkoholischen ODER nichtalkoholischen Getränken....)

"Hilfsmittel" ist wie "Hindernis" ein Begriff, der nicht extensional definiert werden kann. Man kann also die Hilfsmittel so wenig aufzählen wie die Hindernisse. Alles und jedes kann Hilfsmittel oder Hindernis sein.

"Hilfsmittel" definieren ist wie "helfen" definieren. Wer es nicht schon versteht, kann die Definition unmöglich verstehen.

Übrigens glaube ich nach dem Gesagten nicht, daß die nichtfachlichen Verwendungen von "Hilfsmittel" schon deshalb erklärt werden müssen, weil die fachlichen einen eigenen und sehr berechtigten Eintrag haben. Es würde doch genügen: Unter "Hilfsmittel" versteht man in der medizinischen Versorgung ... usw.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 26.06.2014 um 06.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26152

Überflüssig ist pekuniär.

Der Eintrag Hilfsmittel in Wikipedia ist dagegen berechtigt, weil Hilfsmittel eine spezielle, erläuterungsbedürftige Bedeutung in der Medizin hat (z. B. Sehhilfen). Bei Duden online ist das die dritte von drei Bedeutungen. Dafür gibt es der Übersicht halber bei Wikipedia einen gesonderten Artikel: Hilfsmittel (Rehabilitation), auf den im Artikel Hilfsmittel schon ganz oben hingewiesen wird. Wenn man diese Bedeutung abhandelt, kann man nicht so tun, als ob es die einzige wäre. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, auch die Grundbedeutungen des Wortes anzugeben – in diesem Fall als eigenen Artikel. Dieser Artikel Hilfsmittel enthält dann automatisch das, was sowieso jeder weiß bzw. was bei Duden online in zwei kurzen Zeilen erklärt wird (dort die Bedeutungen a und b).

Der Wikipedia-Artikel Hilfsmittel ist also gleichzeitig belanglos und unverzichtbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2014 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26150

Man sollte meinen, Allerweltswörter wie Hilfsmittel bedürften keiner Erklärung, aber Wikipedia macht sich unverdrossen ans Werk. Auszug: Pekuniäre Werte können Hilfsmittel in finanziellen Notlagen sein. Ich übersetze: Geld hilft bei Armut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.06.2014 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#26141

Mich hat zeitlebens der Übergang zur Imponiersprache, auch zum sprachlichen Selbstimponieren, ganz besonders interessiert. Ganz konkret:

Etwas ... verrät wenig Sensus für den Zusammenhang (Wortschatzforschung heute. Leipzig 1982:88)

Wie ist es möglich, das naheliegende deutsche Wort Sinn durch Sensus zu ersetzen? Kein Schüler würde das tun, aber im Laufe eines akademischen Studiums, besonders an der philosophischen Fakultät, wird es irgendwann für angebracht gehalten. So geht es Stück für Stück weiter, man ist auch von sich selbst tief beeindruckt, wie jemand, dem eine prächtige Uniform Halt gibt. Irgendwann ist das Sprachspiel sich selbst genug:

„Der Verlust des Bezuges zur Wirklichkeit ist die Gefahr, die immer droht bei differenzierterem Gebrauch der Sprache.“ (Otto-Joachim Grüsser/Volker Henn in Michael Lohmann [Hg.]: Wohin führt die Biologie? München 1977:135)

Sehr wahr, aber viel zu wenig erforscht.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 14.05.2014 um 22.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25821

Brennpunkt steht neuerdings auch unter Druck durch Hotspot: »Der deutsche Aussenminister besucht Kiew und auch den Hotspot Odessa.« (nzz.ch) Das ist auch insofern bemerkenswert, als sich Hotspot ja gerade erst als Bezeichnung für einen WLAN-Zugang etabliert hat.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 14.05.2014 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25819

Der liegende Brennpunkt

Zu den penetranten Modewörtern der letzten Zeit gehört Fokus. Man kann kaum noch eine Zeitung lesen, ohne mehrfach auf dieses Wort zu stoßen. Was früher im Mittelpunkt stand, steht heute im Fokus. Früher legte man das Schwergewicht auf etwas, heute den Fokus.

Empfindlichere Gemüter werden allerdings bei Ausdrücken wie der Fokus liegt auf etwas oder den Fokus auf etwas legen vielleicht ein leichtes Unbehagen verspüren. Seit wann legt man denn den Brennpunkt irgendwohin?

 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.05.2014 um 19.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25785

Ja, so erkläre ich es mir auch. Aber es ist ja so: Man weiß, was etwas wagen bedeutet. Deswegen versteht man die Ironie in der Aufforderung Wage es, die das Gegenteil bedeutet. Außerdem wird es doch normalerweise ausformuliert, zum Beispiel: Wage es, du wirst schon sehen, was dabei herauskommt. Auch der warnende Tonfall hilft beim Entschlüsseln der Ironie.

Man versteht aber heute nicht mehr, was sich unterstehen, etwas zu tun eigentlich bedeutet. Die Ironie in der Aufforderung wird nicht mehr erkannt. Deshalb wird sich unterstehen, etwas zu tun ins Gegenteil umgedeutet: "sich hüten, etwas zu tun". Damit konkurrieren zwei Bedeutungen miteinander: die ursprüngliche und diejenige, die dem Ausdruck heute mutmaßlich zugeschrieben wird.

Klare Verhältnisse können am ehesten wieder eintreten, wenn der Ausdruck völlig außer Gebrauch kommt – oder eben auf die formelhafte Warnung beschränkt wird, die heute noch einigermaßen geläufig ist.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.05.2014 um 17.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25783

Ich finde, in dem Fall will man überhaupt nicht das Gegenteil sagen.
Es ist eine warnende Aufforderung:
Untersteh Dich!

Man warnt ja auch genauso:
Wage es (das zu tun)!
oder
Sag das noch mal!

Gemeint ist natürlich, derjenige solle das tun, wenn er bereit ist, die Folgen dessen zu riskieren.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 06.05.2014 um 15.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25782

Mal ein Beispiel für ein ziemlich überflüssiges Verb (in einer bestimmten Bedeutung): sich unterstehen in der Bedeutung "sich erdreisten", "sich ... herausnehmen".

Das reflexive Verb (sich) unterstehen beweist seine Überflüssigkeit in dieser Verwendung dadurch, daß es nur noch selten gebraucht wird.

Aber in diesem Fall kommt noch etwas Merkwürdiges hinzu: Wieso sagt man eigentlich (ebenfalls altertümlich) Untersteh dich! als Warnung? Damit ist ja wohl gemeint, der Angesprochene solle sich etwas nicht herausnehmen, er solle sich nicht erdreisten, er solle sich vielmehr beherrschen. Das ist also genau das Gegenteil. Der warnende Ruf müßte lauten: Untersteh dich nicht!

Ich frage mich, wie es überhaupt zu solchen gegensätzlichen Bedeutungen kommen kann. (Bekannter ist der Fall Untiefe, da kann man es erklären.) Aber wenn ein Wort sowieso schon am Absterben ist und dann mit gegensätzlichen Bedeutungen beladen wird, wer möchte es dann überhaupt noch verwenden?

So ein Wort ist nicht nur überflüssig, es ist ein Ärgernis. Oder irre ich mich?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2014 um 05.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25777

Die Figur des unabhängigen Singles entstand, der jedoch meist nicht heroisch sein Leben genoss, sondern häufig im Wartestand auf der Suche nach der nächsten Partnerschaft war und sexuell als depraviert galt. (FAZ 5.5.14)

Ganz so schlimm war's nicht, gemeint ist depriviert. Das wird ja oft verwechselt und ist meist kein Tippfehler.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 02.05.2014 um 16.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25751

Interessant in mehrfacher Hinsicht ist, wie der Online-Duden (mein elektronischer Duden mit Stand 2006 enthält das Wort noch nicht) supervisand definiert:

männliche Person, dem eine Supervision zuteil wird.

1. Zunächst ist unklar, was hier der etwas altmodische Ausdruck (der Duden spricht von „gehoben“) zuteil werden eigentlich bedeutet. Ich vermute, daß jemand gemeint ist, der Objekt einer Supervision ist. Aber auch jemandem, der beauftragt wird, eine Supervision durchzuführen, also einem Supervisor, wird doch eine solche zuteil.

2. Den Amtlichen Regeln und dem Duden selbst zufolge, wird zuteilwerden nur zusammengeschrieben, da zuteil angeblich die „Merkmale von frei vorkommenden Wörtern verloren“ habe.

3. Auffällig ist schließlich, daß hier ausdrücklich von einer „männlichen Person“ die Rede ist und nicht wie sonst von „jemand“ - so wird etwa Vergewaltiger definiert als „jemand, der jemanden vergewaltigt [hat]“.
Ist jemand vielleicht nicht mehr politisch korrekt?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.05.2014 um 14.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25748

Warum werden kaum noch klassische Westernfime gezeigt? Weil darin nur Banditen (und Indianer) unbewaffnete Menschen erschießen und das Vergleiche mit der Gegenwart bewirken könnte.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.05.2014 um 22.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25739

zu #25728: der Todesschütze des Schülers = sein Schütze?
Mein bzw. sein Schütze würde ich auch nicht direkt sagen, aber mit dem Genitiv vielleicht doch, es scheint mir nicht ganz dasselbe zu sein. Gab es nicht auf diesen Seiten schon die Diskussion, daß ein Genitivattribut oder eine Zusammensetzung von Substantiven ganz unterschiedliche Funktionen haben können?
Auch sein Todesschütze klingt irgendwie anders (akzeptabler) als sein Schütze.

Zu der Meldung an sich, sie stand ja in vielen Zeitungen, sogar mehrfach, und überall erfährt man nur, daß der Schütze glaubte, einen Einbrecher vor sich zu haben. Wieso schreibt keine Zeitung, ob es nun einer war oder nicht? Oder wenigstens, wie in solchen Fällen sonst üblich, daß die näheren Umstände noch unklar sind? Indem das völlig verschwiegen wird, läßt man den Leser im Glauben, ein friedlicher Spaziergänger sei einfach so erschossen worden. Was hatte der Schüler auf einem fremden Grundstück, in einer fremden Garage zu suchen? Wenn die Antwort auch die Tat wahrscheinlich nicht rechtfertigt, sie könnte sie aber sehr relativieren.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 01.05.2014 um 22.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25738

Zu #25725: So sieht's mein *Collins/Pons Größwörterbuch für Experten und Universität* auch. Und ich hab's (in meinem allerdings etwas hinterwäldlichen Umkreis hier) auch nie anders gehört. Aber da gibt's halt, wenn ich mich an mein Anglistikstudium von vor 50 Jahren recht erinnere, die äußerst leichte "convertability" der Wortarten im Englischen, - "convertability", das war wohl die besondere Bezeichnung dafür, - und da darf man bei sowas nie so einfach auf "richtig" und "falsch" pochen. Aber während die (historisch ja recht künstlich eingeführte) Adverbendung "-ly" sich durchaus nicht mehr bei allen Sprechern heute findet (nicht einmal bei allen akademischen Lehrern, - und bei "fast" hat sie sich ja nirgends durchgesetzt), habe ich ein Adverb *rare nie gehört. (In "I'm eating my steak rare" ist "rare" natürlich nicht Adverb.)
Zu #25728: Gerade weil es scheint, daß wir hier "eine Wortschatzlücke" hätten, würde ich die Tagesspiegel-Formulierung hier durchaus akzeptieren. Rief nicht auch schon Andreas Hofer *seinen* Todesschützen zu: "Ach, wie schießt ihr schlecht!"? Und wenn ich bei einer wilden Gruppenschießerei wiederschieße, dann schieße ich doch zuerst auf den, der es auf mich abgesehen hat, der also sozusagen mein Schütze ist.
Zum Missoula-Fall selbst (den eine DTS-Meldung am 28.04.2014, 18:53 Uhr übrigens so angekündigt hat: "In der Stadt Missoula im US-Bundesstaat ist am Sonntag ein 17-jähriger Austauschschüler aus Hamburg erschossen worden", also ohne auch den Staat zu nennen): In unserm doch halbwegs zivilisierten Minnesota hatten wir gerade einen ähnlichen Fall, und da ist der Hauseigentümer vorgestern des Mordes an zwei jugendlichen Einbrechern schuldig befunden worden. Sein für seine Erfolge bekannter Rechtsanwalt, über den mein Rechtsanwalt, ein früherer Student von mir, sagt: "If you hire him as your defense attorney, then you are sure guilty", hat aber dagegen schon Berufung eingelegt. Little Falls, der Ort dieses Geschehens (aus dem übrigens Charles Lindbergh kam), liegt noch am Ostufer des Mississippi, also eben noch gerade die Breite eines jungen Flusses weg von dem weiten Gebiet zwischen dem Mississippi und dem Westhang der Rockies, und Missoula liegt weit im Westen von dem. Und ich verstehe es, wenn da andere Sichtweisen gelten. Denn da im Redneck-Gebiet gibt es Bezirke (counties), wo unter dem Grenzschild steht: "Einwohnerzahl: 12". Da war also der Familienvater, bevor ihm Frau und Kinder ausgerissen sind, Vater, Arbeitgeber, Bürgermeister, Sheriff, Richter und Pastor, alles zugleich, in Personalunion. Seinen Whiskey jetzt kauft er im nächsten County, da hat wer eine staatliche Alkohol-Verkaufslizenz, die er sich übrigens ja auch ausstellen könnte, aber im nächsten County hat wer den Kolonialwarenladen dazu, und 'ne Tankstelle hat's da auch. Mein Zahnarzt, der mal die gleiche Strecke wie ich mit der Familie da im benachbarten Wyoming gefahren war, konnte mir erklären, warum wir da an einer Tankstelle nicht die Toilette benutzen konnten: Nicht etwa, weil wir im Restaurant am Ort, wohin uns der Tankwart schickte und das seiner Tochter gehörte, ja erstmal was kaufen mußten, um die Toilette da zu benutzen, sondern weil an der Tankstelle keine war! Montana ist so groß wie Deutschland jetzt, aber der ganze Staat hat gerademal etwas über 800.000 Einwohner. Deutschland hat zehnmal soviel. - Mal sehen, wie die da in ihrem Todesschützen-Fall jetzt Recht sprechen. Denn souverän sind sie, und denen kann keiner was reinreden.


 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.05.2014 um 19.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25737

Deutsche neulateinische Wörter haben nur scheinbar ihre Bedeutung gegenüber dem Englischen verändert. In Wirklichkeit haben die englischen Hardwords ihre Bedeutung gegenüber dem Lateinischen verändert, weil sie nicht wie im Deutschen als ganze Wortfamilien, sondern als isolierte (dissoziierte) Einzelwörter mit einer bestimmten Spezialbedeutung aus dem Lateinischen übernommen wurden. Man darf daher englische Hardwords nicht aus ihrer lateinischen Wortfamilie zu erklären versuchen, wie das im Deutschen zulässig und sinnvoll ist. (Siehe Ernst Leisi, Das heutige Englisch) Es gibt Listen solcher "falschen Freunde", die zu Mißverständnissen führen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2014 um 17.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25736

Wie ich sehe, gibt es dazu den Supervisanden (statt Supervidenden).
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.05.2014 um 15.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25734

Gestern stieß ich im Bonner Generalanzeiger auf das mir bisher unbekannte Wort supervidieren. Im Duden ist das Wort noch nicht zu finden.

Dort gibt es allerdings schon die Supervision und den Supervisor - beide Wörter dürfen auch gerne englisch ausgesprochen werden.

Im Deutschen scheinen diese Wörter dem Kauderwelsch der Psychologen und Unternehmensberater zu entstammen. Ihre Bedeutung hat sich offenbar gegenüber dem Englischen stark verändert. Anscheinend wird damit so etwas wie Konfliktberatung und -bewältigung in Betrieben und anderen Organisationen gemeint.

Da bietet sich dem Duden für die nächste Auflage ja wieder eine schöne Gelegenheit, die Statistik der Neueintragungen aufzublähen: supervidieren, Supervidierung, Supervidierer, Supervidiererin. Wenigstens kann man diese Wörter nicht englisch aussprechen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.04.2014 um 04.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25728

Der Todesschütze des 17-jährigen Austauschschülers aus Hamburg ist wegen vorsätzlicher Tötung im US-Staat Montana angeklagt worden. (Tagesspiegel 29.4.14)

Wenn jemand auf mich schießt, kann man wohl kaum sagen, er sei mein Schütze. Es scheint sich um eine Wortschatzlücke zu handeln.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 30.04.2014 um 00.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25725

Zu meinem eigenen Kommentar: Ist es nicht im Englischen auch so?
rare – Adjektiv
seldom – Adverb
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 29.04.2014 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25723

Rar hat im bairischen Wortschatz allerdings einen festen Platz. Es wird grundsätzlich immer anstelle des schriftdeutschen selten gebraucht, wenn dieses als Adjektiv (attributiv oder prädikativ) auftritt. Die Besonderheit ist nämlich, daß rar niemals Adverb sein kann! Das Adverb heißt im Bairischen ebenfalls selten.
Selten kann auch als Adjektiv gebraucht werden, hat dann aber die Bedeutung von besonders (z.B. "Er ist schon ein seltener Depp!")
Rar wird im Bairischen mit dem typischen, extrem hellen und leicht nasalen à gesprochen (so spricht es sich auch besser als mit Normal-a).
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 29.04.2014 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25722

Rarerer ist dem Journalisten noch kaumer bekannt als seltenerer.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 29.04.2014 um 15.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25720

Immerhin scheint niemand die Form rarerer zu verwenden (wäre ja denkbar: ein noch rarerer Beruf). Google liefert nur automatische Erzeugnisse, zum Beispiel Antworten auf die Frage: Was reimt sich auf rarerer?

Unter www.echtreim.de erfährt man dann, daß dazu die Wörter Entzerrer, Sumerer und Plärrer zählen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.04.2014 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25717

Der FOCUS bringt was über Leserverachtung als Ursache des Auflagenrückgangs bei Zeitungen. Die Rechtschreibreform wird nicht erwähnt.

Ich bin wahrhaftig kein Purist, aber ich finde den Grauschleier, den die unnötigen Fremdwörter über die Zeitungstexte legen, dumm und abstoßend.

Heute verdienen Polen und Slowaken im Durchschnitt doppelt so viel wie eine Dekade zuvor. (FAZ 29.4.14)
(= zehn Jahre)

Die raren Lichtblicke gibt es vor allem in Polen und im Baltikum. (FAZ 29.4.14)
= seltenen

Usw.

Warum sollte ein Deutscher ins Griechische und Lateinische ausschweifen, um etwas so Einfaches auszudrücken?

Das Wort rar hat mir noch nie gefallen. Es spricht sich schlecht, und die Schriftform zeigt eines der ganz seltenen Inhaltswörter ohne Ober- und Unterlänge. Das war ja ein Nebenargument gegen die Neuschreibung rau, erinnern Sie sich?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2014 um 06.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25564

Dietrich Schwanitz wird im Wikipedia-Artikel als anglophon orientierter Homme de Lettres bezeichnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2014 um 05.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#25345

Das Bild ist zur tranquilen Theaterbühne erstarrt. (Durs Grünbein in FAZ 8.3.14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2014 um 04.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24821

Je frischer der Tag, desto abgestandener die Fremdwörter. Inkommensurabel war zu Goethes Zeit ganz normal, aber wer es heute noch sagt (außer in Fachtexten), der hat sein Leben verwirkt. Das publizistische Œuvre von Enea Silvio... (Manfred Fuhrmann: Der europäische Bildungskanon. Frankfurt 2004:23) Das sind einfach die Schriften Enea Silvios. Wie konnte es so weit kommen, daß ein Mann von Bildung und Geschmack, der die edle Einfalt und stille Größe der humanistischen Bildung preist, den natürlichsten Ausdruck meidet?
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 09.01.2014 um 07.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24800

Auch schön:

"Im Tunnel", reportierte das Magazin P.M., "muss man zum Druckausgleich im Mittelohr nicht mehr schlucken." (http://www.zeit.de/2014/02/bahn-privatisierung-bahnreform/komplettansicht)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 07.01.2014 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24776

Ein Wiener Antiquariat hat einen großen Teil des verschollen geglaubten Iffland-Nachlasses angeboten. Die Nachforschungen zur Herkunft dieser 6000 Briefe bringen eine Räuberpistole ans Licht. Der Begriff ist von Jürgen Kaube in der FAZ gut gewählt. Aber warum muß er sich darüber hinaus so geschraubt ausdrücken? Etwa nur weil er stellvertretender Leiter des Feuilletons ist? Eine Zeitung ist eben kein Antiquariatskatalog. Wer einen solchen liest, muß sich auf "Provenienzen" und "retournieren" einstellen. Aber was soll das in einem Zeitungsartikel? Man könnte doch auch genausogut von "Herkunft" und "zurückgeben" schreiben.

Mein liebstes überflüssiges Wort in diesem Artikel ist aber ein Adjektiv:

Drei Jahre zuvor war Hugo Fetting über einen Vermittler namens Johnny Markschiess van Trix – einer flamboyanten Erscheinung aus der Welt des Varietés, Jahrgang 1920, und seit mehr als neunzig Jahren auf der Berliner Fischerinsel wohnhaft – an seinen ehemaligen Arbeitgeber herangetreten, um seine theaterhistorische Sammlung zum Kauf anzubieten.

Das französische "flamboyant" sollte dieser Gestalt womöglich noch mehr Glanz verleihen als es das einfachere "schillernd" auch getan hätte.

Trotz der überflüssigen, weil ersetzbaren Wörter ein lesenswerter Artikel, zu dem es hier geht: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kurioser-nachlassfund-die-iffland-raeuberpistole-12739603.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.12.2013 um 08.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24710

Sachen gibt's, die gibt's gar nicht, oder es sollte sie wenigstens nicht geben.
Darum kann man sie nur mit einem Fremdwort benennen.

„Ein Publizist ist ein Journalist, Schriftsteller oder Wissenschaftler, der mit eigenen Beiträgen (Publikationen) – beispielsweise Analysen, Kommentaren, Büchern, Aufsätzen, Interviews, Reden oder Aufrufen – an der öffentlichen Meinungsbildung zu aktuellen Themen teilnimmt. Ein angestellter Journalist gilt als Publizist, wenn er mit seinen Thesen, Ansichten oder Forderungen nicht nur im eigenen Medium, sondern auch in anderen Medien prominent auftritt.“ (Wikipedia)

Ich habe noch nie das Wort Publizist benutzt (das hoffe ich jedenfalls), und ich möchte keinen Publizisten kennenlernen. Bin ich gar selbst einer?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2013 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24469

Das Wort Dialogprozess ist inzwischen eine Art Eigenname für jene Veranstaltung der deutschen Bischöfe geworden, man wird beim Googeln schwerlich eine andere Verwendung finden. Ähnlich war es ja schon mit Friedensprozeß, einem Namen für den mehr oder weniger heißen Krieg im Nahen Osten. Er hat laut Berichterstattung zwei Seiten: Ergebnislose Verhandlungen einerseits und Aktionen, die den Friedensprozeß "stören", andererseits.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.10.2013 um 04.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24238

Mensch und Text in der Sprachfremde: overt und covert (Titel eines Aufsatzes 2004)

Überflüssig und tierisch unschön finde ich auch die Präposition qua:

Qua Amtes ist Kaspar verantwortlich für die „Erledigung der allgemeinen Vewaltungsangelegenheiten“. (Focus 18.10.13)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2013 um 16.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#24000

Binnen eines Jahrhunderts habe sich die Weltbevölkerung von 1,6 auf 6 Milliarden vervierfacht. ‚Alle wachsen, wachsen und wachsen uns über den Kopf‘, betont der 94-Jährige. (Helmut Schmidt laut WELT 7.9.13)

Wieso "betont"? Wie macht man das? Noch dazu bei einer so nachlässig hingeworfenen Bemerkung.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 04.08.2013 um 10.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23826

Herr Ickler nennt Beispiele aus der Literaturwissenschaft, und es wäre kein Problem, ebensolche Beispiele aus anderen Disziplinen anzuführen.

Als Historiker, der nicht an einer Universität arbeitet und sich auch Gedanken darum machen muß, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse der Allgemeinheit vermitteln kann, frage ich mich immer öfter, ob die Damen und Herren Kollegen an Universitäten noch alle Tassen im Schrank haben. Da werden banalste Einsichten nicht nur mit angeblichen Fachbegriffen zu Formen höherer Erkenntnis stilisiert, sondern die Wichtigtuerei findet sogar Eingang in populäre Darstellungen. Ein Beispiel aus dem "SPIEGEL GESCHICHTE"-Heft zum Zweiten Weltkrieg: "die Anordnung solcher Fotos in Alben einschließlich der Beschriftung sei 'Narrationsraum für die subjektive Konstruktion der Erinnerung'". Alles klar? – Die Dame, von der das Zitat stammt, war Ausstellungskuratorin! Sie weiß ganz bestimmt nicht, was sie damit gemeint hat oder gemeint haben könnte und wäre daher vermutlich nicht in der Lage, den Sachverhalt verständlich zu formulieren, was ja eigentlich zu ihre Aufgabe als Kuratorin gehört hätte.

Man kann sich auch gerne mal in den Rezensionen auf http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de umsehen. Das meiste ist heiße Luft und sprachlich unbeholfen bis inakzeptabel.

Wenn Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit allein durch die Anhäufung von undurchdringlichem Fachjargon ohne jeglichen Erkenntnisgewinn definiert sind, ist man wieder im Mittelalter mit seinem argumentum ad verecundiam angelangt. Ein besonders komischer Nebenaspekt ist außerdem, daß die meisten unnötigen (und irgendwie lateinisch klingenden) Wörter Rückbildungen aus dem Englischen sind.

Am Rande sei außerdem angemerkt, daß die allermeisten Rezensenten auf hsozkult.geschichte an der Umsetzung der Reformorthographie kläglich scheitern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.08.2013 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23825

Stellen Sie sich vor, sie hätten den hier schon erwähnten Sammelband Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert duchgearbeitet und anschließend den Sammelband Authentisches Erzählen: Produktion, Narration, Rezeption (Narratologia). Wie lange würden Sie brauchen, um die beiden Titel (und noch manche andere vom gleichen Schlage, die sich dazwischendrängen) auseinanderzuhalten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2013 um 04.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23701

„Ihr neues Werk verbindet spannungsvolles Erzählen mit minutiöser Beobachtung der modernen condition humaine.“ (Thomas Kielinger über Rowlings „The cuckoo‘s calling“, Welt 20.7.13)

Ich würde auch gern die moderne condition humaine minutiös beobachten, wenn ich nur wüßte, wo ich sie finde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2013 um 15.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23529

Die Bittere dürfte sich wohl hinreichend aus der Analogie der zum Teil sehr häufigen deadjektivischen Abstrakta auf ursprüngliches -î, heute -e, erklären: Größe, Länge, Kürze, Dicke, Breite, Höhe, Tiefe, Weite, Blässe, Bläue, Böte, Schwärze, Blöße, Fäule, Frische, Fülle, Genüge, Glätte, Güte, Härte, Helle, Kälte, Kühle, Kunde, Leere, Liebe, Menge, Milde, Nässe, Säure, Schärfe, Schräge, Schwäche, Schwere, Schwüle, Seuche (zu siech), Stärke, Stille, Strenge, Süße, Trübe, Würde

(Liste nach Paul, Dt. Gramm. V:67f.)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 02.07.2013 um 14.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23528

"Die Bittere" – hochinteressant, kannte ich auch noch nicht. Vielleicht ist die Idee dahinter, "Bitterkeit" mehr auf menschliche Gefühlsregungen zu beziehen. Das würde sich für die Werbung nicht gut eignen.

"Verschwinden des Genitiv-s": Prognosen sind bekanntlich immer dann besonders schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Ich halte nicht viel von diesen Extrapolationen, die einen stark vereinfachten Endzustand der Sprachentwicklung annehmen. Bislang will, trotz aller Totschweigensbemühungen der Grammatiker, nicht einmal das Dativ-e verschwinden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2013 um 04.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23511

Das Genitiv-s ist vom Umbau der deutschen Substantivdeklination nicht ausgenommen und verschwindet auch allmählich. Dieser Umbau steuert ja auf einen Endzustand zu, in dem der Numerus durch Endungen bzw. Umlaut eindeutig gemacht wird, der Kasus durch den Artikel. Diese Neuverteilung der Funktionen ist übrigens mustergültig schon bei Hermann Paul beschrieben.

Eigennamen und Fremdwörter gehen voran. Zum Beispiel schreibt Peter Eisenberg regelmäßig des Genitiv, man liest auch des Bund Naturschutz usw. – Die Markierung durch den Artikel ist so stark, daß man keine Verpflichtung mehr spürt, das Substantiv auch noch zu kennzeichnen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.06.2013 um 19.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23509

Ich sehe darin ein Beispiel für das allmähliche Verschwinden der Kasus-Endungen (ausgenommen des Genitiv-s). Der Kasus wird ja meistens schon durch den Artikel ausgedrückt. Nur in Sprachen ohne Artikel braucht man die Kasus-Endungen zwingend. Und im Altgriechischen, weil zwischen Artikel und Nomen alles mögliche eingeschoben werden kann, sodaß man froh ist, das zum Artikel gehörende Nomen am Kasus zu erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2013 um 18.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23507

Das hatte ich mir auch schon vor Jahren notiert, in einem Münchner Biergarten:

Aromatisch durch seine milde Hopfenbittere (Spaten-Bier)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 30.06.2013 um 18.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23506

zu #23487: andere Bildungsweisen

Zum Beispiel hätte ich zu bitter nur das Substantiv Bitterkeit für möglich gehalten, bis ich einmal in einem Ausflugslokal Werbung für ein Bier las, das ich sonst nicht trinke, es könnte evtl. Schmucker gewesen sein, und darüber ins Grübeln kam. Da stand etwa (über das Attribut bin ich mir nicht sicher):

mit einer milden Bittere

Mit einer Bittere? Sollte es nicht mit einer Bitteren heißen, von der/die/das Bittere? Aber es ist regulär gebildet, wie groß/die Größe, kurz/die Kürze usw., also bitter/die Bittere. Nur klingt es befremdlich, weil es so selten ist. Kommt wohl nur im Zusammenhang mit Bier vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2013 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23496

Hier in Erlangen steckt man sowieso dauernd in einer Sinnkrise:

Im Jahr 2012 wurde das Erlanger Schlossgartenfest von einem schweren Unwetter heimgesucht, was eine erneute Diskussion über die Sinnhaftigkeit der als elitär geltenden Veranstaltung auslöste. (nordbayern.de 28.6.13)

Die Meldung hat den Anlaß, daß die Grünen dieses Jahr das Fest boykottieren (d. h. sie gehen nicht hin), weil die Universität auf ihrer Website einen Link zur Burschenschaft "Frankonia" hat. Irgendwo hat Diversity ihre Grenze.

Übrigens wird ein Außenstehender auch nicht ganz nachvollziehen können, was man hier in der Provinz unter "elitär" versteht. 6000 Gäste, Imbißbuden, Feuerwerk ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2013 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23488

Wie Porzig in seinen klassischen Arbeiten über Abstrakta ("Namen für Satzinhalte") gezeigt hat, haben diese systematisch die beiden Bedeutungen, die man so umschreiben könnte:

die Freiheit = 1. daß man frei ist, 2. ob man frei ist.

Also: Wir loben deine Bereitschaft vs. Wir prüfen deine Bereitschaft usw.

Das kann man mit dem substantivierten Adjektiv meist nicht so gut ausdrücken.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 26.06.2013 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23487

Natürlich kann man jedes Adjektiv derart substantivieren, dann kann es alle Geschlechter annehmen (der/die/das Sinnvolle), es ging aber um das Nomen qualitatis. Das ist im Deutschen normalerweise feminin, und es stehen dafür vornehmlich die i-Abstrakta zur Verfügung:
voll – die Fülle (mit lautgesetzlichem u/o-Wechsel, der sog. Brechung)
hoch – die Höhe (mit dem üblichen grammatischen Wechsel)
scharf – die Schärfe (das auslautende e war einst ein umlautbewirkendes i, daher "i-Abstrakta")
heiß – die Hitze (mit individueller Besonderheit)
breit – die Breite
süß – die Süße
früh – die Frühe (wg. "morgen Früh" zu einiger Berühmtheit gelangt)
pp.

Manchmal muß man aber auf andere Bildungsweisen zurückgreifen:
bereit – die Bereitschaft
krank – die Krankheit (?)
dunkel – die Dunkelheit
finster – die Finsternis
fähig – die Fähigkeit
belastbar – die Belastbarkeit (eine typisch deutsche Kettenableitung übrigens: laden –> Last –> belasten –> belastbar –> Belastbarkeit)
nett – die Nettigkeit

Bisweilen konkurriern auch mehrere Bildungsweisen:
die Schnelle ~ Schnelligkeit
die Helle ~ Helligkeit
Hin und wieder fällt es aber schwer, überhaupt ein Wort zu finden (oder zu konstruieren):
fertig – ?? (nein, nicht Fertigkeit!)
lose – ??
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.06.2013 um 13.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23486

Das wirtschaftlich Sinnvolle an ... (mit Dativ)?
Die meisten Adjektiv-Substantivierungen dürften sächlich sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.06.2013 um 04.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23483

Während man jede Menge entbehrlicher Wörter aufzählen kann, stößt man nur selten auf eine Wortschatzlücke. Ich glaube, jeder hat schon mal gemerkt, daß man sinnvoll nicht substantivieren kann. Sinnfülle ist etwas anderes. Man behilft sich so, wie ich es eben gerade im Internet gesehen habe:

Um die Prüfung seines Investments bei den Esch-Fonds sowie der wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit der Karstadt-Kooperation mit seinem eigenen Vermögensverwalter kümmerte er sich aber selbst. (n-tv 26.6.13)

Aber es wirkt krampfhaftig ... (Übrigens geht es um Middelhoff, der ja auch entfernt mit der Rechtschreibreform zu tun hat.)
 
 

Kommentar von Kätzer, verfaßt am 02.06.2013 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23324

Und noch ein schönes Beispiel aus dem Englischen, diesmal aus Australien:

In Berlin for a five-day European tour, Mr Rudd challenged German translators with his "Rudd-speak''.

While addressing German press and Chancellor Angela Merkel, Mr Rudd said it was unlikely any progress would emerge from the Major Economies Forum (MEF) "by way of detailed programmatic specificity''.

The line had German translators scrambling for a meaning.

When asked about the prime minister's choice of words in Perth on Thursday, Mr Turnbull said Mr Rudd would be better to use clear, plain English.

Mr Turnbull admitted he personally had "no idea what (programmatic specificity) means''.


(Quelle: www.perthnow.com.au)
 
 

Kommentar von Kätzer, verfaßt am 30.05.2013 um 09.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#23300

Die Angelsachsen, vor allem die Juristen unter ihnen, können so etwas natürlich auch, aber die Leser nehmen's mit Humor:

"The _numerosity_ and _substantiality_ of the disclosures reflects the pervasive extent and sustained degree as to which IBM disclosed methods, ..."

What is it with executivites (executives) at this point in the timifiication system (time). It's as though the expressification of the English language was not just an evolvorating process but needified a proactivated modification (gotcha there!) to generalate syntheticatious word variants that sort of meanify something but not quite. In England we have the Malapropism (as in Sheldon's Mrs Malaprop). I guess the US has Mr Bush (as in Bushism). Fortunately for us, Mrs Malaprop, being fictitious, was not in a position of power and didn't influencificatorify supposedly intelligentorated leaders of businessication.

Please can we have an ongoing 'Bushism Bingo' poll where readers can point out made up words from executive's and politician's quotes on your site and keep a tally for each dumb-ass personality. You could keep a graph or something. Once a year, you could award a 'BaBUSHka' (a gold statue of the venerable GWB) to the idiot who wins the poll.

Just an Idea

Cheers,

Greg

Something for the Strategy Boutique boys to mull over, perhaps...

Ignoring the rights and wrongs of SCO's allegations, anyone who starts a sentence with "The numerosity and substantiality of the disclosures" deserves to be fed to angry bears.

Cheers

Simon Riley

(Quelle: www.theregister.co.uk/2005/11/04/letters_0411)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.04.2013 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22916

Der Fakt, dass es zwei Geschlechter gibt und dass wir uns über Sexualität fortpflanzen, ist das Empirische der condition humaine schlechthin. (Freitag 25.5.01)

= Der Mensch pflanzt sich bekanntlich geschlechtlich fort.

Man sollte sich jeden Tag ein wenig mit solchen Übersetzungsübungen beschäftigen. Im letzten "Bericht zur Lage der deutschen Sprache" wird ohne weiteres vorausgesetzt, daß ein großer Wortschatz etwas Gutes ist. Ich behaupte das Gegenteil.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.04.2013 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22910

Aus technischen Prozessen darf der steuernde Prozeßrechner auf keinen Fall einfach "aussteigen", sondern es muß eine automatische Übernahme durch einen Stand-by-Ersatzrechner oder durch ein Notprogramm sichergestellt sein. Sonst könnten die Folgen unkalkulierbar sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2013 um 05.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22906

Das Erzbistum Köln steigt aus dem Dialogprozess aus, mit dem die Bischofskonferenz 2010 auf die Krise des Missbrauchsskandals reagierte. (Welt online 29.3 13)

Ein Gespräch würde man beenden oder abbrechen, aus einem Prozeß, der ja definitionsgemäß keine menschliche Handlung ist, kann man nur "aussteigen". Die distanzierte Redeweise wird wenigstens beibehalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2013 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22270

Obgleich Steinbrück selbst ein hoch emotionaler Politiker ist, kann er Simonis' eruptive Gefühlsausbrüche nicht ertragen. (Welt 5.1.13)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.01.2013 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22257

In der Tat sind Augsteins Spiegel-Kolumnen zugespitzt und in ihrer Aussage pointiert. (Rheinische Post 4.1.13)

Die Zugespitztheit der Kolumnen besteht gerade darin, daß sie "in ihrer Aussage pointiert", also zugespitzt sind, und natürlich in ihrer Aussage – worin denn sonst? Doppelt gemoppelt, wo einfach gemoppelt schon zuviel wäre.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2012 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22210

Folgende Meldung zur Selbstbeschreibung von fast 200 Mill. Menschen in einem Netzwerk ist auch für uns ganz interessant:

»Die zehn meistgenutzten Schlagwörter in deutschen Profilen sind:

1. Kreativ
2. Verantwortungsbewusst
3. Analytisch
4. Motiviert
5. Innovativ
6. Erfolgsorientiert
7. Organisiert
8. Kommunikative Fähigkeiten
9. Effektiv
10. Internationale Erfahrung«

Keiner dieser Begriffe hat einen operationalisierbaren Sinn, am konkretesten, wenn auch dehnbar, ist noch der letzte. Es ist alles nur rhetorischer Müll.

So also, glaubt der heutige Mensch, muß man die Außenansicht der eigenen Person ausgestalten, wenn man Ansehen und Erfolg haben will.

Aber warum auch dieser Zwang, sich dauernd selbst darstellen zu müssen? Freilich lernen die Kinder bereits in der Schule, sich selbst und ihre Mitschüler (anonym) als Personen zu charakterisieren. Lehrer halten das für pädagogisch wertvoll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2012 um 06.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22180

A gehört zu den profiliertesten ... = Ich habe schon mal von A gehört.

Wie viele Menschen allein unter Google News zu den profiliertesten gerechnet werden! Ich kenne keinen Text, in dem das Wort nicht überflüssig wäre.

Thomas Feverel Merton (* 31. Januar 1915 in Prades, Pyrénées-Orientales; † 10. Dezember 1968 in Bangkok) gehört zu den profiliertesten christlichen Mystikern des 20. Jahrhunderts. (Wiki)

Wie mißt man eigentlich die Profiliertheit christlicher Mystiker?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.12.2012 um 18.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22046

Zu den überflüssigen Wörtern zähle ich auch – wie früher schon kurz erwähnt – das Wort Kontext, das sich zudem zu einem Modewort entwickelt hat.

Solange es sich tatsächlich um einen textlichen oder zumindest sprachlichen Zusammenhang handelt, ist das Wort immerhin nicht völlig deplaziert, wenn auch überflüssig. Inzwischen wird es aber für jedweden Zusammenhang gebraucht. Es ist auch Mode geworden, alles mögliche im Kontext zu studieren: Informatik im Kontext, Institut für Kunst im Kontext (bietet einen Studiengang „Art in Context“ an), Recht im Kontext, Physik im Kontext.

Mich stört auch die Betonung auf der ersten Silbe. Der Duden 1961 kannte nur die Betonung auf der zweiten Silbe, wie in ähnlichen Wörtern wie Konflikt, Kongreß, Kontrast. Der Duden 1980 gibt dagegen die Betonung auf der ersten Silbe an, läßt aber „auch“ die Betonung auf der zweiten zu. Nach meinen Eindruck ist letztere Betonung aber schon so gut wie ausgestorben. Sowohl die Betonung als auch die Mode dieses Wortes verdanken wir wohl dem Englischen.

Auch für den überflüssigen und noch modischeren Narrativ dürfen wir uns beim Englischen bedanken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2012 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#22034

Konsistenz erlangen Roman wie Vorlesung erst durch die repetitiven Elemente, die immer wiederkehrenden Präsentationen des Redners und Schriftstellers ... Die Verbindung von Intuition und Reflexion, von Inspiration und analytischer Distanz ist ein Balanceakt, der wenigen gelingt. (Hannelore Schlaffer in SZ 30.11.12 über Navid Kermani)

Das ist der durchschnittliche Jargon des heutigen Feuilletons, weder besonders schlecht noch besonders gut. Der Leser merkt im allgemeinen nicht, wie geringfügig die ausgedrückte Erkenntnis ist, und die Verfasserin merkt es auch nicht. Mein Überdruß an diesen "modrigen Pilzen" wächst, je älter ich werde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.09.2012 um 05.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#21444

Frank Kelleter (Hg.): Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Transcript 2012.

Hübscher Titel für ein deutsches Buch. Man hat ihn bloß nach zwei Minuten wieder vergessen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.01.2012 um 17.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19882

Es ist nicht der Duden, sondern der Mackensen, daher vielleicht veraltet: "homophob (menschenscheu)", aber auch "Homilopathie (Angst vor Umgang mit Menschen) = Homilophobie". Mit "homilo-" ist es eindeutig.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 17.01.2012 um 15.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19879

So interessant die Anhäufung von Lemmata aus diversen Wörterbüchern und verschiedenen Sprachen auch sein mag, es hilft aber doch bei dem von Ihnen aufgeworfenen Problem nicht weiter, bzw. lenkt nur ab.

Könnten Sie daher bitte ein Beispiel aus der deutschen Sprache für ein Kompositum mit homo- geben, bei dem dieser Wortbestandteil "Mann" bedeutet?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.01.2012 um 14.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19878

Nachtrag: In meinem Etymoligischen Wörterbuch der Tschechischen Sprache steht: "chléb: slowakisch chlieb, polnisch chleb, ukrainisch chlib, russisch chleb, oberlausitzisch chleb, niederlausitzisch kleb, altslawisch chleb, bulgarisch chljab, slowenisch hleb, kroatisch hljeb, serbisch hleb. Vermutlich uralt hervorgegangen aus germanisch *hlaiba (gotisch hlaifs, althochdeutsch hleib) Manche halten das ganze Wort für urverwandt ureuropäisch; sie fügen zu ihm hinzu lateinisch libum Opferbrot, sogar griechisch klibanos Brotbackform"
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.01.2012 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19877

Welche Wörter Jesus wirklich benutzt hat, wissen wir nicht, denn er sprach aramäisch (außer vielleicht bei der Gleichsetzung von "petros" = Edelstein und "petra" = Fels), und die Evangelisten schrieben die griechische Übersetzung seiner Worte auf. Bei Matthäus, Markus und Lukas steht "sooma", das im neutestamentlichen Griechisch "Körper" bedeutet, bei Johannes steht "sarx", das "Fleisch" bedeutet.

"Laib" muß ein sehr altes Wort sein, weil es ähnlich wie die mhdt. Form "hleib" (die erst ab Mitte 17. Jahrhundert "laib" geschrieben wurde) als "chleb"(ukrainisch "chlib") in allen slawischen Sprachen "Brot" bedeutet.
("Brotlaib" ist eigentlich eine Doppelbenennung (Brotbrot), aber heute ist "Laib" eine Maßeinheit oder ein Zählwort: zwei Laib Brot.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.01.2012 um 11.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19876

DWb verweist von Laib auf Leib, aber gemeint ist Leib (2), daher das Mißverständnis.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.01.2012 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19873

Wenn im Satz zuvor vom Brot die Rede ist, sogar zweimal hintereinander, steht *Laib nicht alleine. Und wenn das Brot gebrochen und an zwölf Männer verteilt wird, die es essen sollen, paßt auch die Menge zur Vorstellung Laib Brot.

Die Vermutung, daß viele Kinder das Wort Laib heutzutage nicht mehr kennenlernen, halte ich für gewagt. Schließlich ist das der Standardbegriff, während im anderen Fall der übliche Begriff Körper ist (abgesehen von Mundarten, Zusammensetzungen, biblischen Texten und altertümlichen Redewendungen wie auf den Leib geschnitten).

Obwohl, zugegeben: Man sagt eher zwei Brote als zwei Brotlaibe oder zwei Laib Brot.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.01.2012 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19870

In Laib steckt ein mit germ. h (idg. k) anlautendes Wort, wie man noch am gotischen hlaif und an den altenglischen Vorläufern von lord und lady sieht ("Brotherr", "Brotkneterin"). Leib hängt dagegen mit leben zusammen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.01.2012 um 03.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19869

Eine hübsche Beobachtung, aber um sie zu machen, muß einem zunächst einmal bewußt sein, was ein Laib überhaupt ist. Das Wort dürfte vielen heute eher fremd sein, zumal wenn es (wie hier hypothetisch) allein steht. Im übrigen bezeichnen Laib und Leib dasselbe Wort, so daß es sich gerade nicht um ein gutes Beispiel für den Wert von Unterscheidungsschreibungen handelt.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 17.01.2012 um 01.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19868

Ecce homo ist auch kein Argument. Erstens steht homo dort als selbständiges Wort und an zweiter Stelle (anders als in einem Wort wie Homologie), zweitens erwartet man in einem lateinischen Kontext vorrangig lateinische Wörter. Schließlich hilft auch die Wortbedeutung bei der Entschlüsselung. Die Deutung "Siehe, ein Mensch" (also ungefähr: "Seht her, das ist ein Mensch" oder "Seht, hier ist der Mensch") leuchtet ein, "Siehe, [das ist] gleich" leuchtet nicht ein.

Bezüglich des letzteren Aspekts habe ich mich manchmal gefragt, ob ein anderer berühmter Spruch aus der Bibel in der deutschen Übersetzung mißverständlich sein könnte. Die sogenannten Einsetzungsworte lauten etwa bei Mk 14,22: "[Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte:] Nehmt, das ist mein Leib." Die Formel Das ist mein Leib wird nur ganz selten gelesen; sie wird fast immer vom Priester beim Abendmahl gesprochen und von der Gemeinde gehört. Nun kann die Gemeinde ja nicht hören, ob der Priester Leib oder Laib sagt. Unmittelbar nach Brot würde eigentlich alles für Laib sprechen. Woher weiß die Gemeinde eigentlich, daß Leib gemeint ist?

Die richtige Bedeutung wird einem Christenmenschen schnell bekannt werden, unter anderem weil anschließend der Wein als Blut gedeutet wird. Aber ich vermute, daß es viele Kinder gibt, die anfangs verstehen: "Das ist mein Laib Brot."

Bei Google gibt es knapp 20 Fundstellen mit Das ist mein Laib. Meistens sind es einfach Schreibfehler, auch von Pfarrern, die ihre Predigt ins Netz gestellt haben. Soweit ich sehen kann, gibt es im Internet noch keine bewußte Sprachspielerei mit dieser Zweideutigkeit und auch keine Diskussion darüber, ob ein Priester zur Vermeidung des Mißverständnisses statt Leib heutzutage besser Körper sagen sollte.

Ich finde das erstaunlich. Millionen Menschen feiern regelmäßig das große Wunder, daß ein Stück Brot mit dem Körper des Erlösers identisch sein bzw. sich in ihn verwandeln soll – und noch keinem Deutschen soll dabei der Gleichklang von Leib und Laib aufgefallen sein? Meine Vermutung ist: Das ist schon oft aufgefallen, aber der gläubige Christ nimmt diesen Gleichklang ehrfürchtig zur Kenntnis und deutet ihn als sprachlichen Beleg dafür, daß tatsächlich eine Wesensgleichheit von Brot und Körper vorliegt. Die Kirche hat sicher nichts gegen diese christliche Volksetymologie.

Man stelle sich vor, wir hätten bei den beiden homophonen Wörtern zufällig keine differenzierende Schreibung, also etwa der Leib des Erlösers neben ein Leib Brot. Die theologische Literatur wäre prallvoll mit Betrachtungen dieses sprachlichen Sachverhalts. Ein Hinweis auf den Wert der Unterscheidungsschreibungen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2012 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19866

Bin verwirrter als zuvor. Selbst wenn man Ihr kleines Versehen korrigiert und homo- als Präfix (ich würde es sogar als Kompositionserstglied ansehen) bezeichnet - ich habe im Duden überhaupt keinen Fall von Homo- = "Mann/Mensch" gefunden. Alle Beispiele enthalten homo- = 'gleich'.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.01.2012 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19865

Das Adverb "man" existiert abgeleitet von lateinisch "homo" (Mensch, Mann) nur im Französischen als "on", im Okzitanischen als "òm", im Katalanischen als "hom".
Das altgriechische Suffix "homo-" (gleich) heißt italienisch "omo-", spanisch "homo-", portugiesisch "homo-", französisch "homo-", englisch "homo-".
Nach dem Vorbild der neulateinischen Sprachen sollte das deutsche Suffix "homo-" mit der Bedeutung "Mensch, Mann" verändert werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2012 um 16.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19864

Ich hatte mehr daran gedacht, daß die Neuentlehnung (nicht die historische Fortsetzung der lateinischen Formen in den romanischen Sprachen, also on/homme auf französisch usw.) doch überall zu ziemlich ähnlichen Ergebnissen führt, so daß mir nicht klar war, wieso das Deutsche hier etwas nachzuholen hätte.
 
 

Kommentar von Heinz Erich Stiene, verfaßt am 16.01.2012 um 15.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19863

Mit Omikron, nicht mit Omega.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.01.2012 um 15.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19862

Das lateinische Wort homo, hominis, Mensch, Mann heißt italienisch uomo, spanisch hombre, portugiesisch homem, katalanisch home, okzitanisch ome, französisch homme, englisch man oder human beeing.
Das griechieche Wort für gleich gibt es in den Varianten hom-, homo-, homoio-, homoo- (mit Omega).
Die Herleitung des deutschen Wortes bringt aber keine Abhilfe, denn es ist ein Ärgernis, wenn im Duden die Wörter mit homo- in beiden Bedeutungen abwechseln und eine Herleitung unmöglich ist.
Ein Ärgernis ist, daß das Pilatuswort in Joh. 19, 5 "ecce homo" in der heutigen deutschen Umgangssprache auch als "Homo" ausgelegt werden kann. Um Mißverständnisse zu vermeiden, muß man auf den griechischen Originaltext "idou ho anthropos" siehe da, der Mensch zurückgreifen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2012 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19861

Könnten Sie das ein bißchen erläutern? Man muß doch die Neuentlehnung von früheren Entlehnungen und vor allem von der lautgesetzlichen Entwicklung der Erbwörter unterscheiden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.01.2012 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19859

Es existiert auch das Gegenteil, fehlende Wörter: Die deutsche Sprache ist unter den lebenden indogermanischen Sprachen die einzige, in der das lateinische Wort "homo" = Mensch, Mann mit dem altgriechischen Wort "homoios" = gleich, ählich zu einem einzigen Wort "homo-" mit zwei ganz unterschiedlichen Bedeutungen zusammengefallen ist, besonders in der Umgangssprache. Z.B. ist "Homophobie" überhaupt nicht das Gegenteil von "Homophilie". Alle übrigen indogermanischen Sprachen haben das lateinische "homo" irgendwie verändert, um es vom griechischen "homo" zu unterscheiden. Das sollte man im Deutschen auch tun.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 11.01.2012 um 13.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19858

Ich muß gestehen, daß ich das Wort "Chemismus" bisher nicht kannte und entsprechend auch noch nicht benutzt habe. (Ich werde es außerhalb dieses Eintrags auch nicht mehr benutzen!)

Schwarz nutzt dazu die während seiner Medizinerausbildung erworbenen naturwissenschaftlichen Fähigkeiten, hat er sich doch zum Ziel gesetzt, hinter den komplexen Chemismus und die physikalischen Prozesse zu blicken, die die Kaffeebohne auf ihrem Lebensweg von der Plantage bis in das Sieb einer Espressomaschine durchläuft.

(Vgl. hier.)

Wenn so eine Konstruktion mit der Chemie möglich ist, könnte man als nächstes an einen "Physikalismus", "Mathemazismus" und andere schöne Dinge denken. Die vielen Ismen können sich bekanntlich auch sehr schnell wieder erschöpfen.

Warum schreibt Georg Küffner nicht einfach ...hat er sich doch zum Ziel gesetzt, hinter die komplexen chemischen und physikalischen Prozesse zu blicken, die...?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2012 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19818

Das Hamburger Abendblatt nennt Eco, der 80 wird, den "Meister der Raffinesse". Damit ist nicht viel gesagt, außerdem stört dieses pseudofranzösische Wort in jedem Fall. Man sollte sich ein bißchen mehr Mühe geben, auch in Geburtstagsartikeln. Im Radio sagte unser Beiratsmitglied Burkhart Kroeber ein paar Worte, das war viel gescheiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2011 um 11.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19788

Ulrich Raulffs vielgerühmtes Buch "Kreis ohne Meister" ist im allgemeinen gut lesbar geschrieben, die gelegentlich saloppe Ausdrucksweise wirkt auch dem naheliegenden weihevollen Ton des "Kreises" entgegen. Allerdings wären manche Fremdwörter dann wieder nicht nötig gewesen.

... andere sind zu Nomaden geworden, denen fortan jede Form von Sedentarität verwehrt ist.

Vielleicht wollte Raulff nicht Sesshaftigkeit schreiben, weil einen Halbsatz zuvor schon einmal das Adjektiv sesshaft vorgekommen ist, aber Sedentarität ist trotzdem ein starkes Stück. Es wird im Deutschen so selten verwendet, daß – erwartungsgemäß – die Google-Suche sogleich auf eben dieses Werk von Raulff stößt. (Es ist außerdem überflüssig, den Nomaden die Seßhaftigkeit abzusprechen.)

Das Buch ist in Reformschreibung gedruckt, mit kleineren Fehlern: erzwungener Maßen ist in keiner Fassung der Reform vorgesehen.
Es ist auch sorgfältig lektoriert. Allerdings wird der Maler Erich Heckel im Personenregister zu Ernst Heckel.
Zitate sind meist in Originalorthographie gebracht, wie es sich philologisch von selbst versteht, aber aus einigen Briefen usw. wird auch in reformierter Schreibweise zitiert, was Mißtrauen weckt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.12.2011 um 00.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19786

Struktur und Strukturierung klingt einfach weniger deutsch als Ordnung.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.12.2011 um 15.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19784

Zur Gründung des Verlags Hanser Berlin wurden Michael Krüger und Elisabeth Ruge von der FAZ befragt. Krügers Antworten sind durchaus verständlich, aber warum glaubt Frau Ruge so viele Fremdwörter benutzen zu müssen?

Das Netz bietet natürlich eine riesige Möglichkeit. Es können dadurch einfach sehr viel mehr Menschen partizipieren, schneller mit Texten auf Ereignisse reagieren, und das persönlicher und dialogischer. Zugegeben: Auf vieles davon könnte die Welt auch verzichten. Aber wenn einige Beschränkungen der physischen Herstellung und Distribution wegfallen, kann gerade das auch Raum schaffen für großartige Texte. Außerdem kann das Digitale das Buch auch wunderbar ergänzen. Ich hatte mal die etwas verwegene Idee, den „Notizheften“ Henning Ritters, die wir ja beim Berlin Verlag in einer Auswahl zu einem gestalterisch besonders schönen Buch gemacht haben, eine vollständige digitale Fassung an die Seite zu stellen. Die könnte man dann im Volltext durchsuchen und wissenschaftlich ganz anders erschließen. An so etwas könnte man sich auch als Publikumsverlag einmal heranwagen. Aber durch die Zunahme der schieren Menge von Texten im Netz gibt es auch ein Bedürfnis nach Differenziertheit, nach Strukturierung, nach Wertung, also nach einem Programm, wo die Bücher in einem Verhältnis zueinander stehen. So dass man den Lesern - aber auch den Autoren - das anbietet, was vielleicht das Kostbarste ist, was man als Verlag machen kann: nämlich eine Art Struktur in die Welt der Texte zu bringen.

Was genau meint sie damit, und weiß sie eigentlich, was sie sagen will?

Quelle: www.faz.net
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2011 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19589

Zu einem Roman von Julia Franck schreibt die heutige Süddeutsche Zeitung:

eine Prosa, die mit nahezu lapidarem Aplomb das Unerträgliche als den Normalzustand schildert.

Was mag das heißen? Ich verwende das Wort Aplomb nie, weil ich nicht genau weiß, was es bedeutet. Soweit ich sehe, hat es auch auf diesen Seiten noch nie jemand gebraucht. Und nun noch die Verbindung mit lapidar! Allerdings nur nahezu, was die Sache aber auch nicht besser macht. Was denken sich erwachsene Menschen, wenn sie so etwas in einer Tageszeitung schreiben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2011 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19488

Exzellenzgelder für Leuchtturmprofessoren an international visiblen Eliteuniversitäten (Friedrich Wilhelm Graf: Kirchendämmerung. München 2011:39)

Das Wort visibel ist überflüssig, und man wundert sich, in dem sonst ganz flott geschriebenen Buch so etwas Ungeschicktes zu finden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2011 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19458

Sibylle Lewitscharoffs Laudatio auf den diesjährigen Büchnerpreisträger klang so gekonnt ‚altisono‘, aulisch und beinahe kurial, dass sie einer jeden besseren Sprechbühne zur Zierde gereicht hätte. (Volker Breidecker in SZ 31.10.11)

Alles klar?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2011 um 07.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19450

Kürzlich erschien ein neues Buch unserer Sprachschützer:
"Deutsch lebt! – Ein Appell zum Aufwachen." (Wolf Schneider, Cornelius Sommer, Josef Kraus, Walter Krämer im IFB-Verlag)

Da muß man schon ein wenig lächeln. Statt "Appell zum Aufwachen" sagt man doch "Weckruf", oder?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.10.2011 um 10.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19428

Der Süddeutschen Zeitung liegt heute ein Magazin über Wintersport bei. Es heißt naturgemäß Outsides und wirbt für die Tirol Snow Card, den Skipaß White5 und die Aussichtsplattform Dachstein Skywalk.

Die Aussichtsplattform am schweizerischen Gemmipass eröffnete erst im Sommer, ist aber dank seiner (!) aufregenden Konstruktion schon jetzt ein neuer Hotspot in der Region.

Seit dem Facelift 2010 beheimatet das 3029 Meter hohe Kitzsteinhorn eine echte Erlebniswelt inklusive Kino, Nationalpark Gallery und gleich zwei Panoramaplattformen.

Das Großglockner Resort Kals-Matrei hat ein feines Offpiste-Terrain usw. – Piss off!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2011 um 16.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19108

Gute Beobachtung! Ich muß auch immer zweimal hinsehen, bis ich verstanden habe, worum es geht.

Übrigens noch ein Nachtrag zum "Dialogprozess" der Katholischen Kirche: Bischof Overbeck begrüßt den Dialogprozeß, erklärt aber alle Punkte, um die es den Diskutanten geht (Zölibat, Frauendiakonat, Homosexualität, Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie), für "nicht verhandelbar". Das wird vielleicht auf die Bedeutung von "Dialog" abfärben.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.08.2011 um 15.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19107

Manchmal gibt es auch zu wenige Wörter, wie das Wort "Kinderarmut" zeigt, welches sowohl die Bedeutung "Armut von Kindern" als auch "Armut an Kindern" haben kann. Hier wären zwei verschiedene Wörter eindeutiger.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.07.2011 um 23.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19047

Wieder einmal hinkt die Kirche der Zeit hinterher. Wie kann sie nur ein derart unsäglich altmodisches Wort wie "Dialog" verwenden? Heutzutage, das weiß doch jeder außerhalb der Klöster und der Priesterseminare, heißt es "Diskurs", also auch "Diskursprozeß".

Die Wissenschaft ist doch schon längst nicht nur über den "Dialog", sondern selbst über die "Sache" (eine bloße soziale Konstruktion) hinweggegangen. Gegenstand ernsthafter Forschung kann doch nur noch der "Diskurs" über die (vermeintliche) Sache sein. Nur dieser wird "thematisiert", nur darauf wird "rekurriert", nur darauf beziehen sich die Forschungs-"Desiderata".

Wer kann eine solche "Sprache", eine solche "Wissenschaft" noch ernst nehmen? Da ist mir die Sprache der Kirche ja fast noch lieber.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 22.07.2011 um 23.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#19046

Zufällig stoße ich auf den schönen Ausdruck "explanative Adäquatheit" von Gerhard Augst in "Die orthographischen Regeln zur Bezeichnung der Vokalquantität – geprüft an Laien-Dialektverschriftungen" (Vortrag/Vorlesung?).

Als etwas störend bei dieser hübschen Wortschöpfung empfinde ich allerdings die Allerweltsendung "-heit". Wäre "explikative Adäquanz" nicht vielleicht noch prägnanter und schöner?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 11.07.2011 um 22.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18985

Man könnte ja meinen, daß "Prozeß" von lateinisch "procedere" = vorwärtsgehen käme. In diesem besonderen Fall soll es aber nach dem Willen der an der Macht befindlichen Seite möglichst keinen Fortschritt geben. Folglich wäre hier die Bezeichnung "Pseudoprozeß" angemessener (von griechisch "pseudäs" =erlogen, falsch).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2011 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18984

Das war mir auch schon aufgefallen, und ich hatte einen Eintrag dazu vorbereitet, wollte aber dann doch nicht recht, denn es geht ja noch um mehr. Ein Gespräch oder einen Dialog muß man führen, einem Dialogprozeß schaut man aus einiger Distanz zu. Ein "´Fahrplan" soll dazu ausgearbeitet werden, wie man hört.
Na, und das Motto: "Im Heute glauben". Gewöhnliche Sterbliche handeln heute, Theologen tun es im Heute. Das ist genau die kleine Differenz zur normalen Sprache, die den "Dialogprozeß" für immer ins Leere laufen lassen wird. Ich möchte fast sagen: ein Stich ins Verrückte.
Da die Bischöfe behaupten, sie wollten wieder eine gemeinsame Sprache mit den Laien finden usw., ist diese Anmerkung vielleicht nicht unangebracht.
Ich war vor 30 Jahren mal in ein ähnliches Projekt eingeladen, und da ist mir so manches klar geworden. Meine Empfindlichkeit gegen die abgehobene, immer ein bißchen weihevolle Sprache geht aber viel weiter zurück, fast bis in die Zeit meiner Konfirmation.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.07.2011 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18982

auch zu #18481:
Seit Freitag ist er in allen Medien: der "Dialogprozeß".

Der Mannheimer Morgen schreibt heute: »In Mannheim startet der Gesprächsprozess, der aus der Krise führen soll"«.

Und letzten Sonnabend: »Dekan Karl Jung, einer von drei Mannheimer Vertretern, kam mit der Erwartung, "dass der angestoßene Dialogprozess weitergeht, ..."«

Usw., im DLF hörte man es am Freitag genauso. Dialoge oder Gespräche wären angesichts der großartigen Ziele der Bischofskonferenz natürlich viel zu trivial, die muß man schon mit viel Luft oder eben einem "Prozeß" ein Stück aufblasen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2011 um 09.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18980

Um Punkt 23.15 Uhr war der Traum vom Sommermärchen reloaded wie eine Seifenblase geplatzt. (stern.de am 10.7.11 über Frauenfußball-WM)
Urbaner Landgasthof, reloaded (Der Bund 9.7.11, Überschrift)

Usw., unzählige Beispiele. Warum kommt mir das so besonders blöd vor? Man müßte Leuten wie Hoberg solche Beispiele vorhalten und sie fragen, ob sie reloaded für unentbehrlich halten ...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2011 um 08.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18571

Keine Lektüre für besinnliche Sonntagnachmittage ist dieses Buch. Es ist beides: Bestandsaufnahme eines tiefen Malaise und Pronunciamento einer anderen, vielleicht in der Tat besseren, Zukunft. (Deutschlandradio 27.08.2006 über Wolfram Weimers „Credo“)

Gibt es einen Grund, bei der Besprechung eines so schlichten Buches zuerst ins Französische und dann ins Portugiesische zu wechseln?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2011 um 05.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18481

Migration ist ein dynamischer Prozess. (SZ 11.4.11)

Ein Prozeß ist immer dynamisch, sonst wäre es ein Zustand. Migration ist also ein Prozeß. Wer hätte etwas anderes angenommen?

(Wenn man nach dynamischer Prozeß googelt, erkennt man, daß es sich um eine automatisierte Floskel handelt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.04.2011 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#18438

Heute in der SZ zitiert: Das Hamburger Abendblatte berichtete 1949 über den Prozeß gegen Veit Harlan:
Kein Wort, keine Feststellung, der Harlan nicht eine scharf pointierte Spitze zu geben verstünde.
Ich übersetze: Kein Wort, keine Feststellung, der Harlan nicht eine spitz gespitzte Spitze zu geben verstünde.
Aber wer würde so etwas schreiben?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.01.2011 um 16.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17834

Wissen Sie, was "Hartschalen-Proteinlieferanten" sind?

"855 Millionen Eier legten die bayerischen Hennen 2009. 188 Millionen der Hartschalen-Proteinlieferanten gingen ins Ausland." (Nürnberger Nachrichten 12.1.11)

Bei Gelegenheit des Exportverbots wg. Dioxin erfährt man erst, daß das Agrarland Deutschland Schweinfleisch nach Rußland, China, Japan und Südkorea liefert. Wer hätte das gedacht! Milliarden Eier gehen auch nach Holland, von wo sie dann wahrscheinlich mit nochmaliger Subventionierung wieder zurückkommen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 27.11.2010 um 14.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17346

Sie sind ja ein richtiger Feinschmecker, Herr Markner! Ich warte wohl besser noch ab, was Sie mir als nächste Köstlichkeit anbieten. Vielleicht Black pudding garniert mit HP Sauce? Vielleicht rühren Sie auch lieber ein Sößchen selber an, mit Colman's Mustard Powder. Dann hätte ich wenigstens bis März freie Nebenhöhlen...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.11.2010 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17335

Wie es in den Kolonien um Marmite steht, ist mir nicht bekannt. Wäre ein Glas Ginger Preserve genehm?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 26.11.2010 um 03.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17334

Zu #17319, 17330, 17323:
Ich sehe zwar auch keinen Anlaß zu einer großen Entschuldigung, aber meiner Erinnerung nach ist das zunächst gelaßne Komma falsch, und beide zu setzen wäre es auch. Denn wenn man beide setzt, wäre "meiner Erinnerung nach" ein Zusatz, der als Adverbial zunächst nicht zum Satz gehörte. Doch * ist ohne das Adverbial vor der finiten Verbform kein eigener Satz. Bei einem anderen Adverbial, z. B. bei "aber da/ davor/trotzdem/deswegen wurde der spanische König nie eingedeutscht", setzen wir ja auch kein Komma. Warum sollten wir das Adverbial hier in Kommata setzen? Bloß weil's aus drei Wörtern besteht? — Die englische Kommasetzung beim "vorausgestellten" Adverbial funktioniert anders. Lassen wir uns also vom Englischen nichts vormachen. Und bei "but down went the ax(e)" haben wir sogar auch im Englischen kein Komma, nicht wahr?. Weil's doch deutsche Satzstruktur ist!
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 25.11.2010 um 22.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17333

Igitt, Herr Markner! Zur Abwechslung weiß ich mal genau, was Sie meinen. Dieses Ekelzeug erfreut sich ja auch in Aussieland großer Beliebtheit. Wer nicht weiß, worum es geht, sehe sich die englische Wikipedia-Seite an: http://en.wikipedia.org/wiki/Marmite
Der Geschmack ist ungefähr so, als würde man Maggi-Würze als Streichpaste aufs Brot schmieren. Nur noch viel schlimmer!

Für mich zeigt sich genau da immer wieder sehr schön, wie wenig man in England doch von guter Küche versteht (die fritieren auch Schokoladenriegel!).

Um aber auf Ihren Vorschlag zurückzukommen: Wir können gern wetten, aber um irgendetwas, das man auch wirklich essen oder trinken kann. Werden wir beide denn das Ergebnis unserer Wette überhaupt noch erleben?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.11.2010 um 21.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17332

Er selbst hat dieses Gerücht 2005 dementiert. Wir werden sehen, wetten wir einfach um ein Glas Marmite.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 25.11.2010 um 16.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17330

Der nächste englische König wird wahrscheinlich gerade nicht Charles (wie auch immer Sie das aussprechen wollen) heißen, lieber Herr Markner.

Wenn der dienstälteste Thronfolger der Welt überhaupt noch das Glück haben wird, britischer Monarch zu werden, dann will er sich nämlich George ("Dschordsch") nennen. Er hat schließlich den Vorteil, aus einer ganzen Reihe von Vornamen wählen zu können.

Die Engländer haben mit Königen namens Charles bisher nicht so viel Glück gehabt. Einer wurde kopflos und der andere hatte abenteuerlich viele Mätressen. Vielleicht möchte Charles nun nicht auch noch mit der Namenswahl an seine Tampon-Geständnisse erinnern, obwohl das ja eigentlich nur eine einzige Mätresse war. Zudem war er zu der Zeit – genau wie heute – "nur" Prince of Wales. Aber wenn man an den vierten Georg denkt, weiß man, daß auch Thronfolger es zuweilen schon bunt getrieben haben. Ganz England war schließlich damals entrüstet, wie der "Prince of Whales" (Leigh Hunt) mit seiner Frau Caroline von Braunschweig umgegangen ist.

Zum zweiten Karl und seiner Weiberwirtschaft vgl. hier
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_II._%28England%29


Lieber Herr Achenbach (1346#17323),

wenn Sie es keinem sagen, kann ich Ihnen ja verraten, daß ursprünglich vor "meiner" auch ein Komma stand. Durch Umstellung blieb nun leider nur noch das Komma nach "nach" stehen, was falsch ist.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.11.2010 um 02.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17326

Der eine Buchstabe fällt kaum auf, die Aussprache aber um so mehr! Dadurch hält sich die Elisabeth noch. (Schon die erste Queen Bess schrieb sich mit z, siehe hier.)
Den nächsten König wird man sicher Tscharls nennen. Die Engländer halten es im übrigen ähnlich wie die Deutschen und nennen John Charles of Spain Juan Carlos, so wie sie auch dazu übergehen, Regensburg statt Ratisbon zu schreiben usw. (und natürlich Mumbai für Bombay). Es ist alles ganz furchtbar weltläufig.

Übrigens ist es auch völlig unüblich geworden, vom Kaiser von Rußland zu sprechen. Es muß immer der (einigermaßen opake) »Zar« sein.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 25.11.2010 um 01.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17325

Lieber Herr Mahlmann,

Ihre Erwähnung des "einen Buchstabens" wirft ja interessante Fragen auf. Warum heißt die britische Königin überhaupt "Elizabeth". Im Englischen ist "Elisabeth" ja auch eine mögliche Schreibung. Überhaupt ist die Verwendung von z für das stimmhafte s im Amerikanischen weiter verbreitet als im Englischen. Hat sich auch Eilizabeth I von Anfang an ausschließlich so geschrieben? Anglisten an die Front!
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.11.2010 um 00.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17324

Es gibt zu viele Wörter, vor allem Fremdwörter.
Das bestärkt mich in der Annahme, daß auch einige deutsche Wörter ziemlich überflüssig sind:

Mein erster Kandidat dafür wäre beratschlagen. Was das Schlagen darin soll, wenn es nicht gerade ums Radschlagen geht, habe ich mich schon oft gefragt.

Auch das Wort bewerkstelligen finde ich schrecklich unnötig.
Und wenn jemand etwas tätigt, z.B. Einkäufe, Besorgungen, Geschäfte, dann fühle ich mich immer versucht, auf 110 einen Anruf zu tätigen und den Täter zur Anzeige zu bringen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 25.11.2010 um 00.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17323

Warum entschuldigen Sie sich für das Komma nach "nach"? Sie könnten sich anders herum auch für das fehlende Komma vor "meiner" entschuldigen. In beiden Fällen sähe ich keinen Anlaß für eine "Entschuldigung".
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 24.11.2010 um 21.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17320

In deutschen Übersetzungen für das niederländische Königshaus bleiben die Namen lebender Mitglieder unübersetzt. Bei Vertretern aus den Tiefen der Historie werden, wie in der Literatur üblich, die deutschen Namen verwendet, z. B. Wilhelm I. (nicht: Willem I). Ein Sonderfall ist Königin Wilhelmina, die auf deutsch eigentlich Wilhelmine heißen müßte, in der Regel aber mit ihrem niederländischen Namen bezeichnet wird. Interessant wird die Sache, wenn demnächst Kronprinz Willem-Alexander als Willem IV den Thron besteigt (so er sich nicht entschließt, seinem Rufnamen gemäß als König Alexander in die Geschichte einzugehen). Wilhelm I. – Wilhelm II. – Wilhelm III. – Willem IV? Das sähe ziemlich panne aus. Aber die Boulevardpresse und alle, die sich sonst noch für die Oranier interessieren, werden die Ordnungszahl in den meisten Fällen sowieso weglassen und vermutlich über »König Willem« berichten, schon um zu demonstrieren, daß sie das niederländische Pendant zu Wilhelm kennen. Allerdings sehen sich die beiden Namensformen sehr ähnlich. Bei Charles und Karl bin ich mir nicht so sicher, daß allen Lesern die Entsprechung bewußt ist.

Zum vermuteten Einwand der Impuristen: Königlich ist eben nicht nur der König oder die Königin selbst, sondern auch vieles in seinem oder ihrem Umfeld, zum Beispiel His Royal Highness the Prince of Wales oder Zijne Koninklijke Hoogheid de Prins van Oranje.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 24.11.2010 um 20.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17319

Das Komma nach "nach" bitte ich zu entschuldigen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 24.11.2010 um 20.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17318

Ich muß gestehen, daß ich 1975 noch zu jung war, um mich dafür zu interessieren, aber meiner Erinnerung nach, wurde der spanische König nie eingedeutscht.

Kann sich jemand an die Nachrichten von damals erinnern? War das Juan Carlos oder Johann Karl, der zum König von Spanien proklamiert wurde?
 
 

Kommentar von Marco Mahlmann, verfaßt am 24.11.2010 um 19.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17317

Herr Markner wirft die alte Frage auf, ob Königsnamen übersetzt werden. Bei Königin Elisabeth II. fällt der eine Buchstabe ja kaum auf; Prinz Karl kennt - zumal in der Boulevardpresse - niemand. Und hätten Wilhelm und Käthe das Zeug zum jugendlichen Traumpaar?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 24.11.2010 um 19.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17316

Nicht Wilhelm ist der Thronfolger, sondern Karl.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 24.11.2010 um 13.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17315

Ergänzend muß ich einwenden, daß das Wort "royal" im Deutschen bereits fest etabliert ist. Die Regenbogenpresse hinkt eigentlich vielmehr der Jugendsprache – woher das Wort kommt – hinterher. Ob sie sich dessen bewußt ist, mag dabei nebensächlich sein. Wahrscheinlich ist sie es nicht, sondern hat vielmehr verzweifelt versucht, die englische Phrase "royal wedding" irgendwie ins Deutsche zu übertragen. Nach der damals so genannten "Märchenhochzeit" von Charles und Diana, konnte oder wollte man diese Bezeichnung beim Sohn vielleicht vermeiden. Das weiß ich nicht.

In der deutschen Jugendsprache jedenfalls bezeichnet das Adjektiv "royal" meinen Informanten zufolge so etwas wie "besonders", "groß", "imposant" und kann dabei sowohl positiv wie negativ verstärkend wirken. Es gibt demnach neben dem "royalen Geschenk" wohl auch einen "royalen Anschiß". So weit habe ich das zunächst zur Kenntnis genommen, mochte dann aber den etwas hilflosen Erklärungsversuchen einiger befreundeter Lehrer nicht mehr folgen, wonach das Adjektiv mit dem Namen eines Hamburgers von Mc Donald's zusammenhängen soll. Aber da lasse ich mich nun gerne korrigieren oder anderweitig belehren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2010 um 12.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17314

Der englische Thronfolger William liebt seine Verlobte nicht bloß, er liebt sie "royal", und so wird er sie auch heiraten: royale Liebe, royale Hochzeit. Dieses Adjektiv versuchen die Zeitungen uns mit großem Einsatz beizubringen. Impuristen werden wahrscheinlich argumentieren, daß der Prinz ja noch kein König ist und es vermutlich auch im April 2011 noch nicht sein wird. Royal sind die Leute aber allemal. Trotzdem gebe ich dem Wort keine großen Chancen.

In der Presse werden auch königliche Gestalten aus durchaus nicht anglophonen Ländern gern als Royals oder gar Royaltys (bisher Royalties bezeichnet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.11.2010 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#17015

Bei ZVAB konnte ich gerade kein Buch bestellen, weil das System gewartet wird:

"Bitte entschuldigen Sie die temporäre Auszeit."

Gern geschehen! Aber warum "temporär"? Eine Auszeit ist – wie jede Zeit – immer temporär, und selbst wenn man es im Sinne von "vorübergehend" versteht, ist es überflüssig, sonst wäre es ja keine "Auszeit". Ich schlage vor:

"Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung."
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 13.10.2010 um 23.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#16900

Hoberg urteilt nur aus der Sicht der "Sprecher und Schreiber". Hörer und Leser kommen ihm gar nicht in den Blick. Erinnert das nicht sehr an die Rechtschreibreform?

Es ist schon erstaunlich, was für oberflächliche Argumente in diesem Zusammenhang aufgetischt werden.

Übrigens: Zu den besonders überflüssigen Wörtern zähle ich auch Kontext (ebenso wie Diskurs und thematisieren).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 13.10.2010 um 12.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#16897

»Das Fremdwort ist für den nicht überflüssig, der sich spreizen möchte.« Schön gesagt! Das heißt aber natürlich nicht, daß man die verblasene oder modische Ausdrucksweise klaglos hinnehmen müßte, wie Hoberg suggeriert. Überflüssig ist das gespreizte oder trendige Fremdwort häufig für die treffende Bezeichnung des Sachverhalts, und darauf hinzuweisen macht einen noch nicht zum engstirnigen Puristen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2010 um 09.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#16896

Natürlich nehme ich die Trennung so vor, wie Sie es vermuten. Das entspricht auch dem allgemeinen Sprachgebrauch. Soweit sich zwei Wörter in verschiedenen Sprachen überhaupt decken (als Übersetzungsäquivalente), sagt man doch, daß sie dieselbe Bedeutung haben, was aber selbstverständlich ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen Sprachen nicht berührt. Es wäre albern, etwas auf griechisch zu benennen, wenn es auf deutsch schon hinreichend und landesüblich benannt ist. (Damit umschreibe ich bloß noch einmal den bekannten Grundsatz der "Puristen", dem ich insofern zustimme.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 13.10.2010 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#16895

Indem Sie das Wort Genesis als gespreizt bezeichnen, widersprechen Sie Ihrer Behauptung, es habe dieselbe Bedeutung wie das Wort Entstehung, und geben Hoberg unfreiwillig recht – es sei denn, Sie trennen den vermeintlichen Glanz, den ein Wort auf seinen Benutzer und den Kontext wirft, von der Wortbedeutung.

Das Fremdwort ist für den nicht überflüssig, der sich spreizen möchte. Gerade deswegen ist Hobergs Behauptung, es fehle Anglizismengegnern häufig an sprachlichem Differenzierungsvermögen, befremdlich. Die Wörter Event und Ereignis mögen unterschiedliche Bedeutungen haben (Event wird tatsächlich eher im Sinne von Veranstaltung gebraucht), doch die Unfähigkeit, aufgeblasenes Geschwätz als solches wahrzunehmen, ist kein Beweis größeren Differenzierungsvermögens.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2010 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1346#16893

Wenn zum Beispiel jemand ein Buch "Die Genesis der kopernikanischen Welt" betitelt, so ist dieses Fremdwort meiner Ansicht nach überflüssig, denn "Entstehung" bedeutet genau dasselbe. Es gibt das Buch Genesis und damit Schluß! Mit der halben Eindeutschung "Genese" braucht man sich erst recht nicht zu spreizen.

Im großen und ganzen braucht man auch Bücher mit solchen Titeln nicht zu lesen, sie enthalten höchstwahrscheinlich nur angeberischen Schwulst.
 
 

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