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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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29.03.2013
 

Homunkulus
Zur Kritik des Kognitivismus

Aktiv oder passiv – eine sinnlose Unterscheidung

Besonders in der kognitivistischen Kritik am Behaviorismus hat sich ein Gemeinplatz ausgebreitet, der vom „rattomorphistischen“ Welt- und Menschenbild der Behavioristen das angeblich humanere der Kognitivisten abzuheben versucht. Das meistbenutzte Begriffspaar lautet „aktiv“ vs. „passiv“:

„Fest steht (...), daß Sprachwahrnehmung kein passiver oder bloß rezeptiver Aufnahme- und Decodierungsvorgang ist, sondern in allen Phasen (auch den peripheren, vermeintlich rein sensorischen) aktive Konstruktions- und Vergleichsprozesse involviert.“ (Clemens Knobloch in Glück 1993:589)
„Dieses Tätigkeitsmodell [der sowjetischen Psychologie] unterscheidet sich grundlegend vom bloßen passiven Reagieren auf äußere Stimuli (wie etwa im Behaviorismus)“ ... (Wolfgang Heinemann/Dieter Viehweger: Textlinguistik. Tübingen 1991:61)

Gerhard Helbig wertet kindersprachliche Übergeneralisierungen oder Analogiebildungen als Zeichen dafür, daß Spracherlernung keine „bloße Nachahmung“, „keine passive Nachahmung“ sein könne, sondern „aktive, abstrahierende Tätigkeit“, „aktives, schöpferisches Verhalten“, „aktive psychische Prozesse“ (Sprachwissenschaft - Konfrontation - Fremdsprachenunterricht. Leipzig 1981).

„Die Behavioristen nehmen an, daß Lernen passiv unter der Kontrolle externer Stimuli erfolgt. (...) Es ist klar, daß über externe Stimuli nur wenig, wenn überhaupt bedeutungsvolles Lernen bewirkt wird.“ (Ashgar Iran-Nejad in Siegfried J. Schmidt, Hg.: Gedächtnis. Frankfurt 1992:238f.) Dagegen stellt der Verfasser „die zentrale interne Steuerungsinstanz des Informationsverarbeitungssystems“ (240). „Aktive Steuerung ist Steuerung auf der Ebene des Ganzen, sie ist der Typ von Steuerung, der von einem Ganzen auf dessen einzelne Teile ausgeübt wird.“ (241)
„Daß Textverstehen kein passives Aufnehmen von Information, sondern ein höchst aktiver Vorgang 'im Kopf' ist, ist im letzten Jahrzehnt (...) durch die Gedächtnispsychologie und Psycholinguistik verdeutlicht worden.“ (Gerhard Neuner in Ders., Hg.: Kulturkontraste im DaF-Unterricht. München 1988:11)

Kognitivisten legen Wert auf die Aktivität als Merkmal der von ihnen untersuchten Vorgänge:
„Anpassung ist, wie alle Gegenstände der Psychologie, ein aktiver Prozeß.“ (Mario von Cranach u.a.: Zielgerichtetes Handeln. Bern 1980:79)
Auch nach Ulric Neisser ist Sehen ein „aktiver Prozeß“ (Ulric Neisser: Kognitive Psychologie. Stuttgart 1974)
„Hören ist kein passiver, sondern ein sehr aktiver Vorgang. (...) Der Text schickt Signale aus, die den Hörer auffordern, seinem Gedächtnis Inhalte zu entnehmen. (...) Verstehensstrategien sind problemorientierte, erlernbare (also auch lehrbare), bewußt einsetzbare, durch häufigen Gebrauch aber auch automatisierbare Techniken der effizienten Texterschließung.“ (Gert Solmecke: „Ohne Hören kein Sprechen“. Fremdsprache Deutsch 1992:4-11)
„Verstehen ist kein passives Aufnehmen von Information, sondern ein aktiver Prozeß, in dem die Lernenden eigenes Wissen, eigene Lese- und Verstehensstrategien einsetzen.“ (Hans Jürgen Krumm in Fremdsprache Deutsch 1990:20)
„Bereits damals (zu Beginn der modernen Spracherwerbsforschung Ende des 19. Jahrhunderts) gab es heftige Kontroversen über die Frage, ob Kinder ihre Sprache passiv durch Imitation oder kreativ und aktiv durch Verstehen der Umwelt lernen. (...) Behavioristisches Lernen beschreibt den Lernvorgang als Imitation und passiv erduldete Dressur. (...) Die Steuerung erfolgt auschließlich exogen. Am Anfang ist der Lerner eine Art tabula rasa. (...) Vor allem (...) findet die Art von kreativer Verarbeitung, die sehr charakteristisch für Sprachenlernen ist, im behavioristischen Ansatz keinen Platz. Hier bleibt der Lerner passiv. (...) Die Leistung des menschlichen Gehirns besteht nicht nur in einem passiven Registrieren von Sinneseindrücken, sondern auch und vor allem in ihrer Aufarbeitung und vielfältigen Koordinierung. (...) Es ist wichtig zu erkennen, daß das Gedächtnis in starkem Maße selbst aktiv werden und Informationen eigenständig verarbeiten kann.“ (Henning Wode: Psycholinguistik. München 1993)
„Lernen erfolgt nicht passiv, sondern ist ein aktiver Vorgang, in dessen Verlauf sich Veränderungen im Gehirn des Lernenden abspielen.“ (Manfred Spitzer: Lernen. Heidelberg 2002:4)
„Nun weiß man aber sowohl aus Untersuchungen des Erstspracherwerbs als auch aus solchen des Zweit- bzw. Fremdspracherwerbs, dass der Lerner den sprachlichen Input nicht nur passiv aufnimmt, sondern dass er ihn aktiv verarbeitet und in seine Wissensstruktur integriert. Sprachenlernen kann damit als ein kontinuierlicher kreativer Prozess des Bildens, Testens und Revidierens von Hypothesen über die Regularitäten der zu lernenden Sprache gelten.“ (Maria Thurmair: Die Rolle der Linguistik im Studium Deutsch als Fremdsprache. gfl 2/2001)

Hans Lenk verbreitet den ganzen Unsinn vom „aktiven“ Konstruieren anstelle des „passiven“ Ablesens, wie es der Behaviorismus angeblich angenommen habe. (Von Deutungen zu Wertungen. Frankfurt 1984:93) „Helmholtz' unbewußte 'Deduktion' ist wohl heute zu ersetzen durch Hypothesen- oder Interpretationsbildung und muß auf aktive, unterbewußte Verarbeitung bezogen werden.“ (94) „Wahrnehmung ist also konstruktiv im Sinne einer zentralnervösen Tätigkeit, sie ist eine Gehirntätigkeit, eine aktive Konstruktionstätigkeit.“ (95) „Es ist nicht damit getan, daß bei der Wahrnehmung etwas Externes einfach reproduziert, abgebildet wird. Die Kamera- oder Abbildtheorie der Wahrnehmung ist ebenso wie die bloße Reiztheorie falsch. Es handelt sich beim Wahrnehmen stets um ein aktives Selektieren, Strukturieren, Konstruieren oder wenigstens um ein Rekonstruieren.“ (103)
Norbert Groeben u. a. heben immer wieder hervor, daß ihr Forschungsprogramm Subjektive Theorien den Menschen als „aktiv“ oder „aktiv konstruierend“ betrachte, im Gegensatz zum Behaviorismus, der den Menschen mechanistisch als außengesteuertes Objekt angesehen habe. (Norbert Groeben u. a.: Forschungsprogramm Subjektive Theorien. Tübingen 1988:S. 6; 13 u.ö.

Hallpike stellt eine auf Piaget aufbauende Ethnologie dar. Die empiristische Lerntheorie betrachte Wissen nur als „passive Reproduktion von Sinneseindrücken“ (Christopher R. Hallpike Die Grundlagen primitiven Denkens. München 1990:16). Dagegen stellt er den Piagetschen Konstruktivismus:
„Menschen handelten nicht aufgrund eigener Ideen oder Intentionen so, wie sie handelten, oder weil ihre kognitive Ausstattung bestimmte autonome Strukturierungstendenzen verkörperte, sie spiegelten vielmehr passiv verschiedene Kräfte und Faktoren ihrer Umwelt wider.“ (Howard Gardner: Dem Denken auf der Spur. Der Weg der Kognitionswissenschaft. Stuttgart 1989:23 über den Behaviorismus) „Bransfords Ergebnisse zeigen kein passives, mechanisches Erinnern, sondern weisen darauf hin, daß Versuchspersonen Information aktiv und konstruktiv verarbeiten und Bedeutungen erschließen, statt sich an bloße Wortreihen zu erinnern.“ (ebd.139)
„Der Prozeß der Sprachaneignung ist jedoch kein passives Aufnehmen vorgefundener Sprachmittel und -strukturen, sondern ein durchaus eigenständiger Nachvollzug der Sprache durch das Kind.“ (Gabriele Pommerin in „Zielsprache Deutsch“ 1982:3)
„Der Hörer ist (...) nicht nur ein passiver Empfänger, der entweder richtig oder falsch versteht. Vielmehr ist Verstehen ein aktiver kognitiver Prozess eines Individuums, das eigene Ziele verfolgt, die sich im Normalfall von denen des Sprechers unterscheiden.“ (Klaus-Peter Wegera/Sandra Waldenberger: Deutsch diachron. Eine Einführung in den Sprachwandel des Deutschen. Berlin 2013:242)
„Until recently, it was assumed that an individual played a passive role in conditioning, with associations formed and strengthened automatically by the reinforced pairing of stimulus events and behavior manipulated predictably by environmental events. What was learned was assumed to be fixed associations and specific responses.“ (Philip G. Zimbardo: Psychology and life. Glenview 1988:294)
Etwas anders drückt Felix denselben Gedanken aus:
„Die Nativisten sehen den Menschen eher als einen agierenden und weniger als einen reagierenden Organismus an.“ (Sascha W. Felix: Psycholinguistische Aspekte des Zweitsprachenerwerbs. Tübingen 1982:188)

Wie sich bereits andeutete, mischen viele Autoren ihrer Darstellung einen teils polemischen, teils werbenden Ton bei und rücken die angeblich inhumanen Behavioristen auch moralisch ins Zwielicht. Helbig sagt mit dem Blick auf die „Überwindung“ des Behaviorismus durch die generativistische Theorie:
„Man erkannte wieder (...), daß die Lernenden einen Kopf haben, die Lehrer keine Tiertrainer, die Schüler keine Zirkuspferde sind.“ (Sprachwissenschaft - Konfrontation - Fremdsprachenunterricht. Leipzig 1981:35)
Monika Schwarz wählt in ihrem recht naiven Überblick über den Werdegang der Psychologie (vom Behaviorismus über einen durch Chomsky eingeleiteten „Paradigmenwechsel“ zur Kognitiven Psychologie) ihre Worte so, daß der Mentalismus gleichsam vornehmer dasteht als der platte Behaviorismus: Der Mentalismus nimmt „zielgerichtete Aktivitäten“ an statt „kausaler Mechanismen“, die auf „simple Reiz-Reaktions-Kontingenzen“ hinauslaufen usw. (Kognitive Semantiktheorie und neuropsychologische Realität. Tübingen 1992:12f.)

Das Beharren auf dem „Kreativen“ am Spracherwerb nimmt manchmal geradezu religiös-inbrünstige Züge an:
„The cognitive process of learning appreciates the real human characteristics of man: he is not locked within his habits; he possesses a creative force which expresses itself not only in his philosophical thinking and in his art, but also in his language: every sentence he speaks originates from a receptacle which has openness. It is a creative linguistic act, which remains within the system of rules (rulegoverned creativity).“ (L. K. Engels in Christoph Gutknecht, Hg.: Grundbegriffe und Hauptströmungen der Linguistik. Hamburg 1977:286)
John Searle sieht Chomskys größten Beitrag auf lange Sicht darin, „daß er einen wichtigen Schritt zu einer Rehabilitierung der traditionellen Auffassung von der Würde und der Einzigartigkeit des Menschen getan hat.“ („Chomskys Revolution in der Linguistik“, in: Günter Grewendorf/Georg Meggle, Hg.: Linguistik und Philosophie. Frankfurt 1974:404-438, S. 438)

Dazu paßt, daß der Behaviorismus durchgehend falsch als „Reiz-Reaktions“-Theorie dargestellt wird. Leo Montada zum Beispiel behauptet, der Empirismus – Skinner wird ausdrücklich erwähnt – halte den Organismus für passiv. „Das Menschenbild des Empirismus ist ein mechanistisches, das Piagets ein organismisches. Modell des ersteren ist die Maschine, mechanischen Funktionsgesetzen gehorchend, in Ruhe bis ein äußerer Impuls den Anstoß zur Bewegung gibt.“ Laut Behaviorismus bilden sich passive Widerspiegelungen und Assoziationen usw. („Piaget und die empiristische Lernpsychologie“. In: Piaget und die Folgen. München 1978: 290ff.) Das entspricht einem Irrtum, der auch sonst weit verbreitet ist. Mit der Ausspielung des „Organismischen“ gegen das „Mechanistische“ kann man vor allem in Deutschland leicht einen rhetorischen Vorsprung gewinnen.

Die entscheidende Kritik an der kognitivistischen Darstellung geht nicht von der Tatsachenfrage aus, ob ein Prozeß oder ein Organismus „aktiv“ oder „passiv“ sei, sondern weist sie aus begrifflichen Gründen zurück. In diesem Sinne hat auch Theo Herrmann schon gefragt, wodurch sich ein aktiver Prozeß von einem passiven unterscheide. („Über begriffliche Schwächen kognitivistischer Kognitionstheorien: Begriffsinflation und Akteur-System-Kontamination“. Sprache und Kognition 1:3-14; S. 5) (Herrmann selbst hat sich allerdings in späteren Arbeiten nicht an seine eigene Kritik gehalten.) Ein Sieb hält „aktiv“ die größeren Körner zurück und läßt „passiv“ die kleineren passieren – das ist offenbar keine sinnvolle Unterscheidung. Der Stoffwechsel, ein wesentlicher Teil des Lebens, kann weder aktiv noch passiv genannt werden, er findet einfach statt, ebenso die Informationsverarbeitung im Nervensystem. Es ist verfehlt, Handlungsbegriffe auf subpersonale Vorgänge anzuwenden. Man gerät dadurch unweigerlich in eine überholte und nutzlose Homunkulus-Psychologie.



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Kommentare zu »Homunkulus«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2015 um 08.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#30663

„Niemand braucht die Regeln der Grammatik zu kennen, er muss sie beim Sprechen und Schreiben nur richtig anwenden.“ (Schmachthagen 24.11.15)
Regeln, die man nicht kennt, kann man auch nicht anwenden. Man tut dann etwas anderes, was sich vom Betrachter als Regelanwendung darstellen oder simulieren läßt. Die Planeten wenden die Keplerschen Gesetze nicht an.
Mentalisten sagen, im Kopf des Sprechers müsse es so etwas wie die Regeln geben, wenn auch natürlich nicht in der Art formuliert, wie wir sie kennen. Aber auch das ist unnötig und stört die Untersuchung der Wirklichkeit. Regeln gehören logischerweise zu einer Sprache, also zur Kommunikation, aber warum sollte irgendeiner Bewegung (Planetenbahnen, Artikulationsverhalten) etwas Kommunikatives zugrunde liegen? In den Computer werden keine Regeln eingebaut, sondern Schaltungen; das ist etwas ganz anderes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2015 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#30524

Wir halten es für selbstverständlich, daß wir selbst und andere „Vorstellungen“ im Kopf haben, woraus die Psychologen scheinbar wissenschaftlich „Repräsentationen“ machen. Aber diese Konstrukte (folkpsychologische Modelle) sind über Jahrtausende entwickelt worden, und es ist unrealistisch anzunehmen, daß sie sich bei unseren Kindern „entwickeln“. Vielmehr eignen sich die Kinder nach und nach die entsprechenden Redeweisen der Erwachsenen an, als Teil der Verhaltenskoordination, und interessant ist allenfalls, wann und in welcher Reihenfolge sie das tun und ob zum Beispiel Autisten dazu nicht imstande sind.
Die mentalistische Psychologie leidet daran, daß sie die vermeintlichen Annahmen der Folk-Psychologie teilt, nur oft terminologisch ein wenig verfremdet. Manchmal kommt es uns vor, als ob wir in einem inneren Wörterbuch nachschlügen, und die Psychologen machen daraus ein „mentales Lexikon“. Damit erklärt man aber nichts, sondern handelt sich nur eine Menge unlösbare Schwierigkeiten ein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.10.2014 um 04.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27112

"To say 'the child who learns a language has in some sense constructed the grammar for himself' (Chomsky 1959:57) is as misleading as to say that a dog which has learned to catch a ball has in some sense constructed the relevant part of the science of mechanics." (B. F. Skinner: Contingencies of reinforcement. New York 1969:124)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.10.2014 um 18.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27039

Lieber Germanist, ich würde doch ein wenig Argumentation nicht als Angriff betrachten. Was soll uns denn nun das Beispiel sagen? Ich wäre ja durchaus bereit, eine gewisse Analogie in menschlichem und tierischem Wissen anzuerkennen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 13.10.2014 um 15.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27037

Wenn man Tieren "Wissen" abspricht, muß man es vielleicht "Gedächtnis" oder "Erinnerung" nennen, wenn ein Hund jemanden nach längerer Zeit am Geruch wiedererkennt oder eine Katze sich erinnert, wo sie mal früher gut behandelt worden ist, oder ein Elephant sich gemerkt hat, wer ihn mal früher schlecht behandelt hat. (Ich habe nicht die Absicht, irgendjemanden anzugreifen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2014 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27032

"Mentale" Prädikate können auf zweierlei Weisen "mißbraucht" werden:
1. indem man sie auf Nichtpersonen (nichtdialogfähige) Wesen anwendet: Planeten, Computer, Ameisen... wissen, glauben, wollen...
2. indem man sie auf Teile der Person anwendet: das Gehirn weiß, glaubt, will, sucht...
Diese beiden Irrtümer werden oft in einen Topf geworfen. Bennett/Hacker haben es klargestellt.

Natürlich kann man im Alltag metaphorisch und metonymisch sprechen, das ist harmlos; anders in philosophischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.10.2014 um 21.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27030

Lieber Germanist, ich bin nicht sicher, ob Sie mir damit zustimmen oder widersprechen möchten oder ob das mit meinen Bemerkungen nicht direkt zu tun hat.

Was die Tiere "wissen", "wissen" sie das Ihrer Meinung nach explizit oder implizit? Da Tiere sich nicht verbal mitteilen können, soll das anscheinend ein Beispiel für implizites Wissen sein? Also ein Gegenbeispiel für mich?

Ich habe geschrieben, daß alles Wissen auch verbal vermittelt werden kann, das heißt mit anderen (Ihren) Worten, die Fähigkeit zur verbalen Mitteilung ist eine notwendige Bedingung für Wissen. Dann sind wir also doch einer Meinung? Aber was ist dann mit dem Tierbeispiel?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.10.2014 um 12.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27026

Der Eichelhäher und die Krähe haben gesehen, wo das Eichhörnchen seine Vorräte versteckt hat, und wissen es dann.
Für eine Prüfung genügt es nicht, nur im wörtlichen Sinne eine "Vorlesung gehört" zu haben, man muß auch selbst Übungsaufgaben gelöst haben. Für das Wissen ist die verbale Mitteilung nur eine notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung, es muß auch das Verstehen hinzukommen. Das Verstehen muß man sich selbst erarbeiten.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.10.2014 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27024

Es ist wohl eine Frage der Definition. Was ist "Wissen"?
Wenn ich darunter alle konkreten, verbal vermittelbaren Gedanken verstehe, erübrigt sich natürlich die Frage, ob es nicht verbal vermittelbares Wissen gibt.

Wenn man andererseits, wie in Wikipedia, auch nicht verbalisierbare neuronale Bewegungen (Fähigkeiten, Reflexe) Wissen nennt, dann gibt es eben in diesem Sinne nicht verbal vermittelbares Wissen.

Was wäre also eine vernünftige Definition?

Ein anderes Wikipediabeispiel für implizites Wissen lautet:
„Papa, warum sagt man eigentlich laufen/gelaufen, aber nicht studieren/gestudiert?“ Obwohl Herr Müller das zweite Partizip Perfekt ständig richtig bildet, kann er die Regel, die er implizit kennt, nicht verbalisieren.

Was würde denn Herr Müller seinem Sohn antworten? Natürlich sagt er "Ich weiß es nicht" und nicht "Das weiß ich leider nur implizit". Er kennt die Regel auch nicht implizit. Was er wirklich weiß, ist, daß es studiert heißt, und das kann er seinem Sohn auch klar verbal vermitteln. Aber die Frage war ja "Warum?", und genau das weiß er eben nicht, und was er nicht weiß, kann er natürlich auch nicht verbalisieren. Nichtwissen als implizites Wissen zu bezeichnen ist doch unsinnig.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.10.2014 um 00.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27015

Die Frage, ob "stilles" Wissen existiert, ist meiner Ansicht nach in jeder Sprache formulierbar, und die Antwort muß in jeder Sprache sinngemäß gleich, und zwar 'nein' lauten.

Der genannte Wikipedia-Artikel macht m. E. den Fehler, bestimmte, teils spontane Fähigkeiten und sogar Reflexe als Wissen zu bezeichnen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.10.2014 um 23.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27014

Heidegger hat als Sprachchauvinist ebenfalls die Verhältnisse im Deutschen verabsolutiert und andere Sprachen als nicht satisfaktionsfähig angesehen, was ihn allerdings nicht daran gehindert hat, Begriffe wie z. B. Dasein mit anderen Inhalten zu füllen oder mit Neologismen um sich zu werfen. Die Anmerkung war also ganz allgemeiner Natur und nicht auf den Fall wissen/können bezogen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.10.2014 um 23.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27013

Heidegger und sein Verhältnis zu wissen/können kenne ich zu wenig, um zu wissen und damit sagen zu können, warum es nicht ratsam wäre, seinen Standpunkt einzunehmen.

Andere Bedeutungen von wissen (ähnlich wie bei savoir) gibt es zwar auch im Deutschen, er weiß sich zu benehmen/helfen oder er weiß zu gefallen, aber i. a. ist es doch eher auf etwas Gewisses als auf eine Fähigkeit gerichtet, was anscheinend bei der französischen Entsprechung viel beliebiger ist.

Jemand kann "wissen wie es geht", wenn er jahrelang Physik und Medizin studiert hat, er kann jede Einzelheit des Fahradfahrens genau erklären, trotzdem wird er sich nach seinem Studium wackelig wie ein absoluter Anfänger zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Fahrrad setzen. Er kennt also nicht nur implizit sämtliche physikalischen und medizinischen Geheimnisse des Fahrrades und seines Körpers, trotzdem kann er es nicht, muß die motorischen Fertigkeiten erst einüben.
Es soll schon Schwimmlehrer gegeben haben, die selbst nie schwimmen konnten.

Um diesen Unterschied zwischen dem Wissen/Kennen von bestimmten Fakten und Sachverhalten einerseits und dem Können (aufgrund einer Fähigkeit oder Erlaubnis zu etwas in der Lage sein) andererseits geht es doch hier (nicht um Unterschiede in verschiedenen Sprachen), und vor allem darum, ob ersteres auch in einer "stillen" Form vorkommt oder ob, wie ich meine, jedes Wissen verbal vermittelbar ist.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.10.2014 um 18.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27012

Im Deutschen sollte das Modalverb "können" öfter durch genauere Verben ersetzt werden, denn es kann 1.) körperlich imstande sein: "ich kann 10 km laufen" (ich schaffe das), 2.) geistig imstande sein: "ich kann das ausrechnen" ( ich weiß das), 3.) dürfen: "ich kann zuhause bleiben" (ich darf das) bedeuten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.10.2014 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27011

Wissen ist eindeutig, savoir hingegen mehrdeutig? So einfach sollte man es sich nicht machen, sonst landet man geradewegs bei Heidegger.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.10.2014 um 17.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27010

Wenn in anderen Sprachen das Wort Wissen mehrdeutig ist, dann muß man dort eben genauer eingrenzen, welche Art "Wissen" man meint. Wenn man aber im Deutschen von implizitem Wissen spricht, also von Wissen, das man nicht verbal beschreiben kann, dann ist sehr klar was damit gemeint ist, es ist ein Widerspruch in sich. Wissen hat mit Bewußtsein zu tun, stilles Wissen wäre also etwa unbewußtes Bewußtsein.
Was jemand weiß, was ihm bewußt ist, jeden Gedankeninhalt, all das kann er auch mit Worten beschreiben. Man kann m. E. ohne Worte gar nicht denken, also auch nichts wissen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.10.2014 um 17.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27008

Das ist etwas, was einem Deutschen bei den slawischen Sprachen sofort auffällt: Das Modalverb "können" ist eingeschränkt auf körperlich imstande sein, alles andere heißt "wissen": Ich weiß zu schwimmen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 10.10.2014 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27007

Wobei in anderen Sprachen die Grenzen zwischen Wissen und Können anders verlaufen: « Je sais nager » und nicht « Je peux nager ».
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.10.2014 um 16.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27006

Das heißt, das Beispiel mit dem Fahrrad ist falsch.

Aber kann es das überhaupt geben, ein Wissen, das man nicht in Worte fassen kann?

Ich meine, nein. Das scheint mir gerade der Unterschied zwischen Wissen und Können zu sein. Was man nicht sagen kann, weiß man auch nicht. Man kann es eventuell.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2014 um 14.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#27005

Implizites Wissen oder stilles Wissen (vom englischen tacit knowledge) bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, „können, ohne sagen zu können, wie“. Jemand „weiß, wie es geht“, aber sein Wissen steckt implizit in seinem Können, ihm fehlen die Worte, um dieses Können zu beschreiben oder es anderen verbal zu vermitteln. Ein Beispiel dafür ist die Fähigkeit, auf dem Fahrrad das Gleichgewicht zu halten. Wer das vermag, kennt – aber eben nur implizit – eine komplexe physikalische Regel, die Neigungswinkel, aktuelle Geschwindigkeit, Kreisel­gesetze und Lenkeinschlag berücksichtigt. (Wikipedia)

Der Planimeter-Trugschluß in reinster Form. Ich wende beim Radfahren weder explizit noch implizit physikalische Regeln an. (Ich würde sofort umfallen.) Die neuronalen Vorgänge steuern ein Verhalten, das der Physiker unter Anwendung dieser Regeln erklären könnte. Der Neurologe würde niemals versuchen, die Regeln im Gehirn aufzufinden. Die Planeten kennen auch implizit die Keplerschen Gesetze nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2013 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#24266

Lesen ist ein aktiver innerer Prozeß des Lesers. (Theodor Lewandowski: Deutsch als Zweit- und Zielsprache. Trier 1991:153)

Lesen ist eine Tätigkeit, das bedarf keiner ausdrücklichen Feststellung. Das "Innere" ist eine Zutat aus dem Vorrat der Folk psychology, naiv und wissenschaftlich wertlos. Grammatisch anstößig ist auch schon die Rede vom Prozeß des Lesers. Nehmen wir großzügig an, daß es ein Vorgang im Leser sein soll, dann erhebt sich wieder die Frage, was aktive und passive Vorgänge unterscheidet. Kurzum, das Ganze ist sinnlos, entgegen dem ersten Augenschein.

Und so geht es heute in Lingustikbüchern zu, Seite um Seite.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 05.05.2013 um 07.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#23135

Die Generativisten (Chomsky-Anhänger) mit ihrer Regel-Besessenheit haben keine Sprachdidaktik entwickeln können, weil sie nie erklären konnten, wie sich das Regelanwenden "üben" läßt.

Die Rechtschreibreformer waren (und sind) natürlich auch Generativisten (ich glaube es war Herr Jochems, der die Neuregelung einmal als "generative Orthographie" bezeichnet hat).

Dies beginnt schon bei der Annahme von "Laut-Buchstaben-Beziehungen". Bereits Hermann Paul hat mehrfach darauf hingewiesen (und an Beispielen belegt), daß dies ein Irrtum ist. In dem auf diesen Seiten bereits zitierten Buch von Augst/Dehn zum Rechtschreibunterricht wird jedoch diese falsche Annahme zugrundegelegt. Christa Röber und Helmut Spiekermann haben in einem Aufsatz (Zeitschrift für Pädagogik 46/2000) bemerkt, daß diese und ähnliche Ansätze ("Anlauttabellen", "Pilotsprache") schon im Ansatz verfehlt sind und Kinder erst dann selbständig richtig lesen und schreiben können, "wenn sie sich von dem in den Lehrgängen Gelernten in elementaren Bereichen gelöst haben", wenn also das Gelernte ("die Regeln") bewußt oder intuitiv als falsch erkannt wurde. Sie heben auch hervor, daß dies nur wenigen Schülern gelingt, also für die meisten schädlich ist. Am Rande sei bemerkt, daß die beiden es sich nicht verkneifen konnten, eine Perle der Augstschen Didaktik zu zitieren: "Schreibe, wie du sprichst, wie du explizit schreibst", ein Tip(p), für den jeder Grundschüler Herrn Augst gewiß die Füße küssen wird.

Zusätzlich zu dieser Regelebene (d.h. Teil A der AR) haben die Reformer aber noch zwei weitere Ebenen eingezogen, nämlich zunächst die in den Teilen B bis F aufgeführten Regeln, die aber wegen ihrer Fixierung auf "formale" Kriterien außerdem die Kenntnis (teilweise auch die bewußte Ignorierung) fortgeschrittener "Grammatikregeln" erfordern. Eine vierte Ebene ist schließlich das Wörterverzeichnis, aus dem so manches hervorgeht, was man aus dem Regelwald nicht ableiten kann.

Anders ausgedrückt: Man hat durch die als Fortschritt gepriesene Verregelung (die sich, wie Herr Ickler richtig bemerkt hat, nicht einüben läßt) das Lernen (Anpassung, Gewöhnung, wie man es auch immer beschreiben mag) erschwert.

Gewußt hat all dies freilich auch schon der erfahrene Lehrer Konrad Duden, der im Vorwort zur ersten Auflage seines Wörterbuches bemerkte, "für alle diejenigen, die ohne den langsamern und schwierigern Weg der Anwendung allgemeiner Regeln auf einzelne Fälle zu betreten, mitten in der Arbeit des Schreibens, Korrigierens oder Setzens schnell und zuverlässig über ein bestimmtes Wort, dessen Schreibung ihnen im Augenblick unsicher ist, Aufschluß haben wollen, (sei) ein alle Wörter enthaltendes Nachschlagebuch geradezu ein unabweisbares Bedürfnis." (Hervorhebung von mir)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2013 um 06.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#23008

Die Generativisten (Chomsky-Anhänger) mit ihrer Regel-Besessenheit haben keine Sprachdidaktik entwickeln können, weil sie nie erklären konnten, wie sich das Regelanwenden "üben" läßt. Ihre Polemik gegen die behavioristische Auffassung von "habits" hat ihnen die Möglichkeit verbaut, Sprechen als Geschicklichkeitsleistung zu verstehen. Chomksy mußte daher schon früh behaupten, Sprechen sei etwas vollkommen anderes als Radfahren. Sprechen sei Regelanwenden, eine Fähigkeit, die etwa nach Piaget erst im pubertären Alter zu erwarten sei. Daher müsse Sprache angeboren sein usw. Sehr naiv.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2013 um 14.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#23002

Man muß es eben lernen und üben, wie Bälle fangen usw. Der Organismus verändert sich durch die Anpassung an die Umwelt. Mit der Wahl des Begriffs "Speicherung" tut man so, als wüßte man, wie es geschieht. Schlimm, wenn man dann, von der eigenen Metapher verführt, nach dem Speicher sucht.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.04.2013 um 13.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#23001

Natürlich muß man auch grammatische Regeln abspeichern, z.B. welche Präpostion in welcher slawischen Sprache welchen Fall benötigt. Ohne Grammatikregeln kann man in diesen Sprachen keine Sätze bilden. Aber das wird durch Übung zu einem unbewußten Automatismus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.04.2013 um 05.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22998

Um Worte soll man nicht streiten. Man müßte weiter ausholen, um die Untunlichkeit der Rede von mentalen Lexikon usw. darzutun. Im Augenblick begnüge ich mich mit der Behauptung, daß nichts gewonnen ist, wenn man sagt, der Pianist habe Beethovens Sonaten "gespeichert". (Ich habe sie übrigens auch gespeichert, erstens als Noten im Regal, zweitens als CDs und LPs, drittens lückenhaft im Kopf vom Anhören, nur spielen kann ich sie leider trotzdem nicht. Das gilt auch vom Fremdsprachenlernen: Speichern Sie nur! Aber wie kommen Sie von dort zum Sprechen?)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 16.04.2013 um 03.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22997

Die Formulierungen von Professor Ickler klingen teils so, als werde nichts gespeichert ("nach Skinner"), teils heißt es, die Begriffe "Speicher" und "speichern" seien irreführend. Ohne mich in das Thema eingearbeitet zu haben: Es kann ja gut sein, daß es im Gehirn einen typischen, separaten Speicher nicht gibt, vielleicht nicht einmal irgendeine materielle Grundlage für eine separate Ablage von Informationen (etwa Eiweißmoleküle oder Bestandteile von Nervenzellen, die verschiedene Konfigurationen annehmen und je nachdem andere "Informationen" im Kontakt bereithalten können). Dennoch leistet das Gehirn unter anderem dasselbe wie ein Computerspeicher (jedenfalls etwas sehr ähnliches). Wieso sollte man dann nicht von einem Speicher reden? Ich schätze, daß die "Speicherung" auf ungewöhnliche, nicht sezierbare Weise zustande gebracht wird. Eine Speicherung ohne Speicher, ein Speicher (funktional) ohne Speicher (materiell).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 15.04.2013 um 14.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22993

Irgendwo müssen meine Frendsprachen-Vokabeln abgespeichert sein. Je leerer der Speicher noch ist, desto leichter lassen sich Informationen abspeichern, und je voller er schon ist, desto mühsamer. Das Problem ist der Zugriff. Bei mir beträgt die Zugriffszeit auf weiter zurückliegende Informationen durchschnittlich 10 Minuten. Manches findet man nur durch Zufall wieder. Die Datenverarbeiter sprechen von "Assoziativspeicher", denn reines Warten hilft oft nicht, wohl aber Stichworte (oder Stichwörter?).
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 15.04.2013 um 13.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22990

Vielen Dank. Teilweise leuchtet das ein. Eine neue Sichtweise. Aber der Vergleich mit einem Computer? Dieser hat einen Arbeitsspeicher (Kurzzeitgedächtnis) und greift auf eine Festplatte zu (Langzeitgedächtnis). Daß ein Computer eine Peripherie braucht, um die Speicher zu füllen und nutzbar zu machen, ändert nichts daran, daß es Speicher sind.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 15.04.2013 um 09.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22987

Ein recht interessanter Artikel zum Thema, ob es ein "mentales Lexikon" gebe oder nicht, war m.E. dieser hier: crl.ucsd.edu/~elman/Papers/Mental%20Lexicon2011.pdf.
Konnektionisten wie Elman scheinen es zwar noch für notwendig zu halten, sich von den Behavioristen zu distanzieren (in "Rethinking Innateness" z.B.), aber sie sind ihnen z.T. doch näher, als sie glauben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.04.2013 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22986

Nein, die Speicher-Begrifflichkeit ist irreführend. Lernen ist Anpassung, nicht Speicherung.

Eine Mausefalle oder ein Fliehkraftregler sind Maschinen, die in bestimmter Weise auf die Umgebung "reagieren". Man kann aus ihnen Informationen über Mäuse bzw. Dampfmaschinen (Mühlen, Uhren, Plattenspieler usw.) ablesen. Man muß nur schon wissen, daß es Mausefallen bzw. Fliehkraftregler sind, denn erst zusammen mit der Peripherie sind es überhaupt solche Maschinen.

Der Computer speichert ja auch nicht Texte wie diesen hier, sondern steuert eine Peripherie, in der es überhaupt erst zu Texten kommt, aber auch zu etwas anderem kommen könnte.

Ebenso bei biologischen, also durch Phylogenese und Lerngeschichte "programmierten" Maschinen. Das einfache Nervensystem des schon besprochenen Schützenfischs steuert das Jagdverhalten des Fisches, aber die Informationen über die Beute, das Wasser, den Brechungswinkel, den Fischkörper usw. sind nicht in ihm "gespeichert".

Die Suche nach dem Speicher kann keinen Erfolg haben, kein Biologe versucht sich daran. Nur Philosophen und Linguisten wollen es nicht begreifen. Wenn das mentale Lexikon (im Gehirn, wie Gauger treuherzig hinzufügt) nicht alphabetisch geordnet ist, so könnte es doch im Prinzip alphabetisch geordnet sein ... Und nun wollen wir uns mal ein Gehirn ansehen. (Kalbshirn tut es auch.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 10.04.2013 um 14.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22949

Wie, in meinem Kopf ist nichts gespeichert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.04.2013 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22947

Die Wörter – das sind die Wörter, wie sie im Wörterbuch stehen, im Lexikon und zwar nicht nur in dem, das ein Lexikograph, ein Wörterbuchschreiber, gemacht hat, sondern auch in dem inneren Lexikon, das wir, wie unsere Sprache überhaupt, im Gehirn (wo sonst?) mit uns herumtragen. Wie immer dies innere Lexikon angelegt ist, wie immer es ‚arbeitet’, wie immer aus ihm beim Sprechen und Verstehen die Wörter ‚abgerufen’ werden – es muss ein solches Lexikon geben, auch wenn es, soviel ist jedenfalls sicher, nicht alphabetisch angeordnet ist. Die mehr oder weniger sorgfältig gearbeiteten Lexika der Lexikographen, die wir deutsch also zu Recht „Wörterbücher“ und nicht „Wortebücher“ nennen, suchen, dieses innere Wörterbuch abzubilden. (Gauger zu Worte/Wörter: www.deutscheakademie.de/sprachkritik/?p=196#more-196)



So denken viele, fast alle. Nur die Behavioristen nicht. Daß man bei bestimmten Gelegenheiten Wörter aussprechen kann, bedeutet doch nicht, daß diese Wörter in unserem Kopf gespeichert sind. Die Speichertheoretiker haben nicht die leisteste Ahnung, wie das Nachschlagen und Ablesen vor sich gehen soll. (Man spricht auch vom Scanning-Problem.) Ganz zu schweigen von der Speicherung selbst. Die These bleibt also völlig leer und wäre gar nicht ernst genommen worden, wenn nicht das scheinbar Zwingende dieses Trugschlusses wäre.
Es gibt Pianisten, die zwanzig verschiedene Klavierabende geben könnten, ohne je in die Noten zu gucken. Was haben sie "gespeichert"?
Nach Skinner verändert sich der Organismus (selbstverständlich) durch Lernen, aber er "speichert" nichts. (Und "repräsentiert" auch nichts, wenn dieses Wort noch einen unterscheidenden Sinn haben soll.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.03.2013 um 11.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548#22886

Die gleiche plumpe Unterscheidung findet sich in jeder Handbuchdarstellung der neueren britischen Philosophie seit Locke. Danach war James Mill ein Passivist, sein Sohn John Stuart Mill hingegen ein Aktivist, usw. So wogt es immer hin und her.
 
 

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