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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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19.11.2005
 

Tageszeiten
Aus der Geschichte nicht nur der Forschung

Dieses Teilgebiet der reformierten GKS soll nach Auffassung einiger Ratsmitglieder nicht geändert werden. Deshalb hier noch einmal ein paar Einzelheiten:

Seit dem Kompromißvorschlag der DASD von 2003 ist Peter Eisenberg bereit, die Großschreibung der Tageszeiten hinzunehmen, weil die syntaktischen Verhältnisse in Verbindungen wie heute abend/Abend nicht klar seien (Zur Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Kompromißvorschlag. Wallstein Verlag 2003, 2. durchgesehene Aufl. im selben Jahr). Vier Jahre zuvor hatte Eisenberg aus der Einsicht in die Ungeklärtheit die richtige Folgerung gezogen:

„Die weitaus meisten Änderungen betreffen die Großschreibung der Substantive. Nachdem die sogenannte gemäßigte Kleinschreibung nicht durchsetzbar war, hat man versucht, mit teilweise mechanischen Regelungen zu einfachen Lösungen zu kommen.
Zeitangaben. Begrenzt im Umfang ist die Großschreibung des zweiten Bestandteils von Zeitangaben wie heute Morgen, gestern Nachmittag. Der alten Regelung lag die Fehlanalyse zugrunde, es handle sich bei diesem Bestandteil um ein Adverb. Zwingend ist die Neuregelung nicht, weil Großschreibung der besondere, Kleinschreibung der allgemeine Fall ist. Wenn man nicht genau weiß, ob es sich um ein Substantiv handelt, ist klein zu schreiben. Also sollte man es auch in diesen Fällen tun.“ (Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie. Februar 1999)
Die Kleinschreibung hing nicht an der „Fehlanalyse“ als Adverb, sondern an der Untunlichkeit der Deutung als Substantiv. Im übrigen spricht tatsächlich alles für die adverbiale Deutung, denn das Muster ist morgen früh, worin zweifellos das Adverb zu erkennen ist, mhd. morgen fruo (ohne Umlaut) oder früeje. Mit der Beschreibung des Verhältnisses der beiden Teile zueinander haben wir dieselben Schwierigkeiten wie mit den sogenannten engen Appositionen, die man aus Verlegenheit auch zu den „Juxtapositionen“ stellt. Wie immer dem auch sei: Im Zweifel schreibt man klein, das ist die Grundlage der Reform wie auch der bisherigen Rechtschreibung.

Aus der Geschichte der Forschung:

Im Deutschen Wörterbuch heißt es unter „heute“:
„Nach der oben erwähnten begriffsausdehnung von heute bezeichnet man die einzelnen theile des tages im falle genauerer hervorhebung durch adverbiale zusätze: heute früh; heute morgen; heute vormittag; heute abend; heute nacht; als ir nun heüt morgen also mit einer groszen und starken stimm auf der kanzlen anfiengen zu schreien. WICKRAM rollw. 114, 20 Kurz; heute nacht träumte ich mich wieder in meinen geschäften. GÖTHE 28, 80; heute nacht hat es sehr geregnet. 29, 300 (...)“ und weitere Beispiele.

Wilmanns schrieb:
„Wer aus grammatischen Rücksichten morgens, mittags u. s. w. schreibt, wird auch hier die Minuskel anwenden müssen; denn es sind hier zwei Adverbien neben einandergesetzt, von denen das eine das andere näher bestimmt; dem Substantivum ist solche Verbindung versagt. Vgl. „gestern morgen“ und „gestern früh“. (Wilmanns 1880, S. 159; ähnlich 1887, S. 187.)

Heutige Grammatiker meinen:
„Es handelt sich nicht um eine reguläre Flexionsform von Abend, da sie keinen Kasus aufweist; nominale Lexeme haben sonst nur kasusbestimmte Flexionsformen.“ (Peter Gallmann 1991; vgl. auch derselbe in der Dudengrammatik 2005, S. 194.) Auch der Reformer Klaus Heller stellt in einer millionenfach verbreiteten Kurzfassung fest, daß die Bezeichnung der Tageszeiten hier „nichtsubstantivisch“ gebraucht werde und daher bisher klein geschrieben worden sei. Ebenso spricht Sitta 1992 in seinem Gutachten für das Symposion Deutschdidaktik vom „nichtsubstantivischen Gebrauch“. Übrigens hätte, wie auch Eisenberg bestätigt, nach dem Muster von heute Abend auch Freitag Abend anerkannt werden müssen; die allein reformgemäße Form Freitagabend resultiert aus einem ganz anderen grammatischen Programm und kommt zusätzlich zustande.

Nachdem die Kritik als Reductio ad absurdum auch morgen Früh für geboten erklärt hatte, nahmen die Reformer dies tatsächlich in die Wörterbücher auf; im revidierten amtlichen Wörterverzeichnis vom November 2004 ist es allerdings nicht mehr enthalten, wohl aber noch im Wahrig 2005. (Der alte Duden war bei den Tageszeiten auch schon unvollständig, insofern er das reguläre dienstagabends nicht anführte.) Übrigens fehlt in allen neuen Wörterbüchern die Konstruktion neulich (Nacht usw.) (zahllose Belege!). Das amtliche Regelwerk scheint an diesen Fall nicht gedacht zu haben, denn neulich fehlt in der Aufzählung der Adverbien.



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Kommentare zu »Tageszeiten«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2017 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#35370

Mit einem Streik haben Beschäftigte im Nürnberger Einzelhandel am Freitagfrüh (16. Juni) ihrer Forderung nach mehr Gehalt und einem allgemeinverbindlichen Branchentarifvertrag Nachdruck verliehen. (inFranken.de 16.6.17)

Ist das nun richtig? Vgl.

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#13952
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29678
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#26207

Duden online lehrt:

Dienstagfrüh
Wortart: Substantiv ohne Artikel


Wenn es keinen Artikel hat, kann man das Genus nicht bestimmen. Zu erwarten wäre die Dienstagfrüh.
Dann klappt es aber mit der Verschmelzung am nicht.

Der Rechtschreibrat hat es bisher nicht geschafft, nicht einmal versucht, diese tagtäglich vorkommende Frage zu beantworten. Er diskutiert jahrelang die Streichung entlegener Varianten (Masurka, Negligee).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2017 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#34258

„Da der adverbiale Charakter dieser Desubstantivierungen aus linguistischer Sicht kaum in Zweifel stehen dürfte, führt die Konzession an unterstellte Schreiberinteressen hier wiederum zu einem 'Vordringen' der Majuskel in nichtsubstantivische Bereiche.“ (Ewald/Nerius in Blüml et al. 1997:425f. über gestern Abend usw.)

So haben führende Reformer wie Nerius über ihr Werk gedacht, als es noch gar nicht in Kraft getreten war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.12.2016 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#34192

Duden glaubt zu wissen, daß neulich Abend geschrieben werden muß, extrapoliert also aus der geschlossenen Liste, die neulich nicht enthält. neulich fehlt aber nicht nur in der Liste der Adverbien, sondern seit je auch im amtlichen Wörterverzeichnis, obwohl es zum Zertifikatswortschatz gehört.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2016 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#33841

Meine Tochter fragt mich, wie man jetzt "Dienstag früh" schreibt. Wie ich sehe, gibt Duden online heute eine andere Auskunft als die 25. Auflage des gedruckten Duden. Das amtliche Verzeichnis schweigt sich aus, ebenso der Rechtschreibrat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2016 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#31673

Heute Nacht noch würde sich Herr Oettinger erschießen (wenn er mit Frau Petry verheiratet wäre), berichten alle Zeitungen, ohne sich zu fragen, wieso an dieser Stelle ein Substantiv stehen soll. Wie ernst kann man eine solche Presse nehmen?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.12.2015 um 15.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#30930

Die Aufpasser bei Wikipedia dulden zwar keine herkömmliche Rechtschreibung (ganz zu schweigen von Reformkritik), aber was sie selbst hervorbringen oder stehen lassen, ist auch nicht berückend. Davon zeugt fast jeder längere Eintrag. Überall ist der Wille zur Folgsamkeit deutlich, aber sie können es einfach nicht:

Auch die Sendezeit (Sonntag Vormittags) war diesem Titel angepasst. (Über Höfers Internationalem Frühschoppen)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 10.08.2015 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29679

"am Vormittag und auf offener Straße"
heißt es dazu auf sueddeutsche.de.

Da fragt man sich doch sofort, wie paßt das denn zusammen, was ist so Sensationelles am Vormittag? Gemeint war 'am hellichten Tag', das würde wenigstens passen, wenn auch 'auf offener Straße' noch nicht einmal stimmt, denn laut anderen Berichten geschah es in einem Geschäft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2015 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29678

Eine 55-Jährige ist am Montagfrüh auf offener Straße im niederbayerischen Pfarrkirchen erschossen worden. (Welt 10.8.15)
Dienstag früh (amtl. Regelung)
wir haben davon erst Dienstagfrüh aus der Zeitung erfahren (Duden online)
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 09.07.2015 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29393

Zu #29391, - Die Frist läuft mitternacht(?) ab. ("mitternachts" hätte hier eine andere Bedeutung.)
Im Zweifel sowieso (nach Faustregel) klein. Verglichen mit "Die Frist läuft (am) Dienstag ab": Dienstag ist (auch als Adverbial) ein Name, Mitternacht eine Bezeichnung, "mitternacht", wie "heute", ein Adverb. Mit derartiger Hinsicht schreibe ich jedenfalls hier groß oder klein.

Zu meinem "Dienstag ist (auch als Adverbial) ein Name": Ich wollte als Schüler "er kommt dienstag" schreiben, denn für mich war *dienstag* hier doch ein Adverb (die Bezeichnung Adverbial kannte ich damals ja noch gar nicht); aber mein (sehr guter) Deutschlehrer hat es mir ausgeredet. Ich erinnere mich jedoch nicht mehr daran wie. Wohl ohne irgendwelche Begründung, denn sonst würde ich mich daran sicher erinnern.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 09.07.2015 um 08.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29391

Ein weiteres (auch vom alten Duden ungelöstes) Problem ist Mitternacht.

§ 55 (6) enthält zwar das Beispiel "Die Frist läuft übermorgen Mitternacht ab.", aber wo soll man Mitternacht in anderen Zusammenhängen einordnen?

- Die Frist läuft später ab.

- Die Frist läuft übermorgen ab.

- Die Frist läuft (am) Dienstag ab.

- Die Frist läuft mittags ab.

- Die Frist läuft um Mitternacht ab.

- Die Frist läuft mitternacht(?) ab. ("mitternachts" hätte hier eine andere Bedeutung.)


- Bis später.

- Bis morgen.

- Bis Montag.

- Bis Mitternacht / mitternacht(?).

Nicht möglich:

* Bis Nacht.

* Bis früh.


(In Herrn Icklers Wörterbuch ist das natürlich sachgerecht und durchdacht berücksichtigt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2015 um 03.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29154

Wie eine kurze Recherche ergibt, extrapolieren sämtliche Zeitungen die Großschreibung der Tageszeiten auf die Verbindung neulich Abend usw. Das ist jedoch nicht zulässig, weil das Regelwerk unter § 56 (6) eine geschlossene Liste hat. Es muß also heißen gestern Abend, neulich abend. Das hat natürlich keinen Sinn, aber es ist so. Der Rechtschreibrat hat sich bisher nicht dazu aufgerafft, die Unstimmigkeit zu ändern, die ich den Reformern seit fast 20 Jahren vorgerechnet habe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.06.2015 um 10.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#29090

In der halbreformierten FAZ kann man praktisch jeden Tag lesen "bis Sonntag Vormittag" usw. Man fragt sich, was die sprachlich sonst so empfindliche Redaktion sich dabei denkt.

In Duden Band 9 wird erklärt, das Substantiv "Abend" werde groß geschrieben: "heute Abend". Es wird aber nicht erklärt, wieso an dieser Stelle ein Substantiv stehen kann. (Mitverfasser ist Peter Eisenberg.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.05.2015 um 05.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#28855

In zehn Jahren gucken Sie nicht mehr Sonntag Abend Ihren „Tatort“ (...) Sonntag Abend ist bei Ihnen eine feste Zeit. (FAS 10.5.15)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.09.2014 um 03.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#26631

das Paket, das Freitag Nacht in Rom beschlossen werden sollte (FAZ 30.8.14)

Um es noch einmal zu sagen: Diese Schreibweise ist zwar nicht im Regelwerk vorgesehen, sie ist aber logischerweise nicht auszuschließen, denn wenn es gestern Nacht gibt, muß es auch Freitag Nacht geben. Insgesamt stehen die klugen Köpfe vor der Aufgabe, die Wortart der Tageszeitbezeichnung zu erklären. Darum beneiden wir sie nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.07.2014 um 06.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#26207

Am Sonntagfrüh wurde die Regatta mit zwei Wettfahrten weitergefahren. (nordbayern.de 2.7.14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2014 um 12.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#26202

Frankreichs Ex-Präsident ist seit heute Früh in Polizeigewahrsam(welt.de 1.7.14)

Je Früher, desto besser!

Nachtrag einige Minuten später: Frankreichs Ex-Präsident ist seit dem Morgen in Polizeigewahrsam (ebd.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2013 um 05.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#24609

Heute Nacht ist der SPD-Mitgliederentscheid zu Ende gegangen. (SWR 14.12.13)

Ich staune immer wieder: Gibt es wirklich Journalisten, die sich dazu bringen können, hier ein Substantiv zu sehen? Die Gallmannsche Argumentation werden sie ja wohl nicht im Kopf haben, die geht ungefähr so: Ich kann mit meiner Grammatik nicht erklären, was nacht hier für eine Wortart sein könnte, deshalb suche ich im Wörterbuch nach einer gleichlautenden Form, und so schreibe ich es dann.

In der ZEIT steht:

Weil die deutsche Bevölkerung altert, werden die Jungen von Heute unter dem Strich am Ende weniger von den Sozialversicherungen ausbezahlt bekommen, als sie eingezahlt haben. (ZEIT 14.12.13)

Hier greift die Wolfsche Regel: Nach Präpositionen steht grundsätzlich Großschreibung.

Gallmann und Wolf sitzen immer noch im Rechtschreibrat, deshalb wird die deutsche Grammatik vorerst nicht zu ihrem Recht kommen.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 30.06.2013 um 22.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#23510

Zu "Sonnabend Vormittag": Nur wenn man "Sonnabend" und "Vormittag" als Namen einstuft, wäre die Getrenntschreibung zulässig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2013 um 15.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#23505

Die Potsdamer staunen nicht schlecht, als Frank-Walter Steinmeier an diesem Sonnabend Vormittag über den kleinen, aber feinen Wochenmarkt am Nauener Tor schlendert. (Morgenpost 30.6.13)

Man kann jede beliebige Zeitung aufschlagen und wird finden, daß seit der Reform die Schreibung der Tageszeiten zu einem unlösbaren Problem geworden ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2013 um 06.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#22523

Wieder mal das SZ-Magazin, und zwar die Titelseite:

Wie es Ihnen morgen Früh geht

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich mein Abonnement gerade gekündigt habe. Zusammen mit der Fernsehgebühr fürs Nichtfernsehen wird mir das alles zu teuer. Man trennt sich ja ungern von der gewohnten Morgenzeitung, über die man sich immer so schön ärgern kann. Aber die Süddeutsche ist nicht besonders lesenswert. schwache Innenpolitik, langweiliges Feuilleton. Sport, Reise und Auto schmeiße ich sowieso gleich in die Tonne. Bleibt nur die Wirtschaft, aber da kann ich auch gleich die FAZ lesen. Die tut immerhin auch etwas gegen die Fernsehsteuer.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 26.01.2013 um 23.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#22487

Aus dem heutigen Mannheimer Morgen:
Ab Sonntagnacht wird es allmählich wärmer.

M. E. kann man Nacht in so einem Satz nicht ohne Artikel verwenden: *Ab Nacht wird es wärmer. Also auch nicht *ab Sonntagnacht.
Ab Heiligabend, ja, weil das ein Name ist, wie ab Weihnachten, aber nicht *ab Weihnachtsabend , also auch nicht *ab Sonntagnacht.
Ab heute oder ab heute nacht/Nacht, also nur ab Sonntag oder ab Sonntag nacht/Nacht, keinesfalls *ab Sonntagnacht! (Die Getrennt-Großschreibung Nacht disqualifiziert sich aus anderen Gründen.)

Die Erfindung der Reformer, die Tageszeiten als Substantive aufzufassen und mit dem vorangehenden Substantiv zusammenzuschreiben, offenbart sich hier einmal mehr als ungrammatisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2012 um 13.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#21246

An welchem Ort würden Sie morgen Früh gern aufwachen? (SZ Magazin 10.8.12)

Hier wird der Unsinn für meine Begriffe besonders deutlich sichtbar.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.03.2011 um 22.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#18398

Heute las ich in der Zeitung von einer "spät Abend" stattfindenden Veranstaltung und testete den Ausdruck mit Google. Es überraschte mich, daß erstens so viele (887000) Fundstellen und zweitens darunter anscheinend viel mehr "spät abend" angezeigt werden (auch ein paar unerwünschte "spät abends" und "spät am Abend", die aber kaum ins Gewicht fallen). Für die meisten Schreiber, die wegen der Rechtschreibreform wie selbstverständlich "heute Abend" schreiben, ist "spät abend" also immer noch einleuchtender als "spät Abend".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.05.2010 um 19.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16240

Es war ein Versuch, aber ich sehe ein, daß sich das grammatisch nicht verwerten läßt. Nur fällt mir gerade auf, daß die Logik so auch nicht ganz stimmt bzw. mißverständlich ist. Ich hätte es etwa so formulieren müssen:
Wenn das einzelne Teil schon eine gewisse Eigenschaft nicht hat, dann kommt sie natürlich auch nicht jedem beliebigen Teil der Verallgemeinerung zu.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.05.2010 um 01.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16237

Das mit der Vollmondnacht hatte ich so gemeint:
Da Vollmondnacht keine Tageszeit ist, kann auch die Verallgemeinerung Nacht keine Tageszeit sein.
Die Tageszeit ist also nacht.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 19.05.2010 um 17.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16236

Kleine Ironie dazu: Auf die zitierte Verfügung der Großschreibung für Angaben von Tageszeiten, § 55 (6), folgt als nächste amtliche Regel dies:

§ 56: Klein schreibt man Wörter, die formgleich als Substantive vorkommen,
aber selbst keine substantivischen Merkmale aufweisen.

Darunter hätten die Tageszeitangaben gehört!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.05.2010 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16233

Herrn Wagners Bedenken sind berechtigt. Wenn man es nicht sagt, erübrigt sich die Frage, wie man's schreibt.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.05.2010 um 20.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16232

Das könnte man meinen, Herr Riemer, aber Vollmondnacht ist doch keine Tageszeit – oder wie meinten Sie das?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 18.05.2010 um 17.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16231

Wenn Wir treffen uns morgen Nacht richtig geschrieben ist,
dann ist Wir treffen uns morgen Vollmondnacht auch richtig.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 18.05.2010 um 17.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16230

Vielen Dank, Herr Ludwig, daß Sie meine (im doppelten Sinne) einseitige Sichtweise der Beziehung zwischen Adverb und Substantiv korrigiert haben.

Zu den Herren Bärlein (#16229) und Markner (#16225): Ob eine Regel aufgestellt oder nur zitiert wird, ist dem Benutzer des Wörterbuchs egal. Die Regel, um die es hier geht, ist die Anweisung, auf gewisse Adverbien folgende Zeitangaben groß zu schreiben. (Analog im Infokasten zu morgen, heute Morgen [Auszug]: „Substantive werden immer großgeschrieben: Der Morgen war verregnet. Großschreibung gilt auch für Ausdrücke, die als Bezeichnung von Tageszeiten nach den Adverbien [...] auftreten: heute Morgen, morgen Mittag, gestern Abend.“) Im Original lautet diese Regel so:

§ 55: Substantive schreibt man groß.
Die Großschreibung gilt auch
[...]
(6) für Ausdrücke, die als Bezeichnung von Tageszeiten nach den Adverbien vorgestern, gestern, heute, morgen, übermorgen auftreten, zum Beispiel:
Wir treffen uns heute Mittag. Die Frist läuft übermorgen Mitternacht ab. Sie rief gestern Abend an.

Im Infokasten zu heute Nacht ist neben der Regel an sich auch noch die „Begründung“ angegeben, daß hierbei Nacht ein Substantiv sei; letzteres stellt in der Tat eine bloße Behauptung dar, denn dieses gibt der amtliche Regeltext nicht her.

Fazit Nr. 1: Der Wahrigsche Infokasten zu heute Nacht geht über das amtliche Regelwerk hinaus, welches lediglich die Großschreibung verfügt, ohne den Status von Nacht etc. anzugeben bzw. sich darauf zu beziehen. Insofern gibt der Infokasten eine falsche Auskunft.

Fazit Nr. 2: Mein bevorzugtes Argument gegen diese Großschreibung ist letztlich untauglich, da das Regelwerk gar nicht behauptet, daß es sich bei Nacht um ein Substantiv handelt – Großschreibung hin oder her.
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 18.05.2010 um 11.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16229

# 16223, 16225

Eine Regel wird in der von Herrn Wagner angeführten Aussage in der Tat nicht aufgestellt, sondern nur zitiert. Um eine Behauptung kann es sich aber nur als Behauptung einer Einschlägigkeit der Regel („Substantive schreibt man groß“) handeln. Die betreffende Annahme wiederum setzt voraus, daß die Behauptung auch falsch sein kann bzw. es irgendeine Rolle spielt, ob sie wahr ist oder falsch. Eine solche Implikation dürfte die Wahrig-Redaktion jedoch kaum im Sinn gehabt haben.

Nacht usw. hinter gestern usw. wird deshalb groß geschrieben, weil der Staat das so festgelegt hat. Jede darüber hinausgehende affirmative Begründung kann (soweit nicht ornamental) sinnvollerweise nur didaktischer Art sein. Der Wahrig hat also weder eine Regel noch eine Behauptung aufgestellt, sondern lediglich einen Merkspruch formuliert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2010 um 11.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16228

Die Gegenargumente gegen die Großschreibung sind Herrn Gallmann natürlich bekannt. Er führt dagegen seine persönliche Methode ins Feld: Wenn es Schwierigkeiten bei der Wortartzuweisung gibt, halte man sich an Homonyme, bei denen die Wortart klarer ist. Ich brauche nicht zu sagen, daß dies unannehmbar ist, es würde die Sprachwissenschaft vollends ruinieren.
Die Schwierigkeiten mit unserem herkömmlichen Wortartensystem sind andererseits auch nicht zu leugnen. Ich kann das Problem hier nicht ausbreiten, aber ganz allgemein wäre es ja verwunderlich, wenn zwei Handvoll Kategorien, einst von den alexandrinischen Grammatikern ersonnen, heute noch Bestand haben sollten. Die Rechtschreibreform wäre auch keine passende Gelegenheit, dieses Jahrtausendproblem zu lösen.
Dies bedenkend, habe ich es immer vermieden, mich zur Wortart von (heute) nacht festzulegen, sondern ähnlich wie Herr Ludwig argumentiert: Da die (drei) Kriterien, die Gallmann und die anderen Reformer selbst für Substantive festgelegt haben, nicht zutreffen und die Methode der Homonymie nicht abzeptabel ist, handelt es sich jedenfalls nicht um ein Substantiv, und dann gilt ja automatisch Kleinschreibung ("im Zweifel schreibe man klein" – daran hat die Reform nichts geändert).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.05.2010 um 21.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16227

Gibt es überhaupt Substantive, bei denen manchmal kein Adjektiv-Attribut möglich ist? "In der heutigen Nacht" ist Nacht ein Substantiv mit dem Adjektiv-Attribut "heutig", aber in "heute nacht" nicht. Die Adjektiv-Attribut-Regel könnte allen angeblichen Substantiven wie "Kurzem, Langem, Öfteren, Algemeinen" usw. den Garaus machen.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 17.05.2010 um 20.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16226

Wenn wir mal als Beispiel einen banalen Satz wie den folgenden nehmen: "Wir treffen uns alle heute nacht vor dem Brunnen."

Die Reformer selbst (ich glaube, es war Gallmann) haben ein Substantiv so definiert, daß es Kopf einer Nominalphrase werden könne.

Und nun machen wir einfach mal die Probe der Reformer auf's Exempel, indem wir versuchen, meinen Satz dergestalt umzuformen. Man kann die Temporaladverbie "nacht" in diesem Satz nicht zum Kopf einer Nominalphrase machen, ohne daß man den Satz semantisch vergewaltigt. Also kann es gar kein Substantiv sein. "In der heutigen Nacht treffen wir uns alle vor dem Brunnen" ist ja wohl nicht mehr mein Ausgangssatz, oder?

"Das Heute unterscheidet sich vom Gestern dadurch, daß wir heute leben und uns an gestern nur erinnern können." Man kann diese Spielchen ad infinitum treiben, aber ich denke, man sieht so an der Gegenüberstellung sehr gut, was ein Substantiv und was eine Temporaladverbie ist. Es ist nämlich doch ein bißchen mehr als die pure Ähnlichkeit und die Großschreibung oder gar eine Präposition allein.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.05.2010 um 20.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16225

Von einer Regel ist im Wahrig hier doch nichts zu sehen, vielmehr handelt es sich um eine bloße Behauptung. – Vielen Dank für die anschaulichen Beispiele, Herr Ludwig.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 17.05.2010 um 19.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16224

Zur Begründung, "daß sich ein Adverb nicht auf ein Substantiv beziehen kann": Doch, doch, das kann es. Aber im deutschen folgt es dem Substantiv, es steht nicht davor: Das Mädchen heute war besser als das gestern. Die Nächte hier sind kälter als die zu Hause.
Die Begründung, daß "nacht" in "heute nacht" ein Adverb ist, muß also anders sein. Zum leichteren Lernen der Schreibung "nacht": Es ist im Satz ganz bestimmt erst mal kein "Haupt"-Wort! Es dem Substantiv "zuzuordnen", bedarf es schon beträchtlicher geistiger Verrenkung. Sonst wäre ja auch "Tags über" einzufordern. In "heute nacht" toleriert "nacht" nie ein Artikelwort, welcher Art auch immer. Deswegen ist die Zeitangabe nach den Adverbien (vor)gestern, heute und (über)morgen nie ein Substantiv. Wer anderes behauptet, weiß nicht, was halt Sache ist. Selbst beim adverbialen "Sonntag" (er kommt Sonntag) ist die Erweiterung mit "diesen/jeden" &c. möglich; aber *diese oder jede Früh oder *heute den Abend kommt jedenfalls gar keiner.
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 17.05.2010 um 17.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#16223

Weil ich gerade darüber gestolpert bin, und weil ich diese Stelle so schlagend finde, daß es mich entsetzt, daß diese Aussage die Germanisten kalt läßt, hier der entsprechende Hinweistext aus dem 2006er Wahrig:

heute Nacht: Die Zeitangabe nach den Adverbien (vor)gestern, heute und (über)morgen ist ein Substantiv und wird dementsprechend großgeschrieben: Heute Nacht wird es passieren. Wir treffen uns morgen Nacht. § 55 (6)

Hier steht schwarz auf weiß als Regel, was ich bevorzugt als Argument gegen diese Großschreibung bringe: daß sich ein Adverb nicht auf ein Substantiv beziehen kann.

Wenn ich Gallmann richtig verstanden habe, leitet sich die Großschreibung von NACHT in dieser Wendung von der „Zuordnung“ zum Substantiv „(die) Nacht“ her – einfach mangels Alternativen.

Im 2006er Wahrig findet sich zudem folgender Eintrag: „morgen früh oder: Früh“ (letzteres in Blaudruck).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.02.2009 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#13952

Am Wochende lieferte die Süddeutsche Zeitung eine unfreiwillige Bestätigung unserer Auffassung der Tageszeitbezeichnungen:
"Die Nachricht kam am Freitagfrüh." (SZ 21.2.09)

Am Früh? Natürlich nicht, sondern am Freitag, und zwar früh. Ebenso daher Freitag abend usw. In Verbindung mit einer Datumsangabe (heute, Freitag) erwartet man ein präzisierendes Adverb. Dazu werden die Substantive oder eben auch Adjektive umkategorisiert.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 06.12.2005 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1893

Lieber ratloser Tieflandbewohner kratzbaum, so gelehrt bin ich Bewohner eines weiten Riesenflachlandes auch nicht, aber manchmal meine ich etwas zu wissen; und ich kann es dann nicht für mich behalten. Deshalb bin ich z. B. gegen diese Rechtschreibreformiererei und rede und schreibe dagegen, wo ich kann. Natürlich auch, weil ich mich für die Kinder, die die Ahnen und andere Kultusminister so wiederholt und so öffentlich und so lächerlich — aber politisch eben unter den gegebenen Umständen doch gewaltig wirksam — beflennen, ebenfalls verantwortlich fühle.

Zu Ihrer Frage: Mit "wen oder was?" bestimmen wir eigentlich weniger den Fall eines Wortes, sondern den Satzteil, als der es oder in dem es funktioniert. Wen oder was sieht er? Er sieht das direkte Objekt (Akkusativobjekt). Über wen oder was spricht sie? Sie spricht über das Objekt der Präposition "über" in dieser besonderen Situation ("über" regiert in anderen Situationen ja auch den Dativ). Wobei wir nicht vergessen sollten, daß einige Sprecher des Deutschen dem "über was spricht sie" aus Stilgründen "worüber spricht sie" vorziehen, — wobei der "Fall" dann also gar nicht aus der "richtigen" Frage mit "wo(r)-" hervorginge! Die richtige Frage zu "er kommt Sonntag" ist eben nicht *"Wen oder was kommt er?", sondern "Wann kommt er?", und das zeigt, daß "Sonntag" hier in diesem Satz als Zeitadverb funktioniert; und Sie haben völlig recht, das ist es "in Wirklichkeit"! Dennoch "simuliert" es den Akkusativ nicht, — es steht im Akkusativ, wie der parallele Ausdruck "er kommt jeden Abend" ja zeigt.

Unterscheiden muß man hier aber zwischen den Formen der einzelnen Wörter (Wortarten [Verben, Substantive, Pronomen usw., auch Adverbien!]) und Satzgliedern (Subjekt, Satzobjekt, adverbiale Ausdrücke [zu denen dann auch "Ein-Wort-Adverbien" wie "heute", "hier", "sehr" gehören]), also zu unterscheiden ist zwischen Wortformen und deren Funktion im Satz. Der Akkusativ ist eine Form. Und Sie haben durchaus richtig gelernt, daß man den Kasus von "Professoren", der also in allen vier Fällen gleich aussieht, durch Ihre Fragen herausfindet. Aber mit diesen Fragen findet man nicht unbedingt immer heraus, welches Satzglied ein bestimmtes Wort oder ein bestimmter Ausdruck ist. Wenn wir z. B. nach dem Subjekt von "es schneit" fragen, dann stehen wir dumm da. Die Frage *"Wer oder was schneit?" ist nämlich kein Deutsch, und so können wir damit auch nicht den Fall von "es" bestimmen! In Ihrem "des Abends" hat "Abends" ja klar die Form des Genitiv Singular von "Abend", in "am Abend" zeigt das "dem" in der Kontraktion "am", daß "Abend" hier die Dativform hat. *"An wem oder was kommt er?" würde uns jedoch auch nicht auf die Sprünge zur rechten Kasusbestimmung helfen; der Fall in diesem präpositionalen Ausdruck läßt sich nicht "erfragen". Etwas mit offensichtlich parallelen Ausdrücken spielen hilft da schon eher etwas weiter.

Zu Reinhard Markners Hinweis, daß das *DWb* hier Dativformen sieht: Das geht noch weiter zurück. Er vermutet als Grund, daß "es *am Morgen, Mittag, Abend* heißt". Aber diese präpositionalen Ausdrücke sind aus jüngerer Zeit, und bei "er kommt Sonntag abend" ist nichts ausgefallen. Daß jedoch der "reine" Dativ einmal auch lokative Funktion hatte, ist richtig, und davon lebt noch heute etwas. (Zum fraglichen "Temporalen" in diesem alten Lokativ hier nur: "In dem Augenblick, wo ..."!) Wenn ich "Sonntag" in "er kommt Sonntag" als Akkusativ einordne, dann einfach, weil die Erweiterung "er kommt diesen/jeden/nächsten Sonntag" den Akkusativ benutzt. Aber ich habe gar nichts dagegen, wenn Leute (Freunde von mir!) auch dieses Adverb "Sonntag" im Akkusativ (?) genauso wie das im Genitiv ("sonntags") klein schreiben [*"sonntag"]. Ohne Sinn ist das auf keinen Fall. Die Großschreibung von "morgen" in "heute morgen" ist dagegen ganz schön sinnlos.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 04.12.2005 um 13.47 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1871

Die Reformer haben die bewährte Regel „im Zweifelsfalle klein“ durch die unausgesprochene Neuregel „Großschreibung bei Substantivverdacht“ ersetzt und damit eine Grenzziehung vorgenommen, die so eindeutig ist wie die Angabe „der größte Zwerg der Welt“. Um eine Entscheidung zu umgehen, bedient man sich nun oft, wie bei „leidtun“ usw., des Zusammenschreibtricks, der ja eigentlich den Intentionen der Reformer zuwiderläuft: Statt bisher „Dienstag abend“ soll „Dienstagabend“ geschrieben werden. Das ist aber nicht dasselbe: Ich komme Dienstag früh (aber nicht: Dienstagfrüh) oder Dienstag abend. Aber: Ich komme am Dienstagabend (und nicht unbedingt: am Dienstag abend/Abend). Dennoch habe ich gerade gelesen: „Am Dienstag Abend stellte Wolfgang Butzlaff … sein neues Buch vor.“ (KN 1.2.05) Hannes Hansen, selber Autor unreformierter Werke, wollte damit offensichtlich nicht den „Dienstagabend“ bezeichnen, sondern den Dienstag mit einer Präzisierung parallel zu „früh“. – Mit dem Pattextrick hätte man auch Adverbien wie „morgenfrüh“ „dienstagabend“ créieren können. Aber das war wohl selbst Reformern zuviel.
 
 

Kommentar von kratzbaum, verfaßt am 04.12.2005 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1869

Mit einer Gabel und mit Müh'

Als schlichter Sprachbenutzer, dessen Grammatikkenntnisse nicht viel über den Stand eines Volksschülers hinausgekommen sind, möchte ich doch noch ein paar Fragen beantwortet haben.

In der Schule haben wir den Kasus eines Satzgliedes mittels Erfragen bestimmt. Daher auch die Bezeichnungen Wen-Fall, Wes-Fall usw. Verben und Präpositionen regieren bestimmte Kasus. Wenn ich nun sage "Er geht jeden Abend ins Internet", so sieht für mich "jeden Abend" zwar formal ("äußerlich") wie ein Akkusativ aus, ist aber funktional ("in Wirklichkeit") keiner. Er läßt sich nicht als Akkusativ erfragen: * Wen oder was kommt er? Als Laie sage ich: Irgendeine Wortart muß solch Ausdruck ja haben, und so simuliert er eben hier den Akkusativ, es könnte auch ein anderer Kasus sein: am Abend, des Abends. Also, Ihr gelehrten Herren: Bitte helft einem ratlosen Tieflandbewoher auf die Sprünge.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.12.2005 um 08.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1867

Ich will mich keinesfalls auf die Herleitung aus dem adverbialen Akkusativ versteifen, obwohl dies sozusagen das Normalste wäre. Im gegebenen Falle genügt die allgemeine Regel "im Zweifel klein". Und daß es sich um einen Zweifelsfall habndelt, haben die Reformer selbst am deutlichsten gesagt. Ganz verkehrt finde ich es, Informanten mit der isolierten Form "a/Abend" zu konfrontieren und zu fragen, welcher Wortart sie dieses Wort zuschlagen würden. So erzielt man zwar ein gewünschtes, aber kein relevantes Ergebnis.
 
 

Kommentar von Reinhard Markner, verfaßt am 04.12.2005 um 00.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1866

Das DWb sah, wie andernorts erwähnt, in heute morgen, mittag, abend Dativformen. Hauptsächlich wohl deshalb, weil es am Morgen, Mittag, Abend heißt. Es gibt aber, wie gesagt, keine Belege für die unverkürzten Formen heute morgene, mittage, abende.
 
 

Kommentar von Tobias Bluhme, verfaßt am 03.12.2005 um 22.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1865

Wie verhält es sich eigentlich mit den Wendungen "über Nacht" bzw. "über Tag"?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 03.12.2005 um 19.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1863

Mein Hinweis darauf, daß "Sonntag" in "Er kommt Sonntag" ja auch ein Akkusativ ist, bezog sich mehr darauf, daß die Großschreibung der Tageszeiten in adverbialen Ausdrücken von den Reformern eben nicht mit der Erklärung, daß es ja eine Akkusativform sei, durchgedrückt wird; im Gegenteil spreche das Fehlen eines Fallkennzeichens dafür, daß wir hier keine regulären Flexionsformen hätten. Man solle diese Wörter aber groß schreiben, weil sie sonst immer groß geschrieben würden (Vereinfachung).
Ich habe nämlich ganz ehrlich den Eindruck, daß hier die Reformer mit Professorenrang keine Ahnung haben, wovon sie eigentlich reden ("Es handelt sich nicht um eine reguläre Flexionsform von Abend, da sie keinen Kasus aufweist; nominale Lexeme haben sonst nur kasusbestimmte Flexionsformen"). Natürlich hat es eine reguläre Flexionsform! "Wenn Professoren dumm herumreden, weil sie nicht viel mehr wissen als was im Duden steht", dann ist hier doch "Professoren" auch kasusbestimmt! Wenn jemand Sonntag kommt, dann ist "Sonntag" ein Akkusativ. Und wenn jemand heute mittag kommt, dann hat "mittag" hier die Akkusativform. Aber nicht jede Akkusativform schreibt man groß. Ickler sagt an anderer Stelle ganz richtig, es ist die Großschreibung, die die besondere Begründung verlangt, — auch wenn diese uns zumeist so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß sie uns gar nicht mehr als Problem erscheint.
(Achenbach spürt aber das Problem noch sehr stark, wenn er geneigt ist, Neutrumformen der Adjektivsubstantive eher klein zu schreiben, und das als gebildeter Deutscher [a. n. = Adjektivsubstantiv!].)

Ich sehe das ja auch so, daß die Wörter für die Tageszeiten hier desubstantiviert sind, und das eben schon seit so langem, daß jede Resubstantivierung einem "auf einmal ... richtig ins Gesicht" springt und unbeabsichtigte Hervorhebung erheischt. Dennoch, "daß alle möglichen Substantive desubstantiviert worden sind", das ist nun auch wieder nicht richtig. Nicht alle Wörter sind für eine Konversion in eine andere Wortart gleichermaßen prädestiniert. Auch das mit der "Probe" überzeugt nur den Kirchenchor. So kann jemand heute nachmittag kommen. Aber wenn jemand immer mittag(s) kommt, sich heute aber kurz verspätet und deshalb anruft, dann wissen wir, daß er heute (etwas) nach Mittag kommt. So tot ist also dieses Programm "Adverb-plus-Adverb (wobei ... das zweite Adverb als nähere Bestimmung des ersten Adverbs dient)" nun auch wieder nicht, daß es gar keine neuen Ausdrücke mehr zuließe. Man sage nicht leichthin, daß in meinem Beispiel der zweite Teil ja ein adverbialer Ausdruck sei oder daß wir hier zwei voneindander unabhängige Satzadverbien hätten; denn: Wie ist denn der Ausdruck "heute nachmittag" wohl entstanden? — Ich gebe zu, ich will sehr viel auch historisch verstehen und nicht eben nur durch Beschreibung dessen, was gerademal zu sein scheint. Letzteres lädt nämlich viel zu leicht zur Vorschreiberei ein. Meine Methode erschwert diese willkürliche Vorschreiberei etwas; verhindern kann sie sie aber auch nicht immer.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 22.11.2005 um 06.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1665

"Von Nöten" war ein Scherz, Herr Ludwig. Hier sprach "Vera von Nöten".

Herr Wrase, Ihrem jüngsten Beitrag meine volle Zustimmung. Man kann vieles erklären, aber alles eben auch nicht.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 22.11.2005 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1664

Rein theoretisch könnte es ja sein, daß heute Abend so eine Konstruktion Adverb + Substantiv ist (wobei das zweite Wort als nähere Bestimmung des ersten Wortes dient), die es sonst nicht gibt. Nach dem Motto: Ausnahmen gibt es immer, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Erstens: Wozu diese krampfhafte Deutung, wo doch das Programm Adverb + Adverb (wobei wie gesagt das zweite Adverb als nähere Bestimmung des ersten Adverbs dient) als reguläres Programm belegt ist? Man muß nur begreifen, daß alle möglichen Substantive desubstantiviert worden sind, hier Abend zu abend, das ist alles. Mit demselben Trick könnte man sonst auch schreiben morgen Früh und behaupten, es handele sich hier um eine weitere Ausnahme, um das Substantiv [die] Früh(e). So etwas machen die Reformer und Wörterbuchredaktionen – Schande über sie. Es ist offensichtlich keine seriöse Wissenschaft, sondern eine hypothetische Trickserei.

Zweitens hilft eine Probe, mit der die Plausibilität der Konstruktion geprüft wird. (Da es die Konstruktion nicht gibt, sind die einzelnen Proben notwendigerweise ebenfalls hypothetisch.) Also, statt dort oben erfinden wir einfach mal dort Höhe, statt heute abend sagen wir einfach mal heute Dämmerung. Gibt es noch nicht, aber könnte es ja sofort geben, wenn es grammatisch möglich ist - wir müßten es nur einführen, die anderen würden es dann bei Gelegenheit aufgreifen. Könnte es geben? Nein. Die Probe ergibt: Es klingt vollkommen falsch, welche Beispiele man auch nimmt. Da stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Daraus ergibt sich, daß es eine solche Konstruktion nicht gibt. Folglich ist in HEUTE ABEND das zweite Wort kein Substantiv.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 22.11.2005 um 02.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1663

Zu "vonnöten" und "von Nöten": Das ist für mich einer der "Übergänge", wo beide Schreibungen möglich sind, ich selbst aber die als ein Wort vorziehe, wie bei "an Stelle von" und "anstelle von". (Für mich ist "anstelle' also sogar schon Präposition geworden.) Der 1948er Duden hat nur "vonnöten" und nur "an Stelle von". Freunde von mir schreiben "er arbeitet zuhause" (bestimmt nicht nur wegen des Substantivs "Zuhause"), und ich rege mich da nicht weiter auf, — meine ich doch selbst, daß das auch gerechtfertigt ist ("zugute", "vonwegen", "gleichermaßen"), zumal es wenig mit "Haus" zu tun hat und mehr mit Heimat, Heimischem, Gewohntem, — obwohl ich doch irgendwie nur "nach Hause" richtig finde. (Ich stimme also nicht mit denen überein, die aber auch alles "geregelt" brauchen, weil doch nur so etwas richtig Orthographie sei.)

Zu "Adverb + Substantiv": Es gibt schon "[Ihr] viel/montags Reden/reden hilft Ihnen hier nicht weiter, und mehr Arbeiten/arbeiten schon gar nicht"; aber das ist eben doch nicht die "insgesamt adverbiale Bestimmung", wonach Wrase sucht, sondern ein Subjekt (und die Unsicherheit mit der Groß- und Kleinschreibung hängt auch damit zusammen, daß unser Infinitiv auf ein ursprüngliches Verbalsubstantiv [und da, wenn ich mich recht erinnere, sogar auf dessen Akkusativform] zurückgeht, — und wir "formulieren um", um nicht dumm dazustehen). Aber daß wir "'Adverb + Substantiv' (= insgesamt adverbiale Bestimmung)" sonst nicht hätten, überzeugt sowieso nicht unbedingt, denn darum geht es ja gerade in dieser Diskussion, ob wir eben hier so etwas hätten! Wenn jemand "Sonntag kommt", da akzeptieren wir ja das Substantiv, obwohl "Sonntag" hier rein adverbial gebraucht wird! Als Adverb schreiben, also klein schreiben, tun wir jedoch "sonntags", auch wenn es gleichermaßen rein adverbial gebraucht wird! Viel überzeugender ist hier schon, daß in "heute abend" das ursprüngliche Substantiv zu dem Grade desubstantiviert ist, daß wirklich nur ganz naïve Schreiber, die also nu reinzelne Wörter und nicht Ausdrücke schreiben, hier noch ein Substantiv sehen. Die deutsche Bezeichnung "Hauptwort" für Substantiv hilft übrigens auch Lehrern von Anfängern weiter: In Sätzen mit "heute abend" empfindet man "abend" eben nicht als "Haupt-Wort"! Deswegen stört einen die reformierte Schreibung hier ja so: Auf einmal springt hier einem ein Wort richtig ins Gesicht, das dazu vom Sinn her nicht die geringste Berechtigung hat! (Und das führt dann auch zu falscher Betonung beim lauten Lesen!)

"Bei Tag für Tag ist kein Artikel möglich. Warum ist das ein Akkusativ?" Auch "Sonntag" in "er kommt Sonntag" ist ein Akkusativ, und "Tag und Nacht" in "er arbeitet Tag und Nacht" ist ebenfalls einer, und englisch "next Sunday" in "he comes next Sunday" ist auch einer. Warum? Weil diese adverbialen Bestimmungen im Satz an der gleichen Stelle und mit der gleichen Funktion stehen wie entsprechende adverbiale Bestimmungen, bei denen die Akkusativform aus dem ganzen Ausdruck hervorgeht. Warum ist "zehn Meilen" in "zehn Meilen fahren" ein Akkusativ und nicht ein Nominativ, Dativ oder Genitiv, welche es der Form nach ja auch sein könnte. Weil wir eben manchmal nur "einen Kilometer fahren", und das zeigt uns den Fall Akkusativ an. Wer "jeden Tag" arbeitet, für den ist auch "Tag für Tag" ein Akkusativ (Icklers uralter adverbial gebrauchter Akkusativ eines Substantivs).

 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 21.11.2005 um 18.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1659

Lieber Herr Wrase:
heißt das nicht "von Nöten"?
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 21.11.2005 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1658

Siehe oben, Wilmanns: ... denn es sind hier zwei Adverbien neben einandergesetzt, von denen das eine das andere näher bestimmt; dem Substantivum ist solche Verbindung versagt. Vgl. „gestern morgen“ ...

Die Konstruktion "Adverb + Substantiv" (= insgesamt adverbiale Bestimmung) gibt es einfach nicht. Solange es keine Gegenbeispiele gibt – bitte suchen! –, sollte man das anerkennen und "abend" hier als Adverb einstufen.

Bei einem Wortartwechsel bleibt oft noch ein gewisser Rest der ursprünglichen Wortart vorhanden, der den Zweifel hervorruft. Vielleicht etwa so, wie der Mensch noch an einen Affen erinnert; für die Übereinstimmung gibt es überzeugende Belege, etwa den genetischen Code betreffend. Es ist manchmal naheliegend und verständlich, den Menschen mit einem Affen zu verwechseln, aber es wäre absolut nicht angebracht, ihn wegen der gewissen Ähnlichkeit wie einen Affen zu behandeln. Ebenso erinnert das Adverb abend in heute abend noch an das Substantiv (das in grauen Zeiten ebenfalls klein geschrieben wurde). Dennoch ist es absolut nicht angebracht, dieses Wort groß zu schreiben, als sei es immer noch ein Substantiv. Ein gewisses Feingefühl ist hier möglicherweise vonnöten.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 21.11.2005 um 14.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1651

Woran kann man eigentlich erkennen, daß bei heute abend kein adverbialer Akkusativ vorliegt? Bei er kam letzte Woche kann man sicherlich auch sagen: er kam die letzte Woche, aber das beweist ja noch nichts. Bei Tag für Tag ist kein Artikel möglich. Warum ist das ein Akkusativ?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2005 um 09.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1644

Der adverbial gebrauchte Akkusativ eines Substantivs ist uralt und bedarf nicht der Herleitung aus einer präpositionalen Konstruktion, wie es vielleicht nach dem rationalistischen Argumentationsmuster der vorwissenschaftlichen Sprachbetrachtung scheinen könnte. In ähnlicher Weise hatten ja die Reformer "irregehen" usw. als Abkürzung eines "in die Irre gehen" aufgefaßt und daraus die Klein- und Zusammenschreibung hergeleitet - andernfalls wären sie aufgrund ihrer falschen Auffassung zu "Irre gehen" (wie eben "Pleite gehen") gelangt. Das stellt aber den wirklichen Zusammenhang auf den Kopf. "irregehen" heißt einfach "falsch gehen" und ist völlig unproblematisch. Im Gegensatz zu "heute abend" liegt also nicht einmal eine Desubstantivierung vor.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 21.11.2005 um 08.52 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1643

Mit der Deutung als „Abkürzung“ kann man auch unerwünschte Schreibweisen rechtfertigen, wie der penetrante Reformfreund mit dem englischen Pseudonym im Spiegel-Forum ständig vorführt: „heute (am) Abend“, „er geht (in die) Pleite“. Andere Begründungen sind daher vorzuziehen.
 
 

Kommentar von Karin Pfeiffer-Stolz, verfaßt am 20.11.2005 um 13.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1630

"Er kam letzte Woche" ist eine Abkürzung von "Er kam in der letzten Woche." Also "die Woche". Kann man das auch mit "Er kam gestern Abend." konstruieren? Meines Erachtens nicht. Es gibt doch keinen "der gestern Abend" analog zu "die letzte Woche". Und er kam auch nicht "am gestern Abend."
Deshalb ist für mich die Großschreibung von "Abend" in diesem Zusammenhang rein intuitiv falsch.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 20.11.2005 um 13.11 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1629

Ich sehe „heute abend“ als zweiteilig geschriebenes Adverb an.
Aber ist der Wunsch sehr abwegig, in einer Reihe mit „er kam letzte Woche“ auch „er kam gestern Abend“, „er kam heute Abend“ zu schreiben?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 20.11.2005 um 12.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=289#1626

Wer soll eigentlich bewiesen haben, daß es sich um eine »Fehlanalyse« handelt?
 
 

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