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Neues aus dem Rat - von Theodor Ickler

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09.11.2009
Nature, Nurture und Skinner
Haltlose Behauptungen

Die Süddeutsche Zeitung bringt heute auf der ersten Seite folgenden Unsinn:

"Jeder Mensch könne ein erfolgreicher Musiker werden, behauptete der Psychologe Frederic Skinner vor 50 Jahren, man müsse nur früh genug ein intensives Training beginnen. Wie viele seiner Zeitgenossen glaubte Skinner fest an die Macht der Umwelt über die Entwicklung des Menschen."

Es ist ja spätestens seit Chomsky üblich, von Skinner zu behaupten, er habe den Einfluß der Vererbung (Phylogenese) geleugnet. Zuletzt hat der Pop-Linguist und Psychologe Pinker in seinem Buch "The Blank Slate", wie schon der Titel verrät, sich den Pappkameraden eines Leugners der Vererbung aufgebaut, um ihn mit großem Getöse umstoßen zu können. Darauf haben die Sachkundigen mit dem angebrachten Spott reagiert.

Die SZ-Autorin scheint ein berühmtes und berüchtigtes Zitat von Watson, dem Begründer des Behaviorismus, im Ohr gehabt zu haben, das aber kein anderer als Skinner an mehreren Stellen in den rechten Zusammenhang gerückt hat. Skinner hat das ihm Unterstellte nie behauptet, sondern tausendmal das Gegenteil gesagt. (Ich habe das andernorts ausführlich gezeigt.)

Der Artikel der SZ liest sich wie eine Rehabilitierung des Lamarckismus, aber bei genauerem Hin- und Nachsehen geht es bei den neuen Forschungen von Holsboer und anderen gar nicht um Veränderungen der Erbsubstanz in diesem Sinne, sondern ausdrücklich um "epigenetische" Veränderungen in der Aktivierung der Gene. Das verträgt sich selbstverständlich ohne weiteres mit dem operanten Konditionieren nach Skinner, denn Skinner sagt kein Sterbenswörtchen über die physiologische Grundlage des Lernens, das er untersucht hat. Aus diesem Grunde nennt er seine Richtung ja auch "radikalen Behaviorismus".



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Kommentare zu »Nature, Nurture und Skinner«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2014 um 07.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26801

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22359:

Fast dasselbe aus dem Hause de Waal ein Jahr später: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/fairness-warum-der-mensch-gerechtigkeit-will-a-992162.html

Auch gleich mit Folgerungen über Schwarzfahrer usw. - Hauptsache, man redet drüber.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.09.2014 um 06.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26656

Schwedische Forscher haben festgestellt, daß Hütehunde einen Algorithmus benutzen.

Immer derselbe Unsinn (Planimeter-Trugschluß).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.09.2014 um 06.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26643

Es gibt viele Dinge, vor denen die Wortsprache nahezu versagt und eine gestische oder vormachende Kommunikation sich fast zwangsläufig einstellt. Wie bindet man Schuhe zu? Wie geht Origami? Beschreiben Sie eine Wendeltreppe, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2014 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26618

Aus meiner Kindheit ist mir eine dieser "Familienlegenden" in Erinnerung. Mein Großvater soll als junger Mann bei einer Veranstaltung Emile Coués gewesen sein. Von dort brachte er mit, daß man sich immer wieder vorsagen müsse: "Es geht mir von Tag zu Tag besser und besser." Das war bei uns dann sprichwörtlich, obwohl es niemand wirklich praktizierte.

Soweit diese Autosuggestion wirksam ist, stellt sie ein ziemlich großes psychologisches und begriffliches Problem dar. Wieviel Wirkung haben wohl überhaupt unsere ständigen Selbstgespräche? Die kommerzielle psychologische Beratung vermarktet so etwas natürlich, ohne sich um die Probleme zu kümmern, neuerdings auch mit dem neurologischen Schnörkel, der das "Gehirn" beimischt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2014 um 05.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26616

Wenn manche Psychologen sagen, das Unbewußte sei sprachlich, dann geben sie nur zu erkennen, daß sie das folkpsychologische Konstrukt des Unbewußten nach dem Muster der Sprache modelliert haben. Das muß niemanden interessieren.

Das Denken als Dialog der Seele mit sich selbst (Platon usw,). Das wird durch die schon erwähnte, viel zu wenig bestaunte Tatsache gestützt, daß wir mit wörtlicher Rede (Doppelpunkt und Anführungszeichen) auch "Gedanken" wiedergeben.
Natürlich kann das kein wirklicher Dialog sein, weil man ja derselbe ist und dieselben Informationen hat. Insofern ist auch ein Selbstgespräch im eigentlichen Sinn nicht möglich. Der Begriff des Selbstgesprächs sollte deshalb noch einmal ganz neu durchdacht werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.08.2014 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26612

Wenn jemand ankündigt, mit dem Rauchen aufhören zu wollen, schafft er schon dadurch einen zusätzlichen Anreiz, weil er der Umgebung teilweise die Steuerung überträgt. Die Adressaten überwachen ihn nun. Das Ankündigen ist der Ursprung des Wollens (s. Goethe-Zitat). Andererseits ist die Abfolge von Wollen und Tun, also Absicht und Ausführung, das Normalformat rationalen Verhaltens oder eben des Handelns, wir wir dann sagen. Die Sprachlichkeit macht das Ganze zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit.
Dieses Format projizieren wir in unser allgemeines Handlungsmodell, auch wenn wir alles nur "mit uns selbst" ausmachen.

Noch zum Schokoladenmodell: Ich könnte mir ja, wenn ich eine Vokabel weiß, etwas Schönes vorstellen, wenn nicht, etwas Unangenehmes. Aber diese Selbstkonditionierung dürfte als Lernmethode nicht funktionieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.08.2014 um 07.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26611

Fortsetzung des vorigen

Eine Frau will mit dem Rauchen aufhören. Sie tut jeden Abend das Geld, das sie nicht für Zigaretten ausgegeben hat, in ein Glas. So sieht sie, was sich ansammelt, und wird dadurch gestärkt, wenn sie einen schwachen Augenblick hat. Dieser wird kommen, das weiß sie, folglich verändert sie ihre Umgebung, fügt einen zusätzlichen Reiz hinzu, unter dessen Steuerung sie dann handelt. Sie meint aber, erste wenn sie diese Vorrichtung wegelassen kann, ist sie wirklich entwöhnt, weil sie dann nicht einmal den Verzicht erlebt.

Die Krebsforscher wollen den Leuten helfen:

"Bei einem Preis von 5,00 Euro pro Zigarettenschachtel mit 20 Zigaretten gibt ein Raucher, der ein Päckchen Zigaretten am Tag raucht, in einem Jahr mehr als 1800 Euro für das Rauchen aus. Für die gleiche Summe kann man sich beispielsweise einen zweiwöchigen all-inclusive-Urlaub in einem 4-Sterne-Hotel auf den Kanarischen Inseln leisten!" (Deutsches Krebsforschungs-Zentrum)
(Das ist der letzte von 10 angegebenen Gründen, mit dem Rauchen aufzuhören. Nicht einmal erwähnt ist, daß Nichtraucher im Durchschnitt zehn Jahre länger leben. Man lebt nur einmal, warum sollte man von diesem interessanten Leben zehn Jahre wegwerfen? Jeder Raucher hofft natürlich, die große Ausnahme zu sein wie Helmut Schmidt.)

Es muß schwer sein, von einer Sucht loszukommen, ich sehe überall die Menschen in meist aussichtslosen Kämpfen. Aus irgendwelchen Gründen, natürlich nicht aus Verdienst, scheine ich nicht zur Sucht zu neigen. Zwar trinke ich ganz gern ein halbes Glas Wein zum Essen, aber wie ich gerade bemerke, habe ich in den bisherigen zwei Urlaubswochen hier auf der Insel noch gar keinen Alkohol zu mir genommen, nicht einmal daran gedacht. Geraucht habe ich in meinem Leben keine ganze Zigarette, nur als Student mal probiert und es ziemlich unangenehm gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, daraus eine Gewohnheit zu machen, die ich nicht wieder loswerde. Es scheint eine Veranlagung zu sein.

Schon Paulus und Augustinus, aber natürlich auch Platon haben darüber nachgedacht, warum man tut, was man nicht will, und nicht tut, was man will.
Das unterscheidet uns von den Tieren...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.08.2014 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26492

Ein altes begriffliches Problem ist mit Self-reinforcement, "Selbstverstärkung", vulgo Selbstbelohnung verbunden. Pädagogen und Therapeuten verwenden solche Begriffe oft ohne Bedenken.
Nehmen wir an, ich lerne Vokabeln in einer neuen Sprache. Immer wenn ich zehn Wörter erfolgreich gelernt habe, belohne ich mich mit einem Stückchen Schokolade. Lerne ich dann schneller als ohne Belohnung? Schließen wir zwei Schüler in ihre Zimmer ein, den einen mit Schokoldae, den anderen ohne. Welcher lernt schneller? (Warum schließen wir nicht beide ohne Schokolade ein und geben dem besseren, wenn sie beide wieder herauskommen, ein Stück Schokolade?)

Damit mir die Selbstbelohnung nicht zur Gewohnheit wird und damit ich ein "autonomer" Lerner werde, mit "intrinsischer Motivation", bestrafe ich mein selbstbelohnendes und gesundheitsschädliches Verhalten, indem ich nach je zehn Schokoladenstückchen in einen Busch Brennnesseln (mit drei n) fasse; das ist schmerzhaft, aber harmlos, soll sogar gesund sein. Welche Folgen hat das für mein Vokabelpensum?

Um mir das Gelingen meiner Selbsterziehung zu bestätigen, gönne ich mir nach je zehn Urtikationen ein gutes Glas Wein. Usw.

Scherz beiseite: es ist ein Problem! Scharfsinnige Analyse von A. George Catania: http://www.jstor.org/stable/27758845

Das Primärverhalten und die vermeintliche Selbstverstärkung müssen gemeinsam konditioniert sein. Die ganze Aufspaltung ist aus objektiver Sicht haltlos. Beobachten wir doch ein Tier. Es gibt gar keinen Anhaltspunkt, sein Verhalten aufzuspalten in ein primäres und ein darauf gerichtetes sekundäres usw. Die Haltlosigkeit ist eine Folge der mentalistischen Redeweise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.07.2014 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26456

Wie wir schon gesehen haben, ist Sprache ein mentales Phänomen und daher nicht wahrnehmbar. Wenn jemand also glaubt, einen Text zu hören oder zu lesen, irrt er sich. Auch Spracherwerb ist "nicht beobachtbar", da mental. Soweit die Kognitionswissenschaft.

Was ist nun Musik?

„Musik ist einer der ältesten und grundlegendsten sozialkognitiven Bereiche des Menschen.“ (Stefan Koelsch/Tom Fritz: Musik verstehen – eine neurowissenschaftliche Perspektive. In: Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (hg.): Neuronen im Gespräch. Paderborn 2008:69-97, S. 69)

Also auch mit dem Musikhören ist es nichts. So leben wir dahin, stumm und taub und vollständig gelähmt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2014 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#26265

»Die Verteidigung beantragt, die Bestellung von Professor Norbert Nedopil als Gutachter zurückzunehmen«, sagt Mollaths Anwalt Gerhard Strate. Es stelle sich die Frage nach der Tauglichkeit von Gutachten generell. Solange Professor Nedopil als psychiatrischer Gutachter im Gerichtssaal sitze, werde Mollath nicht aussagen. Das sei nicht möglich, wenn jedes Zucken der Augenbrauen, jede Regung im Gesicht registriert werde. (SZ online 7.7.14)

Zum Fall selbst kann und will ich nichts sagen, aber die Kommunikationssituation verdient wohl einen Kommentar. Bekanntlich lehnt Mollath es ab, sich dem bekannten Gutachter Nedopil »auszuliefern« (wie er schon voriges Jahr erklärt hat) und verweigert demnach das Gespräch mit ihm. Nedopil setzt sich also in den Gerichtssaal, um dort das Verhalten des Angeklagten im Wiederaufnahmeverfahren psychiatrisch zu begutachten.

Ich finde, Mollath und sein Anwalt haben recht. Die rechtliche Beurteilung ist mir unbekannt, aber meiner Meinung nach ist der Auftritt vor Gericht nicht die richtige Gelegenheit für ein solches »Zwangsgutachten«. Mit welcher Begründung wird überhaupt gleich zu Beginn eines quasi neuen Verfahrens über den Angeklagten so etwas verhängt?

Ich würde mich weigern, eine Vorlesung zu halten, wenn ein Psychiater im Saal säße, der mich – statt dem Inhalt zu folgen – zu begutachten versuchte. Welcher Pfarrer würde Gottesdienst samt Predigt unter solchen Bedingungen halten wollen (und was würde dabei herauskommen, falls der Psychiater ein ungläubiger Forscher ist?). Kurzum: die Doppelverwertung von Mollaths Aussagen als Prozeßbestandteil und als Testfall für die Psychiatrie ist unzumutbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2014 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#25684

Elke Hentschel schrieb einmal:

„Ein aus zwei Nebensätzen bestehendes Subjekt scheint auf den ersten Blick eine Besonderheit des Deutschen zu sein. Nachbarsprachen wie das Englische lassen solche Konstruktionen nicht zu, sondern verlangen die formale Realisierung eines Subjekts in Form eines kataphorischen oder anaphorischen Pronomens. Cf.:
Englisch:
It's annoying that he didn't come and that he didn't even call, either!

Dem stehen jedoch Beispiele wie die folgenden gegenüber:
But what it is and what it does are still far from clear. (Skinner, Recent Issues 1989:22)

How the ‘‘dynamics of living forms’’ differs from behavior and what distinguishes the ‘‘external realm’’ were never clarified. (Journal of Applied Behavior Analysis 2000: 267)

Die Beispiele zeigen außerdem den Plural des Verbs, womit auch die weitergehende Behauptung über indogermanische Sprachen widerlegt ist, daß Nebensätze keinen Plural bilden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2014 um 04.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#25638

Das naive Modell der "Wahl" (s. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24443) ist heute allgemein verbreitet; ich kenne keinen Linguisten außerhalb des behavioristischen Lagers, der daran zweifelt. Aber schon Walter Porzig hat eingewandt:

„Von all dem (sc. wie es beim Sprechen in uns zugeht) hat der unbefangen sprechende Mensch selbstverständlich keine Ahnung. Er braucht Wörter, die zu Sätzen gefügt sind. Beide braucht er nicht zu suchen: sie bieten sich ihm 'von selbst' dar. Und das ist gut, denn wie sollte er sie suchen? Er kennt sie ja gar nicht abgelöst von der Situation, in der er sie gebraucht. Wir sagen zwar, daß der Sprecher 'seine Worte wählt'. Aber das stimmt gar nicht. Niemand kann den Wortschatz angeben, über den er im Bedarfsfalle verfügt, und nur mit Mühe und unvollständig bringt er wenigstens die Wörter für ein bestimmtes begrenztes Sachgebiet zusammen.“
(Walter Porzig: Das Wunder der Sprache. Stuttgart 1993:166 [=1950])

Wichtig ist der Hinweis auf die Situation, den Bedarfsfall – das entspricht Skinners „Kontingenzen“. Der Organismus verhält sich unter bestimmten Bedingungen so und unter anderen Bedingungen anders. Die Wahl zwischen mehreren Wörtern kommt vor, aber das ist ein ganz spezieller Fall, und die Wörter müssen bereits gegeben sein, bevor man zwischen ihnen wählen kann. Aber wo kommen sie her? Das kann nicht seinerseits wieder durch eine Wahl erklärt werden. Wenn man neuerdings sagt, das Verhalten "emergiere", kommt man der Sache zwar näher, erklärt aber immer noch nichts.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.04.2014 um 04.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#25547

Ich möchte noch vor einem neuen Buch warnen, das auch von Mensch und Tier und allem möglichen handelt:

Mark Galliker: Sprachpsychologie. Tübingen, Basel 2013

Das ist bloß eine unkritische Sammlung von Lesefrüchten, völlig unbrauchbar. Der Verfasser ist ein Schweizer Psychotherapeut.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.03.2014 um 04.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#25503

In einer sensationell aufgemachten Meldung wird behauptet, daß Krähen Intelligenzleistungen wie fünf- bis siebenjährige Kinder vollbringen. Es geht um den "antiken" Test, Steinchen in einen mit Wasser gefüllten Glaszylinder zu werfen und dadurch ein Futterstückchen in Reichweite zu bringen. Die Krähen hätten damit "ein gewisses Verständnis für Kausalität" gezeigt.

Das ist natürlich alles Unsinn, vom "Intelligenz"-Begriff bis zur Kausalität. Es heißt, die Tiere seien vorher trainiert worden, mit kleinen Gegenständen zu "hantieren". Was haben sie dabei gelernt? Das erfährt man leider nicht, wie üblich. Jeder Zirkus kann Vergleichbares vorführen. Kausalitätsverständnis zeigt ein Vogel mit jedem Schnabelhieb. Der Vergleich mit Schulkindern ist lächerlich, aber die mentalistische Einkleidung sorgt dafür, daß man in der ganzen Welt mit solchem Quark Aufsehen erregen kann.

Vor einiger Zeit waren es Raben, die an einem Faden ein aufgehängtes Fleischstückchen hochziehen konnten. Für behavioristisch aufgeklärte Verhaltensforscher nichts Besonderes, aber in der richtigen Aufmachung eine Sensation.

Übrigens: Den Tieren wurde nach dem Training in verschiedenen Experimenten Futter präsentiert, dass sich auf einem Korkstück gerade nicht erreichbar in einem Plexiglas-Zylinder befand, dazu eine Auswahl von Steinen und anderen Gegenständen. (Focus 26.3.14)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2014 um 08.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#25355

Wolfgang Krischke bespricht recht wohlwollend in der FAZ die Übersetzung von Pinkers "Stuff of thought". Das Original ist schon sieben Jahre alt, und die dort besprochenen Beispiele („Hal loaded the wagon with hay“ und „Hal loaded hay on the wagon“), die Pinker schon hundertmal erzählt hatte, waren auch damals schon Jahrzehnte diskutiert worden.
Die unterschiedlichen Konstruktionsmöglichkeiten von pour, fill usw. werden als seltsam dargestellt, weil Pinker schon falsch umschreibt: „For example, pour, fill, and load are all ways of moving something somewhere.“ Aber das stimmt gar nicht. Auch sind "devour" (mit Objekt) und "dine" (ohne Objekt) keineswegs Ausdrücke des Konzepts „essen“. (Sonst wäre "übernachten" ein Synonym von "schlafen.")
Die Sache mit der Gedankensprache ist hauptsächlich von Fodor vertreten und von Leuten wie Peter Hacker in Grund und Boden kritisiert worden.
Pinker verwurstet immer wieder dieselben Sachen, die er anderswo gefunden hat, und bringt sie wie große Neuigkeiten unter die Käufer und Fernsehgucker.
„When I cut an apple, I first decide to do it, then send neural impulses to my arm and hand, which in turn causes the muscles to contract (usw.)“
Das ist offensichtlich nicht richtig. „Ich“ sende keine Nervenimpulse. Aber Pinker schreibt auch: „The mind has the power to frame a single situation in very different ways.“ Das ist so das Niveau. Wenn wir mit Kräften des Geistes rechnen, ist alles möglich. Aber folk psychology geht immer, das ist die Geschäftsidee dahinter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2014 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#25238


Nach Dennett (The intentional stance) hat auch ein Thermostat beliefs. Er entschärft aber das zugegeben „Provokative“ dieser Ansicht gleich dadurch, daß er den „intentionalen Standpunkt“ und seine Zweckmäßigkeit definiert. Man „kann“ diesen Standpunkt einnehmen, und damit erklärt man am besten, wie ein Thermostat funktioniert. Skinner würde die Geschichte heranziehen, beides ist äquivalent. Aber Skinner ist wissenschaftlicher, seine Theorie ist anschlußfähige – nicht an Folk psychology und "Phänomenologie", sondern an Biologie usw.

„Of course you don't have to describe a thermostat in these terms. You can describe it in mechanical terms, or even molecular terms. But what is theoretically interesting is that if you want to describe the set of all thermostats (cf. the set of all purchasers) you have to rise to this intentional level. Any particular purchaser can also be described at the molecular level, but what purchasers–or thermostats–all have in common is a systemic property that is captured only at a level that invokes belief-talk and desire-talk (or their less colorful but equally intentional alternatives: semantic-information-talk and goal-registration-talk, for instance).“

Mit dem „only“ hat Dennett unrecht, weil er die behavioristische Erklärung nicht erwägt. Dennett löst im Gegensatz zu Fodor und auch Davidson die beliefs von der sprachlichen Formulierung. Es bleibt nur eine Art der Angepaßtheit unter den Kontingenzen des Überlebens übrig. Dennett klammert die Geschichte aus. Durch Untersuchung des Thermostaten kann man die Zweckmäßigkeit nicht herausbekommen, ebenso bei Hirnen usw., wohl aber durch Betrachtung der Konditionierungs- oder Entstehungsgeschichte, der bei Artefakten die Planung durch einen seinerseits erklärbaren Organismus entspricht.

Dennett hat soviel Gescheites geschrieben, auch über "Darwin's dangerous idea", ich verstehe nicht, warum er auf der Unentbehrlichkeit des intentionalen Standpunktes besteht. ("Skinner skinned" gehört nicht zu seinen Glanznummern.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.12.2013 um 06.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24684

But Chomsky's early view on language has been heavily criticized during recent years. First, he only focuses on grammatical rules and cares little about the meaning of language (semantics) and even less about how it is used in communication (pragmatics). A great deal of children's language learning can be explained with the aid of these factors. Secondly, Chomsky supposes that grammar is stored in the brain as a kit of rules that function in way similar to programming instructions in a computer. But it is far from certain that there is such a system of rules. Just because we can explain many aspects of human linguistic competences by using certain rules, it does not follow that these rules actually exist in the heads of the language users. Here is an analogy: a swinging pendulum moves according to Galileo's law, but this does not mean that the law in any sense is stored in the pendulum. To understand why it is not necessary to store a number of rules in the brain in order to know a language I want to go back to how termites build their hills as was described earlier. The termites only follow the principle of placing their clay balls where the smell is strongest. The physical laws of the environment then lead to the development of the complex hill. Human language may have developed in an analogous way. (Peter Gärdenfors: How homo became sapiens. Oxford 2010:185)
(Vgl. hier: how_homo_became_sapiens.pdf)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2013 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24605

Da Chomsky gerade 85 geworden ist, möchte ich zitieren, was Wikipedia (unter "Habitus", nach Bourdieu) schreibt:

Noam Chomsky untersuchte das Sprechverhalten der Menschen und ist zu mehreren Ansichten gekommen.

Chomsky hält es für lächerlich, das Sprechverhalten zu untersuchen, und hat es auch tatsächlich nie untersucht.

(Ich komme auch jeden Tag zu mehreren Ansichten.)
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 30.11.2013 um 14.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24512

Besonders in Überschwemmungsgebieten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.11.2013 um 22.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24508

Nein, Hepatitis E ist wesentlich gefährlicher, wird aber ebenfalls durch verunreinigtes Wasser übertragen.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 29.11.2013 um 20.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24507

Die durchs Essen übertragene Hepatitis A gehört schwerlich zu den zehn häufigsten Todesursachen in Indien.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.11.2013 um 20.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24501

Die zitierte Schlagzeile entstammt einer indischen Quelle, also ist es Selbstwahrnehmung. Andererseits gehört natürlich Hepatitis zu den Konzepten der »westlichen« Medizin.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2013 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24500

Ja, über die verschiedenen Arten, die Welt wahrzunehmen, habe ich auch schon mehrmals berichtet, obwohl ich so furchtbar weit nicht in der Welt herumgekommen bin. Das betrifft insbesondere die Einschätzung fremder Völker als "schmutzig".
Wir haben uns in Indien strikt daran gehalten, kein nichtabgekochtes Wasser zu trinken (manchmal schwierig, wenn man bei Freunden ein Glas aromatisiertes Wasser gereicht bekommt), kein ungeschältes Obst und vor allem keine Salate zu essen (Kopfdüngung im ausgetrockneten Bett der Yamuna). Unsere kleine Tochter hatte in den ersten Wochen Fieber, aber danach waren wir alle gesund und munter, bis auf eine Blutvergiftung aus unscheinbarem Anlaß, die ich mir in Benares zugezogen hatte.
In den Augen konservativer Inder gelten eher wir als die Schmutzigen, aus verschiedenen Gründen, die ich nicht zu wiederholen brauche.
Ich habe mit Mißfallen Deutsche über die unglaubliche Schmutzigkeit der Chinesen schwadronieren hören. Sie hatten Restaurantküchen betreten, wovon man aber auch hierzulande besser Abstand nehmen sollte, es ist durchaus nicht immer so wie im Fernsehen.
Verblüffend ist (oder war damals) das Nebeneinander medizinischer Höchstleistungen in den Spitzenkliniken und dienenden Frauen, die mit ihren allgegenwärtigen Reisigbesen in denselben Kliniken den Staub aufwirbelten. Tatsächlich wird das Dienstpersonal von den Höhergestellten überhaupt nicht wahrgenommen – das ist überhaupt das Gewöhnungsbedürftigste in Indien und einigen anderen Ländern.
Aber ich urteile nicht, ich bin ein Beobachter.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.11.2013 um 09.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24499

"Hepatitis among top 10 causes of death in India" lautete eine Schlagzeile vom 26. 7. 2013.
 
 

Kommentar von Argonaftis, verfaßt am 28.11.2013 um 09.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24498

Es ist heutzutage in Griechenland noch eine weitverbreitete Sitte, salata choriatiki (Bauernsalat) aus dem in der Mitte des Tischs stehenden Teller aufzuspießen. Ebenso bricht jeder eine Scheibe des nur angeschnittenen Brots aus dem gemeinsamen Körbchen für sich ab.
Im Restaurant eines fernsehbekannten Kochs in Deutschland hat dieser meinen Freunden beim Abschied gesagt, sie brauchten nicht mehr wiederzukommen; einer der Gäste hatte es sich erlaubt, seinem Tischnachbarn eine Kostprobe von seinem Teller auf der Gabel zu reichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2013 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24497

Nach einer bestimmten Theorie der Zivilisation ist es barbarisch, mit den Fingern zu essen. Man legt durch Gerätschaften wie Gabeln oder Stäbchen eine Distanz zwischen die Speise und den Mund. Die Theorie stützt sich auf wenige Gesellschaften und scheitert an den Indern, die auch schon lange nicht mehr auf Bäumen leben und es trotzdem unangenehm finden, mit metallenen Gabeln im Mund herumzustochern.
Man soll ja auch mit der Gabel nicht die Zähne berühren. Das Geräusch, sei es noch so leise, verursacht vielen Menschen eine Gänsehaut, ebenso wie beim Berühren des Porzellantellers mit Gabel, Löffel oder Messer.
In China muß man sich daran gewöhnen, daß der Gastgeber Leckerbissen von seinem eigenen Teller herüberreicht, natürlich mit den Stäbchen, deren Spitzen er selbst vorher im Mund gehabt hat. Es kommt niemandem in den Sinn, daß es damit ein Problem geben könnte. Setzt man sich darüber hinweg, kann man in China die herrlichsten Freßorgien erleben, meistens ist es auch sehr lustig.
Mit der Behauptung von Universalien muß man eben vorsichtig sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2013 um 14.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24457

Derselbe Trugschluß, den ich schon unter dem Stichwort "Planimeter" erwähnt habe, findet sich fast flächendeckend in der mentalistischen Linguistik. Hugo Steger liefert schon in Didaktik Deutsch 3/1971 ein Beispiel: Chomsky war der letzte Schrei. „Hierfür bietet sich als Grundlage die mathematische Automatentheorie an.“ S. 3. Dann dilettiert der Altgermanist Steger in Automatentheorie. (Frohgemut wird der Nachholbedarf gegenüber den USA zelebriert. Damals lasen wir als vermeintliche Standardwerke amerikanische Bücher, die drüben überhaupt keine Rolle spielten und längst vergessen sind.)
„In irgendeiner Form müssen ja die von uns hier vorgenommenen Regelanwendungsabläufe [sc. der generativen Simulation] auch vom sprechenden und hörenden Menschen und dazu noch mit außerordentlicher Schnelligkeit, Ökonomie und Sicherheit vorgenommen werden.“ (Steger)
D. h. die Simulation muß auch im Original eine Entsprechung haben – das ist eben der Fehlschluß. Er durchzieht die gesamte kognitive Linguistik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.11.2013 um 05.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24452

Die Sinnlosigkeit des Standardwerks "Speaking" von Willem Levelt wird jetzt auch knapp und schonungslos nachgewiesen bei M. R. Bennett/P. M. S. Hacker: History of cognitive neuroscience, Chichester 2013 (S. 141ff).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.11.2013 um 16.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24443

Über das Sprechen und Verstehen haben die Kognitivisten auch ganz naive Vorstellungen:

„Gesprochene Sprache wird mit einer Rate von zwei bis drei Wörtern pro Sekunde produziert. Jedes Wort wird aus mehreren 10000 Wörtern des mentalen Lexikons mit dieser Geschwindigkeit ausgewählt. Artikulation findet mit einer Geschwindigkeit von ca. fünfzehn Phonemen pro Sekunde statt. Wenn wir davon ausgehen, daß alle Schritte sequentiell durchgeführt werden, bedeutet dies, daß die langsamste Komponente die Geschwindigkeit der Verarbeitung bestimmt, in unserem Fall der Konzeptualisierer.“ (Günther Görz, Hg.: Einführung in die künstliche Intelligenz. Bonn u.a. 1993:505)

Demnach müßte man um so länger nach einem Wort suchen, je mehr Wörter man schon kennt. Eher ist das Gegenteil der Fall.

„Diese Wörter müssen in dieser Zeit aus einem Lexikon mit mehreren Tausend Einträgen selegiert, syntaktisch spezifiziert, Phonem für Phonem enkodiert und motorisch programmiert werden.“ (Thomas Pechmann: Sprachproduktion. Zur Generierung komplexer Nominalphrasen. Opladen 1994:12)

„Speech is normally produced at a rate of about two to three words per second. These words are selected at that rate from the many ten thousands of words in the mental lexicon.“ (Willem J. M. Levelt: Speaking - From intention to articulation. Cambridge (Mass.)/London 1989:22)

„Pro Sekunde werden etwa 10 Phoneme gesprochen (...), d. h. pro Sekunde müssen allein auf der Phonem-Ebene 10 Entscheidungen gefällt werden.“ (Hans Hörmann: Psychologie der Sprache. Berlin 1977:45)

„There's speech perception, in which the ear can decode speech at the rate of between 15 and 45 sound units per second, faster than it can decode any other kind of signal. This is almost a miracle, because at a frequency of about 20 units per second sound merges into a low pitched buzz, so the mouth and the ear are doing a kind of multiplexing, or information compressing and unpacking.” (Steven Pinker)

Einen Kommentar, den ich schon einmal zitiert habe, gibt David Palmer:

„The model has slipped out of the linguist’s notebook into the speaker’s head.”
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2013 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24392

Alle Menschen haben Sprache, das legt den Gedanken nahe, es könne sich um eine angeborene Fähigkeit handeln (deren konkrete Ausgestaltung dann historisch-zufällig wäre).

Sehen wir, wie Tauben in zwanzig Minuten dazu gebracht werden, Pingpong zu spielen, dann kommt einem die Ahnung, daß die Sprache für den Menschen ebenso wenig natürlich, ja geradezu abwegig sein könnte wie das Pingpongspielen für die Tauben. Die Lernfähigkeit (Konditionierbarkeit) ist da, aber der Rest ist kulturelle Akkumulation (s. Nachahmen und Vormachen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2013 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24325

„Unlike human beings, animals cannot speak about their thoughts.“
(Herbert Terrace: „Thought without words“. In: Blakemore, Colin/Greenfield, Susan (Hg.): Mindwaves. Thoughts on Intelligence, Identity and Consciousness. Oxford 1987:123-137)

Man setzt also voraus, daß Menschen über ihre Gedanken sprechen können. Das ist analytisch wahr, in jenem Sinne, in dem Sätze wahr sind, die einfach die Geschäftsordnung der Sprache exemplifizieren. Zur deutschen Sprache gehört es, daß wir denken und daß wir sprechen, daher auch, daß wir über das Sprechen und Denken sprechen und denken (und auch wiederum darüber!).
Die naturalistische Psychologie vermeidet diese alltagssprachlichen Ausdrucksweisen. Sprechen ist eine beobachtbare Verhaltensweise, Denken nicht. „Denken“ ist ein folkpsychologisches Konstrukt, eine vielleicht nützliche Fiktion. Das Sprechen über das Denken ist eine transgressive Metaphorik, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hat.

In der Alltagssprache ist es nicht möglich zu fragen, ob Menschen denken können. Die Antwort Menschen können nicht denken wäre ein pragmatischer Widerspruch (wie Ich kann nicht sprechen).
Wer so redet, beherrscht offenbar die deutsche Sprache nicht, und mehr ist dazu nicht zu sagen.

Die Frage, ob Tiere denken können, ist aus demselben Grund nicht wissenschaftlich entscheidbar. Man kann den Sprachgebrauch so ausweiten, daß Tieren das Denken zugesprochen wird, man kann es aber auch anders machen. Mit Definitionen ist hier nichts zu erreichen, die Sprachgemeinschaft muß einen neuen Gebrauch übernehmen oder eben nicht. Dabei dürfte eine Rolle spielen, ob man zum Beispiel Affen „anspricht“, d. h. sie praktisch als Personen behandelt. Im Umgang mit Hunden und anderen Tieren kommen bereits jetzt auch bei uns viele personalisierende Kommunikationsformen vor, so daß es eine Ermessensfrage ist, den Hunden Sprechen und Denken zuzuschreiben; sie kommunizieren freilich auf eine andere Art, aber das ist kein grundsätzlciher Einwand, denn es trifft auch auf Kinder und Fremde zu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2013 um 15.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24246

Jemand hat ein Buch darüber geschrieben, wie sich beim Kind die Ansicht von der Rolle des Gehirns entwickelt. Das ist natürlich Unsinn. Solche Ansichten entwickeln sich nicht, sondern werden in das Kind hineingeredet. Aristoteles war einer der klügsten Menschen und konnte auch gut beobachten, aber vom Gehirn hatte er ganz falsche Ansichten. Immerhin wußte er, daß es Gehirne gibt, Kinder wissen das meist nicht aus erster Hand. Hunderttausende von Jahren war das Hirn für die Menschen nur ein Leckerbissen.

Auch religiöse Vorstellungen "entwickeln" sich nicht beim Kinde. Man kann höchstens untersuchen, wie die Übernahme der Erwachsenenansichten funktioniert. Im Religionsunterricht soll ja dann erklärtermaßen das Kind "seine" Religion kennenlernen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2013 um 13.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24224

Wie ich jetzt erst sehe, ist der Psychologe Theo Herrmann im Juli verstorben.

Er hat zahlreiche, teils lesenswerte Bücher hinterlassen. Mich hat er einmal brieflich ermuntert, auf meinem behavioristischen Weg weiterzumachen; ich als Nichtpsychologe könne mir das erlauben, er leider nicht.

Um das zu verstehen, muß man seinen meiner Ansicht nach bedeutendsten Text heranziehen: "Über begriffliche Schwächen kognitivistischer Kognitionstheorien: Begriffsinflation und Akteur-System-Kontamination". Sprache und Kognition 1 (1982):3-34.

Damit hat er innerhalb der Zeitschrift eine kurze Diskussion ausgelöst, die aber nicht weitergeführt worden ist. Oder vielmehr: Die eigentliche Würdigung stammt von mir, dem Laien, und zwar in den hier bereits wiedergegebenen Texten aus derselben Zeitschrift.

Herrmann selbst hat mehrmals versucht, trotz aller Vorsicht ein stilreines nichtmentalistisches Modell vorzuführen, z. B. in Allgemeine Sprachpsychologie. Grundlagen und Probleme. 2. Aufl. Weinheim 1995 (=1985), es ist ihm aber nicht gelungen. In meiner Rezension zu Herrmann/Grabowski (siehe hier) habe ich das ausführlich gezeigt.

So zeigen seine Bücher zur Sprachpsychologie über die Jahre hin eine gewisse Eintönigkeit. Zum Beispiel wird fast jedesmal das Schema "Auffordern" (AUFF) behandelt, immer gleich und all den Einwänden ausgesetzt, die Versalien anstelle von wissenschaftlichen Theorien eben auslösen. Wir haben es bei Peter von Polenz schon gesehen.

Das ist ein bißchen tragisch.

Herrmanns Schüler haben seine Arbeit fortgesetzt. Werner Deutsch hat noch in Marburg, wo ich viel mit ihm diskutieren konnte, eine Dissertation über die Psychologie der Objektbenennung verfaßt.

Wie gezeigt, ist die Herrmann-Schule doch sehr ähnlich und oft identisch mit dem, was vor allem Willem Levelt ("Speaking") und andere am MPI in Nijmegen getrieben haben: sehr traditionelle mentalistische Psychologie in etwas modernisierter Ausdrucksweise. Große Betriebsamkeit auf jeden Fall, aber magere Ergebnisse.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2013 um 04.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24217

Es ist schon lange her, daß ich Morris gelesen und exzerpiert habe, aber wenn ich ihn recht verstehe, beharrt er auf einem Zeichenmodell, aus dem die mystische "Beziehung" auf etwas (Referenz, Denotation, Signifikation, kurz: Aboutness) nicht verschwunden ist. Das macht ihn für Behavioristen uninteressant. Gut ist seine Warnung davor, jeden Reiz zum Zeichen zu erklären, also einem semiotischen Imperialismus zu verfallen, wie ich es auch an Rudi Keller kritisiert habe (in meinem Aufsatz "Wirkliche Zeichen"); s. a. hier.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 10.10.2013 um 19.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24216

In "Verbal Behavior" zitiert Skinner ja generell sehr wenig, ich kann mich aber auch sonst an keine Erwähnung von Morris erinnern.
Morris dagegen hat sogar eine Buchbesprechung von "Verbal Behavior" geschrieben, die 1958 in "Contemporary Psychology" erschien. Gelesen habe ich sie nicht, Terry J. Knapp attestiert ihm aber immerhin eine klare und prägnante Zusammenfassung des Werks, auch wenn Morris natürlich eine Zeichentheorie in seinem Sinne darin vermisst (siehe hier).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2013 um 16.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24215

Morris hält sich viel zu sehr an Peirce, als daß Skinner in ihm einen Behavioristen hätte sehen können. Ich erinnere nicht, daß Skinner ihn erwähnt, obwohl Skinner sonst keine Gelegegenheit ausläßt, Vorgänger und Gleichgesinnte anzugeben. Morris äußert sich gelegentlich über Skinner, aber ich habe nicht den Eindruck, daß er ihn verstanden hat. Jedenfalls sind Morris' Begriffe und Thesen doch ziemlich weit von Skinner entfernt.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 10.10.2013 um 16.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24214

Das ist natürlich ein ganz allgemeines Problem – Felder werden besonders von Außenstehenden oft als wesentlich einheitlicher gesehen und dargestellt, als sie eigentlich sind. Das fällt einem aber blöder- und üblicherweise erst dann auf, wenn es sich um ein Feld handelt, mit dem man selbst vertraut ist. [Jede Abstraktion ist gewissermaßen eine Lüge, aber ganz ohne geht es leider auch nicht. Viele sind allerdings allzu bequem.]

Da ich mich gerade ein wenig mit Semiotik beschäftige, ist mir aufgefallen, wie oft Morris' Zeichenbegriff als behavioristisch charakterisiert wird – wobei er als Mead-Schüler schon einen deutlich anderen Behaviorismus vertreten hat als viele Behavioristen seiner Zeit.
Skinner verzichtet z.B. gleich ganz auf Begriffe wie Zeichen oder Symbol (auch wenn er sie natürlich in seinem Sinne hätte umdefinieren können), was ich recht sympathisch finde. ("'Sign,' 'symbol,' and more technical terms from logic and semantics commit us to special schemes of reference and stress the verbal response itself rather than the controlling relationship." (VB: 81))


Ich glaube übrigens nicht, dass es nichts nützen würde, Behauptungen wie die von Ihnen angeführte in der Wikipedia zu korrigieren – gerade Wikipedia hat ja eine große Flächenwirkung. Das Frustrationspotential scheint aber relativ hoch zu sein, weil jede Änderung natürlich leicht von anderen revidiert werden kann, was leider häufig in sog. "edit wars" ausartet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2013 um 09.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24211

„Während der Behaviorismus den Wissenserwerb vollständig durch Reiz-Reaktions-Mechanismen zu erklären versuchte[93], begann man in den 1960er Jahren, interne psychische Zustände zu postulieren, die als Wissensrepräsentationen den Lernerfolg erklären sollten.“ (Wikipedia s. v. Wissen)

Der Verweis [93] geht auf John B. Watson: „Psychology as the Behaviorist Views It“, in: Psychological Review 20, 1913, S. 158–177, als sei das „der“ Behaviorismus.

Man könnte den Unsinn korrigieren, aber es würde nichts nützen, er ist zu tief verwurzelt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2013 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#24148

Skinner hat eher beiläufig den unvergleichlichen Nutzen der Sprache etwa so dargestellt: Das Verhalten, das im Aussprechen von Wörtern wie rot besteht, ist die einzige Reaktion, die – unter passenden Umständen, die ebenfalls gelernt werden – auf alles Rote erfolgt. Das ist natürlich nur ein Beispiel, man muß die endlose Reihe von "Abstraktionen" ergänzen, die in unseren Sprachen entweder schon auf diese Weise bedacht sind oder jederzeit neu gebildet werden können, angefangen mit dreieckig, Kugel usw.
Kein Tier reagiert einheitlich auf alles Rote, alles Dreieckige usw.

Bemerkenswerterweise erklärt Skinner also die Abstraktion ohne Rückgriff auf das "Denken" und andere vorwissenschaftliche Begriffe.

Zu den passenden Umständen: Chomsky hat gegen Skinner einwenden zu müssen geglaubt, daß wir nicht jedesmal, wenn wir Mozart hören, Mozart sagen. Wer Skinner gelesen hat, wird sich mit solchen Einwänden nicht weiter beschäftigen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 17.08.2013 um 22.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23906

Nach den Enthüllungen von Gert Postel ("Doktorspiele", www.gert-postel.de) und nach dem Fall Mollath kann man die aktuelle Psychologie getrost der mittelalterlichen Inquisition gleichsetzen. Jegliche psychologischen Gutachten gehören m. E. verboten. Es ist eine gruselige Vorstellung, wie viele völlig gesunde Menschen aufgrund solcher Gutachten vielleicht in geschlossenen psychiatrischen Anstalten eingesperrt sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.08.2013 um 15.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23905

„Die Sendung litt darunter, dass niemand am Tisch saß, der den Freigelassenen nach wie vor im Verdacht hat, ein extrem gescheiter Psychopath mit viel verstautem Aggressionspotenzial zu sein.“
(http://nachrichten.rp-online.de)
Das schreibt die Rheinische Post in einem durchaus Mollath-freundlichen Artikel. Da ist dann doch wieder das verkorkste Vokabular der populären Psychologie, die heute über das Schicksal von Menschen entscheidet. Allerweltsweisheiten werden in pseudogelehrte Begriffe gekleidet, z. B. das Aggressionspotential (mit hydraulischer Metaphorik nach Freud); dazu gehört der Narzißmus ebenso wie die bipolare Persönlichkeitsstörung, das Borderline-Syndrom und der ganze weitere hilflose Unsinn. Irgendwann wird sich die Menschheit von der sogenannten Psychologie befreien, aber wir werden es nicht mehr erleben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2013 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23772

Wortbildungen entspringen der kreativen Kraft der Sprache und der Sprecher. (Hans Jürgen Heringer: Grammatik und Stil. Frankfurt 1989:193)

Ich übersetze: Wortbildung kommt vor.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2013 um 11.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23633

Bei SPIEGEL online kann man ein Psychologie-Quiz mitmachen, das das ganze Elend der heutigen Psychologie zeigt. Mit folk-psychologischen Begriffen wie "Willensschwäche" werden die geläufigen Weisheiten weiterverbreitet, daß also zum Beispiel Alkoholiker nicht willensschwach (sondern krank) sind, daß Schizophrene keine gespaltene Persönlichkeit haben usw. – Kann wegfallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.07.2013 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23575

„Chomsky hält es für unmöglich, daß Kinder die Fähigkeit zur Bildung grammatisch korrekter Sätze ausschließlich durch Imitation von im Alltag aufgenommenen Beispielen und durch induktive Erschließung der Regeln aus diesen Beispielen erwerben können.“ (Andreas Gardt: Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland. Berlin 1999:333)

Das wird als Kritik an Skinners „Verbal Behavior“ wiedergegeben. Aber wo ist bei Skinner von Imitation und Erschließung von Regeln die Rede?

Chomsky spricht übrigens auf 13 Seiten seiner Skinner-Rezension von Ratten, die Hebel drücken, obwohl Ratten im rezensierten Werk gar nicht vorkommen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 02.06.2013 um 18.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23334

Das hier angesprochene Gehen muß nicht unbedingt schlechter aussehen. Wenn da Sportgeher in die Hüfte einknicken, naja, sie haben's halt nicht besser gelernt oder können nicht mehr. In Wirklichkeit ist dieses Gehen gut fürs Marschieren mit einem vielleicht sogar schweren Tornister, wo man sich also freut, wenn ein Fuß immer am Boden ist und man nicht kraftverschwendend herumhüpft, sondern alle Kraft darauf verwendet, daß man vorwärts kommt.
Und als ich in den 50er Jahren die schwedischen Weltklassegeher (Ljunggren) kennenlernte, fiel mir auf, wie normal die eigentlich gingen — und natürlich auch, wie schnell die dabei an einem vorbei waren. Aber dabei konnte ich immer gut, wenn auch nur kurz, von hinten sehen, wie normal die gingen. Gemeinsam hatten wir übrigens, daß weder sie noch ich je verwarnt wurden...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2013 um 14.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23332

Das muß nicht absurd sein. Wer beim Gehen über 10 km die Füße gleichzeitig vom Boden nimmt, weil er dann schneller vorankommt (sieht auch besser aus!), wird disqualifiziert.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 02.06.2013 um 14.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23331

Wenn ein Kind in der bayerischen Grundschule beim Subtrahieren nicht das Borgen-Verfahren verwendet, wird auch ein richtiges Ergebnis als Fehler gewertet, obwohl es in den weiterführenden Schule sofort durch das Ergänzungs-Verfahren ersetzt wird. Ebenso würde es als Fehler gewertet, wenn Grundschüler bei Textaufgaben einfach Gleichungen aufstellen würden. Carl Friedrich Gauß hätte in bayerischen Grundschulen eine Fünf in Mathe bekommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2013 um 08.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23327

Ja, natürlich, das ist alles nur heiße Luft.

Aber das Aufbauschen ist so üblich, daß auch unverdächtige Autoren es kaum noch bemerken. Ein germanistisches Lehrbuch beginnt so:

Alle Sprachen befinden sich in ständigem Wandel. Diese Tatsache gehört zu den Universalien der Sprache.

Der zweite Satz bedeutet dasselbe wie der erste, ist aber mit dem schwierigen Begriff der „Universalien“ belastet. Dem Leser hilft es nicht gerade.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 02.06.2013 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23325

Zeichentheoretisch gesprochen enthält das Lexem ‚Fehler‘ eine negative Bewertungskomponente sowie die deontische Komponente, daß ‚Fehler‘ unbedingt vermieden werden müssen.

Täusche ich mich, oder sind diese Formulierungen nichts weiter als Wichtigtuerei? Wozu muß man hier die Semiotik bemühen? Und das Fremdwort "deontisch" erscheint auch übertrieben, jedenfalls für meinen Geschmack, denn es geht schließlich um die ganz pragmatische Entscheidung, seinen Mitmenschen, vor allem den jungen, beizubringen, wie man sich sinnvollerweise verhält. Aus denselben Gründen gibt es gewisse Benimm-"Regeln" (etwa die, "danke" oder "bitte" zu sagen, oder einander die Hand zur Begrüßung zu geben).

Die Einübung gewisser allgemeiner Verhaltensweisen ist Aufgabe der Eltern, der Gesellschaft und der Schule, und alles, was darüber hinausgeht (z.B. Fachjargon, diplomatisches Protokollverhalten, Empathie), ist eine Kombination aus spezialisierter Ausbildung und Lebenserfahrung.

Daß "‚Fehler‘ unbedingt vermieden werden müssen" ist natürlich nicht richtig, denn wer begeht in seinem Leben keine Fehler? Sie sollten natürlich vermieden werden, aber während im richtigen Leben Fehler mit einer Entschuldigung, einem Corrigendum oder einem Blumenstrauß o. ä. aus der Welt geschafft werden können, ist ein Fehler in der Schule für manche Didaktiker ein rotes Tuch. Deshalb sollte man die Fehler wohl am besten ganz abschaffen oder wenigstens positiv bewerten dürfen. Letzteres ist ja nicht ganz unvernünftig, denn es gibt ja auch Fehler, die nur intelligente Schüler machen; es ist sogar möglich, daß ein Schüler mehr weiß als sein Lehrer und die angeblich "falsche" Antwort richtig ist.

Die Mehrheit unserer Deutschdidaktiker sitzt meines Erachtens in einem falschen (d.h. vollkommen wirklichkeitsfremden) Zug.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2013 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23323

In einem Aufsatz über Rechtschreibfehler schreibt der Deutschdidaktiker Hajo Diekmannshenke:

"Als Noam Chomsky (1959) Ende der 50er Jahre das Erklärungsparadigma des Behaviorismus zum Spracherwerb so nachhaltig erschütterte, daß dieser sich davon bis heute kaum erholen konnte, spielten auch Fehler, die Kinder quasi systematisch im Verlauf des Spracherwerbs begehen, eine wichtige Rolle. So verwenden Kinder in einer bestimmten Phase z.B. die Flexionsmorpheme des Präteritums der schwachen Konjugation zeitweise auch für die Flexion der starken Verben. Daß solche Fehler nicht auf Nachahmung oder einem simplen Reiz-Reaktions-Schema als Grundlage des Lernprozesses beruhen können, ist offensichtlich."

Also wieder das genaue Gegenteil dessen, was Skinner tatsächlich geschrieben hat (der Verweis betrifft Chomskys berüchtigte Rezension von "Verbal Behavior"). Selbst wenn man, wie Diekmannshenke und so viele andere, Skinners Werk nie in der Hand gehabt hat, kann man sich doch wohl denken, daß Skinner keineswegs ratlos vor Übergeneralisierungen aus Kindermund gestanden hat.

Wie aus längst vergangenen Zeiten mutet es auch an, wenn D. den Fehler feiert:

"Noch immer herrscht weitgehend die Meinung, daß Fehler etwas Negatives seien. (...) Zeichentheoretisch gesprochen enthält das Lexem ‚Fehler‘ eine negative Bewertungskomponente sowie die deontische Komponente, daß ‚Fehler‘ unbedingt vermieden werden müssen." Usw.

Fehler deuteten auf Regelbildung hin, und das sei positiv zu werten. Besonders die Fehler von Ausländerkindern wurden bejubelt. Je konsequenter sie falsch sprechen, desto mehr Regeln haben sie selbst gebildet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.05.2013 um 07.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23255

Nach einem sehr bekannten Zitat aus William James ist die Welt für das kleine Kind "a blooming, buzzing confusion". Das ist vielleicht im Zusammenhang anders zu verstehen, als es meistens verstanden wird, aber das tut hier nichts zur Sache (vgl. http://johnhawks.net/weblog/.../james-blooming-buzzing-baby-2010.html)

Allerdings kann sich wohl keiner von uns erinnern, daß er die Welt früher als chaotisch wahrgenommen hat und nun klarer sieht. Das kleine Kind lernt, daß es die heiße Herdplatte besser nicht anrührt usw., aber zu keinem Zeitpunkt erscheint ihm die Welt unbegreiflich, im Gegenteil. Je mehr ich dazulerne, desto unbegreiflicher wird mir die Welt: die Einheitswährung, die Ölkännchenverordnung usw. Aber Spaß beiseite: Ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß wir ebenso wie der Frosch, die Zecke, die Fledermaus in jedem Zeitpunkt eine uns angemessene Weltsicht haben, mit der wir auch vollkommen zufrieden sein können, weil sie mit unserem Wohlergehen bestens abgestimmt ist.

Und nun zur Menschheitsgeschichte:

„What reason is there to assume that all hunting and gathering peoples would stand in awe and terror at the world they have grown up in?“ (Noel W. Smith: Greek and interbehavioral psychology. Lanham, New York, London 1990:34)

Gut gesagt!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.04.2013 um 05.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#23042

In der Beilage „Beruf und Chance“ breitet die FAZ (Ursula Kals) volkstümliche Theorien über den Wert „introvertierter“ Mitarbeiter aus. Angeführt wird auch Sylvia Löhken, eine promovierte Sprachwissenschaftlerin (Deutsche Wortprosodie – Abschwächungs- und Tilgungsvorgänge, 1997) die als Unternehmensberaterin Vorträge über Introvertierte zu ihrem Beruf gemacht hat und als Rednerin gebucht werden kann. Der Glaube an die Realität hinter den Begriffen Introversion und Extraversion (hier wie auch sonst meistens Extro-) ist unerschütterlich. Die Beschreibung der korrelierten Verhaltenstypen ist ganz umgangssprachlich-allzumenschlich, ohne Bezug zu den Testkriterien bei Eysenck usw. Bezeichnenderweise muß man nicht Psychologie studiert haben, um diese Thesen vertreten zu können. In den klischeehaften Verhaltensbeschreibungen glaubt jeder wiederzuerkennen, was er schon weiß, und findet das Ganze sehr gut. Man muß sich richtig anstrengen, um das Ganze als Unsinn zu durchschauen. Der Orientierungsgewinn von Typenlehren ist allzu groß, nur mit dem von Religionen vergleichbar.
 
 

Kommentar von Andreas Blombach, verfaßt am 03.04.2013 um 10.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22912

Über diesen Artikel habe ich mich auch ein bisschen geärgert. Allerdings ist das eben die Zeit, wo man auch schon solches lesen durfte:
»Behavioristen wie der Harvard-Psychologe Burrhus Frederic Skinner glauben sogar, dass sie die menschliche Psyche programmieren können wie einen Computer. "Gib mir ein Kind, und ich verwandle es in alles Mögliche", lautet einer von Skinners Grundsätzen. Die Macht über das Mentale erscheint unermesslich.« (www.zeit.de/wissen/2012-02/gehirnwaesche-psychologie-gedanken)
Da wird Skinner also der häufig zitierte Satz Watsons (in verkürzter Form) untergeschoben, und selbst dieser ist ja bereits aus dem Kontext gerissen. "Macht über das Mentale" ist dann die Krönung des ganzen.

Schon früher wurden Skinner und Pawlow mit Descartes in einen Topf geworfen (www.zeit.de/zeit-wissen/2006/06/Titel-Tiere.xml), obwohl ja gerade Chomsky in kartesischer Tradition steht.

Immerhin gibt es aber ab und an kleinere Lichtblicke wie diesen (natürlich mit Einschränkungen): www.zeit.de/2010/24/Prinz-Interview/komplettansicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.04.2013 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22907

Einem Artikel der ZEIT zufolge lernen Kinder die Sprache nicht durch "Nachplappern" – entgegen der "gängigen Meinung". Das soll eine amerikanische Untersuchung herausgefunden haben.
(www.zeit.de/wissen/2013-04/linguist-kinder-sprache?google_editors_picks=true)

Nun, der Behaviorismus lehrte, daß Sprache nicht durch Nachahmung erworben wird, sondern durch Konditionieren. Der Nativismus lehrte, daß Sprache nicht durch Nachahmung erworben wird, sondern durch Anwendung angeborener Grammatik.

Erfahrene Beobachter hatten Mühe, gegen beide Richtungen auch die beschränkte Rolle der Nachahmung zur Geltung zu bringen. Die ZEIT hatte das alles, dank Dieter E. Zimmer, noch nie verstanden.
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 20.02.2013 um 20.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22684

(Diese Datei ist bereits nicht mehr vorhanden. – Red.)

Ich kann sie problemlos aufrufen:
www.dropbox.com/s/z8igbxjjpl9sotq/2002%20how%20language%20evolved.docx

Der Link kommt von hier:
psych.unm.edu/people/directory-profiles/miller-papers/index.html
Titel: "Miller, G. F. (2002). How did language evolve?"

Vielleicht klappt es von dort aus besser.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.01.2013 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22424

„Am Ende der Periode des Spracherwerbs verfügt das Kind über ein umfassendes System von syntaktischen und anderen Regeln, mit denen es Sprache verstehen und produzieren kann.“ (Ton Dijkstra/Gerard Kempen: Einführung in die Psycholinguistik. Bern u.a. 1993:96)

(= Nachdem das Kind sprechen gelernt hat, kann es sprechen.)

Die Sprachregeln werden nicht vom Kind befolgt, sondern vom Linguisten, der sie erfunden hat. Nicht die Sterne richten sich nach den Keplerschen Gesetzen, sondern Kepler.

Das zitierte Buch ist eines der vollkommen wertlosen Erzeugnisse einer spekulativen Psychologie, wie sie im Gefolge Chomskys wiederauferstanden sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2013 um 09.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22359

Hier der neueste Wochenbericht von den menschlichen Seiten der Affen:

»Sinn für Gerechtigkeit ist nicht rein menschlich
Schimpansen haben einen Sinn für Fairness. Sie teilen Futter gerecht mit Artgenossen – zumindest, wenn sie sonst Einbußen fürchten müssen, berichten Forscher um Darby Proctor von der Georgia State Universität im Fachjournal „PNAS“. „Verhaltensökonomen gingen bisher davon aus, dass Tiere stets egoistisch handeln würden. Wir haben gezeigt, dass Schimpansen ähnliche Prioritäten setzen wie unsere eigene Spezies“, sagt Frans de Waal von der Emory Universität in Atlanta. Die Forscher ließen sechs Schimpansen in Zweier-Teams das „Ultimatum-Spiel“ spielen.
Ein Schimpanse durfte zwischen zwei Spielsteinen wählen, den der zweite Affe beim Betreuer gegen Futter tauschen konnte. Ein Spielstein stand für eine gerechte Verteilung, der andere war eine egoistische Option, die dem Wählenden den Großteil des Futters sicherte. Allerdings durfte der zweite Schimpanse den Spielstein ablehnen. Dann gingen beide leer aus.
Im dem Spiel verhielten sich die Schimpansen ziemlich fair, sie entschieden sich häufiger für die gerechte Verteilung. Hatte der zweite Affe keine Möglichkeit der Zurückweisung, waren die Tiere in der Regel deutlich gieriger.«

dpa (15.1.13)

Klar, daß Frans de Waal dieser wertlosen Experimentiererei die entsprechende Zustimmung widmet. Man kann Tieren alles mögliche beibringen, die Deutung ist dann Sache freundlicher Interpreten. Es hat doch keinen Sinn, moralische Begriffe auf Verhalten anzuwenden, das, wie gerade im Experiment gezeigt, weder Spielräume noch Rechtfertigungsdialoge kennt, also auch weder Schuld noch Verdienst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.01.2013 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22358

Natürlich! Oder sprechen wir Benna "Spinne" aus?
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 08.01.2013 um 19.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22294

Sehr hübsch. Aber das Töchterchen sagte doch wohl nicht Benna statt Spinne, sondern sprach Spinne [bena] aus? (Vgl. Pups und Furz.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 08.01.2013 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22293

zum kindlichen Denken:
Als unser zweiter Sohn geboren wurde, war der erste knapp zwei, kannte bei Tisch schon Salz- und Pfefferstreuer und konnte diese auch benennen. Wie nun das gerade angekommene Baby gewickelt wurde, schaute er interessiert zu. Der Nabel näßte noch ein wenig und wurde gepudert. Nun, damit kannte er sich aus und rief freudig: "Saß". Meine Frau und ich konnten das Lachen nicht unterdrücken, unser Sohn bemerkte also, daß er etwas falsch gemacht hatte und korrigierte sich sofort: "Föffa".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.01.2013 um 17.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22292

Zum kindlichen Denken noch dies: Eine unserer Töchter war ein Jahr und 8 Monate alt, als sie statt "Spinne" noch Benna sagte. Sie fand es selbstverständllich, daß eine in unserem Haus lebende Spinne auch unseren Familiennamen trug: Benna Ickler.

(Das fiel mir eben ein, weil ich gerade ein Buch über das "wilde Denken" lese.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.01.2013 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22272

Der Philosoph Peter Bieri meint:
„Wir müssen uns in einer materialistischen Theorie des Geistes intuitiv wiedererkennen können.“

Ähnlich Thomas Metzinger:
„Wir müssen diese Theorie (sc. des Bewußtseins) letztlich auch als eine Theorie über unser eigenes inneres Erleben akzeptieren können. Sie muß der Subtilität und dem phänomenologischen Reichtum dieses Erlebens Rechnung tragen und die Innenperspektive des erlebenden Subjekts wirklich ernst nehmen.“

Auch Jay Garfield meint, die Psychologie sei insofern einzigartig, als sie sich vor dem common sense rechtfertigen müsse. Diese Forderung ist befremdlich, da von Wissenschaften sonst nur verlangt wird, daß ihre Erkenntnisse wahr sind, nicht aber, daß sie mit den vorwissenschaftlichen Meinungen der Leute übereinstimmen oder verträglich sind. Die Besonderheit der Psychologie bzw. Theorie des Geistes scheint darauf zu beruhen, daß die vorwissenschaftlichen Meinungen eine unüberbietbare Evidenz und irrtumsfreie Richtigkeit für sich beanspruchen können.

Darum ist der Behaviorismus notwendig, der diese naive Ansicht nicht teilt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.12.2012 um 06.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22196

Es geht eigentlich um zwei Thesen: Erstens wird behauptet, daß Kinder "von Natur" sprechen lernen; die ärgerliche Tatsache, daß sie in den USA Englisch und in China Chinesisch lernen, wird für eine "uninteressante" Oberflächenerscheinung gehalten (womit sich wirkliche Sprachwissenschaftler eigentlich zufrieden geben könnten, denn diese Oberfläche ist gerade das, was sie interessiert, im Unterschied zu einer "Philosophie des Geistes"). Zweitens geht es um die Notwendigkeit von Babytalk (motherese) als "Input".
Aus meiner Zusammenfassung der Lerntheorie geht nicht hervor, daß Babytalk notwendig ist. Es gibt viele Wege der Konditionierung. Aber die These, daß in manchen Kulturen die Erwachsenen weder in Babytalk noch sonstwie mit ihren Kindern sprechen, bevor diese sprechen können, steht auf ganz schwachen Füßen. (Geoffrey Sampson und viele andere haben darauf hingewiesen.) Bei einigen dieser Forschungen (Harkness in Guatemala, wenn ich mich recht erinnere) waren die Kinder schon zwei Jahre alt. Crystal erinnert daran, daß Erwachsene mit Kindern anders sprechen, wenn fremde Beobachter dabei sind. Weder hat man die gesamte Interaktion untersucht noch den Einfluß der Geschwister usw. Durch bloßes Mithören von Gesprächen ohne eigene Teilnahme lernt kein Kind sprechen. Man denke auch daran, wie oft Roger Browns chomskyfreundliche Befunde wiedergekäut wurden und immer noch werden (keine Korrektur durch Erwachsene, keine negative Evidenz usw., übrigens alles unwesentlich für die behavioristische Theorie), obwohl sie durch Moerk, Pullum, Sampson und andere widerlegt sind.
Weder Brown noch die deutschen Spracherwerbsforscher Chomskyscher Obervanz deuten ihre eigenen Befunde korrekt. Dafür möchte ich ein Beispiel von Harald Clahsen anführen (aus der Schule Henning Wodes, woher auch der verstorbene Sascha Felix seie verstiegenen Thesen hatte). Ich greife aus Clahsens Dissertation die Negation heraus, immer ein Kernstück dieser Theorien.
Clahsen postuliert folgende Erwerbsstadien:
1. Stadium: Negationsträger in variabler Stellung, prä- oder postverbal, nie durch andere Konstituenten vom finiten Verb getrennt.
2. Stadium: Bei Mathias und Daniel ab 34.2, bei Julia ab 28.3 wird präverbale Stellung der Negation ausgeschlossen; auch jetzt treten keine anderen Konstituenten zwischen Verb und Negationsträger.
3. Stadium: Andere Elemente treten zwischen Negation und Verb, bei den beiden Knaben ab 41 Monaten.

Der Befund des Corpusbandes sieht anders aus. Mathias zeigt bis zum Alter von 40.3 folgende Konstruktionen:
dieser darf er nich wegtun (34.2.)
kann er nich (34.2, zweimal)
geht er nich bald putt (34.2)
das kann da nich drauf (36.3)
hoffentlich eß der piepmatz das nich auf (40.3)

Das sind 6 Fälle von Konstruktionen, die nach Clahsen erst einem späteren Stadium angehören. Von den übrigen Fällen sind nicht weniger als 11 solche Wendungen wie kann nicht, will nicht, darf nicht, war nicht, also verneinte Hilfs- und Modalverben, die wahrscheinlich en bloc gelernt werden und wo daher auch die Stellung immer die zielsprachlich korrekte ist.
Eine scheinbare Ausnahme ist Julia schere nich darf (S. 59), was sowohl von der Mutter wie vom Beobachter und Protokollanten falsch gedeutet wird (1982:77). Der Kontext deutet darauf hin, daß Mathias sagen wollte: Julias Schere ist nicht scharf. Er schneidet nämlich gerade mit seiner eigenen Schere und äußert im folgenden, ohne sich um die irrige Deutung der Mutter zu kümmern: diese scharfe scher (= Diese Schere ist scharf). Mutter: die is besser. Mathias: scharf. nur pier. Julia nein. Mutter: Julia schneidet sich sonst in den finger. Mathias: Julia kann nich pap neiden. Mutter: nein. Mathias: kann nich. Das Ganze bedeutet: Mathias vergleicht seine Schere mit Julias Schere, mit der die Mutter gerade schneidet, und er findet sie schärfer. Die Mutter bestätigt das. Offenbar hat Julia eine Spielzeugschere, mit der man nur Papier, nicht Pappe schneiden kann. Daher meine Deutung der ersten Äußerung als 'Julias Schere ist nicht scharf.'
Auch Daniel äußert – bei insgesamt sehr wenigen negierten Äußerungen – mit 39.2 Monaten: kann das nicht. Und Julia sagt schon mit 27.3: ich schaff das nicht (zweimal).
Zusammenfassend: Bei Mathias treten im fraglichen Zeitraum bis zum 41. Monat 25 verneinte Verbalsätze auf, durchweg natürlich von sehr geringem Umfang, so daß ein Dazwischentreten weiterer Konstituenten schon aus diesem Grund nicht oft zu erwarten ist. Dennoch kommen 6 solche Fälle vor, und 11 weitere sind wenig signifikant, weil es sich um feste Verbindungen handeln dürfte. Es bleiben ganze 8 Fälle, in denen keine Konstituente zwischen Verb und Negation steht – aber warum auch sollte dort überhaupt eine stehen?

So ging es jahrzehntelang in der Spracherwerbsforschung zu. Pinker ist kein bißchen besser. Die Theorie verstellt den Blick auf die Tatsachen, beseitigt sogar das Interesse daran.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.12.2012 um 00.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22195

Aus dem bei Pinker Folgenden wird deutlich, daß er eigentlich hätte schreiben sollen "the folklore that parents must seek to actively teach their children language": http://courses.education.illinois.edu/edpsy313/notes/pinker_motherese.html.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.12.2012 um 06.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22194

First, let’s do away with the folklore that parents teach their children language. (Steven Pinker)

Sprache soll nach dieser Chomskyschen Lehre so angeboren sein wie die Fähigkeit der Spinne, ein Netz zu weben. Die Unterschiede zwischen den Sprachen seien unwesentliche Oberflächenerscheinungen usw.

Nach empiristischer Auffassung (Skinner, Ickler) ist es anders:

Eltern (und andere Personen) lehren ihre Kinder sprechen, und zwar auf drei Wegen:

1. Shaping: Annäherungen des spontanen Sprachverhaltens werden sukzessive bekräftigt, vulgo belohnt. Der Lohn besteht meisten nicht in Geld und guten Worten, sondern im Erfolg, wenn das Gesagte aufgegriffen, weitergeführt, befolgt wird usw.
2. Vormachen: Nachahmung von Vorgesprochenem (von Generativisten geleugnet, von Eltern millionenfach beobachtet) führt Neues ins Repertoire kindlichen Verhaltens ein. Es wird durch Bekräftigung – s. oben - verankert.
3. Belehrung: tatsächlich ist jedes Kind auch ausdrücklicher Unterweisung ausgesetzt: "Das sagt man, das sagt man nicht."

Wir alle wissen, daß Sprache (und anderes Verhalten) auf diese Weise erworben wird. Die Frage ist nur, wie konnten erwachsene Menschen je auf den Gedanken kommen, es zu bestreiten? Bei Chomsky selbst ist klar, daß er sich für die Wirklichkeit nicht interessiert. Er hat sein ganzens Leben damit verbracht, drei oder vier selbstgemachte englischen Sätzchen zu analysieren und sich zu fragen, was diese Analysen über den "Geist" aussagen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 23.12.2012 um 22.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22192

Lieber Herr Steinhauer,

natürlich war meine Frage lakonisch-scherzhaft ausgedrückt. Sie haben aber den ernsteren Hintergrund richtig erkannt. Die Suche nach Nahrung oder Paarungspartnern wird sicherlich durch neurologisch-hormonelle Vorgänge im Körper ausgelöst. Ich sehe keinen Schaden darin, diese körperlichen Vorgänge im übertragenen Sinne als „Hunger“ und „Sexualverlangen“ zu bezeichnen. Natürlich wissen wir nicht, was dabei im Kopf oder im „Geist“ der Tiere vor sich geht, aber das wissen wir von unseren Artgenossen genausowenig.

Aber das ist ja etwas Selbstverständliches. Insofern ist das Beispiel von dem Tier, das Nahrung sucht, weil es Hunger hat, nahezu tautologisch.

Für den Laien (ich habe übrigens dazu nie etwas von Pinker gelesen) erscheint es wie ein bloßer Streit um Worte. Um einen Vorteil des Behaviorismus darzulegen, bräuchte es Beispiele dafür, daß mentale, kognitivistsche oder andere Ansätze zu Fehlern führen, die der Behaviorismus vermeidet.

Übrigens fällt mir jetzt auf, daß der von Ihnen zitierte Satz "Letzteres ist operationalisierbar, der Hunger und das Wollen nicht" nicht recht zusammenpaßt. Derartige Sätze findet man sehr oft. Richtiger müßte es heißen: "Letzteres ist operationalisierbar, der Hunger und das Wollen sind es nicht."
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2012 um 06.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22191

Hier noch eine kleine Auswahl von Beiträgen über Pinker:

http://language.home.sprynet.com (emperor.htm)
http://www.city-journal.org
http://www.calstatela.edu (TheAlmostBlankSlate.pdf)
http://andreadallover.com
http://www.tnr.com (“Meet the Flintstones”)
http://www.newyorker.com
http://www.calstatela.edu (NotSoFastMrPinker.pdf)
http://www.tnr.com (“Frame Game”)
http://language.home.sprynet.com (pwood2.htm)
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 23.12.2012 um 04.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22190

Hier eine Kritik an Pinker aus evolutionspychologischer Sicht:

https://www.dropbox.com/s/z8igbxjjpl9sotq/2002%20how%20language%20evolved.docx

(Diese Datei ist bereits nicht mehr vorhanden. –Red.)
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 23.12.2012 um 04.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22188

Sehr interessant. Das hat ja schon fast was von angeborener Universalgrammatik. ;)

Gibt es noch mehr solcher Beispiele?

Zu der Scherzfrage. Ich vermute mal, Herr Achenbach störte sich an dieser Aussage: "Letzteres ist operationalisierbar, der Hunger und das Wollen nicht." Das Hungergefühl ist vielleicht nicht auf der mentalen Ebene operationalisierbar, aber auf der neurologischen wohl schon eher und insofern mit der Brunft vergleichbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2012 um 09.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#22089

Bei Spracherwerb meiner Töchter fiel mir auf, daß zur Kennzeichnung der Aufforderung zunächst ein Element angefügt wurde, dessen Herkunft ich mir nicht erklären kann.

Die erste Tochter, damals in Neu-Delhi, setzte ein me- davor: mejuli 'auf die Schaukel' (hindi: jhula), mebet, mebetti 'ins Bett', megodi 'auf den Schoß' (hindi: goda – Schoß).

Die zweite fügte ein -n an: do:chn (will Tuch haben), ausn 'ausmachen', abn 'Füße vom Stuhl nehmen', aufn 'aufmachen' (Schnürsenkel), depn 'Stift' (den sie sucht) usw.

Die dritte setzte ein a- davor: a-baj/a-bal 'Ball spielen', a-'bate 'Butterbrot'.

Das scheint sonst nirgendwo erwähnt zu werden, aber Zufall wird es auch nicht sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2012 um 06.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21922

Das ist sicher nur eine Scherzfrage, aber der ernste Kern ist, daß "Wissen" natürlich kein Begriff ist, mit dem ein Behaviorist etwas anfangen kann – außer untersuchen, wie er verwendet wird. Außerdem spielen Sie anscheinend mit der durch Steven Pinker (The Blank Slate) wiederbelebten Fehldeutung, daß der Behaviorismus kein angeborenes Verhalten ansetze. Skinner versucht allerdings durchgehend, nicht das Verhalten selbst, sondern die veränderlichen Umstände seiner "Verstärkbarkeit" herauszuarbeiten. Das ist der Unterschied zu Reflexen.

Entzieht man Hühnern kalkreiche Nahrung, picken sie um so eifriger nach Kalkhaltigem, als ob es ihnen gewissermaßen "gut schmeckte" (oder röche?). Sie "wissen" nicht, daß sie Kalk brauchen, und man muß überhaupt nicht von vermuteten subjektiven Empfindungen der Hühner reden. Wir haben die Tatsachen der Deprivierung und der Verstärkung usw., das genügt vollkommen. Man kann sogar exakte Lernkurven für die jeweiligen Umstände und Verstärkungspläne zeichnen. Die angeblich fehlende Erlebnisseite ("Qualia") ist nur konventionelles Gerede.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 15.11.2012 um 00.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21916

Würde der Behaviourismus auch sagen, daß der Hirsch in Brunft kommt, weil er sich ein Jahr nicht gepaart hat? Woher weiß der Hirsch das überhaupt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2012 um 11.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21907

Traditionell sagt man: Das Tier verhält sich in dieser Weise, weil es etwas fressen will/weil es Hunger hat. Der Behaviorismus sagt: Weil es 24 Stunden nichts gefressen hat. Letzteres ist operationalisierbar, der Hunger und das Wollen nicht. Folglich kann man und sollte man es Occams Rasiermesser opfern.

„Jede Sprache besteht in Lautäußerungen oder in andern sinnlich wahrnehmbaren Zeichen, die, durch Muskelwirkungen hervorgebracht, innere Zustände, Vorstellungen, Gefühle, Affekte, nach außen kundgeben.“ (Wilhelm Wundt: Völkerpsychologie I: Die Sprache, 3., neu bearb. Aufl., Erster Teil. Leipzig 1911:43)

Wenn man das Sprachverhalten erklären kann, ohne auf unbeobachtbare folkpsychologische Konstrukte (Fiktionen) wie "Vorstellungen" usw. zurückzugreifen, sollte man es tun. Grundsätzlich ist das in Skinners "Verbal Behavior" geleistet, wenn das Muster natürlich auch noch durch viel Forschungsarbeit ausgefüllt werden muß.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.11.2012 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21849

Steven Pinker hat mal geschrieben:

„There's speech perception, in which the ear can decode speech at the rate of between 15 and 45 sound units per second, faster than it can decode any other kind of signal. This is almost a miracle, because at a frequency of about 20 units per second sound merges into a low pitched buzz, so the mouth and the ear are doing a kind of multiplexing, or information compressing and unpacking.”

Und der deutsche Psychologe Hans Hörmann:

"Pro Sekunde werden etwa 10 Phoneme gesprochen (...), d. h. pro Sekunde müssen allein auf der Phonem-Ebene 10 Entscheidungen gefällt werden."

Es gibt noch viele Versionen dieser Ansicht. Man kann daran sehen, wie ein theoretisches Modell mit der Wirklichkeit verwechselt wird, anders gesagt: Weil man mit einer bestimmten Methode Wörter in Phoneme zerlegen kann, glaubt man, die Wörter bestünden aus Phonemen. Phoneme sind aber nur Hilfsbegriffe, Konstrukte, die mit einer bestimmten Analysemethode verbunden sind.

"almost a miracle" ... Das sollte dem überzeugtesten Strukturalisten zu denken geben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2012 um 11.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21839

Vom beklagenswerten Zustand der Psycholinguistik zeugt auch das "Mannheimer Modell" der Schule Theo Herrmanns. Dazu meine Rezension, die 1995 in "Sprache & Kognition" erschienen ist:

Herrmann, Th. und Grabowski, J.: Sprechen. Psychologie der Sprachproduktion. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg: 1994

In immer neuen Anläufen arbeitet Theo Herrmann an einer psychologischen Theorie des mündlichen Sprechens, die sich seit geraumer Zeit mit berechtigtem Selbstbewußtsein als „Mannheimer Modell“ vorstellt. Die neueste Fassung steht in deutlicher Kontinuität zu den Vorgängerwerken (vgl. besonders Herrmann 1982, Herrmann 1985), enthält aber auch wiederum einige Neuerungen und Erweiterungen. Solchen Beziehungen genauer nachzugehen, als es die Verfasser selbst tun (vgl. vor allem S. 337ff.), würde allerdings den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Auch ein Vergleich mit dem ebenso repräsentativen Werk von Willem Levelt (1989) muß unterbleiben, obwohl die Beziehungen zwischen den beiden Büchern oft geradezu den Charakter eines (nicht immer offengelegten, besonders in ihrer Stellung zum Konnektionismus auch kontroversen) Dialogs annehmen. Noch größer ist die Verwandtschaft mit dem unabhängig, aber in steter gegenseitiger Kenntnisnahme entwickelten Modell von Friedhart Klix. Auch hier muß es leider mit dem bloßen Hinweis sein Bewenden haben. Es sei immerhin angemerkt, daß die Verfasser des vorliegenden Werkes im Gegensatz zu vielen ihrer Mitstreiter weder die Versprecherforschung noch die Patholinguistik in nennenswertem Umfang heranziehen.
Das Buch umfaßt zwei Hauptteile: Im ersten werden empirische Befunde zur Sprachproduktion (Objektbenennung, Lokalisierung, Auffordern, Reden über Ereignisse) vorgestellt, im zweiten wird die eigentliche Theorie entwickelt. Eingerahmt werden diese Teile von einer Einleitung über die verschiedenen Aspekte des Begriffs „Sprechen“ und von einem Schlußkapitel über Anwendungsfälle (Zweitspracherwerb und Telefonkommunikation), das nach Art eines Anhangs eher locker mit der Theorie zusammenhängt. Die Besprechung beschränkt sich auf die Hauptteile.
Was die empirischen Befunde betrifft, so bestehen sie einerseits aus den durch zahlreiche Veröffentlichungen bereits bekannten Untersuchungen, andererseits aus neuen Arbeiten, die von der Mannheimer (früher: Marburger) Gruppe in bemerkenswerter Kontinuität, zum Teil auch als Qualifikationsschriften, vorgelegt werden. Nebenbei lernt der Student hier einiges über psychologisches Experimentieren.
Von den zahlreichen Einzelbefunden scheinen mir die Ergebnisse der Untersuchungen zum partnerbezogenen Lokalisieren besonders interessant, da sie die traditionelle Rede von „mentaler Rotation“ in neuem Licht erscheinen lassen. Es zeigt sich z.B., daß angesichts von Personen, die rechtwinklig zum Sprecher sitzen, die Identifizierung der rechten bzw. linken Hand kaum schwerer ist als bei einer mit dem Sprecher gleichsinnigen Orientierung, daß jedoch bei gegenübersitzenden Personen ganz erhebliche Probleme auftreten. Eine ausdrücklich als spekulativ dargestellte Interpretation dieses Befundes mithilfe des sprechereigenen „Manipulationsbereichs“ dürfte das Richtige treffen. Ob allerdings die Metaphern vom „Sich-in-den-Partner-Hineinversetzen“ und von den „mentalen Kosten“ etwas erklären, sei dahingestellt. Man fragt sich, warum die Lerngeschichte von Objekt- und Selbstrotation so wenig in Betracht gezogen wird, obwohl die Beobachtung kleiner Kinder eine leicht zugängliche Erkenntnisquelle darstellt.
Das theoretische Modell läßt sich folgendermaßen zusammenfassen: Sprechen ist ein Verhalten, mit dem das System „Sprecher“ sich selbst reguliert, d.h. seinen Ist-Zustand in einen Soll-Zustand umzuwandeln versucht. Dies geschieht durch Regelkreise im Sinne des TOTE-Modells (Test-Operate-Test-Exit), das Miller, Galanter & Pribram in ihrem bekannten Werk vorgestellt haben, und zwar auf mehreren hierarchisch geordneten Ebenen, die dem Modell den Charakter einer großen Behörde mit zahlreichen Unterbehörden verleihen. An der Spitze steht die „Zentrale Kontrolle“, die einerseits alles über Ist und Soll weiß („Fokusinformation“), andererseits die Pläne zur Angleichung von Ist und Soll entwickelt („Zentrale Exekutive“). Sie delegiert die Ausführung jedoch normalerweise an nachgeordnete Instanzen und behält sich nur die Überwachung vor. – Ihr Output ist der Input („Protoinput“) für die nächste Ebene, die „Hilfssysteme“. Diese haben vielfältige Aufgaben: Wahl einzelsprachlicher Ausdrucksmittel für Textkohärenz (Thema-Rhema-Struktur, Anaphorik, Ellipsenbildung), Emphase, Satzbaupläne, Tempus, Modus, Aktiv/Passiv usw. Auch automatisierte Ketten unter Umgehung der zentralen Planung sind ihre Domäne. Sobald jedoch Aufmerksamkeit gefordert ist, die nur in begrenzter Menge zur Verfügung steht, kann die Zentrale Kontrolle die Planung bis ins Detail an sich ziehen, sie also gleichsam zur Chefsache machen. Die Hilfssysteme bearbeiten den Protoinput unter Mitwirkung des „Kommunikationsprotokolls“, das den bisherigen Kommunikationsverlauf aufzeichnet, sowie einer von der Zentralen Kontrolle festgelegten relativ dauerhaften „Einstellung“. – Der Output der Hilfssysteme ist Input für den „Enkodiermechanismus“. Auf dieser Ebene wird die eigentliche Ausführung programmiert: Wort-, Morphem- und Lautfolgen, Prosodisches. (Freilich bleibt etwas undeutlich, wieso erst hier von Sprachlichem „im engeren Sinne“ gesprochen werden kann; s.u.) – Nicht mehr behandelt ist die ebenfalls noch vorgesehene physische Ausführung dieser Vorgaben durch einen „Lautfolgengenerator“.
Das Mannheimer Modell gehört also im wesentlichen zur Familie der „Drei-Ebenen-Modelle“ der Sprachproduktion, auf deren gegenwärtige Beliebtheit H&G mit Recht ausdrücklich hinweisen (S. 322, mit Anführung von Autoren wie Schlesinger, Levelt u.a.). Es unterscheidet sich jedoch von den meisten dadurch, daß es nicht erst dort einsetzt, wo „bereits festliegt, daß überhaupt und – meist – worüber gesprochen wird“ – zu spät also, wie die Autoren meinen. Dies dürfte vor allem auf Levelt gezielt sein, der ja ausdrücklich feststellt: »Each speech act begins with the conception of some intention. Where intentions come from is not a concern of this book.« (Levelt 1989, 59, Hervorhebung von mir) – Gerade zur Behebung dieses Mangels dient der kybernetische Ansatz, der es – wenigstens dem Anspruch nach – ermöglicht, das Entstehen der Redeplanung aus jener Ist-Soll-Differenz zu erklären.
Das Mannheimer Modell stellt sich auch als „DMF-Theorie“ vor, da es eine in Wörter und Konzepte aufgeteilte, also „duale“ Wissensrepräsentation vorsieht, die zugleich „multimodal“ und „flexibel“ sein soll: Sowohl die Konzepte als auch die Wörter sind aus Komponenten (“Marken“) zusammengesetzt, die verschiedenen Dimensionen (Sinnesmodalitäten, abstraktes Wissen und Bewertungen) angehören und situationsabhängig in unterschiedlichem Maße aktiviert sein können. Damit wird z.B. der vielfach nachgewiesenen Benennungsflexibilität Rechnung getragen.
Die Diskussion des theoretischen Teils beginnt zweckmäßigerweise mit dem Beitrag von H&G zur Klärung der Begriffe „Wissen“ und „Können“. Die Autoren begnügen sich nicht mit der bekannten Unterscheidung deklarativen und prozeduralen Wissens, sondern führen eine Dreiteilung ein: deklaratives Wissen, dekomponierbares Können, nicht-dekomponierbares Können – zweifellos ein gewisser Fortschritt, der allerdings das Grundproblem der personalistischen und intellektualistischen Redeweise vom „Wissen“ nicht völlig beseitigt. Erstens wird übersehen, daß auch das deklarative Wissen sich als Können verstehen läßt, nämlich als die Fertigkeit zu sagen, daß etwas so und so ist. Zweitens wird m. E. eine Fertigkeit niemals in der Weise erworben, daß man – wie die Autoren es wenigstens beim Fremdsprachenlernen für möglich halten – einer Regel folgt, zuerst langsam und bewußt, dann – durch „Übung“ – immer schneller und automatischer. Die „Regel“ gehört vielmehr in den Zusammenhang einer handlungsbegrifflichen Simulation. Dieser ganze Komplex ist aus behavioristischer Sicht unter dem Titel „rule-governed vs. contingency-shaped behavior“ realistischer dargestellt worden. Dort ist es denn auch gelungen, den Regelbegriff und das sogenannte „Wissen“ als Fertigkeit zu naturalisieren und so die Handlungsbegrifflichkeit vollständig zu eliminieren. Bei H&G dagegen führt der „Regel“-Begriff eher zu einer Verrätselung; denn was soll es z.B. heißen, daß „Wie-Schemata (...) Strukturen von Regeln für die Herstellung von Proto- beziehungsweise Enkodierinputs“ seien (S. 357)? Die Planeten „folgen“ den Keplerschen Gesetzen, aber nicht weil sie diese kennen und nicht im gleichen Sinne, wie man einem Gesetzbuch folgt. Nicht anders verhält es sich mit dem „regelgeleiteten“ Verhalten der Organismen. Wenn die Autoren meinen, aus dem Können lasse sich in bestimmten Fällen ein Wissen gewinnen (“deklarative Dekomposition“), also etwa aus dem Sprachkönnen eine deklarative Kenntnis der Regeln, welche dem Sprechen zugrunde liegen, so beruht dies auf der irrigen Ansicht, daß das Sprechen tatsächlich von Regeln gesteuert werde, während solche bewußtseinsfähigen Regeln in Wirklichkeit, wie gesagt, nur bei der handlungsbegrifflichen (daher an diskussionsfähige Personen gebundenen) Simulation des Sprechens eine Rolle spielen können. Nur auf dieser interpersonalen Ebene „weiß“ man, wie z.B. englische Negationssätze gebildet werden und kann dieses Wissen auch „vergessen“, ohne das tatsächliche Bilden korrekter Sätze verlernt zu haben. In einem anderen Sinne, dem eigentlich psychologischen, hat man es aber nie gewußt! Denn wie es kommt, daß eine gelesene oder gehörte Regel (die ja auch nur ein komplexer verbaler Reiz ist) uns dazu befähigt, eine sprachliche Reaktion von gewisser Form hervorzubringen, das ist uns introspektiv nicht zugänglich. Kurzum: Kein Können entsteht aus „vorgängigem Wissen“, weder das Fremdsprachenkönnen (von dem die Autoren es annehmen) noch das Werfen von Bällen oder das Radfahren (wovon sie es bestreiten), so daß diese Unterscheidung gegenstandslos ist. In Kapitel 11, das ausdrücklich dem Zweitspracherwerb gewidmet ist, bleibt der genaue Ort von „Regeln“ und „Fertigkeiten“ erwartungsgemäß recht unklar.
Mit dem „Wissens“-Begriff ist aber ein weiteres Problem verbunden. Wer sich in irgendeiner Weise verhält, macht dem mentalistischen Modell zufolge von allerlei „Wissen“ Gebrauch, das im vorliegenden Werk in der „Fokusinformation“ enthalten ist. Aber wie umfangreich ist dieses Wissen, vor allem in seinem deklarativen Teil? An verschiedenen Beispielen (Kauf einer Strumpfhose S. 323 u.ö. oder einer Zeitung S. 59 ff.) wird gezeigt, welche Annahmen die Handlungsbeteiligten angeblich machen müssen, um so reagieren zu können, wie sie es tun. Solche Beschreibungen sind, wie aus der linguistischen Pragmatik mit ihren „Restaurant-Skripts“ usw. bekannt ist, ebenso einleuchtend wie banal. Aber darüber hinaus gibt es praktisch unendlich viele weitere Annahmen über das, was in dieser Welt möglich ist und ebenso viele Annahmen über das, was nicht möglich ist. Es wird ausdrücklich behauptet, der Sprecher „meine alles mit“, was zu den Voraussetzungen seines jeweiligen Sprechens gehört, also sämtliche Umstände, die z.B. erfüllt sein müssen, damit er am Kiosk die F.A.Z. verlangen kann. Der Sprecher „meine“ also stets mehr, als er sage („Pars-pro-toto-Prinzip“). Aber was ist dieses geheimnisvolle „Meinen“: ein inneres (verdecktes) Verhalten, sozusagen ein zweites, privates Sprechen neben dem öffentlichen? Wir werden über die „erstaunliche Sensibilität“ informiert, mit der der Sprecher eine „Auswahl“ aus dieser „Ausgangsinformation“ zwecks „Verbalisierung“ trifft; aber das wahre Ausmaß des aus der Philosophie bekannten Problems der unendlich vielen „beliefs“, die in jedem Augenblick vorauszusetzen sind und sich gar nicht mit Gründen beschränken lassen, wenn man sich einmal zu dem kognitivistischen Dogma bekehrt hat, daß Handeln auf Wissen beruhe, wird entweder nicht erkannt oder weit unterschätzt. Eine reine Verhaltensanalyse vermeidet dieses Dilemma, weil sie die Voraussetzungen des Verhaltens dort läßt, wo sie sind, also „außerhalb des Kopfes“, und sie nicht als „(Mit-)Gemeintes“, als „Wissen“ oder als „Repräsentation“ in das Niemandsland einer mentalen Innenwelt projiziert. Sie deutet, mit anderen Worten, die realen Voraussetzungen (= Bedingungen, Umstände), die eine Handlung hat, nicht als Voraussetzungen (= Annahmen, Hypothesen), die der Handelnde macht.
Wenn ich auf einer Vorladung lese: Bringen Sie bitte einen gültigen Personalausweis mit. – dann verstehe ich selbstverständlich, daß es sich um meinen eigenen Ausweis handeln soll und nicht um den einer anderen Person, mag er auch noch so gültig sein. Hat nun irgendjemand in der Behörde dies „gemeint“, ohne es zu zu sagen? Müßige Frage! Es sind die Umstände, die weder dem Schreiber noch dem Leser „eine Wahl lassen“ – wie man bezeichnenderweise sagt –, den Text gerade so zu verstehen, wie er verstanden wird. (Ein Kognitivist könnte hier sagen: „Zugegeben! Aber auch die realen Außenbedingungen müssen mental repräsentiert sein, um handlungswirksam zu werden, und was hindert uns, diese Repräsentionen als ‚Voraussetzungen‘ zu bezeichnen?“ Darin hindert uns u.a. der unendliche Regreß, der sich unter einer solchen Annahme ergibt (denn das „Totum“ des „Pars-pro-toto-Prinzips“ ist in der Tat nicht weniger als „Alles“!), und es hindert uns insbesondere die schlagende Unplausibilität einer Theorie, die jedem realen Geschehen, und sei es der Lauf der Planeten, seine faktischen Voraussetzungen als implizites Wissen zuzuschreiben genötigt wäre.)
Die Ansetzung von „Konzepten“ ist offenbar – wie die Rede von „Wissen“, „Repräsentation“ usw. überhaupt – ein alltagspsychologisches Erbstück, das auch in der klassischen aristotelischen Dreiteilung (Gegenstände <–> mentale Repräsentation <–> sprachliche Symbole) seine bekannte vermittelnde Rolle spielt. Die Autoren heben ihr DMF-Modell von einer „heute in der Kognitions- und Gedächtnispsychologie vorherrschenden Auffassung“ ab, wonach nicht Wörter und Konzepte, sondern semantische und graphemisch-phonetische Merkmale von Wörtern unterschieden würden. Das trifft m.E. nur mit Einschränkungen zu, da in vielen neueren Darstellungen durchaus – unter welchem Titel auch immer – von Konzepten die Rede ist, die in einem meist mehrstufigen Prozeß in Wörter umgesetzt werden. Andererseits erhebt sich gewiß die Frage, wie weit die „Konzepte“ ihrerseits insgeheim bereits sprachlicher Natur oder zumindest stark von irgendwie parallelen Sprachvorstellungen geprägt sind. Diese Frage stellt sich aber ungemildert auch angesichts der „Konzepte“ von H&G. Das Problem besteht, anders gesagt, darin, daß das Wissen und Denken (oder wie auch immer die „psychischen Prozesse“ benannt werden mögen) im mentalistischen Paradigma unvermeidlicherweise sprachähnlich konzipiert sind, die Modellierung des Kognitiven also gleichsam immer schon auf die Sprache „schielt“, in der das Kognitive sich angeblich manifestiert. Äußeres Indiz ist die allseits beliebte, auch von H&G praktizierte Kapitälchen- bzw. Versalienschreibweise für die „Konzepte“. Wir wollen ja gern glauben, daß diese Schreibweise nur ein Notbehelf ist. Aber die Ähnlichkeit mit ganz gewöhnlichen Wörtern der natürlichen Sprache ist so überwältigend, daß der Verdacht sich aufdrängt, die Konzepte seien deshalb so leicht durch mäßig verfremdete Sprachzeichen darstellbar, weil sie im Grunde nichts anderes sind als ins „Mentale“ projizierte Sprache. Warum sonst sollte davon die Rede sein, „daß es sich bei dieser konzeptuellen Struktur nicht um eine Struktur von einzelsprachlichen Wörtern handelt“, sondern um „Konzepte, die als solche keiner einzelnen Sprache angehören“? Wenn keiner einzelnen Sprache, dann doch vielleicht einer sozusagen „allgemeinen“ Sprache, nämlich einer orthosprachlich normierten Logiksprache oder Sprache des Geistes? Wie sonst wäre es auch nur denkbar, Einheiten und Prozesse, die aller Sprache vorausliegen, in einen Kapitälchen-Code zu übersetzen (denn darum oder um etwas einer Übersetzung zumindest sehr Ähnliches scheint es doch zu gehen)? Und wenn wir annehmen, daß das Sprechen eine feinmotorische Fertigkeit ist, vergleichbar dem Tischtennisspielen, Strümpfestopfen, Jonglieren („Sätze zu bilden, ist dem Klavierspielen ähnlich“, sagen H&G selbst sehr treffend, allerdings nur im Anhang über den Zweitspracherwerb, S. 448) – eine Art Geschicklichkeitsspiel also – was wird dann aus den konzeptuellen Strukturen und ihrer Wiedergabe in sprachlicher Form? So gesehen, verliert gerade die „Dualität“ von Wörtern und Konzepten viel von ihrer alltagspsychologischen Überzeugungskraft, da nicht länger einleuchtet, warum einzig und allein die Wörter vor allen anderen Erscheinungen bzw. Fertigkeiten ausgezeichnet und dem Kognitiven gegenübergestellt werden. (Der unerhörten Auszeichnung des Sprachlichen entspricht die völlige Ausblendung der Tiere als Gegenstand dieser Art von Psychologie. Wir lesen: „Der Mensch hat die fundamentale Eigenschaft, ‚für gleich halten‘ zu können.“ (S. 309) und erinnern uns, daß dies doch nicht nur für den Menschen gilt, Reiz- und Reaktionsgeneralisierung vielmehr im Tierreich ubiquitär sind. Bei dem zitierten Satz handelt es sich also nicht nur um eine unaufgebbare „Grundüberzeugung aller Humanwissenschaften“ (ebd.), sondern um ein viel allgemeineres verhaltensbiologisches Prinzip. Man sieht aber hier besonders deutlich, daß der Mentalismus im Grunde auf eine umfassende Versprachlichung des Psychischen, folglich eine durchgreifende Linguistisierung der Psychologie hinausläuft. Chomsky war es denn auch, der mit einem Federstrich alle – oder zumindest die generativistisch orientierten – Linguisten zu „kognitiven Psychologen“ ernannte.)
Was die „Flexibilität“ der Konzepte angeht, so soll der Sprecher einmal dies, einmal jenes an der zu benennenden Sache hervorheben und dementsprechend zu verschiedenen Benennungen gelangen (Fernseher – Glotze, Fußball – Leder usw.). Nichts anderes besagt es, wenn die Autoren festhalten, wir könnten „solche Unterschiede bei der Verbalisierung derselben Sache auf nuancierte Differenzen zwischen Konzept-Markenkomplexen zurückführen.“ (S. 319) Wenn es ein Schritt in Richtung einer Erklärung sein sollte, Benennungsflexibilität auf eine Flexibilität eigens zu diesem Zweck erfundener „Konzepte“ zurückzuführen, dann ist es jedenfalls kein besonders großer. Man setzt sich damit immerhin von der allzu primitiven Vorstellung ab, daß Wörter und Begriffe nach Art eines zweisprachigen Lexikons, mit starren Einträgen auf beiden Seiten, einander zugeordnet sein könnten. Ein wenig tiefer würde die Aufdeckung der Lerngeschichte dringen, wie es für anderes Diskriminationslernen – denn darum geht es – selbstverständlich ist. Ohne diese genetische Analyse ist das unterschiedliche Benennungsverhalten nicht zu erklären, weil es dann völlig undurchschaubar bliebe, wie verschiedene situationelle Bedingungen zu verschiedenen Reaktionen führen: Ob Fernseher oder Glotze, beide Reaktionen sind schließlich gelernt worden, und wenn man zwischen die Situation und die wahrnehmbare Reaktion noch eine nichtwahrnehmbare Umstrukturierung der Konzeptmerkmalkomplexe einzuschalten für richtig hält, so muß man dieses verdeckte Verhalten („mentale Prozesse“ usw.) eben seinerseits als gelernte Reaktion erklären – oder als unergründliches Geheimnis stehen lassen.
Nicht klar geworden ist mir folgendes: Wenn jemand einen Stuhl Schrottstuhl nennt, dann soll das darauf beruhen, daß eine negativ bewertende Marke TAUGT NICHTS aktiviert worden ist (S. 97). Aber woher kommt diese Marke? Ist sie im Zusammenhang mit Stühlen vorsorglich gelernt worden – für den Fall, daß einmal ein miserabler Stuhl auftauchen sollte?
Eine weitere Verwendung erfährt das Flexibilitätskonzept, wo es um die Zurückweisung von Levelts bekanntem „Hyperonym-Problem“ geht (S. 391, vgl. Levelt 1989, Kap. 6 und Levelt 1993). Levelt argumentiert etwa so: Da spezifische Begriffe alle Merkmale der weniger spezifischen implizieren, müßte z.B. ein Dackel auch die Benennung Hund und Tier hervorlocken usw. Nach derselben Logik müßte ein Tier, das auf Dreiecke konditioniert ist, auch auf Vierecke reagieren, denn Vierecke haben auch drei Ecken (und bloß noch eine mehr), ein einfacher Schlüssel müßte auch komplizierte Schlösser öffnen usw. Es ist klar, daß eine verhaltensorientierte Lerntheorie ein solches Problem gar nicht aufkommen läßt (vgl. etwa Skinner 1957:107). H&G lösen es durch die recht problematische Annahme, daß allgemeinere Begriffe unter gewissen Umständen merkmalreicher sein können als speziellere. Sie kommen damit bei aller demonstrativen Distanzierung von Levelt dessen Logik weiter entgegen, als m. E. nötig wäre.
Das Werk ist, wie bereits deutlich geworden sein dürfte, weitgehend in jener „nicht stilreinen“ Diktion abgefaßt, die Herrmann in einem bedeutenden Aufsatz (1982a) kritisiert hat, d.h. in einer systematischen Vermischung von akteurs- und systembezogener Redeweise (“Der Sprecher aktiviert ein Schema“, „Der Sprecher wählt Teile der Fokusinformation aus“ usw.). Die Autoren wissen das natürlich und erklären es als Zugeständnis an eine verbreitete und allgemeiner verständliche Konvention. Sie kündigen ferner an, den Wechsel zu einer laxeren Redeweise jeweils ausdrücklich kennzeichnen zu wollen, was jedoch kaum eingelöst wird. Sie behaupten außerdem, das Gebotene auch in stilreiner Begrifflichkeit darstellen zu können (S. 264), und das soll grundsätzlich nicht angezweifelt werden; aber es wäre doch einmal interessant gewesen, auch nur an einem einzigen Beispiel vorgeführt zu bekommen, wie so etwas funktioniert. Man kann sich nur schwer vorstellen, was aus „Propositionen“, „Auswahl“ usw. in einer akteursfreien Diktion werden müßte. So bezeichnen die Verfasser es als einen besonderen „theoretischen Pfiff“, „daß Teile der Fokusinformation einerseits Auslöser von Sprachproduktionsoperationen sind“, andererseits aber auch deren Objekt, oder, anders gesagt: „Der Sprecher spricht über das, was sein Sprechen auslöst.“ (S. 345) Darin kann ich jedoch nur einen exemplarischen Fall von Begriffskontamination erkennen, denn gerade als auslösbare natürliche Prozesse können jene Operationen schlechterdings kein „Objekt“ und keine „Aboutness“ (oder, wenn wir uns eine gewisse Vereinfachung erlauben, “Intentionalität“ im Sinne der Phänomenologie) haben, sondern nur Ursachen und Wirkungen.
In welche begrifflichen Sackgassen man hier gerät, zeigt ein Beispiel von H&G aus dem nichtsprachlichen Bereich: Wenn ich eine Fliege abwehre, so soll dies eine rückbezügliche Handlung sein, weil die Fliege sie auslöst und zugleich Gegenstand der ausgelösten Handlung ist. Öffne ich dagegen auf ein Klingeln hin die Tür, so ist das nicht rückbezüglich, weil die Tür und nicht die Klingel Gegenstand der Handlung ist. Man muß wohl annehmen, daß ein Abstellen der Klingel wiederum rückbezüglich wäre. Aber das zeigt nur, daß es sich hier weitgehend um Wortklauberei handelt, da zwischen den Handlungstypen objektiv überhaupt kein Unterschied besteht. (Das Telefon klingelt, ich nehme den Hörer ab – „rückbezüglich“ oder nicht? Genau genommen hat ja nicht der Hörer geklingelt...)
Der grundsätzlich personalistische Handlungscharakter wird durch das Behördenmodell zwar etwas verfremdet, aber keineswegs aufgehoben. Auch einige logische Kalamitäten entstehen auf diese Weise, z.B. wenn es wiederholt heißt, das Sprechersystem repräsentiere die Umwelt und sich selbst in einem internen Modell, das Sprechersystem stelle seinen eigenen Ist-Zustand fest usw. Dies ließe sich vielleicht bereinigen, aber wie steht es um die Gleichsetzung des kybernetischen Begriffs „Soll-Wert“ (einer handlungsbegrifflichen Metapher) mit dem, was der Sprecher als Person „soll“? Es handelt sich hier m. E. um eine bloße Äquivokation, leider im Zentrum der Theorie. Das homöostatische Modell läßt sich zwar empirisch nur schwer plausibel machen, denn wir sind weit davon entfernt, bei jedem Verhalten nachweisen zu können, aus welcher Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand es sich ergibt, aber schon die bloße Darstellung des Modells würde es zwingend erfordern, den Sprecher als Person völlig zu eliminieren. Denn es trifft ja gar nicht zu, daß die Person dem homöostatischen Prinzip folgt. Mit dem Begriff der Person sind Begriffe wie Wille, Handlung, Ziel usw. verbunden, und in dieser Begrifflichkeit ist es analytisch wahr, daß Personen auch in einem Zustand des Ungleichgewichts verharren können, so wie umgekehrt eine kybernetische Maschine gar nicht anders „kann“ als den Sollwert zu realisieren und es eben deshalb in bezug auf Maschinen auch keinen Sinn hat, überhaupt von können und sollen zu sprechen. Das TOTE-Modell ist eben ein Maschinen- oder Automatenmodell, das sich nur metaphorisch und daher ohne sachlichen Gewinn in Handlungsbegriffen beschreiben läßt. Die Einwände, die seinerzeit gegen das mentalistisch kontaminierte Modell von Miller et al. (mit seinen „Plänen“, „Bildern“ usw. ) vorzubringen waren, bestehen unvermindert fort.
Man kann das an einem Beispiel der beiden Autoren verdeutlichen: Wenn der Sprecher gegrüßt worden ist, erzeugt eine gesellschaftliche Norm bzw. Konvention den Soll-Wert des „Wiedergegrüßthabens“. Der Sprecher operiert also in einer Weise, die zur Verwirklichung dieses Soll-Wertes führt. Daß er wiedergrüßen „soll“, wird also – mit einer wohl undurchschaut bleibenden Metapher zweiten Grades, einer Rückübertragung aus der metaphorischen Beschreibung der Automaten (vgl. Keil 1993) – als „Soll-Wert“ im Sinne der Kybernetik aufgefaßt. Aber der Sprecher kann es natürlich auch bleiben lassen; und ebenso mag er oft dem Prinzip der „Anstrengungsminimierung“ (S. 62) folgen, andererseits aber sucht er geradezu die Anstrengung (z.B. im Sport) usw. – Wie wäre diese „Freiheit“ in einem kybernetischen Systemmodell unterzubringen? Die Autoren sagen vorsorglich: „Menschen sprechen nur, wenn sie dies wollen oder sollen.“ (S. 272) und nehmen für den Fall, daß der Sprecher nicht wiedergrüßt, ausdrücklich an, daß dann ein konkurrierender Sollwert wirksam werde: die Absicht (!), nicht zu grüßen. – Damit verliert das Modell aber jeden empirischen Gehalt, denn wenn sich kein „Sollen“ (im kybernetischen Sinne des Soll-Wertes) feststellen läßt, bleibt immer noch ein „Wollen“, für das aber das kybernetische Modell keinen Platz hat, denn ein „Woll-Wert“ ist selbstverständlich nicht in Erwägung gezogen. Man wird an das „Lustprinzip“ erinnert, das ebenso leer ist wie das Homöostaseprinzip, weil es lediglich in den unendlichen Strudel einer Entlarvungspsychologie führt, die hinter jedem Verhalten, und sei es das selbstloseste, immer noch das Streben nach Lustgewinn aufdecken zu müssen glaubt und völlig folgenlos bei Schopenhauers „grenzenlosem Egoismus“ endet.
In welche begrifflichen Abgründe der mentalistische Ansatz führt, läßt sich an vielen Beispielen verdeutlichen:
»Die soeben betrachtete Auslösung eines Sprachproduktionsvorgangs war in bestimmter Weise durch eine im Sprechersystem repräsentierte Konvention geleitet; sie folgte dem allgemeinen Schema: Gesollt ist ein bestimmtes eigenes Verhalten, wenn ein bestimmtes partnerseitiges Verhalten vorliegt, und dieses partnerseitige Verhalten liegt vor.« (S. 274)
Ich sehe in solchen Formulierungen nur eine stark verfremdete Darstellung konditionierten Verhaltens: Gegrüßtwerden erhöht aufgrund von Lernen die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens, das als „Wiedergrüßen“ gilt. „Konvention“, „Gesolltes“ usw. haben in einer Verhaltensanalyse eigentlich nichts zu suchen und in einer Analyse, die dem das Verhalten erzeugenden Apparat (System, Organismus) gilt, natürlich noch viel weniger.
Die kybernetische Redeweise suggeriert durch einen sprachlichen Vorgriff, „Konventionen“ und „Normen“ seien bereits so weit durchschaut, daß sich ihre Wirksamkeit in einem Regelkreis-Modell darstellen ließe. Das wäre aber erst möglich, wenn es gelänge, derartige Handlungsbegriffe von Grund auf zu naturalisieren. Bisher ist es nicht gelungen, beispielsweise die „Absicht“ als Sollwert zu etablieren oder gar anspruchsvolle mentalistische Konstrukte wie „Selbstkonzept“ und dgl. in das Modell zu integrieren, und es ist auch schwer abzusehen, wie das möglich sein sollte. An einer anderen Stelle ist wiederum ganz beiläufig davon die Rede, daß eine bestimmte Formulierung einfach auf eine „Gewohnheit“ des Sprechers zurückgehen könnte (S. 363, vgl. auch S. 389). Aber „Gewohnheit“ ist, wenn ich recht sehe, kein Bestandteil des Modells und dürfte auch nur schwer zu integrieren sein, zumal sich alsbald die Frage erhebt, ob „Gewohnheitsbildung“ nicht in weit größerem Umfang herangezogen werden müßte, wenn man sie erst einmal in Erwägung gezogen hat: Sprechen überhaupt als Gewohnheit (oder als Menge von Gewohnheiten) – das ist ja geradezu ein Gegenmodell, und zwar ein durchaus respektables. (Ein anderer sporadisch auftauchender und m. E. nicht integrierter Begriff ist „Analogie“.)
Wenn Herrman in einem früheren Werk (Herrmann 1985/1994, 274) beiläufig darauf hinwies, daß der psychologische Begriff der „Information“, der auch im vorliegenden Werk ausgiebig benutzt wird, keineswegs mit dem der Informationstheorie übereinstimmt, ja, in gewisserweise geradezu das Gegenteil bedeutet (da die psychologische Informationsgewinnung einen Zuwachs an Ordnung, die informationstheoretische jedoch eine Vernichtung von Ordnung (Redundanz) bedeutet), so kann man auch hier sagen: Das kybernetische Outfit paßt eigentlich schlecht zu einem von Grund auf mentalistisch-handlungsbegrifflichen Inhalt, es ist bloßer „Kybernetismus“. Die Psychologie erwirbt, wie es zunächst scheint, einen Bonus durch begrifflichen Anschluß an wohletablierte Wissenschaften, hier die Informationstheorie; aber wenn sich erweist, daß der so gewonnene Kredit nur auf einer Äquivokation beruht, schmilzt der Gewinn alsbald dahin.
Ein besonderes Problem ist die Sprachlichkeit, Vorsprachlichkeit, Voreinzelsprachlichkeit und Nichtsprachlichkeit der Repräsentation innerhalb der verschiedenen Instanzen. Die Zentrale Kontrolle programmiert „Gedanken“, die aber bereits „linearisiert“ sein sollen, eine Linearisierung, die allerdings nicht mit der einzelsprachlichen Linearisierung verwechselt werden dürfe (S. 355), sondern, wie es scheint, eher die Abfolge von Erzählschritten und dgl. betrifft. Die genaue Abgrenzung bleibt jedoch etwas undeutlich. Der Enkodiermechanismus erst habe es mit Sprachlichem im engeren Sinne zu tun, doch bereits die Hilfssysteme machen in größtem Umfang von den Vorgaben der Einzelsprache Gebrauch. Diese Unklarheit, auf die man an vielen Stellen stößt, dürfte einfach darauf zurückzuführen sein, daß die (kognitive, mentalistische) Psychologie ganz im Bann der Sprache steht. Auch wo sie „Vorsprachliches“ zu besprechen meint, setzt sie die Sprachlichkeit ihres Gegenstandes stillschweigend voraus, so in jeder Rede von „Planung“; denn Planen im eigentlichen (nicht-metaphorischen) Sinn gibt es nur unter sprachbegabten Partnern, die mit einander verhandeln können und ebendeshalb einen Begriff von Zukunft haben. Die Verkennung oder Verschleierung dieses Zusammenhangs verschafft der mentalistischen Psychologie einen wiederum andersartigen, aber ebenfalls brüchigen Vertrauensvorschuß, denn sie ermöglicht es, ein von der Kultur- und Sprachgemeinschaft vorwissenschaftlich geschaffenes Plausibilitätsreservoir anzuzapfen: Wir wissen ja immer schon, was Sprechen ist und wie man über Handlungsentwürfe verhandelt. Modelliert nun der Psychologe die unbekannten inneren Prozesse nach dem – sei es auch uneingestandenen – Vorbild solchen Verhandelns, so bewegt er sich auf höchst vertrautem Gelände. Dies wird als hohe Plausibilität erlebt und zugunsten der jeweiligen Theorie verbucht (vgl. Ickler 1994).
Diese Anleihe bei alltagspsychologischen Konzepten schlägt als Denkfigur immer wieder durch. Neigt man zunächst dazu, etwa die „Zentrale Kontrolle“ für ein theoretisches Konstrukt von hoher Abstraktheit zu halten (wie es zweifellos auch gemeint ist), so stößt man später auf die geradezu schockierende Mitteilung, die Fokusinformation sei weitgehend der „Introspektion zugänglich“ (S. 293). An solchen Stellen meldet sich der Verdacht, daß ein großer Teil des Modells auf der schlichten alltagspsychologischen Erfahrung beruht, daß man meistens „weiß, was man sagen will“. Ein anderer Teil des Modells leitet sich wahrscheinlich von der entsprechenden Erfahrung her, daß man zwar weiß, was man tut, aber nicht weiß, wie es vor sich geht.
Was soll man mit Aussagen von folgender Art anfangen: "Eine Person spricht, um ihrem Gesprächspartner Vorgaben beziehungsweise Anregungen zu geben, wie er den Inhalt seines Bewußtseins zu modifizieren hat." (S. 12, vgl. auch SS. 57, 107 u.ö.)? Wer eine Zeitung verlangt, will doch in einem ganz schlichten Sinn die Zeitung haben und nicht das Bewußtsein des Zeitungsverkäufers verändern. Die meisten Menschen, die auf dieser Erde leben und gelebt haben, verfügen oder verfügten gar nicht über einen Begriff von „Bewußtsein“ und konnten folglich eine Absicht der angeführten Art überhaupt nicht haben.
An mehreren Stellen, besonders eindrucksvoll dort, wo es um die eigentliche Erzeugung von Konzepten geht und später noch einmal bei der Wortfolgengenerierung durch den Enkodiermechanismus, machen die Autoren ausdrückliche Anleihen bei konnektionistischen Modellen, wie denn auch im Mannheimer Institut seit einigen Jahren intensiver in diesem theoretischen Rahmen gearbeitet wird. Sie bemühen sich nicht ohne Erfolg, die Vereinbarkeit solcher „subsymbolischer“ Informationsverarbeitung mit der eher symbolisch-sprachhaften nachzuweisen (vgl. etwa S. 341f.), und insgesamt gelangen sie dadurch zweifellos ein Stück über jenen „zu späten“ Beginn der Analyse hinaus, folglich auch über Levelt, der bekanntlich in dieser Zeitschrift eine scharfe (m. E. wenig überzeugende) Attacke gegen die „konnektionistische Mode“ geritten hat. Dennoch fragt man sich, ob es tunlich ist, dem Teufel den kleinen Finger zu reichen, wenn man nicht will, daß er die ganze Hand nimmt. Soll heißen: Warum wird der Konnektionismus nur so selektiv und als Nothelfer bemüht, warum nicht durchgehend als einheitliches Modell? Die Antwort, das sei umständlicher und weniger anschaulich (S. 342), kann in einer so wichtigen Frage nicht recht befriedigen. Auf den begrifflichen Rahmen scheint es denn doch viel mehr anzukommen als auf die wenig aufregenden neuen Verhaltensbefunde. Und so befremdet gerade die Ansetzung einer sehr personalistisch und akteurhaft beschriebenen „Zentralen Kontrolle“ wohl am meisten. Die Neurologie (auf die man vielleicht am ehesten „schielen“ darf, wenn denn schon geschielt werden soll!) hat sich gerade auf breiter Front von jeder Homunkulus-Vorstellung befreit, und wenn es früher schwer war, sich die Ordnung des Tuns ohne zentrale Steuerung vorzustellen, so ist es heute schwerer, sie sich mit einer solchen vorzustellen.
Das Ausgehen von Begriffen (bzw. “Konzepten“, die etwas weiter gefaßt sind) und Aussagen (“Propositionen“) gibt dem Ansatz und besonders dem Wirken der Zentralen Kontrolle einen logizistischen Grundzug. Auf der ersten Ebene werden vollständige Sätze erzeugt (gleichsam wie in der Grundschule, wo man „in ganzen Sätzen“ sprechen lernt). Ellipsen werden erst später erzeugt, und auch „Emphase“ wird später generiert und hinzugefügt. Wie aber, wenn es gerade umgekehrt wäre? Man kann sich vorstellen, daß auf der ersten Stufe ein primitives Schreien, Zuschlagen und Davonlaufen in Gang gesetzt, durch zunehmende Bearbeitung jedoch gleichsam zivilisiert wird, wie es dem Individuum in seiner Sozialisations- und Lerngeschichte beigebracht worden ist. Der „Prozeß der Zivilisation“ wiederholt sich vielleicht in jedem einzelnen, biographisch und aktualgenetisch. A. Pick, S. Langer und andere Autoren haben eine Konzeption vertreten, die das „Orektische“ für primär hält. „Propositionen“ wären demnach nichts Ursprüngliches, sondern die letzte Blüte fortschreitender Disziplinierung. Ist das nicht viel wahrscheinlicher als der logizistische, allerdings in Wort und Schrift bequemer darstellbare Ansatz?
Die Hauptbestandstücke der Theorie sind, wie man, auch ohne ein „Begriffspurist“ (S. 12) zu sein, ohne weiteres sieht, nicht hinreichend gegen begriffskritische Demontage gesichert. Am wenigsten Angriffsfläche bietet der konnektionistisch konzipierte Teil, aber gerade dieser ist bisher nur halbherzig und skizzenhaft ausgeführt. Es dürfte nicht allzu gewagt sein, für die nächste Version des Mannheimer Modells eine weitere Verschiebung in dieser Richtung vorauszusagen.

Literatur

Herrmann, Th. (1982): Sprechen und Situation. Eine psychologische Konzeption zur situationsspezifischen Sprachproduktion. Berlin: Springer.
Herrmann, Th. (1982a): Über begriffliche Schwächen kognitivistischer Kognitionstheorien: Begriffsinflation und Akteur-System-Kontamination. Sprache und Kognition 1, 3-14.
Herrmann, Th. (1985): Allgemeine Sprachpsychologie. München: Urban & Schwarzenberg. (2. Aufl. Weinheim: Beltz 1994)
Ickler, Th. (1994): Geborgter Reichtum - ehrliche Armut: Psychologische Sprache als semiotisches Problem zwischen Mentalismus und Behaviorismus. Sprache und Kognition 13, 103-112.
Keil, Geert (1993): Kritik des Naturalismus. Berlin, New York: de Gruyter.
Klix, F. (1992): Die Natur des Verstandes. Göttingen: Hogrefe.
Levelt, W. J. M. (1989): Speaking: From intention to articulation. Cambridge/London: A Bradford Book/MIT Press.
Levelt, W. J. M. (1993): Lexical access in speech production. In Reuland, E. & Abraham, W. (Hg.): Knowledge and language. Bd. 1: From Orwell’s problem to Plato’s problem (pp. 241-251), Dordrecht u.a.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2012 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21835

Was für ein Schrott in die Seminarbibliotheken gestellt wurde und zum Teil bis heute eifrig genutzt wird!

Jean Aitchison: Der Mensch – das sprechende Wesen. Eine Einführung in die Psycholinguistik. Tübingen 1982.

Das erste Kapitel „basiert zum großen Teil auf Chomskys Rezension von Skinners Buch ‚Verbal Behavior‘.“ (253) Sogar die Skinner-Zitate sind sekundär. Kann man sich so etwas vorstellen? Alles übrige konventionell wie in den 70er Jahren üblich. Die späteren Bücher derselben Autorin sind auch nicht besser.

(Das Buch aus der Institutsbibliothek ist zerlesen wie sonst nur noch die populärwissenschaftlichen Schmöker von Dieter E. Zimmer. Es wundert mich nicht mehr, daß Magisterarbeiten meistens nichts anderes enthalten und all unsere Mühe in den Lehrveranstaltungen vergeblich war.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.10.2012 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21738

Was die Psychologen zu einem Entführungsfall sagen, der zur Zeit durch die Presse geht, zeigt die völlige Hilflosigkeit dieser Pseudowissenschaft:

„Solche Schwersttäter haben in den meisten Fällen eine ausgeprägte psychische Störung, oft eine sogenannte Borderline-Störung“, sagt Lorenz Böllinger. „Sie fühlen sich in ihrem tiefsten Inneren leer, ohnmächtig und depressiv.“ Böllinger ist Psychologe und emeritierter Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bremen. Er sagt, dass vor allem Allmachtsphantasien Mario B. zu dieser brutalen Tat getrieben haben könnten. „Macht ist in diesen Fällen häufig das zentrale Motiv.“ Tagelang hat der Täter sein Opfer eingesperrt, gequält und missbraucht. Böllinger glaubt, dass der Täter dadurch seine innere Ohnmacht kompensiert haben könnte und bezeichnet dieses Verhalten als „manische Abwehr des Gefühls des Ausgeliefertseins.“
Die Kriminologin Rita Steffesenn betont ebenfalls, dass das Motiv der sexuellen Befriedigung bei einer derartigen Tat nicht im Vordergrund stehen muss. „Es kann dem Täter auch darum gehen, Frustrationen aus dem Alltag zu kompensieren.“ Sexualdelikte hätten häufig auch einen Kontrollaspekt. „Anderen Grausamkeiten und Verletzungen zuzufügen geschieht dann, um ein Gefühl der Kontrolle zu erleben.“

Zu dem Bedürfnis nach absoluter Macht und Kontrolle komme dann noch der Aspekt der sexuellen Erregung, die ein Mensch wie Mario B. möglicherweise empfindet, wenn er sein Opfer wieder und wieder vergewaltigt und misshandelt. Das Streben nach Dominanz trage zudem nicht selten sadistische Züge, nämlich dann, wenn die Gewalt den Täter sexuell errege. (...)

Der Psychologe kann sich vorstellen, dass Rebeccas Peiniger auch vor einem Mord nicht zurückgeschreckt wäre. „Je länger eine Gefangennahme dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter die Ausweglosigkeit seines Tuns realisiert.“ Dann krieche die Depression langsam im Täter hoch und könne dazu führen, dass er sein Opfer tötet – im „ultimativen Versuch sich selbst zu retten.“


Man weiß nichts, kleidet sein Unwissen aber in die romanhafte Sprache der "folk psychology". Lauter Metaphern und vorgespiegelte Kausaliäten. Das war im 19. Jahrhundert noch verzeihlich, aber gibt es denn gar keinen Fortschritt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2012 um 17.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#21696

Bei Google findet man über tausend Belege dafür, daß Romanautoren ihren Figuren eine "gelungene Charakterzeichnung" zuteil werden lassen. Auch sonst wird oft gelobt, wie "treffend" Schriftsteller ihren Gegenstand behandeln. Niemand scheint zu bemerken, wie seltsam das ist. Wenn jemand sich eine Figur ausdenkt, ist er der einzige, der sie kennt. Niemand sonst kann beurteilen, wie treffend die Darstellung ist.
Wahrscheinlich empfindet man eine Darstellung als "treffend", wenn sie sie dem eigenen Klischee entspricht. So befestigen sich die Klischeevorstellungen ständig selbst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.03.2012 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#20215

Die Entwicklungspsychologin Barbara H. Boucher schreibt:

Strict behaviorist B.F. Skinner is probably rolling in his grave while I write about the influence of genetics on child development.  I read about his death in the newspaper in 1990.  He went to his grave believing in ‘tabula rasa’ or the blank slate.  He believed that every child was born a ‘blank slate’, and that through conditioning alone, the child could be raised to be anything. 
You want your baby to be a violinist or a gymnast?  Dr. Skinner would have said it is possible.  Dr. Skinner was wrong.  Some babies are born with the potential to become a violinist, some are not.

(www.therextras.com)

Also wieder genau das Gegenteil dessen, was Skinner selbst geschrieben hat. Frau Boucher hat offenbar keine Zeile von Skinner gelesen, sondern sich mit der Folklore begnügt. Das liegt aber nicht etwa daran, daß Skinner sich unklar ausgedrückt hätte (niemand schreibt klarer), sondern daran, daß Chomsky und andere Vertreter des mentalistischen Zeitgeistes das Gerücht verbreitet haben, es lohne sich nicht, den Rattomorphisten Skinner zu lesen. Ich staune seit Jahrzehnten darüber. ("Science and human behavior" steht inzwischen übrigens auch im Netz.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2012 um 10.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#20118

D. E. Zimmer: Auszug aus dem Kapitel: "Die Sprache, die den Kindern zuwächst"

»Bei der Erklärung des kindlichen Spracherwerbs konkurrieren also heute, grob sortiert, vier Denkrichtungen miteinander.
I. Der Behaviorismus. Lange Zeit beherrschte er die Psychologie und auch die Spracherwerbsforschung. Alle Leistungen führt er auf Lernvorgänge zurück. Nichts ist ererbt außer einem universalen Lernmechanismus, alles wird durch Lernen erworben. Eine Sprache lernen Kinder, weil sie die Sprache der Erwachsenen imitieren. Richtige Imitationen werden belohnt und damit verstärkt, oder sie belohnen und verstärken sich selber durch den größeren Erfolg, den sie bescheren. Die extremste behavioristische Position behauptet, daß das Kind irgendwie registriert, wie häufig in der Erwachsenensprache, die es zu hören bekommt, einzelne Wörter neben anderen einzelnen Wörtern erscheinen. So erwerbe es ein Sprachmodell, das alles über die relativen Häufigkeiten der einzelnen Wörter weiß. Bringt das Kind selber Sprache hervor, verknüpfe es die Wörter nach diesen ihren relativen Häufigkeiten zu Ketten, und das seien dann seine Sätze.
Dem behavioristischen Ansatz war kein Erfolg beschieden. Das Kind imitiert die Erwachsenensprache in keinem nennenswerten Maß. Es lernt augenscheinlich überhaupt nicht Einzelfälle von Sprachanwendung. Es entnimmt der Tiefe der Sprache Regeln (oder kennt diese schon vor jeder Bekanntschaft mit einer bestimmten Sprache), die es anwendet, um neue, nie dagewesene Sätze zu bilden. Ob es irgendein Wort oder irgendeine grammatische Form lernt, hängt nicht oder jedenfalls nicht hauptsächlich von der Häufigkeit ab, mit der einzelne Wörter oder Satzmuster in der ihm zu Ohren gekommenen Erwachsenensprache aufgetaucht sind. Manchmal lernt es das häufig Gehörte viel schwerer und später als etwas selten Gehörtes.
Der Behaviorismus wird also vor allem einem Faktum in keiner Weise gerecht: der Offenheit und Kreativität der Sprache. Wer ihn ganz ernst nehmen wollte, müßte der Meinung sein, daß niemand jemals etwas wirklich Neues sagen könne. Daß Kinder auf sprachliche Belehrungen nicht oder sogar negativ, durch Nichtlernen reagieren, spricht auch nicht gerade für den behavioristischen Ansatz. Schließlich behauptet er, der Lernmechanismus selber sei bei allen höheren Tieren der gleiche; dann aber  müßten alle Tiere, nur in verschiedenem Umfang, auch das gleiche lernen können: die Menschen, über weite Entfernungen sicher nach Hause zu finden wie die Tauben, die Tauben, zumindest ein wenig Sprache zu erwerben wie die Menschen. Nichts dergleichen kommt vor. Den Beitrag des Behaviorismus zur Sprachforschung hat Noam Chomsky in seiner Besprechung von B. F. Skinners "Sprachverhalten" 1959 so demoliert daß er sich nie wieder erholt hat als: "eine unnütze Tendenz in der modernen Spekulation über Sprache und Geist".«
(Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache, Heyne Bücher 310, Sachbuch, Best.-Nr. 19/310, Auszug aus dem Kapitel: "Die Sprache, die den Kindern zuwächst" (S. 63–71)

Dazu ist zu sagen:
– Skinner nimmt nicht an, daß nichts ererbt sei außer einem allgemeinen Lernmechanismus. Vielmehr nimmt er ein phylogenetisch erworbenes artspezifisches Verhalten an, das dann durch Lernen verändert wird; außerdem gibt es selbstverständlich artspezifische Verstärkungsmöglichkeiten, so daß z. B. ein Löwe nicht durch Salatblätter belohnt werden kann, ein Kaninchen nicht durch Fleischbrocken.
– Bei Skinner spielt Nachahmung (vor allem als Echoverhalten) eine sehr geringe Rolle. Heute wird gerade die Nachahmung wieder sehr intensiv erforscht.
– Es werden keine identischen „Lernmechanismen“ angenommen, sondern man hat festgestellt, daß verschiedene Tiere (einschl. Menschen) auf bestimmte Verstärkungspläne bemerkenswert ähnlich reagieren (übereinstimmende Lernkurven).
– Aus ähnlichen „Lernmechanismen“ würde keineswegs folgen, daß alle Tiere dasselbe lernen können müßten.
– Daß ein Kind sich die Häufigkeit der Sprachelemente in der Erwachsenenrede merke und demgemäß zu Ketten verknüpfe, ist jedenfalls nicht die Ansicht Skinners. Ich weiß auch nicht, wer sie sonst vertreten haben könnte.
– Skinner widmet einen großen Teil seines Buches der Frage, wie neue Sprachäußerungen entstehen.
– Schließlich spekuliert Skinner naturgemäß nicht über „Sprache und Geist“, sondern befaßt sich mit dem Sprachverhalten, und immer mehr Sprachforscher sind der Ansicht, daß Chomskys Rezension weitgehend verfehlt war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2012 um 18.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#20014

I need hardly point out that Pinker doesn’t really believe anything of what he writes.

Hübsch gesagt, und der ganze Aufsatz von Theodore Dalrymple (= Anthony Daniels) ist lesenswert:
www.city-journal.org/html/16_4_urbanities-language.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.07.2011 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#18932

Aus einer sprachwissenschaftlichen Seminararbeit:

"Vgl. dazu den sog. Nürnberger Trichter, mit dem ein Lehrer Wissen in seinen Schüler unvermittelt einspielen konnte. Dieses Modell entspricht in etwa dem Blackbox-Modell des Behaviorismus, wie es u.a. von John B. Watson Anfang des 20. Jahrhunderts begründet und in den 1950er Jahren von Burrhus Frederic Skinner weiterentwickelt wurde.
Weiterführende Literatur: Wissenschaft und menschliches Verhalten. Science and Human Behavior, Skinner, Burrhus Frederic, München: Kindler, 1973."

Der Nürnberger Trichter hat nichts mit dem Blackbox-Modell zu tun und beide nichts mit Skinner. Das angeführte Buch kann auch nicht gelesen worden sein, die (formal sonderbare, offenbar irgendwo rauskopierte) Literaturangabe ist bloßer Schein. Aber solche hochstaplerischen Texte werden offenbar als Leistung anerkannt und sogar ins Netz gestellt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.12.2009 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15357

Auf einer Internetseite der Universität Köln finde ich die folgende verfasserlose Übersicht:

"Behaviorismus
• Führt alle Leistungen auf Lernvorgänge zurück
• Nichts ist ererbt außer einem universalen Lernmechanismus
• Sprache lernen Kinder, weil sie die Sprache der Erwachsenen imitieren
• Richtige Imitationen werden (direkt oder indirekt, z.B. durch Erfolg) belohnt und dadurch verstärkt."

Also vier Merksätze, alle kraß falsch oder sinnlos, und das ist durchaus verbreiteter Lernstoff, vor allem in der Sprachwissenschaft. Durch die Vereinheitlichung aller Studien im Zeichen von "Bologna" wird der Unsinn flächendeckend verbindlich. (Hier wäre auch das Zeichenmodell der Linguisten nach Saussure zu erwähnen.)
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 13.11.2009 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15266

Vielen Dank für diesen hochinteressanten Aufsatz!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2009 um 16.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15237

Zu meiner Unterstützung möchte ich noch auf die guten Arbeiten von Christoph Bördlein hinweisen (vieles davon im Internet), auch der Wiki-Artikel "Verbal Behavior" ist im wesentlichen von ihm. In Deutschland gibt es nicht viel Vergleichbares, aber Bördlein verweist (wie auch ich) auf ausländische Literatur, die man mit Gewinn lesen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2009 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15236

Ich kann ja den fast gleichzeitig (also 1994) erschienenen anderen Aufsatz auch mal hier einrücken – er läßt sich ja jederzeit wieder löschen:



Geborgter Reichtum – ehrliche Armut

Psychologische Sprache als semiotisches Problem zwischen Mentalismus und Behaviorismus


"Science has developed unevenly."
(Skinner, 1953, 4)


Zusammenfassung

Der Mentalismus in der Psychologie rekonstruiert Verhalten in Handlungsbegriffen. Damit findet er Anschluß an die hohe Plausibilität einer nicht von ihm selbst, sondern von der jeweiligen Sprachgemeinschaft erarbeiteten kommunikativen Erschließung einer "Innenwelt". Aus der Sicht einer empirischen Verhaltenswissenschaft handelt es sich dabei um eine Erklärung nach dem Muster "ignotum per ignotius". Den tatsächlichen Fundierungsverhältnissen wird die umgekehrte Forschungsrichtung gerecht: Handlungen müssen als Verhalten erklärt werden. Der radikale Behaviorismus B. F. Skinners ist die konsequenteste Formulierung dieses Programms.


1. Psychologische Sprache als semiotisches Problem

Die Psychologie ist mehr als andere Wissenschaften gehalten, sich immer wieder ihrer eigenen Fachsprache zu versichern. Der Gegenstand der Psychologie, also das wie auch immer konzipierte "Psychische", ist nämlich nicht nur jederzeit schon durch die Allgemeinsprache vorkategorisiert (das trifft auf die Gegenstände vieler anderer Wissenschaften ebenfalls zu), sondern es besteht der Verdacht, daß ohne diese Vorleistung der Allgemeinsprache überhaupt nicht von einem solchen Gegenstand gesprochen werden würde. Die Psychologie könnte sich dann grundsätzlich nicht von der Allgemeinsprache und den in ihr sedimentierten Vorannahmen (der sog. "folk psychology") emanzipieren, wie es alle anderen empirischen Wissenschaften mit Erfolg getan haben und weiterhin tun.

Das Problem wird noch dadurch kompliziert, daß bereits die Allgemeinsprache einen doppelten Zugang zum Menschen eröffnet. Neben der im eigentlichen Sinne psychologischen Sprache, in der beispielsweise von Vorstellungen, Absichten und dergleichen, also gleichsam innerlich erlebbaren Phänomenen, die Rede ist, steht eine das Verhalten gleichsam von außen charakterisierende, "objektivistische" Redeweise. Die wissenschaftliche Psychologie neigt dazu, beide Redeweisen zu vermischen und zieht dadurch jenen Vorwurf auf sich, den Theo Herrmann in einem außerordentlich bedeutsamen Aufsatz (Herrmann, 1982) gegen gewisse Richtungen der neueren Kognitionspsychologie erhoben hat. Herrmann stellte der Kontamination von wesensmäßig inkompatiblen Akteurs- und Systemmodellen die Forderung einer "stilreinen" Begrifflichkeit entgegen. Der vorliegende Beitrag versteht sich als Fortführung und Verschärfung von Herrmanns kritischem - übrigens auch selbstkritischem - Vorstoß. (Ich muß aus Platzgründen davon absehen, die weitere, den Lesern dieser Zeitschrift bekannte Diskussion zu kommentieren; einige ergänzende Belege und Beobachtungen finden sich in Ickler, 1987.)

Warum gibt es überhaupt die beiden Redeweisen, und woher stammen sie? Der Mensch setzt sich von Anfang an auf zweierlei Weisen mit seiner Umwelt auseinander: Einerseits manipuliert er sie "technisch", andererseits beeinflußt er sie durch zeichenhaftes Verhalten. Das letztere, also die Kommunikation, läßt sich zwar als Regelungs- oder Steuerungsvorgang begreifen und hat durchaus einen energetischen Aspekt, doch ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung hier für den normalen Verstand so inkommensurabel, daß der Eindruck einer kategorial verschiedenen "Welt der Zeichen" wohl verständlich ist. Während in der Welt der technischen Kausalität ein Hammerschlag allenfalls einen Nagel verbiegt, kann in der Welt der Kommunikation, wie schon antike Sprachtheoretiker von Griechenland bis Indien bemerkten, ein leichter Flatus vocis Kriege entfesseln.

Es ist plausibel anzunehmen, daß beide Weisen des Umgangs, der technische und der kommunikative, unablässig weiterentwickelt werden, ontogenetisch im Lernprozeß, kulturgeschichtlich als Wandel und Vervollkommnung von Technik und Zeichensystemen, schließlich auch in phylogenetischer Dimension.

Man muß lernen, gegenüber welchen Gegenständen technische Manipulation und gegenüber welchen anderen kommunikative Beeinflussung, also "Ansprache" in irgendeiner Form, erfolgreich ist. Die Ansichten darüber wechseln bekanntlich, und unser Verhalten ist in dieser Hinsicht wenig konsistent. Einen Nagel versuchen wir nicht durch gutes Zureden in die Wand zu treiben; dagegen sind wir nicht abgeneigt, ihn zu verfluchen, wenn er sich wieder einmal krummgelegt hat. Weitere Beispiele für schwankende Abgrenzung zwischen physischen Objekten einerseits, "Personen" andererseits lassen sich leicht finden. Es bleibt noch zu erwähnen, daß der Mensch nicht nur auf Zeichen, sondern auch auf Schläge reagiert und folglich aus zwei "Phasen" zu bestehen scheint, einer personalen und einer physischen, - womit wir uns nicht nur das Leib-Seele-Problem einhandeln, sondern eben auch den einleitend erwähnten Grundlagenstreit der Psychologie.

Anstelle von Kommunikation werde ich von jetzt an Sprache sagen, diesen Begriff in einem sehr weiten Sinn verstehen und alle anderen Kommunikationsweisen aus rein praktischen Gründen beiseitelassen.

Die Sprache dient primär der Koordination des Verhaltens innerhalb einer Gemeinschaft. Ihre Entwicklung steht unter dem Kriterium, diese Verhaltenskoordination zu verfeinern, deren Vorteilhaftigkeit für die Gruppen-Fitneß auf der Hand liegt.

Nun erschöpft sich die Sprache bekanntlich nicht im Austausch von Symptomen der inneren Befindlichkeit, sondern gerade auch der manipulative Umgang mit physischen Objekten wird durch Sprache koordiniert. Wir sprechen, indem wir über die Objekte sprechen, mit und zu anderen Personen. Selbst wenn wir uns aus theoretischen Erwägungen auf die physikalistische Seite schlagen wollen, also nur physische Objekte anerkennen, müssen wir praktisch anerkennen, daß wir auch diese Position im personalen Umgang mit anderen vertreten - oder verstummen müßten. Man kann dies als praktische Unaufhebbarkeit des Mentalismus deuten oder als Nichtreduzierbarkeit des Mentalen auf das Physische. Ein theoretisches Argument zugunsten des Mentalismus (vgl. v. Cranach et al., 1980, 22) folgt daraus jedoch m.E. nicht; denn Thesen widersprechen immer nur anderen Thesen, nicht aber einem sonstigen Verhalten.

Ich habe bisher zu rekonstruieren versucht, wie es überhaupt zu dem unabweisbaren Eindruck kommen kann, daß die Welt in wenigstens zwei Bereiche zu zerfallen scheint, den physischen und den "mentalen". Als letzter Grund erwies sich die Sprachlichkeit des Menschen.

Nun werden aber beide Bereiche (deren "Gegebensein" ich an dieser Stelle einfach hinnehme und erst später problematisieren will) auch zum Gegenstand des Sprechens. Die Sprache "handelt von" ihnen, "bezieht sich auf" sie - und wie die Redensarten sonst lauten mögen.

Das ist an sich schon mysteriös. In der Welt der physischen Objekte gibt es kein "Sich-Beziehen-auf-Etwas", keine "Intentionalität" (im phänomenologischen Sinne, aber auch im gewöhnlichen), keine "Aboutness", keinen "arrow of reference" (Dennett, 1987, 240) - um nur einige geläufige Ausdrücke für die eigentümliche "Gerichtetheit" der Erlebnissphäre zu erwähnen. Folgerichtig hat der radikale Behaviorismus den Begriff der "Referenz" (und alle seine Quasi-Synonyme) ausgemerzt. Der Gegenstand, der in mentalistischer Diktion Referenzobjekt ist, wird behavioristisch umgedeutet zum Bestandteil der Umgebung, unter deren Kontrolle das Verhalten steht. Obwohl B. F. Skinner (1957; 1978 passim) diese Umdeutung als "Übersetzung" einer mentalistischen in eine objektivistische Redeweise aufgefaßt wissen will, stellt sie keine Explikation dessen dar, was ein mentalistisch argumentierender Sprecher "meint" (so daß er es als seine Meinung wiedererkennen müßte, wenn die Übersetzung korrekt ist), sondern einen Wechsel in eine völlig andere Begrifflichkeit.

Während nun in der Rede über physische Objekte diese Objekte entweder (mentalistisch) als Referenzgegenstände oder (behavioristisch) als Teile der das Verhalten kontrollierenden Umgebung vorkommen, ist dies bei den inneren Zuständen der Person ein großes Problem. Daß die Mitteilung innerer Zustände für die Verhaltenskoordination sehr nützlich ist, steht außer Zweifel. Aber wie können sie zum "Gegenstand" einer Kommunikation gemacht werden? Sie sind ja nicht zeigbar und können folglich nicht ostensiv definiert werden. L. Wittgenstein hat daraus bekanntlich einigermaßen destruktive Konsequenzen gezogen, was die Ausdrückbarkeit "privater" Empfindungen betrifft.

Wir sehen nun, daß zumindest in den modernen Kultursprachen immer schon eine ungemein differenzierte Erschließung des Inneren für die Mitteilung geleistet ist.

Der erste Schritt besteht in der Benennung von Zuständen und Ereignissen "innerhalb der Haut". Selbst ein Radikalbehaviorist wie Skinner hält introspektive Daten wie Schmerz-, Hunger- und andere Empfindungen für unproblematisch. Zwar seien sie nicht zeigbar und ihre Benennungen folglich der Verstärkung durch die Sprachgemeinschaft nicht direkt zugänglich, doch gebe es eine Reihe von regelmäßigen Begleitumständen, die der Gemeinschaft die Identifikation der inneren Ereignisse, z.B. des Schmerzes, mit einiger Sicherheit ermögliche: Jemand wird geschlagen, hält sich die Backe usw. (Skinner, 1957, 130ff.). Metaphorische und metonymische Benennungen (stechender Schmerz) sind häufig und scheinen leicht erklärbar. Ein Kind, das sich bei einem Sturz das Knie aufschlägt, hat "Schmerzen"; wenn es lange nichts gegessen hat, empfindet es "Hunger"; wenn es gähnt und sich die Augen reibt, sagt man ihm, daß es "müde" sei: So interpretieren die Erwachsenen das Private anhand seiner öffentlich zugänglichen "Geschichte", und so lernt das Kind die Sprache des Ausdrucks der Empfindungen, wie jede Sprache, von anderen: "Strangely enough, it is the community which teaches the individual to 'know himself'." (Skinner, 1957, 134)

Das gilt im Prinzip auch für Zustände oder Vorgänge, denen im Gegensatz zu Schmerz, Wärme oder Geschmack keine interozeptiven Nervensysteme zugeordnet werden können. Bei Ausdrücken wie Angst (eigentlich "Beengung") ist der metaphorische Prozeß noch deutlich rekonstruierbar, bei anderen ist er undurchschaubar geworden, doch hat man mit Recht gesagt, daß das gesamte Vokabular zur Bezeichnung des "Inneren" (wie auch diese "Innen"-Begrifflichkeit selbst) aus Bezeichnungen für Äußeres stammt. Man spricht von "Metaphern der Innenschau" (Holenstein, 1980). Da die Metapher auf einem Vergleich beruht (zur Verteidigung dieser herkömmlichen Auffassung vgl. Ickler, 1993), "Inneres" und "Äußeres" jedoch nicht in der Weise unabhängig von einander gegeben sind, daß man sie vergleichen könnte, wäre vielleicht dem Vorschlag H. Kronassers zuzustimmen, diesen einzigartigen "Sphärenwechsel" durch einen besonderen Begriff wie "Transgression" auszuzeichnen.

Bisher haben wir uns den Ausdruck des Psychischen so vorgestellt, als entspreche den Wörtern jeweils ein definierbarer Innenzustand, wobei das "Innere" letztlich ganz unmetaphorisch der Raum "innerhalb der Haut" wäre. Ein naiver Physikalismus fordert bekanntlich, zu jedem so benannten psychischen Phänomen die physische, d.h. in der Regel neurophysiologische Entsprechung aufzusuchen. Das kann nicht gelingen. Ausdrücke wie Bewußtsein, Absicht, Einstellung, Glaube usw. beziehen sich nämlich gar nicht auf innere Zustände allein, sondern schließen funktionale Interpretationen ein. Das heißt: Diese Ausdrücke haben einen konventionellen Ort in sozialen Interaktionen, wo sie dazu beitragen, das Verhalten des Individuums für andere berechenbar zu machen. Wenn wir fragen, ob jemand eine bestimmte Handlung "bewußt", "mit Absicht" o.ä. vollzogen hat, meinen wir ungefähr folgendes: Hat er vor der Tat nachgedacht, sich die Sache überlegt, das Für und Wider abgewogen, die Folgen bedacht usw.? Wäre er in einem Beratungsdialog durch Einwände davon abzubringen gewesen? - Wir entwerfen also ein Handlungsschema, durch das jede Handlung grundsätzlich so dargestellt werden kann, als ginge ihr eine Deliberation voran. Man kann dasselbe auch vom anderen Ende her konstruieren. Dann fragt man sich, ob und wie ein Täter bereit wäre, sich für die vollbrachte Tat zu verantworten. In dieser sozusagen "forensischen" Situation würde er regelmäßig auf die deliberative Situation zurückverwiesen werden, die sich dadurch als der prototypische Fall der Verwendung mentalistischer Begriffe erweist. (Auf einer rationalen Rekonstruktion der Deliberations-Situation beruht auch die "naive Verhaltenstheorie", vgl. etwa v. Cranach et al., 1980, sowie, mit Abweichungen im Detail, Laucken, 1973. Kritisch dazu: Ickler, 1993a.) Für Philosophen wie J. Searle sind "Absichten" usw. "im Gehirn realisiert"; das ist nach der hier vorgestellten Auffassung unmöglich. Auch die von Searle und vielen anderen angenommenen "intentionalen Zustände" sind aus diesen und anderen Gründen ein Ding der Unmöglichkeit. Bei Begriffen wie Ekel, Scham oder Reue wird noch deutlicher, daß sich in die Klassifizierung körperlicher Zustände eine Berücksichtigung der "Geschichte" einmischt, innerhalb deren solche Zustände auftreten, sowie der Funktion, die sie in einer Gesellschaft haben. Dafür ein neurophysiologisches Korrelat aufsuchen zu wollen, wäre offenkundig verfehlt.

Verschiedene menschliche Gemeinschaften sind durch verschiedene Handlungs- und Sprachspiele gekennzeichnet. Daraus ergeben sich ebenso verschiedene Typen von "Geschichten", in die das Verhalten des einzelnen eingebettet werden kann. Es dürfte daher bei genauerer Analyse schwer fallen, irgendeinen genuin psychologischen Begriff zu finden, der sich nicht als "Nationalbegriff" im Sinne der linguistischen Semantik erwiese. Verschiedene "folk psychologies" sind daher nicht direkt in einander übersetzbar.


Die Ausdifferenzierung eines psychologischen Vokabulars muß man sich so vorstellen: Die Sprecher unternehmen intuitive Vorstöße zum Ausdruck einer zunächst diffus wahrgenommenen Befindlichkeit, wobei sie vorhandene Wörter in mehr oder weniger uneigentlicher, "transgressiver" Bedeutung verwenden. Das meiste verhallt folgenlos, doch einige Versuche finden Anklang in der Sprachgemeinschaft, wobei nicht nur das anthropologisch-konstante Fundament, sondern auch die historisch-gesellschaftlichen Verhältnisse den "Resonanzboden" bereitstellen. Man denke an besonders fruchtbare Epochen eines solchen Ausbaus der sprachlichen Möglichkeiten: Mystik, Pietismus, Romantik; auch neue gesellschaftliche Verhältnisse spielen nach Auskunft der Mentalitätengeschichte eine Rolle. Mir kommt es hier nicht auf die Einzelheiten an, sondern auf die grundsätzlich immer gleiche Weise, in der sich eine solche Erweiterung vollzieht: durch eine Art "Evolution", mit zahllosen "Mutationen" (jenen Vorstößen einzelner Sprecher) und selektiven Verstärkungen durch die "Kontingenzen des Überlebens" (hier: die Übernahme der Neuerung durch andere Angehörige der Sprachgemeinschaft).

Unsere Ausgangsfrage war - um sie hier einmal mit den Worten eines Sprachphilosophen zu paraphrasieren:

"Ist eine begrifflich kontinuierliche Fortsetzung der Alltagspsychologie mit wissenschaftlichen Mitteln möglich?" (Kemmerling, 1990, 154)

Wenn meine bisherige Darstellung der Evolution psychologischer Kommunikation im großen und ganzen zutrifft, ist sie geeignet, das Vertrauen in die Wissenschaftsfähigkeit "alltagspsychologischer" Begriffsbildungen nachhaltig zu erschüttern. Diese Begriffsbildungen haben ihren Ort in der Konversation, wo sie der Verhaltensabstimmung dienen. Unter dieser Zielbestimmung können sie beliebig verfeinert werden; Kultivierung wäre eine passende Bezeichnung für diesen Vorgang, der wesentlich mit Appell und Rhetorik zusammenhängt. Wissenschaft hat einen anderen Ort und andere Funktionen; ihre Begriffe werden nicht durch Kultivierung ausgebaut, sondern durch Operationalisierung und Logik.

Auch der Versuch, die wildwüchsige folk psychology rückwirkend wissenschaftlich zu nobilitieren, indem man sie "rational rekonstruiert", scheint mir so wenig glaubwürdig zu sein wie jede andere Art von rationaler Rekonstruktion des Historisch-Kontingenten.

Ein zweiter Einwand gegen den Versuch, auf dem Boden der naiven Psychologie eine Wissenschaft aufzubauen, bezieht sich auf ihre logische Inkonsistenz. Eine Wissenschaft ist gezwungen, ihre Aussagen widerspruchsfrei zu halten und alle Einzelbegriffe dementsprechend zu definieren. Nun ist aber die Gesamtheit der in einer Sprachgemeinschaft üblichen psychologischen Redeweisen durchaus kein System. Vielmehr sind einzelne Domänen dieses Ausdrucksrepertoires zu verschiedenen Zeiten und zu verschiedenen Zwecken ausgebaut worden, und niemals ergibt sich von selbst eine Notwendigkeit, das Ganze unter das Gebot logischer Konsistenz zu zwingen.

Eine wissenschaftliche Psychologie müßte derartige Inkonsistenzen bereinigen, würde sich damit aber grundsätzlich von den naiv-psychologischen Begriffen distanzieren müssen. Es gibt (entgegen W. Sellars, P. M. Churchland, P. S. Churchland, D. C. Dennett u.a.) keinen Grund anzunehmen, daß die volkspsychologischen Redeweisen sich bei genauerer Betrachtung zu einer "Theorie" zusammenfügen könnten. Folk psychology ist ein Teil des alltäglichen Verhaltens, nicht dessen Theorie.

Mit dem zweiten Einwand hängt ein dritter zusammen: Die naiv-psychologischen Begriffe erfüllen ihren Zweck in einer Zone der Normalität, wie sie eben die alltäglichen Situationen ausmachen. Man darf sie jedoch nicht allzu scharf interpretieren wollen, etwa indem man extreme Situationen konstruiert und dann fragt, ob die naiven Begriffe hier noch zutreffen. Z.B. so: "Glaubt" jemand das, was er glaubt, auch dann, wenn er gerade schläft? "Kann" ein Mensch, der eine Aphasie erleidet, sein Sprachvermögen jedoch ohne Neulernen wiedererlangt, seine Sprache auch während des aphatischen Zustandes? Die Begriffe des "Glaubens", des "Könnens" usw. sind einfach nicht für solche Extremfälle ausgelegt, die Frage ihrer Anwendbarkeit darauf ist unentscheidbar.

Die psychologischen Ausdrücke, die unmittelbar aus inneren Sinneswahrnehmungen stammen und diejenigen, die eher Projektionen von handlungsbegrifflichen Deutungen sind, haben etwas Gemeinsames. Sie werden vom einzelnen Sprachteilhaber als innere "Phänomene" erlebt und in einer Erlebnissprache berichtet. Daß ich Vorstellungen, Absichten usw. habe, kann ich nicht leugnen, aber nicht etwa deshalb, weil es die Vorstellungen, Absichten usw. wirklich gäbe und ich sie "hätte", sondern weil eine solche Ausdrucksweise ein nicht-aufgebbarer Bestandteil der deutschen Sprache ist und ich gegen diese meine Muttersprache verstoßen würde, wenn ich jene Begrifflichkeit nicht zu verstehen vorgäbe. Es ist paradox: Vorstellungen usw. gibt es nicht, aber die Rede von Vorstellungen ist durchaus sinnvoll. Aber dies gilt nur für jenes Verständigungs-Sprachspiel, das ich als "Konversation" bezeichnet habe, nicht für das Sprachspiel "Wissenschaft".

Eine dritte Ebene psychologischer Begrifflichkeit ergibt sich aus Versuchen, das Innere mit Modellen aus der Technik zu füllen. Je nach deren Stand haben hydraulische, mechanische, elektrische oder elektronische, neuerdings besonders Computermodelle den Stoff solcher Konstrukte geliefert. Obwohl der neuere Mentalismus sich auch der "Computer-Metapher" bedient und die Gleichsetzung des "Geistes" mit der "Software" eines Rechners sogar zu einem Hauptpunkt ausgearbeitet hat, kann ich mich mit der Problematik dieser Modelle hier nicht näher beschäftigen. Stattdessen möchte ich an einigen Beispiele zeigen, wohin der Versuch führt, konversationelle psychologische Ausdrucksweisen in die wissenschaftliche Psychologie zu übernehmen, also die Verständigungstechnik zu einer Theorie umzudeuten.


2. Beispiele

2.1 "Kognitive Prozesse"

Ein kognitiver Psychologe wie U. Neisser möchte sich etwa in gleicher Distanz zur behavioristischen Verhaltensanalyse wie zur Neurophysiologie halten. Er bestreitet beiden keineswegs ihre Berechtigung, glaubt aber nach der "Software-Analogie" einen Zwischenbereich bearbeiten zu können, der seiner Natur nach etwas ganz anderes sei. Zweifler werden so beschieden:

"Der Hauptgrund, kognitive Prozesse zu studieren, hat sich als genauso klar herausgestellt wie der Grund für das Studium aller Dinge; weil es sie gibt. (...) Kognitive Prozesse existieren mit Sicherheit, und deswegen kann es kaum unwissenschaftlich sein, sie zu erforschen." (Neisser, 1974, 21)

Was existiert, das ist einerseits das beobachtbare Verhalten eines Organismus - in Neissers Buch stets unter Laborbedingungen, zwar unter großzügigerer Berücksichtigung verbaler Reaktionen, grundsätzlich aber nicht anders als bei Skinner - , und das ist andererseits der physiologische Prozeß, der dem Verhalten zugrundeliegt. "Dazwischen" gibt es nichts. Man kann natürlich sowohl das Verhalten wie die physiologischen Abläufe in einer allgemeinen, abstrakten, logischen Weise analysieren, so wie man auch das Funktionieren eines Motors oder eines Radioapparates logisch analysieren und in Funktionsschaltbildern darstellen kann, wobei die Art der konkreten Realisierung keine Rolle mehr spielt (darauf beruht das Argument der "multiple instantiability"). Damit entdeckt man jedoch keinen neuen Gegenstand, sondern wählt eben lediglich ein bestimmtes Format der Darstellung. Wenn Neisser von einem "kognitiven Prozeß" spricht, so verwendet er das Wort Prozeß in einer äquivoken Weise, etwa so, wie man eine logische Ableitung oder die Operationen der Transformationsgrammatik als "Prozesse" bezeichnet. Logische "Schritte" sind ja keine wirklichen, in Echtzeit stattfindenden Teile eines Prozesses, sondern rein strukturelle Beziehungen, die lediglich infolge einer bestimmten Darstellungsweise als quasi prozeßhaft erscheinen. Was die Kognitive Psychologie wirklich analysiert und worauf sich auch die experimentell festgestellten zeitlichen Parameter (meist Reaktionszeiten) beziehen, das ist einfach das Verhalten des Organismus. Das gilt für alle Ansätze, die funktionale Verhaltensanalysen in die z. Zt. modische Diktion der Software-Analogie kleiden.

Die undurchschaute Prozeß-Metaphorik ist offenbar noch etwas verschieden von jenen begrifflichen Schwierigkeiten, die Herrmann seinerzeit herausgearbeitet hat und für die sich auch bei Neisser Belege finden. Z.B. spricht dieser Autor von "aktiven", "produktiven" und "konstruktiven" Prozessen bei der Wahrnehmung, was nach Herrmann sinnlos ist, solange niemand sagen kann, was eigentlich einen "aktiven" Prozeß von einem nichtaktiven unterscheidet. Sieht man genauer hin, was wirklich geschieht, wenn z.B. die visuelle Wahrnehmung mehr hergibt, als die optische Abbildung eines Gegenstandes auf der Netzhaut erwarten läßt, so stoßen wir auf die relativ gründlich erforschten Vorgänge der lateralen Inhibition usw., die eine Kontrastverstärkung und dementsprechend eine Konturenverschärfung erzeugen. Kein Physiologe hat sich je veranlaßt gesehen, hier ebenso anspruchsvolle wie unklare Vokabeln wie aktiv, produktiv, konstruktiv oder gar kreativ zu verwenden. Die Nervenzellen funktionieren einfach so, wie es ihre Struktur erwarten läßt.

Neissers Argument ist ein Beispiel für die von allen phänomenologisch orientierten Theoretikern geteilte Grundüberzeugung, daß mentale Phänomene schlechthin gegeben seien: "Introspection reveals a domain of thoughts, sensations, and emotions." (Churchland, 1988, 29) Diese Evidenzbehauptung bezieht jedoch ihre Überzeugungskraft nur aus der unüberbietbaren Vertrautheit der mentalistischen, pseudoreferentiellen Redeweise über jene vermeintlichen "Phänomene".

2.2 "Unbewußtes"

Die Lehre von unbewußten seelischen Vorgängen hat die naive Bewußtseinspsychologie in den Bereich des Organischen hinein fortgesetzt. Entstanden ist eine ganze Mythologie und Dämonologie personalistisch aufgefaßter Instanzen. Was die hier besonders erfinderische Psychoanalyse betrifft, so haben zahlreiche Autoren (z. B. Eysenck, Grünbaum) die Fragwürdigkeit solcher Projektionen aufgedeckt. Aber auch in ganz anderen Bereichen der Psychologie setzt man unbekümmert "unbewußte" Verlängerungen des personalen Verhaltens an, z.B. wenn man mit dem "unbewußten" Befolgen von "Regeln" rechnet, Regeln, die nicht einmal in irgendeiner Sprache formuliert zu sein brauchen, "unbewußten Schlüssen" (modisch Inferenzen genannt) usw. Es handelt sich hier um ein "Pressen" alltagspsychologischer Begriffe über jede Vorstellbarkeit hinaus. Die Rede von unbewußten Motiven (als Sonderfall der Rekonstruktion von Gründen) ist eine Extrapolation der Begründung von Handlungen überhaupt in forensischen bzw. deliberativen Dialogen und aus demselben Grunde plausibel wie diese. Denn es ist immer dasselbe, unter den Kontingenzen von natürlicher und sozialer Umwelt geformte und berechenbar gewordene Verhalten, zu dessen Beschreibung, Voraussage und Kontrolle die mentalistische Diktion entwickelt worden ist. - Als Sprachwissenschaftler interessiert man sich natürlich besonders für die "Grammatik", die sich ein Kind angeblich "unbewußt aneignet" (oder gar schon angeborenermaßen besitzt). Aber die Grammatik besteht aus Sätzen, die, wie alle Sätze, Sprachverhalten sind und in diesem Falle ihren Ort in der dialogischen Rechtfertigung, Beurteilung und Simulation von anderem sprachlichen Verhalten haben. Grammatik ist also etwas Interaktionales, und ihre Projektion in den kognitiven Apparat hinein ist nichts anderes als ein "soziomorpher" Mythos.

2.3 "Repräsentation"

"Repräsentation" ist wohl der zentrale Begriff der kognitivistischen Psychologie und zugleich der mentalistischen Philosophie des "Geistes". Der naive phänomenologische Ansatz verbindet sich hier mit der ebenso naiven Abbildtheorie der Sprache.

Autoren, die sich ein wenig vom naiven Realismus absetzen möchten, legen sich innerhalb dieses Modells auch den oben bereits kritisch besprochenen Begriff der "Referenz" zurecht:

"Referenten sind nicht die Objekte in der Welt selbst, sondern die Vorstellungen von solchen Entitäten, die bei der Produktion bzw. Rezeption der Äußerung bei Sprecher und Hörer bestehen". (Dietrich, 1992, 18)

"Das, worüber wir sprechen, ist das interne Modell." (Bierwisch, 1983, 51)

Vielleicht spielt ein internes Modell beim Sprechen über die Dinge eine Rolle, es ist aber keinesfalls dasjenige, "worüber" man spricht. Ausdrücke wie über etwas sprechen haben schließlich eine bestimmte Verwendung in der Sprache, eine "Grammatik" im Wittgensteinschen Sinne, über die man sich nicht ungestraft hinwegsetzt. Z.B. führt die zitierte "Korrektur" der naiven Redeweise augenblicklich in einen unendlichen Regreß; denn um "über" das interne Modell zu sprechen, braucht man ja ein weiteres internes Modell dieses Modells, eine Vorstellung der Vorstellung usw. - Derselbe Einwand trifft auch jene Autoren, die "Begriffe" als vermeintliche Referenzobjekte ansetzen, vgl. z.B.:

"Ein zentraler Punkt in der Kommunikation besteht darin, sicherzustellen, daß jeder Teilnehmer über dieselben Begriffe spricht." (Norman & Rumelhart, 1978, 78)

"Repräsentation" geht auf den traditionellen und populären Begriff der "Vorstellung" zurück, und an den Repräsentationstheorien läßt sich auch die Nähe der mentalistischen Psychologie zur folk psychology besonders klar erkennen. Wenn man im Alltag sagt, man könne sich etwas genau vorstellen, man sehe es geradezu vor sich, man habe es wie eine Landkarte vor dem inneren Auge usw., so bestätigt die Kognitionspsychologie dem common sense bereitwilligst diesen Eindruck, indem sie innere Bilder, Karten usw. als wissenschaftliche Konstrukte ernst nimmt. Manchmal wird das Unzulässige solcher Begriffsverpflanzung dadurch dissimuliert, daß man die äquivok gebrauchten Ausdrücke in Großbuchstaben schreibt (so IMAGE und PLAN bei Miller, Galanter & Pribram 1960). Die so gekennzeichneten Begriffe sollen zwar etwas anderes als ihre Dubletten in der Alltagssprache bezeichnen, doch wird unterderhand die Vertrautheit und das bewährte Funktionieren der alltagssprachlichen Begriffe auch für die angeblich neuen Begriffe in Anspruch genommen. Dazu nur ein beliebig herausgegriffenes Beispiel:

"Der Unterschied zwischen dem Tier und dem Menschen hat natürlich darin ein zentrales Merkmal, daß die Menschen die Sprache haben, womit sie ihre Pläne vom Könner zum Neuling und von einer Generation auf die andere übertragen können." - "Die noch in Worten gefaßte Strategie des Anfängers kann zum gleichen Resultat führen wie die unwillkürliche, gewohnheitsmäßige Strategie des Geübten. Daran kann man erkennen, daß die beiden Strategien der 'gleiche' Plan sind." (Miller, Galanter & Pribram, 1973, 87f.)

Pläne und Strategien von Personen werden hier ohne weiteres mit den gleichbenannten Konstrukten identifiziert, die innerhalb des Organismus angenommen werden.

Der Mentalismus erfindet zur Erklärung des Verhaltens ein "Wissen", das ihm angeblich zugrunde liegt. Daraus ergibt sich das künstliche Problem, wie der Organismus vom Wissen zum Handeln kommt. Miller, Galanter und Pribram finden nichts dabei zu behaupten:

"Sprachliche Pläne (...) gehen in die Muskeln über (...)" (Miller et al., 1973, 88)

Die spekulative Kybernetik des menschlichen Verhaltens, die bei den drei Autoren ganz wesentlich auf Begriffskontaminationen der von Herrmann beanstandeten Art beruht, grenzt hier an unfreiwillige Selbstparodie. H. Hörmann gesteht wenigstens offen ein, es sei "weitgehend unbekannt", wie das dem Verhalten angeblich zugrundeliegende Wissen "aktiviert" werde (Hörmann, 1981, 63). Wie man von den Konstrukten wieder zu dem Verhalten gelangt, zu dessen Erklärung sie doch eigens erfunden wurden, erscheint als großes Problem. Diese Ratlosigkeit als Quintessenz jahrzehntelanger Forschung sollte den Gedanken nahelegen, daß bereits mit dem mentalistischen Grundansatz etwas nicht stimmt.

Besondere Erwähnung verdienen noch die "Propositionen" als eines der Formate, die man für mentale Repräsentation angenommen hat. Ich habe schon angedeutet, daß Propositionen m. E. nichts anderes sind als Sätze und damit etwas Interaktionales. An dieser Stelle weiche ich auch von Th. Herrmann ab, der "propositionale Speicherung" für einen legitimen Bestandteil "systembezogener" Modellbildung hält (Herrmann, 1982, 11), während sie für mich eindeutig zur "akteursbezogenen" Begrifflichkeit gehört. In der physischen Wirklichkeit gibt es keine Entsprechung zum Begriff der "Proposition". Es ist sinnlos, von "motorischen Propositionen" zu sprechen (Birbaumer & Schmidt, 1991, 622).

N. Birbaumer und R. F. Schmidt folgen in ihrem Buch sehr konsequent dem Grundsatz: "Eine Biologische Psychologie des Lernens sollte alle aus der Lern- und Gedächtnispsychologie bekannten Phänomene in physiologische Prozesse übersetzen können." (Birbaumer & Schmidt 1991, 533) Nur in dem Kapitel "Denkprozesse, Sprache und Vorstellung" werden sie ihrem Programm untreu, vielleicht weil sie unter die zu berücksichtigenden "Phänomene" auch die mentalistischen Phantome subsumieren. Das genannte Kapitel empfindet man daher als schockierende Entgleisung, gerade so, als sei in ein modernes Zoologiebuch ein Abschnitt aus dem mittelalterlichen "Physiologus" hineingeraten.


3. Einige Folgerungen

Der Grundfehler des Mentalismus besteht darin, das "Innere", verstanden als eine Kluft zwischen Physiologie und Verhalten, mit hypothetischen Konstrukten zu füllen, die aus der Begrifflichkeit interpersonaler Verständigung stammen, kurz: aus der Handlungssprache. Dort haben sie ihren guten Sinn, denn die Koordination von Handlungen ist der Zweck, zu dem sich diese Redeweise herausgebildet hat. Welchen Sinn solche Begriffe, die ihrer gemeinschaftsbezogenen Funktion wegen "soziale" Begriffe genannt werden dürfen, jedoch haben - und ob sie überhaupt noch einen haben -, wenn man sie benutzt, um hypothetische "kognitive Prozesse" zu modellieren, das ist mehr als fraglich. Die Übertragung beruht allerdings auch nicht auf einer wohlüberlegten wissenschaftlichen Konzeption, sondern geschieht naiv. Man versäumt es schlicht, sich Rechenschaft davon zu geben, was Regel, Absicht, Ziel, Proposition, Hypothese usw. überhaupt heißen könnten, wenn damit bewußtseinsfremde innere Entitäten oder Prozesse gemeint sein sollen. Man scheint zu denken: Wenn jemand - als Person - einer Regel folgt, Schlüsse zieht und Absichten hat, dann liegt das daran, daß der kognitive Apparat in ihm einer Regel folgt, Schlüsse zieht und Absichten hat. Daß die Erklärung des Verhaltens ganz andere Wege gehen und sich von derart soziomorphen Begriffen völlig emanzipieren muß, ist die Überzeugung des Behaviorismus. Er weigert sich, die handlungstheoretische Simulation des Verhaltens mit dem Simulierten, die Form der Darstellung mit der Form des Dargestellten gleichzusetzen. Ein Biologe war es, der einmal festhielt:

"Nicht alles, was gemessen und berechnet werden kann, beruht auf Messung und Berechnung. Wenn ein Lichtstrahl von einer Wasseroberfläche gebrochen wird, nehmen wir ja auch nicht an, daß das Wasser den Brechungswinkel vorher berechnet hat." (Gradmann, 1971, 917)

Dieser Fehlschluß tritt in ungezählten Varianten auf. Verhalten läßt sich natürlich immer als Handlung darstellen, d.h. in einer Normalform, die mit der forensischen Fiktion von Zielsetzung, Deliberation (Bedenken der Folgen, Wahl der Mittel) und Durchführung arbeitet. Sprachverhalten läßt sich immer so darstellen, als ob es im Befolgen grammatischer Regeln bestehe usw. (vgl. Skinner 1969, bes. 166-171 und Segal, 1975). Hier eines von zahllosen Beispielen:

"LINDE und LABOV haben uns die regelhafe Strukturiertheit von Wohnungsbeschreibungen gezeigt: die hier wirksamen Gesetzmäßigkeiten lassen sich durch etwa 20 Regeln beschreiben. Etwa 20 Regeln muß der kompetente Sprecher des amerikanischen Englisch also beherrschen und befolgen, um eine übliche Wohnungsbeschreibung zuliefern." (Hörmann, 1981, 88)

Die linguistische Simulation wird ganz offen in den Gegenstand selbst projiziert.

Die handlungsbegriffliche Normalform hat etwas ungemein Suggestives, da sie das Vertrauteste schlechthin ist. Wir lesen z.B.:

"Wenn jemand spricht, dann beabsichtigt er, den Partner darüber zu informieren, was er meint." (Herrmann, 1982a, 22)

und denken: 'So muß es wohl sein.' Zwar hatten wir beim Sprechen nicht ausdrücklich an dergleichen gedacht, aber die Rekonstruktion nach dem Muster eines "pragmatischen Kalküls" ("Grice-Kalküls") scheint in jedem Fall überzeugend. Wir sind einfach sehr daran gewöhnt, unser Tun jederzeit in diejenigen Komponenten zu zerlegen, die es sozusagen justiziabel machen. Eine modische Variante dieses Verfahrens ist die "Skript"-Theorie: Verhalten wird so dargestellt, als ob es einem Drehbuch folge. - Miller et al. haben die handlungstheoretische Normalform in Gestalt der TOTE-Einheit psychologisch und scheinbar auch physiologisch diskussionsfähig gemacht.

Das Handlungsformat, auf das wir das Verhalten gebracht haben, projizieren wir dann in das "Innere". Wer etwas lernt, dessen Nervensystem verändert sich selbstverständlich; aber welchen Sinn soll es haben, diese Veränderung als "neuronale Hypothese" zu bezeichnen? Hypothesen werden von Menschen gebildet, nicht von Gehirnen oder Nerven (vgl. Skinner 1978, 91). Außerdem wird auch die genaueste physiologische Untersuchung nichts entdecken, was einer "Hypothese" entspricht, denn die Charakterisierung eines Verhaltens als "Hypothese" umfaßt die Funktion dieses Verhaltens in gesellschaftlich normierten Dialogspielen, und dafür gibt es kein physiologisches Substrat.

Im Rahmen des pragmatischen Kalküls, also in Handlungsdiktion, haben auch Begriffe wie "Motivation" einen Sinn. Für die objektive Analyse des Verhaltens sind sie überflüssig. Aber auch die Physiologie kann damit nichts anfangen: "Je besser (die) organismusinternen Zustände quantifizierbar sind, umso überflüssiger wird die Annahme einer intervenierenden Variablen 'Motivation' oder 'Emotion'." (Birbaumer & Schmidt 1991, 563) Es ist auch nicht so, daß die Physiologie das organische Substrat der Motivation aufdeckte, sondern das Konstrukt "Motivation" verschwindet einfach; es wird als - wissenschaftlich gesehen - obsolete Redeweise durchschaut. Gleiches läßt sich von der gesamten mentalistischen Begrifflichkeit erwarten. Als Verständigungstechnik miteinander handelnder Personen bleibt sie natürlich nützlich, ja unentbehrlich.

Die traditionelle Psychologie glaubte sich mit jener einzigartigen Welt beschäftigen zu müssen, die man metaphorisch eine "innere Welt" nannte: die Welt des "Bewußtseins", des "Erlebens". Sie scheint unvergleichlich reicher und subtiler zu sein als das beobachtbare Verhalten, das wir mit den Tieren gemein haben. Noch in seinem Buch "Sprechen und Situation" (1982a, 2f.) bestimmt Th. Herrmann den Gegenstand der "(Human-)Psychologie" als "das Verhalten und das daraus erschließbare Erleben". Aus empiristischer Sicht ist damit schon alles verdorben. Das "Erleben" sollte als eine Fiktion angesehen werden, die aus der "Erlebnissprache" herausgesponnen ist; diese selbst aber ist ein Verhalten wie jedes andere. Die - für den Mentalismus ungemein charakteristische und wissenschaftsgeschichtlich erstaunliche - Abkoppelung der Humanpsychologie von der Tierpsychologie ist unnötig und schädlich. Übrigens müßte auch die Logik, nach der aus dem Verhalten ein Erleben "erschlossen" wird, wohl erst noch geschrieben werden. (Später ersetzt Herrmann das "Erleben" stillschweigend durch "kognitive Prozesse". Diese "Prozesse" sind transphänomenale Konstrukte, sie werden jedoch in Begriffen einer Handlungs- und Erlebnissprache expliziert: Der Sprecher "selektiert semantischen Input", hat "Absichten", "Ziele", "meint" etwas usw. - All dies ist im Sinne von Herrmanns eingangs angeführtem Aufsatz aus dem gleichen Jahr sicherlich verfehlt.)


Die Herausbildung einer intuitiv-psychologischen Sprache war ein großer Erfolg für die Kommunikation, unter dem Gesichtspunkt einer wissenschaftlichen Erforschung des Verhaltens jedoch, mit Skinners drastischem Wort, ein "Desaster" (1978, 188). Sie funktioniert vorzüglich - in ihrem angestammten Bereich. Das ist kein Wunder, denn dafür hat sie sich ja entwickelt. Könnten wir uns nicht mithilfe unserer psychologischen Sprache effizient über unsere Befindlichkeit verständigen und unser Verhalten wechselseitig abstimmen, so gäbe es sie gar nicht.

Die wissenschaftliche Psychologie kann diese vorgegebene intuitiv-psychologische Sprache jedoch weder durch rationale Rekonstruktion einholen noch produktiv ausbauen. Denn die Begriffe der intuitiven Psychologie müssen jeweils der "Ratifizierung" durch die Kommunikationsgemeinschaft ausgesetzt werden. Der Ausgang dieser Prozedur ist in jedem einzelnen Fall so ungewiß wie das historische Geschehen überhaupt, von dem sie ein Teil sind.

Der Reichtum und die Plausibilität der mentalistischen Psychologie beruhen nicht auf eigener theoretischer Leistung, sondern sind aus den Vorgaben einer bereits funktionierenden, in geschichtlicher Evolution gewachsenen Verständigungstechnik hergeleitet, ja erschlichen. (Vgl. die ähnlich gerichtete Bemerkung von Herrmann, 1988, 168, sowie Skinner, 1957, 44f.) Modelliert man das Verhalten so, als benutze es "Skripts", "Pläne", "Bilder", "Vorstellungen", "Repräsentationen", "Frames", "Konzepte", "Merkmalslisten", "kognitive Karten", "Propositionen" usw., so wird man dafür stets eine gewisse empirische, auch experimentelle Bestätigung erhalten, denn alle diese Begriffe (bzw. ihre Vorläufer) sind bereits in der Alltagspsychologie entwickelt, um das Verhalten zu "erklären", d.h. zu koordinieren und berechenbar zu machen, und haben sich dort bewährt. Man leiht mit den Metaphern auch deren Effizienz und Plausibilität aus. Wenn Paul Churchland (1988, 57) meint: "(Folk psychology) embodies the wisdom of thousands of generations' attempts to understand how we humans work." - so gilt das nur in dem Sinne, in dem die Kunst des Radfahrens ein "Wissen" über ein beträchtliches Stück der Physik manifestiert, nämlich in einer für die Wissenschaft völlig nutzlosen Weise. Folk psychology ist keine Theorie, sondern eine Praxis, und mentalistische Psychologie ist eine Verlängerung dieser Praxis: Konversation, nicht Wissenschaft.

Die Psychologie als Wissenschaft muß sich daher auf einen vollkommen anderen Standpunkt begeben, um das menschliche Verhalten zu analysieren. Dabei nimmt sie zunächst eine einschneidende Verarmung ihres Gegenstandsbereichs und ihrer Erklärungsmöglichkeiten in Kauf. Es ist die Grundüberzeugung des Behaviorimus, daß eine solche ehrliche Armut dem geborgten Reichtum des Mentalismus vorzuziehen sei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2009 um 16.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15235

Entschuldigung! Ich meinte meinen Skinner-Aufsatz, der verschiedentlich im Internet herumspukt, z. B. hier:
http://ltsc.ph-karlsruhe.de/Ickler.pdf
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 10.11.2009 um 15.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15234

Th. Ickler: „(Ich habe das andernorts ausführlich gezeigt.)“

Meinten Sie mit diesem „andernorts“ den jetzt erwähnten Aufsatz oder noch einen anderen Text?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.11.2009 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15233

Der Grund ist, daß die naturalistische Sichtweise und Begrifflichkeit Skinners in unversöhnlichem Gegensatz zur mentalistischen steht, und letztere ist tief in der "folk psycholoy" der Alltagssprache verwurzelt. Skinner hat daher die "Wiederkehr des Geistes" (so Searles triumphalistischer Buchtitel) als "flight to laymanship" bezeichnet. Näheres dazu in meinem Aufsatz "Geborgter Reichtum – ehrliche Armut. Psychologische Sprache als semiotisches Problem zwischen Mentalismus und Behaviorismus" (Sprache & Kognition 13 (2), S. 103–112 [1994]). Die Sprachwissenschaft findet erst allmählich zum Naturalismus zurück, der Kognitivismus beherrscht noch weithin das Feld, weil er sich auf die scheinhafte Plausibilität der Alltagspsychologie stützen kann. Leider ist hier nicht der richtige Ort, das Thema weiter auszuarbeiten.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 10.11.2009 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#15232

Aus den bisherigen Bemerkungen über Skinner in diesem Tagebuch komme ich zu dem Eindruck: "Skinner ist der deutschen Sprachwissenschaft kaum bekannt, er wird falsch verstanden, unterschätzt, verkannt, obwohl er einen genialen und stimmigen Zugang zum Verständnis der Sprache eröffnet hat, nämlich die Anwendung der Verhaltenswissenschaft auf die Sprache."

Ich frage mich: Wenn das stimmt, daß Skinner verkannt wird, warum ist es so? Normalerweise setzen sich richtige Ansätze in der Wissenschaft doch schnell durch, und Geniales wird begeistert aufgegriffen.

Aus der Sicht eines Laien, der sich zugegebenermaßen nicht viel länger als eine Stunde mit Skinner beschäftigt hat, möchte ich den ersten Erklärungsversuch beisteuern, der mir persönlich eingefallen ist.

Sprachliches Verhalten (Verbal Behavior) wird wie alles Verhalten geformt: durch die Umwelt und die Interaktion mit der Umwelt, hier durch die Interaktion mit anderen Sprechern. Ich drücke mich unverständlich aus und erlebe den Mißerfolg meines sprachlichen Versuchs, also probiere ich es das nächste Mal (zum Beispiel sofort) mit anderen sprachlichen Mitteln. Dann klappt die Verständigung, ich bemerke es: Durch den Erfolg wird mein zweiter Versuch verstärkt. Auf diese Weise werden Wörter und Ausdrucksweisen gelernt und befestigt; so entsteht sprachliche Übereinstimmung und eine funktionierende Sprachgemeinschaft. Soweit Skinner in ein paar Sätzen.

Es ist genial, wenn jemand als erster auf so eine Sichtweise kommt und die Sprachwissenschaft damit bereichert. Und nun mein Verdacht: Schon nach kurzer Zeit ist das doch selbstverständlich. Natürlich ist es so, wie sollte es anders sein? Könnte es sein, daß man sich nicht viel mit Skinner beschäftigt, weil es sich heutzutage um Selbstverständliches handelt?

Also, woran liegt es, daß Skinner nicht angemessen gewürdigt worden ist, oder habe ich das falsch verstanden?
 
 

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